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Full text of "Die Rheinprovinz 1815-1915, hundert Jahre preussischer Herrschaft am Rhein .."

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1815 - 1915 



Hundert Jahre 
preuisischer Herrschaft am Rhein 




Boon 1917 
A. Marcus $i E. Webers Verlag 



Dr« jar. Alfccrt Aiui 



Digitized by the Internet Archive 

in 2009 with funding from 

Ontario Council of University Libraries 



http://www.archive.org/details/dierheinprovinz01hansuoft 



Die Rheinprovinz 1815— 1915 

Hundert Jahre preußifcher Herrfchaft am Rhein 

Erfter Band 




1 CA'^A-y^ 



Die Rheinprovinz 

1815-1915 

Hundert Jahre preußifcher Herrfchaft am Rhein 



In Verbindung mit 

L. Baeck, ]. Bufchmann, W. Cohen, E. v. Czihak, ]. Hashagen, 
Th. Ilgen, W. Kahler, K. Kehrmann, R. Klapheck, Br. Kuske, 
E. Landsberg, H. Lehmann, K. Ohlert, W. Pla^hofF, F. Schul^, 
M. Schwann, Ed. Simons, F. Stier-Somlo, ]. Stubben, U. Stu^, 
W. Tuckermann, K. Wiedenfeld, A. Wirminghaus, E. WolfF 
und W. Wygodzinski 



bearbeitet und herausgegeben 



Joseph Hansen 



Erfter Bcind 



Bonn 191 7 
A. Marcus & E. Webers Verlag 



Dr. jur. Albert Ahn 



G.G. 





Vorwort. 

Der Plan zur Herausgabc des vorliegenden Buches i(t im Jahre 1911 gefaßt 
worden. Der für das Frühjahr 1915 bevorftehende Gedenktag der vor hundert 
Jahren erfolgten Vereinigung der Rheinprovinz mit dem prcußifchen Staate 
weckte um jene Zeit an zahlreichen Stellen der Provinz den Wunfeh, durch 
hiftorifche Unterfuchungen und Betrachtungen, für deren Erfcheincn der Augen= 
blick der Jahrhundertfeier in Ausficht genommen wurde, dem lebenden Ge= 
fchlechte die Bedeutung der im Jahre 1815 vollzogenen Verbindung zum Be= 
wußtfein zu bringen. Auf amtlicher Seite wurden umfaffende Veröffentlichungen 
vom Königlichen Oberpräfidium in Koblenz, von der Rheinifchen Provinzial= 
Verwaltung in Düffeldorf und von einer Reihe rheinifcher Städte, insbefondere 
von Köln, Düffeldorf, Aachen und Trier, vorbereitet. Auf wiffenfchaftlidier Seite 
hatte die Gefellfchaft für rhcinifche Gcfchichtskunde fchon im Jahre 1910 eine 
Preisaufgabe ihrer Meviffenftiftung : Die Rheinprovinz unter der preußifchen Vcr= 
waltung von 1815 bis zum Erlaß der Verfaffungsurkunde vom 31. Januar 1850, 
ausgefchrieben. Ihr war das Ziel gefetzt, in erfter Linie aus einer planmäßigen 
Durchforfchung der Akten der (taatlichen Behörden die ficheren Unterlagen 
für die Erkenntnis des Prozeffes der Verfchmclzung der Rheinprovinz mit dem 
Staatsganzen zu gewinnen und auf diefer Grundlage den Prozeß felb(t zu ver= 
anfchaulichen. Ihre Löfung wurde von berufener Seite in ausfichtsvoller Weife 
in Angriff genommen. Das hier vorliegende Sammelwerk (teilte fleh von vorn= 
herein die Aufgabe, neben diefen anders gearteten Veröffentlichungen die viel= 
geftaltige Entwicklung der Rheinprovinz von 1815 — 1915 in einer für einen 
größern Leferkreis beftimmtcn Dar(tellung, und zwar in der Weife vor Augen 
zu führen, daß die Bearbeitung der verfchiedenen Entwicklungsreihen durch 
folche wiffcnfchaftlichen Fachleute erfolgte, die durch ihre Spezialftudicn und 
durch längern perfönlichen Aufenthalt in der Provinz bcfonders dazu berufen 
erfchienen. Leitender Gefichtspunkt des ganzen Werkes follte aber auch hier 
der Verfchmelzungsprozeß zwifchen dem preußifchen Staat und der Rhcin= 
provinz fein, fo wie er fich dem heutigen Beobachter bei rein wiffenfchaftlicher 
Betrachtung darftellt. 

Der Ausbruch des Weltkrieges im Sommer 1914 machte die rechtzeitige 
Durchführung aller diefer Pläne unmöglich. Im Frühjahr 1915 waren wohl 
die Vorarbeiten für die meiften von ihnen weit gefördert, und von der Mehrzahl 



VI Vorwort D 

lagen größere oder kleinere Teile auch fdion gedrud<t vor. Aber wie am 15. Mai 
1915 alle Fcftlidikeiten, die in der Rheinprovinz zur öffentlidien Jahrhunderts 
feier des denkvÄ-ürdigen Ereigniffes geplant waren, unterbleiben mußten, fo 
konnte damals audi keines diefer Jubiläumswerke herausgegeben werden. Auch 
in der feitdcm vcrfloffencn Zeit haben von ihnen nur die beiden von den Stadt= 
Verwaltungen von Trier 1) und Köln 2) veranlagten Veröffentlichungen an das 
Licht treten können. Im Mai 1915 felbft erfcJiien neben den Artikeln der rhei= 
nifchen TagesprcJTe, die das Ereignis von verfchiedcnen Gefiditspunktcn aus 
zu würdigen unternahmen, nur ein kleineres Sammelwerk^), das im wefentlichen 
von einem politifchen Parteiftandpunkte aus „die Verdienfte des preußifchen 
Staates um die Rheinlande würdigen, zugleich aber auch den Rheinlanden felbft, 
der rheinifchen Eigenart, dem rheinifchen Selbftgefühl gerecht werden will, was 
nach früheren Erfahrungen von der einen oder anderen der angekündigten 
fonjtigen Veröffentlichungen nicht oder doch nicht in ausreichendem Maße zu 
erwarten fein möchte". Nach der Wegräumung der perfönlichen und fachlichen 
Sdiwierigkeiten, die der Ausbruch und die lange Dauer des Weltkrieges ihm 
entgegengeftellt haben, tritt nunmehr das vorliegende Werk neben diefe bereits 
erfchienenen Veröffentlichungen. Die Hoffnung ift berechtigt, daß in Zukunft 
audi von den übrigen noch ausftehenden Werken das eine oder andere der 
Vollendung entgegengehen wird. 

Aus der ganzen zweitaufendjährigen Gefchichte der Rheinlande i(t das von 
1815 — 1915 verfloffene Jahrhundert eine der reichften und bewegteften Zeit= 
fpannen. Im Laufe dicfes von raftlofem Arbeitsdrang erfüllten Jahrhunderts 
hat das äußere Leben der Völker im allgemeinen, insbefondere aberdes deutfchen, 
auf dem wirtfchaftlichen Gebiete Umwälzungen erfahren, wie nie zuvor. Die 
geiftige Kultur Deutfchlands ift in diefer Zeit über die Grenzen einer rein 
ideellen Tätigkeit, die ihre Güter der Welt freigebig darbot, hinausgcfchrittcn. 
Sie hat das ganze Leben ergriffen und den Weg zur angewandten Wiffenfchaft, 
zur gewerblichen Arbeit und zur Technik eingefchlagen, um auf allen Gebieten 
unerhörte Erfolge zu erzielen. Gleichzeitig hat im Bereiche des politifchen 
Dafeins, das die Grundlagen der menfchlichen Wohlfahrt fchafft und fiebert, 
der prcußifche Staat, dem die Rheinprovinz beim Eintritt in diefcs Jahrhundert 

') Gefchichte der Stadt Trier von ihrer Gründung bis zur Gegenwart. Denk« 
fchrift zum hundertjährigen Jubiläum der Zugehörigkeit der Stadt zum preußifdien 
Staat. Herausgegeben im Auftrage der Stadt Trier von G. Kentenich. Trier, Fr. 
Lintz, 1919. 

•) Die Stadt Cöln im erften lahrhundert unter preußifchcr Herrfchaft 1815 bis 
191 y. Herausgegeben von der Stadt Cöln. Cöln, P. Neubncr 19« 5/16 (2 Bände in 
5 Teilen). 

') Zur Jahrhundertfeier der Vereinigung der Rheinlande mit Preußen. Eine 
Dcnkfchrift, herausgegeben im Auftrage eines Kreifes rheinifcher Freunde von Dr. 
Julius Bachern. Köln, ). P. Bachenn (ohne Jahr). 



□ Vorwort VII 

eingegliedert wurde, feine Umgeftaltung vom fürftlichen Abfolutismus zum 
Verfaffungsftaat vollzogen und fo feinen Angehörigen die Bahn zu felbftändiger 
Mitarbeit am öffentlichen Leben erfchloffen. Dem deutfchen Volk aber hat 
diefes Jahrhundert nach fchwierigen Kämpfen als koftbarfte Gabe unter der 
preußifchen Führung eine ftaatlichc Organifation gebracht, die eine mittlere 
Linie zwifchen den in Preußen verkörperten alten hiftorifchcn Kräften und den 
jungen, vom Volke felbft entwickelten nationalen Wünfchen darftellt. Das 
innerlich uneinige und zerriffene, äußerlich ohnmächtige und unfclbftändigc 
Deutfchland i[t ein Reich geworden, deffen ftrotzende Kraftfülle uns und der 
ganzen Welt durch die großen Erlebniffe der Gegenwart zum vollen Bewußtfein 
gebracht wird. 

Die Rheinprovinz hat diefe Entwicklung als ein Glied des preußifdien 
Staates mitgemacht. Sie ift während dicfer Zeit fchnell und vielfeitig aufgeblüht. 
Ihre eigene Mitarbeit empfing aber die unterfcheidenden Merkmale im 
wefentlichen dadurch, daß die Verbindung der Rheinlandc mit Preußen in 
einem Augenblick erfolgte, wo fie foeben erft vom Joche der Fremdhcrrfchaft 
befreit und gerade durch diefe zwanzigjährige Frcmdherrfdiaft aus einem 
Konglomerat fdiwacher und zerfplittertcr Kleinftaaten zu einer Einheit geworden 
waren, die von den modernen Ideen der bürgerlichen Rechtsgleichheit, des 
allgemeinen Staatsbürgertums und des Verfaffungs(taats erfüllt war, zugleidi 
aber, abweichend von den preußifchen Stammlanden, in ihrer gefellfchaftlichen 
Struktur auch die realen Grundlagen für die Durchführung diefer Ideen darbot. 

Die Verfchmelzung der Rheinprovinz mit dem preußifchen Staate vollzog 
fich fo unter ganz anderen Vorausfctzungen als fie im 18. Jahrhundert für ihre 
letzten Vorgängerinnen maßgebend gewefcn waren. Preußen, der junge und 
erobernde, fich ausbreitende Staat, hatte fich zuletzt unter der Regierung 
Friedrichs des Großen auf kriegerifchem Wege die Provinz Schlcfien, auf fried* 
lichem Weftpreußen einverleibt und trotz mancher Wider(tände verhältnismäßig 
fchnell affimilicrt. In den Rheinlandcn, die Preußen an Stelle feines in den 
Jahren 1795 — 1801 preisgegebenen altern niedcrrheinifchen Befitzes gleichfalls 
auf friedlichem Wege übernahm, waren durch die franzöfifche Herrfchaft die Zu= 
(tände des Ancicn regime durchweg befeitigt und ftatt ihrer neue und felbftän= 
digc, bürgerliche Kräfte entbunden worden, mit denen die Auseinanderfetzung 
dadurch erfchwert wurde, daß Preußen nach 1815, abweichend von den während 
feiner Reformzeit von 1807 bis 1813 hervorgetretenen Anfätzen feines übers 
gangs zum modernen Staat, ein ganzes Menfchenalter hindurch die burcau= 
kratifch=abfoluti{tifche, auf den Adel gejtützte Herrfchaftsform aufrecht erhielt. 
Der Gegenfatz, in den es dadurch zu dem im Rheinland überwiegenden öffent= 
liehen Bewußtfein trat, hat den Afflmilationsprozeß wefentlich behindert und 
verlangfamt. Für Preußen blieb aber die Provinz bcfonders deshalb wertvoll, 
weil es am Rheine die dcutfche Wejtgrenze militärifch zu fichcm hatte und zu= 



VIII Vorwort a 

gleich aus dem Bcfitze feiner vom Hauptteile des Staates räumlich abgefprengten 
Weftprovinzen den natürlichen Antrieb empfing, feinen zerriffenen Staatskörper 
durch Angliederung der zvcifchenlicgenden Länder einheitlich zu geftalten und 
feine Herrfchaft durdi ganz Norddeutfchland auszubreiten. Der Rheinprovinz 
ihrerfeits erwuchs die Aufgabe, nicht nur die tragfähigen wirtfchaftlichen Lcbens= 
grundlagen und die gewaltigen materiellen Hebelkräfte für das Emporfteigen 
Preußens mitzufdiaifen, fondern gleichzeitig auch die (tagnierende preußifche 
Verfaffungspolitik in Fluß und das felbftgenügfam=konfervativc Preußen der 
nationalen Einheitsbewegung zugänglich zu erhalten. Trotz aller Hemmungen 
ift die Rheinprovinz durch ihre Verfchmelzung mit dem prcußifchen Staate vor 
dem Jahre 1870 ein ftarker Eckftein der nationalen Politik Preußens geworden, 
um fich dann nachher, als die Entwicklung Dcutfchlands zu einer Weltnation 
und feine Verflechtung in das weltpolitifche Ringen der Großjtaaten unferer 
Tage einfetzte, zufammen mit dem angrenzenden weftfälifchen Induftriebezirk 
geradezu zum wirtfdiaftspolitifchen Schwerpunkte von Staat und Reich fort= 
zubilden, Sie hat in dem Jahrhundert von 1815 bis 1915 eine Regfamkeit 
ohne gleichen, eine planmäßige und zielbewußte Anfpannung ihrer Kräfte 
gefehen wie nie zuvor. Unaufhaltfam ift das Leben zwifchen ihr und dem Ge= 
famtftaate herüber= und hinübergeflutet, ganz im Geifte jenes alten Gcfetzes 
unferer vaterländifchen Gefchichte, das alle deutfchen Stämme dauernd zu 
gcgenfeitigem Geben und Empfangen zwingt. Der unverkennbaren Tatfadie, 
daß dabei auf feiten der Provinz der ftärkfte Lebenstrieb und die bedeut« 
famften Leiftungen dem Wirtfchaftsleben angehören und der frifchen Unter= 
nchmungsluft ihrer Bevölkerung auf dem materiellen Gebiete die größten 
Erfolge befchieden waren, ift im vorliegenden Werke durch die Stoffvertci= 
long Redinung getragen worden. Trotz feines verzögerten Erfcheinens ift dem 
urfprünglichen Plane gemäß daran feftgehalten worden, die Darftellung nur 
bis zum Jahre 1915 zu führen, Unfer Werk bietet fo einen Überblick über 
die Gefchichte der Rheinprovinz in dem Jahrhundert zwifchen den beiden 
großen, über das Schickfal unfcrcs Volkes und Europas entfcheidenden Kriegen. 
Das vorliegende Werk hatte fich von Anfang an vielfeitiger Förderung zu 
erfreuen. Mit warmem Danke muß zunächft des Umftandes gedacht werden, 
daß bei Beginn der Arbeiten im Jahre 1911 ein Kreis von oftbewährten Kölner 
Förderern gefchichtlicher Studien unter der Führung der Herren Geheimer 
Kommerzienrat Dr. L, Hagen und Dr, G, v, iVlallinckrodt zufammentrat, um 
die finanzielle Durchführung des Planes zu [Ichern. Handfchriftliches Quellen« 
matcrial ift dann während der Vorarbeiten von flaatlichcn und ftädtifchen Ben 
hörden wie von Privatperfonen in reicher Fülle erfchloffen und zur Verfügung 
geflellt worden. Die im Jahre 1911 gewonnenen Mitarbeiter haben trotz der 
durch die Zeitumf^ände bewirkten Hemmungen, und trotzdem mehrere von 
ihnen während der Vorbereitung des Werkes aus ihrer Tätigkeit am Rheine 



• □ Vorwort IX 

wegberufen wurden, ihre Arbeit zu Ende geführt. Nur eine Ausnahme i(t zu 
verzeichnen. Der Abfchnitt über das literarifche Leben (Band II S. 385 ff.) 
i[t leider unvollendet geblieben. Nachdem fein Verfaffer durch ftändig wieder« 
holte fchriftliche Zufagen bis zum April d. Js. die baldige Vollendung beftimmt 
in Ausficht geftellt hatte, gab er im Mai die überrafchende Erklärung ab, er 
fühle fich körperlich und gei(tig nicht dazu imftandc. Einen Erfatz zu gewinnen, 
war damals nicht mehr möglich, follte nicht bei den wachfenden Schwierigkeiten 
der Drucklegung die Herausgabe des Gefamtwerkes auf unbeftimmte Zeit 
hinausgefchoben werden. Die dem zweiten Bande beigegebenen ausführlidien 
Regifter über das ganze Werk, um die fich Herr Ph. Nottbrock in Köln in hin= 
gebender Arbeit verdient gemacht hat, werden ebenfo wie die angefügte übcfs 
fichtskarte der Provinz feine bequeme Benutzbarkeit für die Dauer fichcrn. 
Befondere Verdienfte hat fich auch der Verlag erworben. Im Geiftc der beiden 
in ihm verfchmolzenen älteren Verlagsfirmcn, die in unfcrer Provinz feit der 
Gründung der rheinifchen Univerfität im Jahre 1818, fa(t während des ganzen 
in unferem Werke behandelten Zeitraums, einen führenden Platz auf dem 
Gebiete wiffenfchaftlicher Publikation behauptet haben, hat er die fich häufenden 
technifchen Hinderniffe, die die Kriegszeit unferer Veröffentlichung in den Weg 
legte, opferwillig zu überwinden verftanden. Es drängt mich, allen Behörden, 
Anftalten und Perfoncn, die fich um das Zuftandekommen unfcres Werkes ver= 
dient gemacht haben, auch öffentlich auszufprechen, wie fehr ich mich ihnen für 
ihre Förderung verpflichtet fühle. 

Der vorliegende Überblick über die Gcfdiichtc der Rheinprovinz während 
ihres erften Jahrhunderts unter preu^ifcher Herrfchaft tritt an die Offcntlidikcit 
in einer Zeit, wo eine feindliche Koalition von unerhörten Dimenfionen Deutfch= 
land bedroht und nicht nur das blühende Leben der gefegneten rheinifchen 
Lande austilgen, fondern auch die Verbindung der Provinz mit Preußen und 
Deutfchland löfen möchte. Eine folche Zeit führt der Provinz die Segnungen 
ihrer vor hundert Jahren erfolgten Aufnahme in den Verband des waflFenftarken 
preußifchen Staates befonders deutlich vor Augen. Vor 1815 hatte der preußifchc 
Staat regelmäßig die Erfahrung gemacht, daß „alle die Bruchftücke deutfcher 
Nation, die er erwarb, fich von ihrem altgewohnten Kleinleben nur mit tiefem 
Herzeleid trennten und erß: nach Jahren fich in das größere Gerneinwefen cin= 
wohnten" (Treitfchke). Wie eng und unzerreißbar das Band i(t, das unfere 
Provinz am Ende ihrer erften preußifchcn Periode mit Staat und Reich vcr= 
knüpft, trat beim Aufflammen des großen Krieges zutage. Getragen von der 
hellen Begeifterung der ganzen Provinz find die Söhne des Rheinlands wie e i n 
Mann in den Kampf gezogen, und feit drei langen Jahren ftehen fie mit ihrem 
Leben ein für Kaifcr und Reich. Sie kämpfen heldenmütig für die Freiheit und 
die Sicherheit von Vaterland und Heimat; was preußifch=deutfche Arbeit an den 
Ufern des deutfchen Stromes feit hundert Jahren gcfchaffen hat, geben fie nie= 



X Vorwort D 

mals preis. Die große gemcinfamc Kriegstat in den Sdiickfalsjahren, die unferm 
Volke den harten Kampf gegen eine Welt von Feinden aufzwingen, fchmiedet 
vielmehr weitere, uniöslidie Klammern zwifdien dem Rheinlande und der 
prcußifdien Monardiie. Auf der Sdiwelle des zweiten Jahrhunderts unter 
prcußifcher Herrfdiaft, in das die Provinz während des Donners der Schlachten 
eingetreten i(t, ift diefes ftärkende Bewußtfein uns zuverläffigc Bürgfchaft für 
eine große und glücklidie Zukunft. 

Köln, September 1917. Hansen. 



Inhaltsüberficht. 

Erfter Beind. ^^.^^ 

I. ProfcJTor Dr. Juftus Hashagen, Privatdozent an der 
Univcrfität Bonn: Die Rheinlandc beim Abfchlufl"e der 
franzöfifchcn Fremdherrfchaft i — 56 

Erftes Kapitel: Die Verwaltung S. 2 — 21. — Zweites 
Kapitel: Das Wirtfchaftslcbcn S. 21 — 40. — Drittes Ka« 
pitel: Das Geiftesleben S. 40 — 56. 

II. Dr. Walther Tuckermann in Köln: Landeskunde der 

Rheinprovinz 57 — 86 

Gebirge und Landfchaften S. 57 — 66. — Das Flußfyftem S.66bis 
68. — Klima und Niedcrfchlagsverhältniffe S. 68 — 69. — Wald« 
kultur, Od= und Unland S. 70 — 75. — Volkstum und konfefOos 
nellc Zufammenfetzung S. 75 — 79. — Siedlungsweife und Volks« 
bcwegung S. 79 — 86. 

III. Geheimer Archivrat Dr. Theodor Ilgen, Kgl. Archiv» 
direktor in Düffcldorf: Organifation der (taatlichen Vcr= 
waltung und der Selbftverwaltung 87 — 148 

Erftes Kapitel: Die Einteilung und Organifation der Provinz 
S. 92 — 95. — Zweites Kapitel: Die ftaatlidien Behörden 
und deren Organifation S. 96 — 115. — Drittes Kapitel: 
Die kommunalen Verbände und deren Selb(tverwaltungS. 115 bis 
142. — Viertes Kapitel: Selbftändigere Zivilbehörden. Die 
Militärbehörden S. 142 — 148. 

IV. Geheimer |u(tizrat Dr. Ern|t Landsberg, ProfeJTor an 
der Univerfität Bonn: Das rheinifche Recht und die rheinifche 
Gerichtsverfaffung 149—195 

Erftes Kapitel: 1815 — 1824 S. 151 — 157. — Zweites 
Kapitel: 1824 — 1830 S. 157 — 164. — Drittes Kapitel: 
1831 — 1839 S. 165 — 173. — Viertes Kapitel: 1840 — 1855 
S. 174 — 184. — Fünftes Kapitel: 1855 — 1879 S. 184 — 189. 

— SechPies Kapitel: t88o — 1900 S. 190 — 195. 

V. Dr. M. Schwann, Archivar des Rheinifdi=Wc(tfälifchen 
Wirtfchaftsarchivs in Köln: Grundlagen und Organifation 
des Wirtfchaftslcbens 196 — 249 

Erftes Kapitel: Gefcllfchaft und Staat, Land und Leute, 
Gefetz gebung und Handelspolitik, Zollverein (1815 — 1840) S. 196 bis 
213. — Zweites Kapitel: Induftrie, Bergbau, Geldwefen, 
Handel, Organifation des inneren Marktes, Intereffenvereini= 
gungcn, Gefctzgebung, VX^irtfchaftspolitik (1840 — 1870) S. 213 — 230. 

— Drittes Kapitel: Soziale Entwicklung und Politik, 
Intereffenvcrtretungen, Organifation des äußeren Marktes (1870 bis 
1915) S. 230—249. 



XII Inhaltsübersicht 



VI. Dr. W. Wygodzinski, Profeffor an der Landwirtfchaft= Seite 
lidicn Akademie in Bonn=Poppelsdorf : Die rheinifche 
Landwirtfdiaft 250—300 

Erftes Kapitel: Die rheinifche Landwirtfchaft um 1815. Die 
Agrarreformen der erften Jahrzehnte S. 250 — 256. — Zweites 
Kapitel: Die Gründung des Land\wirtfchaftlichen Vereins für 
Rheinpreußen. Die Anfänge der technifchen Hebung der rhci= 
nifdien Landvwirtfchaft S. 256 — 262. — Drittes Kapitel: 
Die Entwicklung des landwirtfchaftlichen Unterrichtswcfens S. 
262 — 266. — Viertes Kapitel: Die Ausbildung des Kredit= 
wefens (Gcnoffenfchaften, Hypothekenkredit) S. 266 — 271. — 
Fünftes Kapitel: Erbrecht und Betriebsverfaffung S . 27 1 bis 
273. — Sechftes Kapitel: Die Agrarreformen der fiebziger 
und achtziger Jahre (Eifelfonds, Landesbank, Zufammcnlegung) 
S. 273 — 277. — Siebentes Kapitel: Selbfthilfe der Land* 
Wirte (Bauernvereinc, Genoficnfchaften) S. 278 — 281. — Achtes 
Kapitel: Organifation der Landesviehzucht S. 281 — 283. — 
Neuntes Kapitel: Die Krife gegen Ende des 19. Jahr« 
Hunderts S. 283 — 285. — Zehntes Kapitel: Die Lands 
wirtfchaftskammer S. 285 — 288. — Elftes Kapitel: Die 
landwirtfchaftliche Entwicklung in den letzten Jahrzehnten (Bc= 
triebss und Arbeiterfrage, Landflucht, allgemeine Rationalifierung, 
Förderung der einzelnen Wirtfchaftszweige) S. 288 — 300. 

VII. Dr. Kurt Wiedenfeld, Profeffor an der Univerfität 
Halle: Die Montaninduftrie und ihre Annexe (Steinkohlen^, 
Braunkohlen=, Erz=Bergbau; Schwcreifen= und Kleineifen= 
induftrie, Mafdiinenbau; Metallinduftrie) 301— 387 

Erftes Kapitel: Die Übergangszeit 1815 — 1840 (1. Die 
Standorte. 2. Die Technik. 3. Die Handelsbeziehungen. 4. Die 
UnternehmungSsOrganifation) S. 301 — 314. — Zweites Ka = 
pitel: Die Anfänge der neuen Zeit 1840 — 1870 (1. Die grund= 
legenden Neuerungen. 2. Die neue Technik. 3. Die Standorte 
und Handelsbeziehungen. 4. Die Unternehmungs=Organifation) 
S. 315 — 344. — Drittes Kapitel: Die volle Durchfetzung 
der neuen Zeit 1870 — 1915 (1. Die allgemeinen Neuerungen. 
2. Neue Techniken. 3. Die Standorte und Handelsbeziehungen. 

4. Die Unternehmungs=Organifation. 5. Kapital und Unter»: 
nchmcrtum) S. 344 — 387. 

VIII. Profeffor Dr. Hermann Lehmann, Syndikus derHandels= 

kammer in Aadicn : Die Textilinduftrie 388—424 

Erftes Kapitel: Allgemeiner Charakter der Textilindu|trie 

5. 388 — 393. — Zweites Kapitel: Die Tcxtilgewerbc in 
der Rheinprovinz 1815 — 1879 S. 393 — 408. — Drittes Ka = 
pitel: Die Tcxtilgewerbc in der Rheinprovinz 1879 — 1915 
S. 408 — 414. — Viertes Kapitel: Die Produktionsfaktoren: 
Natur, Kapital und Arbeit S. 415 — 424. 

IX. Dr. Bruno Kuske, Profeffor an der Handelshochfchule 
In Köln: Die übrigen Induftrieen ^Steine und Erden; 
Chemifche Stoffe; Papier, Holz, Lcder, Nahrungs» und 
Gcnußmittcl) 425 — 505 

Erftes Kapitel: Steinbrüche, ZementindufVric, Ziegeleien, 
Töpferei, Tongroßinduftrie, Steingut, Porzellan, Glas S. 425 — A44. 
— Zweites Kapitel: Die chemifche Induf^ric und ihre Vcr» 
wandten: Süuren und Alkalien, Farben, Kohlende(tilhtion, Pulver 
und Sprcngl^offe, Üüngemittel, Ole, Kerzen, Seifen, Duftjtoffe S. 



Inhaltsübersicht XIII 



444 — 472. — DrittesKapitcl: Papier, Holz, Lcder, Gummi Seite 
S. 473 — 487. — Viertes Kapitel: Nahrungs= und Genuß» 
mittel: Getreidemühlen, Butter, Käfe, Margarine, Konfcrven, 
Kaffeefurro^ate, Zucker, Schokolade, Tabak, Brauerei, Brennerei, 
Mineralwafler, Effig, Schaumwein S. 487 — 505. 

X. Dr. Wilhelm Kahler, Profeffor an der Univerfität 

Greifswald: Handel, Bankwcfcn, Verficherungswefen .... 506 — 560 

Erftcs Kapitel: Der Handel ( 1 . Allgemeines. 2 . Der Kölner 
Handel. 3. Der bcrgifche Exporthandel. 4. Kohlenhandel und 
Kohlenkontor. 5.DicBörfen. 6. Der Kleinhandel. 7. Die Handcls= 
kammern) S. 506 — 522. — Zweites Kapitel: Das Bank= 
wefen (1. Die rhcinifchcn Banken 1815 — 1848. 2. Die Gründung 
des A. Schaaffhaufen'fchen Bankvereins. 3. Die rhcinifchen Banken 
1848 — 1877. 4. Die Konfolidierung der Banken 1877 — 1900. 
5. Die Konzentration im rheinifchcn Bankwefen. 6. Die Noten= 
bankcn. 7. Andere Spezialbanken. 8. Das lokale Kreditwefcn) 
S. 522 — 542. — Drittes Kapitel: Das Vcrficherungswefen 
(1. Die öffentliche Feuerverficherung. 2. Das private Verficherungsx 
wefen. 3. Die Arbeitcrvcrficherung) S. 542 — 559. 

XI. Profeffor Dr. A. Wirmi ngha US, Syndikus der Handels« 

kammcr in Köln: Das Verkehrswefeh 561—610 

Erftcs Kapitel: Das Landftraf?cnwefcn S. 562 — 569. — 
Zweites Kapitel: Das Schiffahrtswcfcn S. 569 — 586. — 
Drittes Kapitel: Das Eifcnbahnwefen S. 586 — 606. — 
Viertes Kapitel: Das Pofta, Tclcgraphcns und Fernfprech» 
wefen S. 606 — 610. 

XH. Profeffor Dr. Jofeph Hansen, Archivdirektor in Köln: 

Das politifche Leben 610—861 

Erftcs Kapitel: Die Befitzergreifung der Rheinlande durch 
Preußen im Jahre 1815 S. 610 — 632. — Zweites Kapitel: 
1815 — 1824 (1. Reaktion in Berlin. 2. Ringen um die Vcrfaffung 
1815 — 1820. 3. Kirchcnpolitifchc Spannung 1817 — 1821. 4. Ein= 
richtung der Provinzialftände 1823/24)5. 632 — 668. — Drittes 
Kapitel: 1824—1848(1. Oppofition auf den Landtagen 1826 
und 1828. 2. Konfeffionelle Spannung bis 1830. 3. )ulirevolution, 
Verfaffungsfrage, deutfchc Frage 1830. 4. Kölner Kirchenftrcit 
1837. 5- Politifche Prcffc nach 1840 und Parteibildung auf den 
Landtagen 1843 und 1845. 6. Rhcinifchc Vcrfaffungsprogramme. 
7. Erfter Vereinigter Landtag 1847) S. 669 — 707. — Viertes 
Kapitel: 1848—1850(1. Märzrevolution, Minifterium Camp= 
haufcnsHanfcmann. 2. Rhcinifchc Parteibildung. 3. Ringen um 
die Vcrfaffung in Berlin und in Frankfurt. 4. Oktroyierung der 
preußifchen Verfaffun?, Ablehnung der Kaiferkronc. 5- Rcvifion 
der Vcrfaffung, Scheitern der Union) S. 707 — 745. — Fünftes 
Kapitel: 1850 — 1871 (1 . Sieg der Reaktion. 2. Die katholifche 
Fraktion von 1852. 3. Neue Ära 1858 — 1862. 4. Vcrfaffungs= 
konflikt über Armeereform und Budgetrecht 1862 — 1866. 5. Der 
Krieg von 1866. 6. Norddeutfcher Bund 1867 und neues Deutfchcs 
Reich 1871) S. 746 — 792. — Scch(tes Kapitel: 1871 — 1915 
(i. Politifche Partcibildung in der Provinz. 2. Der Kulturkampf, 
Umfchwung der Regicrungspolitik. 3. Neue Wirtfchaftspolitik 
1879. 4. Die Sozialpolitik 1881 — 1889. 5. Die letzten fünfund= 
zwanzig Jahre) S. 792 — 861. 



XIV Inhaltsübersicht 



Zweiter Bdnd. Seite 

XIII. Geheimer Rcgicrungsrat Dr. Konrad Ohlcrt, Rcgierungs= 

und Schulrat a. D. in Honnef a. Rh.: Das Volksfchul\x/efcn 1—25 
Erftcs Kapitel (1815 — 1840) S. 1 — 13. — Zweites Ka = 
pitel (1840 — 1872) S. 13 — 17. — Drittes Kapitel 
(1872 — 1915) S. 17 — 25. 

XIV. Ober= u. Geheimer Regierungsrat Dr. Jofcph Bufchmann, 
Direktor des Kgl. Provinzial=Schulkollegiums in Koblenz: 

Das höhere Schulwefcn 26 — 56 

Erftes Kapitel (1815 — 1850) S. 26 — 34. — Zweites 
Kapitel (1850 — 1880) S. 34 — 40. — Drittes Kapitel 
(1880 — 1915) S. 40 — 56. 

XV. Geheimer Regicrungsrat E. von Czihak, ordentliches ]Vlit= 
glied des Kgl. Landesgewerbcamts in Berlin: Das gewerb= 
liehe Unterrichtswefen (Fach= und Fortbildungsfchulcn) . . 57—102 

Erftes Kapitel: Vorgcfchichte und Zeit der franzöfifchen 
Herrfchaft S. 57 — 60. — Zweites Kapitel: Die Anfänge 
des gewerblichen Unterrichts unter preußifcher Herrfchaft S. 61 — 63. 

— DrittesKap itel: Die BeuthfcheGewerbcfchule S.64 — 72. — 
Viertes Kapitel: Die Bergfchulen S. 72 — 73. — Fünftes 
Kapitel: Die gewerbliche Fortbildungsfdiulc bis 1885 S. 74 bis 
80. — Sech ft es Kapitel: Die Anfänge des Fachfchul= 
wcfcns bis 1879 S. 80 — 82. — Siebentes Kapitel: Der 
Kampf und Untergang der Gewerbefchule 1870 — 1878 S. 82 — 85. 

— Achtes Kapitel: Das gewerbliche Schulwefen unter dem 
Nlinifterium der geiftlichen, Medizinal= und Unterrichtsangelegen= 
heiten S. 85 — 87. — Neuntes Kapitel: Das gewerbliche 
Schulwefen unter dem Handclsminifterium feit 1885 S. 87 — 100 
(a. Das Fachfchulwefen: Baugewerkfchulen S. 87, Fach= 
fchulen für Metalllnduftrie S. 88, Textilfachfchulen S. 89, Unter= 
richtsanftalten für Kunftgewcrbe und Handwerk S. 90, Fachfchulcn 
für das weibliche Gefchlecht S, 92. — b. Das Fortbildungs = 
fchulwefcn: Gewerbliche Fortbildungsfchule S. 93, Kauf= 
männifche Fortbildungsfchule S. 95, Ländliche Fortbildungsfchulen 
S. 97, Werkfchulen S. 98, Innungsfchulen S. 99). — Zehntes 
Kapitel: Die Mci(tcrkurfe und die Gewcrbcfördcrung S. 
100 — 101 . 

XVI. Dr. Walter Platz hoff, Privatdozent an der UnivcrOtät 

Bonn: Die Unlverfität in Bonn 103 — 141 

Erftes Kapitel: Die Gründung S. 103 — 1 10. — Zweites 
Kapitel: Das erfte Jahrzehnt 1818—1828 S. 110—118. — 
Drittes Kapitel: Stillftand und Rcgenerationsvcrfuche. Der 
Hcrmesftrcit 1829 — 1848 S. 1 19 — 127. — Viertes Kapitel: 
Revolution, Reaktion und innere Kämpfe 1848 — 1868 S. 127 — 136. 

— Fünftes Kapitel: Ausblick auf die letzten Jahrzehnte 
1868 — 1915 S. 136 — 141. 

XVII. ProfcITor Dr. Fritz Stlcr-Somlo, Direktor der Vcr- 

waltungshochfchule in Köln: Die jüngeren rhcinifchcn 

Hochfchulen 142-160 

Er^es Kapitel: Die Tcchnifche Hochfchulc zu Aachen S. 
143 — 146. — Zweites Kapitel; Dio Handels- Hochfchulc zu 



Inhaltsübersicht XV 



Köln S. 146 — 152. — Drittes Kapitel: Die Hochfchule für Seite 
kommunale und fozialc Verwaltung in Köln und die Akademie 
für kommunale Verwaltung in Düffcldorf S. 153 — 157. — V i e r = 
tes Kapitel: Die Akadcmieen für praktifche Medizin in Köln 
und Düffeldorf S. 158 — 159. — Fünftes Kapitel: Die 
Kölner Vereinigung für rechts= und ftaatswiffenfchaftlichc Fort= 
Bildung S. 159. 

XV in. Geheimer Juftizrat Dr. Ulrich Stutz, Profeffor an der 

Univcrfität Berlin: Die katholifdic Kirdie 161 — 196 

Erftes Kapitel S. 161 — 175. — Zweites Kapitel 
S. 176 — 189. — Drittes Kapitel S. 189 — 195. 

XIX. Dr. Eduard Simons, Profeffor an der Univerfität 

Marburg: Die cvangelifdie Kirche 197 — 216 

Erftes Kapitel: Die Kirchcnvcrfaffung und ihre Bedeutung 
für das kirchliche Leben S. 197 — 206. — Zweites Kapitel: 
Die Union S. 206 — 207. — Drittes Kapitel: Die Liebcss 
tätigkeit (Anftalten und Vereine) S. 208 — 209. — Viertes 
Kapitel: Gciftigc Strömungen und Richtungen S. 209 — 216. 

XX. Dr. Karl Kchrmann, Profeffor am altkatholifchen 

Seminar in Bonn: Die altkatholifchc Kirche 217 — 233 

XXI. Dr. Ludwig Baeck, Rabbiner in Berlin : Die jüdifche 

Religionsgemeinfchaft 234—247 

XX 1 1 . Dr. Richard Klapheck, Dozent an der Kunftgewerbe» 

fchule in Düffeldorf: Die Baukun(t 248 — 302 

ErftesKapitcl: Der Klaffizismus S. 248 — 267. — Zweites 
Kapitel: Die Romantik S. 267 — 277. — DrittesKapitel: 
Das Wiederaufleben der Renaiffancearchitektur S. 278 — 282. — 
Viertes Kapitel: Der äußerliche Eklektizismus S. 283 — 290. 

— Fünftes Kapitel: Die neucfte Entwicklung S. 290 — 302. 

XXIII. Dr. ing. 1. Stubben, Geheimer Oberbaurat in Berlin: 

Städtebauliche Entwicklung 303 — 339 

Erftes Kapitel: Die ftädtifche Bevölkerung S. 303 — 313. — 
Zweites Kapitel: Das ftädtifche Wohnen S . 3 1 3 — 3 17. — 
DrittesKapitel: Bauordnung und Bautätigkeit S. 317 — 321. 

— Viertes Kapitel: Erweiterung und Ausbau der Städte 
S. 322 — 326. — Fünftes Kapitel: Denkmalpflege und 
öffentliche Bauten S. 327 — 333 — Sech ft es Kapitel: Kom- 
munale Werke und Betriebe S. 333 — 339. 

XXIV. Ern(t Wolff, Profeffor am Konfcrvatorium für Mufik 

in Köln: Das mufikalifche Leben 340 — 384 

Erftes Kapitel: Rhcinifche Tonkünftler S. 342 — 346. — 
Zweites Kapitel: Die Mufikftädte und Mufikfefte (Koblenz, 
Trier, Saarbrücken, Bonn, Köln, Niederrhcinifche Mufikfefte, 
Düffeldorf, Krefeld, M.=Gladbach, Duisburg, Mülheim a. d. Ruhr, 
Effen, Elberfeld, Barmen) S. 346 — 384. 

XXV. Dr. Franz Schultz, Profeffor an der Univerfität 

Straßburg: Das literarifche Leben 385 — 409 

Erftes Kapitel: Litcrarifches Leben um 1815. Die ,,Ent= 
deckung des Rheins", J. Görrcs, F. Schlegel, Clemens Brentano, 
M. V. Schenkendorf, Der Rhein als vaterländifches SymbolS.385bis 
395- — Zweites Kapitel: Goethe und die Rheinlande 



XV\ Inhaltsübersicht 



S. 395—597. — Drittes Kapitel: E. M. Arndt, A. W. Seite 
Schlegel, Ph. J. Rchfucs, H. Heine, J. B. Rouffcau (Rheinifchc 
Flora), W. Oertel, K. Simrock S. 397 — 408. — Viertes Ka = 
p i t e !• Rheinifchc Dichter 1840 — 1850 S. 408 — 409 (unvollendet). 

XXVI. Dr. Walter Cohen, Dircktorialaffiftcnt bei den 
Städtifchcn Kun(tfammlungen in Düffeldorf: Die bildenden 
Künfte. Malerei und Skulptur 410 — 461 

Er(tes Kapitel: Peter Cornelius und die Neugründung der 
DüfTeldorfcr Kunftakademic S. 410 — 415. — Zweites Ka = 
p i t e 1: W'ilhclm v. Sdiadow und feine Schule. Die Landfchaftcr. 
Das Aufkommen der Genremalerei und des Gefchichtsbildes S. 
4» 5 — 429. — DrittcsKapitel: Alfred RethclS.430 — 434. — 
Viertes Kapitel : Die Düffcldorfer Nazarener. Eduard v. 
Bendemann und andere Stilkünftler S. 434 — 438. — Fünftes 
Kapitel: Die beiden Achenbach und ihre Umwelt. Das bürger= 
liehe Genre der Knaus und Vautier. Die Koftümmalcr. Eduard v. 
Gebhardtund Peter Janffen S. 439 — 454. — Se chftes Kapitel : 
Die Plaftik und die graphifchen Künfte S. 454 — 461. 

Pcrfonen= und Ortsregijter zu Band I und II 465 — 538 

Sachrcgiftcr 539—558 

ü be r fi chtskarte der Rheinprovinz, 



I. 

Die Rheinlande beim Abfchlutle der franzöfifchen 

Fremdherrfchaft 

von 

justus Hdshdgen. 

Was Preußen in der Verwaltung der Rheinlande in den vcrfloffenen hundert 
Jahren gelciftet hat, erhält er[t dann die redite hi(torifche Beleuditung, wenn 
man die Lage der Rheinlande beim AbfdilulJe der franzöfifdien Fremdherr« 
fdiaft zum Vcrgleidie heranzieht. Nicht crft mit dem glüdlichen Ereigniffe vor 
hundert Jahren, dem Übergänge der Rheinlande an die Krone Preußen, beginnt 
die moderne rheinifdie Gefdiidite, fondern fdion z\x/anzig Jahre vorher, als die 
Heere der Revolution nadi kurzem Kampfe die franzöfifdie Herrfdiaft am 
Rheine aufrichten. Diefe Fremdherrfdiaft bringt der rheinifdien Bevölkerung 
nidit nur das Ende der alten Zeit, fondern auch fchon den Anfang einer neuen, 
zukunftsreichen Entwicklung. 

Im Hinblidie auf die Wiedervereinigung der Rheinlandc mit Dcutfchland 
vor hundert Jahren wird die folgende Skizze der franzöfifchen Periode zwar 
vornehmlich die Lage der Rheinlande in der Zeit des Zufammenbruchs der 
Fremdherrfdiaft zu berückfichtigcn haben. Die Rückfchau darf jedoch nicht allein 
diefer letzten Zeit gelten. Denn feit etwa 1810 treten in der inneren Gefchichte 
des franzöfifchen Kaiferreichs audi am Rheine bereits Verfallserfchcinungen 
zutage. Diefe Vcrfallserfcheinungen find aber weder für die ganze franzöfifdie 
Periode der rheinifchen Gefchichte charakteriß:ifch, noch für ihren bleibenden 
Ertrag und für ihre Gcgcnwartsbcdcutung ausfchlaggebend. Ein Urteil über Licht 
und Schatten der franzöfifchen Herrfchaft, das nur von den letzten Zeiten ausa 
ginge, würde alfo zu ungünftig ausfallen. Im Jahre 1810 endet vielmehr bereits 
die klaffifdie Periode der franzöfifchen Herrfchaft am Rhein, und fic reicht zurüdi 
bis zur dauernden Einführung vieler franzöfifdicn Verwaltungsordnungen im 
Jahre 1798, die der dauernden völkcrrechtlidien Angliederung des Landes durch 
den Frieden von Luncville (1801) um drei Jahre vorgreift. Was dagegen vor 
dem Jahre 1798 liegt, die Periode der proviforifchen republikanifchen Ver» 
waltung, hat für unferen Zweck nur untergeordnetes Intereffe, da fie ihr Ubcra 
maß an Zer(törungsarbeit durch pofitivc, für die Zukunft wichtige Neufchöp= 
fungen noch nicht zu erfctzcn vermocht hat. Die Zeit der proviforifchen preu« 
ßifchen Verwaltung von 1814—1815 endlich erfdieint im Rahmen der inneren 
Gefchichte vielfadi noch als Nadifpicl der franzöfifdicn Periode, weshalb fie für 
einzelne Verwaltungszweige hier gleidi mit berührt wird. 

Daß auch örtlich innerhalb der heute in der Rheinprovinz vereinigten, 
ehemals franzöfifchen Gebiete beträchtlidie Unterfchicde hervortreten, bedarf 

Die Rheinprovinz 1815 — 191 5. 1 



2 I. J. Hashagen, Die Rheinlande beim Abschlüsse der französischen Fremdherrschaft D 

keines Bewcifes. Vor allem das rcditsrheinifche Rheinland nimmt in der fran= 
zöfifdien Periode eine von der linksrheinifdien häufig abweidiende Entwicklung. 
Sie ift in bekannten äußeren Tatfadien begründet. Das alte Herzogtum Berg 
hat nodi bis zum Jahre 1806 weiterbeftanden. Er(t in diefem Jahre wird das 
Napolconifdie Großherzogtum Berg gefchafFen, bis 1808 unter Murat in loferem 
Zufammenhangc mit dem Kaiferreiche, feit 1808 unter der Sdieinherrfdiaft 
eines unmündigen Napolconiden und unter der Statthalterfchaft des Grafen 
Beugnot in engerer Verbindung mit Frankreidi. Im Bergifdien Lande dauert 
fomit die ausgefprochen franzöfifdie Herrfchaft nur fünf Jahre. Sie kann des= 
halb hier nur abgefchwädit zum Ausdruck kommen. Diefe Abfchwächung tritt 
in Berg allerdings nicht annähernd fo deutlich hervor wie in dem mittelrheinifchen 
napoleonifchen Parallelftaate, dem Großherzogtum Frankfurt. Aber bergifchc 
Eigentümlichkeiten bleiben trotzdem erhalten, und fo ift der klaffifche Boden 
der franzöfifchen Herrfchaft am Rhein mehr die linke Rheinfeite als das Groß» 
herzogtum Berg. Sollen die Hauptzüge des verwaltungs=, wirtfchafts= und 
geiftesgefchichtlidien Bildes herausgearbeitet werden, fo werden die bergifchen 
Gebiete zurücktreten ebenfo wie die rechtsrheinifdien, zur Zeit Napoleons 
naffauifchen Gebiete auf dem Boden der heutigen Rheinprovinz. 

Unter Hintanftellung der in Kürze nicht zu behandelnden örtlidien und 
zeitlidien Verfchiedenheiten fleht die folgende Skizze ihre Aufgabe vielmehr 
darin, fachlich ein möglidift allfeitiges Bild von der franzöfifchen Verwaltung, 
dem rheinifchen Wirtfchafts= und Geijtesleben bis 1815 zu geben und damit 
den hiftorifchen Hintergrund zu zeichnen, auf dem fich die glänzenden hundert 
Jahre preußifcher Herrfdiaft abheben. Wo fie fidi dabei zu allgemeinen Urteilen 
genötigt fleht, bleibt fie fidi aber (tets der beträchtlichen örtlichen und zeit= 
liehen Verfchiedenheiten bewußt, die in der rhcinifdicn Gefdiichte von 
1794—1815 hervortreten. 



Erstes Kapitel 

Die Verwaltung. 

Allgemeine Charakteri(tik. Die franzöfifche Verwaltung (teht mit 
ihrer pcrfönlichcn Organifation und mit den fachlidien Leitgedanken, nach denen 
fie arbeitet, zur altrhcinifchen in vollendetem Gegenfatz. Im alten Rheinlande 
findet man auf mittelalterlicher Grundlage eine ari(tokratifche und kollegiale 
Behördenorganifation von außerordentlicher Schwerfälligkeit. Ihre Viel» 
köpflgkeit verteuert nicht nur die Verwaltung, fondern {le lei(tet audi der Vcr- 
fchleppungsfucht, wenn nicht der Korruption Vorfchub. Die große Zahl der 
Beamten (tcht vielfach In umgekehrtem Verhältniffc zur Stärke des Verant- 
wortlichkeitsgefühls des einzelnen. Schwäche und Mangel an Autorität madien 
[Ich dann leicht bemerkbar. An die Stelle der altrhcinifchen, von taufend per» 

gtniichen Rückflchten und verwaltungsrechtlichen Hemmungen gefeffelten 
camtcnarlftokratlc fetzt der napoleonifchc Staat ein flchc" arbeitendes monara 
chifches Syjtem der Zentrallfatlon. 



I. Die Verwaltung: Allgemeine Charakteristik 



Die fachlichen Grundfätze ferner, nach denen im vorfranzöfifchen Rhein» 
lande verwaltet \x/ird, find als das Ergebnis einer mittelalterlich bedingten 
gefellfchaftlichen Schiditung zugefchnittcn auf den Kaftenftaat des achtzehnten 
Jahrhunderts. Die franzöfifdie Verwaltung verfolgt dagegen wenigftens grund» 
fätzlidi und in ihrer heften Zeit nidit mehr den Zweck, nur die Gefchäfte irgend 
einer befondcren Intereffentengruppe zu beforgcn, fondern fie vertritt das 
Ganze, und zwar nidit mehr das gefellfchaftliche, fondern das ftaatlich gegliederte 
Ganze. Sic ift nach dem Ausdrucke Otto Mayers nidit mehr patrimonial, fondern 
ftaatlich. Sic kann deshalb auch unter Napoleon ohne gcwi|tc Gleichheitsgrunds 
fätze nidit auskommen. Die natürlichen Unterfdiiede unter den Mcnfdicn 
follen zwar nidit befeitigt werden — Napoleon veraditet diefe Utopie der 
Revolution — , aber fie follen nicht durch künftlichc Hilfskonftruktionen bis ins 
Unerträgliche verfdiärft werden. Diefe Glcichheitsgrundfätzc äußern ihre 
Wirkung auf allen wichtigen Gebieten. Politifch wird der für das Rheinland 
gänzlidi neue Gedanke der Gleichheit aller vor dem Staate, die Idee des all= 
gemeinen Staatsbürgertums, Tatfache. Die franzöfifdie Juftizreform fchafft 
Gleichheit vor dem Gcfetze und vor dem Gerichte. Steuerpolitifdi herrfcht 
grundfätzlich die Gleichheit vor der Abgabe. Die politifdien und gefellfchaft= 
liehen Folgen der konfeffionellen Verfdiiedenheiten werden befeitigt. Ver» 
mittels der am Rheine proviforifch fchon am 14. Januar 1795 (25. Nivofe III) 
eingeführten obligatorifdien Zivilehe werden auch auf dem Gebiete der Ehe= 
fchließung (wie der Ehefchcidung) gleiche Bedingungen für alle gefchaffcn. Alle 
diefe Gefetze bleiben nicht auf dem Papier, fondern fie werden wirklich durch= 
geführt. Die Franzofen vermögen ihren Gefctzen in ganz anderer Weife Ge= 
horfam zu verfchaffen als ihre rheinifchen Vorgänger. 

Und mit den Gleidiheitsgrundfätzen verbindet fich audi nodi unter Na» 
poleon die Neigung der franzöfifdicn Verwaltung zur Emanzipation, zur maß= 
vollen Weiterbildung der zur Unnatur verfälfchten republikanifchen Freiheit. 
Das zeigt fich befonders auf wirtfchaftspolitifdiem Gebiete. Jahrhunderte alte 
Fcffeln werden gelöft. Neue Kräfte werden entbunden. Freilich werden audi 
altererbte Schranken konferviert und nodi häufiger von den Franzofen neu auf= 
geriditet. Befonders auf diefem Gebiete werden die Mißgriffe der fremden 
Verwaltung in der letzten Zeit deutlidi fühlbar. 

Diefe allgemeinen Beobaditungen follen im folgenden näher begründet 
werden, zunächjt für die beiden widitigften räumlidien Verwaltungsgebiete: 
die Departements und die Gemeinden (Städte), dann für einige fachliche Ver= 
waltungsgcbiete: die Juftiz, das Steuer= und Heerwcfen und die Sozialpolitik. 
Dagegen wird die Wirtfchaftsverwaltung erft im Zufammcnhange mit dem 
Wirtfchaftsleben im zweiten Kapitel befprodien. 

Departementsverwaltung. Durdiweg ohne Rückfidit auf die hijto» 
rifchen Grenzen wird das Rheinland feit dem 23. Januari798(4.Pluvi6feVI)in vier 
Departements zerlegt. Von diefen liegen fa(t ganz auf dem Boden der heutigen 
Provinz das Roerdepartement mit der Hauptftadt Aachen und das Rhein=Mofels 
departement mit der Hauptftadt Coblenz. Das Saardepartement mit der 
Hauptftadt Trier greift nach Süden über die heutige Provinzgrenze hinaus. 
Das Donnersbergdepartement mit der Hauptftadt Mainz liegt außerhalb der 
heutigen Provinz, kann jedodi im folgenden nicht ganz beifeitc gelaffen werden, 
da es zu den vier im befonderen Sinne „rheinifchen'' Departements gehört, 
die von der franzöfifdien Verwaltung fa[t (tets als eine Einheit behandelt werden. 



4 I. J. Hashagen, Die Rheinlandc beim Abschlüsse der französischen Fremdherrschaft a 

Einige Gebiete an der rheinifchen Weftgrenze und auf der Eifel gehören zu drei 
belgifchen Departements, zum Niedcrmaas=, Ourtc= und Wälderdepartement. 
Von Süden her greift das lothringifche Mofeldepartement auf die heutige Provinz 
hinüber. Von den feit 1808 organificrten bergifdien Departements kommen 
für die Rheinprovinz das Ruhr=, Rhein= und Siegdepartement in Betracht. 

Das verwaltungsredithdie Wefen des franzöfifdien Departements, wie es 
in dem grundlegenden napoleonifchen Verwaltungsgcfetze vom 17. Februar 1800 
(28. Pluviofe VIII) hervortritt, wird am Rheine ebenfo deutlich fichtbar wie 
im eigentlichen Frankreich. Abfchwächungen, die der rheinifchen Verwaltung 
der Franzofen fon(t keineswegs fehlen, find hier kaum zu beobachten. Das 
Hauptwerkzeug der napoleonifchen Verwaltungszentralifation, die die hier nidit 
zu behandelnden mißglüditen Dezentralifationsverfuche der älteren Republik 
mit Erfolg verdrängt, i(t auch am Rheine der Präfekt. Nadi dem Vorbilde des 
Intendanten des Ancien Regime ein einziger Beamter, tritt er an die Stelle der 
zumeift kollegial organifierten Obcrverwaltungsbehörden des alten Rheinlands 
und auch der älteren franzöflfdien Republik. Der Präfekt iß: nach oben zwar 
zu (triktefter Unterordnung unter die Mini(ter vcrpfliditet (il releve de tous 
les ministres), befonders unter den Mini(ter des Innern, und gegen einen 
Druck von oben fchon als einziger Beamter viel weniger widerjtandsfähig als 
ein Kollegium. Aber zur Seite und nach unten i(t der Präfekt durch keinerlei 
konkurrierende Nebenbehörden mehr gehemmt, fondern mit weiteftgehendcr 
Amtsgewalt ausgeftattct. 

Der Unterpräfckt an der Spitze des Arrondiffements ijt kein Präfekt in 
verkleinertem Maßftabe, fondern nur der ganz unfelb(tändige Gehilfe des 
Präfekten, weshalb er fich im Arrondiffcment der Departementshauptftadt 
auch meiftens erübrigt. Der IVlaire i(t nicht der Untergebene des Unter= 
präfekten, fondern des Präfekten. Der aus befoldeten Beamten beftehende 
Präfckturrat hat in der Verwaltung nur beratende Stimme. Er ift zwar auf^er* 
dem auch noch für die Verwaltungsgerichtsbarkeit zuftändig, aber nur unter 
dem entfcheidenden Vorfitze und außerdem unter der weitgehenden Kon= 
kurrenz des Präfekten. Auch die perfönliche Zufammcnfetzung und die fachliche 
Zuftändigkeit des Departements» oder Gencralrates (unten S. 5) ift fo gcftaltet, 
daß auch er zu einem Werkzeug in der Hand des Präfekten herabfinken kann. 

Es ift klar, daß in diefem Sy(tem auf die Auswahl der Perfonen viel 
mehr ankommt als in dem altrheinifchen Kollegialfyftem, wo fich leicht der 
eine Beamte auf den anderen verläßt. Das Werturteil über die rheinifdie 
Departementsverwaltung der Franzofen wird deshalb vor allem von der Aus» 
wähl der Perfönlichkeiten der Präfekten abhängen. Da nun auf dem linken 
Rheinufer im Gegenfatze zum Bergifchen Lande fa(l ausnahmslos Franzofen 
an die Spitze der Departements berufen werden, fo beftcht die Möglichkeit 
durchaus, daß diefe von den Eroberern getroffene einfeitige Auswahl die Inter« 
cffcn des Landes aufs fchwerfte fchädige. Allein fie ift nur in fcltenen Fällen 
eingetreten. Meiftens haben die Franzofen vielmehr die günftige Wirkung 
einer größeren Einheitlichkeit in der Verwaltung dadurch noch gefieigert, daß 
fle die weitgehenden neuen Vollmachten im allgemeinen in würdige und in 
reine Hände gelegt haben. 

Männer wie Lezay-Marn6sla Im Rhein-Mo feldcpartemcnt (1806—1810), 
fpjiter Im Niederrheindepartement (Untcrelfaß), und Jeanbon-St.-Andr^ im 
Donnersbergdcpartcmcnt (1802—1813) haben fidi trotz ihrer franzöfifdicn 



I. Die Verwaltung: Departementsverwaltung 



Herkunft allgemeiner Beliebtheit erfreut. Mit großer Anpaffungsfähigkeit 
find fie auf die Wünfche des Landes eingegangen. Befonders Lezay-Marncsia 
liebt es, feinen rheinifchcn Untergebenen gegenüber einen väterlich-wohl= 
wollenden Ton anzufchlagen. In ihrem ganzen Auftreten erinnern dicfe Prä= 
fekten noch oft an die Klcinfürftcn des aufgeklärten Abfolutismus. Bauern, 
die fich der Landesmelioration widerfetzen, läßt Jcanbon-St.- Andre einfperren. 
Aber dann klärt er fie höchft perfönlidi über ihre wahren Intereffen auf. Zu= 
gleich lebt in diefen befähigten Gcfchäftsmännern der Arbeitsfanatismus, der 
die napoleonifdie Verwaltung groß gemadit hat. Der Schatten Napoleons i(t 
immer hinter ihnen. So fchildcrt es Beugnot. Von dem Mainzer Präfekten, 
einem alten Jakobiner, fagt er mit Recht: travailleur infatigable, admini= 
strateur toujours pret, scverement juste sans acception de parti. Diefe franzö= 
fifdien Oberbeamten können aber, keine fchlediten Vorbilder für die fpäteren 
preußifchen Oberpräfidenten, ihre Fähigkeiten zum Heile des Landes nur ents 
falten, weil das franzöfifche Verwaltungsredit ihnen — trotz aller minifteriellen 
Bevormundung — nad» der Seite und nach unten den nötigen Spielraum läßt 
und ihnen zugleidi die nötigen Zwangsmittel an die Hand gibt, ihren Befehlen 
Gehorfam zu verfchaffen, und weil fie felbft als Ehrenmänner und (tarke Charak= 
terc von ihrer diktatorifchen Amtsgewalt einen weifen Gebrauch machen. 

Im Roerdepartement i|t der Eindruck deshalb vielleicht weniger günftig, 
weil hier der Präfekt fünfmal gewedifelt hat (N. S. Simon 1800—1802, A. E. 
Mcchin 1802—1805, Laumond 1805—1806, fpäter gleichfalls im Unterclfaß, 
A. Lameth 1806—1809, J. Ch. F. de Ladoucette 1809—1814). Aber auch unter 
den Roerpräfekten haben fich die mei(ten als hervorragende Beamte einen 
Namen gemacht. Dem er(ten, Simon, ift 1811 fogar ein Denkmal gefetzt worden. 
Der letzte, Ladoucette, freilich fteht fchon zu fehr im Dienfte der rückfichts= 
lofcn Franzöfierungspolitik der Spätzeit. Noch weniger wird man fidi mit dem 
fpäteren Präfekten Jules Doazan im Rhein=Mofeldepartement befreunden, der 
vielmehr den „Pafchas" der Direktorialzcit nachftrebt. Aber das find feltene 
Ausnahmen. Die Saarpräfekten (Ormcdiville und Kepplcr) ftehen fchon 
wieder auf höherer Stufe. 

Die Unterpräfekturftellen werden im Gegenfatze zu den Präfekturen 
häufig mit Rheinländern oder wenigftens mit Deutfchen befctzt. Sie haben es 
verftanden, dies Amt trotz feiner verwaltungsrcchtlidien Inferiorität mannig= 
fadi zu beleben und find ebenfo wie die anderen deutfchen Hilfskräfte der 
Franzofen rafch in die neue Verwaltung hineingewachfen. 

Das Syjlcm diefer Verwaltung i(t bureaukratifch=diktatorifdi. Zwar gibt es 
in den aus den Hödiftbejteuerten gewählten (unten S. 20) Departements» oder 
Generalräten und in den Arrondiffementsräten aud» „Vertretungen" der Ver= 
walteten. Der Departementsrat ift im Gegenfatze zum Präfekturrate, dem 
Organe der unmittelbaren Staatsverwaltung, wie fchon der Name andeutet, 
ein aus unbefoldeten Ehrenbeamten zufammengefetztes Organ der mittelbaren 
Staatsverwaltung, der Selbjtvcrwaltung. Beim Departementsrate kommt es 
aber wie bei allen napoleonifdien „Vertretungen'' mehr auf die formale als auf 
die fachliche Zultändigkeit an. Die formale Zujtändigkeit ift geringfügig; denn 
der Departementsrat kann nur Refolutionen, aber keine Bcfchlüffe faffen; er 
hat nur beratende Stimme; tritt er als Verwaltungsbehörde auf, fo konkurriert 
mit ihm der Präfekt (Dekret vom 9. April 1811). überdies verfammelt fich 
der Departementsrat nur für vierzehn Tage im Jahre. Auch wegen feiner 



6 1. J. Hashagen, Die Rheinlande beim Abschlüsse der französischen Fremdherrschaft a 

Zufammenfetzung (unten S. 20) kann er als fclbftändiges Organ gegen den Prä= 
fekten nur fchwcr auftreten. 

Immerhin befitzt er eine nicht unbedeutende fadilidie Zuftändigkcit. Sic 
erftreckt fidi auf die Umlegung der direkten Repartitionsfteuern (unten S. 16) 
des Staates auf die Arrondiffements und auf die Veranlagung zu den De= 
partcmentsfteuern. über die Gemeinden übt er ein gewi^es Auffiditsrecht 
aus. Die Redinungsablage des Präfekten nimmt er an. Die fich (tändig er= 
weiterndc departementale Finanzverwaltung, die fpätcr fogar für die Gehälter 
des Unterpräfekten und der Geriditsbcamten aufkommen muß, unterjteht 
feiner Leitung. Vor allem befitzt er ein weitgehendes Petitionsredit. Er 
foll die Wünfdie der Bevölkerung der Zentrale übermitteln und der Regierung 
auch über die allgemeine Lage des Departements die nötigen Auffchlüffe geben. 
Im Hinblick auf den Departementsrat heißt es in den Motiven zum Pluviofe« 
gefetz: „Es i(t einer Regierung, welche Gerechtigkeit und Freiheit liebt, 
daran gelegen, zu erfahren, was allgemeiner Wunfeh fei, und befonders die 
Kenntnis diefer Wünfdie aus ihrer wahren Quelle zu fchöpfen; denn die 
Unwiffenheit i(t in diefer Hinficht ein größeres Übel als Fehlgriffe.'' 

Während der proviforifdien preußifchen Verwaltung wird an dem fran= 
zöflfchcn Präfekturfyftem nodi nichts geändert. Die Präfekten heißen jetzt 
Gouverncmentskommiffare, weil fie nicht mehr vom Parifer Mini(terium, 
fondern von dem Aachener Generalgouverneur reffortieren, während die Unters 
präfekten ebenfalls nur den Namen ändern: fie heißen jetzt Kreisdirektoren 
(Arrondiffement = Kreis). Dagegen werden die Departements= und Arrondiffe= 
mentsräte in diefer Form bereits jetzt befeitigt, und zwar mit der Begrün= 
düng, daß fie „unter franzöfifchem Despotismus ohnedies zu bloßen Formen 
herabgewürdigte Inftitute" gcwefen feien. An ihre Stelle tritt eine „Landes« 
deputation" an der Zentrale, die jedoch die proviforifche preußifdie Verwaltung 
nicht überdauert. Sie bringt aber eine bezeichnende Richtung der preußifchen 
Vcrwaltungspolitik fchon vor 1815 zum Ausdruck: die Departements zu 
größeren Komplexen zufammenzufaffen. Trotz ihrer kurzen Dauer hat die 
proviforifche preußifdhe Verwaltung am Rhein ausgezeichnete Lei(tungen auf» 
zuweifen. An der Spitze [tehen zwei Männer aus der Sdiulc des Freiherrn 
von Stein, die die fchwere Aufgabe der erften Angliederung herzhaft und 
fchwungvoll und dodi mit Verftändnis für rhcinifchc Eigenart in Angriff 
nehmen: Johann Augu(t Sad< aus Clcvc als Generalgouverneur vom Nieder» 
rhein, fpäter vom MitteU und Niederrhein, und Ju(tus Grüner aus Osna- 
brück als Generalgouverneur vom Mittclrhein, fpäter von Berg; Sack ein 
vortrefflicher altpreußifchcr Beamter, Grüner einer der leidenfchaftlichften 
Agitatoren für die Erhebung Deutfchlands gegen Napoleon. — 

Die franzöfifche Departementsordnung hat für das moderne Rheinland 
nur noch hi(torifches Intereffe; denn fie i|t durdi die preußifche Verwaltungs» 
Ordnung vom 30. April 1815 völlig befeitigt worden. Damit verfchwinden 
zunäch(^ auch die napoleonifchen „Vertretungen". Bis 1823 gibt es keine Organe, 
um die Wünfche eines eng begrenzten Teiles des Volkes wenn auch ganz 
unverbindlich zum Ausdruck zu bringen. Daran und an die allgemeine „Volks» 
Vertretung" an der Zentrale denkt Hanfcmann, wenn er in feiner Schrift 
„Preußen und Frankreich" (2. Aufl. 1834) von den „polltifdien Rechten" der 
Rheinpreußen nidit ohne Bitterkeit fagt: „Scibß: unter der Herrfchaft eines 
fremden Volkes und eines Despoten find dicfe Rechte grundfätzlich noch er» 



I. Die Verwaltung: Kommunalverwaltung 



wcitcrt worden und tatfädilich nicht ganz untergegangen; crft nachdem die 
Rhcinlande nadi dem Sturze Napoleons preußifdi wurden, gibt es in denfelben 
kein politifchcs Recht mehr/' 

Kommunalverwaltung. Von der lediglich hiftorifchen Bedeutung der 
franzöfifchen Departementsordnung hebt fich die Gegenwartsbedeutung der 
franzöfifchen Gemeindeordnung deutlidi ab. Und doch i(t die Gemeinde= 
Ordnung mit der napoleonifchen Departementsordnung durchaus verwandt, 
zwar nicht in ihrer urfprünglidien revolutionären, dezentralifierten Geftalt 
vom 14. Dezember 1789, in der fie ähnlich wie die damalige Departements» 
Ordnung einem demokratifchen Kollegialprinzip huldigt und Kollegien (am 
Rheine allerdings unter Aufficht eines Direktorialkommiffars) an die Spitze 
der Gemeinden bringt, womit fle aber vielfach nur die berüchtigte Munizipali= 
tätenanardiie heraufführt, — wohl aber in der für das Rheinland fpätcr allein 
maßgebenden napoleonifchen Form vom 17. Februar 1800 (28. Pluviofe VIII), 
die wieder an das vorrevolutionäre abfoluti(tifche Frankreidi anknüpft. Napoleon 
erfetzt das demokratifche Kollegium an der Spitze der Gemeinden (corps 
municipal, municipalitc) im Geifte der Departementsordnung durdi einen 
einzigen Gemeindevor(l;eher, den Maire. An ihn gehen die beiden Funktionen 
der älteren Munizipalität über: die Funktion als Organ der unmittelbaren 
Staatsverwaltung und als Organ der Selbftverwaltung. Daß der Maire auch 
in der napoleonifchen Gcmeindeverfaffung nodi Organ der Selbftver= 
waltung bleibt, kommt darin zum Ausdruck, daß er vom Staate keinen Gehalt 
bezieht, fondern fein Amt nur als Ehrenamt bekleidet, ganz im Sinne des 
älteren Begriffs der Selbltverwaltung, eine Tatfadie, die die Verwaltungsarbeit 
der Franzofen am Rheine praktifch natürlidi erfchwert, weil das Fehlen des 
Gehaltes zufammen mit dem Mangel an den erforderlidicn franzöfifchen Sprach» 
kenntniffen die Zahl der Mairiebewerber herabmindert und die Zahl der Ver» 
legenheitsbefetzungen vermehrt. Auch gewaltfame Befetzung von Munizipal» 
ämtern find wenigftens in republikanifdier Zeit nidit feiten. 

Dodi darf man den verwaltungsrechtlichen Doppelcharakter des Maire= 
amtes nicht überfchätzen. Von einer Parität der beiden Funktionen ift nidit 
die Rede. Vielmehr i(t das Pluviofegefetz im Gegenfatz zur revolutionären 
Gemeindeverfaffung mit Erfolg bemüht, den zentrali(tifch=bureaukratifchen 
Charakter des Maires als eines unmittelbaren Staatsbeamten weit fdiärfer zu 
betonen. Zwar ifl; er und nicht ein befonderer Beamter der Zentrale noch 
Träger der Polizeigewalt, aber nicht mehr wie die ältere Munizipalität als 
Organ der Selbftverwaltung, fondern — und das gilt auch für feine ftandes» 
amtlidien Befugniffe — als Organ der unmittelbaren Staatsverwaltung, und 
das heißt in den mei(ten Fällen als Organ der Präfekten, worüber diefe in einer 
Mini|terialin(truktion vom 22. Oktober 1812 nähere Anweifung erhalten. Die 
Polizeigewalt des Maires kann dann leicht durch einen vom Maire unabhängigen 
Staatsbeamten ganz übernommen werden. Während die vom Pluviofegcfetze 
für Städte über 5000 Einwohner vorgefehencn Polizeikommiffare dem Maire 
unterftellt find, erhält z. B. Köln durch Dekret vom 10. September 1805 
(23. Fructidor XIII) einen Generalpolizeikommiffar als ftaatlichen Beamten. 

Man kann den Maire zwar nidit auf eine Stufe mit dem Unterpräfekten 
(teilen. Denn im Gegenfatze zum Unterpräfekten befitzt der Maire eine eigene 
Zuftändigkeit. Der Maire ift nicht einfach nur der Gehilfe des Präfekten, aber 
er i(t ihm völlig untergeordnet, fo wie diefer den Minijtern. Er kann nicht 



8 I. J. Hashagen, Die Rheinlande beim Abschlüsse der französischen Fremdherrschaft □ 

mehr als Beamter einer echten Selb (tver waltung bezeidhnet werden, weil feine 
Verantwortlichkeit nach unten, der Gemeinde gegenüber, vor feiner Verant» 
wortlichkeit nach oben völlig verfchwindet. 

Der Parallelismus zwifchen Departements= und Gemeindeordnung reidit 
aber nodi weiter. Dem Unterpräfektcn entfpricht der Beigeordnete, der Ad= 
Joint, und der Departementsrat hat im Munizipalrat fein Gcgenbild. Der 
Mairc i(t innerhalb der kommunalen Beamtcnfchaft nicht der primus intcr pares, 
fondern ein „kleiner König'', Die Beigeordneten find nicht feine Kollegen, 
fondern feine Gehilfen. Wie die Unterpräfekten befitzen sie nur abgeleitete, 
delegierte, keine eigene Amtsgewalt. Der Gemeinderat i(t theoretifch Organ 
der Selbftverwaltung wie der Departementsrat. Während aber diefcrnoch aus 
einer Art Wahl (unten S. 20) hervorgeht, wird der Gemeinderat ebenfo 
wie natürlich der Mairc einfach von der Regierung ernannt. Eine Mitwir= 
kung der Gemeinde bei der Bildung des Gemeinderates i(t zunächft ganz aus- 
gcfchloffen und feit dem Dekret vom 4. Auguft 1802 (16. Thermidor X) 
für größere Gemeinden über 5000 Einwohner nur in Form der Nomination 
aus den Höchftbefteuerten, nicht einer wirklichen freien Wahl zugelaffcn. 
Die Zuftändigkeit des Gemeinderates i(t begrenzt. Sie erftreckt fich im 
wefcntlichen nur auf Rcdinungsprüfung und Kontrolle der Verwaltung der 
direkten und indirekten Gemeindefteuern (centimes additioneis und octroi 
municipal) und des Gemeindeeigentums. Allerdings unterliegen auch An= 
leihen und neue Steuern feiner Genehmigung. Das wichtigß:c Recht, die 
Mairewahl, fehlt ihm gänzlich. Er verfügt durchweg nur über beratende 
Stimme. Er darf nur höchftcns vierzehn Tage im Jahr tagen. Außcr= 
ordentliche Tagungen können nur durch den Präfekten berufen werden. Der 
Präfckt des Saardepartements fchärft feinen Maires in einem Rundfehreiben 
vom 28. Mai 1804 (7. Germinal XII) die beiden letzten Bcitimmungen bcfon- 
ders ein und erklärt bei diefer Gelegenheit, daß zu häufige Gemeinderats= 
verfammlungen geeignet feien, „de denaturcr Ics institutions". Der Gemeinde^ 
rat finkt zu einer Sdieinvertretung herab. Alle anderen felbjtändigen Kollegien 
aber, die in der altrheinifchen Stadtverfaffung neben dem Bürgermei(tcr 
erfcheinen, werden befeitigt. 

Die Folge von dem allen für die Stellung des Maires i(t ähnlich wie beim 
Präfekten. Der Maire ift, da Beigeordnete und Gemeinderat gegen ihn nicht 
aufkommen können, mit einer Art diktatorifcher Gewalt ausge(tattet. Die 
praktifche Wirkung diefer Gemeindeordnung i(t deshalb nicht einhcitlidi. 
Neben allen fchlimmen hat fie auch gute Folgen : für bedeutendere Perfönlich« 
keiten ift audi hier ein großer Spielraum gelaffen, und diefe Tatfache hat der 
napoleonifchen Gemeindeordnung oder, wie man dann fpäter fagt, der rhci« 
nifchen Bürgermci(tereiverfaffung, in den Augen der Rheinländer zu befondercr 
Empfehlung gedient. Die Rheinländer verteidigen nicht nur ihr rheinifdies Recht, 
fondern auch diefe rheinifchc Bürgermeiftereiverfafl"ung mit großer Hartnäckigkeit 

f[Cgen die preußifche Regierung. Der eine Grund für die rheinifche Sympathie 
legt In der diktatorifchen Geflaltung des Maireamtes, in deren Rahmen fich 
Initiative und Schlagfertigkeit gut entwickeln können. Dies bureaukratifch=zentra«» 
lif^ifche Syjtcmwird nach 1815 dem kollegialen derö(ilichen Magi(tratsverfafl"ung 
trotz der dem Of^en bewilligten größeren Selb(^verwaltung vorgezogen. 

Die franzöflfche Gemeindeordnung ift aber nicht nur wegen ihrer bureau= 
kratifch'diktatorifchen Spitze gegenüber der altrhcinijchcn durchweg etwas völlig 



I. Die Verwaltung: Kommunalverwaltung 



Neues, fondern audi wegen ihrer räumlidicn Organifation. Schon die revolutionäre 
Gemeindeordnung befeitigt den verwaltungsrechtlidien Unterfdiied von Stadt 
und Land. Die damit gefchaffene Gleichförmigkeit zu erhalten, liegt im be= 
fonderen Intereffe des napoleonifchen Pluviofegefetzes. Mithin unterfcheidet 
fich nidit nur der franzöfifche Maire vom altrheinifdien Bürgcrmeijter, 
fondern audi die franzöfifdie Gemeinde (oder die befonders infolge der 
Sdiwierigkeit bei Bcfetzung der Maireftellen eingerichtete Samtgemeinde 
als Vereinigung mehrerer, be(tätigt durch Dekret vom 30. Juni 1802, 
n. Messidor X, und fpäter audi auf Berg übertragen) vom altrheinifdien 
Stadtbezirk. Während die altrheinifdie landjtädtifche Vcrfaffung nur für 
ftädtifdie Bezirke gilt, begreift die franzöfifche Stadtverfaffung, die deshalb 
in Wirklichkeit gar keine Stadtverfaffung i(t, fondern eine Gemeindeverfaffung, 
auch das platte Land in fich. Das franzöfifdic Departement zerfällt nicht in 
(tädtifche Mairien und ländliche Kommunen, fondern es zerfällt, abgcfehen 
von den Mittelbezirken der Arrondiffements und der fpäter vcieder aufge* 
hobenen Kantone, nur in Gemeinden. In vielen Fällen fetzen fich dicfc 
Gemeinden infolgedeffen aus ländlichen und ß:ädtifchcn Be|tandteilen zu» 
fammen; viele rheinifdie Städte bilden mit ländlichen Gebieten zufammcn einen 
und denfelb2n Verwaltungsbezirk. Die fchon im alten Rheinlandc hervortrc= 
tende tatfädiliche wirtfdiaftliche Intereffengemeinfdiaft zwifdien Stadt und 
Land — Indup:rialifierung und Urbanifierung des platten Landes madien 
fich fchon lange vor der Franzofcnherrfchaft bemerkbar — erhalten durch die 
republikanifdie und durch die kaifcrliche Gefetzgcbung in gleichem Maße die 
reditliche Weihe. 

Freilich iß: es ein verhältnismäßig ungefährliches Gcfchenk, wenn die 
Franzofen gerade diefe bureaukratifdi=zentrali(tifche Verfaffung auf das platte 
Land ausdehnen. Aber immerhin wird das Land nicht nodi weiter gegen die 
Stadt zurückgefetzt, was fehr wohl möglidi gcwefen wäre. Das i(t eine zweite 
Eigenfchaft, die den Rheinländer für feine Gemeindeordnung einnimmt. Als 
Preußen fpäter eine befondere Verfaffung für die Städte und eine befondere 
für das Land fordert, verwerfen die Rheinländer diefe Wiederher(tellung des 
verwaltungsrechtlidicn Unterfchiedcs zwifdien Stadt und Land, weil fie die 
Landgemeinden nicht wieder zu Verwaltungsbezirken zweiter Klaffe herabs 
drücken laffcn wollen. Auch darin find fie gelehrige Schüler der Franzofen. 

Die Entwicklung des rheinprcußifchen kommunalen Verfaffungslebens 
(teht bis zum Erlaß der rheinifdien Städteordnung von 1856 nodi durchaus 
unter dem Einfluffe diefer beiden bezeidinenden Grundgedanken der fran» 
zöfifchcn Ordnung: der diktatorifchcn Konftruktion des Maircamtes und des 
verwaltungsrechtlichcn Ausgleiches zwifdien Stadt und Land. Und felb(t 
nach 1856 hat fich der erftc Grundgedanke bis zur Gegenwart gehalten. — 

Wie fich aber die Verwaltungsgefchichte nirgends mit der Gefdiidite des 
Verwaltungsrcchtes zur Deckung bringen läßt, wie Reditsordnung und Wirk« 
lidikcit ftcts auseinanderklaffen, fo kann man ein Urteil über die franzöfifche 
Gemeindeordnung befonders vom Standpunkte der rheinifdicn Städte nur 
gewinnen, wenn man einige tatfächlidie und fpeziellere Erfdieinungen der 
rheinifchen Städtegefchichte unter franzöfifcher Herrfchaft berückfichtigt. 

Die Unterdrückung der Selb|tverwaltung durdi das Pluviofegefetz ist in 
der rheinifchen Städtegefchichte um fo mehr als Rückfehritt zu bezeidinen, als 
die ftädtifche Selbftverwaltung vor der franzöfifchen Zeit trotz aller Ver= 



10 I. J. Hashagen, Die Rheinlande beim Abschlüsse der französischen Fremdherrschaft a 

knöchcrung und Korruption und auch trotz aller Bevormundung in den größeren 
Staaten doch mehr als nur Sdicin gewefen war. Das Pluviofegefetz bleibt hier 
hinter den alten rheinifchen Ordnungen weit zurück, von den englifchen und der 
Steinfdien nidit zu reden. Ein regeres kommunalpolitifches Leben kann fidi 
am Rheine unter franzöfifchcr Hcrrfdiaft kaum entwickeln. Andrerfeits i(t 
die Zentralifation der franzöfifchen Gemeindeordnung, die Bevormundung 
des Maires durdi den Präfekten und die Zentrale nicht nur eine verwaltungs= 
rechtlich, fondern audi eine wirtfdiafts= und befonders finanzpolitifch bedenk» 
liehe Tatfachc. Soweit fie zwar das ftädtifche Rechnungswefen einer energifchen 
Finanzkontrolle durdi die Zentrale unterwirft, bringt fie eine deutliche 
Befferung gegenüber altrheinifchem Schlendrian und der Korruption der 
Direktorialzeit. Aber der napoleonifdic Staat geht gegenüber den Koms 
munen dann bald von der Kontrolle zur Ausbeutung über. Er ift nur zu 
leicht geneigt, finanzielle Verpflichtungen des Staates auf die Gemeinden ab« 
zuwälzen, ohne Rückfidit darauf, ob audi nur eine entfernte Möglichkeit dafür 
bcfteht, daß die Gemeinden, wo fie finanziell alle noch mit den bitteren Nach» 
Wirkungen der troftlofen proviforifchen Zeit zu kämpfen haben, auch nur ihren 
eigenen finanziellen Verpflichtungen nadikommen können. 

Zwar hat der Staat felbft durch Gefetz vom 24. Februar 1 800 (5 .Ventofe VIII), 
das am 17. Mai 1809 ergänzt und erweitert wird, wenigftens den Städten ein 
gutes Mittel zur Verbefferung ihrer Finanzen zur Verfügung geftellt, indem 
er allen Städten mit über 2000 Einwohnern, die mit den geringfügigen, für 
kommunale Zwcdte beftimmten Zufchlägcn zu den direkten Staats fteucrn, den 
fog. Zufdilagscentimen (unten S. 17), nicht auskommen können, die Erhebung 
einer indirekten Steuer bewilligt: das Octroi municipal et de bicnfaisance, eine 
Verbrauchsabgabe wie die alte Akzife, die aber die nötigften Lebensbedürfniffc 
freiläßt und außerdem natürlidi auch keine Exemptionen mehr duldet. Dazu 
kommt auch nodi eine ertragreiche Luftbarkeitsfteuer. Wo nun das Octroi 
eingeführt wird, erweift es fich zwar im allgemeinen als Segen. Aber die 
günjtige Wirkung wird wefcntlich dadurch beeinträchtigt, daß feine Erträgnidc 
fchon feit 1802 durdi wiederholte verfchärfte Verordnungen für (taatliche 
und militärifche Zwecke der merkwürdigften Art in Anfpruch genommen 
wurden. Den Gipfelpunkt der finanziellen Knechtung der Gemeinden durch 
den Staat bedeutet die (allerdings nach einer Art von Entfchädigung der 
Gemeinden) angeordnete Konfiskation der Gemeindegüter durch Gefetz vom 
20. März 1813; doch ift das bereits eine Maßregel, die durch den neuen Krieg 
ihre Rechtfertigung findet. Aber auch in ruhigeren Zeiten verfchärft fich die 
Itaatliche Kontrolle der (tädtifchen Finanzverwaltung oft genug zur ftaatlichen 
Leitung im einzelnen. Es heißt dann von den kommunalen Ausgaben wohl 
einfach: Les depenses annuelles sont arretees par le gouvernement. 

Aber nicht nur nach dicfcn unmittelbaren Folgen der Einführung des 
Pluviofegefetzcs beftimmt fich die Lage der rheinifchen Städte unter franzö= 
Qfchcr Herrfchaft, fondern auch nach ihrer vorfranzöfifchcn Vergangenheit. 
Schon daraus ergibt fleh, daß die praktifchc Wirkung der franzöfifchen Kom» 
munalpolitik auf die rhcinifdicn Städte nicht einheitlich gewefen fein kann. 

Diejenigen rheinifchen Städte nämlich, die in der vorfranzöfifchcn Zeit den 
Nerv ihrer wirtfchaftlichen Exiftenz und Blüte wefcntlich in der Tatfache befitzen, 
daß fie Haupt« oder Nebenrefldenzen weltlicher oder geiftlichcr Fürftcn find 
und darüber hinaus keine befondere wirtfchaftlichc Initiative entfalten, gehen 



n I. Die Verwaltung: Kommunal Verwaltung 11 

unter dem neuen Rcgimente natürlidi zurüdt. Werden fie wenig(tcns als De= 
partementshauptjtädte und Sitz fonßiiger widitiger Oberbehörden bclaffen, fo 
1(1 ihre Lage nodi erträglidi, fo bei Mainz (1808: 23 000 Einwohner nadi Nem= 
nidi), Trier (1804: 9000 Einwohner nad» Chaptal) und Coblenz (1808: 10000 
Einwohner nad» Nemnidi). Mainz und Trier erhalten ein Bistum, Trier 
außerdem den Rheinifchcn Appellhof, Coblenz eine Reditsfakultät. Dagegen 
fcheitert die Gründung einer kaufmännifdien Fraditenaflbziation in Coblenz 
zur Umgehung des Kölner Stapels (1800), und die Indu(trie bleibt in allen 
drei Städten ohne größere Bedeutung. 

Andere altrheinifche Refidcnzen aber, die keine fold»e Entfdiädigung cr= 
halten, werden, abgefehen von der Einbuße an Prc(tige, wirtfdiaftlich gefdiädigt, 
fo befonders die alten kurkölnifdien Refidenzen Bonn (trotz des 1807 hier 
erriditeten Lyzeums und der regeren Anfänge von Tcxtilindu(trie in der Spät» 
zeit) und Brühl (trotz der 1807 hier erriditeten Sekundärfdiule). In kurfür(t= 
lidier Zeit i(t ein übcrrafdiend großer Hof» und Beamtenftaat für fie die widi= 
tigfte Verdienftquelle, Diefe wird jetzt verftopft. Dazu kommt die ganz außer= 
ordentlidie Reduktion des gei(tlidien Standes und der Unterrichtsan(talten, 
befonders die Bcfeitigung der Univerfitäten. Was die Franzofen an ihre Stelle 
fetzen, hat, von allem anderen hier abgefehen, nidit annähernd die wirtfdiaftlidie 
Bedeutung wie das zerftörte Alte. Auch Cleve erlebt unter franzöfifdicr Herr= 
fchaft kaum einen Auffchwung, wenn hier audi das geijtlidie Element fdion vor 
der franzöfifdien Zeit mehr zurüdttritt. 

Diefer Gruppe von rheinifdien Städten (teht jedodi eine andere gegen= 
über, die unter den neuen Herren einen fiditlidien Auffdiwung nimmt, wo 
deshalb audi die Sympathien für die Franzofen in Verbindung mit einem 
fchrankenlofen Napoleonkulte am lauteften auftreten und fidi unter preußifdier 
Herrfchaft am längften halten. Zu diefer Gruppe gehören in erß:er Linie 
Aadicn und Düffeldorf. Während Aadien im achtzehnten Jahrhundert trotz 
feiner weltberühmten Bäder zu einer Reidis(tadt zweiten oder dritten Ranges 
hcrabgefunken i(t, erheben es die Franzofen zur Hauptftadt des bedeutendften 
und volkrcichften der rheinifdien Departements, nämlidi des Roerdcpartements, 
das nahezu 700000 Einwohner zählt (Rhein-Mofeldepartement ca. 250000, 
Saardepartement ca. 275000). Aachen wird damit Sitz des Präfektcn und einer 
ganzen Reihe weiterer Oberbchörden des Departements. Kaifer und Kaiferin 
erfdiöpfcn fich in Wohltaten gegen die Stadt. 1804 erhält fie die Befeftigungen 
zur Schleifung überwiefen. Die Franzofen bemühen fidi lebhaft und mit Erfolg 
um die Verfchönerung des Stadtbildes. Im Jahre 1807 wird die Bepflanzung 
des Lousbergcs begonnen. Den Bädern und den fie umgebenden Promenaden 
fowie allen Wohltätigkeitsanftaltcn und nicht zuletzt der Aachener Induftrie 
wird bcfondcrc Aufmerkfamkcit gcfchcnkt. Die Stadt zählt fdion 1802 (Chaptal) 
26 000 und 1804 (Dorfch) 27 000 Einwohner. Ahnliches gilt in etwas geringerem 
Maße für Düffeldorf, das jedoch fchon unter altbergifcher Herrfdiaft zunächft 
als Rcfidenz= und Kunftftadt andere ältere niederrheinifche Städte überflügelt. 
Auch hier i|t die Entfcftigung nach den Leiden der Koalitionskriege eine befon= 
derc Wohltat. Im Gegenfatze zu Köln, der fchon damals ftark hervortritt, ent= 
wickelt Düffeldorf auf dem Rheine eine blühende Rangfahrt nach Holland. 
Für die Zeit der Frankfurter Meffen werden feine Sdiiffe von der StapeU 
pflicht (unten S. 28 f.) entbunden. Freihafen, Handelsvorftand, Anfänge der 
Induftric find Zeichen des Fortfehritts. 



12 I. J. Hashagen, Die Rheinlande beim Abschlüsse der französischen Fremdherrschaft □ 

Ferner nehmen eine ganze Reihe linksrheinifcher Städte an dem all= 
gemeinen, unten S. 36 f. näher gewürdigten Auffdiwung der linksrheinifchen In» 
duftrie teil und bewegen fidi unter franzöfifcher Herrfchaft in auffteigcnder 
Linie. Das gilt befonders von den führenden Plätzen der weftrhcinifdien 
Tcxtil=, Papicr=, Leder= und Mctallinduftric. Dagegen werden die o|t= 
rheinifchen Plätze des Großherzogtums Berg an Rhein, Wupper und Ruhr 
durch die franzöfifche Zollpolitik, wie gleichfalls unten S. -58 f. zu erörtern ift, 
fchwer gefdiädigt. Für einige diefer linksrheinifchen Plätze fei für 1804 eine 
Auswahl von abgerundeten Bevölkerungszahlen nach Chaptal und Dorfch, 
für 1811 nach Nemnich angeführt: 1804 1811 

Düren 3700 4500 

Efchweiler 4800 (1802) 

Stolberg 1 900 2000 

Eupen 6700 10000 

Montjoie 3000 5000 

Malmedy 4700 5000 

Crefeld 7500 10000 

Bei der Stadt Köln endlich ift man im Zweifel, ob man fie zur erften oder 
zur zweiten Gruppe redinen foll. Zur erjten gehört fie wegen der wirt= 
fchaftlidi vielfadi fdiädigenden Wirkungen der franzöfifdicn Zerftörungsarbeit. 
Das äußere Stadtbild verändert fich unter franzöfifcher Herrfchaft ebenfowenig 
wie das der Stadt Mainz zu feinem Vorteil. Zu den zer(törten und zerfallenen 
Kirchen und öffentlidicn Gebäuden kommen andere, die ihren Zwecken völlig 
entfremdet werden. Daß die Stadt Köln ihre alte Rolle als geiltlidie Metropole 
Nordweftdeutfchlands unter den Franzofen nicht wciterfpielen kann, bedeutet 
auch wirtfdiaftlich einen fchmerzhaften Ausfall. Die Bevölkerungszahlen aus 
der franzöfifchen Zeit lehren, daß ein befonderer Auffchwung nicht erfolgt fein 
kann : die Einwohnerzahl 40 000, die im wefentlichen fchon vor der franzöfifdicn 
Zeit erreicht ift, wird nur wenig überfdi ritten. Sie beträgt in runden Zahlen: 
1794: 44000, 1806: 42000, 1813: 47000. Der gut unterrichtete Nemnich 
behauptet für das Jahr 1808, daß ein Gebäude, das in Frankfurt 100 000 Reichs« 
talcr kojte, in Köln fchon für 12 000 zu haben fei. Köln als Handelsftadt geht 
zurück, da die franzöfifche Wirtfchaftspolitik den Handel gegenüber der Indu(tric 
benachteiligt. Diefe letztere jedoch, als Hausinduftric, befonders aber als Fabrik, 
entwickelt fich audi in der Stadt Köln gün(tig, wenn auch nicht fo rafch wie an 
den führenden Induftrieplätzem des linken Rheinufers. Immerhin befchäfa 
tigen die ftadtkölnifdien Fabriken in einem guten Jahre (1804) in 160 Be- 
trieben fchon 6900 Arbeiter, bei einer Produktion von 7I/.2 Millionen Franken. 
Alle Oberbchörden werden zwar, wie fo häufig noch in der preußifchen Zeit, 
aus der Stadt herausvcrlegt oder wenigßiens ihr ferngehalten. Nicht einmal 
ein einfaches Bistum bewilligt man ihr. Aber durch Freihafen und Sicherheits* 
hafen wird wenigftens der Rheinhandel erleichtert. Die Kölner Handelskammer 
endlich forgt immer wieder dafür, daß die Stadt nicht ganz in Vergeffcnheit 
Scrät. 

I u |t Izrcf orm. Unter den rheinifchen Arbeiten der Franzofen gilt die 
)u|^izrcform mit Recht von jeher als eine Großtat. Zur Durchführung zunäch(t 
des Einheitsprinzips (oben S. 2) auf dem Gebiete der Rechtspflege bedarf 
es einer vorbereitenden Maßregel: der Trennung der Juftiz von der Ver- 
waltung. Diefe Trennung war im alten, von vielen mittelalterlichen Reflduen 



I. Die Verwaltung: Justizreform 13 



durchfetzten Rheinlande keineswegs durchgeführt, überall gab es Ver\x/aU 
tungsbeamte, die Recht fprachen, und Richter, die in der Verwaltung tätig 
waren, eine Vcrkoppclung, unter der die in fidi verfdiiedenen Tätigkeiten der 
juftiz und der Verwaltung notwendig leiden mußten. Er(t die franzöfifdie 
Herrfchaft gewährleiftet die Unabhängigkeit der Jujtiz von der Verwaltung in 
einem für das alte Rheinland jedenfalls unerhörten Umfange. Gegenüber einer 
fo zentralifierten und diktatorifdhen Verwaltung wie der napoleonifchen i(t 
diefe Unabhängigkeit wenigftens als Rechtszuftand befonders wertvoll. Die 
revolutionäre Wählbarkeit der Riditer wird unter dem Konfulat abgefchafft. 
Nur die Friedensrichter werden audi nach 1799 nodi gewählt oder wenig(tens 
nominiert. Freilich werden die Verwaltungsbeamtcn gegenüber der Ju(tiz 
privilegiert. Nadi der Konfulatsverfaffung von 1799 können fie nur mit 
Genehmigung des Staatsrates vor ein Gericht ge(tellt werden. 

Die Trennung der Ju(tiz von der Verwaltung i(t die allgemeine organi« 
fatorifche Vorausfetzung der neuen Ju(tizrcform. Ihre Haupttendenz ift die 
der Zentralifation, ihre Nebentendenz ähnlich wie bei der räumlidicn Gc» 
ftaltung der Gemeindeordnung (oben S. 9) die Berückfichtigung der befon» 
deren wirtfchaftlichen und fozialen Bedürfniffe der Rheinlande. Diefe beiden 
Tendenzen machen fich in verfchiedener Weife auf den drei Hauptgebieten, in 
der Gerichtsverfaffung, im Geriditsverfahren und im materiellen Reditc, 
bemerkbar. 

Die ältere republikanifche Gerichtsverfaffung wird durch Gefetz vom 
18. März 1 800 (27 . Ventofe V 1 1 1), gültig am Rheine feit dem 1 . September 1 802 
(14. Fructidor X), befcitigt. Der ln[tanzenweg wird jetzt in folgender Weife 
geregelt. In jedem Arrondiffement gibt es ein Geridit er(ter Inftanz für Zivil» 
und Straffachen. Die Berufung von ihm (fowie von den Handelsgerichten) 
gabelt fidi dann und wird für die Zivilfadien von den Appellhöfen, für die 
Straffachen von den Kriminalhöfen erledigt. Der Appellhof, dcffen Bezirk 
fich über mehrere Departements erftreckt, ift für alle rheinifchen zunädift Trier. 
Am 24. Januar 1804 wird aber das Roerdepartement dem Lütticher Appcllhof 
überwiefen. Die Kriminalhöfe werden in die Dcpartementshaupt(tädtc gelegt. 
Der Parifer Kaffationshof urteilt in dritter Inftanz über alle Berufungsfachen. 

Durch diefe Ordnung wird der buntfcheckige Wirrwarr der altrheinifchen 
Gerichtsverfaffungen, die audi unter dem ftändig unklaren Verhältniffe zum 
Rcichskammergerichte zu leiden hatten, befeitigt. Die Krcuz= und Querfahrten 
der Akten hören auf. Der neue franzöfifdic Injtanzenweg i(t einheitlich und über» 
fichtlich. Die vcrfchiedcnen Rechtsmaterien wie Zivil» und Straf fachen werden klar 
und konfequent an die verfchicdenen Gerichtshöfe verteilt. Unter wiederholter, 
umfaffender Neuordnung des Notariatswefens wird die frciwiHige von der 
[trittigen Gerichtsbarkeit ganz losgetrennt. Einer befonderen Volkstümlichkeit 
erfreuen fich die franzöfifdien Schwurgerichte. Die Gefchworenen werden nach 
Maßgabe des Gefetzes vom 24. März 1800 (6. Gcrminal VIII) aus behördlidi 
gefichteten Liften genommen, von denen die Gciftlichcn ausgefchloffen find. 
Für Bagatellfachen werden fchon in der rcpublikanifdien Zeit die gleichfalls 
fehr beliebten Friedensriditcr eingefetzt, die bis zu einem gewiffen Grade noch 
Juftiz und Verwaltung in fich vereinen. Der von der Revolution befeitigtc 
Anwaltszwang wird unter dem Konfulat in großem Umfange wieder ein» 
geführt, und auch für den fozialen Zufammcnfchluß des Anwaltsftandes 
wird viel geleiftet. 



14 I. J. Hashagen, Die Rheinlande beim Abschlüsse der französischen Fremdherrschaft a 

Die Franzofen haben ferner als die erften am Rhein befondere Gerichte 
für Handels= und Gewerbefachen gefchaffen, deren fegensreidie Tätigkeit all= 
gemein anerkannt worden i(t. Statiftifch tritt fie darin hervor, daß weitaus 
die meiften Fälle durdi Vergleidi erledigt werden. 

Die älteren franzöfifdien Handelsgerichte am Rhein, die 2. T. nod\ den 
Charakter von Handelskammern tragen, werden durch die Verordnungen des 
vierten Teiles des Handelsgefetzbudies von 1808 in reine Handelsgerichte 
(Tribunaux de commerce) verwandelt, deren Mitglieder wie bei den 
Handelskammern (unten S. 34 f.) von den Intereffenten gewählt werden. 
Schon auf Grund des Gefetzes vom 12. April 1803 (22. Germinal XI) werden 
ferner Gewerbegerichte (Conseils de prud'hommes) in Ausficht genommen, 
jedodi am linken Ufer er[t feit 1806, in Berg erft feit 1810 genauer organifiert, 
nämlich in ein Vergleichsbureau (bureau particulier) und in ein Spruchbureau 
(bureau general). Die Gewerbegerichte heißen im Gegenfatze zu den Handels= 
gerichtcn nidit Tribunale, fondern „Räte" (conseils), weil fie auch für die 
Gewerbeverwaltung (Stati(tik, Gewerbeinfpektion, Markenfchutz u. ä.) zu(tän= 
dig find. Gleidiwohl i(t die deutfdie Übertragung „Gewerbegericht" der 
üblidien „Rat der Gewerbeverftändigcn" vorzuziehen. 

Neben den Lichtfeiten bietet aber die franzöfifche Geriditsverfaffung audi 
dunklere Partien. So werden durch Gefetz vom 7. Februar 1801 (18. Pluviofe IX) 
für gemeingefährlidie Verbredien, wie Brandjtiftung, Mord, Diebjtahl, Falfch= 
münzerei befonders auch bei RüÄfälligen und Vagabonden, und für Kollektivs 
verbrechen am 8. September 1802 (21 . Fructidor X) Spezialgerichte eingefetzt, die 
nicht nur aus Berufsrichtern, fondern auch aus Offizieren gebildet werden. 
Politifche Vergehen und Verbrechen gehören nicht ausdrücklich zur Zußiändigs 
keit diefer Spezialgerichte, find ihnen aber in der Praxis vermutlidi audi über= 
wiefen worden. Noch 1847 fchrcibt Meviffen von den Spezialgerichten: „ihre 
furditbare Strenge lebt noch in aller Andenken". Dazu kommen feit dem 
19. Oktober 1810 Zoll(trafgerichte, Douanentribunale (cours prevotales), die 
ohne Berufungsmöglichkeit die anhängig gemaditen Sachen in er(l:er und letzter 
Injtanz entfcheiden. Die überficht über die franzöfifche Gerichtsverfaffung 
wird erfchwert, da ein einheitlidies Gcriditsverfaffungsgefetz nidit erfchienen ift. 

Parallele Reformen werden auf dem Gebiete des Gerichtsverfahrens 
durchgeführt. An der Stelle des geheimen und fdiriftlidicn erfcheint durchweg 
das öffentliche und mündliche Verfahren. Am 1. Januar 1807 tritt der Code 
de procedure civile (Zivilprozeßordnung) in Kraft. Am 1. Januar 1811 folgt die 
Einführung des Code d'instruction criminelle (Strafprozeßordnung), der auch 
kleinere Änderungen in der Gerichtsverfaffung hervorruft. In Berg beginnen 
die Reformen des Prozeßrechtes feit 1808. 

Noch folgenreicher ift die Vereinheitlichung des materiellen Rechtes. 1804, 
1808, 1811 werden der Reihe nach der Code Civil (Code Napoleon), der Code 
de Commerce und der Code P^nal eingeführt und die beiden erften feit 1810 
auch auf Berg übertragen. Die älteren rheinifchen Zuftände auf dem Gebiete des 
materiellen Rechtes richten fleh fchon durch die eine Tatfache, daß überall die 
vcrfchiedcnften Rcchtsfätzc herrfchen. Aber auch davon abgefehcn, wird das 
neue materielle Recht den wirklidien rheinifchen Vcrhältniffen beffer gerecht, 
als das alte, und l(t auch deshalb mit begreiflichem Eifer gegen die zeitweilige 
Felndfchaft der preußifdien Regierung von den Rheinländern, befonders von 
den Juriften, verteidigt worden. Das Handelsgefetzbuch ift wegen feines 



n I. Die Verwaltung: Justizreform 15 

Rechtes der Aktien= und Kommanditgcfcllfchaften höchft bemerkenswert. Am 
Bürgerlichen Gefetzbuche i(t Einfachheit und leichte Verständlichkeit (wegen der 
fparfamen Kafuiftik) oft gerühmt worden. Das harte Strafenfyftcm des Code 
Pcnal hat aber audi am Rheine Kritik wachgerufen. 

Die franzöfifche Juftizreform wäre auch deshalb (tcts in den Mittelpunkt 
einer Betrachtung der franzöfifchen Errungenfchaftcn am Rheine zu rücken, 
weil fie nidit nur eine ausgezeichnete Verwirklichung des Einheits|trebens dar= 
(teilt, fondern auch die in ihrer allgemeinen Bedeutung oben S. 3 bcleuditetcn 
franzöfifchen Glcichheitsgrundfätze verbreiten hilft. Unter Vermeidung aller 
Klaffens und Kabinettsjuftiz foll in Zukunft wenigftens grundfätzlich ohne 
Anfehen der Perfon und des Standes gerichtet werden. Der Gerichtsftand 
ändert fleh nicht mehr nach dem Stande der reditfuchenden Partei, fondern 
nach Art und Höhe des Rechtsfalles. Die bcfondcren Gerichtshöfe, die es 
im alten Rheinlande noch für einzelne Geburts= oder Berufsftände wie den 
Adel oder die Beamten gab, hören auf. Freiiidi werden auch die neuen, 
höch(t mißliebigen Spezialgcrichtshöfe eingefetzt. Aber hinter den allgemein 
beliebten Schwurgericiiten treten fie dodi in den Hintergrund. Diefe haben 
zufammcn mit dem öffentlichen und mündlichen Verfahren bcfonders die 
Aufgabe, die wirkliche Durchführung der allgemeinen Gleidiheitsgedanken zu 
gewährleiftcn. Dabei charakterifiert es die Anfchauung der Zeit, daß der 
Unterfchied zwifdien Laien= und Berufsrid^tcrn, der bei modernen Erörterungen 
über die Sdiwurgerichte mei(t zuer(t betrachtet wird, die Aufmerkfamkeit da= 
mals gelegentlich weniger feffelt, als ein anderer, der zeitgenöffifchen Pfychologie 
befonders geläufiger Unterfdiicd: der zwifdien Verftand und Gefühl. Die 
Jury erfcheint dann nicht fowohl als ein Kollegium von Laienrichtern, fondern 
als der „Richterftuhl des immer unbefangenen Menfchcngefühls". Das i(t der 
Ausdrudt Bocllings bei Eröffnung der Düffeldorfcr Affifen am 6. Juli 1812, als 
er feine Anrede an die Gefchworenen hält. 

Nach allgemeiner damaliger und fpätercr rhcinifdier Überzeugung gehört 
es zu den größten Ruhmestaten des wunderbar vielfeitigen Kaifers, daß er 
der Juftizreform freie Bahn gefchaffen hat. Die fo überaus heilfame und tief« 
greifende Pcrfonalreform, die er als Er(ter Konful in ganz Frankreidi durdis 
führt, kommt auch der Integrität des rheinifdien Riditer= und Anwalts (tan des 
zugute. Die fünf Codes, befonders aber der Code Civil, der nicht umfonft 
den auszeichnenden Ehrennamen Code Napoleon trägt, führen zu einem förm= 
liehen Sympathieverhältniffe zwifchen den rheinifchen Richtern und Anwälten 
und dem Juftizreformator Napoleon. Immer wieder verfichcrn fie ihm, feine 
Gefetze feien größer als feine Waffen. Nodi 1831 fchreibt der im übrigen 
franzofenfeindliche Bonner Nationalökonom P. Kaufmann von den Franzofen 
als Juftizreformatoren : „Sie haben .... den bunten Rock von hundert 
verfchiedenen rheinifchen Gefetzgebungen und Rechtspflegen in ein fdilichtes, 
den Bauer wie den Marfchall umfangendes Gewand zweckmäßig be(timmter 
und gemeinverftändlicher Gefetze verwandelt." Wenn man bald das neue 
franzöfifche Recht, das Gerichtsverfahren und die Gerichtsverfaffung nicht mehr 
als franzöflfch, fondern als rhcinifch bezeidinet, fo liegt darin ein charakteri= 
(tilchcs Werturteil ausgefprochen, das durch die rheinifchc Juftizgcfchichtc des 
neunzehnten Jahrhunderts durchaus beftätigt wird. Erft das fpätere preußifchc 
Strafgefetzbuch und die Rcichsjuftizgefetze haben unter gänzlich veränderten 
Zeitverhältniffen das franzöfifche Gebäude allmählich teilwcifc abgetragen. 



16 I. J. Hashagen, Die Rheinlande beim Abschlüsse der französischen Fremdherrschaft a 

Von den Ausführungsorganen hat die franzöfifdie Polizei am Rheine nidit 
das brutale Ausfehen wie im inneren Deutfdiland. Die „Polizei" wird im Sinne 
des aditzehnten Jahrhunderts nodi vielfach mit Verwaltung gleidigefetzt und 
dann, wie fidi noch zeigen wird, mit der Durdiführung widitiger fozialpolitifdier 
Aufgaben betraut. Soweit fic die Ahndung (trafbarer Handlungen vorbereitet, 
untcr[teht fie gcriditlichcr Leitung als fog. Police judiciaire. Die Arbeit der 
franzöfifchen Gcnsdarmerie wird als befonders verdienjtlich angefehen. 

Steuerpolitik. Die franzöfifchc Verwaltung der Steuern beginnt wie fo 
oft auf anderen Gebieten mit einer heilfamcn Zerltörungsarbeit. Die alt= 
rheinifchen Steuerprivilegien des Adels und Klerus, die man fidi freilich nicht 
als ausnahmslos vorzu(tellen hat, werden befeitigt. Der verderbliche Grund= 
fatz, wirtfchaftlidi Starke auf Grund von Lei(tungen zu fchonen, die fie im 
Mittelalter wohl erfüllt haben, die aber im achtzehnten Jahrhundert mei|t 
lange in Vergeffenheit geraten fmd, wird aufgehoben. Neue Katafter und 
Grund(teuerrollen forgen für die Befeitigung Jahrhundertc alter Ungleichheiten 
und Ungerechtigkeiten. Man fucht die Steuern nadi den wirklichen wirt= 
fchaftlichen VerhältniHcn zu verteilen. Die grundfätzlich gleidie Verteilung 
aller La(ten bedeutet fowohl [teuerpolitifch wie fozialpolitifch einen unleug= 
baren Fortfeh ritt, mögen diefe im einzelnen noch fo fdiwcr gewefen fein. 

Das Rüdtgrat der direkten Staatsß:euern i(l: die Grund(teuer, das Impot 
unique der Phyfiokraten. Die Mängel der franzöfifchen Grundfteuer liegen 
befonders in der Tedinik der Veranlagung. Als kontingentierte Repartitions= 
(teuern, wonach der jährlidi zu lei(l;cnde Steuerbetrag als Paufchquantum aus= 
gefdirieben wird, während die Unterverteilung den Behörden überlaffen bleibt, 
läßt fie der Willkür der Verwaltung einen breiten Raum und führt auf dem 
linken Rheinufer zu beträditlichen Ungleichheiten zwifdien den einzelnen 
Departements und innerhalb der Departements. Dazu kommt der Ubeljtand, 
daß die erft am 27. Januar 1808 befchloffenc Kataftrierungsarbeit unter fran= 
zöfifcher Herrfchaft nicht zu Ende gelangt. Wenn ferner im Bergifchen auf 
den Kopf der Bevölkerung im ganzen ein durchfchnittlichcr Steuerbetrag 
von 36V2 Franken fällt, gegenüber 24^/2 Franken auf dem linken Ufer, fo 
fcheint daran befonders die Grundfteuer fdiuld zu fein; denn gegenüber der 
Abnahme des Kontingents auf dem linken Ufer bemerkt man im Bergifchen 
fa(t bis zuletzt eine Zunahme. 

Als eine Quotitäts(teuer ift die Perfonaljteucr (Vcrmögens(teuer) gün(tiger 
zu beurteilen. Bei ihr wird die Steuerquote bereits im Gefetze felbft angegeben 
und damit dem willkürlidien Einfluffe der Behörden entrückt. Dagegen i(t die 
Mobiliarfteuer, die zeitweilig eine Luxus(leuer einfchließt, wieder Repartitions= 
(teuer und infolgcdeffen der Kalamität ungerechter Veranlagung ausgefetzt. 

Die Gcwcrbefteuer (Patent(teuer), eine Quotitätsabgabe, fetzt fich durch» 
weg aus einer fixen und aus einer proportionellcn zufammen. Die fixe Gewerbe» 
(^euer wird nach Maßgabe eines über 500 Gewerbe forgfältig in Klaffen ein- 
teilenden Tarifs erhoben. Die proportioneile bcfteht aus Vio ^^^ Mietwertes 
der Wohnhäufer, Werk(tätten, Magazine, Fabrikanlagen ufw. Dazu treten feit 
dem Dekret vom 23. Dezember 1806 noch Zufchlägc für die Handelskammern. 
Die lndu(^he fcheint durch diefe Steuer in angemeffener Weife getroffen 
worden zu fein. 

Zu diefen direkten Steuern, die mit Ausnahme der rohen Mobiliar« 
(teuer noch bei Vertretern moderner Finanzwi(Tenfchaft Beifall gefunden haben. 



D I. Die Verwaltung: Steuerpolitik 17 

gehört auf dem linken Ufer endlidi die nur fiskalifdicn BedürfnifTcn ent- 
fprungcne, kulturfeindlidie Tür= und Fenfterfteuer, die audi infolge ihrer 
Verwandlung aus einer Repartitions= in eine Quotitätsfteuer am 3. Mai 1802 
nidit beliebter wird. Eine Einkommens oder eine Kapitalrentenftcuer find 
nidit vorhanden. 

Sämtlidie direkten Staats(tcuern find überdies mit Zufchlagscentimcn 
(Centimes additionnels) verfehcn, die vornchmlidi für die Zwed<c der 
Departements= und Gemeindeverwaltung, aber audi für Straßen, Deidie und 
Kanäle des Staates u. ä, erhoben werden. Theoretifdi foll zwar durd» die hödi(t 
fpezialiflerte Zwedibeftimmung der Zufatzcentimen fidicrgcltellt werden, daß 
[le nidit zu anderen Zwcd<en verwandt werden. Das gefdiieht aber bei dem 
Egoismus des franzöfifdien Staates und der Militärverwaltung gegenüber 
den niederen Verwaltungsstellen dodi mehrfadi, und darin liegt wohl der 
Hauptgrund für die (tändige Vermehrung der Zufatzcentimen, fo daß der Vor» 
wurf, den Hanfemann gegen die franzöfifche Regierung richtet, „daß fie 
unter dem Vorwandc von wirklichen . Departemcntallaften Geld für allgemeine 
Staatszwecke" erhoben habe, nodi neuerdings von fachmännifcher Seite als 
bereditigt hat anerkannt werden muffen. 

Am unerfrculidiß:en ift ein Blick auf die indirekten Steuern der franzö= 
fifchen Verwaltung auf dem linken Rheinufer. In dem (toifreichen, für den 
Geiß; der damaligen Verwaltung höch(t bezeichnenden Handbuche für Maires 
und Adjunkten aus der Feder des kaifcrhchen Prokurators beim Kölner Arron= 
diffementsgerichte (Amtsanwalt) A. Keil, deffen (tattlicher zweiter Band noch 
1814 in dritter Auflage erfchienen i(t, werden zur Beachtung für die (tädtifchen 
Verwaltungen nicht weniger als 17 verfdiiedene indirekte Steuern aufgeführt. 
Unter ihnen befinden fidi nidit nur Steuern auf Branntwein, Wein, Bier, 
Spielkarten, ge(todiene Mufikblätter, fondern auch eine fo unfoziale, fchon 
unter dem Ancien Regime allgemein verhaßte Steuer, wie die am 11. Juni 1806 
eingeführte Salzfteuer, und ferner die von der Republik übernommene, für die 
blühende rheinifche Induftrie ruinöfe Tabakjteuer, die auf Grund des Gefetzes 
vom 29. Dezember 1810 auf dem linken Ufer im Jahre 1811, in Berg 1812 in 
ein Tabaksmonopol verwandelt wird. Im Kampfe gegen das Monopol hat fich 
befonders die Kölner Handelskammer hervorgetan. Dazu kommt eine immer 
mehr in die Höhe gefdiraubte, befonders audi Frachtbriefe und Zeitungen 
treffende Stempelabgabc und das ebenfalls drückende Enregiftrement. Mit 
Ausnahme der beiden letzten Steuern unterliegen die indirekten Steuern feit 
dem 25. Februar 1804 (5. Ventofe XII) der feit 1806 genauer organifierten 
Verwaltung der Droits Rcunis, deren Einführung in Berg jedodi von Beugnot 
verweigert wird. Sd^on die proviforifche preußifche Herrfchaft bringt wcnigftens 
durdi eine völlige Aufhebung der Droits Reunis eine wefcntlidie Erleichterung, 
zieht aber die Zufatzcentimen für den Staat ein. 

Erft neuerdings hat man die Aufmerkfamkeit auf die überrafchcnde Tat= 
fadie gelenkt, daß die franzöfifche Steuerpolitik am Rheine in der Loi relative 
aux dessechements des marais vom 16. September 1807 auch eine Art Wertzu= 
wachsß:euer gefchaffcn hat. Wenn private Befitztümer infolge von neuen Straßen= 
anlagen oder anderen öffentlichen Arbeiten eine merklidie Wcrtfteigcrung 
erfahren: ces proprictes pourront etre chargees de payer une indemnitc, qui 
pourra s'clever jusqu'ä la valeur de la moitic des avantages, qu'elles auront 
acquis . . . 

Die Rheinprovini 181 5 — 191 5. 2 



18 I. J. Hashagen, Die Rheinlande beim Abschlüsse der französischen Fremdherrschaft a 

Hanfemanns Satz: „Die Steuern der Rheinprovinz find unter der prcu» 
ßifchen Regierung in Friedenszeiten höher als unter der franzöfifchen Herr» 
fchaft eines Kriegers" mag in diefer Zufpitzung unhaltbar fein. Eine allge= 
meine Verurteilung der franzöfiftiien Steuerpolitik, wie fie der Zollpolitik 
unftreitig zukommt, \x/äre trotzdem ungerecht. Viele brauchbare Grund* 
gedanken find vorhanden. An Stelle der befcitigten Privilegien der Geburts- 
(tände i(t eine Bevorzugung der wirtfdiaftlich Starken keineswegs hervor» 
getreten. Selbft die Droits Reunis haben den Maffenbcdarf nicht zu erfafl^en 
gewagt. Nidit die Ausbeutung des einzelnen, fondern die Ausbeutung der 
Gemeinden zugunften des Staates ift der dunkle Punkt der franzöfifchen Finanz» 
Politik. Im übrigen hat man es aber der preußifchen Finanzreform von 1820 
wohl nicht mit Unrecht zum Vorwurfe gemacht, daß fie das Gute der franzö= 
fifdien Ordnungen nicht (tärker weiter entwickelt. 

Heeresverwaltung. Drückender als die Steuerla(ten find die Militärlalten 
am Rheine gewefcn. Zwar ift der Blutzoll, der dem Kaifer Napoleon in diefcm 
Grenzlande entrichtet werden mußte, zahlenmäßig genau bisher noch nicht 
ermittelt worden. Daß er aber (tändig und ftetig gewadifen i|t und je länger je 
mehr als unerträglich empfunden wird (im Saardepartement kommt es fdion 
1809 zu kleineren Unruhen), (teht ebenfo außer Zweifel wie feine außerordcnt« 
liehe Verltärkung gegenüber der vorfranzöfifchen Zeit. Gewiß i(t es der leuchtende 
Stern des großen Sdilachtenkaifers, dem audi die Rheinländer trotz ihrer wenig 
militärifdien Vergangenheit willig und begei(tert folgen. Aber er führt fie 
immer häufiger in entfernte, unbekannte Länder, nach Spanien oder nadi Ruß» 
land, oder gegen die eigenen deutfchen Stammesbrüder. Die rheinifchen Zeia 
tungen der letzten Jahre wimmeln zwar von Verordnungen und Stedibriefen 
gegen alle, die fich der Aushebung entziehen oder fahnenflüchtig geworden 
find. Aber Verluftli(ten fucht man in ihnen vergebens. Nidit fowohl die flei» 
gende Militärlajt als folche, als vielmehr die fteigende Gefahr des Dienftes 
macht die Aushebung im Lande verhaßt. Wie verderblich darüber hinaus die 
allgemeine Uberfpannung des Militarismus auf faft alle Zweige der franzöfifchen 
Verwaltung gewirkt hat, kann hier nur angedeutet werden. 

Am 1. November 1811 ergeht ein ausführlicher Erlaß über die Konfkription, 
zugleich über die Nationalgarde und über die Gensdarmerie. Vom Militär« 
dien(t befreit find danach u. a. Empfänger geiftlicher Weihen, Infaffen der 
Militärfchulen und Lehrcrfeminare, kaiferliche Pagen. Entfcheidendcr i|t, daß 
die franzöfifche Hecresverfaffung die Stellvertretung durch Supplcants vor der 
Abmarfchmufterung, durch Rempla^ants beim Regimente felbft zuläßt, wovon 
fie eine Zeitlang nur die Juden ausfchließt. Ob aber diefes plutokratifche, den 
Gedanken der allgemeinen Wehrpflicht illuforifch machende Stellvertretungs» 
syftem der franzöfifchen Konfkription am Rheine wenigftens in den unteren 
Schichten zur Empfehlung gedient hat, darf bezweifelt werden. 

Die R^fractaires werden nicht nur felb(t befiraft, fondern auch ihre Familien 
vermittels Strafeinquarticrung der fogenanntcn Garnisaires, die nicht nur zu 
beköftigcn, fondern auch zu entlohnen find. Bleibt die Maßregel fruchtlos, fo 
treten Erhöhungen der Zahlen der Garnisaires ein, für deren Unterhalt fchlicß» 
lieh fogar die Gemeinden felb(t haftbar gemacht werden. Während die In« 
flruktion von 181t über die Garnisaires fehr ausführlich i(^, wird hinfichtlich 
der fog. Colonnes Mobiles, die mit Auffpürung der R^fractaires und D6fer« 
teurs betraut find, bczcichncndcrwcifc auf Spczialin(truktioncn verwicfcn. 



D I. Die Verwaltung: Heeresverwaltung, Sozialpolitik 19 

Aber trotz dicfcr und anderer Auswüdife und maßlofcr Härten wird die 
Bcgeiftcrung für den Kricgshelden Napoleon und fein fieggewohntcs Heer 
dodi immer wieder angefacht. Mag die Konfkription auch immer fchwerer auf 
dem Lande laften, und mag das Schickfal, dem die Konfkribierten entgegen= 
gehen, auch immer ungewiffer werden: eine für das Rheinland unfchätzbarc 
Errungenfchaft verdankt man diefem Heere. Es hat eine der unerläßlichften 
Vorbedingungen für die auffteigende Entwicklung des linksrheinifchen Wirt» 
fchaftslebens überhaupt erft gefchaffen: den Frieden. Der fich (tetig befe(tigende 
Gedanke, in einem im Innern befriedeten, nach außen anfchcinend unbefieg= 
baren Staate zu wohnen, wirkt auf den rheinifchen Unternehmungsgeift höch(t 
anregend. Der Gegenfatz zu den friedelofen Zeiten der proviforifchen frans 
zöfifchen Verwaltung und auch der vorfranzöfifchen Periode, aber auch der 
Gegenfatz zu anderen Ländern, befonders zum damaligen Deutfchland felbjt, 
i(t zu handgreiflich, als daß er nicht auch dem rheinifchen Gefchäftsleben einen 
immer neuen Anfporn gegeben hätte. 

überdies bedarf es gar nidit diefer allgemeinen Erwägungen, um neben 
den tiefen Schatten auch die Lichtfeiten zu erkennen. Die vielen Heeresdurch= 
züge haben nadiwcislich einen wirtfchaftlich gühftigen Einfluß gehabt. Das 
franzöfifche Heer wird zum Abfatzgebiete für die Erzeugniffe der aufblühenden 
linksrheinifchen Nahrungsmittel», Textil= und Eifenindu(trie. Befonders die 
vom rechten Rheinufer zurückkehrenden franzöfifchen Truppen bringen Geld 
ins Land, da die Auszahlung der Löhnung vielfach erft auf dem linken 
Rheinufer erfolgt. Auch die Schiffahrt hat zeitweife Vorteil davon. Wirtfchaft= 
lieh anregend wirkt audi der kräftig geförderte Feftungsbau, z. B. in Jülidi und 
Wefel, wenn dabei freilich auch Rechtsbrüche genug vorkommen. Nur in den 
crften wilden Jahren der proviforifchen Herrfchaft i(t das franzöfifdic Militär 
ftreckenweife wirklich verhaßt gewefen. Später fdieincn gute Beziehungen 
zwifchen dem rheinifchen Publikum und dem franzöfifchen Militär durchaus 
die Regel gewefen zu fein. Die Förderer des Kaiferkultes find auch die Agita= 
toren für Konfkription und Große Armee. Bis zur Epoche der Leipziger 
Schlacht laffen fldi ihre Spuren noch verfolgen. 

Sozialpolitik. Mitten unter den (tarrenden Waffen verleugnet die fran= 
zöfifche Verwaltung nidit ihren Zufammenhang mit dem aufgeklärten Abfo= 
lutismus der vorangegangenen Periode. Daraus erklärt es fich, daß fich die 
franzöfifche Hcrrfchaft am Rhein auch Verdicnfte um die Anfänge einer Art 
von Sozialpolitik erworben hat. Vor allem wird audi hier eine wichtige äußere 
Vorausfetzung in vollem Umfange er(t von den Franzofen durchgeführt: die 
innere Befriedung des Rheinlandes. Der erfolgreiche Kampf gegen die Land= 
plage der Räuberbanden und den Schinderhannes, der, nadi Verurteilung 
durch das Spezialgericht, am 21. Oktober 1803 in Mainz hingerichtet wird, 
erweift fich für das rheinifche Volk als großer Segen. 

Neben der franzöfifchen Sicherheitspolizei arbeitet ferner die Gefundheits= 
polizei mit entfchiedenem Erfolge. Die Einführung der 1796 entded<ten Schutz» 
Pockenimpfung, die Einrichtung medizinifcher Jurys in den Departements, 
der Vorläuferinnen der preußifchen Provinzialmcdizinalkollegien, die beffere 
Beauffichtigung der Arzteapprobation (Gefetz vom 10. März 1803 19. Vent. XI), 
der Apotheken, des Entbindungs= und Seudienwefens, die neue Organifation 
der Nahrungsmittelpolizei, die Verlegung der Kirchhöfe vor die Tore der Städte, 
die Begründung akademifcher Medizinfchulen, die Bekämpfung der Kur» 

2* 



20 I. J. Hashagen, Die Rheinlande beim Abschlüsse der französischen Fremdherrschaft a 

pfufchcrei, die Bemühungen um mcdizinifdie Volksaufklärung find zwar mciß: 
nicht neue Bc(trebungcn der Franzofen. Das alles findet fich wefentlidi fchon 
im Zeitalter der Aufklärung. Aber das Verdienft der Franzofen Hegt aud» auf 
diefcm wichtigen Gebiete der Volksgefundheit vor allem darin, daß fie vieles 
von dem, was andere nur planen, in die Wirklichkeit umfetzen. 

Bedeutende Verbefferungen werden audi in den Wohnungsverhältniflen 
erreidit, fo durch eine energifdie Bau= und Feuerpolizei, durch Neuregelung 
der Wafferverforgung, der Kanalifation, der Straßenrcinigung und =beleuchtung. 

Auch die Einfdiränkung der gei(tlichen und weltlichen Fejtivitäten bleibt 
nidit ohne heilfame wirtfchaftlich=foziale Wirkung. — Den Leihhäufern [tehen 
die Franzofen fympathifch gegenüber. — Dagegen fdieinen fie die Sittenpolizei 
nur lax gehandhabt zu haben. — Auch der Sozialpolitik kommen die raftlofen 
und erfolgreidien Bemühungen der Franzofen um Statijtik und Kartographie 
zugute. 

Die Medizinalpolizei berührt fich mit der umfaffend organifierten weit» 
lidien Wohltätigkeitspolizei, der Wohltätigkeits= und Spitalkommiffionen 
(bureaux de bienfaisance, des hospices) für die offene und für die gefdiloffene 
Armenpflege. Sie entfalten eine verdien ftlidie Tätigkeit und fdieuen fidi auch 
nicht, Frauen mit beratender Stimme zu ihrer Arbeit heranzuziehen. 

Auf Arbeitslofigkeit und Bettel haben die Franzofen ein fdiarfes Auge. 
Nach Dekret vom 5. Juli 1808 foll in jedem Departement ein Arbeitshaus 
(dcpöt de mendicitc) erriditet werden, das übrigens nicht nur Arbcitsfcheue, 
fondern auch arbcitslofe Arbeitswillige aufnimmt. Für das Roerdepartement 
wird dafür durdi Dekret vom 16. November 1809 die Abtei Brauweilcr zur 
Verfügung geftcllt. Dazu kommt am 19. Januar 1811 ein Dekret über Findcl« 
und Waifenkindcrpflcge. 

Dagegen i(t eine gefetzlidie Arbeiterfürforge im heutigen Sinne (im Gegen« 
fatze zur Veteranenfürforgc) dem patriardialifch=abfoluti(tifdien Gei|te der 
franzöfifchen Verwaltung im allgemeinen fremd. Die „Gewerbeordnung" 
vom 12. April 1803 (22. Germinal XI, vergl. oben S. 14) verbietet fowohl die 
Koalitionen der Arbeitgeber (zum Zwecke des Druckes auf die Löhne) bei 
Strafe von einem Monat Gefängnis, befonders aber die der Arbeiter (zum 
Zwecke der Steigerung der Löhne, des Streiks und des Boykotts) bei Strafe 
von drei Monaten Gefängnis. Jeder Arbeiter hat fidi mit einem Arbeitsbudie 
(livret) zu verfehen, in das feine Befchäftigungen eingetragen werden, und über 
das am 30. November 1804 (9. Frimaire XIII) noch eine befondere Verordnung 
crlaffen wird. Die franzöfifche Arbeiterpolitik befdiäftigt fleh alfo im wefent« 
liehen nur mit der Verhinderung des Kontraktbruchs. Audi die Gefmde» 
Ordnung ift noch ftark patriardialifdi. 

Auch die unter franzöfifcher Verwaltung bewirkte Erniedrigung der Standes« 
fchrankcn darf als eine Art fozialen Fortfehritts betrachtet werden. Die gefcll- 
fdiaftliehen Folgen der napoleonifchen Verwaltung im allgemeinen find jedoch 
mehr plutokratifch-ariftokratifdi als demokratifch. Derjenige Teil des Volkes 
nämlich, dem ein gcwiffer, eng begrenzter Einfluß auf die Verwaltung eingeräumt 
wird, gehört wefentlich zu den Höchftbe[tcucrten. Die Konfularvcrfaffungvon 1799 
hatte zwar die Liften, denen die Regierung die Organe der Gemeinde» und 
Departementsfelb(tvcrwaltung und die „Volksvertreter" für die legislativen 
Körperfehaften an der Zentrale entnimmt, noch an keinen Zenfus gebunden. 
Aber bereits der Scnatsbefchluß vom 4. Aügu(t 1802 (16. Thcrmidor X; vergl. 



D I. Die Verwaltung: Sozialpolitik 21 

oben S. 8) verwandelt diefe freien Liften in plutokratifche, indem er zu ihnen 

mit Ausnahme der Liften für die Friedensriditer und die ArrondilJementsrätc 

nur die Höch(tbe(teuerten zuläßt. Von einem wirklidien Wahlredit kann man 

audi jetzt nidit reden, da die Wahlkollegien für jede zu befetzendc Stelle (tets 

zwei Perfoncn zur Auswahl für die Regierung vorfchlagen muffen und diefer 

außerdem das Redit zu einer Art von Pairsfchub zußieht. Wie es die Mini(l:erial= 

inp:ruktion zum Senatsbefdiluffe deutlich ausfpridit, ift dies Syjtem auf Bevor= 

zugung des Eigentums als „des Bürgen der öffcntlidien Ordnung" eingeftellt. 

Die Motive zum Pluviofegefetz (oben S. 6) fehen in den Verfammlungen der 

„Eigentümer'', d. h. der Hödi[tbc(teuerten, geradezu die einzig wahre Ver= 

tretung der öffentlidien Meinung. Die franzöfifche „Volksvertretung" erweift 

fidi alfo bei genaucrem Zufehen auf allen Stufen der Liftenordnung als eine 

gouvernemental an jeder einzelnen Stelle beeinflußte Notabeinvertretung. 

Die Notabein, die Darmftaedter treffend als „neue gefcllfdiaftlidie Schidit" 

bezcidinet, fmd als napoleonifche Eigentümlichkeit der rheinifchen Gefellfdiaft 

auch für die Folgezeit widitig geworden. 

* * 

* 

Die franzöfifche Verwaltung am Rhein, die zu Beginn des Jahres 1814 
zufammenbridit, i(t eine er(t im Werden begriffene Verwaltung. Man fängt 
eben erft an, fidi häuslich einzuriditen. Da heißt es, aufbrechen. Die Uhr i(t 
abgelaufen. Was find zwanzig oder in Wirklidikeit nur fünfzehn Jahre in der 
Verwaltungsgefdiidite eines Landes? Rcidien fie aus, um die vielen Hinder» 
niffe zu befcitigen, die fidi einer folchcn Verwaltung innerlidi und äußerlidi 
in einem fremden Lande entgegenftellcn? Man brauchte fich nicht darüber zu 
wundern, wenn die Ergebnijfe der franzöfifdien Verwaltung auf den in dicfem 
Kapitel betrachteten Arbeitsfeldern fehr gering wären, heute längft überholt, 
ausgcwifdit durdi eine beifpiellofe moderne Entwicklung. Allein dem i(^ nidit 
fo. Trotz ihrer kurzen Betätigung, obwohl man ihr keine Zeit gelaffen hat, 
ihre Gedanken zu Ende zu denken und in die Wirklichkeit überzuführen, hat 
fie dem Lande wertvolle und bleibende Errungenfchaften vermittelt. Dafür 
werden audh die folgenden Kapitel noch wichtige Beweife bringen, wenn audi 
frcilidi die Sdiatten allmähÜdi immer länger werden und dann, befonders auf 
gewiffen Gebieten des Geijteslebens, wohl überhaupt kein Lidit mehr auf= 
kommen la(fen. 



Zweites Kapitel. 

Das Wirtfchaasleben. 

Allgemeine Charakterijtik. Das günjtige Urteil, das der Rheinländer 
felb(t damals und fpäter fo oft über die franzöfifche Verwaltung feiner Heimat 
gefällt hat, erklärt fich zum großen Teil aus den wirtfchaftlidhen Wohltaten, 
die befonders das linke Rheinufer den fremden Herren zu verdanken hat. 
Doch laufen in den günjtigcn Urteilen über die Franzofen auf diefcm Gebiete 
bereits Übertreibungen mit unter, und mancher tiefe SÄatten wird dann über= 
fehen. Demgegenüber ift ein hiftorifch begründetes Urteil über Vorzüge und 
Nachteile zur Geltung zu bringen. 



22 I. J. Hashagen, Die Rheinlande beim Abschlüsse der französischen Fremdherrschaft n 

Die franzöfifche Wirtfdiaftspolitik, foweit fie von Napoleon am Rheine 
durchgeführt wird, iß: kein einheitliches Gebilde. Sie zeigt fidi vielmehr als 
eine Mifchung älterer merkantiliftifcher und jüngerer phyfiokratifch-libcraler 
Gedanken. Revolution und Kaiferreich wandeln auch hier in den Spuren des 
Ancien Regime. Sie haben aber gegenüber diefem die Neigung, die beiden 
Haupttendenzen zu verfdiärfen und dadurch die Gegenfätze zwifchen diefen 
noch zu (teigern. Einer vielfach liberalen und phyfiokratifchen Gewerbe= und 
Agrarpolitik tritt unter gleichzeitiger (tarker Nachwirkung des aufgeklärten 
Abfolutismus eine teilweife bereits antiliberale Verkehrspolitik und eine sich 
im Kampf mit England verblutende, überaus fcharf protcktioni(tifche Handels» 
politik, beide genützt und ver(tärkt durch den Krieg, gegenüber. 

Diefe Gegenfätze machen fich am Rheine noch deutlicher bemerkbar als 
im inneren Frankreidi. Das Rheinland i|t ein erobertes Land, und es i(t eine 
franzöfifche Grenzprovinz, auch nach Angliederung der rechtsrheinifdien 
Vafallcnftaaten an das Empire. Schon diefe beiden Tatfachen genügen, um die 
merkantiliftifchen Härten der franzöfifchen Wirtfchaftspolitik gerade am Rheine 
befonders deutlich hervortreten zu laljen und außerdem die Franzofen nur um 
fo leichter geneigt zu machen, antiliberale überbleibfel des altrheinifchcn Wirt= 
fchaftslebens zu fchoncn. Während die franzöfifche Verwaltungspolitik auf den 
bisher befprochenen Gebieten unter radikalem Bruche mit der Vergangenheit 
am Rheine eine faft völlige Neufdiöpfung gezeitigt hat, deren volles hiftorifches 
Verftändnis daher auch nicht von den rheinifchen, fondern von den franzöfifchen 
Vorausfetzungen aus möglich i(t, trägt die Wirtfchaftspolitik derfelben rheinifdicn 
Regierung teilweife einen konfervativeren Zug. Häufiger knüpft fie an fchon 
Vorhandenes an, konferviert es entweder ganz oder entwickelt es organifch weiter. 
Die Folge iß;, daß ßch das altrheinifche Wirtfchaftsleben von dem unter franzö= 
ßfcher Herrfchaft nicht fo radikal unterfcheidet, wie das altrheinifche Verwaltungs« 
leben von dem fpäteren franzöfifchen. Was auf wirtfchaftspolitifchem Gebiete in 
der franzöfifchen Periode am Rheine Gutes geleißet worden iß:, können fomit die 
Fremden nicht fo ausfchließlich als ihr Verdienß in Anfpruch nehmen wie auf 
den befprochenen Gebieten der Verwaltung. Dagegen find die fchweren Miß« 
griffe der franzöfifchen Wirtfchaftspolitik nur in Ausnahmefällen auf die un= 
organifche Konfervierung des Alten zurüd<zuführen. Meißens ßammen die 
neuen hohen Schranken, von denen das rheinifche Wirtfchaftsleben plötzlich 
wieder eingeengt wird, nicht aus der altrheinifchen Vergangenheit, fondern 
fie find von Republik und Kaiferreich crft wieder neu aufgerichtet worden. 
Was die auch am Rheine in rafchem Tempo fortfchreitende wirtfchaftspolitifche 
Emanzipation entbindet, wird durch jene alten und neuen Hemmungen wieder 
ftark beeinträchtigt, fo daß von einem glänzenden Auffchwunge des ganzen 
rheinifchen Wirtfchaftslebens unter franzöfifcher Herrfchaft allgemein nicht 
gefprochcn werden kann. Schon die durchaus nicht befonders rafche Volks» 
Vermehrung (im Roerdepartemcnt ßnkt nach Golb^ry die runde Geburten» 
Ziffer von 1807—1808 von 24 500 auf 24 100), die jedenfalls mit den parallelen 
Erfcheinungen in der crftcn preußifchen Zeit nicht wetteifern kann, muß zur 
Verficht im Urteile mahnen. 

Nicht nur die wirtfchaftspolitifchen Anfchauungen der franzößfchen Rc« 

y^ ffierung, fondern auch die der rheinifchen Intereffentcn ßnd oft zwiefpältig. 

^ In feiner Gcfchichte der Kölner Handelskammer hat Schwann anfchaulidi 
befchrieben, wie die führenden Kölner Kauficutc zwar für Freihandel ßnd, 



D n. Das Wirtschaftsleben : Allgemeine Charakteristik 23 

aber zugleich für Aufrediterhaltung des Kölner Stapelrcchtcs, wie fie „die 
polizcilidien und zollpolitifdien Hemmungen des Verkehrs" zwar unermüdlich 
bekämpfen, zugleich aber „Bedenken tragen", „die Schiffer aus der bisherigen 
Bevormundung und Reglementierung zu entla(Ten". Den franzöfifchen An= 
fdiauungen kommen auch auf diefem Gebiete rheinifchc Anfdiauungen bis zu 
einem gcwiffen Grade entgegen. 

Weder auf franzöfifcher nodi auf rheinifdier Seite wird ferner die Hers 
(tellung einer allfeitig ausgleidienden Harmonie der verfchiedenen Wirtfchafts« 
zweige crnfthaft und dauernd crftrebt; fondern die allgemeine Riditung der 
franzöfifchen Wirtfdiaftspolitik führt, wie fleh unten des näheren ergeben wird, 
von fclblt zur Zurückfetzung z. B. des Handels gegenüber der Induftrie. Der 
Zollpolitik muß fidi fchließlidi alles unterordnen. Auch in der Agrar= und 
Verkehrspolitik hinterläßt fie tiefe Spuren, im allgemeinen nicht zum Nutzen 
dicfer Wirtfchaftszweige. 

Dem rheinifdicn Wirtfdiaftsleben fehlt in diefer Zeit endlidi noch oft 
einer der wirkfamß:en Antriebe wirtfchaftlidien Fortfdiritts, nämlidi eine all» 
gemeine, tiefgreifende, rafdie Vervollkommnung feiner technifdien Grunds 
läge. Trotz der lebhaften Förderung der Tedinik durdi die aber auch hier in 
cr(tcr Linie zollpolitifch intereffierte Regierung find in faft allen Zweigen der 
Tedinik die großen grund(türzenden Neuerungen am Rheine jünger als die 
franzöfifchc Periode, obfchon fie damals in We(teuropa, befonders in England, 
mciß: fdion exiftieren. Nidit nur einzelne Erfindungen, wie der Puddelprozeß, 
eine englifche Erfindung von 1784, und die Papiermafchine, eine franzöfifchc 
Erfindung von 1799, bleiben dem damaligen Rheinlandc noch unbekannt, 
fondern auch die Dampfmafchine beherrfcht nur er(t ein ganz kleines Stüd< der 
rheinifchen Technik. In die Textilindu|trie i{t fie zwarfchon eingedrungen. Aber 
die tedinifchcn Fortfdiritte der Textilinduftrie, die allerdings nicht zu verkennen 
find, werden mehr auf die chcmifche Verbefferung der Färberei und auf die 
fon[tige medianifdic Verbefferung der Spinns und Wcbemafchinen zurüdi* 
geführt. Auch im Bergbau find die technifchen Verbefferungen in diefer Zeit 
nodi fo geringfügig, daß fpäter die preußifchen Bergbehörden Mühe haben, 
ihre tcchnifch weiter vorgcfdirittenen Begriffe, z. B. die Befeitigung der runden 
Reifenfchächte durch die viereckigen Schächte auf den linksrheinifdien Gruben 
durdizufetzcn. In der Hütteninduftrie wird außer weiterer Verbreitung des 
Zylindergebläfes tedinifch nicht viel Neues hervorgebradit. Wohl gilt das jedodi 
von der fchon damals vielbewunderten Stecknadel» und Nähnadelinduftrie in 
Aachen. Aber von diefen und anderen Ausnahmen abgefehen, kann es die 
rheinifchsfranzöfifche Indu(trie, fo oft fie es auch behauptet, trotz allen Aufs 
fchwungs wenigftens tcdinifdi mit der gleichzeitigen englifdien nidit aufnehmen. 
Audi die Entwicklung zum Großbetriebe und fon|tige Fortfdiritte in der Be* 
triebsgc(taltung, befonders der Betriebskombination, befinden fidi noch in den 
cr(ten Anfängen. 

Bcrüdifiditigt man fdiließlidi noch cinerfeits die anerkannt beträditliche 
Höhe fdion der vorfranzöfifdien rheinifdien Exportindu(tric auf beiden 
Ufern und andrerfeits die neuen franzöfifdien Hemmungen durch Krieg und 
Douane und befonders durch die fdiwcrc gemeinfranzöfifchc, am Rhein 
allerdings weniger peinlich verlaufende Wirtfchaftskrife, die feit 1810 dem 
militärifchen Zufammenbrjiche des Empire vorarbeitet, fo wird man, ohne 
im minde(ten den Fortfdiritt wenig(tens auf dem linken Ufer hcrabfetzen 



\ 



24 I. J. Hashagen, Die Rheinlande beim Abschlüsse der französischen Fremdherrschaft a 

zu wollen, dodi fclbft auf dem Gebiete der Induftrie nidit nur Vorteile 
fchcn können. 

Von diefen allgemeinen Tatfadien aus find die folgenden Ausführungen 
über Agrar=, Verkehrs«, Handels« und Gewerbepolitik zu beurteilen. Bei dem 
Durdieinanderlaufen der verfdiiedenen Motive i|t das Urteil über Licht und 
Schatten befonders fdiwierig. Audi i(t die Einzelforfdiung auf dem Gebiete 
der Gewerbes und Agrarpolitik noch völlig im Rückftande, während fie auf 
dem Gebiete der Indu[trie= und Handels«, befonders aber der Verkehrspolitik 
fchon weiter vorgedrungen ift. 

Agrarpolitik. Man würde der Bedeutung der franzöfifchen Verwaltung 
für das rheinifdie Agrarwefen nidit gerecht werden, wenn man nur von der 
Landwirtfchaftspolitik im engeren Sinne bcriditete. Die Umgeftaltung der 
ländlichen Eigcntumsverhältniffc fpringt hier vielmehr zunächp: in die Augen. 
Sie hat ähnlidi weitreichende Folgen hervorgebracht wie die Verwaltungs« und 
Jujtizreform, während die franzöfifchen Einflüffe in der rheinifchen Landwirt« 
fchaft im engeren Sinne für die Gegenwart wieder mehr nur hiltorifdies 
Intereffe befitzen. 

Bei der durchaus erträglichen Lage des altrheinifdien Baucrn(tandes, der 
bereits vor dem Erfchcinen der Franzofen die bekannten mittelalterlichen 
Feffeln vielfach abgeßireift hat, kann die Bauernbefreiung, foweit fie wirklidi 
Leibeigenen oder Hörigen zugute kommt, auf dem linken Rheinufer nidit die 
Bedeutung gehabt haben, wie etwa in den ö(tlichen Provinzen des preußifchen 
Staates. Weit größere Umwälzungen werden dagegen offenbar durch die 
Änderungen des bäuerlidien Befitzrechtes hervorgerufen. Hier wird das viel= 
fadi nodi prekäre, ältere bäuerlidic Befitzrecht an der Scholle durch die Fran- 
zofen wefentlidi verbeffert. Dazu kommt die Befeitigung der feudalen und nicht« 
feudalen perfönlichcn und dinglichen La(ten. Die feudalen werden ohne, die 
nichtfcudalen mit Entfchädigung der bisher Berechtigten aufgehoben. Auf 
befondere Anregung Napoleons hat im Jahre 1804 eine Kommiffion von Sachvcr«: 
(tändigen die fdiwierige Scheidung zwifchen feudalen und niditfeudalen Laften 
vorgenommen, worauf die Angelegenheit durch Dekret vom 1. Oktober 1804 
endgültig geregelt wird. Auch fucht der Kaifer den Bauern feit 1806 durdi eine 
(trcnge, teilweife gegen die Juden gerichtete Wuchergefetzgebung aufzuhelfen, 
wenn er auch zu einer wirklichen Organifation des ländlichen Kreditwefens 
nicht vordringt. 

Als die Franzofen fpäter feit 1808 ein ähnliches Werk der Befreiung im 
Bergifchen Lande nur fehr zögernd und unter weitejtgehendcr Schonung des 
größeren Grundbefitzes und Bewilligung zahlreicherer Entfchädigungen durch« 
führen, (toßen fie bei der Bevölkerung auf Widerfpruch und muffen pdi durch 
eine eigens nach Paris entfandte Deputation der bergifchen Bauern fogar an 
die angebliche altgermanifche Agrarfreiheit erinnern laffen. 

Außer fpczicllen agrarpolitifchcn Gefetzen, wie dem über die Abfchaffung 
der Fcudalrechtc vom 26. März und dem über die Abfchaffung der Fidei» 
kommiffe vom 6. Mai 1798, übt auch der Code auf die Umgeftaltung der länd- 
lichen Befltzverhältniffe, befonders mit feinen gleichförmigen, die Sondcr(tellung 
des platten Landes vernichtenden erbrechtlichen Bcftimmungen einen cnt« 
fcheiaenden Einfluß. Freivercrbbarkelt und Freiteilbarkeit des Grundes und 
Bodens dringen gegenüber dem älteren Anerbenrechte überall durch. Die 
Mobilifierung des ländlichen Eigentums, eine Erfcheinung, die am Rheine 



a n. Das Wirtschaftsleben: Agrarpolitik 25 

fchon vor den Franzofen die Zahl der Großgrundbefitzer wefcntlidi cingc» 
fdiränkt hat, macht fidi unter franzöfifcher Herrfchaft immer (tärker geltend, 
zumal da ihr noch eine revolutionäre Maßregel zu Hilfe kommt. Die fran= 
zöfifdie Republik hatte im Jahre 1802 den Grundbefitz der Kirche konfisziert 
(unten S. 47). Aber nur zu einem Teile bleibt er den ftaatlichen Domänen 
einverleibt oder wird er fpäter zu Dotationen für napoleonifche Marfchälle, 
Senatoren, Ehrenlegionäre, Veteranen u. a. verwandt. Ein nodi immer beträcht= 
lieber Teil wird von der Domänenverwaltung nach Maßgabe des Gefetzes vom 
25. November 1802 (3. FrimaireXI) veräußert und nun häufig in kleinen Parzellen 
von Klcinbefitzern angekauft. Im Rhein=Mofeldepartement beläuft fich der Ertrag 
der veräußerten Nationalgütcr allein für die Jahre 1 803 — 1 806 auf 4'/., Millionen 
Franken, im Arrondiffement Cleve für die ganze franzöfifdic Perio(Je auf etwa 
ebenfo viel. Infolge der fteigcnden Finanznot der Regierung find die Verkaufs« 
preife oft fo niedrig, daß die Käufer ein gutes Gefchäft machen. Darf auch 
der Gefamtumfang der Veräußerungen nach den Forfdiungen Paul Kaifers 
nicht überfchätzt werden, fo erhält doch die Zahl der ländlidien Grundeigens 
tümcr durch diefc Veräußerungen einen wefentlichen Zuwachs. Wenn Napoleon 
fclbp: gelegentlich ausgefprodhen hat, daß er von diefer Maßregel eine 
Förderung der Landwirtfchaft erwarte, indem der Verkauf der Nationalgüter 
das Land in das Eigentum der wirklichen Bebauer bringe (les terres sc trou= 
veront dans les mains de v6ritables cultivateurs), fo ift diefe Erwartung durchaus 
beftätigt worden, wenn auch unliebfame Bcgleiterfdieinungen wie die Bildung 
von Anfteigerergefellfdiaften im Saardepartement, die Vergrößerung der länds 
liehen Verfchuldung, die Entwicklung ländlichen Zwergbefitzes — die Allmenden 
follcn nach dem Gefetz vom 29. Februar 1804 (9. Ventose XIV) aufgeteilt 
werden — nicht überfehen werden dürfen. 

Die fonftigc Stellung der franzöfifdien Regierung zur rheinifchcn Land* 
wirtfchaft ift durchaus freundlich. Trotz aller unleugbaren merkantiliftifdien 
Begünftigung der Induftric i(t die franzöfifche Wirtfchaftspolitik von anti= 
agrarifchen Velleitäten weit entfernt. Schon die Nachwirkung der an der Revo» 
lution felbft beteiligten phyfiokratifdien Lehren fiebert der Urproduktion in 
diefer Zeit auch am Rheine eine bcfondcrc Fürforge. Dazu kommen aber 
noch befondere Tendenzen der napoleonifdien Politik, die dem Agrarwefen 
günftig find. Die Unentbehrlichkeit des Bauern für die Wehrkraft empfiehlt 
ihn dem Kaifer am meiften. Auch der handelspolitifche Kampf gegen England 
läßt fich vom Landbau aus führen. Daher die fieberhaft betriebene Ein= 
führung von Kulturen neuer Handelsgewädife, wie der Zudterrübe zur Ver« 
drängung des Zuckerrohrs der englifchen Kolonien, des Waids zur Verdrängung 
des Indigos, des Flachfes zur Verdrängung der Baumwolle. Das lebhafte In* 
tereflc der Regierung für die Schafzucht, wie es fich in der Einführung fpa« 
nifcher Merinofchafe ausfpricht, i(t von dem Gegenfatze gegen denfclben 
englifchen Feind geleitet, während die Beförderung der rheinifchen Pferdezudit 
wieder nicht nur agrarpolitifche Ziele verfolgt, fondern auch die Remontierung 
crleiciitern foll. Rinder= und Schweinezucht treten mehr zurücJ<. Irgend eine 
Art von Fleifchnot braucht fchon deshalb kaum bekämpft zu werden, da die 
untere Grenze des gewöhnlichen Fleifchkonfums damals viel höher liegt als 
heute. Ohnehin hat die fchon vor den Franzofen bemerkbare ZurücJidrängung 
des Körnerbaues durch Wiefen= und Wcidcnwirtfdiaft unter den Franzofen 
weitere Fortfehritte zu vcrzeicJinen. 



26 I. J. Hashagen, Die Rheinlande beim Abschlüsse der französischen Fremdherrschaft d 

Vieles von dicfcn Maßregeln aber führt über die bcfonderen politifdicn 
Ziele hinaus zu einer Steigerung der Intenfität des Landbaucs, ein Vorteil, 
den man angcfidits der großen Bedeutung des ländlidien Kleinbefitzes am 
Rheine am wenigften unterfdiätzen wird. Beaditcns\x/erte Stimmen wollen dem 
Lande ganz allgemein unter franzöfifcher Herrfdiaft überhaupt eine größere 
Blüte zufch reiben als teilweife den Städten. 

Auch dem Tabak= und dem Weinbau haben zwar die Franzofen ihre Auf* 
merkfamkeit zugewandt. Was fie aber audi hier, übrigens nur in Weiter» 
führung älterer günftiger Entwidilungen, etwa geleiftet haben, wird bereits 
durch Zoll= und Steuerpolitik zu einem großen Teile wieder in Frage ge(tellt. 

Am ungünftig(tcn wirkt die Handels« und Militärpolitik auf den Körnerbau 
zurüdt. Die Getreideausfuhrverbote der Franzofen, auf die außer den Kriegen 
auch die merkantiliftifchcn Ideen wirken, bilden eine (tändige fchwere Gefahr für 
den Körnerbau, da die hodientwickelte linksrheinifche Landwirtfdiaft befonders 
im Jülichifdicn und Clevifchcn, überhaupt aber in den drei am Rheine gelegenen 
Departements, weit mehr produziert, als die Bevölkerung verbraudit, fo daß 
fle die Ausfuhr, die fich bis nach England er(tredkt, nicht entbehren kann. Deffens 
ungeaditct i|t in der ganzen republikanifchen Zeit durchweg am Ausfuhr« 
verböte feltgehalten worden. Von 1804—1810 tritt dann zwar infofern eine 
Erleiditerung ein, als die Ausfuhr nur dann unterfagt wird, wenn fich die 
Getreidepreife über eine Maximalgrcnze erheben. Aber 1810 kehrt man, wie 
in dicfer letzten Zeit fo oft, zu der alten härteren Praxis zurück. Dadurdi find 
die Getreidepreife (trotz der gegenteiligen Behauptungen P. Kaufmanns) durch= 
weg auf einem niedrigen Stande gehalten worden. 

Andere allgemeinere Maßregeln bringen aber wieder manche Förderung, 
fo das crnfthafte Streben, unter dem Landvolk landwirtfchaftliche Bildung und 
allgemeine Aufklärung zu verbreiten, ferner die wefentlidie Verbcfferung der 
Verkehrswege und der Verkehrsmittel (unten S. 28 ff.), endlich die Bemühungen 
um innere Kolonifation in Form von Heidekulturen. Im Jahre 1808 wird in Clevc 
unter dem Vorfitze des Unterpräfekten eine Societc d'agriculture et d'emulation 
gegründet, die im Rahmen eines fonft zwar recht uferlofen Programms die 
innere Kolonifation am Nicderrheine zu beleben fucht und auch mit der Parifer 
Zentrale in Verbindung tritt. Ahnlidie Gcfellfchaften werden auch an anderen 
Orten gebildet und von der Regierung begün(tigt. Dagegen wird von der 
Gründung von Landwirtfchaftskammern abgefehen. 

Als eine der dunkclften Seiten der franzöfifchen Wirtfchaftspolitik gilt 
gewöhnlich die For(tpolitik, auf die man gerne die (tarke Entwaldung des links» 
rheinifchcn Hauptgebirges, der Eifel, zurückführt. In der Tat i(t unter der 
proviforifchen Herrfchaft an Waldverwü(tungen das Menfchcnmögliche gelei|tet 
worden, mögen diefe den Kriegs« und Fe(tungszwecken oder audi nur den 
Zwecken privater Bereicherung dienen, wobei fich die Franzofen und die rhei- 
nifchcn Bauern in bezug auf Staats- und Gcmeindewaldungcn in die verderbliche 
Abholzungsarbcit teilen. Aber fchon das Kaiferreich i(t von diefem fchonungs- 
lofen und fclb(tmördcrifchen Raubfyfteme, das von der proviforifchen Herr« 
fchaft entweder felbft ausgeübt oder bei anderen geduldet worden war, mehr 
zurückgekommen und hat unter Trennung der For(t« von der Domänenvcr« 
waltung Im jähre 1811 auch hier auf beiden Rheinufern fchon vor der ver» 
fllndnisvolleren prcußifchen Hcrrfchaft mittels Auflforftungen teilweifc Wandel 
gefchaffen. Der rafch anwachfende Holz- und Holzkohlenbedarf der auf(lrc= 



n II. Das Wirtschaftsleben: Verkehrspolitik 27 

bcndcn rhcinifdien Induß:rie liefert für die Regierung einen Antrieb mehr, 
hier weife hauszuhalten. Das muß fchon vor der preußifchen Herrfchaft 
befonders den Waldbeftänden auf Eifcl und Venn genützt haben. — Das 
Intercffe für Baumzucht und Forftkulturen ift bei der franzöfifdien Beamten« 
fchaft auch außerhalb der Fachkreife weit verbreitet. Der Coblenzer Schloß» 
garten wird in eine Nlufterbaumfchule umgewandelt. Die Bepflanzung der 
Straßen innerhalb und außerhalb der Städte mit Bäumen, auch mit Ob(t- 
bäumen, wird fyftematifch in Angriff genommen. 

Verkehrspolitik.*) Die Verkehrspolitik i(t diejenige Seite der franzöfifchen 
Wirtfchaftspolitik, die, foweit die Wafferftraßen in Betradit kommen, bisher 
am genaueften erforfcht worden ift. Trotzdem i(t die franzöfifdie Verkehrs» 
Politik und ihre Wirkung auf die rhcinifd^cn Verkehrsverhältniffc einheitlich 
fdiwer zu charakterifieren, da bereits hier noch viel mehr als bei der Agrarpolitik 
ganz verfchiedene Tendenzen durcheinanderlaufen. Mandie Befreiungstat i(t 
auch auf diefem Gebiete den Franzofen zu verdanken. Daneben aber gibt es 
audi nodi genug Hemmungen des Verkehrs, und fie werden unverändert der 
crimen preußifchen Zeit vererbt. Dicfe Hemmungen find jedodi auf dem eigent« 
lidien verkehrspolitifchen Gebiete durchweg nidit Neufdiöpfungen des franzö» 
fifchen Fiskalismus, fondern zumeift Wirkungen der von den Franzofen un* 
berührt gclaffenen und jetzt für franzöfifdie Zwecke ausgenutzten altrheinifchcn 
Mißbräuche. Befonders auf dem fchwierigen verkehrspolitifchen Gebiete find 
die franzöfifdien Eroberer, und zwar offenbar in wohlver(tandenem eigenen 
Intereffe, teilweife mit befonderer Schonung zu Werke gegangen. 

Auf den erften Blick freilich erfcheint zunächjt auf dem Gebiete der Rhein= 
fchiffahrtspolitik die Liquidation des Alten vollftändig. Denn zufammen mit 
den zahllofen, verworrenen politifchen Grenzen der 97 altrheinifdien Souveräne 
vcrfdiwindet audi die lange Reihe der 20 alten Zollftätten von Mainz bis 
Emmerich. (Vcrgl. fchon Artikel 39 des Rcichsdeputationshauptfchluffcs vom 
15. Februar 1803.) Die Rheinzölle, die den Verkehr nicht nur bela(tet, fondern 
audi erfdiwert haben, verfchwinden zufammen mit den übrigen Binnenzöllen. 
Aber eine völlige Gebührenfreiheit tritt auf dem Rheine nidit ein. Sondern 
ftatt der Zölle wird jetzt an zwölf Stellen eine einheitlidie Rhcinfchiffahrts» 
abgäbe, das fog. Octroi, erhoben. Die Grundfätze dafür find fchon in dem 
erwähnten Artikel des Reichsdeputationshauptfchluffes erhalten. Die Aus= 
führung erfolgt in dem völkerrechtlichen Vertrage der Octroikonvention vom 
15. Augujt 1804 (27. Thermidor Xll), der aber er(t am 1. Oktober 1805 in Kraft 
tritt und von da ab bis zur Rheinfchiffahrtsakte von 1831 die Rechtsverhältniffe 
der Schiffahrt beftimmt. Vergleicht man die alten Zölle mit dem neuen Octroi, 
fo i|t der Fortfdiritt doch fo deutlidi, daß man immer noch von einer Befreiung 
des Rheines fpredien kann. Abgefehen von dem Vorteil, den auch hier die 
in vortrefflichen Einzelinftruktionen fich ausfprechende einheitliche Verwaltung 
nidit nur dem Staate, fondern vor allem auch dem Handel bringt, liegen die 
Vorzüge der franzöfifchen Ordnung auch in den Einzelheiten der Gebühren» 
erhebung offen zutage. Ohne Rückficht auf die Qualität der Ware werden die 
Gebühren unter gleidizeitiger Einführung der Schiffseichung jetzt einfach nadi 
dem Gewichte erhoben, eine Neuerung, die audi in das prcußifdie Zollgefetz 

*) Von der Reihenfolge der folgenden die preußifche Zeit behandelnden Abfchnitte 
mußte hier deshalb abgeNwichen werden, weil die Lage der rheinifchcn Induftrie in der 
franzöfifchen Zeit erft nach Schilderung der Verkehrs= und Handelspolitik verftändlich 
gemacht werden kann. 



28 I. J. Hashagen, Die Rheinlande beim Abschlüsse der französischen Fremdherrschaft D 

von 1818 übergegangen i(t. Wenn ferner beltimmt wird, daß die Gebühren 
bei der Talfahrt nur 1^/0 Franken für den Zentner betragen follen, gegenüber 
2 Franken bei der Bergfahrt, fo bezweckt, worauf Gothein mit Redit aufmerkfam 
madit, dicfe Staffelung, d. h. diefe Bevorzugung der Talfahrt allgemein eine Er- 
leiditerung des Handels. Die Talfahrt ift zwar für den Sdiiffer billiger. Aber 
mit ihr werden befondcrs „die regelmäßig bezogenen und wertvollen Waren" 
verfandt. Vor allem bedeutet dicfer Tarif gegenüber der Vergangenheit eine we= 
fentliche Ermäßigung. Den alten jährlidien Zollerträgnidcn von ca. 2 Millionen 
Franken jtehcn jetzt für die crftc Zeit nur nodi 1 Million jährlicher Octroierträg= 
nif^c gegenüber. Ferner werden diefe Gebühren in vollem Umfange nur von den 
eigentlichen Handelswaren erhoben. Bei den Frachtgütern, die für befondere 
agrarifche oder induftrielle Zwecke beftimmt fmd oder audi direkt in die Haus= 
wirtfchaft der Anwohner überführt werden, fmkt der Tarif bis auf die Hälfte 
des urfprünglichen Anfatzes. Fahrzeuge, die nur einem für damalige Begriffe 
bcfdilcunigten Pcrfonenverkehr (die Bergfahrt von Köln nach Mainz erfordert 
im günftigften Falle nur drei Tage) dienen, wie die Wafferdiligencen, werden 
nur einer fummarifchen und mäßigen Gebührenzahlung unterworfen. Die 
Gebühren felb(t follen nicht fiskalifchen Zwecken dienen, fondern ausfdiließlidi 
dem Strombau zugute kommen (Eckert). 

Die praktifche Durchführung der Octroiverordnung unter Leitung des 
Direktors Eichhoff ift gleidiwohl nicht frei von Schikanen gewefen. Abgefehen 
davon bleibt die fchon damals viel umworbene und heiß erfehnte „Freiheit des 
Rheines" auch unter der Hcrrfchaft der fonft fo energifchen Fremden ein fdiöner 
Traum, weil fic es nicht darauf ablegen, die veralteten Stapclrechte der Stapel« 
(tädte Mainz und Köln zu bcfcitigen. Diefe Rechte find nicht nur für die fremden 
Schiffer und Kaufleutc eine Quelle fteter Belä(tigung, fondern auch für die beiden 
privilegierten Städte damals fchon eine zweifelhafte Wohltat, da fie die Handels» 
initiative unterbinden und einem rückftändigcn pafßven, von den Holländern 
abhängigen Speditionshandel unverdienten Vorfdiub leiften, gegen den fidi 
aber in Köln damals fchon eine kräftige Gegenftrömung geltend madit. Pic 
Octroikonvention verbietet im Gegenfatze zu den voraufgegangenen Raß:atter 
Friedensverhandlungen nur den Verkaufszwang in den Stationsftädten. Im 
übrigen bleibt das Stapelrecht, das urfprünglich ein Auslade» und Vorkaufs= 
recht gewefen war, in der Form eines Umlade= oder Rangredits (droit d'cchclle) 
be(tehen. Die Verteidiger des Stapelrechts reditfertigen es u. a. mit dem Hin= 
weife auf die verfchiedene Befchaffenheit der Strom ftrccken, die ohnehin ver» 
fchieden gebaute Schiffe nötig mache. Die Gegner wollen fleh (tatt deffcn 
höchftens zu einem fakultativen Stapel verftehen. Da aber die Octroikonvention 
für die „große" Handelsfchiffahrt keine Ausnahmen zuläßt, fo werden die 
herkömmlichen Umgehungsverfudie der beiden Stapel(tädte, als wenn fich 
unter franzöfifcher Herrfchaft nichts geändert hätte, durch Einfchaltung einer 
Landftreckc in denWaffcrtransport wieder aufgenommen. Der Kölner Stapel wird 
auf dem rechten Ufer wie vormals durch Benutzung der Straße von Mülheim 
am Rhein nach Zündorf, auf dem linken Ufer von Bonn am Vorgebirge entlang 
nach Dormagen umgangen. Ahnliche Manöver werden am Mittclrhein gegenüber 
Mainz wieder üblich. Wie hier Frankfurt den Mainzer Stapel bekämpft, fo am 
Niederrhein das von den Holländern unter(tützte Düffeldorf den Kölner Stapel. 

Aber die franzöflfche Regierung fleht in dem Stapel ein „nutzbares Redit" 
der beiden franzönfchcn StÄdte Köln und Mainz. Sie fchätzt ferner den Stapel 



n. Das Wirtschaftsleben: Verkehrspolitik 29 



als ein Mittel, bei deffcn „Verwendung fidi die (trenge Grenzabfdiließung beder 
durdiführen ließ". Politifchc und zollpolitifche Gründe vor allem führen fie 
immer wieder dazu, den Stapel energifdi gegen alle Angriffe zu verteidigen. 
Man wird das nidit als Kuriofität behandeln, fondern die Aufrechterhaltung 
des Stapels ift zuglcidi u. a. die Vorausfetzung für „die Sonderung der Strom= 
(treden und der Sdiiffcrgilden". Und ferner: „Das Stapelrecht fiel, als die 
Dampffchiffe kamen . . . Bevor diefe motorifche Kraft nicht zur Verwendung 
gelangte, war es wohl möglich, Billigkeit durch gänzliche Freigabe des 
Schiffergewerbes und durch gegenfeitige Unterbietung der Schiffer zu 
erzielen, aber den Schaden davon hätte die Schiffahrt gehabt". Durch Auf= 
hebung der Stapelrechte wären nidit nur die beiden Stapelftädtc, fondern 
auch die an der „großen" Handclsfdiiffahrt beteiligten Sdiiffer fchwer getroffen 
worden. 

Im Zufammenhangc mit den Stapelrcchten bleiben in den beiden Stations= 
ftädten audi die Sdiifferzünfte in der Form fog. Schiffergilden (associations 
des batcliers) für die „große" Handelsfchiffahrt beftehen. Im Anfdiluß an eine 
vorläufige Ordnung vom ii. April 1805 (21. Germinal XIII) werden nadi forg= 
fältigen Vorberatungen des Präfekten mit den Intereffenten am 12. Augu(t 1807 
die näheren Ausführungsbcftimmungen zu dem die Gilden betreffenden Teile 
der Octroikonvcntion erlafl"en. Die herkömmlidie Scheidung der Kölner Korpo= 
ration in die Niederländifdien und Oberländifchen Schiffer bleibt beß:ehen. 
Audi fonft erinnert in den neuen Gilden noch viel an die alten Zünfte. Wie 
die Gilden felb[t ihren Zufammenhang mit den alten Zünften betonen, fo wird 
die Zahl ihrer Mitglieder von den Rheinfchiffahrtsbehörden in gewijjen Grenzen 
gehalten (numerus clausus). Sie beträgt in der guten Zeit im ganzen etwa 
350, wovon etwa 150 auf Köln fallen. Und natürlich wird der Eintritt in die 
Gilde einem bei den fchwierigen Fahrwafferverhältniffcn befonders nötigen 
Befähigungsnachweife unterworfen. Ebenfo wird die Rangfahrt beibehalten. 
Wenn man von den neuen Gilden gefagt hat, fie feien „nicht mehr Vereini= 
gungen der an einem Platze zufammenwohnenden Berufsarbeiter dcsfelben 
Gewerbes, fondern Korporationen, die die Standesgenoffen der fämtlichen 
Rheinftaaten . . . umfafl"en", fo gilt teilweife auch fchon von den vorfranzö= 
fifdien Sdiifferzünften, befonders der Kölner, daß fie nidit nur lokal begrenzte 
und lokal intereffierte Verbände gewefen find. 

Trotzdem bringt die neue Gildenorganifation gegenüber den alten Zünften 
heilfame Fortfdi ritte in den inneren wie äußeren Verhältniflen. Vor allem 
kann die Zugehörigkeit zur Gilde jetzt nicht mehr geerbt oder gekauft werden. 
Ferner unterftehen die Gilden nidit mehr, wie ihre Vorgängerinnen, der Aufficht 
irgendwelcher lokaler Behörden, fondern faft nur nodi den Rhcinfchiffahrts= 
behörden, weshalb audi in dem erwähnten Keilfchen Handbuche für Maires 
und Adjunkten auf die Rheinfchiffahrt kaum Rückfidit genommen zu werden 
braucht. 

Ferner geftalten fich die fonftigen Arten der Schiffahrt außerhalb der 
„großen" Handelsfchiffahrt viel freier. Sie find dem Gildezwange nicht mehr 
unterworfen und fchon damals teilweife als zunftfreie, wenn auch konzeffions= 
pfliditige Gewerbe organifiert. Zu ihnen gehört die Intermediärfchiffahrt 
(navigation intermediaire), welche die wenigen Anlaufplätze der „großen" 
Schiffahrt miteinander verbindet, dann die „kleine" Schiffahrt lokalen Cha= 
raktcrs zum Austaufch der Landesprodukte und endlidi die Perfonenfchiffahrt. 



30 I. J, Hashagen, Die Rheinlande beim Abschlüsse der französischen Fremdherrschaft a 

Die Gefamtzahl der an dicfcn Arten beteiligten freien Schiffer erreidit etwa 
die Höhe der Zahl der Gildenfdiiffer. 

Audi in der behördlidien Regelung der Fraditpreifc, an der neben der 
Octroiverwaltung u. a. die Handelskammern des Rheinufers teilnehmen, madit 
fich der verkehrspolitifdie Merkantilismus bemerkbar. Die Fradit von der 
holländifdien Grenze bis Straßburg beträgt für den Zentner zu Berg lo, zu 
Tal 8, zu Lande 25 Franken. 

Die günftigen Wirkungen der maßvollen SdiifFahrtsreform, wie fie durdi 
die Octroikonvention gefdiafFen worden iß:, werden aber durch die nodi zu 
befpredienden handelspolitifchen Maßregeln der fpäteren Zeit, fowie durdi 
die egoiftifdie Lokalpolitik der Stationsftädte wieder beeinträchtigt. Der Nieder« 
gang der gefamten Rheinfdiiffahrt feit 1807 i(t von Eckert (tatiftifch nachgc= 
wiefen worden. In Köln finkt die Zahl der GildenmitgUedcr in den Jahren 
1808—1810 von 155 auf 116 (Stadtardiiv). Der Niedergang wird auch durch 
das Ausfeheiden des Großherzogs von Frankfurt am 10. Februar 1810 und 
den Hinzutritt des damals franzöfifchen Holland am 21. Oktober 1811 nicht wett= 
gemacht. Bezeichnend i[t die Unterordnung der Octroiverwaltung unter die Gene» 
raldouaneverwaltung am 8. April 1810. Verhandlungen von 1813 zeigen audi, 
daß die franzöfifche Regierung an ihrem eigenen Syftem irre geworden i(t. 

In technifdier Hinficht bringt die franzöfifche Zeit der Binnenfchiffahrt 
gegenüber der früheren Zeit wenig Fortfehritte. Audi wirkt die Douane auf 
die Schiffahrt fortgefetzt hemmend. Für die Schiffahrtspolizei dagegen, für 
Stroms und Deichbau, für die Erhaltung der Leinpfade i{t mancherlei gefchehen^ 
und die Hafenbauten der Franzofen, bcfonders in Köln (Freihafen 1805, 
Sicherheitshafen 1811) fmd auch tcchnifch achtungswerte Leitungen. Der 
überfdiwemmungsnot wird tatkräftig begegnet. 

Mit größtem Eifer hat ferner Napoleon, der in der Anlage kontinentaler 
BinnenfdiifFahrtsftraßen auch ein Kampfmittel gegen England erblickt, zcitweifc 
den Kanalbau am Niederrhein befördert. Hier hatte fchon in den Jahren 1626-1628 
die Infantin Ifabella Clara Eugenia während ihres Krieges mit den General» 
ftaaten von Rheinberg über Geldern nach Venlo an einem Kanäle bauen laffen, 
der nach ihr die Foffa Eugeniana heißt, und deffen Refte von Napoleon ge» 
legentlich feines er(ten rheinifdien Befuches im Herbß: 1804 befichtigt werden. 
Ein direkter Ausbau diefer alten Teile erfolgt jedoch nicht. Vielmehr wird, nach» 
dem der Kölner Kommerzrat fchon 1802 auf den Kanalbau aufmerkfam gemacht 
hat, als Endpunkt am Rhein nicht Rheinberg, fondern Neuß bezw. Grimlinga 
häufen gewählt. Von Venlo foll der Kanal weitergehen nadi Antwerpen (Nords 
kanal), dem der Kanal befonders zugute kommen foll. Aus dem Rhein=Maas«» 
Kanal foll fich ein RheinsSchelde^Kanal entwickeln. 

Aber nur in den Jahren 1808—1810 wird unter (tetem Drängen Napoleons 
an dem Kanäle gebaut. Dann wird das begonnene Werk durch andere größere 
Pläne eines gegen England gerichteten europäifchen Mittellandkanals (Canal 
de la Baltique) verdrängt. Der holländifch=niederrheinifche Nordkanal ift fchon 
durch die Annexion Hollands vom Standpunkte der napoleonifchen Handels» 
Politik gegcn(tandslos geworden, nachdem bereits 4^/0 Millionen Franken 
dafür ausgegeben worden [ind. Nach längeren Beratungen wird der Plan des 
NIordkanals Anfang 1813 auf unbcftimmte Zeit vertagt. 

Die Franzofen haben, wenn {\e auch ihre Hauptkraft auf den Straßenbau 
richten, Flüffe und Kanäle als Vcrkchrsftraßcn keineswegs vernachlälfigt. Auch 



D II. Das Wirtschaftsleben: Verkehrspolitik 31 

eine Regelung der für die rheinifdic Indu(trie fo widitigen, fchwer zu ent» 
wirrenden wadcrrechtlidien Verhältniffe wird in Angriff genommen. 

Das eigentliche verkehrspolitifdie Ruhmesblatt aber in der Gefchichte der 
franzöfifdien Verwaltung ijt der großzügige, mujtergültigc und diesmal wirklidi 
einmal, wcnigftens zu einem Teile, mit Staatsmitteln geleiftete Straßenbau 
der Franzofen. Man braudit nur das rheinifdie Straßennetz von 1794 mit dem 
von 1814 zu vergleidien, um den außerordentlidien Fortfdiritt zu erkennen. 
Andrerfeits i(t das Straßennetz der Eifcl beim Ausgange der franzöfifdien Herr= 
fdiaft fchon fa(t dasfclbe wie heute. Der franzöfifche Straßenbau dient in dem 
eroberten Grenzlande zunädift, ähnlidi wie ein(t in der Römerzeit, befonders 
[trategifdien Zwedtcn, fo der guten Verbindung zwifdien den Fe(tungen Venlo und 
Wefel. Aber er wird nun, übrigens audi als tedinifche Leiftung in den Gebirgs= 
gegenden hervorragend, in dem fidi eines dauernden Friedens erfreuenden 
Rheinlande vor allem dem Wirtfchaftsleben ein treuer Bundesgenoffe, zumal 
da das großzügige, reditlidi durdi kaiferlidies Dekret vom 16. Dezember 1811 
fe(tgelegte Sy(tem der Staatsjtraßen durch Departements« und Gemeindejtraßen 
(Vizinalwege) und außerdem durch eine (trenge Polizei des Fuhrwefens (Dekret 
vom 23. Juni 1806) förderlich ergänzt wird. Auch auf dicfem Gebiete haben 
fich einzelne Präfekten höchft perfönliche Verdienfte erworben. Mehr und 
länger als alle anderen Wohltaten hat der franzöfifche Straßenbau im Gedächtnis 
des dankbaren rheinifchen Volkes weitergelebt, auf der Eifel nicht minder als 
im Rhcintale. 

Die Verbefferung der Verkehrs(traßen gibt auch der Entwicklung des 
Pojtwefens neue Möglidikeiten. Die Befeitigung der verfchiedenen altrheia 
nifchen Po(lverwaltungen zu Gunften einer einheitlich gefchloffenen Organi« 
nifation i|l wie in allen Teilen der Verkehrspolitik wieder erft die not» 
wendige allgemeine Vorbedingung für weiteren Fortfehritt. Doch find die 
Portofätze noch immer fchr hodi. Ferner wird die Po(t nicht in eigene Regie 
genommen, fondern ihr Betrieb an Private verpachtet, die vom Staate nur 
beauffichtigt werden. Der Pcrfonenverkehr tritt hinter dem Güterverkehr nodi 
weit zurück und wird durdi die (trenge franzöfifche Paßpolizei oft belä(tigt. 
Bei den nahen Wirtfchaftsbeziehungen zwifdien beiden Rheinufern, wie fic 
fich z. B. in der weftfälifdien Einwanderung im Clevifchen oder in den bergifchen 
Beziehungen Kölns geltend machen, hat natürlich audi der Perfonenverkehr, auch 
wenn man von der Douane abfieht, unter der Trcnnungslinie des Rheines fdiwer 
zu leiden. Aber audi viele fonß:ige Sdiwierigkeiten werden z.B. der Perfonenpo|t= 
fdiiffahrt zwifdien Mainz und Köln, für die am 23. Juni 1804 (4. Messidor XII) 
eine Polizeiverordnung erlaffen wird, hinderlich, obwohl die Preife mäßig find; 
denn es werden ohne Unterfcheidung zwifchen Berg= und Talfahrt nur 12 frs. 
erhoben. Da die Meffidorverordnung älter i(t als die Octroikonvention, fo 
entjtehen über die Frage, ob die Perfonenfdiiffe Handelswaren mitnehmen 
dürfen, mancherlei Streitigkeiten. Vorübergehend i(t fchon zur franzöfifdien 
Zeit, geleitet von einem Kommis des Kölner Bankhaufes Abraham Schaaffhaufen, 
auch der Großbetrieb in die Perfonenfchiffahrt eingedrungen. 

Noch weit mehr als auf agrarpolitifdicm Gebiete haben die Franzofen in 
ihrer Verkehrspolitik der glänzenden wirtfchaftlichcn Entwicklung unter preu= 
ßifdier Herrfchaft vorgearbeitet. Der radikale Umfdiwung, den man auf anderen 
Gebieten beobachtet, tritt freilidi bei einem Oberblidt über die gefamte Ver- 
kehrspolitik nicht fo deutlidi hervor, zumal da auch hier die großen technifdien 



32 I. J. Hashagen, Die Rheinlande beim Abschlüsse der französischen Fremdherrschaft a 

Neuerungen durdiwcg er(t der prcußifdicn Periode zugute gekommen find. 
Andrerfeits erscheint die verkehrspolitifchc Energie der Franzofen gerade 
audi wegen diefes weitgehenden Mangels an Unterftützung durdi eine forte 
gefdirittenere Tedinik in günftiger Beleuditung. 

Handelspolitik. Aus den Fortfdiritten des rheinifchen Verkehrs wefens 
unter franzöfifdier Herrfdiaft darf auf eine zweckmäßige Ge(taltung der rhei» 
nifchen Handelspolitik, befonders der äußeren Handelspolitik, nidit ohne 
weiteres gefdiloffen werden. Vielmehr lauten die handelspolitifchen Ergebniffe 
wefentlidi ungün(tiger als die verkehrspolitifdicn. Nirgends in der franzöfifdien 
Wirtfdiaftspolitik find die antiliberalsmerkantili|tifdicn Tendenzen (tärker ent= 
wickelt als in der äußeren Handelspolitik. Der vom Ancien Regime über« 
kommenc Protektionismus wird in (tändigem und immer mehr befdileunigtem 
Fortfehreiten durdi die Republik und dann befonders durdi das Kaiferreidi 
verfchärft. Dazu treten dann je länger um fo verderblicher die Einwirkungen 
der utopifdien Weltpolitik Napoleons. 

Der Kaifer fldiert dem Rheinlande felb(t zwar dauernd den Frieden, und 
er trägt fidi mit dem Plane, die günftige Verkehrslage des Rheinlandes für 
den Handel in großem Stile auszunutzen, etwa Mainz zu einem europäifchen 
Handelsplatze zu erheben und den füdeuropäifchen Handel über die Rhein= 
(traßc zu lenken u. ä. Aber fdion die vielen Kriege Napoleons fchädigen den 
Handel. Sie verurfadien unheilvolle Konjunkturfdiwankungcn befonders des= 
halb, weil fie Zahl und Aufnahmefähigkeit der außerfranzöfifchen Abfatz» 
gebiete nicht nur fortwährend verändern, fondern audi (tark vermindern. Denn 
nicht nur der Gegenfatz gegen England ift der Leitgedanke der napoleonifdien 
Handelspolitik; fondern auch innerhalb der kontinentalen handelspolitifchen 
Koalition gegen England verlangt Frankreich den Löwenanteil für fid». Es hat 
es nicht über fich vermodit, die kontinentale „Gefamtmacht wirklidi rückhaltlos 
zum gleichen Vorteil aller Teilnehmer bloß in die Schranken gegen den ein= 
zigen Erbfeind zu führen", fondern es (trebt „auf Ko(ten feiner Alliierten nach 
eigenem Gewinn". Nicht nur der Verfchluß, fondern auch die Auspoverung 
weiter Strecken Europas durch Napoleons Weltpolitik wirkt auf den franzöfifdi= 
rheinifchen Handel verderblich. Die Wirtfchaftskrife des fpäten Empire i(t fdion 
eine ihrer verhängnisvollen Früdite. 

Der Zollkrieg gegen England verfchuldet zufammcn mit der fteigenden 
Abneigung der napoleonifchen Verbündeten dagegen fchließlidi das Ab(terben 
ganzer blühender Zweige des Handels. Aber die franzöfifche Regierung fetzt 
fleh darüber hinweg und fucht die Handelsverlu(tc durch um fo (tärkere Be» 
gün(tigung der Induftrie wieder einzubringen. Immer deutlicher wird im 
„Widerfpruch mit der gefamtcn modernen weltwirtfchaftlichen Entwicklung" 
die wirtfchaftliche Autarkie des Merkantilismus hartnäckig und unbelehrbar 
crftrebt. Dafür bedarf es vor allem einer felbftficheren Indujtrie. Ihr Auf«= 
fchwung, ihre Bodenftändigkeit können nach Anficht der Regierung den Handel 
mehr entbehrlich machen. Eine ausgefprochenc Handelsftadt wie Köln ver- 
wandelt Och deshalb unter der Fremdhcrrfchaft teilweife in eine Fabrikjtadt. 

Die alten rheinifchen Binnenzölle zu Waffer und zu Lande werden zwar 
bejeitigt. Aber fo fcgcnsrcich die innere Befreiung des rheinifchen Handels 
erfchcint, um fo verhängnisvoller die neue äußere Bindung, die in dem Augen- 
blicke erfolgt, als die Douane gemäß Dekret vom 28. Mai 1798 (9. Prairial VI) 
am 3. Juli 1798 (15. Messidor VI) auf den Rhein gelegt und der Rhein damit 



□ II. Das Wirtschaftsleben : Handelspolitik 33 

zur Zollgrenze erklärt wird, der doch in der bisherigen rheinifdicn Gcfchichtc 
auf längere Strecken hin faft nie eine Grenze gewefen war und fidi als Verkehrs= 
(traße fchon nicht zur politifchen, noch weniger aber zur Zollgrenze eignet. Schon 
am 8. März 1798 erfolgt auch die Übertragung der Handelsfperre gegen Eng= 
land auf das Rheinland. 

Indem die Franzofen die Douane auf den Rhein legen, wird vom all= 
gemeinen rheinifchen Standpunkte eine neue Binnenzoll» Linie gefdiaffen, die 
einfchneidender wirkt als alle alten zusammengenommen. Die Wirkung i(t 
freilich auf beiden Ufern durchaus verfdiieden. 

Auch der linksrheinifche Handel wird zwar, wie Schwann für Köln im 
einzelnen gezeigt hat, durch die Douane zunäch[t fdiwer getroffen. Die Kölner 
Tabakfabriken, der Hauptbeftandteil der älteren (tädtifchen Indu(trie, expor= 
tieren (tark nach der rechten Rheinfeite. In der Leineninduftrie find die beiden 
Ufer des Stromes zu gegenfeitiger Ergänzung auf einander angewiefcn : redits 
werden mehr die groben, links mehr die feinen Sorten fabriziert. Bergifche 
Tuche werden in Köln gefärbt, (tadtkölnifche in Berg gebleicht. Kölner Wein= 
händler befitzen ihre Weinberge auf der rechten Rheinfeite. Die Ruhrkohle 
i(l; für die Kölner Gegend bei der weiten Entfernung des Inde= und Wurm= 
reviers und bei der Abneigung der Hauskonfumenten gegen die Saarkohle 
fdion damals kaum zu entbehren. Diefe und andere Wechfelbeziehungen des 
Handels der beiden Rheinufer werden durdi die Douane rückfichtslos und 
mechanifch zerfchnitten. Dazu kommt die Verteuerung derjenigen Rohftoffe, 
deren Einfuhr unerläßlich i(t, wie des Rohtabaks, der Rohfeide, der Baum» 
wolle und mancher Farbftoffe. Überall geht der blühende Tranfithandel der 
Rheinßiädte, befonders der Weinhandel, infolge der Douane ftark zurück. Der 
Crefelder Unterpräfekt behauptet nodi am 31. Juli 1801, nach dreijähriger 
Hcrrfchaft der Douane: „Die Crefelder Etabliffements ß:ellen einen großen 
Teil ihrer Ware nur noch her, um wenigftens eine Anzahl guter Arbeiter fe(t= 
zuhalten." Der Tranfithandcl zieht fleh auf die Landftraßen des rechten Ufers 
hinüber. Überhaupt hat zunächft befonders das rechte Rheinufer Vorteil von 
der auf dem linken Rheinufer durch die Douane hervorgerufenen Krife, um fo 
mehr, als fich die bergifche Induftrie in der republikanifchen Zeit zum Schaden 
befonders der linksrheinifdien Textilindu{trie nodi eines Vorzugstarifs erfreut. 
Es find deshalb in diefer erften Zeit im Gegenfatze zur fpäteren fogar in= 
du(trielle Abwanderungen vom linken auf das redite Rheinufer erfolgt. Die 
Hoffnungen aber, daß die Rheinzollinie vom Rheine landeinwärts nadi Wejten 
zurückverlegt und damit dem Rheinlande mit Rückfidit auf feinen blühenden 
Tranfithandel eine Sonderftellung bewilligt werde, gehen nicht in Erfüllung. 
Nur Freihäfen werden mit gewiffen Einfchränkungen und nach Errichtung der 
Seefperre unter Forderung von Urfprungszertifikaten in Düffeldorf, Köln, 
Mainz zugelaffen. 

Die Erfchütterung des linksrheinifchen Wirtfchaftslebens durch die Douane 
ift jedoch nur ein vorübergehender Zuftand. Zwar wirkt die Rheindouane auch 
in Zukunft noch auf die linksrheinifche Indu(trie infofern ungünftig, als fie die 
Rohftoffe verteuert, zumal im Tarif vom 28. April 1803 die Zollfätze weiter 
emporfchnellen. Aber andrerfeits fchließt fie die fremden, befonders die eng« 
lifchen Fabrikate aus, und als Hauptwirkung der Douane zeigt fich immer 
mehr, daß fic die linksrheinifchen Intereffenten zwingt, fich auf das große 
franzöfifdie Abfatzgebiet zu werfen. Wenn der Präfekt des Donncrsberg= 

Die Rheinproriuz 1815 — 1915. 3 



34 I. J. Hashagen, Die Rheinlande beim Abschlüsse der französischen Fremdherrschaft a 

dcpartcmcnts im Jahre 1810 berichtet, Wein, Korn, Ol, Raps und ^/^ des 
Tabaks würden nicht nach Frankreich, fondern nach Deutfchland und Holland 
abgefetzt, fo darf man diefe durch das Krifenjahr 1810 hervorgerufene Richtung 
desAbfatzes nicht verallgemeinern. Aber dafür hat dieRheindouaneimBergifchen 
Lande, dem franzöfifchen Zollauslande, infolge des immer fchärferen Abfdiluffes 
des gefamten franzöfifchen Abfatzgebietes einen wirtfchaftlichen, befonders indus 
jtriellen Niedergang herbeigeführt, der in vollem Umfange er(t durch die 
neuere, und zwar franzöfifche Forfchung aufgedeckt worden ift. Von den Wir= 
kungen der Rheinzollinie auf die Induftrie im befonderen wird im folgenden 
Abfchnitte nod» zu fpredien fein. 

Die fpätere Entwicklung der kaiferlichen Zollpolitik verftärkt ihre unter» 
fchiedlichen Wirkungen. Unter ihrem Einfluffe nimmt die linksrheinifdic In= 
dujtrie im felben Maße zu, als die rechtsrheinifche zurückgeht. Der Handel hat 
aber audi auf dem linken Ufer fchwer zu kämpfen. Das Zollgefetz vom 30. April 
1806 unterwirft Rohbaumwolle und Baumwollgarne und vor allem koloniale 
Lebensmittel neuen hohen Zöllen. Die Kontinentalfperre, am 21 . November 1806 
in Berlin befdiloffen, verbietet jeden Handel, ja jede Korrefpondenz mit Eng= 
land. Da fidi infolge der englifchen Repreffalien und der franzöfifchen Gcgen= 
maßregeln auch die Vereinigten Staaten von Amerika durdi die Non=Inter= 
course=Act vom 28. Dezember 1807 vorübergehend gegen Europa abfpcrren, fo 
erleidet audi das amerikanifche Gcfchäft eine beträchtliche Einbuße. 

Das Dekret über die Zollftrafgerichtshöfe vom 19. Oktober 1810 verfügt 
die öffentliche, feierliche Verbrennung der konfiszierten verbotenen englifchen 
Waren, d. h. der Baumwollgarne, =gewebe, Kurzwaren ufw. und muß 
von den Handels» und Induftriekammern mit bcftellten Dankadreffen gefeiert 
werden. 

Der Tarif von Trianon vom 5. Augujt 1810 bringt dann einen neuen ver= 
fchärften Zoll für Kolonialwaren. Die Sperre gegen die Kolonialwaren wird 
jetzt durch einen Zoll in der Höhe der Hälfte des Wertes abgelöft. Das Verbot 
der englifchen Fabrikate bleibt beftehcn. Der Tarif gehört zu den handels= 
politifchen Urfadien des ruffifchen Krieges von 1812. 

Das Kontinentalfyftem wirkt über den Handel hinaus befonders auf den 
Konfum. Die unleidliche Verteuerung der Kolonialwaren wird auch am Rheine 
immer mehr zu einer Kalamität, gegen die man fchließlidi nur noch das Mittel 
des illegitimen Handels, des Schmuggels in großem Stile zur Hand hat. je 
fchroffer das franzöfifche Hochfchutzzollfyftem ausgebildet wird, um fo all» 
feitiger fetzen fleh die gefchädigten Produzenten und Konfumenten vermittels 
des Schmuggels zur Wehr. Das gilt befonders von Berg. Aber auch auf dem 
linken Rheinufer wird, z. B. in Köln, der jährliclie Ausfall der Douane auf 
j Millionen Franken beredmet. Hier wird der Getreidefchmuggel fogar von 
einem Manne wie Abraham Schaaffhaufen auf großem Fuße organifiert. — 

Die Kritik, der die franzöfifche Handelspolitik, foweit fie Zollpolitik i(t, 

; vom rheinifchen Standpunkte unterliegt, und die gegen fie auch von den da«= 

, maligen rheinifchen Intereffenten zur Genüge in Wort und Tat geübt worden 

' Ift, braucht jedoch auf das Gebiet der Handelsorganifation nicht hinüberzu» 

' greifen. Hier erfolgt vielmehr durdi die Sicherung einer amtlichen, durch die 

Kaufleute felb(t gewählten Vertretung der Intereffen des Handels eine wefcntp 

liehe Förderung, die auch abgefehen von dem freilich von den Beteiligten 

felbfi er() ganz allmählich anerkannten gefchäftlichen Nutzen fchon deshalb nicht 



Q n. Das Wirtschaftsleben: Handelspolitik 35 

gering zu vcranfchlagcn ijt, weil fie an die Stelle des vielfach zerftörten mittel= 
alterlichen Genoffenfchaftsgei{tes den Firmen die Anfänge eines modernen 
Zufammenfchluffes bietet und außerdem die zu Vertretern beftellten Kauf= 
leute fclbft immer mehr zu Selbftändigkeit und Initiative erzieht. 

Gemäß Minifterialerlaß vom j. Juni 1801 (14. Prairial IX) werden zu= 
nächft Handclsräte (Conseils de Commerce) cingcfetzt, die auch für Gewerbe 
und Landwirtfchaft zuftändig find, auch z. B. den Entwurf des Handelsgefetz= 
buches vorberaten, fo in Köln für das Kölner und Crefeldcr und in Aachen 
für das Aachener und Clever Arrondiffenient. Aus den Handelsräten werden vcr= 
mittels Spezialifation durch Konfulardekret vom 24. Dezember 1802 (3. Nivose 
XI) Handelskammern. Die Kölner wird am 24. Mai 1803 (4. Prairial XI) 
gewählt. Diefe Handelskammern follen, durdiweg als (traffere Weiterbildungen 
fchon vorhandener vorfranzöfifcher Handlungsvorftände u. ä. Injtitute, nur 
Handelsfachen begutachten. Für Gewerbe und Induftrie werden durch Gefetz 
vom 12. April 1803 (22. Germinal XI) befondere, gleichfalls aus Wahlen der 
Intcreffenten hervorgehende Induftriekammern gefchaffen (Chambres consul= 
tatives de manufactures, fabriques, arts et metiers. Zeyß gibt den Titel 
treffend wieder mit: „Beratende Kammern für die Induftrie und das Klein= 
gewerbe"). Das Organifationsgefetz datiert vom 29. Juli 1803 (10. Thermidor 
XI). Danach find diefe Kammern im Gegenfatze zu den direkt mit dem Mini(ter 
des Innern verkehrenden Handelskammern an den Injtanzcnweg gebunden. 
Bezeichnend i(t, daß perfönlich nur die Indujtrie, nicht aber das Kleingewerbe 
in ihnen vertreten i[t. Unter Ablehnung der Wünfche von Gladbach, Düren 
und Montjoie werden innerhalb des Roerdepartements Induftriekammern 
in Aachens Burtfdicid, Stolberg und Crefeld errichtet 2. April 1804 (12. Ger= 
minal XII). Trotz des verfchiedenen Zweckes i(t aber der Untcrfchicd in 
der praktifchen Tätigkeit der beiden Klaffen der Kammern nach Zeyß 
geringfügig. Der 1806/7 ventilierte Plan, noch fpeziellcre Indultriekammern 
für jede Hauptbranche zu errichten, kommt glücklicherweifc nicht zur Aus= 
führung. 

Wie die Handels» und Gcwcrbcgeridite, fo treten auch die Handels= und 
Induftriekammern unverändert in die preußifdie Zeit hinüber, nur daß die 
Indußiriekammern, wenn {\e nicht eingehen, in Handelskammern verwandelt 
werden, denen fie fich in ihrer praktifchen Arbeit fchon vorher genähert haben. 
Über ihre nächftc Beftimmung hinaus entwickeln fich die rheinifchen Handels» 
kammern in prcußifdier Zeit um fo eher zu Sammelftätten kaufmännifcher 
Initiative, audf» in politifdier Hinficht, als das öffentliche politifche Leben noch 
auf lange hinaus des konftitutionellen Rahmens entbehren muß. 

Durch Dekret vom 22. Juni 1811 wird 1812 auch ein befonderes Handels» 
minifterium errichtet. Zum Bedauern der Rheinländer i(t Preußen diefem 
franzöfifchen Vorbilde erft verhältnismäßig fpät gefolgt. 

Auch im Bank», Börfen» und Verficherungswefen find während der franzö» 
fifchen Zeit Fortfehritte oder wenigftens Anfätze dazu befonders in Köln und 
Berg erzielt worden. Doch hält fich das alles noch in engen Grenzen. Wie 
der Großbetrieb noch im Hintergrunde fteht, fo hat fich auch die Affoziation 
des Kapitals über den herkömmlichen familienhaften Rahmen kaum erftreckt. 
Franzöfifches Kapital fcheint im Gegenfatz zur fpäteren Zeit in größerem Um» 
fange in der rheinifchen Induftrie nidit gearbeitet zu haben. Ob der Einfluß 
der billigen Kredit gewährenden Banque de France groß gewefcn ift, bleibt 



36 I. J. Hashagen, Die Rheinlande beim Abschlüsse der französischen Fremdherrschaft d 

zweifelhaft. Im alten Rheinlande beliebte Geldinftitutc wie die Wiener Bank 
behalten audi unter der Fremdherrfdiaft rhcinifche Kunden. 

Gewerbes und Induftriepolitik. Das rheinifdie Hand= 
werk hat durch den auf gcwerbcpolitifchem Gebiete zunächft fchrankenlos 
herrfdienden ökonomifchen Liberalismus der Franzofen eine völlig neue Grund= 
läge erhalten. Die Aufhebung der Zünfte am 26. März 1798 (6. Germinal VI), 
die Durdifetzung der Gewerbefreiheit und der Freizügigkeit find Ereigniffe, 
die alle vorfranzöfifdien Durchbrechungen der zünftlerifchen Gewcrbever= 
faffung weit hinter fich laffen. Die tiefe Umwälzung, die dadurch fowie durdi 
die Aufhebung der fachhchen Gewerbehcmmniffe wie der Binnenzölle und der 
Banngereditigkeiten in allen Zweigen des rheinifchcn Handwerks hervorgerufen 
wird, läßt fich freilich in den Einzelheiten noch nicht näher bcfchreiben, da 
Spezialunterfudiungen darüber noch durchweg fehlen. In den Gewerbegerichten 
und in den Gewerbekammern wird das Kleingewerbe im allgemeinen durch 
die Induftrie vertreten. Die oben S. 14 u. 20 erwähnte „Gewerbeordnung" 
bringt auch hier manche neue Reglementierung. 

Genauer erforfcht ift die Lage der rheinifchen Induftrie unter franzöfifdier 
Herrfchaft. Wie fchon angedeutet, i(t fie nach Maßgabe der verfdiiedenen 
Wirkung der Rheinzollinie auf den beiden Ufern durdiaus verfchieden. Über 
den Auffchwung der linksrheinifchen Induftrie herrfcht nur eine Stimme. Der 
von der Regierung mit allen nur denkbaren Mitteln beförderte Kampf gegen 
die enghfchc Konkurrenz, der einen lebhaften Antrieb gibt, es den Engländern 
gleidi zu tun, wirkt dabei ebenfo anregend wie der Ausfchluß der engUfchen 
Fabrikate. Daraus ziehen befonders die linksrheinifche Textil= und Metall= 
induftrie reichen Gewinn. Der günftigc Einfluß der Kontinentalfperre auf die 
linksrheinifche Induftrie darf jedodi nicht überfdiätzt werden. Einmal läßt fich 
ihr Auffchwung innerhalb der franzöfifchen Periode fchon vor das Jahr 1806 
zurückvcrfolgen. Und überhaupt liegt der Grund des Auffchwungs nicht nur 
in der Kontinentalfperre, fondern auch in anderen wichtigen Folgen der franzö= 
fifchen Wirtfchaftspolitik : in der Erleichterung der Befchaffung der nötigen 
Arbeitskräfte infolge von Gewerbefreiheit und Agrarreform, in der Verbeffcrung 
des Verkehrswefens, in der Durchführung einer einheitlichen Münz=, Maß=, 
Gewiditsreform auf Grund des klaren und leidit faßlichen metrifchen Syftems, 
das an die Stelle eines nicht mehr zu überfehenden altrheinifchen Chaos tritt, 
aber audi in der forgfältigen Markenfdiutzgefetzgebung, in der anregenden 
Wirkung, die von den vier Indu(trieaus(tellungen (Paris 1806, Aachen 1807, 
1810, 1813) ausgeht, in dem perfönlichen Intereffe Napoleons für die Induftrie, 
befonders für diejenige, die mit Surrogaten gegen die cnglifchen Kolonial» 
crzeugniffe kämpft, und nicht zuletzt und am wenigßien in der Hinüber« 
leitung der linksrheinifchen Indu(trieausfuhr auf den unabfehbaren franzö= 
fifchen Markt, in den am 10. Juni 1806 auch noch das napoleonifche Königreich 
Italien einbezogen wird. Für die Erfchwerung der Rohftoffbcfchaffung wird 
die linksrheinifche Induftrie durdi diefe und andere Maßregeln reich ent» 
fchüdigt. Unter dem Zwange der Rheindouanc arbeiten die linksrheinifchen 
Fabriken tunlichft mit inländifchen RohftofFcn für dies neue große Abfatzgcbiet 
mit bef^em Erfolge. Bis in die letzten wirtfchaftlich befonders kritifchen Zeiten der 
franzöfifchen Periode hinein bewegt fleh ihre Produktion in aufftcigcnder Linie. 

Nach Zcyß' Mitteilungen aus dem Parifer Nationalarchive beträgt die Zahl 
der gewerblidien Betriebe im induflriereichflen der rheinifchen Departements, 



D n. Das Wirtschaftsleben: Gewerbe- und Industriepolitik 37 

im Rocrdcpartement, im Jahre 1811: 2550 mit 65 000 Arbeitern und 75 Millionen 
Franken Produktion, darunter 20 Millionen Franken Export und 40 Millionen 
Franken Textilfabrikate. Den Hauptanteil an den (teigenden Gewinnen fiebert 
fidi die linksrheinifche Textilinduftrie. Folgende einzelne Produktionsziffern fin= 
den fidi bei Golbery (1811) in Millionen Franken fürs Jahr: Stoiberger Meffing= 
indu(trie 8, Aachener Nadelindu(tric 1 V2/ Textilinduftrie des Roerdepartements 
18, Kölner Induftrie 8 (von Golbery felbft als unvollftändig bezeichnet), Crefeld 
ij, Montjoie, Imgenbroich, Roetgen, Stolberg, Cornelimünp:er (alles Tuch) 10, 
Gemünd (Eifen) 1. Die franzöfifchen Beamten entwerfen, bcfonders in den ge= 
druckten Departementsbefchreibungen, von der Induftrieblüte des Landes auf 
dem linken Rheinufer begeiftertc Schilderungen, die von der herkömmlichen Be» 
wunderung der Merkantilijten für bodenjtändige „Manufakturen" getragen find. 

Der Standort der linksrheinifchen Indup:rie bleibt zwar wefentlich der= 
felbe wie in vorfranzöfifcher Zeit (Arrondiffement Cleve: Baumwolle, Zucker= 
raffinerien; Kaldenkirchen, Süchteln, Vierfen, Dülken, München=Gladbach, 
Rheydt, Odenkirchen, Heinsberg, Neu^: Leinenweberei, Baumwollfpinnerei und 
sweberei, auch Seide; Crefeld: Seide, Samt, Wollfpinnerei, =weberei, =wirkerei; 
Aadien: Tuch, Nähnadeln, Stcdtnadeln; Stolberg: Meffing, Glas, Tuch; Efch= 
weiler: Kohle, Eifen; Düren: Papier, Eifen, Tuch; Montjoie, Eupen, Verviers, 
Euskirchen: Tud»; Malmedy, Stablo: Leder; Bonn: Baumwolle, Fayence; 
Köln: Tabak, Samt, Baumwolle, Eau de Cologne; die Zahl der Betriebe (teigt 
während der franzöfifchen Zeit von 5 auf 40. Dazu Tabakfabriken, Brauereien, 
Branntweinbrennereien, Gerbereien, Fayencefabriken, Zudierraffincricn, zu= 
näch(t mit auswärtigem Zuckerrohr aus Havanna und Jamaika, dann mit inlän= 
difdien Zuckerrüben, an zahlreichen Plätzen). Aber die Technik fdireitet vor= 
wärts. Das wird befonders bei den Textilfabriken oft hervorgehoben. Berühmt 
i|t ferner die tedinifche Vervollkommnung der Fabrikation in den Aadiencr und 
Burtfdieider Nähnadelfabriken. Als einziger auf das Roerdepartement ent= 
fallender Preis wird ihnen insgcfamt auf der Parifer Ausftellung von 1806 die 
goldene Medaille verliehen. 

Wenn der Wert der Leinenproduktion im Roerdepartement innerhalb von 
vier Jahren von 1807 — 1811, die vielleicht fdion nidit mehr zu den bejten 
gehören, von einer auf zwei Millionen Franken geftiegen ift, fidi alfo verdoppelt 
hat, fo darf man für andere Zweige der Textilinduftrie, die damals in der 
Induftrieftatiftik noch durchaus dominiert, ähnliches annehmen. Vor 1810 fetzen 
die Tuchfabriken des Roerdepartements nach ihrer eigenen Angabe jährlich 
50000 Stück Tuch allein nach Rußland ab. Die Baumwolle dringt energifch 
vor. Unter dem Schutze des Ausfdhluffes der englifchen Fabrikate nimmt die 
linksrheinifche Baumwollfpinnerei und =weberei trotz der Verteuerung der 
Rohftoffe und trotz des von der Konfkription immer häufiger hervor= 
gerufenen Arbeitermangels an dem allgemeinen franzöfifdien Auffdiwung 
lebhafteften Anteil. Bedeutend ift auch die Lcderinduftric des Donnersbergs 
departements, der audi die Krife von 1811 nichts anhaben kann. 

Die Sdiwerinduftric, befonders die Eifeninduftrie, hat wegen ihrer tech= 
nifchen Rückjtändigkcit und teilweife auch wegen der Erz= und Holzkohlcnnot 
nodi nicht die Bedeutung wie fpäter, wenn auch die linksrheinifdic Hütten» 
indultric von der Regierung befonders gefördert wird. 

Wenn man aber fragt, wer für diefe linksrheinifche Blüte die größten 
Opfer hat bringen muffen, fo find fremde Mächte, wie etwa England, dazu nicht 



38 I. J. Hashagen, Die Rheinlande beim Abschlüsse der französischen Fremdherrschaft a 

in erfter Linie herangezogen worden. Die Hauptlaft wird vielmehr auf die 
Sdiultern der bergifdien Stammesbrüder gelegt. Erft der Niedergang der 
bergifchen Indu(trie ermöglicht unter den damaligen Zollverhältniffen den 
Auffdiwung der linksrheinifchen. Die franzöfifche Zollpolitik entzieht der für 
Frankreich gefährlichen bergifdien Induftrie nach rafcher Befeitigung des repu= 
blikanifdien Vorzugstarifs (oben S. jj) die wichtigften Abfatzgebiete. Aus 
Furcht vor der überlegenen bergifchen Konkurrenz wird fchließlidi beinahe das 
ganze große Maditgebiet Napoleons gegen die Einfuhr bergifcher Fabrikate fe|t 
abgefdiloffen. Durch die Kontinentalfperre wird der rechtsrhcinifchen Indu(trie 
nidit geholfen; denn für diefe Induftrie war die ftets verweigerte Erfchließung 
des großen franzöfifchen Abfatzgebietes wefentlicher als die Ausfchließung der 
cnglifchen Fabrikate, deren Konkurrenz die fchon vor den Franzofen hoch ent= 
wickelte reditsrhcinifche Induftrie nicht zu fcheuen brauchte. Im Jahre 1807 
wird auf befondere Verwendung TVlurats Italien noch einmal vorübergehend 
den bergifchen Fabrikaten geöffnet. Aber Ende des Jahres wird die Vergünlti= 
gung wieder aufgehoben. Was das bedeutet, kann man daraus erkennen, daß 
das Großherzogtum, deffen Grenzen freilich über das heutige rechtsrheinifche 
Rheinland weit hinausgreifen, damals noch allein 10000 Arbeiter für den 
italienifdien Markt befchäftigt hat. Die gefchädigten Produzenten werfen fleh 
nun eine Zeitlang auf den holländifchen und auf den norddeutfchen Markt. 
Aber audi hier fpricht die Zollpolitik des fpäteren Empire ein Veto. Der Tarif 
von Trianon (oben S. 34) vom 5. Augu(t 1810 (teht am Anfang einer förmlichen 
indu|triellen Leidensgcfdiidite des Bergifchen Landes unter franzöfifcher Herr= 
fdiaft. Immer wieder fprechen die bergifchen Fabrikanten in gehaltvollen 
Denkfdiriften die Bitte aus, man möge Mitleid mit ihnen haben und die ber« 
gifchen Fabrikate wenigstens in Frankreich zu den alten Bedingungen wieder 
zulaffen. Vergebens verfuchen fie es mit dem Nachweis, daß die fcindlidie 
englifdie Induftrie gerade von Berg aus infolge der günjtigen Arbeiterver= 
hältniffe (am Anfange des Jahrhunderts (tehcn die Löhne in der Textilindujtrie 
auf dem rediten Ufer 25 % niedriger als auf dem linken) wirkfam bekämpft 
werden könne. Sie unternehmen es, den Kaifer perfönlich für ihre Arbeit zu 
intcreffieren. Am 4. November 1811 befucht Napoleon die von ihnen in Düffel» 
dorf veranftaltete Ausftellung, die ihm die Erklärung abnötigt : L'exposition a l'air 
d'un grand pays. Aber an der Zollpolitik wird nichts geändert. Die bergifchen 
Intereffenten empfehlen fchließlich als letztes Mittel die Rcunion: man folle {ie 
mit Frankreidi vereinigen; fie wollten gute Franzofen werden und gcwiffcnhaft 
an allen Staatslaften mit tragen. Die Remfcheider Fabrikanten fchreiben: Le 
mot „rcunion avcc la France" scrait le talisman qui nous rendrait la vie. Aber 
CS i(t alles verlorene Mühe. Es find befondcrs die linksrheinifchen Konkurrenten, 
geführt von der Kölner Handelskammer, die fich auch unter dem Eindrucke 
der damaligen allgemeinen Wirtfchaftskrife (oben S. 23) mit Heftigkeit gegen 
diefe Rcunionswünfche wenden. Von der Handelskammer liegen u. a. zwei Ein= 
gaben vor, vom 16. September 1810 an den Präfektcn und vom 28. Oktober 181 1 
an den Kaifer. Die zweite tritt gegen die verhaßte bergifchc Konkurrenz bereits 
viel rückflchtslofer auf als die crfte. Der Crefeldcr lndu(trickammer iß; es in 
einer Vorftellung an den Präfekten vom 16. Oktober 1811 befondcrs um den Nach» 
weis der (Ich in Qualithtsvcrfchicchtcrungcn äußernden bergifchen Infolidität 
zu tun. Auch Im Hinblick auf diefe und ähnliche Stimmen der linksrheinifchen 
franzöOfchen Untertanen wird die Rcunion abgelehnt. Die franzöfifchen Zölle 



D n. Das Wirtschaftsleben: Gewerbe- und Industriepolitik 39 

werden nidit ermäßigt, fondern gegen den Sdiluß der franzöfifchen Periode 
noch verfchärft. Die bcrgifdien Fabrikanten können ihre Fertigware nicht ab= 
fetzen; die Einfuhr von Rohftoffen ift durch die Zölle außerordentlich behindert. 
Arbciterentlaffungen werden notwendig. Sie wirken um fo verderblicher, als 
bei den engen bergifchcn Verhältniffen der Abfluß in die Landwirtfchaft feiten 
möglich i(t. Da greifen die gefchädigten Bewohner fchließlich zur Selbfthilfe. 
Sic wandern tcilwcife auf das linke Rheinufer aus und fiedeln fich auf franzö= 
fifchem Boden an, foweit fie in einer Induftrie arbeiten, bei der eine Standorts= 
Verlegung überhaupt möglich i(t. Für die Jahre 1809—1813 fchätzt der Präfekt 
tJcs Roerdcpartements die Zahl folcher Abwanderungen auf 300 (Zeyß nach 
den gedruckten Präfekturakten). Das zweite Mittel ift das fich auch auf der 
linken Rheinfeite einer (teigenden Beliebtheit erfreuende Verzweiflungsmittcl 
des Schmuggels. Vermöge feiner geographifchen Lage, befonders wegen feiner 
zcrriffcnen Grenzen, iß; das Großherzogtum Berg für einen Schmuggel im 
großen Maßltabe wie gefchaffen. Das letzte IVlittcl iß der bewaffnete Aufruhr. 
Schon im Januar 1813 hallen die Sturmglocken durch das ausgcfogenc Land. 
Die Bureaus der Zollbeamten werden zerßört. Die Franzofen requirieren 
Truppen. Sic haben damals noch alle Macht in den Händen. Aber die ber= 
gifchen Gefchworencn fangen an, die verhafteten Rebellen freizufprcchen. Die 
Gärung wächß. Alles fehnt fidi fchließlich nadi den Ruffen. Eine Verhängnis^ 
volle, wefentlich von den wcltpolitifchen Utopien Napoleons geleitete franzö= 
fifchc Zollpolitik hat es zußande gebracht, daß der Fluch des Volkes die 
Franzofen begleitet, als fie fdion im November 1813 das Land räumen muffen. 
Das linke Rheinufer iß von alledem nicht berührt worden. Auch der 
linksrheinifchc Bergbau nimmt an dem allgemeinen Auffchwung teil. Die 
wirklich und nach einheitlichen Gcßditspunktcn durchgeführte neue franzöfifchc 
Bergwerks= und Hüttcngcfetzgcbung erweiß ßch trotz eines auch hier hervor» 
tretenden überfpannten Fiskalismus als bedeutender Fortfehritt. Das Jahre 
lang vorberatene napoleonifche Bcrggcfetz vom 21. April 1810, maßgebend 
bis zum Erlaß des Allgemeinen Prcußifchen Berggefctzes vom 24. Juni 1865, 
bringt als wichtigße Neuerung die Trennung des Bergwerks» vom Grund= 
cigcntum im Augenblicke feiner Konzedicrung. Es heißt im Artikel 19: Du 
moment, oü une mine sera conccdce, memc au proprictaire de la surface, cette 
proprictc scra distinguce de celle de la surface et dcsormais considcrce comme 
propricte nouvelle. Eine Ausbeute ohne Konzcffion iß ausgefchloffen. Dicfe 
Konßituierung eines dauernden, fclbßändigen, vom Grundeigentum los= 
gelößen, feß begründeten Bergwerkscigentums belebt den Untcrnchmungs= 
geiß außerordentlich. Erß unter der Anregung diefes neuen Rechtszußandes 
gehen jetzt die Hüttenbefitzer häufiger zum Zedienerwerb über. Durch die große 
Konzefßon an Englerth <5c Wültgens vom 24. Dezember 1805 (3. Nivofe XIV) 
machen erß die Franzofen zunächß im Efchweiler Kohlenrevier die Bahn frei 
für Entwidilung des Großbetriebes. — Der Bedarf an Steinkohle iß damals 
zwar fchon im Wachfen begriffen. Dampfmafchinen werden hier und da einge» 
ßcllt. Aber zu größerem Ausmaß kommt es nidit. Die Förderung von Eifen, 
Galmei, Blei hat fortgefetzt unter uralten, außerordentlich zerfplitterten Bc- 
reditigungsverhältniffcn zu leiden. Auch hier ßnd die Franzofen weit entfernt 
davon, alles Alte, auch wenn es wie hier als fchwerer Hemmfchuh wirkt, zu 
befeitigen. Audi die tcchnifche Vervollkommnung des Bergbaues fdieitert 
meiß an der Eigentumszerfplitterung. Auch iß die praktifche franzößfdie 



40 I. J. Hashagen, Die Rheinlande beim Abschlüsse der französischen Fremdherrschaft a 

Bcrgvcrwaltung, bei der noch der Präfckt mit dem Oberbergwerksingenieur 
(Ingenieur-en-chef des Mincs) konkurriert, nichts weniger als überfichtlich und 
fdilagfertig. Das Konzeffionsverfahren ift befonders fchleppend. Sozialpolitifche 
Regungen treten noch ganz zurück. Wenn aber auch die fpätere trefflidie 
preußifche Bergverwaltung im linksrheinifchen Bergbau mit Recht viel zu belfern 
findet, befonders in der Tedinik, im Arbeiterfchutz und in der Bekämpfung des 
Raubbaues, fo iß: doch die wichtige Reditsgrundlage, auf der fich ihre Arbeit 
und befonders die Arbeit der fpäteren privaten Großunternehmung erft aufs 
baut, von den Franzofen gelegt worden, Ihr langes Weitcrbe(tchen unter preu- 
ßifdier Herrfchaft iß: fchon ein Beweis für ihre Zweckmäßigkeit. — 

Unendlidi viel hat die linksrhcinifche Induftrie den Franzofen zu ver= 
danken. Die Franzofen haben audi hier er(t die notwendigen Vorausfetzungen 
für einen weiteren Auffchwung gefchafifen, befonders indem fie fich den großen 
Sdiritt von der Erobererwillkür zur Gefetzlichkeit abringen. In diefer Hin= 
ficht find die linksrheinifdicn Intereffenten mit der franzöfifchen Wirtfchafts= 
politik fchledithin zufrieden. Den Preußen bringen fie zunächft wenig Sym= 
pathicn entgegen. Der Übergang des Landes an Preußen bedeutet für fie ein 
fchweres gcfchäftliches Opfer. Das klaffifdic Diktum des Bankiers Abraham 
SchaafFhaufen in Köln, der die Einverleibung in Preußen mit dem Sarkasmus 
begrüßt: „Do hirohde mer in 'n arm Familligc" bezeichnet treffend die wirt= 
fdiaftlidi bedingte Stimmung der Rheinländer, befonders der linksrheinifdicn 
Intereffenten, gegenüber den neuen Herren. Und die fchwerc Wirtfchaftskrife 
zu Beginn der preußifdien Zeit fcheint dicfen Befürchtungen zunäch[t Redit 
zu geben. 



Drittes Kapitel. 

Das Geiftesleben. 

Allgemeine Charakteriftik. Vergleicht man die neuen durdi 
die Franzofen am Rheine gefdiafFcncn Zußände mit den altrheinifchen, fo iß; 
die Überlegenheit der Franzofen in der Verwaltungs= und auch in der Wirt= 
fchaftspolitik unzweifelhaft. Sie bringen, mögen in der praktifchen Ausführung 
und auch im Syßem noch fo viele Mängel ßecken, doch auf faß allen Gebieten 
weit vollkommenere Löfungen als die Rheinländer vor der Befruchtung durch 
das neue Regiment. Wenn das Urteil über die franzößfche Wirtfchaftspolitik am 
Rheine bereits viel ungünßigcr lautet, fo ßnd daran nicht nur die weltpolitifch 
bedingten MißgrifFc der Franzofen fchuld, fondern man muß auch die technifchc 
Rückßändigkeit der damaligen deutfchafranzößfchen Wirtfchaftsßufe zur Er= 
klärung heranziehen. 

Bei einem Vergleiche zwifchcn dem altrheinifchen und dem neuen franzö« 
nfch>rheinifchen Geißesieben könnte man einen weiteren Sieg der Fremden 
erwarten. Denn das altrheinifche Gcißesleben ßcht am Vorabend der frano 
zöOfchen Hcrrfchaft nicht auf der Höhe des inncrdcutfchcn. Die Umwälzung 
des Geißeslebens, die Im inneren Dcutfchland feit der Mitte des Jahrhunderts 
hervortritt, hat das Rheinland nur hie und da tiefer berührt. Selbß die Auf« 



□ m. Das Geistesleben: Allgemeine Charakteristik 41 

klärung ergreift nur die Oberfchicht der Intellektuellen. Man braudit dem 
gegenüber nur die glänzende Entfaltung des gleichzeitigen franzöfifdien 
Geifteslebens zu beobaditen, um fidi auch hier von der franzöfifchen öber= 
legenheit zu überzeugen. 

Und doch beweift die rheinifche Geiftcsgcfchidite unter der Fremd herrfchaft 
das Gegenteil. Verfchiedenes wirkt zufammen, um Überlegenheit und An= 
Ziehungskraft auf der franzöfifchen Seite nidit nur erheblich abzufch wachen, 
fondern gerade im Rheinland geip:ige Gegenkräfte aus früherer Zeit neu zu 
verftärken oder auch gerade jetzt neu entstehen zu laffen, zumal da, was man 
auch bei Beurteilung diefes Ringens (tets zu bedenken hat, die franzöfifche 
Herrfchaft am Rheine in ihrer klaffifchen Form nur etwa ein halbes IVlenfchen» 
alter währt. In dem äußerlidi franzöfifdien Lande wird unter franzöfifcher 
Herrfdiaft ein (tillcr Gci(teskampf ausgcfochten, in dem die franzöfifchen Macht- 
haber, da fich eben nicht alles nur einfach befehlen läßt, keinen dauernden Sieg 
zu verzeichnen haben. Die Folge i(t, daß beim Abfchluffe der Fremdherrfdiaft 
die franzöfifche „Kulturpolitik" am Rheine weit weniger erreicht hat, als die 
Wirtfchafts» und befonders die Verwaltungspolitik. 

Der dem Kaiferreich angeborene Hang zur Tyrannei ß:ört das Wachstum 
der durch die Revolution entbundenen neuen Gei(teskräfte oft genug und bringt 
manche hoffnungsvolle Pflanze wieder zum Verdorren. Die Vergewaltigungen 
find jedoch nicht die einzigen Sünden der Empirezeit. Die durch die Revo« 
lution gefchaffene dcmokratifche Gefellfchaft, die auch unter der fpäteren byzan= 
tinifch=pIutokratifchen Hülle weiterlebt, fängt bereits an, eine Hauptaufgabe 
der Demokratie, das Bildungs(treben, zu vcrnachläffigen. Der trotz aller öber= 
treibungen und Einfeitigkeiten fo rühmliche Bildungseifer des aditzchnten Jahr= 
hundcrts gerät bereits in Verfall. Was feine Stelle einnimmt, ift oft nur eine 
kurzfichtige Propaganda für äußerliche, ärmliche, banaufifdie Bildungsideale, 
die immer leerer werden, je rückfichtslofcr man fic für den Dicn|t des Militär= 
und Wcltftaates in Anfpruch nimmt. Dem Idealismus in jeder Form wird mit 
fdieinbar überlegenen Machtmitteln der Krieg erklärt. Schule und Kirche, die 
redenden und bildenden Künfte, Preffc und Wiffenfchaft, die öffentliche Mei= 
nung, der Esprit Public als eine Art von Zufammcnfaffung von dem allem: 
alles foll fich letzten Endes in den Dienfi des brutaUpatriardialifchen Im= 
perialismus (teilen, zumal in einer exponierten Grenzprovinz wie dem Rhein= 
lande. 

Daß die leicht entzündlichen, feftesfrohen, agitationsbegabten Rheinländer 
in diefem neuen Dienfthaufc des Kaifers mit ähnlicher Begeifterung gearbeitet 
haben wie kurz zuvor für die Revolution bei den Freiheitsbäumen, vor den 
Altären der Göttin Vernunft und in den Dekadentempeln der Dircktorialzeit, 
dafür ließe fich manch fprechender Beleg beibringen. Aber wie fich fchon damals 
Widerfpruch regt, fo hat auch die napoleonifche Kulturpolitik, wenn fie über= 
haupt diefen Namen verdient, am Rheine weder einen entfcheidenden Erfolg 
erzielt, noch ungeteilte Gegenliebe gefunden. Der Druck erzeugt den Gcgen= 
druck, am (tärkften auf kirdilichem, am zukunftsreichftcn auf künftlerifdhcm 
Gebiete. Auch in den politifchen Stimmungen bleibt ein Reft von Widerftand 
gegen die Fremdherrfchaft. Die pofitivcn Leiftungcn der Franzofen aber, die 
ihre rheinifche Kulturpolitik aufzuweifen hat, find nach keiner Seite hin fo 
durchfchlagend, daß fie auf die rheinifdic Bevölkerung eine dauernde An= 
Ziehungskraft hätten ausüben können. 



42 I. J. Hashagen, Die Rheinlande beim Abschlüsse der französischen Fremdherrschaft d 

Schuls und Bildungswefen. Dasjenige Gebiet, auf dem die 
Franzofen am wenigften gclciftet haben, i|t das der Erziehung und des Unter= 
richts. Zwar haben fic auch hier wie fo oft nach der einen Seite hin eine wichtige 
Grundlage für eine künftige gedeihliche Entwicklung erß: neu gelegt, indem 
fie nach dem Vorbilde der revolutionären Gefetzgebung, auf die auch hier nicht 
eingegangen wird (vergl, die Zentralfchulen), durch das grundlegende napoleo= 
nifdie Schulgefetz vom i. Mai 1802 (11. Floreal X) die gei(tliche S.chulauf ficht 
befeitigcn und grundfätzlich durch die weltlidie verdrängen. Nur die Organe 
des Staates, die Präfekten, Unterpräfekten, Maires und andere Behörden find 
zur Aufficht über die Schulen berechtigt und verpflichtet. Diefe weltliche Schul= 
aufficht i[t dann fpäter, am 9. Januar 1809, zwar als Infpektion im einzelnen 
geordnet, aber, fo viel man weiß, für die niederen Schulgattungen meilt nur 
mangelhaft gehandhabt worden. Der weltlichen Infpektion der rheinifchen 
Volksfchulen z. B. fehlt es offenbar an Willen, energifdi durdizugreifen. Damit 
und mit anderen auch fon(t nachweisbaren rückläufigen Strömungen, die bis in 
die Kreife der franzöfifdi=rheinifchen Beamtenfchaft hinaufreichen, hängt es 
vermutlidi zufammen, daß fchon während der franzöfifchen Herrfchaft nicht nur 
die Pfarrer mit Erfolg Vcrfudie machen, die ihnen rechtlich entriffene Schule 
praktifch zur Kirche zurückzuführen, fondern daß fie in diefen Beftrebungen 
audi von der Regierung unter(tützt werden. So wird am 30. Januar 1809 der 
Bifdiof von Mainz vom Großmeifter der napoleonifdien „Univerfität" (unten 
S. 43) felbft aufgefordert, feine Pfarrer zu Berichten über die Lehrer zu veran= 
laffen und diefe Berichte dann, verfehen mit feinem eigenen Gutachten, nach 
Paris einzufchicken. Audi der Aadiener Bifchof übt auf die Befetzung der 
Lehrcrftellen praktifchen Einfluß aus. Die Lehrer an den Sekundärfdiulen 
(unten S. 44) find meiftens Geiftlidie, die Volksfdiullehrer vielfach zugleidi 
Küfter. Im Bergifdien wird die Konfeffionsfchule anß:att der älteren Simul= 
tanfdiule von der Regierung felbft empfohlen. Schon unter proviforifcher 
preußifdier Herrfdiaft, die fidh unter K. F. A. Grashof und J. Görres um die 
Neuordnung des rheinifdien Schulwefens fchr beträchtliche und bleibende Ver» 
dicnfte erworben hat, wird dann die gei(tliche Schulaufficht auch als Rechtszu= 
ftand fofort wieder eingeführt. Der von den Franzofen gebahnte Weg wird 
wieder verfdiüttet. 

Dagegen i(t eine andere wichtige allgemeine Grundlage, nämlich die 
Forderung der allgemeinen Sdiulpflicht, von den Franzofen überhaupt nicht 
vorgcfehen, fo daß man fleh nicht darüber zu wundern braucht, wenn von den 
fchulpflichtigen Kindern kaum die Hälfte wirklich eine Schule befuchen. Am 
Niederrhein rechnet man 1804 noch ca. 75% Analphabeten. 

Außer der Verweltlichung der Unterrichtsan(taltcn verfolgt die franzöfifdic 
Schulpolitik am Rhein keine allgemeinen Ziele, denen rein pädagogifche Erwä= 
gungen zugrunde lägen. Wo diefe auftauchen, werden fie immer mehr durch 
außerpädagogifchc, vor allem durdi militärifch=politifche und finanzpolitifche 
aus dem Gcfichtskreis der Verwaltung verdrängt. Diefe faifche, weil außer« 
pädagogifche, Zielfetzung i(t der Krebsfchadcn der franzöfifchen Schulpolitik 
und unterfcheidct fie zu ihrem Nachteil z. B. von dem pädagogifchen Idealismus, 
wie er Im damaligen Preußen hervorbricht. 

Erziehung und Unterricht follen in allen Schulen, von der Volksfchule bis 
zur Hochfchulc (der franzöflfdien Spcziaifchulc : unten S. aj), in gouvcrnementala 
imperialif^ifchem und In mllitärifchcm Gciftc geleitet werden. Der im Jahre 1806 



D ni. Das Geistesleben : Schul- und Bildungswesen 43 

eingeführte Napolconifche Katechismus zeigt, daß fogar der von den Kons 
fcffionen in den weltlichen Schulen fchon unter dem Konfulat wieder erteilte 
und vom Bifchof infpiziertc Religionsunterricht in den Dien(t der imperialiftifchen 
Agitation geftellt wird. Befonders deutlich wird ähnliches im Gefchichtsunterricht 
erftrebt. Die Einrichtung der durch Gefetz vom 17. März 1808 befchloffenen und 
am 15. November 1811 verfchärften ,,Universitc de France", die das Roerdepar= 
tement in äußerlichem Anfchluffe an die Appellationsgerichtsbezirkc (obenS. 13) 
der „Akademie" von Lüttich, die übrigen drei rheinifchen Departements der 
Ivlainzer überwei(t, bedeutet nicht nur eine maßlofe Zentralifierung und Uni= 
formierung des gefamten Unterriditswefcns aller Sdiulgattungcn, fondern auch 
eine Verfchärfung der eben erwähnten allgemeinen Tendenzen. Auch der 
Gegenfatz gegen die unausrottbaren deutfchen Einflüffe in Erziehung und 
Unterricht verfchärft fich jetzt, z. B. zu dem Verbote des Befuchs deutfcher Hoch= 
fchulen. Das Franzöfifche als Unterrichtsfp räche foll fich immer weiter aus= 
breiten. Die Vorliebe der Franzofen für Internate bei den Mittelfchulen, 
die alte klöfterliche Überlieferungen mit neuen militärifchen Forderungen 
abfonderlidi verbinden (die Lehrer der Sekundärfdiulen fmd zum Zölibat 
verpflichtet, Frauen und Mägden ift der Zutritt zu den Sekundärfchulintcr= 
naten verboten), entfpringt der deutlichen Abficht, nicht nur den Unterricht, 
fondern auch die Erziehung den imperiali|tifdien und franzöfierenden Zwecken 
unterzuordnen. Diefe felben geben auch für die Ausbildung eines eigentüm= 
lidien Frei(tellen= (places gratuites) und Stipendien=(Bursen=)Syftems den 
entfdieidendcn Antrieb. Auch bei der Regelung diefer mehr tcchnifchen Fragen 
tragen die politifch=militärifchcn Gcfichtspunkte über die eigentlich pädagogifchen 
den Sieg davon, wenn nicht gar die ausgeworfenen Stipendien (das Floreal= 
gefetz fchafft an den Staatsfchulcn 6400 Freiftellen) ebenfo wie die verfchwen= 
derifch gefpendeten Schulpreife nur dazu dienen, für die wenig beliebten neuen 
weltlichen Schulen und ihre kafernenartigen Internate Reklame zu machen. 

Die zweite allgemeine Hauptabficht der franzöfifchcn Schulpolitik i(t darauf 
gerichtet, den Unterricht für den Staat möglich(t billig zu geftalten, die Schul= 
unterhaltungspflicht, unbefchadet natürlidi der ßiaatlichen Aufficht, für den Staat 
möglichp: einzufchränken und möglich(t auf die Gemeinden abzuwälzen. Bereits 
das Florcalgefetz (1802) bringt die Kommunalifierung der Volksfchulen und 
eines Teiles der Mittelfchulcn. Den Gemeinden liegt fortan ihre Unterhaltung 
ob. Das „Univerfitäts"gefetz vom 17. März 1808 treibt dann zwar die Zen= 
tralifation bis zum äußerftcn. Allein an der Verteilung der Schulunterhaltungs= 
pflicht, die dem Staate nur für die höheren Mittelfdiulen und die Spezialfchulen 
obliegen foll, ändert es nichts wefentliches. Es fcheut fich auch nicht, die Ver= 
waltungskoften fogar diefes zentralen In(tituts der „Univerfität" wieder vom 
Staate abzuwälzen, und zwar diesmal fogar auf die Infaffcn der Internate. Ein 
weiteres Dekret vom 17. Dezember 1811 beftimmt näheres über die Schullaftcn 
der Gemeinden. Schulaufficht und Sdiulleitung, Befetzung der Lehrer(tellen 
und Ge(taltung des Lehrplanes bleiben trotzdem ganz in den Händen der 
Zentralbehörden, 

Das Zufammenwirken diefer beiden Tendenzen, der politifchcn und der 
finanzpolitifchen, i(t, wie fich an faft allen Schulgattungen zeigen läßt, nicht zu 
ihrem Segen ausgefchlagen. Bei der oft fchwierigen Finanzlage find die Gc= 
mcinden feiten imftande, ihrer Schulunterhaltungspflidit in gedeihlicher Weife 
nachzukommen. Öfters find fie auch zu indolent dazu. Die rheinifdicn Volks» 



44 I. J. Hashagen, Die Rheinlande beim Abschlüsse der französischen Fremdherrschaft d 

fchulen (Primärfdiulen) geraten infolge ihrer Kommunalifierung in eine traurige 
VcrfalTung. Die Erhebung, die fdion die proviforifdie preußifche Verwaltung 
im Auguß: 1814 darüber veranftaltet, enthüllt beträchtliche Mißß:ände, und zwar 
am Niederrhein durchweg größere als am Mittelrhcin und an der Mofel. Die 
Lehrpläne der Volksfchulen halten fidi auf recht niedriger Stufe, indem fie über 
Lefcn, Schreiben, Redincn feiten hinausftreben. Das Dekret vom 15. November 
1811 befchränkt fie fogar ausdrücklich darauf. In den Lehrmitteln herrfdit die größte 
Planlofigkcit. Die Sdiullokale entfprechen feiten billigen Anforderungen. Das 
Lehrermatcrial i(t unzulänglich. Für die Lehrerbildung i(t nicht ausreidiend 
geforgt. Die von dem Univerfitätsgefetze als Anhängfei der höheren Mittel» 
fdiulen (Lyzeen) und Nadifolger der älteren republikanifchen Prüfungs= 
kommiffioncn (jurys d'instruction) geforderten Lehrerfeminare (Normalfchulen) 
bleiben in den Anfängen [ted<en. Man findet fic unter den Aufpizien des 
pädagogifch befondcrs intereffierten Präfekten Lezay=Marncsia in Bonn und 
Coblcnz, ferner in St. Mathias bei Trier und in Luxemburg mehrfach als reine 
Privatunternehmungen. Von einer tieferen Wirkung kann aber deshalb nidit 
die Rede fein, weil die erwähnte preußifche Unterfuchung gerade in der Lchrer= 
bildung die größten Lücken und Mißßiändc aufdeckt. Der Präfekt des Roer= 
departements ge(teht in einem umfangreichen Schulberichte vom 28. März 1804 
(10. Fructidor XII), daß die Bemühungen um beffer vorgebildete Volksfdiul= 
Ichrer, die wenigftens ihre deutfche Muttcrfprache vollkommen beherrfditen, 
im allgemeinen ohne Erfolg geblieben feien. Das mcift auf das Schulgeld an= 
gewiefene Gehalt i(t redit mangelhaft, die foziale Mißachtung des Volks= 
fchullehrerftandes in der franzöfifchen Zeit daher nodi weit verbreitet. Nun hat 
man zwar geltend gcmad^t, daß die franzöfifche Verwaltung am Rheine zu= 
nächft für Widitigeres, wie Ordnung, Sidicrheit, Polizei, Rechtspflege, zu forgen 
hat. „Erjt dann, wenn der Staat auf diefcn Gebieten alle erforderlichen 
Vorkehrungen getroffen hat, wird er fich der intcnfivcn Pflege des niederen 
Schulwefcns zuwenden können." Allein foldie und ähnlidie Erwägungen 
können die franzöfifche Verwaltung deshalb nicht entlaflen, weil es ihre Sdiul= 
Politik an Gefchäftigkeit und zeitraubender und ko(tfpieliger Reglementierung 
ebenfowcnig hat fehlen lajlen wie andere Zweige ihrer Verwaltungspolitik. 
Nicht weil die franzöfifche Verwaltung nicht kann, fondern weil fie nidit will, 
weil fie den Bannkreis jener allgemeinen fchulpolitifdien, pädagogifch unhalt= 
baren Anfchauungen nicht zu verlaffcn gemeint i|t, hat fie ihrer Nachfolgerin, 
der preußifchen Verwaltung, hier einen fo fchlecht bcftellten Acker hinterlaffcn. 
Auch für die wichtigfte Gattung der Mittelfchulen, für die niederen, unfcren 
Rcaifchulcn entfprcchcndcn Sckundärfchulen — feit dem Univerfitätsgefetze 
heißen fie Colleges — haben nach dem Florealgcfetz und den wichtigen Ergän= 
Zungen des Dekrets vom 12. Oktober 1804 (19. Vendcmiaire XII) neben Privaten 
allein die Gemeinden aufzukommen. Der Lchrplan dicfer Schulen er(treckt 
(Ich wie bei den Realfchulen des achtzehnten lahrhundcrts auf Latcinifch, 
Franzöfifch und die Elemente der Geographie, Gefchichtc und Naturwiffen» 
fchaftcn, foll fich aber natürlich, was den Lateinunterricht betrifft, mit geringen 
Anforderungen begnügen, wozu man fchon durch die Vorfchrift gezwungen i(t, 
daß der Lateinunterricht nur zwei lahre dauert. Es ifl aber bezeichnend für 
die geringen pädagogifchen Erfolge der franzöfifchen Schulverwaltung, daß fich 

f^elejrcntiich, fo In der Stadt Köln, die unterworfenen rhcinifchen Schulmänner 
clbft gegen den bis Ins Tcchnologifche hinübergreifenden Rcalfchultyp der 



□ ni. Das Geistesleben : Schul- und Bildungswesen 45 

Sckundärfdiulcn um fo mehr zu Wehr fetzen, als ihnen höhere Mittelfchulcn 
(Lyzeen, von einer zweiten gehobenen Sekundärfchule abgefehcn), nidit bc= 
wilhgt \x/erden, und dann einem freilich katholifch gefärbten deutfdien Neua 
humanismus und audi dem deutfchen Unterrichte in den Sekundärfchulen einen 
breiten Raum zu fidiern .verftehen, und daß der reformierte Sekundärfchul= 
rektor Wilhelm Weinmann in Kreuznach im Gegenfatze zum Imperialismus 
fogar den deutfchen Gei[t in feinen Schülern kräftig heranbildet. Und das alles, 
obfchon ein neues Dekret vom 4. Juni 1809 den Einfluß der Zentralbehörden 
des Staates in den Sekundärfchulen weiter verftärkt. Auch fonft haben die 
rheinifchen Mittelfchulen das franzöfifche Ideal nicht immer erfüllt, und die 
pädagogifchc Indolenz der Franzofen hat es dabei belaffen. Das Fachfy(l:em 
ftatt des Klaffenfyftems i(t wenig glüdtlich. 

Er(t bei den gehobenen Mittclfdiulen, den fog. Lyzeen, läßt der Staat feine 
Schulunterhaltungspflidit beginnen, fetzt aber ihre Zahl von vornherein (tark 
herunter, indem er nur je eine für einen immer mehrere Departements um= 
faffenden Appellationsgcriditsbezirk zuläßt. Für das Rheinland werden zwei 
Lyzeen, in Bonn und Mainz, für ausreichend gehalten. Die Lyzeen find fechs= 
klaffige Gymnaficn, zu denen zunächft nur Sckundärfdiüler Zutritt haben 
follen. 

Die fünf alten rheinifchen Hochfchulen Duisburg, Köln, Bonn, Trier und 
Mainz werden von den Franzofen allmählich fämtlich fo weit ruiniert, daß 
fie am Ende alle an Entkräftung zugrunde gehen, ohne daß die Franzofen 
etwas Gleichwertiges an die Stelle zu fetzen vermocht hätten oder auch nur 
dazu gewillt gewefen wären. Die Pläne, die Duisburger Univerfltät in die 
Hauptftadt des Großherzogtums Berg, nach Düffcldorf, zu verlegen, werden 
nicht mehr verwirklicht. Der Universitas litterarum wird der Düffeldorfer 
Univerfltätsplan fo wenig gerecht, daß er beifpielswcife einen Lehr(tuhl für 
Nationalökonomie nicht für nötig hält. 

Dagegen intereffiert fleh der franzöfifche Staat für Spezialfchulen und über» 
nimmt auch die Unterhaltung. Diefe Spezialfdiulen find jedoch in crfter Linie 
nur Vermittlerinnen technifcher Berufsbildung, erft in zweiter Linie Stätten 
des wiffenfchaftlidien Unterrichts und der wiffenfchaftlichen Forfdiung, Am 
Rheine wird eine Medizinfchulc in Mainz und eine fich eines weit bemeffenen 
trefflichen Lehrplanes und einer bcfonderen Blüte erfreuende Rechtfchule in 
Coblenz errichtet. Andere Fakultäten werden ihnen aber nicht angegliedert, wie 
das z. B. in Straßburg der Fall war. Tcchnifche oder Handelsfchulen niederer 
oder höherer Ordnung werden weder von den Gemeinden noch gar vom Staate 
begründet. Eine Privathandelsfchule hat eine Zeitlang in Köln be{tanden. 

Angefichts deffen i(t es nicht wunderbar, daß das rheinifche PrivatfchuU 
wefen wegen feines geijtlichen Charakters und daneben wegen feiner WohlfeiU 
heit (der Unterricht wird oft gratis erteilt) auch unter der franzöfifchen Herrfchaft 
trotz der Säkularifation und der Aufhebung der Schulorden einen großen Um= 
fang behält, alles Mißtrauens und aller Feindfchaft der Regierung ungeachtet. 
In Aachen werden z. B. 1807 über 500 Kinder von Privatlchrern unterrichtet. In 
Köln ift die Zahl geringer, da die öffentlichen Schulen, die hier von den bedeu« 
tenden alten Sdiulfonds zehren können, auf höherer Stufe flehen als anderswo. 
Aber fie beträgt immer noch nahezu 300 und übertrifft die Zahl der Sdiüler 
der beiden Sekundärfchulen erheblich. Die Zahl der Privatanftalten für Knaben 
und Mädchen, bei denen ajlerdings zwifchen Volks= und Mittelfchulen nicht zu 



46 L J. Hashagen, Die Rheinlande beim Abschlüsse der französischen Fremdherrschaft a 

untcrfcheidcn i(t, belauft fidi für das Rocrdcpartcmcnt noch im Jahre 1810 auf 
100 mit über 4300 Schülern und Schülerinnen, während die unter (trengftcr 
Staatsauffidit (tchendcn fieben kommunalen Sckundärfchulen des Departc= 
ments es im Jahre 1807 noch nicht auf 400 Schüler bringen (Fritz). Befonders 
die alten Gymnafien leben meift nur als Privatfdiulen weiter. Auch erfreuen 
fich wie noch heute außerrheinifche — damals natürlich rechtsrheinifdie — 
Erziehungsanftalten großer Beliebtheit. 

Der volle Umfang des damaligen rheinifdien Privatcrziehungswefens wird 
fidi exakt wohl nie ermitteln laffen. Aber er gehört zu den Erfcheinungen 
rheinifdien Geifteslebens unter franzöfifcher Herrfchaft, die man kaum über= 
fdiätzen kann. Diefc Privatfchulen fch ranken die Erfolge der franzöfifchen 
Erzichungs= und Unterrichtsarbeit nachhaltig ein. Der in ihnen herrfchendc 
geiftlidie Zug ift dem Gciftc des Franzofentums, des Kaifertums, der welt= 
lidien Bildungsideale nicht günftig. Wie der Schmuggel die Douane, fo be= 
hindert die meift gciftliche Privatfchule die öffentliche weltliche Schule. 

Die theorctifche Pädagogik bleibt, foweit fich Zeugniffe darüber erhalten 
haben, am Rheine unter franzöfifcher Herrfchaft noch oft von Deutfch= 
land abhängig. Die Strömungen der damaligen deutfchen Pädagogik wie der 
Philanthropinismus, der Neuhumanismus und die moderne Peftalozzifche Rich= 
tung finden am Rheine häufiger Beifall als etwa Rouffeau. Bei Preisvertei= 
lungen in den Schulen gefellen fich zum Napoleonbildnis doch auch wieder die 
alten deutfdien Bücher. 

Auch andere Bildungsbeftrebungen, foweit fie einem ausgefprochenen 
Franzofentum dienen, gelangen nur in einzelnen Kreifen, fo etwa in den Logen, 
wirklich zu tieferem Einfluffe. Die deutfchen Lefegefellfchaften, Sammelplätze 
der Intelligenz fchon vor der franzöfifchen Zeit, dienen nur teilweife der franzö= 
fifchen Propaganda. Die Sprachenfrage ift beim Abfchluffe der Fremd herrfchaft 
fchon wegen der Kürze ihrer Dauer und der geringen Erfolge der fpezififch 
franzöfifchen Bildungsbeftrebungen noch keineswegs zugunftcn der Franzofen 
cntfchieden. Freilich haben fie auch erft in den letzten Jahren diefer wichtigen 
Materie größere Aufmerkfamkeit gcfchcnkt, damit aber auch fofort größeren 
paffiven Widerftand ausgelöft. Im rhcinifchen Grenzlande war die Kenntnis 
des Franzöfifchen fchon vor der franzöfifchen Herrfchaft weiter verbreitet, als 
im inneren Deutfchland, trotz aller auch hier wirkfamen franzöfifchen Ein= 
flüffe. Zur Zweifprachigkeit verfteht man fich gerne. Die neuen unendlich 
verftärkten amtlidien, militärifchen, wirtfchaftlichcn Beziehungen zu Frankreich 
dienen natürlich auch der weiteren Verbreitung der franzöfifchen Sprache. 
Aber das Franzöfifche überall an die erfte Stelle zu fchieben, das ift wohl 
das Ideal der kaiferlichcn Regierung der Spätzeit, aber nicht das Ideal der 
Rheinländer. Was Darm(tädter vom Elfaß fagt, gilt auch vom Niederrhein: 
„Man wußte fchr genau zu untcrfchciden zwifchen dem Wunfche, die fran= 
zöfifchc Sprache zu fördern, und der Tendenz, die deutfche zu unterdrücken." 

Verfchiedcne Mittel zur Verbreitung der franzöfifchen Sprachkenntniffc 
(Ind vorgefchlagen und tcilweifc auch angewandt worden: Einführung der 
franzöfifchen Sprache in den Volksfchulcn, zwcifprachiger Druck der vcrbrei« 
tetftcn Volksbücher wie der Kalender und der Gebetbücher, ferner franzöfifche 
Predigt, franzöflfchcs Theater, Erlernung der franzöfifchen Sprache durch alle 
Beamten. Ob aber diefc und andere Mittel viel erreicht haben, muß ganz 
(bhlngef^ellt bleiben. Nach Golbörys auffchlußrcichcr Bcfchreibung des Roer« 



p III, Das Geistesleben : Kirchenwesen 47 

departemcnts von 1811 hcrrfcht auf dem Lande faft ausfdiließlidi die deutfche 
Sprache und wird die franzöfifche Sprache in den Städten nur höchft mangeU 
haft gelehrt. 

Kirchenwefcn. Pofitivere Lei(tungen als im SdiuU und Unterrichts= 
wefen hat die franzöfifdie Verwaltung im Kirchcnwefen aufzu weifen. So fchwcr 
audi hier die Mängel fein mögen : in republikanifcher Zeit das gewalttätige 
Wüten gegen eine große kirchliche Vergangenheit und ihre Denkmäler, in der 
kaiferlidien Zeit die ab(toßende Erfcheinung einer Hofkirche und einer kaiferlich 
approbierten bifchöflidien Religion: es gibt auch hier eine Grunderfcheinung, 
die mit manchem verföhnt: die praktifche Verwirklichung der theoretifchen 
Toleranz des achtzehnten Jahrhunderts gegenüber Andersgläubigen. Daran 
haben alle mitgearbeitet: die Volksrepräfentanten und Gencralgouverne= 
mentskommiffare der proviforifchen Zeit, wie fpäter die Präfekten und Maires, 
die Bifchöfc des Empire, der Kultusminißier und der große Kaifer felbß:. 
Prote(tanten und Juden erhalten zum erften Male für das ganze Gebiet der 
heutigen Rheinprovinz gleichmäßig Kultusfreiheit und kirchliche Organifation, 
und zwar die Proteftanten in freiheitlichen Formen, die den hi(torifchen über= 
lieferungen des organifatorifch fo trefflidi gefdiulten rheinifdien Prote(tantisa 
mus entfpradien, indcffen in der fpäteren prcußifchen Kirchenordnung von 
1835 nicht gewahrt geblieben find. Infolge der franzöfifchen Toleranzpolitik 
ift auch das gegenfeitige innere Verhältnis der rheinifchen Konfeffionen 
einigermaßen gebeffert worden. Der Gedanke tritt häufiger auf, daß Religion 
und Kirchlichkeit nicht verwechfelt werden dürfen, daß es eine Religion gebe 
außerhalb der Konfeffionen, über den Konfeffionen. Noch auf Jahre hinaus hat 
diefe franzöfifche Politik den konfeffionellen Frieden gefidiert, wenn fich auch die 
Schwierigkeit der gemifditcn Ehen unterfranzöfifdier Herrfdiaft bereits ankündigt. 
Erft fpätere Entwicklungen haben die Wunden wieder aufgeriffen und dann im 
Zufammenhang mit den im neunzehnten Jahrhundert allgemein erftarkenden 
rückläufigen Tendenzen die franzöfifdie Errungenfchaft wieder in Frage geftellt. 

Das Verhältnis der franzöfifdien Regierung zur katholifdien Kirche am 
Rhein wird durch das am 4. Mai 1802 (14. Florcal X) in den rheinifchen De= 
partements publizierte Konkordat vom 15. Juli 1801 (29. Messidor IX), welches 
eine leidenfchaftliche Kampfesperiode zum Abfdiluß bringt, geregelt. Die 
Auswüchfe der republikanifchen Kirdienpolitik werden aber dadurch nicht 
befeitigt. Ein Konfularbefchluß vom 9. Juni 1802 (20. Prairial X) verfügt 
zufammen mit der Aufhebung der Klö(ter die Säkularifation des gefamten 
geijtlichen Befitzes. Jedod» follen die Kirchen, Pfarr=, Kapitel= und Seminar= 
häufer zurückgegeben werden. Ferner foll das Vermögen der für Zwecke der 
Erziehung und Krankenpflege begründeten gei(tlichen In(titute unter (taatlicher 
Verwaltung dicfen Zwecken weiter dienen. Auch entzieht fich der Staat der 
Hauptpflicht nidit, die ihm aus der Säkularifation erwächft, der Penfionszahlung 
an die Enteigneten und der fchon im Konkordat verheißenen Befoldung der 
Gei(tlichen aus der Staatskaffe. Die Organifchen Artikel vom 8. April 1802 
(18. Germinal X) verfügen ferner die Begründung von Kirchenfabriken zum 
Zwecke des Kultus, der Unterhaltung der kirdilichen Gebäude und der kirch= 
liehen Armenpflege, deren fchwierige, fpäter zu vielen Streitigkeiten Anlaß 
gebende Rechtslage durch Dekret vom 30. Dezember 1809 weiter geregelt wird. 
Dabei zeigt der Staat audi hier die Neigung, die Kirchenla(ten auf die Gea 
meinden abzuwälzen. 



48 L J. Hashagen, Die Rheinlande beim Abschlüsse der französischen Fremdherrschaft d 

Napoleon fdiafft nicht nur für die Vermögensverwaltung eine neue Grunds 
läge, fondern er greift auch fon(t tief in die äußeren und inneren VerhältniHc 
der Kirche ein. Die alten rheinifdien Erzdiözefen und Diözefen werden nicht 
wicderhergeftellt, fondern unter dem Erzbistum Mecheln werden für das 
Rheinland drei neue Bistümer erriditet, deren Grenzen fich an die der De= 
partements anfchlief^en : in Aachen für das Rocr= und Rhein=Mofeldepartement, 
in Trier für das Saar= und in Mainz für das Donnersbergdepartement. Ferner 
erfolgt eine neue Zirkumfkription der Pfarreien und eine Neuordnung der 
perfönlichen Rcditsverhältnide der Pfarrer, bei der nur die , Cures' im Gegen= 
fatze zu den ^Dej^ervants' die kirchenrechtliche Inamovibilität behalten. 

Durdi die Organifdien Artikel und durdi das Univerfitätsgefetz wird auch 
der Unterricht in den geiftlichen Seminaren reglementiert. Ihre Lehrer müflcn 
fidi auf die Gallikanifche Deklaration von 1682 verpflichten. Auch in dem 
Dekret vom 14. März 1804 {zj. Ventofe XII) werden die Maximen der Galli= 
kanifchen Kirche als Lehrgegenjtand der Seminare befonders hervorgehoben. 
Geijtlidie Sekundärfdiulen follen im felben Geifte der Vorbereitung auf die 
Seminare dienen. 

Befonders die Organifchen Artikel fudien die Herrfchaft des Kaifers in der 
Kirdie zur Geltung zu bringen. Selbftverftändlich werden umfaffende Vor= 
kehrungen zur Sicherung des Plazets getroffen. Die Appcllatio ab abusu geht 
von den kirchlichen Oberen weiter an den Staatsrat. Die gewährte Kultus« 
freiheit wird durch Verordnungen über die „Polizei" des Gottesdien(l:cs, die 
fidi fpäter befonders gegen die Wallfahrten nach entfernteren Orten und gegen 
das Feiern abgefchaffter Fefttage wendet, wieder etwas eingefchränkt. Daß fich 
gegen diefe und andere Verordnungen in den geijtlichen und den von ihnen 
beherrfchten Laienkreifen vielfältiger Wider(tand erhebt, i|t um fo begreiflicher, 
als fleh das Verhältnis des Kaifers zur Kurie feit der Gefangennahme des Papftcs 
im Jahre 1809, dem Parifer Nationalkonzil von 1811 und dem zweiten Kon= 
kordat von 1813 wieder verfdilechtert, fo daß Napoleon den zweiten Aachener 
Bifchof Le Camus bereits gegen den Willen der Kurie intrudicren muß. 

Bei allem geiftlichen Widerftande jedoch, der am Rhein auch noch durch 
die napoleonifche Kirchenpolitik ausgelöft wird, iß; es ihr doch vorübergehend 
gelungen, eine Art von Hofbistum auch am Rheine zu fchaffen. Die neuen 
Hofbifchöfe werden vom Kaifer nicht nur ernannt (allerdings nach dem Kon= 
kordatc unter Wahrung der kanonifchen In(titution), fondern fie fmd auch in 
crfter Linie feine gehorfamen Untertanen und erft in zweiter Linie kirchliche 
Organe. Auch fozial hebt fich der neue höhere Klerus in feiner demokratifchen Zu» 
ammenfetzung von den ariftokratifchcn altrheinifdien Vorläufern ab. Der Trierer 
iifchof Carl Mannay und die Aachener Bifchöfe Marc Antoine Berdolct und 
^e Camus find gefügige Werkzeuge in der Hand des Kaifers. Ihre Hirtenbriefe 
I Mandements) dienen nicht nur einer die Blasphemie ftreifendcn Verherrlichung 
Slapoieons, fondern auch der greifbaren Agitation für Konfkription und Douane. 
"rcilich [Ind nicht alle Bifchöfe fo gefügig. Um den aus der elfäffifchcn Juden» 
chaft hervorgegangenen Mainzer Bifchof Jofcph Ludwig Colmar gruppieren fich 
>ereits die Anfänge einer Oppofltion des neuen politifchcn Katholizismus. 

Das Regiment Napoleons in der rhcinifchen katholifchcn Kirche bedeutet 
aber trotz der gegen {[z gerichteten materiellen Schläge und trotz aller unleid» 
liehen höflfchen Beeinfluffung gegenüber den anarchifchen Zeiten der provi« 
forifchen Hcrrfchaft mit der IlcrftelUing eines äußeren Fricdcnszultandes einen 



in. Das Geistesleben: Literatur, Theater, Musiit 49 



großen Fortfehritt. Als folchcn hat man den Abfchluß des Konkordats trotz der 
Organifdien Artikel immer befondcrs gewürdigt. — 

Die Prote(tanten verdanken der Revolution und dem Kaifer die Emanzi= 
pation, die audi die Befeitigung alter handeis» und gewerbepolitifdier Be= 
fdiränkungen einfdiließt, und die Anerkennung ihres Kultus und ihrer kirdi= 
lidien Organifation durdi die Organifdien Artikel. Da diefe die Verfafl"ung 
der Einzelgemcinde ganz unberührt laden und nur die alten „Klaffen" in 
„Konfi|toricn" verwandeln und nadi oben zu „Generalkonfi(torien" zufammcn= 
fdiließen, fo kann man die prote(tantifchen Kirdien am Rheine unter franzö» 
fifdier Herrfdiaft mit weit größerem Redite als „(taatsfrei" bezeidincn als unter 
preußifdier. Napoleon felbp: iß: für die Emanzipation der Proteftanten befonders 
intereffiert. Gelegentlidi der Taufe des Königs von Rom im Jahre 1811, die 
auch am Rheine Begeifterungs(türme wedt, erkundigt er fidi bei den in Paris 
anwefenden Kölner Deputierten befonders eingehend nadi dem Sdiid<fale der 
(tädtifchen Reformierten. Der allgemeine Einfluß des proteftantifdicn Rhein= 
lands ift fdion unter Napoleon im Steigen begriffen. Die Zahl der Proteftanten 
beträgt in den beiden nördlichen Departements gegen Ende der franzöfifchen 
Herrfdiaft annähernd 100000, d. h. nahezu ein Zehntel der Gefamtbevöl» 
kerung. In der vom Kaifer begünftigten linksrheinifchen Induftrie find an 
leitender Stelle viele Proteftanten tätig. Auch im Hinblidte auf feine lnduftrie= 
Politik findet Napoleon unter ihnen eine große Zahl begci(terter Freunde. 
Der Name Napoleon als Vorname in den Kreifen der Stolbcrger lS/leffing= 
fabrikanten i(t ein fichtbares Zeichen dafür. Aber auch in den Kreifen der 
proteftantifchen Pfarrer blüht der Napolconkult befonders. Der Geift der Auf= 
klärung ift hier noch immer eine Macht. Die neuen Simultankirchen für beide 
proteftantifchen Konfeffionen in Köln, Coblenz, Mainz beweifcn das neben 
manchem anderen Zeugnis. Wo fich aber auch auf proteftantifcher Seite die 
Intoleranz von neuem breit macht, wird fie von der Regierung fofort bekämpft. 

Der jüdifche Kult wird durch Dekret vom 17. März 1808 (taatlich organi= 
fiert. Die Juden erhalten eine Konfiftorialverfaffung nach Art der protejtan» 
tifchen. Jedoch gewährt der Staat den Rabbinern nicht wie den protejtantifchen 
Pfarrern ein Gehalt. Auch ift der Staat in Sachen des Wuchers mit Aus= 
nahmegefetzen gegen die Juden vorgegangen. Daß aber audi von den 
rheinifchen Juden die neue Zeit der alten weit vorgezogen wird, bedarf keines 
Beweifes. 

Literatur. Theater. Mufik. Die in befcheidenen Grenzen und 
Formen lebende fchönc Literatur am Rhein i(t durch die franzöfifche Herrfchaft 
nicht wefentlich umgeftaltet, vor allem aus dem Zufammenhange mit Deutfch= 
land nicht durdiaus gelöft worden. Franzöfifche belletriftifche Einflüffe fmd 
geringer, als man in dem von den Franzofen eroberten Lande erwarten follte. 
Die deutfchen Klaffiker werden am Rheine auch unter franzöfifcher Herrfchaft 
gelefen und gefchätzt. Ferdinand Franz Wallraf in Köln ftimmt zwar feine 
Leier oft genug auf den franzöfifchsklaffiziftifdien Ton, In der Anfertigung 
lateinifcher Epigramme auf den Kaifer ift diefer Napoleonfdiwärmer un= 
erfdiöpflich. Aber dcrfelbe Wallraf macht fich doch auch in der fchon 
während der franzöfifchen Periode kräftig einfetzenden romantifchen Bc« 
wegung (unten S. 52 ff.) einen Namen. Außer ihm hat aber Napoleon am Rhein 
keinen irgendwie nennenswerten poetifchen Verherrlicher gefunden. Das 
lyrifdic und epifche Kleingut, das die rheinifdien Kalender, Mufenalmanache und 

Die Rheiaprovinz 1815 — 1915. 4 



50 I. J. Hashagen, Die Rheinlande beim Abschlüsse der französischen Fremdherrschaft a 

Tafchenbücher damals bieten, ift literarifch nicht viel (tärker von den Fremden 
angeregt, als es fchon vor ihrer Ankunft am Rheine der Fall war. Siegeslieder 
auf die Franzofen und auf Napoleon werden am Rheine noch lange in der 
beliebten Gleim'fdien Grenadierftrophe angeftimmt. Die Kölnifche Zeitung 
bringt am 4. März 1 803 (13. Ventose X I) einen Nekrolog auf Gleim, den fie nicht 
eingcrüdit hätte, wenn fie nicht von dem Intereffe ihrer Lefer dafür überzeugt 
gcwefen wäre. Schöngei(tige Revuen wie der 1810—1813 erscheinende Mercure 
de la Roer geben bereits den neuen romantifchen Neigungen nach und fuchen 
für Chateaubriand Intereffe zu erwedicn. Die einzige literarifdie Größe, die 
das damalige Rheinland befitzt, Jofeph Görres, wandelt fchon feit der Jahrhunderts 
wende feine eigenen Wege. Die rheinifche Volks= und Dialektdichtung rettet 
(ich über die franzöfifdic Zeit hinüber. Die Everaertfchc Druckerei in Köln 
widmet fidi befonders der Herftellung der beliebten „Volksbücher" (Angabc 
Nemnichs für 1808). Ein poetifcher rheinifcher Napolconkult findet er(i in 
preußifdier Zeit als Reflex der idealifierten franzöfifdien Vergangenheit feine 
Prie(^er. Das klaffifdie franzöfifdie Drama vermag fchon literarifch nicht gegen 
das klaffifche deutfdie, befonders Sdiillers, und nodi weniger gegen das deutfdie 
Familien(tüd< der Iffland und Kotzcbue (und gegen das Singfpiel) aufzu= 
kommen. Der ganz franzöfifch gefinnte Zentralfchullehrer Theodor Faber 
teilt darüber im Jahre 1802 in einer in Köln crfdiienenen Brofdiüre intereflantc 
Beobachtungen mit, die offenbar auf praktifcher Erfahrung beruhen: L'Alles 
mand, accoutume par ses grands auteurs Goethe et Schiller aux ouvrages dans 
le genre de Shakespeare, n'aime point les picces rcgulieres des tragiciens fran^ais . . . 
Cherdiant dans. la tragcdic unc nature gigantcsquc, la belle nature ne lui 
parait tragique. La comedie frangaisc ordinaircment rimcc le rebutc egalement, 
et il suffit quelqucfois de voir unc piccc annonccc comme versifi^c pour ne pas 
sc rcndre au spcctaclc. D'aillcurs, les passages ä scntimcnt sont declam^s cn 
frangais d'une manicre tout opposce ä la dcclamation allemande, de sorte quc 
souvcnt, ce qui toudie le Fran?ais aux larmes, fait rire TAllemand. Faber 
fpricht zwar nur von „Deutfdicn"; aber er wendet fidi an ein rheinifchcs Pu» 
blikum und meint mit den Deutfchen dodi audi die Rheinländer. 

Tiefer greifen die franzöfifdicn Einflüffe in der wiffenfdiaftlichen Literatur 
des Rheinlandes. Die Gcfdiichtsfdhrcibung dient vielfach der Verherrlichung 
der franzöfifchen Gegenwart. Neben Wallraf wetteifern z. B. der katholifchc 
Weltpriefter Simon Peter Ern(t aus Afden bei Herzogenrath und der refor« 
miertc KonfiftorialpräPidcnt Heinrich Simon van Alpen in Stolberg darin, die 
ältere rheinifche Gefchichte auf Napoleon als den Erfüller aller Verheißungen 
zuzufpitzen. Karl der Große als Vorläufer Napoleons, die alten Franken als 
Vorläufer der Franzofen erregen befonderes Intereffe. Der napoleonifdie 
Klaffizismus führt ferner zu dilettantifcher Erforfchung der römifchen Periode 
der rhcinifchen Gefchichte. Für Wallrafs Klaffizismus ift es bezeichnend, daß 
er felbß: für die Vorgefchichte der Kölner Malerfchulc die alten Römer bemüht, 
während andrcrfcits Afchenberg in feinen in Dortmund gedruckten Nieder» 
rheinifchen Blättern 1801 die Behauptung aufftcllt, fogar Napoleon fei ein 
„vorzüglicher Bewunderer der Schöpfungen des Mittelalters". Dokumente 
rheinifch-franzöfifcher Gcfchichtsklittcrung ließen [Ich zahlreich zufammena 
brifiKcn. Dagegen i(^ die durch weltliche und befonders durch geiftlidie (meift 
handfchriftliche) Chroniken und Tagebücher vertretene Zeitgcfchichtsfchrcibung 
auch unter Napoleon noch durchweg franzofcnfcindlich. 



o in. Das Geistesleben : Bildende Kunst, Kunstanschauung 51 

Andcrcrfcits ift ein fpezififch franzöfifdics, kräftig entwickeltes Gewächs die um» 
fallende theoretifdie und praktifdie juriftifche Literatur des Rheinlandes, die fidi 
auch pcriodifdier Veröffentlidiungen bedient, um die Erforfchung des franzöfifchen 
Rechts zu vertiefen und fein Verß:ändnis zu verbreiten. Der rheinifdic Richter= 
und Anwaltftand erwirbt fich unter den neuen Herren eine vorzügliche Fach= 
bildung. Auch literarifch=wi(]enfdiaftlich wird er auf die große Rolle vorbe= 
reitet, die er fpäter im öffentlidben Leben der Rheinprovinz fpielt. Seine be= 
fondcre Wertfdiätzung während der franzöfifchen Zeit iß: audi daraus zu er= 
kennen, daß er häufig mit Sitz und Stimme in den höheren Schulkommiffionen 
betraut wird. Männer wie H. J. W. Daniels und F. G. J. v. Laffaulx find 
Zierden der rheinifchen und der allgemeinen Reditswiffenfchaft. Dazu kommt 
in geringcrem Umfange eine lediglich für die Praxis berechnete, von Rhein= 
ländern verfaßte Literatur des franzöfifchen Verwaltungsrechtes. Beide Gat= 
tungen einer mehr wiffenfchaftlidicn Literatur haben die franzöfifche Herrfchaft 
nodi lange überdauert. Auch die gedruckten Affifenprotokollc und die wert= 
vollen, von Franzofen und Deutfchen verfaßten Departementsbefchreibungen 
wären in diefem Zufammenhangc zu erwähnen. 

Wo fie die neuen großen franzöfifdien Errungenfchaften behandeln und 
dem Ver(tändnis weiterer Kreife erfdiließen will, da zeigt die rheinifche Literatur 
überall die neue franzöfifdie Sdiulung. Darüber hinaus aber verlaufen die 
franzöfifchen literarifdicn Einflüffe, wenn man ihnen genauer nadigeht, öfters 
wieder im Sande. Als Reaktion gegen die preußifdie Herrfchaft ift freilidi audi 
hier fpäter teil weife ein Wandel eingetreten. 

IVlit großem Eifer find die Franzofen bemüht gewefen, das franzöfifche 
Theater am Rheine populär zu machen. Obwohl wir über diefc Bcjtrebungen 
gerade für Aachen, eine unzweifelhaft von ftarken franzöfifchen Sympathien 
erfüllte Stadt, genauer unterrichtet find, und obwohl das damals nodi fa(t allein 
möglidie Sy(tem der Wandertruppen den Wünfchen der Regierung entgegen* 
kommen müßte, fo entfpridit dodi der Erfolg nicht annähernd dem großen 
Aufwände an behördlidier Agitation. Nicht Leffings Dramaturgie, aber der 
Mangel franzöfifcher Sprachkenntniffe und die Abneigung gegen ein der fchärfften 
Zenfur unterjtelltcs Schaufpiel in den breiteren Schiditen hat der Regierung 
unüberwindliche Hinderniffe in den Weg gelegt. 

Von der Mufik gilt erß recht, daß fie nidit von den franzöfifdien, fondern 
von den deutfchen und italienifchcn Mcijtern lebt. Da das Konzert damals 
fchon wegen feiner Seltenheit als gefellfchaftliche Vcranftaltung eine größere Rolle 
fpielt als heute, fo wird man es nicht für gleidigültig halten, daß auch die Mufik 
als Agitationsmittel für die Verbreitung franzöfifcher Kultur am Rhein kaum 
in Betradit kommt. Auch durch die Gründung mufikalifcher Gefellfdiaften wie 
der Gefellfchaft der Freunde der Tonkunft in Cleve wird nichts daran geändert. 
Grauns „Tod Jcfu" wird am 29. März 1813 „unter ungeheurem Zulauf" in 
der proteftantifchen Antoniterkirche in Köln aufgeführt, Haydns „Sieben Worte 
am Kreuz" im Dom am 27. März 1812. Vor allem i|t aber Mozart der un- 
be(trittcne Herrfcher. Gewiß werden zuerft die Marfeillaife und fpäter die 
napoleonifchen Armcemärfche am Rheine populär. Daß fidi aber daneben auch 
die volkstümliche Mufik des fingfrohen rheinifchen Stammes in alter Weife 
erhält, ergibt fich fchon aus ihrem Weiterleben im neunzehnten Jahrhundert. 

Bildende Kunft. Kunftanfchauung. Bei ihrem inneren 
Kampfe um das Rheinland hat die franzöfifche Kultur ihre empfindlichlte 



52 I. J. Hashagen, Die Rheinlande beim Abschlüsse der französischen Fremdherrschaft d 

Niederlage mit ihrer bildenden Kunft erlitten. Größere architektonifdie Werke, 
die das franzöfifdie Empire in den Rheinlanden verkörperten, gibt es nur in 
geringer Anzahl. Bei der Maffe der zur Verfügung [tehendcn fäkularifierten 
Gebäude hcrrfdit für Neubauten kein großes Bedürfnis. Selbjt in Aachen 
ijt zu einem neuen Präfekturgebäudc nur der Grundftein gelegt worden, und 
zwar noch am 15. August 181-5. Auch die Kargheit des Militärftaates in Fragen 
kün|tlerifcher Kultur wirkt hemmend. Der klaffizißiifchc Dorfch fch reibt 1804 
über das Roerdepartcment: L'architecture est encore au berceau . . . Les 
ma?ons rcmplaccnt presquc partout les architectes. 

Denkmäler der Empireplaftik haben fich am Rheine hie und da erhalten, 
wenn es auch zur Errichtung vieler geplanter Napoleondenkmäler nidit mehr 
gekommen i(t, während Napoleons liebenswürdiger Rivale Lazare Hoche nach 
feinem frühen Tode in Weißenturm ein fchlichtes Erinnerungsdenkmal erhalten 
hat. Die Hoffnungen des ruffifchen Feldzuges haben in Coblenz eine fdiwere 
und maffige Verewigung in Stein gefunden. Berühmt ijt die Doppelinfchrift: An 
1812, mcmorable par la campagne contre les Russes, sous la prefecture de Jules 
Doazan. — Vu et approuvc par nous, le commandant russe de la ville de Coblcntz, 
le ler janvier 1814. — Deutfche Straßen= und andere Namen in franzöfifdie um= 
zuwandeln, verurfacht weniger Koften als die Errichtung neuer franzöfifdier 
Denkmäler. Grund genug dafür, daß diefe letzteren nicht fehr zahlreidi find. 

Viel günftiger ftellt fidi das Ergebnis bei der Kleinkun(t. Aber ein Blick 
auf das innerdeutfche Empire würde zum Beweife dafür genügen, daß das 
rheinifche Empire, das fonft nur etwa bei großen rcpräfentativen Schauftellungen 
und napoleonifchen Prunkfeften vorübergehende Dekorationen fchafft, gcgen= 
über dem innerdeutfdien ein Übermaß franzöfifcher Anleihen nicht aufweijt. 
Die Einflüffe des franzöfifchen Empire, befonders der Malerei, find im Gegen» 
teil in Frankfurt z. B. weit |tärker als etwa in Köln, das freilidi auch auf 
diefem Gebiete mit vollem Bewußtfein hinter Aachen oder Düffeldorf zurück» 
geblieben fein dürfte. Immerhin bringt z. B. die Kölner Gazette Fran?aisc 
am zz. Mai 1807 einen Auffatz über Jacques Louis David. Wenn nach Dorfch 
in Aadien, Crefeld und Köln die Parifer Mode herrfcht, fo ift das nidits gerade 
für die franzöfifchc Zeit bezeichnendes. Die Franzofen felb(t find damals noch 
nicht durchweg auf das Empire eingefdiworen. Selbft ein franzöfifcher Reife* 
führer über Aachen von 1808 begeiftert fich für die Umgegend der Stadt 
unter dem Bilde des fo allgemein gefchätzten Englifdien Gartens. 

Ein befonders wichtiger Grund aber, aus dem es fich erklärt, daß die 
bildende Kunjt des Kaiferreichs in dem eroberten Rheinlande nicht ftärker 
gewirkt hat, liegt in der Tatfache, daß fich am Rheine jetzt eine neue Anfchauung 
über die bildende Kunjt Bahn bricht und in wenigen Jahren immer weitere 
Kreifc zieht. Eine der merkwürdigften Erfcheinungcn in der rheinifchen Geiftcs« 
gcfchichte unter franzöfifcher Hcrrfchaft i|t das Erwachen der Romantik, nament- 
lich in der bildenden Kunft, die äfthetifchc Wiederentdeckung des Mittelalters 
mit all ihren tief ins neunzehnte Jahrhundert hinübergreifenden Folgen. 

Die äußere Vorbedingung für das Erwachen der rheinifchen Romantik haben 
unabfichtlich die Iranzofcn felbft geliefert. Wie fic als die berüditigten Kunft- 
barbaren unter der Revolution dem rheinifchen Kunftdenkmälerfchatze durch 
Profanierung, Raub und Zerftörung nicht nur felbft tiefe Wunden gefchlagen, 
fondern auch durch die Konnivenz gegenüber den Eingcfcffenen man denke 
an Heifterbdch — dies Schuldkonto weiter belajiet haben, fo vermögen (le (ich 



III. Das Geistesleben : Bildende Kunst, Kunstanschauung, Romantik 53 



audi unter dem Kaifcrrcidic zu einer geregelten Denkmalspflege, wenige Kons 
fcrvierungen antiker Denkmäler wie der Igeler Säule (1796) abgeredinet, im 
allgemeinen nidit aufzufdiwingen. 

Von allen äußeren Gründen, die vor hundert Jahren das Erwadien der 
Romantik im franzöfifdien Rheinland begünjtigt haben, wirkt nun aber keiner 
[o zwingend, wie der Wunfdi, das reidie mittelalterlidie Kunjterbc der rheinifdi= 
niederländifdicn Heimat gegen den Vandalismus und fpäter gegen die grenzen= 
lofe Nüditernheit und Verftändnislofigkeit des normalen franzöfifdien Beamten 
zu verteidigen. Er(t indem die künjtlerifdi intercfficrtcn Rheinländer in die 
Zwangslage diefes Verteidigungskampfes verfetzt worden, umgeben fie das 
Mittelalter mit jenem idealen Sdiimmer, der dann die ganze romantifdie Be» 
wegung umzieht, und deden Zauber durdi die unhi|torifdie Übertreibung 
nid\t im mindej^en beeinträditigt wird. Wenn die Republik das rheinifdie 
Mittelalter bekämpft hat, fo gefällt fidi das Kaiferreich darin, es zu ignorieren. 
Dagegen empört fidi zunädi(t der religiöfc und kirchlidie Sinn und bald aud» 
das äjlhetifdie Gefühl, zumal da viele mittelalterlidie Kun[twerke infolge der 
franzöfifdicn Maßregeln damals gleidifam von neuem entdeckt werden. Äußer(t 
anregend wirkt dann ferner die am Rheine fdion lange vor der franzöfifdien 
Zeit blühende Sammlertätigkeit. Aus der zunädijt mehr der Aufklärung oder 
der planlofen Sammelwut dienenden Sammlung wird in der kritifdien franzöfifdien 
Zeit immer mehr eine fpezififdi romantifdie Sammlung. Zeugen dafür find ihre 
Sdiöpfer in Köln und Bonn : Jakob Lyversbcrg, Wallraf, Franz Pid, Sulpiz und 
Meldiior Boifferee. Als nun die Franzofen ihren Feldzug gegen die rheinifdien 
Kunftdenkmäler unternehmen, da bemächtigt fidi befonders der Sammlcrgemütcr 
eine fteigendc Erregung. Man rettet, was nodi zu retten i(t. Die mittelalter= 
lidien Beftandteilc der Sammlungen nehmen zu. Damit crwadit aber audi 
allmählidi eine Art von Ver|tändnis. Die neuen romantifdien Agitatoren zeigen 
fidi zunädijt gewiß nur als Vertreter einer privaten Denkmalpflege. Insbefon= 
dere Wallraf ift aber audi fdion als Sammler für die Offentlidikeit zu bezeidinen, 
der audi das [tädtifdie Intereffe und Pfliditbewußtfein den Denkmälern gegen» 
über erjtmalig wed<t und anregt. 

Wenn Görres unter den Einfluß Brentanos und Arnims gerät, fo Boifferce 
unter den Einfluß Johann Baptift Bertrams und bald audi Friedridi Sdilegels, 
mit dem er 1803 in Paris Freundfdiaft fchließt. Die Kaiferftadt, die große 
Kunftjtadt des Empire, umgibt fie von allen Seiten. Aber fie find in ihrer 
Kunftanfdiauung bereits über ihre klaffiziftifdie Umgebung hinausgewadifen. 
Mitten in dem kaiferlidien Paris fudien fie das mittelalterlidie wieder zu cnt= 
ded<en. Dann zieht es fic 1804 zurüdt in das heimatlidie, das mittelalterlidie 
Köln. Die Tage gemeinfamen Kölner Genießens madien Epodie in der Gcfchiditc 
der Romantik am Rhein. Von Görres unter(tützt, beginnt Boifferce feine große 
Erhaltungsarbeit für den Dom. Die Franzofen hatten den Torfo des Domes 
zeitweilig zum Militärmagazin und zum Kolonialwarenlager herabgewürdigt 
und ihn fdiließlid» für einige taufend Franken verkaufen wollen. Die Stadt hat 
von 1809—1813 immerhin 14000 Franken für Reparaturko(ten gezahlt. Eine 
Petition des Gemeinderats vom Z.November 1811 wegen der Wiederher(tellung 
bleibt ohne Erfolg. Gegen eine Welt von Wider(tänden muß fidi Boifferee 
feinen Weg bahnen, indes Friedridi Sdilegel von 1804—1808, eine Zeitlang 
als Sekundärfdiulprofcffor, die neuen romantifdien Gedanken nicht nur in der 
Stadt felbft weiter verbreitet und damit namentlidi auch Wallraf (auch in 



54 I. J. Hashagen, Die Rheinlande beim Abschlüsse der französischen Fremdherrschaft n 

rcligiöfer Beziehung) beeinflußt, fondern auch außerhalb Kölns die Stadt als 
großes Mufcum mittelalterlidier Kun[t weithin bekannt madit und damit 
ähnlich wie bald audi BoilJieree die Rheinromantik in die allgemeine deutfchc 
Geifteswclt einführt. 

Ohne Zufammcnhang mit den franzöfifchen Herren, ja in wachfendem 
Widerfprudie gegen fie, entwickeln fidi diefe und andere Romantiker zu neuen 
Größen der rhcinifchen Geifteskultur. Sie haben die zerriOcnen Bande 
zwifchen dem Rhcinlande und dem alten Mutterlande wieder zufammenknüpfcn 
helfen und die Heimkehr der entfremdeten Toditer ins deutfdie Vaterhaus 
erlciditern können. 

Als Gneifenau 1815 und 1816 als Generalkommandeur feine Refidenz in 
Coblenz nimmt und fidi nun um den am Rheine außerordentHdi beliebten 
preußifchen General eine angeregte Gefelligkeit entfaltet, da erhält dies 
Leben fein zeitgefdiichtlidies Kolorit erft durdi den reizvollen Sdiimmer der 
Romantik. - 

Sdiulc und Bildung, Kirdie, Literatur und Kun(t find audi unter franzö» 
fifdier Herrfdiaft am Rheine in beträchtlichem Umfange deutfdi geblieben. 
Fehlgriffe der franzöfifdien Kulturpolitik und ftarke rheinifche Reaktionen 
wie die zuletzt fkizzierte haben hier zu dcmfclben Endcrgebniffe zufammen» 
gewirkt. 

Preffe und öffentliche Meinung. Schon die für die 
Franzofen und für die franzöfifdien Sympathien nicht immer günftigen Er= 
gebniffe der letzten Abfchnitte muffen aüdi der öffentlichen Meinung am Rhein 
unter franzöfifcher Herrfchaft einen zwiefpältigen Charakter aufgeprägt haben. 
Eine nähere Untcrfuchung der öffentlichen Meinung zumal in politifcher Hin= 
fidit wird jedoch vor einer übertriebenen Hervorkehrung diefes zwiefpältigen 
Charakters bewahren. Denn der am meiften hervorftcchcnde und entfcheidende 
Zug im politifchen Stimmungsleben des damaligen Rheinlandcs ift, wie die 
noch heute beliebten populären Erörterungen diefes Themas mit Recht immer 
wieder betonen, nicht der Widcrjtand gegen, fondern die Sympathie für die 
franzöfifche Herrfchaft. Bcfonders der in allen Farben höfifcher Devotion 
fdiillernde Napoleonkult, mächtig belebt durch die beiden Rheinreifen des 
Kaifers in den Jahren 1804 und 1811, findet in allen Schichten der Gefellfchaft, 
in allen Ständen und Berufen, in allen Konfeffionen, in allen Gegenden feine 
begeifterten Apoftel. Ein farbenprächtiges Zeitgemälde ließe fich davon cnt= 
werfen. Wenn die Beamten der rhcinifchen Juftiz und die „Diener" der pro= 
teftantifdien Kirdien dabei in den vorderftcn Reihen crfchcinen, fo ip: das eben= 
fowenig ein Zufall, wie die fpätcrc Napoleondichtung Heinrich Heines, eines 
Juden und eines Düffeldorfers. Der Einfluß von Heer, Verwaltung, Juftiz, 
Wirtfchaftspolitik, befondcrs der wirklichen Errungenfchaften auf diefen Ge» 
bieten, gewinnt der franzöfifchen Regierung audi weit über die Perfon des 
Kaifers hinaus zahlreiche aufrichtige Verehrer. Die Rheinländer wiffen und 
erkennen dankbar an, daß die Franzofen ihnen neue politifche Werte gebracht 
haben: das Leben in einem Weltftaate, die gewaltige politifche Horizont« 
crweitcrung, die dadurch bedingt ift, das Staatsbewußtfein als Frucht des fran» 
zöflfchen Verwaltungsrcditcs, eine Art von Anteil auch am Leben des Gefamt« 
(Uates durch eine nie völlig abgcfchaffte Volksvertretung, als Krone von allem 
die Idee des allgemeinen Staatsbürgertums und trotzdem doch auch die Förde- 
rung eines gewiffen rhcinifchen Gemeinbewußtfeins; denn die vier rhcinifchen 



III. Das Geistesleben : Presse und öffentliche Meinung 55 



Departements werden in einer Art von Sonderftellung gegenüber den neuen 
belgifchcn und den inncrfranzöfifchen fa(t (tets geachtet. 

In der politifd»en Preffe des Rheinlandes kommen die neuen politifchen 
Werte eine Zeitlang wenigftcns zu deutlidiem Ausdruck. Erß: feit den Ver= 
Ordnungen vom 5. Februar und 8. Augu{t 1810, denen fdiärfcre folgen, ift die 
kaiferlidhe Zenfur dazu übergegangen, der viclverfprechenden Entwicklung der 
rheinifchen Preffe ein vorzeitiges Ende zu bereiten und audi den Buchhandel 
ftark zu bcfchränken. Die politifche Preffe fdirumpft in der letzten Zeit wefent= 
lieh auf die Gattung des offiziöfen Amtsblattes zufammen, die man freilich 
nidit unterfchätzen darf; denn fie hat bis zuletzt für die franzöfifdic Verwaltung 
ein Maß von Publizität zugelaffen, das der preußifchen Verwaltung nodi heute 
fremd ift, und dadurdi bis zuletzt eine beaditenswerte politifdie Erziehungsa 
und Aufklärungsarbeit geleiftet, weshalb auch der hi(torifdic Quellenwert dicfcr 
Amtsblätter ganz außerordentlich i(t. 

Dies und vieles andere Gute ilt dem Rheinländer unter der zunäch(t oft 
anders gearteten preußifdien Herrfchaft in Erinnerung geblieben. Er hat fich an 
den franzöfifchen Errungenfchaften oft genug erbaut und dann auch das Gedäditnis 
der damaligen franzöfifchen Sympathien gerne mit erneuert. Das alles in mehr 
oder minder offenem Gegenfatze gegen die Anfänge der preußifchen Herrfchaft. 
Wie er nun aber bei foldien Rückblicken fogar einen Napoleon als den Hort 
aller Freiheit feiert, fo ift er auch gegenüber der ganzen franzöfifchen Periode 
zu unhi(lorifchen Übertreibungen geneigt. Er vergißt dann die tiefen Schatten 
der Fremdherrfchaft; er fdiildert aber auch die damalige politifche Stimmung 
in den Rheinlanden als zu ausfdiließlich franzofenfreundlidi. 

Denn das wird man allerdings nicht überfehen dürfen, und es wird ja 
fchon durch die kritifchc Betrachtung der franzöfifchen Kulturpolitik nahegelegt: 
daß die Sympathie für die franzöfifdie Verwaltung auch unter franzöfifchcr 
Herrfchaft, felbft wenn man von be|timmten Kreifen materiell und ideell ge= 
fchädigter Intereffenten ganz abfleht, nie ohne Ausnahme und Widerfprudi 
geherrfdit hat. Häufigere und tiefere Spuren der Anhänglidikeit an das Alte 
auch in politifchen Fragen laffen fidi ebenfowcnig wegleugnen wie die deut= 
liehen Anzeichen eines allerdings allmählich einigermaßen erlahmenden rhei= 
nifchen Wider(tandes gegen die Franzofen. Über die Mädite, die vornehmlich 
die öffentliche Meinung beherrfchen, über das Franzofentum und das Welt= 
bürgertum in napoleonifdier Form hinweg erheben fich fchließlidi fogar die 
erften Anfänge einer national=deutfchen Bewegung. Audi in diefem Zufammen* 
hang arbeiten die erwähnten Romantiker mit rühmlidiem Eifer. Ihre Be= 
gei(terung für deutfches Kulturgut wendet fich allmählich auch politifd» dem 
alten deutfchen Vaterlande wieder zu. Mit einem feltenen Aufwände geiftiger 
Energie und geiftiger Selbß:ficherheit hat befonders Jofeph Görres den Weg 
vom Weltbürgertum zum Nationalgeifte gefunden und in dem von ihm 
1814—1816 herausgegebenen Rheinifchen Merkur während der proviforifchen 
preußifdien Zeit „einen der Herde des Feuers gefdiaffen, das die Fremdhcrrfdiaft 
bei uns vertilgt hat". Aber auch kleineren Geiftcrn wie Sulpiz Boiffcrce be« 
gegnet man auf dem Wege zum Nationalftaate. Das geiftvolle publizi(tifche 
Geridit, das Ernft Moriz Arndt im „Gei(te der Zeit" über das napoleonifche 
Syftem abhält, findet fchon 1807 den Beifall diefes rheinifdien Kunitfreundes, 
dem auch die Schriften von Friedrich Gentz und Johannes von Müller nicht fremd 
bleiben. Das Wort „deutfch" fängt an, wieder einen volleren Klang zu erhalten. 



56 I. J. Hashagen. Die Rheinlande beim Abschlüsse der französischen Fremdherrschaft D 

Auch die Zeugnifle dafür wird man nicht überfchätzcn ; denn es handelt fich (tets 
nur um vereinzelte Unter(trömungen in der Tiefe. Aber im Hinbiidt auf die 
Zukunft i(t es dodi Saat auf Hoffnung. — 

Die allgemeine Stärke der franzöfifchen Sympathien wird jedoch durdi 
dies alles und vieles andere kaum berührt. Wenn Napoleon im inneren Deutfdi= 
land nur als der Militärkaifer geherrfdit hat und als der fremde Unterdrücker 
gehaßt worden i(t bis aufs Blut, fo trägt fein Bild am Rheine doch andere Züge. 
Vom Standpunkte feiner Landesgefdiichte ift der Rheinländer noch heute im 
Recht, wenn er den Kaifer Napoleon anders beurteilt, als viele feiner deutfchen 
Stammesbrüder es tun. Noch weniger wird man feinen Vorfahren das Redit 
beftreiten, dankbar zu fein für empfangene Wohltaten, die Arbeit der franzö» 
fifdien Verwaltung mit den wärmjten Sympathien zu begleiten, wo fie verfaulte 
Stämme abfchlägt, im allgemeinen doch nur, um Raum zu fdiaffen für neues, 
lebenskräftiges Gehölz. ^ ^ 

* 

In hundert Jahren hat man Zeit genug gehabt, zur Ruhe hiftorifdien Ur» 
teils durchzudringen. Die franzöfifdie Herrfchaft am Rhein braucht ein ruhiges, 
das Für und Wider gerecht abwägendes hi[torifches Urteil nicht zu fdieuen. 
Die Säkulärfeier der Aufrichtung der preußifchen Herrfdiaft am Rheine aber 
vergibt fidi nichts, wenn fie dem fremden Volke Dank zollt, das häufig genug 
cr(t die Wege geebnet hat, auf denen Preußen feine Miffion am Rheine hat 
erfüllen können. 

Literaturnachwels. 

H. Achcnbach, Das franzöflfchc Bergrecht, 1896. 

Beugnot, Memoircs, 2 Bände, 1866. 

K. G. Bockenheimer, Gcfchichtc der Stadt Mainz während der zweiten franzöfifchen 

Herrfchaft, 1890. 
Chrjftian Eckert, Rheinfchiffahrt im neunzehnten Jahrhundert: Schmollcrs f^aats« und 

sozialwiffenfchaftliche Forfchungen 18, 1900. 
A. Fritz, Zur Lage und Umgeftaltung des öffentlichen Unterrichts im Rocrdepartcmcnt: 

Weftdcutfche Zeitfchrift 29, 1910. 
H. Geffcken, Die Städte der Rheinprovinz: Schriften des Vereins für Sozialpolitik 

117, 1906. 
E. Gothein, Die gefchichtliche Entwicklung der Rheinfchiffahrt im 19. Jahrhundert ebd. 

101, 1903, 
D. Hanfemann, Preußen und Frankreich, 2. Aufl., 1834. 
J. Hänfen, Guftav von Meviffen, 2 Bände, 1906. 
J. Hashagen, Das Rheinland und die franzöflfche Herrfchaft. Beiträge zur Charakteriftik 

ihres Gegcnfatzes, 1908. 
H. Hüffer, Forfchungen auf dem Gebiete des franzöfifchen und des rheinifchen Kirchen« 

rechtes, 1863. 
L. Livy-Schneider, Les habitants de la rive gauche du Rhin et la France sous le premier 

empire: ,, Revolution franayis" 42, 1902. 
H. Lücker, Die Finanzen der Stadt Köln mit dem Ausgange des 18. Jahrhunderts I. 

Erlangen, Differtation 1910. 
|. Marx, Gcfchlchte des Erz(^lfts Trier 5, 1864. 
O, Mayer, Theorie des franzöfifchen Verwaltungsrechts, 1886. 
C. Th. Perthes, Politifche Zuftände und Perfonen in Deutfchland zur Zeit der franzöfifchen 

Herrfchaft I, 1862. 
O. R. Redlich, Die Anwefenheit Napoleons I. in Düffeldorf im Jahre 1811, 1892. 
Ch. Schmidt, Le grand>duche de Berg, 1905. 
M. Schwann, Gejchlchte der Kölner Handelskammer I, too6. 
R. ZcyR, Die Entltehuny der Handelskammern und Handel und Indu(\rie am Nieder* 

rneln wührend der franzöfifchen Herrfchaft, 1907. 



n. 

Landeskunde der Rheinprovinz 

von 

Wälther Tuckermdnn. 

Bildung und Begrenzung der Provinz. Den proviforifdicn Ein« 
riditungen, die Preußen feit Ende des Jaiires 1813 am Rhein getroffen hatte, 
folgte am 5. April 1815 die endgültige Befitzergreifung. Das Gebiet umfaßte 
26 283 qkm, fo daß es, wie die gleidi ihm vom Hauptkörper des prcußifchen 
Staates weit getrennt gelegene Provinz We(tfalen (20 220 qkm), zu den 
klein|ten preußifdien Provinzen gehörte^). Im Gebiet der heutigen Rhein« 
provinz erhielt aber laut Sdilußakte des Wiener Kongrefles im September 
1816 der Herzog von Sadifen=Koburg die Kantone St. Wendel, Baumholder 
und Grumbadi, die feit 1819 das Für(tentum Liditenberg bildeten. Ferner 
bekam der Landgraf von Heffcn=Homburg den Kanton Meifenheim, endlidi 
der Großherzog von Oldenburg den fpätcr Fürftentum Birkenfeld benannten 
Land(tridi im oberen Nahegebiet, deffen Befitz er im Jahre 1817 antrat. Der 
Großherzog von Medlenburg=Strelitz verzichtete auf das ihm im Quellgcbiet der 
Kyll, Rur (Roer) und Urft zugewiefenc Bcrgland, Von kleineren Grenzrcgulic= 
rungen abgefehen, blieb das Gebiet der prcußifdicn Rheinlande unverändert. Nur 
wurde ihnen am 31. Mai 1834 das Koburgifchc Fürftentum Liditenberg als Kreis 
St. Wendel und nach dem Untergang der Homburgifchen Staatshoheit 1866 
auch das Oberamt Meifenheim einverleibt, das ebenfalls hinfort einen fclb= 
[ländigen preußifdien Kreis, einen der klein(ten, bildete. Der Zuwachs betrug 
713,60 qkm, fo daß der Umfang der preußifchcn Befitzungen am Rhein, von 
Naffau abgefehen, feitdem fajt 26 997 qkm beträgt. 

Wiewohl die Rheinprovinz in hohem Maße als ein geographifch einheitlidies 
Gebilde erfdieint, das fidi weniger als die meißien anderen preußifchen Provinzen 
an alte territoriale Grenzen anfchließt, fo i(t ihr Umfang in der jetzigen Begren= 
zung dodi durchaus willkürlich, ja man kann fagen, bcfchnitten und befchränkt. 
Das gilt namentlich für die mittleren öftlichen Teile an der Sieg und auf dem 
We(terwald, noch mehr für den Südoften, am ftärkftcn aber bezcichncnderwcife 
für die Grenzen der Provinz gegen das Ausland. Faft nirgendwo fchlicßen 
fich im Weften die Provinzgrenzen an die alten territorialen an. Überall 
reichten die Gebiete des alten Römifchen Reiches in die der heutigen drei 
Nadibarftaaten hinein. Und das mit gutem Grund! Denn fa(t nirgendwo war 
hier eine geographifche Scheidelinie, die der territorialen Entwicklung ein 



1) Die Größe der übrigen Provinzen betrug: Preußen 62555, Sdilefien 40335, 
Brandenburg 39905, Pommern 30131, Pofen 28992, Sachfen 25270 qkm. Der ge» 
famte Flächenraum der Monarchie laetrug 1815: 273690 qkm; 1915 beträgt er 
348 780 qkm. 



58 II. W. Tuckermann, Landeskunde der Rheinprovinz n 

Halt geboten hätte. An einzelnen wenigen Stellen fällt frcilidi die alte Terri« 
torialgrenze mit der heutigen politifchen zufammcn, z. B. in den nordwe[tlichen 
Teilen des Herzogtums Jülidi. Eine natüdidic Scheidelinie liegt aber audi hier 
nicht vor. Selbft die fo prägnante heutige Grenze nördlich von Malmedy bei 
der Baraque Midiel, die auf der kurzen Strecke audi eine geographifchc Grenze 
abgibt, i|t, fo fehr es audi den Anfdicin hat, nidit mit der alten territorialen 
Nordgrenze der Abtei Stablo=Malmedy identifch. Denn diefe reidite nodi ein 
wenig über den Kamm des Venns hinweg ins heutige Belgien. Wenn heute 
die Grenze gegen Holland in einiger Entfernung öftlidi vom Maastal verläuft, 
fo haben wir hier eine der vielen Willkürlichkeiten des Wiener Kongreffes vor 
uns. Denn das ungeheure öde Sumpfs und Mocrgebiet we(tlidi von der 
Maas, de Peel, das teilweife auch die Grenze der Niederlande gegen Geldern 
(Amt Keffel) bildete, hätte vielleidit eine verhältnismäßig mehr begrün« 
dete Grenze abgegeben. Freilidi hatten die Generalitätslande fdion ö(tlidi 
von der Maas bemerkenswerte Stützpunkte, wie Venlo, Stevenswecrt, 
Valkenburg, am linken Ufer Maastridit, die zwar zum Teil ohne tcrri» 
torialen Zufammenhang waren, aber der Gründung der niederländifdien 
Maasprovinz Limburg den Weg bahnten. Die alten niederländifdien Be» 
fitzungen madien es auch erklärlidi, daß Holland bei der Abtrennung Belgiens 
das öftliche Limburg behielt. So kann es nicht ausbleiben, daß namentlich nadi 
der Weftfeite hin die Grenzen der Mundarten und der Spradien mit der Provinz^ 
grenze meift nicht übcrein(timmen. Wie das Wallonifdie über die Grenze hinweg 
in das Gebiet der Provinz reidit, fo reichen die fränkifdien Mundarten umge= 
kehrt nach Holland und Belgien. Das ehemals klcvifdic Gcnnep und die vordem 
geldrifchcn Orte Arcen und Venray fpredien diefelbe Mundart, das Klevifch= 
Gcldrifche, wie der dcutfche Unterrhein. Noch ferner (tehen der niederländifdien 
Schriftfprache die Maasorte zwifchen Roermond und Maastridit, die diefelbe 
Mundart reden wie die Bewohner um Krefeld, Gladbach und Erkelenz. 

Gebirge und Land fc haften. Faft fämtliche Gebirgslandfdiaften der 
Provinz gehören bis auf die füdlichen Grenz(triche zum rheinifdien Sdiiefera 
gcbirge, das aus den vcrfchicdenen Abteilungen der Devonformation, zumei(t 
des unteren Devon, befteht. So hcrrfdien diefe auf dem Hunsrüd< vor, und zwar 
in feinen füdlichen Teilen Quarzit und Hunsrüd(fchiefer, in feinen nördlidien 
die jüngeren Koblenzfdiichtcn. Auf dem Hunsrück finden fich die höch(ten 
Erhebungen der Provinz. Urfprünglich nur auf das nordöftlidic Gebiet mit 
Kaftellaun als Mittelpunkt befchränkt, iß: die Bezeichnung Hunsrück jetzt allge^ 
mein der Sammelname für alle überwiegend von SW nach NO ßreidiendcn 
Gebirge geworden, die zwifchen der Nahe, dem Rhein, der Mofel, der Saar, der 
Prims und ihrem Nebenbach, dem Thelbach (deffen Quelle bei dem alten abtei» 
liehen Ort Tholey unweit der Nahe= und der Bliesquelle liegt), an(teigen. Loffen 
hat für diefe Gebirge den Namen „linksrheinifcher Taunus" geprägt, eine 
Bezeichnung, die den geologifchen und orographifchen Zufammenhang wcnigßens 
der Hauptketten mit dem eigentlichen Taunus klar wiedergibt, deren Ein- 
bürgerung jedoch einige Bedenken entgegenjtehen. Den Abfchnitt zwifdien 
dem Rhein und dem Hahnenbach, einem linksfeitigcn Zufluß der Nahe, der 
wie die mciftcn größeren Zuflüffc feine Quelle am Nordrand der Kette hat und 
das Gebirge durchbricht, nimmt der Soonwald ein. im öfllidißen Tcilabfchnitt 
zwifchen Rhein und Güldcnbadi, dem Bingerwald, erreicht der Kandrich eine 
Höhe von 637 m. Die Hauptkette des mittleren, des eigentlichen Soon zwifdien 



Gebirge und Landschaften 59 



Güldcnbadi und Simmcrbadi bildet die Fortfetzung des Binger\»alds ; fic hat 
im Simmernkopf eine Erhebung von 653 m. Etwas höher ijt im Ellerfprung 
mit 658 m die füdlidie kürzere Kette des mittleren Soon, die durdi den in feinem 
Oberlauf parallel der Streidiriditung laufenden Gräfenbadi getrennt Nx/ird. Der 
niedriglte der drei Teile des Soon, der Lützelfoon z\x'ifdicn Simmer= und 
Hahnenbadi, hat im Womrahtcr Kopf eine Erhebung von 597 m. Iß: fdion der 
Soon ein prächtig bewaldeter Rüd<en, fo nodi mehr der Idarwald und namentlidi 
der Hodiwald, die man die fdiönften Waldgebiete unferer Provinz nennen kann. 
Gegen das Wc(tende des Soon i(t der Anfatz des Idarwaldes ein wenig nadi 
Norden vcrfdioben. Aber auch der Soon, und zwar der Lützelfoon, findet eine 
Fortfetzung in dem parallel dem Idar= und dem Hodiwald ftreichenden, vom 
Fifdibadi, einem Nebenfluß der Nahe, über den Mittellauf des Idarbachs hinweg 
bis zur Prims (Hunnenring von Otzenhaufen) reichenden Höhcnrüd<en, der in 
den auf Oldenburger Gebiet gelegenen doppelgipfligen Butterhcckcr Stein« 
köpfen 723 m hoch i[t. Dicfcm nicht benannten Höhenrücken, der vom Idar» 
und Hochwald teilweife durch den Oberlauf des Idarbadies getrennt wird, iß 
bisher wenig Beachtung gefdienkt worden. Da der Kamm des Gebirges vor- 
wiegend auf Oldenburger Gebiet liegt, fo könnte man diefen Teil des Hunsrücks 
Birkenfclder Hochwald nennen. Eine Grenze zwifchcn der nördlicheren Haupt- 
kette, dem Idarwald, und dem Gebirge, das man heute Hochwald nennt, gibt 
es nidit. Man könnte fie etwa im Sdialesbach-Simmerbach, QucllwalTern der 
ö(tlidien Dhron und des Idarbadis, fehen, jedodi iß audi diefe Grenze keineswegs 
fcharf. Während die Benennung Idarwald alt iß, bezeidinete man urfprünglidi, 
fo auf den franzöfifchen Generalßabskarten (1810), das Gebiet zwifchen Ruwcr 
und der wcßlichen Dhron allein als Hodiwald. Bereits im ößlichcn Teil ßeigt 
der Idarwald im Idarkopf zu 743 m an, im weßlichen i(t die Straßenkreuzung 
an den Zwei Steinen, übrigens ein nur wenig aus feiner Umgebung hervor- 
ragender Punkt, 765, und der Steingerüttclkopf (früher Throner Kopf) 757 m 
hoch. Über den Kamm des Idarwaldes, der fich nur allmählich abdacht, läuft 
eine in Laufcrsweiler beginnende Straße, eine Art Rennjteig, die auch die 
genannten Erhebungen, bczeidinend für ihr geringes Hervorreichen, berührt. 
Im ößlidi(ten Teil des jetzt Hochwald bezeichneten Gebirges erhebt ßch der 
höchße Punkt der Provinz, der Walderbcskopf, 816 m hoch, wie die meißen 
Erhebungen des Hunsrücks nur ganz wenig über das Kammplateau ragend. 
Die Bedeutung diefer hödißen Erhebung war fchon früher erfaßt; fo war fie bei 
den Franzofen ein Signalpunkt erßer Ordnung. Der Erbeskopf liegt in einem 
fchönen alten Laubwaldgebiet, dem heutigen königlichen For(t Dhronecken, der 
jetzt fchon fehr ßark mit Nadelholz durchfetzt iß;. Der die Fortfetzung des 
Idarwaldes bildende Hodiwald iß als Kammgebirge verhältnismäßig gut bis zur 
Prims zu verfolgen. Audi über diefen Teil des Hunsrüds läuft, allerdings nicht 
immer die hödißcn Punkte berührend, eine alte Straße, die Pfaffenftraße, die 
von der Straße Morbach-Birkenfeld abzweigt. Weßlidi von der Prims löß: fich 
das Kammgebirge in ein breites Waldplateau auf, zunädiß nodi durchfchnittlich 
5—600 m hoch, fpätcr im ßeilen Abfall zur Saar, jenfcits der es noch weiter zu 
verfolgen iß, immerhin noch 4—500 m hoch. Man hat das große Waldgebirge 
vom Erbeskopf bis zur Saar Schwarzwälder Hodiwald genannt und hiermit die 
alte Teilbezeidinung „Schwarzwald", die urfprünglidi einer kleinen Wald- 
parzelle im weßlidien Teil (bei Weiskirdien) vorbehalten war, auf das ganze 
Gebirgsland übertragen. Zum Unterfdiied von diefem Hochwald hat man dem 



60 II. W. Tuckermann, Landeskunde der Rheinprovinz a 

alten zwifdien der Ru\x'cr und der wcßilidicn Dhron gelegenen Hodi\x/ald die 
Beifügung „Osburger Hochwald" gegeben. Diefer Hodiwald i(t im Njccfcntlidien 
eine Platcaulandfdiaft; der hödifte Punkt, der Rö|tcr Kopf, i(t 708 m hoch. 

Auch die fonftigen außerhalb der Kammzüge gelegenen Landfdiaftcn haben 
vorwiegend Plateaucharaktcr, fo der eigcntlidie Hunsrüdt nördlich vom Soon» 
wald, der, eine Hochfläche von 4— 500 m durdifchnittlidier Höhe, nicht gerade 
arm an Waldungen ijt, aber nur wenige größere For|ten befitzt. Der Abfticg 
diefer Flächen nach der Mofel ijt im allgemeinen nidit fehr fd^roff. 

Wie der Gefdiichte und der Bevölkerung nach, fo gehören die füdöftlidicn 
Grenz(tridie der Provinz audi in orographifcher Hinficht der Pfalz an. Das 
Land i|t in feinen nördlidien Teilen ein Bergland, das in einigen Punkten bis 
auf über 600 m anfteigt. Zum Glan hin dadit es fidi bis auf wenig über 200 m ab. 
Im füdlidien Teil, im Gebiet der BlieszuflüfTe, i(t der leichtwelligc Plateau^ 
diarakter vorherrfdiend, die durdifchnittlidie Höhe beträgt nur nodi 3—400 m. 
Überwiegend gehört das Land dem Rotliegcnden an, das aber von ardiaifchen 
Bildungen (Diabasfchief er, granitifcher Porphyr) untcrbrodien wird. Nadi Süden 
fladit fidi das Pfälzcr Bcrgland noch mehr zum fa(t 1000 qkm umfaffenden Saar« 
brücker Kohlenbecken hin ab, das in einer Länge von 52 und einer Höchftbreitc 
von 1 5 km auch auf Pfälzer Boden hinübergreift. 

Man nennt jetzt allgemein das Gebirge weftwärts vom Rhein und norda 
wärts von der Mofel Eifel, obwohl die Bezcidinung urfprünglidi nur dem Quell= 
gebiet der Erft, Urft, Ahr und Kyll zukam. Eine fefte Begrenzung des Gebirges 
nad» Weften befteht nidit, fo fehr man fidi audi neuerdings wieder bemüht hat, 
das Gebirge gegen das Vcnn und die Ardennen beß:immtcrzu begrenzen. In ihrem 
Oberlauf mag die Rur (Rocr) eine Grenze des Venns gegen die nordweftlidie 
Eifel abgeben. Dort wo dicfc an fich fchon redit fdiwadic, auch mit den geolo» 
gifchen Tatfachen nicht übereinjtimmende Grenze fehlt — greifen dodi die unteren 
Devonfdiichten, aus denen ein großer Teil der Eifel befleht, über die Rur 
hinweg — findet ein gcographifch nidit zu be(timmender Übergang des Venns 
und der Ardennen zur Eifel ßiatt. Diefes übergehen der Eifel in das Venn 
können die oftwe(tlich fließenden Flüffe Amel und Warche nur nodi weiter 
beleben. Die Eifel i(l in den meiften Teilen kein eigentlidies Gebirge, fondern 
ein Hochland. Und zwar i(t diefer Charakter in den we(tlichcn Teilen ganz 
befondcrs fcharf ausgeprägt. Urft und Kyll, die fidi bis auf 1 —2 km bei Sdimidt« 
heim, die Kyll im Dahlener Bach, nähern, fcheiden die weftlichen Gebiete von 
den orographifch und gcologifch intercffantercn Gebieten des 0(tens. Diefer 
Hochflächcncharakter größerer Teile der Eifel, das Fehlen fdiarf ausgeprägter 
Höhenzüge bewirkt es wohl, daß geographifche Teilbezeichnungen fich nicht 
einbürgern können. Man greift zu wenigfagenden Benennungen, wie Wefteifel, 
um einen großen Ausfchnitt des Plateaulandes zu kennzeichnen. Mit Zitterwald 
wurde eine größere Fläche in den Kreifen Malmedy und Schieiden zwifchen der 
Warche und der Urft bezeichnet, was den Anfdiein erwecken mußte, als ob 
tatfächlich hier ein bemerkenswerter Höhenzug vorhanden wäre. Nichts von dem 
l[t der Fall. Die kün(tliche durchaus unpopuläre Bezeichnung verdient es, 
daß flc wieder verfchwindct. Etwas mehr Berechtigung hat die auch fchon einiger- 
maßen eingebürgerte Bezeichnung Losheimcr Wald als Qucllgcbict der Kyll und 
Ihrer Zuflüffe, einiger Zuflüffc der Rur, fo der Schwalm, ferner der Olef und der 
Warche. Man muß dann freilich die Bezeichnung audi geographifch weiterfalJen 
und 0« nicht auf das neuaufgeforf^etc Waldgebict bcfdiränken. Wie wenig 



Gebirge und Landschaften 61 



hcrvorjtcdicnd fclb(t die hödip:e Erhebung dicfes Höhenplateaus aus ihrer Um= 
gebung i(t, crfieht man daraus, daß der Weiße Stein mit 690 m nur ganz 
un\x'cfentlich höher liegt als die benadibarten Siedlungen (Losheimergraben 
672 m, Udenbreth 658 m). Audi der um vieles diarakteri(tifdicre Rüden der 
Sdineifel (SdineesEifcl) iß: mit feiner hödi(tcn Erhebung, dem 697 m hohen 
Sdiwarzcn Mann, nur fehr bedingt als Gebirge anzufpredien. Ganz unmerklidi 
führt die Straße von Losheim über den Kamm des Gebirges, über das als 
meteorologifdie Station bekannte Sdmeifelfor|thaus, und weiter füdwärts ohne 
fehr wefentlidie Höhenunterfdiiedc in die Riditung auf Prüm. Sehen wir vom 
Venn ab, fo haben wir in der Sdineifel den ödeften und traurigften Teil der 
Eifel. Hier ift audi ein größeres Gebiet, das im 0(ten fa(t bis an die Kyll reidit, 
unbefiedelt geblieben. Bereits im weftlidien Teil des weiter zu faffenden Los» 
heimer Waldes, der jetzt größtenteils zum Truppenübungsplatz Elfenborn 
gehört, betreten wir ein anderes unbefiedeltes Gebiet, das weftlich unvermittelt 
in die Hodiflädie des Venns übergeht, weldie die älteften Geftcine (Cambrium) 
aufwei(t. Hier iß: der Flädiendiarakter fogar fehr ausgeprägt. Denn die Botrange 
(Botrandie) mit 692 m und die benadibarte hödifte belgifdie Erhebung mit 
675 m erheben fidi nur ganz unwefentlidi über ihre Umgebung (die meteoro» 
logifdie Station Monte Rigi liegt 673 m hodi). Liegen dodi in teilweife fehr 
weiter Entfernung von diefen Kulminationspunkten Lammersdorf 575, Sour» 
brodt 580 und die weftlidic Häufergruppe von Mützenidi fogar 620 m hodi. 
Unter Berüdtfiditigung der Tatfadie, daß felbft die Randdörfer nodi fo hodi 
liegen, kann man die mittlere Erhebung des Venns ganz gering bercdinet auf 
reidilidi 600 m angeben. Selbß ein fo fdiarf geprägtes Gebirge, wie der fidi 
fdiroff über die anliegenden Täler der Rur und der Urft (über 250 m) 
erhebende Kermeter, ein präditiges Buntfand(teingebiet, das den fdiönften Hoch= 
wald der Eifel trägt, i(t tatfädilidi eine Hochflädie von rund 500 m Höhe, die 
fidi nadi Oflen nur allmählidi abdacht. Im Gegenfatz zu diefen nordweftlidien 
Teilen, in denen die Gewäffcr auf lange Stredten hin editen Hochflädiencharakter 
haben, kommt das Plateau in den Stridien zwifdien Kyll und Sauer=Ur, dem 
füdwcßlidien Triasgebiet, nidit fo [tark zum Ausdrudt: die Gliederung i(t rcidier, 
vornehmlidi gefdiaffen durdi die tiefeingefägten Erofionstäler der Prüm und 
ihrer Zuflüffe. Immerhin fehlen audi hier durdiaus diarakterißifdie Erhebungen, 
und die Hodiflädiengeftaltung lernt man auf der alten Römer(traße Trier« 
BitburgoSdioened<cn»Prüm und auf der Straße Prüm«Arzfeld»Dasburg, auf 
denen die Höhenuntcrfdiiede nidit nennenswert fmd, gut kennen. 

Eine reidiere Ghederung haben die öftlidien Teile des Berglandes, die von 
Rhein, Ahr, Mofel und Kyll begrenzt werden. Bereits nördlidi vom Ahrtal, wo der 
Flädiendiarakter nodi vorwiegt, erheben fich einige Höhen kräftiger über ihre Um= 
gebung, fo der Midielsbcrg (588 m) und der Aremberg (623 m). Freilich haben 
wir auch innerhalb des ößlidien Gebietes in den Teilen, die man irreführend 
oder wenig(tens geographifdi einfeitig Vordcrcifel nennt, fehr ausgedehnte 
Plateauflächen. Die Vordereifel, wenn man fie nördlich durch eine von Pelm 
über Daun, Uersfeld nach Monreal zu ziehende Linie begrenzen will, ift durchaus 
eine Hodifläche, die im nördlichen Teil eine durdifchnittlidic Höhe von über 
500 m hat, nadi Süden zur Mofel hin fidi fanft abdadit, faß: nirgendwo aber 
Punkte aufweiß, die als Berggipfel ßdi nennenswert über ihre Umgebung 
erheben. So auch die höchßen Erhebungen, die im Nordwcßcn gelegene Prüm» 
fdieid (675 m), der Ernft Berg (Errcns Berg), der zweithöchße Punkt der Eifel 



62 n. W. Tuckermann, Landeskunde der Rheinprovinz a 

(700 m) und der Scharte Berg (691 m), vvährend die nur wenig nördlidi von der 
Prümfchcid gelegene Dietzenley bei Gerolß:ein (617 m) immerhin fdiärfer hervor« 
gehoben ift. Eine Grenze zwifdien Vordereifel und Hoher Eifel, wenn man für 
diefe kräftigere Bergformen als typifdi anfehen will, i(t alfo kaum zu ziehen. 
Es wäre wohl praktifdier, den Begriff Vulkanifdie Eifel audi geographifdi und 
kartographifdi wieder einzuführen. Die Bezeidinung Hohe Eifel, die nur foweit 
zutrifft, als fie den hödiften Gipfel enthält, i(t neben einigen kleineren Nadibara 
(tridicn auf den Kreis Adenau befdiränkt. Hier haben wir den am meiften 
gcghederten Teil des linksrheinifdien Berglandes. Ein fehr reidies Syftcm von 
Quellwalfern, die zur Ahr, Brohl, Nette und Elz ablaufen, zerlegt das Bergs 
land in eine große Anzahl einzelner Stücke. Präditige Bergkuppen, wie die 
Hohe Adit (746 m), die Nürburg (678 m) und im Süden der doppelgipfligc 
Hodikelberg (674 m) wiegen vor. Die öftlich fidi anfdiließende, bis an den Rhein 
rcidiende Laadier Vulkanwelt hat niedrigere, aber immerhin diarakterijtifdic 
Erhebungen, deren bedeutendftc Hochfimmer (588 m) und Gänfehals (577 m) 
find. Von ganz befonderer Bedeutung für diefen Teil der Eifel find die Eruptiv« 
gefteine, die wie Tradiyt und Bafalt der Tertiärzeit angehören. In der Eifel find 
200 Bafaltkuppen bekannt. Daneben ift aber die Eifel als einziges Gebirge 
Deutfchlands reich an jungen Vulkanen, die diluvialen Urfprungs, erft kurz vor 
der gefdiiditlidien Zeit, teilweife aber audi erft in diefer erlofchen und infolge» 
deffen ausgezeichnet erhalten find, während die tertiären Vulkane nur als Ruinen 
überkommen find. Dem Vulkangebiet gehören audi die Maare an, Explofionsa 
becken, die bereits im erjten Stadium ihrer Tätigkeit zur Ruhe kamen und mit 
Waffer gefüllt fmd oder waren. Nur fieben Maare find nodi Wafferbehälter, 
andere, die dürren Maare, find bereits ausgetrod<net. Ziemlidi allgemein wird 
auch der Laadier See zu den Maaren, fomit als adites, geredinet. 

Oftwärts von der Vordereifel dehnt fich die Hodifläche des Maifeldes aus. 
Man bczcidinet häufig den Elzfluß als Weftgrenze. Dies befagt, daß das Maifeld 
tatfächlich nur die wenig fcharf begrenzte Fortfctzung der Vordereifel ift; denn 
eine orographifche und landfdiaftliche Grenze gibt audi die Elz nidit ab. Wirts 
fchaftlich haben wir es mit dem fruchtbarften Teil der Eifel zu tun. Die Frudits 
barkeit erftrcckt fidi in abgefchwächtem Maße audi auf die Fluren einiger wcftlidi 
von der Elz gelegenen Orte. Zwifchen dem Maifeld und dem Laadier Vulkans 
gebiet liegt die Pellenz, eine fenkenartigc Fläche, die entgegen dem rund 
250—300 m hohen Maifcldc eine durdifdinittlidie Erhebung von höchjtens 
150 m hat. 

Tcilwcife recht fcharf geprägt fmd die Gebirgsformen des Weflerwaldes, der, 
wenn man feine nördliche und öftlichc Grenze in den Tälern der Sieg, des 
Hellcrbachs und der Dill fieht, alfo in der naturgemäß vorgcfdiriebenen Richtung 
der Bahn KölnsWetzlar«=Gießen, nur zu einem (tarken Drittel der Rheinprovinz 
angehört. Das tritt in der prächtigften Weife im Siebengebirge, den letzten 
Ausläufern, die der Wefterwald an den Rhein fendet, zu Tage. Auf einem etwa 
50 qkm großen Gebiet erheben fich ungefähr 30 aus jungvulkanifdien Gefteinen 
zufammengefetzte Bergkegel, die zum Teil durdi tiefgründige Täler voneinander 
getrennt find. Während die dem Rhein zunächfl gelegenen, teilweife fleil 
anfleigenden Berge eine Höhe von 321— 336 m haben, find die landeinwärts 
gelegenen Erhebungen beträchtlich höher und erreichen im Olberg die Höhe 
von 461 m. Der nordwcftlichc zur Sieg abfallende Teil des Weficrwaldes hat 
fanftgeformte niedrige Höhen. Erft bei Stromberg (Herchen) tritt das Gebirge 



Gebirge und Landschaften 63 



in fchärfcren Zügen an den Fluß heran. Oftlich von der Linie Strombcrg» 
Leufdicld nimmt das Bergland immer cindrudisvollerc Formen an, und im 
öftlichjten Teil folgt auf ein fchönes Waldgcbiet von einer durdifchnittlidien Höhe 
von 400 m der öde, (tark entwaldete Hohe Wejterwald, eine Hodifläche von über 
500 m Höhe. Der hödifte Punkt im rheinifdien Anteil ift der mit etwas Nadelholz 
beflandene Stegskopf (654 m). Etwa 7 km füdöftlich liegt der nur 3 m 
höhere doppelgipflige Fudiskauten, die hödifte Erhebung im Wefterwald. In 
diefem Gebiet liegen auch die Siedlungen in bcträditlidier Höhe, fo das Dörfdien 
Neukirch 637 m hodi. Audi das füdweftlich und we(tlich vom Hohen We(terwald 
über die 400— 500 m hochgelegene Nijter hinwcgftreidiende Gebiet hat aus» 
gefprochenen Plateaudiarakter, aber freilidi je weiter nach Weften um fo geringere 
Durdifdinittshöhe. Auf der Hodiflädie liegt im Dreifelder Weihergebiet die 
Quelle der Wied. Er(t weftlich von der unteren Wied zum Rheine hin werden 
die Hochflädien abgelö(t von nidit fcharf ausgeprägten Bergformationen, die bis 
zu 400 m anfteigen. Im Aufbau hat der We(terwald eine gewi(Te Ahnlidikcit 
mit der Eifel. Die untere Devonformation wiegt auch hier vor. Ferner findet 
man vulkanifche Tuffe im Weften und nodi verbreiteter als in der Eifel Bafalte. 
Der Wefterwald hat mehr als 400 Bafaltkuppen. 

Als Grenze zwifdien dem Wefterwald und dem Bergifchcn Land nimmt 
man wohl die Sieg an. Tatfächlidi i{i diefe Grenze ziemlidi willkürlidi. Sie ift 
weder in den orographifdien nodi in den geologifchen Tatfachen begründet. So 
greift, während in den meifien Teilen des Bergifdien das Mitteldevon (Lenne» 
fdiiefer) vorherrfcht, das Unterdevon des Wcfterwaldes über die Sieg hinweg. 
Audi die politifdien VerhältniJTe griffen und greifen über den Fluß hinüber, 
indem die Südgrenze des Herzogtums Berg mit der des preußifchen Regierungs= 
bezirks Köln überein(timmte und hiermit oftwärts bis Au teilweije wcfentlich 
über den Fluß hinwegging. Sogar eine Reihe großer Gemeinden, wie Eitorf, 
Herchen, Dattenfeld, Rosbach, liegt zu beiden Seiten des Fluges. Demgemäß 
fmd audi die Siedlungsverhältni(Te, das Wohnen in zahlreidien kleinen Orten, 
hier wie dort gleidi, fo daß man fa(t mit größerem Recht die Grenze des Bcrgifdien 
Landes jcnfeits der Sieg ß:reichen als den Wejterwald die Sieg berühren läßt. 
Ganz falfch aber i(t es, wenn man die reditsufrigen Flußorte, fogar noch Siegburg, 
zum Wciterwaldgebiet redinen will. Wie die Südgrenze des Bergifdien Landes 
nicht leidit zu ziehen i(l, fo audi feine Ojtgrenze. Allgemein läßt man fiß rnit 
der Provinzgrenze, die auch eine altgefchichtliche i[l, übereinftimmen. Außer 
diefer politifdien Grenze läßt fidi aber audi beinahe nichts zur Aufrediterhaltung 
einer fefien Grenze beibringen. Selbjt die Scheidelinien der Stämme find andere. 
Wcjtfalen wohnen in kleineren oberbergifchen Teilen im Rheinland, und zwar 
in den hödißien des Landes, und gerade in diefcn Stridien madit fidi das über» 
greifen des weftfälifdien Sauerlandes am (tärkjten bemerkbar. Würde man fich 
nidit die fchr fdiarf ausgeprägte Eigenart des Bergifdien Landes, die fidi in erfter 
Linie nadi der wirtfdiaftlichen, dann aber auch nach der geiftigen Seite hin zeigt, 
vor Augen halten, fo könnte man zweifelhaft fein, ob überhaupt das Bergifchc 
ein geographifdi felbltändiger Begriff oder ein Teil des Sauerlandes fei, wie es 
die geographifdien und die Reifebefdireibungen der älteren Zeit mei(t auf» 
faffcn. Ohne Zweifel ift erß: die poHtifdie Bezeichnung des Bergifdien Landes, 
die nun freilidi in etwas primitiver Weife der Befdiaffenheit des größten Teils 
des Gebiets entnommen i|t, fpäter audi für die geographifche Benennung 
bejiimmend geworden. Das Bergifdie Land i(t mit feinen außergewöhnlich 



64 H- W. Tuckermann, Landeskunde der Rheinprovinz D 

zahlreidien WafTcrn, die die Ruhr, die Wuppcr und die Sieg famt ihren vielen 
größeren ZuflüITen fpeifen, nicht nur das vcafierreichlte Land unfercr Provinz, 
fondern audi mit feinen vielen tiefen Einfchnitten das mei(tgeformte, ein rechtes 
Bergland, das fidi nach Weftcn und Norden fanft abdacht. Die Vielgcftaltigkcit 
der Formen bewirkt oft eine höchft feltfame Linienführung der Eifenbahnen. 
Die hödi|ten Erhebungen liegen im Oberbergifchen. Unweit der weltfälifchcn, 
der alten Grenze gegen Kurköln (teigt im öden Heidegebiet, das teilweife neu 
aufgeforftet ift, die Silbcrkuhlc öjtlich von Eckenhagen 514 m hodh auf, deren 
Bezeidinung wohl nicht ohne Beziehung zu den von Kaifer Friedridi Barbaroffa an 
Rainald von Daffel übergebencn Silberbergwerken ift. Nicht viel weniger hoch 
(506 m) ift der mit Buchen bewachfene Unnenberg unweit des gleichnamigen 
Dörfdiens, nordöftlich von Gummersbach. Im Mittelbergifchen erreichen nur 
ganz wenige Erhebungen die Höhe von 400 m; im Südoften i(t ein Punkt 
unweit der märkifdien Grenze 421 m hoch. Jedodi beträgt die Durchfchnittshöhc 
in den öftlidien Teilen über 300 m, der Kreis Lenncp hat fogar eine folche von 
330 m. In den tief eingefchnittencn Tälern konnten fich keine namhaften Ort= 
fdiaften cntwidicln, die Berglage für viele größere Orte ift typifch namentlidi 
für dicfen Teil des Landes. Die alte bergifche Hauptftadt Lennep liegt 320, 
Remfdieid 340, Radevormwald, die bcrgifdie Grenz(tadt, fogar 376 m hodi. Das 
nur wenige Kilometer von der Rheinebene entfernte Solingen liegt immerhin 
noch 216 m hodi. Das Niederbergifdie, das den Kreis Mettmann und das Bergs 
land des Kreifes Düffeldorf umfaßt, ift der tiefftgelegene Teil des Bergifdien. 
Nur im Südoften, unweit der Wupper(tädte, alfo ebenfalls in der Nähe der 
weftfälifdicn Grenze, liegen einige Punkte wenig über 300 m hoch. In den 
meiften Teilen ift das Niederbergifche eine zum Ruhrtal, (tärker zur Rheinebene 
abfallende Plateaulandfdiaft, der es an diarakteri(tifdien Erhebungen, an fcharf 
eingefchnittenen Tälern und an größeren Waldflächen fehlt, fo daß es der land= 
fchaftlich am wcnig(ten anziehende Teil des Bergifchen ijt. 

Wie der Land{tridj füdlich der Sieg zum Bergifchen überleitet, fo das Nieder^ 
bergifdie zum Effener Kohlenbecken, dem nördlidiftcn Abfchnitt des rechts^ 
rheinifchen Berglandes. Das Bergland erhebt fich auf beiden Seiten der Ruhr 
über das Tal etwa 100 m, ein Zeichen, daß ein orographifcher und geologifcher 
Zufammenhang mit dem Nordrand des Bergifchen bejteht. Rein äußerlidi 
betrachtet ift zunächft kein großer Untcrfchied des Landfchaftsbildcs. Die fchon 
füdlich des Fluffes einfetzenden Karbonfdiichten des Ruhrbeckens, die zum 
größten Teil auf wcftfälifchcr Erde liegen, haben eine Ausdehnung von über 
2000 qkm. Nadi Norden wie nadi Weften geht das Eflcner Becken, deffen hödi(tc 
Erhebungen (bis 155 m) unweit der Ruhr liegen, in das Tiefland über ohne 
irgendwelchen [tärker betonten Übergang. Die Emfcherniederung endlich ift 
eine freilich nicht fcharfe, mehr auf gefchichtlichen Tatfachen beruhende Grenze 
zwifchen dem reditsrheinifchen Berg= und dem Flachland. 

Der Abftieg von den linksrheinifdien Berglandfchaften zur Ebene i[t ein 
verhältnismäßig rafchcr, fo daß von Norden her tatfächlich Eifel und Venn den 
Eindruck eines Gebirges erwecken. Im füdlichen Teil der Kölner Tieflandsbucht, 
des großen Einbruchsbeckens, das von Norden her in dreieckiger Form in das 
Schiefergebirge eingreift, ift die durchfchnittliche Höhe noch wenigftens 150 m, 
fo in den mei(ten Flachlandteilen der Kreife Rheinbach und Euskirchen. Wenn 
auch von der Rheinfeite aus, die zwifchen Bonn und Köln 70 m kaum überfteigt, 
das Vorgebirge, das als echter Hor[t der bedeutendfte der tertiären Hügelzüge 



Gebirge und Landschaften 65 



i|t, als eine bemerkenswerte Erhebung erfdieint, die im Kottenforfl über 180, 
unweit Witterfdilick 173 m, im nördlidiften Teil, im Bethlehemerwald bei Bergs 
heim, allerdings nur nodi 120 m hodi i|t, fo i[t von Weß:cn aus betraditet das 
Gebirge trotz des [teileren Anjtiegs weniger hodi. Liegen dodi die Ortfdiaftcn 
an der Weftfeite, im Erfttal, rund 70— 90 m hoch. Die Bohrungen auf Braun« 
kohlen, die zunächft am Vorgebirge [tattfanden, wo das Abbaugebiet fdion vor 
zehn Jahren nadi C. Sdiott mindcftens 120 qkm betrug, haben audi an anderen 
Stellen in der Kölner Budit tertiäre Braunkohlen, z. B. bei Lucherberg, nadi= 
gcwiefen. Der mittlere Abfdinitt der füdlidien Kölner Ticflandbucht zwifdien 
Erft und Rur iRoer) (teigt nadi Weften hin an, und die Dörfer an der Oftfcite des 
Rurgrabens, Mcrzenidi, Ellen, liegen fo hodi wie der Kamm des Vorgebirges an 
der Köln=Bergheimer Straße. Der letzte der zur Provinz gehörigen Abfchnittc 
im füdlidien Teil der Kölner Budit zwifdien Rur und Wurm fteigt ebenfalls, 
allerdings weniger bedeutend, von 0(t nadi We(l: an. Der Weftrand der Rur 
i(t vereinzelt etwas über 100 m hodi, der Ojtrand der Wurm höher, dort, wo 
fidi die Ausläufer des 88 qkm großen, aus der lnde= und der Wurmmuldc 
beftehenden Kohlengebirges zeigen, über 150 m. In dem we(tlidien (Heins» 
berger) Rur=Wurmwinkel ift das leicht gewellte Flachland wieder niedriger und 
(teigt kaum auf über 80 m. Ein Zufammenhang des Aadiener Kohlenbeckens 
mit dem Ruhrgebiet ift nachgewiefen. Schon jetzt i(t die Erfchließung des der 
Ruhrmündung gegenübergelegenen linksrheinifchen Gebiets fehr bedeutend. 
Im Norden bis nadi Kaikar, im Wejten faft bis zur Landesgrenze (Kcvelacr, 
Geldern) reichend, umfaßt das Kohlengebiet rund 575 qkm. Weitere Kohlen» 
feldcr werden bei Erkelenz und Brüggcn erfchloffen werden. 

Man kann das nördliche Gebiet der Kölner Budit, das im Gegenfatz zu 
den füdlichen Strichen der fruchtbringenden Lößbejtandteile faft ganz entbehrt, 
füdwärts durdi eine von der Wurmmündung zum Nordende des Vorgebirges 
an der Erft bei Epprath=Frimmersdorf zu ziehende Linie begrenzen. Sie ifb 
ziemlich identifch mit der 100 m Höhenlinie, die von Körrenzig an der Rur über 
Lövenidi, Holzweiler, Immerath, Garzweiler zur Erft bei Frimmersdorf läuft. 
Im nördlichen Tiefland kommen Erhebungen von über 100 m kaum noch vor; 
je weiter nach Norden, um fo mehr fmkt das Land. Selbß: die Süchteiner Höhen 
und ihre Fortfetzung, die Bufchberge, die fich von Vicrfen bis jenfeits Herongen 
folgen, fmd nur noch 86 m hoch, und die Hügelreihen, die fidi nördlidi von 
Krefeld hinziehen, in der ö(tlichen Reihe der Egelsbcrg (47 m), der Rayer Berg 
(64 m), der Eyllfche Berg (63 m), der Hohe Bufch bei Kamp (43 m) u. a., in der 
weftlidien der Saelhuyfer Berg (80 m), der Sdiarden Berg {77 m) ufw. fmd noch 
niedriger. Im öftlichcn Teil zwifdien Rhein und Niers liegt, von den genannten 
ifolierten Hügeln abgefehen, die nördlidifte 50 m Höhenlinie im Zufammenhang 
mit den höheren Linien bereits füdlich von der Bahn M.Gladbadi=Ncuß, aber 
auch im weftlidien Teil, zwifchen Niers und Maas, reicht die 50 m Ifohypfe nicht 
nördlich über die Linie Bradit=Lobberich=Hinsbeck hinaus. Bemerkenswertere 
plateauartige Infclcrhebungen find allerdings wieder im nördlichften Teil der 
Provinz, wo zwifchen Sonsbeck und Xanten fich Flädien von über 80 m (ver» 
fdiiedene Punkte find 86 m hoch) erheben. Bei Uedem fteigen die Erhebungen, 
die mit diefen in keinem Zufammenhang flehen, bis zu 56 m (Katzenberg) an, 
ähnlich auf dem gerodeten Boden der Kolonie Neulouifendorf. Die höch(ten 
Erhebungen im linksrheinifchen Teil des Regierungsbezirks Düffeldorf finden 
fich aber, von zwei Punkten im äußerften Süden abgefehen, da, wo der Rhein 

Die Rheinprovinz 1815 — 1915. 5 



66 II. W. Tuckermann, Landeskunde der Rheinprovinz D 

die Provinz verläßt, im Reidiswald, deJTen Erhebungen von Süden nadi Norden 
zunehmen, und in feinem nordö|tlidiß;en Ausläufer, dem Klever Berg (io6 m), 
der auf dem rcditen Ufer ein Gegen|tüd< im Eltcner Berg (82 m) hat. Im 
äußerften Nordweften |teigt auf der linken Rheinfeite did^t an der holländifdien 
Grenze der Wyler Berg 80 m an. Die Grenze der Münfterländifdien Budit 
gegen die niederrheinifdie Budit äußert fidi in niedrigen, ehemals öden, teil\x/eifc 
kreidehaltigen Plateauflädien, die nördlidi der Lippe bis zu ^^ m, füdlidi bis 
zu 68 m Höhe an(teigen. 

Das Flußfy(tem. Die Lebensader der Provinz i(t der Rheinftrom. Nur 
wenige Flüflc geben den von ihnen durdifloHenen Gebieten in foldiem Maße 
ihr Gepräge wie der Rhein. Die Orientierung der Provinz gefdiicht gewiffer» 
maßen nadi dem Rhein; andere Gefichtspunkte, die natürlich audi vorhanden 
find, treten zurüd<. Dem entfpridit es, daß die ganze Provinz, und zwar als 
einzige des Staates, demfelben Stromgebiet angehört. Auf 320 km Länge, alfo 
% feiner Gefamtlänge, begrenzt oder durdifließt der Fluß die Gebiete der 
Provinz. Bingerbrüd< liegt 462, Koblenz 402, Bonn 339, Köln 306, Düffeldorf 
251, Emmeridi 144 km von der Mündung. Fa|t ^5 dßi' eigentlidien Haupt« 
lei|tungsfähigkeits(trede gehören unferem Rheinland an, und zwar nidit nur 
die ganze Mittelrheinftredie, die man aus verfdiicdenen Gründen am beß:en 
bis nadi Köln fidi erftrcden läßt, fondern audi ein fchr wefentlidies Stüd< 
des Niederrheins, das leiftungsfähiger ilt als das holländifdie Sdilußftüd<. 
Trotz der verhältnismäßig großen Entfernung der füdlidien Punkte von der 
Mündung liegt Bingen dodi nur 76 m über dem Mccresfpiegel. Die Höhenlage 
von Koblenz beträgt 58, die von Bonn 43, von Köln 36, von Düffeldorf 27, 
von Emmeridi 10 m. Dem entfprechend ijt audi das Gefälle verhältnismäßig 
nidit fehr bedeutend. Für die wichtigfte Durdibrudisltredte Bingcn»Koblcnz 
beträgt es 1 : 3,263, für die Strede KobIenz=Köln i : 4,318, für die Sdilußftredtc 
1 : 6,826. Das größte Gefälle befteht auf der Engpaßn:redic Bingen=Bacharadi. 
Etwas unterhalb (an der Lurlei) beträgt die Breite des Fluffes nur 113 m, bei 
Koblenz dagegen 300, bei Remagen wiederum nur 240, bei Honnef (Grafen* 
und Nonnenwerth) aber 900, bei Köln 681, bei Düffeldorf 334, bei Wefel (die 
größte Breite in der Provinz gleich der bei Mainz) 1045, unterhalb Emmeridi 
730 m. Die nordfüdlich geriditete Längenentwicklung der Provinz, die im 
wefentlichen, wenigßiens im Norden, mit derRiditung des Rheines übercinflimmt 
und bei der die we(tö(tlichc Ausdehnung zurüd<tritt,- Kleve liegt von Saargemünd 
etwa 400 km, während die längßie we(t=ö(tliche Linie AadicnsBetzdorfeHerdorf 
(in dem befonders weit nach 0(ten vorfpringenden Anteil des Hohen Weimer» 
Waldes) noch nidit 160 km beträgt, und in allen anderen Teilen der Provinz, be- 
fonders im Norden, weit geringere Entfernungen des Weftcns vom 0(ten erzielt 
werden — bringt es mit fich, daß das Gebiet fämtlicher bedeutenderen Zuflüffc, 
mit Ausnahme der Erft, aber einfdiließlidi der Wuppcr, teilweife außerhalb der 
Provinz liegt. Nur die überwiegend dem Tiefland angehörigen Zuflüffc des 
Rheins und der Maas haben, mit Ausnahme der Lippe, eine den Hauptflüffen 
im wefentlidicn parallel verlaufende Richtung. Die GebirgsflüfTe fließen dem 
Rhein im rechten Winkel zu. 

Wenn auch das Rheintal fclbft zur größeren Hälfte dem Flachland angehört, 
fo find doch die Ncbcnflüffc in unfcrcr Provinz ganz überwiegend echte Gebirgs« 
flüffc, namentlich die der rechten Seite, auf der das Gebirge wefcntlich weiter 
nad) Norden reicht und in geringer Entfernung den Strom begleitet. Bei einem 



Das Flußsystem 67 



an und für fidi nidit fchlcdit cntwidtclten Flußfyl^em überrafdit dodi die geringe 
Braudibarkcit der FIü(Te. Nur der Tieflandfluß Lippe mit feinem geringen 
Gefälle bot von Natur aus der SdiifFahrt günftigere Bedingungen. Dagegen 
[tchen die weit bedeutendere Mofcl und ihr größter Nebenfluß, die Saar, 
die, obwohl ein Zufluß zweiter Ordnung, ein größeres Gebiet bewä(Tert als 
fämtlidie dem Rhein zufließenden Waffcradern unferes Gebiets, fortgefetzt 
im Kampfe großer widerftrebenden wirtfdiaftlidien Intereffen um beffcre Sdiiff= 
fahrtsmöglidikeiten. Die Sdiifi^ahrt auf der Ruhr, deren Kanalifation am Ende 
des 18. Jahrhunderts ins Werk gefetzt wurde, i(t ebenfo wie die auf der Lippe 
bei dem weiteren Ausbau der Eifenbahnen faft ganz wieder eingegangen. Audi 
die Kleinfdiiffahrt der Lahn, die durdi den rheinifdicn Kreis Wetzlar fließt, 
hat ihre Blüte hinter fidi und ilt ganz unbedeutend. Von Gießen bis Wetzlar 
ijt fic fdion eingegangen. In früheren Jahrzehnten beftand fogar auf der Sieg 
abwärts Siegburg eine kleine Schiffahrt. 

Teilweife die Grenze der Provinz gegen Bayern und Helfen bildet die Nahe, 
die in der Gemeinde Seelbadi im Birkenfeldfdien in einer Höhe von 455 m 
cntfpringt und von der SaarsNahebahn fa(t auf ihrem ganzen Lauf, von Türkis» 
mühle bis Bingerbrüdi, begleitet wird (125 km lang, 4010 qkm Flußgebiet). 
Ihr größter Nebenfluß, der nidit viel kürzere Glan, berührt nur einige wenige 
rheinifdie Gemarkungen. Nur ein kleiner Teil, nodi nicht ein Zehntel, des 
Flußgebiets der Lahn (und der Dill, 5870 qkm, 240 km Länge) gehört der 
Rheinprovinz, dem Kreife Wetzlar, an. Die Mofel ift nach dem Rhein der 
bedeutendjte Fluß der Provinz. Sie und ihre Zuflüffe beeinflulfen den Süden 
der Provinz. Gehört doch beinahe der ganze Regierungsbezirk Trier, fa(t 
7000 qkm, zum Stromgebiet der Mofel. Von der Länge von 536 km liegen 243, 
die bei weitem fdiönfle, an Windungen und Krümmungen reiche Strecke, in der 
Provinz. Während die freilich der Mofel fa(t ganz abgewandte Bahnftredte 
Kochem=Trier nur 64 km lang ift, beläuft fidi die Flußftreckc auf 140 km. Die 
Strede Kochem=Eller (Tunnel) ift kaum 6 km lang, die Flußlinic (der Kodicmer 
Krampen) dagegen 22. Fa[t die halbe Länge der Saar (235 km) liegt auf rhein= 
ländifchem Boden. Die Saar, die ein Abflußgebiet von 7400 qkm hat, hat 
wiederum einige bemerkenswertere Zuflüffe/ von denen die Nied auf ihrem 
Unterlauf, die Blies im QuelU und Mündungsgebiet, die Prims mit dem Thel» 
bach und der Wadrill dagegen ganz auf dem Boden der Provinz liegen. Von 
den der Mofel von der Hunsrüdtfeite zufließenden Gewäffern i[t nur die Ruwer 
nennenswert, weniger die aus zwei Quellflüffen beltehcnde Dhron. Die Sauer, 
die nur 6 km oberhalb von der Saar in die Mofel geht, ift nur Grenzlinie gegen 
Luxemburg, desgleidien ihr dem Losheimerwald entflammender Zufluß Ur 
(Our) auf dem Mittel» und Unterlauf, während Prüm famt Nims und Enz ganz 
den füdwe(tlichen Eifelkrcifcn angehören. Bedeutender i|t die 142 km lange, 
auf dem Mittel» und Unterlauf vielgewundene, ein enges Erofionstal durch» 
fließende Kyll, früher völlig unwegfam, heute das widitige Verkehrstal von Köln 
und dem Niederrhein nadi Trier, Lothringen und dem Elfaß. Alle anderen 
Eifelzuflüffe: Salm, Liefer, Alf mit der Us, Endert, Elz, die mcift entzückende 
Täler durchfließen und dem Vulkangebiet ent(tammen, find als WaJTerrinnen 
unbedeutend. Dasfclbe gilt audi von den dem Rhein aus dem öftlichen EifeU 
gebiet zufließenden Gewäffern Nette (45km), Brohl, dem winzigen alten Grenz» 
flüßdien Vinxt, der romantifchen Ahr (89 km, Flußgebiet 901 qkm, bei Blanken» 
heim in 463m Höhe entfpringcnd) und den Flüffcn des Wc(tcrwaldcs, dem Sayn» 

5* 



68 II. W. Tuckermann, Landeskunde der Rheinprovinz a 

bach und dem Hauptfluß Wicd (70 km, rund 750 qkm Flußgebiet, Quelle im 
Dreifelder Weihergebiet, 415 m hodi). Ein kleines Abbild derMofeliß: die 1:50 km 
lange Sieg (Stromgebiet 2760 qkm, Quelle an der Südfeite des Ederkopfs, 608 m 
hoch), die auf der Mittellaufftredte Sicgen=Henncf ganz befonders reidi an 
Windungen i(t. Die Sieg hat einige beachtenswerte ZuflüfTe, links den Heller» 
badi, durdi deffcnTal aufwärts von Betzdorf aus die Sicg= Lahnbahn führt, und die 
Nifter, redits Bröl, Wahn und namentlidi die 65 km lange Agger, die mit ihren 
Nebenbädicn (Wiehl, Sülze) der Hauptfluß des Oberbergifchen iß:. Auf ein 
infolge ihres eigentümlidien Laufs verhältnismäßig kleines Gebiet (920 qkm), 
im wefcntlichen auf das Mittelbergifche, befdiränkt ift die 98 km lange Wupper, 
deren Nebenfluß Dhün die Grenze zwifchen dem Mittel» und dem Oberbergifchen 
bildet. Nur der Unterlauf, und zwar eine ziemlich kurze Stred<e der Ruhr 
(zj^ km, 4470 qkm), der Emfdier (98 km) und der Lippe {240 km, 4900 qkm), 
liegt in der Rheinprovinz. Von den linksufrigen Zuflüffen des Niederrheins 
i|t allein die Erft zu erwähnen, die bei einer Länge von 120 km, von der kaum 
V4 dem Bergland angehört, nur unbedeutende Nebengewäffer hat (links Veybadi, 
Rothbach, Nafi^el, redits Swi(t und Gyll, Flußgebiet 1910 qkm). 

Recht beträchtlich i(t das Flußgebiet der Maas; man wird den Anteil an der 
Provinz auf etwa 5000 qkm berechnen können. Ganz dem Flachland gehört die 
Niers an, die bei einer Länge von 120 km ein Gebiet von etwa 1600 qkm ent» 
wälfert. Klein ijt die Sdiwalm, deren Melioration ebenfo vonnöten i(t, wie die der 
Niers. Dagegen ift die Rur (Roer) bei einer Länge von 135 km und einem 
Entwäfferungsgebiet von 2300 qkm der größte der Maas aus unferem Gebiet 
zu|trömende Nebenfluß. Die Rur, die an der Oftfeite der Botrange 685 m hoch 
entfpringt, ift teilweife — ähnlich der Kyll, gleidi der fic auch ein Bunt» 
fandfteingebiet durchfließt — ein editer Gcbirgsfluß. Im Gebirge nimmt fic 
auch die Urft (mit der Olef) auf, bereits im Niederland die Inde, die aus zwei 
Qucllflüflcn, dem Mün(ter= und dem Viditbach, befteht, und die Wurm, die 
teilweife gleich der kleinen Hill, einem NebengewäfTer der Eupener Wefcr 
(Vesdre), die bei Lüttich in die Maas geht, die Grenze gegen das Ausland 
bildet. Als füdlidifter Zufluß der Maas auf dem Boden der Provinz iß: die 
Amel (Ambl^ve) zu nennen, die bei Rivage in die Ourthe mündet, und deren 
Nebenfluß, die Warche (Malmedy), ganz auf rheinifchcr Erde liegt. 

Klima und Niederfdilagsverhältniffc. Ein großer Teil der Rhein« 
provinz gehört klimatifch zu den am meiften begün(tigten Gebieten des Deutfdicn 
Reichs, da er dem wefteuropäifchen ozeanifchen Klimakreife zuzuteilen iß;. Die 
wärmften Gegenden der Provinz fmd das Rhein», das Mofel» und Saartal, ferner 
das Flachland und die niedrigen Höhenzüge nördlich der Linie AachenoDüren» 
Euskirchen»Meckenheim=Bonn, das wcßliche Bergifche Land (cinfchließlich 
Solingen) und das Ruhrbedien. Überall erreicht hier die mittlere Jahres- 
temperatur fafl 10". Köln hat eine Jahrestemperatur von 10,1° (1851 — 1900) und 
fonach mit die höchftc Temperatur unter allen größeren dcutfchen Städten, der 
nur die der nördlichen obcrrheinifchen Ebene (Speyer, Mannheim) gleichkommt. 
Der übrige Teil der Provinz, im wefentlidien alfo die Bergländer, haben niedrigere 
Temperaturen, die mit zunehmender Erhebung naturgemäß herabflnken. Die 
7" ifothcrme umfaßt das Venn und die ganze weftliche Eifel (die Kreife Malmedy, 
Prüm und Daun) und fendet einen Ausläufer weit in das öf^liche vulkanifche 
Gebiet hinein. Die Beobachtungen des Schncifelforfthaufcs, des Gebiets der 
Hohen Acht und der Station Monte Rigi auf dem Venn haben nach Polis fogar 



Q Klima und Niederschlagsverhältnisse 69 

eine mittlere Jahrestemperatur von unter 6° (5,8°). Kleinere zufammenhanglofe 
Gebiete auf dem Hunsrück, namentlidi im weftlidien Teil, fowic das Queligebiet 
der Agger liegen unter der -j^, aber über der 6^ Ifotherme. Somit hat ein Neun; 
tel des Provinzganzen eine Jahrestemperatur von unter -j^. Die wärmjte Tempe» 
ratur im Winter Nveifen die überwiegend ebenen Gebiete zwifdien Rhein und 
Maas auf, und zwar liegt das Erfttal aufwärts bis Euskirchen nodi über, Aadien 
und Umgebung, das Fladtland zwifdien Aadien, Düren und Jülidi unter der 
2® Ifotherme. Das Rheinthal oberhalb Köln, der größte Teil des Bergifdien, 
Mofel und Saar haben eine Wintertemperatur von 1— 2**. Auf den höher 
gelegenen Teilen der Gebirge fmkt die Temperatur auf unter o", auf dem Venn 
und auf der Sdineifel auf unter —2^ (Sdineifelfor(thaus während der Jahre 
1891 — 1900: —2,5"). Die hödiflen Frühlingstemperaturen (über 9") haben das 
Rheintal oberhalb DüJTeldorf, das ihm nahe(tchcnde Erftgebiet, ferner NIofel 
und Saar. In den Bergländern fmkt die Temperatur auf unter -j^ im Bergifdien 
und auf dem Hunsrüdt, auf unter 5" auf dem Venn und in der Eifel. Im 
Sommer werden im NIofeU und Saartal, im Rheingebiet abwärts bis zur Ruhr- 
mündung und in den Landfdiaftcn zwifdien Rhein und iVlaas Temperaturen 
von 17—18" erreidit. In den gebirgigen Gegenden fmkt die Temperatur bis 
auf 13^ (Eifel und Venn). In der geographifdien Verbreitung der Temperaturen 
leitet der Hcrb(t zum Winter über. Die weftrheinifdie Ebene, das Rheintal 
zwifdien Köln und der Lippe, haben eine Temperatur von über 10". Im Gegen» 
fatz zum Sommer, in dem die Temperaturabnahme mit der Höhe am (tärk|ten 
ift, geht im Hcrbft die Abnahme weit langfamer vor fidi, fo daß auch die benadi» 
teiligten Gegenden des weftlidien Berglandes eine Temperatur von 6,5^* haben. 
Nadi Polis beträgt der Jahresdurchfdinitt (beredinet für die Jahre 1881 — 1900) 
für Birkenfeld 7,4", Kleve 8,9", Trier 9,5^ Aadien 9,6", Köln 10". 

Die Verteilung der Niederfdiläge in der Rheinprovinz weijt ebenfalls fehr 
bemerkenswerte Unterfdiiede auf. Das regenärm(te Gebiet liegt in der Kreuz» 
nadier Edie; hier fmkt die jährlidie Regenmenge auf unter 500 mm. Weitere 
Trodkengebiete liegen an der mittleren Nahe, im Rheingebiet abwärts bis zur 
Ahrmündung, an der Mofel abwärts Kodiem (Maifeld, Pellenz), an der Ahr, 
ferner zwifdien Rur und Erft, füdo(^wärts bis Bonn reidiend. Nidit regenrcidi 
kann audi das mittlere Mofeltal, die füdweftlidie und ein großer Teil der vul« 
kanifdbcn Eifel, das Rheingebiet von der Ahrmündung bis unterhalb Krefeld, 
fowie ein größerer Teil des we(tlidien Tieflandes bis zur Maas hin (600-700 mm) 
genannt werden. Die höher gelegenen Gebirgsländer haben mit Ausnahme der 
ö{tlidien Eifel Niederfdiläge von über 700 mm. Wenn audi auf dem Hunsrüdi 
Regenmengen von 1000—1100 mm beredinct werden, fo (teht diefe Menge nodi 
zurüdi gegenüber der des Bergifdien Landes, namentlidi des mittleren Teiles, 
und des Venns. Außerordcntlidi fdinell fdiwillt die Regenmenge von dem 
verhältnismäßig niedcrfdilagsarmen Rheintal aus in den höher gelegenen Teilen 
an. Gogarten im Oberbergifdien und die Station Monte Rigi find die regen» 
reidi(ten Stellen der Provinz. Nadi Polis find die nicderfdilagsreidiften Stationen 
im Rheinland: Botrange (Monte Rigi 1361 mm), Gogarten (1355), Lennep 
(1284), Mützcnidi (Venn 1279), Hüttgcswafcn (Hunsrüdt 1115), Rcinsfeld 
(Hochwald 1063), Sdineifelforfthaus (1018). Die regenärmften Punkte find 
Euskirchen (550 mm), Weftum (b. Ahrweiler 548), Münftermaifeld (525) und 
Kreuznach (491). Die mittlere Regenhöhe der Rheinprovinz beträgt 754 mm, 
in Preußen i(t fie nur in We(tfalen noch höher (804 mm). 



70 II. W, Tuckermann, Landeskunde der Rheinprovinz a 

Waldkultur, Od= und Unland. Das Rheinland gehört zu den wald« 
reidi[tcn Provinzen der preußifchen Monardiie. NX^ährcnd im Staate 23,72 % 
des Bodens bewaldet find, find in der Provinz 30,93 % der Waldkultur unter« 
>x'orfen. Dichter bewaldet find die Bezirke Trier mit 34,86 % und befonders 
Koblenz mit 41,42 %. Unter dem Durdifdinitt der Provinz (tehen Köln 
(^O/H %)/ Aachen (27,06 %) und namentlich Düffcldorf (17,40 %). Natürlich 
treten auch innerhalb der Bezirke fehr bedeutende Unterfdiiedc auf. Die walda 
reid^lten Gebiete find die gebirgigen Kreife auf der rechten Rheinfeite, der Kreis 
Lenncp, die oberbergifdien Kreife Wipperfürth, Gummersbach (48,43 % find 
bewaldet) und Waldbröl, die Wefterwaldkreife Altenkirchen (54,37 %) und 
Wetzlar (49,42 %), fowic das Bergland des Kreifes Neuwied. Diefe Kreife 
lehnen fich an das große Waldgebiet des füdlidien Weftfalens (Altena, Mefchede, 
Olpe, Siegen [70,50 % Wald], Wittgenftein) an und (bellen fo das größte Wald« 
land Preußens dar. Der rheinifdie Teil des Wefterwaldes i(t der waldreid»|tc 
des ganzen Gebirges, das früher viel waldiger war als heute und namentlich in 
feinen höch(ten, außerhalb der Provinz gelegenen Teilen fehr (tark entwaldet i(t 
(der Oberwefterwaldkreis in Naflau hat nur 33 % Waldboden, der Kreis Wefter« 
bürg fogar nur 24 %). Nächßidem i(t der Hunsrüd (Zell, Bernka(tel 48,25 %, 
St. Goar 51,46 %) und das angrenzende Bergland des Kreifes Kreuznadi am 
waldreich ften. Audi das füdlidie Grenzgebiet an der Saar (Saarbrüdten) hat nodi 
beträchtliche Waldungen, Im Bergland nördlich der Mofel haben die Kreife der 
vulkanifchen Eifcl (Daun, Adenau) einen verhältnismäßig dichten Waldbejtand. 
In den weltlichen Teilen der Eifel (Prüm) und im eigentlichen Venn» und 
Ardennenland (Malmedy 26,34 %) if* bei unwirtlichen Höhen« und Boden» 
verhältniffen der Wald noch nidit fehr ausgedehnt, dagegen i[t die nordweftlichc 
Abdachung des Venns (Eupen und namentlidi Montjoie, 51 %) waldreidi. Unter 
den der Ebene angehörigen Kreifen, die nicht mit dem Maß(tabe gemeflcn 
werden dürfen wie die Berglande, fmd die Grenzkreife Kleve, Erkelenz, Geldern 
und namentlidi Rces (24,57 %) ar" waldreidi(ten. Den geringften Waldbcßiand 
haben die Gebiete des intenfiven Adterbaus und der Rheinebene (Greven« 
broich 2,2 %, Neuß, Krefeld Land, ferner Geilenkirchen und Köln Land 9,84%). 

Die Aufforjtungsbejtrebungen find feit der Fremdherrfchaft ganz bedeutend 
gewefen und werden bis in die ncucjte Zeit fortgefetzt. Sie fmd bei der [tärkeren 
Indu(trialifierung mandier niederrheinifchen Gegenden und des Saargebiets, die 
heute noch teilweife der Rodung unterliegen, nicht mehr fo offenfiditlich. 
1878 nahm das Forftareal 8294 qkm ein, 1900: 8350. Stärker bewaldet war vor 
der preußifchen Zeit die Rheinebenc. Das war zwar audi nur nodi in kleinen, 
lofen Stücken — fo bei Efch und Pefch nordweftlidi von Köln, bei Stommeln, 
füdlich und nördlich von Neuß, bei Homberg und im Klevifdien — der Fall, 
immerhin zwingt aber diefe Tatfache, die vor kurzem verneinte Frage nach der 
Bewaldung der Rheinebene bejahend zu beantworten. Freilidi war namentlich der 
in den Bruchländcrcien gelegene Wald in denkbar fchledite(ter Verfaffung. Der 
damals noch weit ausgedehnte Stommcler Bufch war ein fumpfiger, kaum zu« 
gängiger Bruchwald. Teilweife macht die Entwaldung der weiteren Ausdehnung 
des Ackerbaus, teilweife der Induftrie Platz. So dehnt fich auf dem ehemaligen 
Waldgelände zwifchen Mors und Homberg die Arbeiteranflcdlung Hochheide aus, 
auf früherem Eichen» und Buchenboden liegen die Pfälzerkolonicn Neulouifcndorf 
und Louifcndorf . Es ßcht außer Zweifel, daß die Effcn-Werdcncr Stiftslande noch 
zu Anfang des 19. Jahrhunderts großen Waldbejtand, namentlich an Buchen, 



Waldkultur, Öd- und Unland 71 



aufwicfen. Aber fdion 1836 klagt v.Vicbahn über den Rückgang der Forfien infolge 
der neu cntftehcnden Siedlungen. Die Rodung an der Saar zur Förderung der 
Kolonifation der königlichen Bergwerksarbeitcr fetzte in den fedizigcr Jahren 
ein. Heute liegen auf gerodetem Boden die neuzeitlidien volkreidien Berg» 
arbeiterorte Elvcrsberg, Altenwald, Heiligenwald und Altenkelfel. Wohl nicht 
als letzte Holzung wurde am 1. Oktober 1913 der bei Sterkrade (allerdings fchon 
jenfcits der Provinzgrenze) gelegene Fernewald, indeden Sdiatten 1729 pfälzifche 
Koloniftcn die Kolonie Königshardt gegründet hatten, der Großindul^rie 
geopfert. Sind fo in fa(t allen induftriellen Strichen (z. B, auch bei Efdiwciler« 
Stolberg, weniger im Bergifchen, hier wohl noch am (tärk(ten in dem jetzt ziemlich 
waldarmen Niederbergifdien) Verlujte zu verzeichnen, fo muß die Tatfache nach» 
drücklich betont werden, daß gerade auch der Niederrhein nach 1815 ganz be» 
deutende Gewinne budien kann. Der linksufrige Niederrhein hatte zu Beginn der 
neuen Entwicklung durchaus nicht einen gewiffen agrarkulturellen Hoch(tand 
crreidit, den man ihm vicUeidit zufdireiben möchte. Am höch(ten ftand diefer 
anfcheinend in der Graffchaft Mors, dann im Klevifdien. Die zahlreidien nieder» 
rheinifchenWaldungen, die heute noch den Namen Heide (Sevelcner, Geldernfchc 
Heide, Löhrheide bei Straelen, Heronger und Wankumer Heide) führen, waren 
weit ausgedehntes Ödland, das nur zum klein(ten Teil als Torfland nutzbar 
gemacht war. Sehr beträchtlich wurde im 19. Jahrhundert das Ödland in den 
Stridien längs der hoUändifchen Grenze aufgefor|tet. Von Goch bis in die Nähe 
von Erkelenz i(t fehr viel Ödland aufgefor(tet worden. Namentlich feien hier 
die großen Forftdijtrikte bei Bracht, Elmpt, Oberkrüchten und Arsbeck erwähnt. 
Selbft die in der Nähe be(tehenden älteren Nadelwaldungen bei Wegberg und 
Wildenrath waren um 1800 fdilecht gepflegt und von Heide= und Ödland unter» 
brochen. Ganz befonders fei hier auch der Kultivierung der Bönninghardterheide, 
des weitausge(trediten Ödlandes zwifchen Iffum und Alpen, gedacht, die feit mehre=« 
ren Jahrzehnten einen von Ackerparzellen und Einzelhöfen unterbrochenen Nadel= 
wald dar(tellt. Eine der er(ten Aufgaben der preußifchen Forftkultur war die An» 
pflanzung der Kiefer auf dem dürftigen Heideboden zu beiden Seiten der Lippe. 

Das Jülicherland und die Lande um Köln hatten auch fchon vor 100 Jahren 
meijt nur nodi Parzellen wald. Bei den äußer(t fruchtbaren Bodenverhältniffen 
fchied natürlich das Bedürfnis nadi Auffor(tung des Landes, das vielleicht in 
größeren Teilen, etwa in Strichen der Kreife Grevenbroich, Jülich und Eus« 
kirdben, nie bewaldet war, aus. Glücklicherweife haben aber auch die wenigen 
größeren Waldungen wie die vielen Gemeinden gehörige „Bürge" eine nicht 
allzu nennenswerte Einbuße erlitten. Immerhin hing z. B. der Forft Hambach 
noch mit der Bürge zufammen, fo daß fidi das gcfchloffene Waldgebiet im Norden 
bis Pattern, Welldorf, Güftcn und Oberembt er(tredite. Zwifchen Körrenzig, 
Lövenich und Gevelsdorf madite ein etwas größerer Forft „Budiholz" reichem 
Ackerboden Platz. In den linksrheinifdien Bergländern haben hauptfächlich die 
Landfchaften der we(tlidien Eifel und des Venns an Waldbefitz gewonnen. Man 
kann annehmen, daß das Waldareal in diefen Teilen feit der preußifchen Befitz» 
nähme fich um das Doppelte vermehrt hat. Wie klein war z. B. in der franzö» 
(Ifchen Zeit das Waldareal im fpäteren Kreife Malmedy! Das Venn war fa(t 
ganz ein ödes, unwirtliches, fumpfiges, auch in feinen tiefergelegenen Stellen 
nur (tredienweife bewaldetes Gebirge. 

Von einer Pflege des Waldes konnte zunäch(t noch keine Rede fein. Im 
Gegenteil haben viele Gemeinden auch in den erften Jahrzehnten der preußifchen 



72 n. W. Tuckermann, Landeskunde der Rheinprovinz a 

Zeit ihre Bcrghängc entwaldet, angeblich zur ackerbauUchen Benutzung, tat» 
fächlich aber zur Bcwcidung. Auf diefe Weife wurde natürlidi der Boden gelodtert, 
die am Fuße gelegenen Weinberge, Adier= und Wiefengelände wurden fdionungss 
los preisgegeben. Im Landkreife Trier ging die Ausdehnung kahler Felfen und 
Abhänge noch zu Beginn der fediziger Jahre vor fidi. Tatkräftig ift die Be» 
Waldung feitens des Staates feit den fünfziger Jahren betrieben worden, feit 1855 
wurde fie nachdrüdtlidi im Regierungsbezirk Aachen begonnen, deffen Vcnn» 
landfdiaft feit dem Ausgang des Jahrzehnts aufgeforjtet wurde. Der Regierung 
war durch Verordnung vom 1. März 1858 die Möglichkeit gegeben, das Ödland 
Zwangs weife aufzuforjten. Trotzdem kämpfte fie mit dem Widerltreben und 
dem Unverftand der Bevölkerung, die lieber ihr Ödland zur Sdiiffel», Weide» 
und Streunutzung benutzt liegen laffen wollte. Alle Be(trebungen der Regierung, 
z. B. durch Auffor[tung der Boxberger= und der Sarmersbacher Heide im Kreife 
Daun beffere Kulturzuftände herbeizuführen, fdieitcrten nach Beck (1868) andern 
zähen Wider(tand der jedem Fortfehritt abgeneigten ärmlichen Bevölkerung. 
Die um 1858 mit Staatsmitteln auf den (terilften Höhenrücken angelegten 
Sdiutzwaldungen mußten fogar durch Militär gegen die Zerftörungswut gefdiützt 
werden. Auch die Beftrebungen des Staates, aus feinen Mitteln Privateigentum 
aufzufor|ten, das dann allerdings in den Befitz der Gemeinde übergehen follte, 
[ließen zunächft fa[t überall auf Widerftand. Trotzdem waren z.B. im Kreife Bit» 
bürg um 1865 nur nodi geringe Odlandflächen vorhanden, und im Hauptauffor(ta 
ungsgebiet der Eifel hatte der Staat von 1855 bis 1866 43 763 Morgen aufgcforß:et 
und die Wiederbewaldung weiterer 125 000 Morgen in Ausficht genommen. 
In der letzten Zeit ift die Waldkultur auch auf die Moorfläche des eigentlichen 
Hochvenns gedrungen. Von den rund 80 qkm des Vennplateaus find 38 qkm 
zur Aufforftung beltimmt. In der ö(tlid^en und nördlidien Eifel, in der vuU 
kanifchen und in der Vordereifel, fowie in den Ahrlandfchaften hat der Umfang 
der Forften nur geringere Änderungen erfahren. 

Audi die füdlidi von der Mofel gelegenen Gebirge weifen beharrlichere 
Vcrhältniffe auf. Die Abhänge, aber auch der Kamm des Gebirges haben von 
jeher einen fehr diditen Waldbc(tand, delJcn Umfang man auf 2300 qkm 
berechnet. Hier fmd die größten zufammenhängenden Waldungen unferes 
Landes. Der Umfang des großartigen gefchloHenen Waldgcbiets im 0(ten, des 
Soons und des Lützelfoons, i[t, vorfichtig berechnet, auf über 230 qkm beziffert 
worden. Noch weit größer i|t das zufammenhängende Waldgebiet des Idara und 
des Hochwaldes. Das fmd andere Zahlen, als fie der Klevifche Reichswald, den 
man oft als größten Wald der Provinz hin(tellt, mit feinen etwa 70 qkm aufweifl. 

Auch der Wefterwald, der übrigens in vielen feiner Gemeinden vorbildliche 
Bcifpiele einer guten Waldpflege aufweift, hat keine allzugroßen Veränderungen 
feines For(tbc|landes aufzuweifen. Die weftlidien Teile mit ihren vielen Tälern 
und Abfchnittcn haben nur kleinere Waldungen im Gegenfatz zu den Strichen 
um Altenkirchen, Wiffen und Betzdorf, die im engften Zufammenhang mit der 
nördlich der Sieg gelegenen Nutfeheid, dem größten Waldgebirge im Bergifchen, 
und den Im 0|tcn anfchließenden Hatzfeld«Wildenburgifchen Forften ein größeres, 
von kleineren Rodungen allerdings unterbrochenes Waldgebiet darftellen. 
Ebcnfo liegen in der füdöftlichcn Abdachung zwifchen Lahn und Dill und^wefl« 
wärts Gießen (Krofdorfer Forft) bedeutende Laubwaldungen. 

Fajt ganz waren zur Zeit der Befltzergreifung der Länder am Rhein durdi 
Preußen die Waldungen mit Laubholz beflockt. Die Eifel war wefentlich ein 



Waldkultur, Öd- und Unland 73 



Gebiet der Buche, gegenüber der die Eidie zurüditrat. Heute nodi haben 
namentlich Hochwald und Hunsrück einen präditigen Buchcnbcftand. Weniger 
zahlreidi ift auch hier die Eiche vertreten, die feiten in reinen Beftänden auftritt. 
Umgekehrt hatten z. B. am linken Niederrhein die Waldungen, etwa im Kle= 
vifchcn, fdiöne Eichen, die feit den fünfziger Jahren dem Schälwald Platz machten. 
Aber auch in dem Bruchgebiet zwifchen Düffeldorf und Duisburg waren und 
fmd noch prachtvolle Eichenbejtände. Die Art der Bcftockung nahm unter dem 
neuen Regiment anderen Charakter an. Im Gebirge, fo im Vcnn und in der 
we|tlidhen Eifel, find faft nur Fichtenwälder cntftanden. Aber auch im alten 
Buchenland tritt immer mehr an Stelle des Laubbaumes das Nadelholz. Schon 
jetzt nimmt in der Eifel das Nadelholz faft '/i ^^^ gefamten Bewaldung ein. 
Auf den Hochlagen der füdlichcn Gebirge macht immer mehr die Buche der 
Nadel Platz. Im Oberbergifdien kann man fchon von einem (tarken Vordringen 
des Mifchwaldes fp rechen. Der dem Oberbergifchen vorgelagerte 25 qkm große 
Königsforft war in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ganz überwiegend 
mit Eichen und in etwas geringerer Zahl mit Buchen bepflanzt, zum klein(ten 
Teil mit Wadiolder. Jetzt überwiegt auch hier vielleicht fchon das Nadelholz. 
Auch in der Ebene, z.B. in den Grenzdiftriktcn, herrfcht in den Neuanpflanzungen 
die Nadel bei weitem vor. Daneben hat man hier und da etwas Mifchwald 
bevorzugt. Die Waldungen zu beiden Seiten der Lippe, die königlichen Wala 
düngen von Hiesfeld auf beiden Flußufern, der Gartroper und der Hünxcrbufch 
füdlich der Lippe haben in ihren Mifdibeftänden ein überwiegen der Nadel, 
die jedoch in den wenig ergiebigen Stridien wohl immer heimifch war. 

In unferer Provinz und in den angrenzenden Bezirken, namentlich im 
Regierungsbezirk Arnsberg, ferner in der Pfalz, im Bezirk Wiesbaden und in 
Birkenfeld nimmt der Eichenfchälwald eine ganz bedeutende Stellung ein. Fa(t 
^/4 fämtlicher Schälwaldungen des Reiches fielen im Jahre 1900 auf diefe Land» 
fchaftcn und faft 46 % allein auf die Rheinprovinz. Relativ und abfolut bei 
weitem am größten war der Schälwald im Bezirk Koblenz, wo er mit 932 qkm 
36,26 % der gefamten Waldfläche einnahm. Danach folgt der größte Anteil an 
den Waldungen in den Bezirken Köln {24,79 %, 297 qkm) und Trier (23,68 %, 
593 qkm), während der relative Anteil des Schälwaldes im Bezirk Aachen 
(16,11 %, 181 qkm) immerhin vom Bezirk Arnsberg (20,02 %, 648 qkm) über» 
troffen wird. Relativ und abfolut unbedeutend war die Schälfläche im Bezirk 
Düffeldorf (4,18 %, 40 qkm). Ganz überwiegend wurde der Sdiälwald von 
Gemeinden und Privaten gepflegt, während Genoffenfdiaften und Fiskus zurück» 
ftanden. Auf den Gemeindefchälwald fielen 1900 45,6 % der Gefamtfchälfläche 
(Regierungsbezirk Koblenz 61,3 %), auf den Privatwald 42,2 % (Regierungs= 
bezirk Köln 91,4 %). Als die heften Hänge für den Schälwald werden von altcrs= 
her die MofeU, dann die Nahehänge gepriefen, während die des Soonwaldcs, 
der Saarlandfchaft und der höheren Teile der Eifel nach den eingehenden Unter» 
fuchungen von Jentfch weniger gute Ware liefern, zumal die Bcftände fchr häufig 
nicht rein find. Im Ubergangsgcbiet der Eifel zum Niederland hat der fchöne 
Flamershcimerwald große Eichenfchälbc(tände (Schweinheim, Arloff, Ivcrsheim). 
Der Wefterwald, der fich eng an das Haubergsgebiet der Kreife Siegen und Olpe, 
die alte Heimat des Schälwaldes, anfdiließt, hat in feinen We(tabhängcn (fo bei 
Neuwied, Linz) guten Schälbeftand, das Bergifche bei Siegburg (Caldauen). 
Wohl im wefentlidien, aber lange nicht im vollen Umfange ift der Eichennieder= 
wald eine Errungcnfchaft der Neuzeit. Der feit den neunziger Jahren einfetzende 



74 II. W. Tuckermann, Landeskunde der Rheinprovinz a 

Niedergang der Eidicnlohgcrbcrei fdilägt audi der Sdiälwaldkultur tiefe Wunden. 
Fafi überall i|t der Eichenfdiälwald in (larkcm Rüdkgang begriffen. Der jtaatlidie 
Schälwald im Bezirk Aadien (21,3 qkm) wird faß: völlig verfdiwinden. Der 
Staat beeinflußt jetzt als Auffichtsbehörde durdi Gewährung von Beihilfen die 
Gemeinden zur Überführung der Sdiälwaldflädie zum Nadelwald. Von den 
571 qkm Gemeindefdiälwald im Bezirk Koblenz werden fo 169 qkm in Nadel» 
wald umgewandelt. Daß wirklid^ feit 1900 die Umwandlung des Niederwaldes 
fdion weit vorgcfdi ritten i(t, mag die Tatfadie beleuditen, daß der Sdiälwald in 
den Gebirgen füdlidi der Mofel, an denen er bis zu 500 m anfteigt, fdion nidit 
mehr ein Fünftel der gefamten Waldflädie umfaßt. Da den häufig redit bedürfe 
tigcn Privaten keine Beihilfe gewährt wird, fo wird in den Privatbetrieben die 
Umwandlung wohl nur langfam durd^geführt werden. 

In den Bezirken Köln (83,33 %) und Koblenz (82,80 %), nädifldcm im 
Trierer Bezirk i|t immerhin das Laubholz in den Wäldern (tärker vertreten als 
in den fon(tigen Teilen der Monardiie. In den Bezirken Aachen und Düffeldorf 
(Inkt der Anteil des Laubes fdion auf 50—60 % der Waldflädie. Man berechnet, 
daß reichlich ^5 ^^^ Laubwaldungen aus Budien beftehen. 

Im Rheinland ift feit jeher der Waldkommunalbefitz vorhcrrfchcnd. Fa|t V5 
[amtlicher Waldungen find im Befitz der Gemeinden, im Bezirk Trier fa(t die 
Hälfte, im Bezirk Koblenz, dem alten Waldgcbiet, faß: ^s- In der Eifel ift die 
größere Hälfte Gemeindewald. In die kleinere Hälfte teilen fich in der Eifel 
Genoffenfchaften und Private — fo mediatifierte Herren und Großgrundbefitzer, 
wieder Herzog von Aremberg und Graf Bciffel — fowie mit dem verhältnismäßig 
klcinften Anteil der Staat, deffcn For(ten begreiflicherweife zum größten Teil 
im Welten liegen. Nur ziemlich genau V5 fämtlidier Waldungen der Provinz 
(1910 1667 qkm) gehört dem Fiskus. Vernältnismäßig ftark i(t der Anteil des 
Staates an den For(tcn in den Bezirken Düffeldorf, Trier und namentlidi Aachen 
(faß Ys)/ fchwadi in den Bezirken Koblenz und Köln (Vs)/ alfo gerade in den 
Gegenden, welche die größten Laubholzflächen haben. Wenn auch kein völliges 
Zufammenfallen, denn audi Gemeinden und Private pflegen den Nadelwald, fo 
zeigt fidi doch auch hier ein Zufammenhang des fiskalifchcn Bcfitzes mit der 
Nadclkultur. Die privaten Waldungen wiegen im Bezirk Köln mit rund •*/ß der 
Gefamtfläche weit vor. Im Rheinland ßnd auch die größten Ziffern ungebundenen 
Privatforßbefitzes. Am ßärkßen in der Monarchie iß diefer ungebundene Befitz 
Im Bezirk Köln mit 94,7 % der Privatwaldungen vertreten. 

Da der anderen Kulturen fpäter gedadit wird, fei hier noch auf die Vcr« 
breitung des Ödlandes aufmerkfam gemacht. Das Od= und Unland iß im letzten 
Jahrhundert ganz bedeutend auf Koßcn des Waldes, aber audi des Ackerbaues 
zurückgetreten. Manches iß fchon angedeutet worden. Der Kreis Prüm z. B. hatte 
1831 noch 461 qkm Unland, d. h. genau die Hälfte des Kreisareals war unpro- 
duktiv. Im lahrc 1907 nahmen die Odländereien nicht mehr 100 qkm ein. Im 
Jahre 1878 waren in der Provinz 2632 qkm Weiden, Hütungen, Odo und Unland 
vorhanden, 1900 2532 qkm. In der franzöfifchcn Zeit dehnten fich nicht nur 
Im Vennhochland und in den angrenzenden Strichen der Eifel, nidit nur in der 
Hohen Eifel, im Qucllgebiet der Urft und Kyll, fondern auch an Stellen, die 
heute einem mäßigen Ackerbau gewidmet ßnd, fo im wcßlichcn Vorland des 
Osburger Hochwaldes, zwifchen Pcllingcn, Lampaden und Pluwig, ferner bei 
Schillingen und Kell Odländereien aus. Auch das Bitburger Land barg dort, 
wo heute leidlicher Ackerboden Iß, viel Heideland, z. B. bei Neuerburg und 



D Volkstum und konfessionelle Zusammensetzung 75 

Arzfcld. An vielen Stellen des Niederrheins, fo in der Nachbarfdiaft des Bürge« 
waldes, waren Odland(lrecken. Im Kempcr und im Gladbacher Land, ja vor den 
Toren Krefelds, nördlidi im Kliedbrudi und auf dem Hülferberg, füdlich in der 
beträchtlidien Fifcheler und Wilicher Heide, waren unproduktive Ländereien. 
Die vielen Bruchlandjtrecken, die heute teilweifc Wald= teilweife Wicfenboden 
haben, lagen mei(t unbcwirtfdiaftet da. Bemerkt werden mag allerdings, daß 
aus den älteren Darjtellungen nicht immer zweifelsfrei hervorgeht, ob man es 
mit geringeren Wcideflädicn oder mit tatfädilichem Ödland zu tun hat. Ebenfo 
laden fich über die heutige Verbreitung des wirklichen Unlandes in der Rhein» 
provinz anfcheinend keine einwandfreien Zahlen erbringen, da noch keine volle 
Qbereinftimmung in der Handhabung der Begriffe hcrrfcht. Die oben mitgeteilte 
amtliche Stati(tik fchlicßt auch Weiden und Hütungen ein. Soviel (tcht jedenfalls 
fe[t, daß in denjenigen Teilen der Eifel, die das ausgedehntejte Höhengebiet 
der Provinz, eine durchfchnittliche Erhebung von über 500 m haben, in den 
Krcifen Adenau, Daun, Prüm, Sdileiden, Malmcdy und Montjoie, auch das 
meifle Ödland liegt. Nach der Zählung des Jahres 1900 nimmt im Kreife 
Malmedy das Unland 18,1 % des Bodens ein, im Kreife Adenau 12,6, Prüm 1 1,4 
und Montjoie 9,3 %. Ob tatfächlich diefer Boden im vollen Umfange Ödland 
iß:, fcheint fraglich zu fein. Jedenfalls ift feitdem der Anteil des Unlandes weiter 
zurückgegangen, ebenfo wie auch der hierin enthaltene Anteil der Moore, der 
1899 nur 1,7 % des gefamten Areals der Provinz und hiermit den klein(ien Anteil 
am Boden aller prcußifchen Provinzen einnahm. Moore von größerer Aus» 
dehnung hat noch das Venn, obwohl auch hier die Bewaldung z. B. in unmitteU 
barer Nähe des höchß:en Punktes, der Botrange, und der belgifchen Grenze fchon 
beträditlich zugenommen hat. Audi die Schncifel hat noch Moore, die an der 
Wcftfeite an die Stelle früherer Laubwälder getreten find. Moore von kleinerer 
Ausdehnung gibt es auch am Niederrhein längs der Landesgrenze, fo bei Straelen 
und Goch. Manche Stredten, die ihren ehemaligen Moorcharakter nodi in ihren 
Namen (Weezer, Wember Vecn) fejthalten, find heute dem Ackerbau unter» 
worfcn. Od= und Unland i(t aber auch dem ö(llidien Niederrhein, den Kreifen 
Rees und Dinslaken, die an das Münjtcrland mit feinen weit ausgedehnten 
Strichen unergiebigen Landes (toßen, nidit ganz fremd. Viel Ödland liegt heute 
noch im Kreife Malmedy bei Büllingen und Losheim, ferner in den anderen 
Eifelkreifen bei Schmidtheim, Reetz, Tondorf, Aremberg, Virneburg, Leiden» 
born und Habfeheid (Kr. Prüm). Das Waldgebirge füdlidi der Mofel hat trotz 
der hödi(ten Erhebungen der Provinz nur geringe Stredten Od» und Unland. 
Und auch der unfcrcr Provinz angehörige Teil des Wefterwaldes i(i Verhältnis» 
mäßig begünf^igt. 

Volkstum und konfeffionellc Zufammenfetzung. Die Bevölkerung 
unfcrcr Provinz gehört fa|l ganz dem fränkifchen Volksftamm, und zwar der bei 
weitem größere Teil feinen mitteldeutfdicn Beflandteilen an. Die Südgrenze 
der nicderdeutfdien Mundarten dehnt fidi von dem füdwcftlidien Vorfprung des 
ehemaligen kurkölnifchen We(tfalen, dem jetzigen Kreis Olpe, nordweflwärts, 
fo daß Eckenhagen und mit ihm der Kreis Waldbröl außerhalb, dagegen Bergifch 
Neuftadt und Gummersbach und hiermit der größte Teil der alten Hcrrfdiaft 
Gimborn innerhalb des niedcrdcutfchen Sprachgebiets liegen, ebenfo wie der 
kleinere, nordö{tlichc Teil des Kreifcs Wipperfürth famt der Kreis|tadt. Nur 
ein fehr kleiner Teil des Bezirkes Köln gehört fomit dem niedcrdcutfchen, und 
zwar dem wejtfähfchen, Sprachgebiet an. In überwiegend nordwcftliAcr Richtung 



76 H. W. Tuckermann, Landeskunde der Rheinprovinz D 

läuft die Linie, die wejtlidi von Hüd<eswagcn die Südgrenze des Niederfränkifdien 
(Nordfränkifchcn) wird, fo daß Wcrmelskirdicn (aber nidit Burg, das mitteU 
fränkifdi i|t), Solingen, Ohligs, Hilden und Düffcldorf niedcrfränkifch find. 
Zvjcifdien Benrath und Dü|Teldorf erreicht die mitteldeutfchc Sprachlinie am 
Rhein ihren nördlich(ten Punkt. Auf die Landesgrenze bei Aachen hin zieht 
fie fich in \x/efentlidi füdwe(tlicher Richtung, fo daß Neuß, Liedberg, Giefen» 
kirdien, Odenkirchen, Wid<rath, Erkelenz, Geilenkirchen bereits im nicdcr= 
fränkifdien Gebiet liegen. Wiewohl Aachen mittelfränkifch ift, ift das füdlicher 
gelegene Eupen niederfränkifdi, alfo auf preußifchem Boden ohne Zusammenhang 
mit dem Hauptgebiet, Die Gebiete füdweftlidi von Odenkirchen gehörten ein» 
fchließlich Aachen zur alten Diözefe Lüttidh. Der füdliche Teil des niederfränkifdien 
Gebiets, nördlich begrenzt von der Linie Vcnlo=Kempen=ürdingen=Kettwigs 
Velbert=Neviges=Elberfcld=Lennep, die fogenannten Ich= oderLimburger Mund» 
arten umfaffend, unterfcheidet fich noch wefentlich von den weiter unterhalb 
gefprodiencn Mundarten. Ift doch auch in diefen Teilen das altfächfifche Bauern= 
haus wohl nie, wenig|tens nidit in (tärkerem Maße heimifch gewcfen, im Gegen= 
fatz zu den p:romabwärts gelegenen Strichen. Aber die Unterfchiede zwifchen 
dicfem Mifchdialekt und dem nördlidien, dem eigentlidien Niederfränkifdien — 
das von Bremer als das Geldrifdie, das aber wohl beffer als das Klevifcha 
Gcldrifche bezeidinet wird — find doch nicht fo groß wie die zwifchen dem Süd= 
niederfränkifdien und dem Mittelf ränkifdien. Eine etwas fclbßiändigere Stellung 
nimmt unter den am Unterrhein gefprochenen Mundarten das im nordöftlichen 
Bergifdien gefprochene Unterbergifche ein. In den entfernter vom Strom 
gelegenen rechtsufrigen Gebieten um Effen herrfdit ähnlich wie in den ober» 
bergifdien Grenzftrichen bereits die weftfälifche Mundart vor. 

Den geographifdi ausgedehnteften Bezirk nehmen die mittelfränkifchen 
Mundarten ein, die füdwärts bis nach Saarlouis reichen. Man kann auch hier 
(wiewohl den Dialekten manche übereinftimmung eigen ift, fo daß man fie die 
mitteldeutfdien wat=Mundarten nennt) zwei größere Gruppen unterfcheiden, 
von denen die nördlichere, das Kölnifche oder Ripuarifche, einen noch ftärkeren 
Beftandteil niederdeutfcher Elemente birgt und infolgedeffcn auch als Mifch» 
dialekt angefprodien werden kann. Die füdlidie Grenze des Ripuarifchen gegen 
das Mofelfränkifche verläuft fo, daß im Anfdiluß an das Wallonengebiet um 
Malmedy das obere Wardiegebiet, das auch kirchlich (tcts zu Köln gehörte, 
ebenfo das Urft» und das Quellgebiet der Kyll zum Ripuarifchen gerechnet wird. 
Ferner ift auch das Ahrgcbiet dem Kölnifchen zuzuweifen. Das kleine Vinxt» 
flüßchen, das etwas oberhalb Niederbreifig in den Rhein mündet, begrenzt den 
letzten, öftlichen Abfchnitt auf der linken Seite. Im wefentlichen bildet die mittel» 
alterlidie Diözefangrenzc auch die Sprachgrenze. St. Vith, das bis zur Neuzeit 
zum Bistum Lüttich gehörte, liegt außerhalb des Ripuarifchen und fchlicßt fich 
enger an die luxemburgifche Mundart, eine Spielart des Mofelfränkifchcn, an. 
Auf der rächten Seite läuft die Grenze über den Wefterwald in nordöfilicher 
Richtung, übcrfchreitet oberhalb Rosbach die Sieg und trifft das Weftfälifche in 
feinem füdlichjten Verbreitungsgebiet im Kreife Olpe. Dem Mofelfränkifchen, 
das auf einem noch größeren Räume als das Ripuarifche gefprochcn wird, gehört 
der Süden der Provinz an mit Ausnahme des Saar» und Bliesbeckens um Saar- 
brücken, Ottwellcr und St. Wendel, fowie des Nahegebicts. Alle dicfc Grenz« 
(Eriche, die ehedem zu Naffau-Saarbrückcn, zur Pfalz und den pfälzifchen Unter» 
herrfchaftcn, kleinere Teile auch zu Kurtrlcr und zu Kurmainz gehörten, fprechen 



n Volkstum und konfessionelle Zusammensetzung 77 

bereits die pfälzifchc Mundart. Im Klevcr Kreifc liegt die pfälzifdic Enklave 
Pfalzdorf» Louifendorf. Der Kreis Wetzlar gehört mit feiner Umgebung zum 
heffifdien Mundartengebiet. 

Fremde Nationalitäten fmd in der Rheinprovinz nur in fehrfdiwadicr Zahl 
vorhanden. Hierzu gehören in erfter Linie die im preußifdien Teil des alten 
Abteigebiets Malmedy=Stablo gefdiloffen wohnenden Wallonen (etwa lo ooo, 
29% der Krciscinwohnerfdiaft). Diefe Gemeinden liegen an der Oftfeite des 
Venns. Das Venn i[t alfo nidit eine Sprachfdieide. Elf Gemeinden, darunter 
Malmedy, haben eine wallonifche Mehrheit, aber nur in drei Gemeinden belauft 
fidi diefe auf mehr als 90% der Bewohncrfchaft. Daß die wallonifdie Spradie 
früher ein größeres Verbreitungsgebiet gehabt hat, i|t unwahrfdieinlidi. Waren 
doch die Nadibarftädte St. Vith und Montjoie, diefes trotz der im 13. Jahrhun- 
dert erfolgten Romaniflerung des Namens, [tets deutfdi. Bis zu einem gewijlcn 
Grade altanfäffig fmd auch die Holländer. In fchr vielen Gemeinden der Kreifc 
Kleve und Rees find über 10% der Einwohnerfchaft holländifch, nirgendwo 
erreicht aber diefe Minderheit 20 /o. In den füdlidi anfchlicßenden Grenzkreifen 
i(l die Zahl der Holländer faft überall weit geringer. Die jüngfte Entwicklung 
der Induftric veranlagte eine [tarke Einwanderung auch holländifdier Arbeiter 
in das Ruhrgebiet (Duisburg), ferner in den Krcfeld=Gladbachcr Indultrie» 
bezirk, weniger in das Bergifche. Doch hat man es hier mit fluktuierenden 
Elementen zu tun. Der bei weitem größere Teil diefer Holländer iß: entgegen den 
Verhältniffen in der Heimat katholifdi, da die Einwanderung überwiegend aus 
den teilweife rein katholifdien Nadibarprovinzen [tammt. Von den 59 000 in 
der Rheinprovinz wohnenden Niederländern (1905) wohnen 49 500 im Düffel» 
dorfer Bezirk, der 1910 fogar 62 500 aufwies. In weit größerem Maße als die 
Holländer gehören die Slawen zu den weniger feßhaften Volksbeftandteilen. 
Doch hat die Einwanderung flawifdier Elemente in den rheinifdien Teil des 
Ruhrgebiets nodi lange nidit den Umfang erreicht, wie im weftfälifdicn Teil. 
Die Einwanderung konzentriert fidi durchaus auf den Ruhrbezirk, demnädiß: 
auf die Stadt= und Landkreife Düffeldorf und Köln. Im Jahre 1905 wohnten 
von reidilidi 49 000 Slawen (47 000 Polen) über 45 600 im Bezirk Düffeldorf. 
Die Zählung von 1910 wies allein 71 695 Polen nach, von denen im Regie» 
rungsbezirk Düffeldorf 67 211 neben 10 007 Tfdiedien, 2832 Mafuren, 1326 
Wenden wohnten. Zu erwähnen fmd ferner die Italiener (1905 : 16000, 1910: 
1 9 000), die zumTeil von dem angrenzenden Lothringen her mit feiner Höchftziffcr 
italienifcher Bevölkerung in Deutfchland im Saargebiet wohnen, ferner natürlich 
im Düffeldorfer Bezirk, in dem die untcrbergifche Gemeinde Wülfrath (Kalk» 
werke Dornap) einen auffallend hohen Prozentfatz an Italienern aufwei(t. Die 
größte Zahl nichtdeutfdier Elemente hatte, von dem Wallonengebiet abgefehen, 
1905 Hamborn mit 28 % der Bevölkerung (davon 16% Polen, 1910: 17,14% 
Polen). Nächftdem zählt unter den größeren Städten Oberhaufen mit 10% die 
meiften Niditdeutfchcn. 

Die konfeffionellen Verhältniffe find in den meiflen Teilen der Provinz noch 
durchaus einheitlich. Nur die pfälzifchen Lande an der Nahe und auf dem 
Hunsrück weifen in mandien Orten eine (tarke Mifchung mit einem Überwiegen 
mei(t des Protejtantismus auf, nächftdem die kleineren Herrfchaftsgcbiete auf 
dem Wejtcrwald. Das find alte Uberkommenfchaften aus der Territorialzeit, 
in Deutfchland ohne allzu viele Parallelen. Befanden dodi zu Anfang der 
preußifchcn Zeit in den Hunsrück= und Nahekreifen 43 Simultankirchen. Jetzt 



78 II- W. Tuckermann, Landeskunde der Rheinprovinz O 

ifl das Simultancum an den mciften Orten aufgehoben. Sieht man von diefen 
alttcrritorialen Mifdiungsgebietcn ab, fo läßt fich der weit allgemeiner befolgte 
Grundfatz der Ubereinftimmung des religiöfen Bekenntni(]cs der Untertanen 
mit dem ihres früheren Herrfdierhaufes nodi heute redit gut verfolgen. Selb(l 
in Induftriebezirken find die konfeffionellen Verhältnidc meift nodi fo, wie fic 
aus den früheren Jahrhunderten übernommen wurden. Noch fdiarf fdieidct 
fich der altinduftriellc evangelifdicTeil des Bergifdien Landes von derkatholifdicn 
Rheinebene, die er(t in den letzten Jahrzehnten induftriellen Charakter erhielt. 
Die Gemeinden mit einer (tarken Mifdiung der Konfeffionen, in denen alfo 
nidit über 60% der Bevölkerung dcrfelben Konfeffion angehören, find felb(t 
in der Rheinprovinz nodi feiten. Dodi hat die Indu|trialifierung und die Ein» 
gemcindungsbewegung bewirkt, daß Städte mit einer alten evangelifdien, wenn 
auch nidit immer (tarken Mehrheit, die aber ein überwiegend katholifches 
Hinterland haben, eine katholifche Mehrheit der Bevölkerung erhielten, fo Duis« 
bürg, Rheydt, Wefel und Saarbrüd<en. Audi der Landkreis Saarbrücken, der 
1828, allerdings mit der Hauptftadt, eine kleine proteftantifdie Majorität hatte, 
i[t fchon weit überwiegend katholifch. Nidit mehr '/g der Bevölkerung ift evan» 
gclifch. Und im Kreife Mors, in dem nodi 1900 die beiden BekenntniHc fich 
ungefähr die Wage hielten, war 1910 das evangelifche Bekenntnis nur noch im 
Volksanteil von 45,3% vertreten. Gerade die ausgesprochen altreformierte Graf» 
fdiaft Mors hat bei der gewaltig vordringenden induftric fchon überwiegend 
katholifdie Gemeinden. Audi in katholifchen Städten mit einer fehr (tarken 
proteftantifdien Minderheit i(^ diefe bei dem Zußirömcn katholifdicr Arbeiters 
maffcn im Laufe des Jahrhunderts nicht größer, oft kleiner geworden, fo in 
Krefeld, M.Gladbach, Stolberg, neuerdings auch in Mülheim a. Rh. Es i(i über« 
haupt kennzeidinend, daß entgegen dem Gefetz, daß die Minderheiten ver» 
hältnismäßig zunehmen, in vielen rheinifdien Orten die evangelifche Minderheit 
zurüd<geht, fo in den kleinen Kirchengemeinden im Jülidicr Land mit übera 
wiegend landwirtfdiaftlicher Struktur, die fich aus der Zeit der Gegenreformation 
erhalten haben. In den Orten, in denen ein (tarkcr wirtfchaftlicher Auffdiwung 
(tattfand, wie in Düffeldorf und in Köln, ift andererfeits eine bedeutende Zu« 
nähme des Anteiles der Prote(tanten feftzuftellcn. Während inde(Ten nur der 
getrennt gelegene Kreis Wetzlar ausgefprochen prote(tantifch (93,5%) i(t, weiter 
der Kreis Meifenheim und die mei(ten Kreife des gebirgigen indu(lriellen Teiles 
des Bergifchen eine überwältigende proteftantifdic Volksmehrheit haben, haben 
37 von den 8 1 Kreifcn (darunter die Stadtkreife Aachen und Ncuß) eine katholifdie 
Mehrheit von mehr als 90%. In den Krcifen Kodiem, Prüm, Bitburg und 
Saarburg i(l noch nicht 1 % der Bevölkerung evangclifdi. Nadi der letzten Volks=> 
Zählung (1910) waren in der Rheinprovinz 29,46% (2097619) cvangelifch, 
69/03% (4 9»6 022) katholifch, 0,41 % (28 997) andere Chrijlen, 0,80% (57 287) 
Juden und 0,30% (21 215) andere und ohne Angabe. Es läßt (Ich immer noch 
eine, wenn auch verlangfamtc prozentuale Zunahme der Evangclifchcn, die fich 
vornehmlich in den wirtfchaftlichen Mittelpunkten vollzieht, fcft(tellcn. 1828 
waren 22,24% der Bewohner evangelifch, 1890 fa(t 28, 1905 29,17, 1910 29,46%. 
Dagegen nehmen Katholiken und Juden ab. Die Abnahme der letzteren i(l 
verhältnismäßig fehr beträchtlich. In den Bezirken Aachen, Trier und Koblenz 
gab CS 1910 weniger Juden als 1900, Die einzige große Stadt mit einem etwas 
ftirkcrcn Anteil jüdifdier Bevölkerung ift Köln. Ferner i(^ in einigen mei(l ganz 
kleinen Gemeinden des Jülicher Flachlandes, der Mofel-Saargegend, des Huns> 



D Siedlungsweise und Volksbewegung 79 

rüdts und des Wcftcrwaldes der Anteil der Juden, etwas größer. Eine Reihe 
von Eifelkreifen (Adenau, Montjoic, Malmedy, Prüm, Daun), der Kreis Eupen 
und die oberbergifdien Kreife haben faß: gar keine Juden. 

Siedlungsweife und Volksbewegung. In der Siedlungsweife laffen 
fldh gleidifalls bedeutende landfdiaftlidie Untcrfdiiede feftftellcn. Der Nicdcr= 
rhein i|l gleidi dem anftoßenden lVlün[terland das Gebiet des Hoffy(tems. Wie 
weit die Grenze des Hoffy|tems nach Süden rcidit, darüber haben Sdiwerz, 
Meitzen und Lampredit voneinander abweidiende Anflehten geäußert. Während 
aber Meitzen die Grenze viel zu weit nadi Süden zieht, läßt fie Sdiwerz bedeutend 
nördlidier verlaufen. Namentlich i|t es offenbar nicht ganz leicht, die Zuge» 
hörigkeit des Bcrgifchcn feftzuftellen. Schwcrz läßt es im Gegenfatz zu Meitzen 
außerhalb des Hoffy(tems liegen. Ohne hier auf Einzelheiten einzugchen, fei 
bemerkt, daß die Siedlungswcife des Nicderbergifdien nördlich von der Linie 
Hildcn=Haan=Elberfeld, das noch den politifchen Begriff der Honnfdiaften und 
Baucrfchaften kennt, dem Hoffyftem einzugliedern i|t. In den übrigen Teilen 
des Bcrgifchen Landes wird man fchon von einem Vorwiegen des Dorffyftems 
reden muffen. Freilich find die Siedlungen hier mei(t klein, aber es handelt fich 
doch, was eben wefentlidi i(t, um ein gefelliges Auftreten der Wohn(tätten. So 
hat z. B. der fchwer zugängige, aber nicht indu(triearme Kreis Waldbröl etwa 
75 Ortfchaftcn über loo Einwohner, aber kaum ein halbes Dutzend über 
500 Seelen. Auf der linken Rheinfeite gehören die Umgebungen von Kempen 
und Krefeld ohne Zweifel zu dem füdlidien Grenzgebiet des Hoffyftems. 
Bemerkenswert ift, daß in der Rheinebenc auf beiden Seiten das Dorffy|tcm 
weiter nach Norden reicht als in den (tromabfeits gelegenen Gebieten, etwa 
bis HombergsDuisburg. An das belgifdie Gebiet des Hoffyßems um Lüttich 
und Verviers fchließt fich das von Aachen und Eupen an. Eine Mifdiform, die 
zwar entfchieden mehr Dorfcharakter hat, nidit feiten aber als identifch mit den 
Hofflcdlungen behandelt wird, ßiid die Brudifiedlungen, die fich namentlich 
an ehemaligen und jetzigen Flußläufen, aber audi an tertiären Höhenrüd<en 
und an Straßen in langgezogener, lockerer Bauweife hinziehen. Ein typifches 
Siedlungsgebiet diefer Form, die das redite Rheinufer fa(t gar nidit kennt, ijt 
das Bruchland der Rur bei Heinsberg und der Sdiwalm, ferner die Gegend von 
M. Gladbach. Das find Gebiete, die außerhalb des Bereidies der Hoffiedlungen 
liegen. Aber trotzdem kommen die Brudifiedlungen audi in diefem vor, z. B. 
zwifchen Geldern und Krefeld, übrigens in einem altbcfiedelten Gebiet, deffen 
Wohnweife alfo durchaus nidit neuzeitlichen Vorgängen feine Entßehung ver» 
dankt. In dem weftrheinifchen Hofgebiet find überhaupt die Siedlungsformen 
mannigfacher als im oftrheinifchen, etwa im Münfterland. Dort überrafchen, 
von den vielen Orten, die früher Stadtrechte hatten, abgcfehcn, gefchlolfcnc 
Ortfchaften, wie Aldekerk, Nieukerk und Kcvelaer durch ihre hohen Einwohner- 
zahlen, wie man fie im Gebiet der Einzelhöfe, in dem gewöhnlich um den Kern 
der Gemeinde, die Kirche, nur wenige Häufer liegen, nicht erwarten follte. Die 
Induftric droht mehr oder weniger die Siedlungsformcn zu verwifchen. Im 
Effener Kohlengebiet ift die urfprünglidi heimifche Hoffiedlung nur noch ver» 
cinzelt, am befben im füdweftlidben Teil, zu erkennen. Anders im Bergifchen 
Land, deffen induftrielle Tätigkeit mit einer bedeutenden Volksvermehrung 
freilidi weit geringer das Landfchaftsbild umgeftaltct. Die großen Einwohner» 
zahlen, welche die weitverzweigten bergifchen Stadtgemeinden haben, täufchen 
häufig über die Bedeutung des eigentlichen, der Gemeinde den Namen gebenden 



80 H. W. Tuckermann, Landeskunde der Rheinprovinz a 

Stadtkernes hinweg. Manche der zur Stadt gehörigen Kleinficdlungcn haben 
noch rein ländhchen, agrarifchcn Charakter, fo in der 16 000 Einwohner zählenden 
Stadtgemeinde B. Gladbach, in der die eigentliche Stadt nur 6400 Einwohner 
hat, oder in der Stadtgemeinde Burfcheid, in der auf den eigentlichen Stadtkern 
nodi nicht Ys ^^^ Gefamteinwohnerfchaft kommt. Stärker i(t die induftrielle 
Durchdringung aller oder der mciftcn Ortsteile in den mittelbergifchen Städten 
Lüttringhaufen und Radevormwald vor fich gegangen. Aber auch hier fällt auf 
die eigentliche Stadt nur Y3, in Rade noch nicht ^^ der Einwohnerfchaft. 

Südlich von dem Gebiet der Einzelhöfe und der Bruchfiedlungcn hcrrfcht 
auf dem linken Ufer ein ausgefprochenes Dorffyftem vor. Einzelhöfe find neben 
den großen volkreichen Ortfchaften in manchen Gegenden kaum vorhanden. 
Wo fie vorkommen, da hat man es meift mit Gebieten mittel= und großbäuer» 
lidien Befitzes zu tun, mit einer nicht fchwachen Beimifchung des Großbefitzes, 
der hier ftärker ift als in anderen Gegenden der Provinz. In den Strichen, die 
dem Rheine naheliegen, find größere Siedlungen' fehr häufig. Zählt doch der 
kleine Landkreis Köln z. B. 27 Ortfchaften über 1000 Einwohner, darunter 
12 über 2000. Eine außerordentlich große Zahl reicher und ftark bevölkerter 
Ortfchaften zieht fich namentlich am Oftabhang des Vorgebirges entlang, in einer 
Gefchloffenheit, wie fie bei vorherrfchender Landwirtfchaft in Deutfchland wohl 
nidit mehr wiederkehrt. Auch das Erftgebiet ift bei hochftchender landwirt= 
fchaftlicher Kultur dicht bevölkert und hat namentlich im unteren Teil fehr große 
Siedlungen, viele mit über 2000 Einwohnern. Der regenarme, aber fruchtbare 
Gau zwifchen Erft und Rur iß: nicht fehr dicht bevölkert; die Ortfchaften, die 
große Gemarkungen haben, find recht anfehnlich. Im Kernland des Herzogtums 
Jülich, im gleichnamigen Kreife und in den benachbarten Strichen ßnd die 
Ortfchaften, die meift ein kleines Gebiet haben, weniger groß, aber zahl» 
reich. Je mehr man fich vom Flachland aus dem an der Grenze des Berg= 
landes gelegenen Indc=Wurmgebiet nähert, um fo größer werden wieder die 
Siedlungen. Der Landkreis Aachen hat mei|t fehr bedeutende, fchncll ange= 
wachfene Dörfer, von denen viele beim Vorwalten der Indu|tric (tadtähnlichen 
Charakter haben. 

Die eigentliche Eifcl hat noch heute fehr wenige größere Siedlungen. Sind 
doch auch Orte von 500—1000 Einwohnern in den meiftcn Teilen ganz feiten, 
im Kernland der Eifel, in den Kreifen Schieiden, Malmedy, Prüm, Daun und 
Adenau, gibt es nur 12 Orte über 1000 Einwohner, dabei miteingerechnet 
NIechernich, Heimbach und Weibern, die ftreng genommen fchon zu anderen 
Siedlungs= und Wirtfchaftsgcbieten gehören. Nur vier Orte haben in dicfcn 
Kreifen über 2000 Einwohner, davon erreicht allein Malmedy 5000. In den 
Kreifen Adenau und Daun zählen alle Orte unter 2000 Einwohner. In manchen 
Teilen, fo nördlich und füdlich der Schneifei, im Gebiet der Hohen Acht und 
der Nürburg gehören felbft Siedlungen von 300—500 Einwohnern zu den 
größeren. Hat doch fogar der an einer wichtigen Straßenkreuzung gelegene 
Markt Kelbergnur wenig über 400 Einwohner, und die Stammortc der Familien 
Virncburg und Arcmberg bleiben weit unter 300. In dicfen Teilen der Eifcl 
finden wir auch das Gebiet der geringßen Bcficdlung in der Rheinprovinz, und 
zwar auf und in der Nähe der Schneifei, fo in den Bürgermcifiercibczirkcn 
Auw (Volksdichtc auf den qkm 23,5), Wintcrfchcid (28), Manderfeld (noch 
nicht 22), Meycrodc (22), in Teilen von Bleialf. In der Gemeinde Hcrrcsbach 
(Bürgermeif^crei Mcyerodc) flnkt die Volksdichte auf unter zwölf für das qkm. 



□ Siedlungswelse und Volksbewegung 81 

Nädifldem haben die cigentlidien Venngemcinden (Sourbrodt) fo>x'ic das 
Gebiet zwifdicn der oberen Ahr und der Urft die fchwädi[te Befiedlung. 

In den Randgebieten, in den größeren Flußtälern, die zur Maas und zur 
Mofcl abwä(Tern, in der Nadibarfchaft des Rheines, im Einflußgebiet der großen 
Städte i(t entfprediend einer diditeren Befiedlung auch die Zahl der größeren 
Orte beträditlidier. So in der Südwefteifel, im Bitburger Land, das mit dem 
benachbarten Luxemburgifchen nidit nur die Gemeinfamkeit der gefchiditlidien 
Entwicklung in der Tcrritorialzeit teilt. Hier ift im 19. Jahrhundert mandies 
Land neu befiedelt worden. Kann man diefes Gebiet wie auch das Lieferbecken 
(Wittlich) nur mit gewiffen Einfchränkungen zur Eifel rcdinen, fo nodi weniger 
das Maifeld und namentlidi die Pellenz. Hat fdion das Bergland nördlich der 
Mofellinie Kochem=Hatzenport, füdlidi der Quereifelbahnß;red<e Ulmen=Mayen 
eine größere Zahl anfehnlidier Siedlungen, fo hat das den Rhein berührende 
Oftltüdi zwifdien Brohl und Mofel eine geradezu überrafchende Fülle größerer 
Ortfdiaften. In einem Gebiet, das nidit viel über 600 qkm umfaßt und deffcn 
durchfdmittlidic Didite weit über 150 Einwohner für das qkm ift, liegen über 
30 Orte mit mehr als 1000 und weitere rcidilich 20 mit wenigfiens 500 Eins 
wohnern. Dabei iji zu bemerken, daß der landwirtfchaftliche Charakter immer 
nodi fehr vorwiegt. Während das Land zwifchen Brohl und Ahr ebenfo wie die 
nördlidi von der Ahr gelegene „Graffchaft" nur wenige anfehnliche Orte zählt, 
i|l das gcfegnete Ahrtal wieder reich an foldien. 

Auch die faft in ihrer ganzen Ausdehnung zu Rheinpreußen gehörende 
Rebenflredie der Mofel ift übcrreidi an gut bevölkerten Orten. Nicht nur, daß 
Pidi Ort an Ort reiht, vielleidit nodi wefentlidicr i(t, daß es fidi mei(t um bcträdit« 
lidie Siedlungen handelt, häufig über 1000, feiten unter 500 Einwohner zählend. 
Namentlich aufwärts Kochcm ift die Zahl der (ladtähnlichcn Siedlungen ganz 
bedeutend. Auf der von der Mofelkleinbahn begleiteten Stredte TriersBullay 
(Alf) liegen 25 Ortfdiaften über 1000 Einwohner, und in dem noch durchaus der 
Landwirtfchaft unterworfenen Trierer Becken liegt Siedlung an Siedlung. In 
der Siedlungss und Wirtfchaftsweife fdiließt fich das untere Saartal, etwa bis 
Mettladi reidiend, dem Mofeltal an. Aufwärts (teigert fidi durch die Induftriali= 
ficrung die Reihe der größeren Siedlungen. Aber es i(t bemerkenswert, daß 
audi vor diefer Entwicklung die Ortfdhaften mei(t fdjon anfehnlich waren. 
Nidit fo im Saarkohlengebiet um Saarbrücken und Neunkirchen. Zählte dodi 
der Kreis Saarbrücken im Jahre 1828 nur fünf Ortfchaften über 1000 Einwohner. 
Auf dem Hunsrück kann man hinfichtlich der Befiedlung ebenfalls Unterfchiede 
fe(tftellen. Während die Abhänge zur Mofel und zum Rhein hin und ein Teil 
des anfchlicßenden Plateaus (tellenweife fa(t unbefiedelt find, hat das weltliche 
Gebirgsland zwar auch nur wenige Siedlungen, die Gemarkung mancher anein» 
andergrenzenden Hochwaldgemeinden (Hermeskeil, Reinsfeld, Kell, Schillingen) 
aber ift recht beträchtlich, die Einwohnerzahl nicht klein. Im ftärkeren Maße 
gilt letzteres von dem rechtsufrigen Hinterland der Saarltädte Merzig und Saar- 
louis. Das Primstal mit feinen Zuflüffcn hat bei nicht allzu günpiigen wirt» 
fchaftlichen Verhältniffen viele große Ortfchaften. Dabei fand die Erfchließung 
durch Eifenbahnen erft fehr fpät ftatt. Und auch heute nodi entbehren hier viele 
Ortfchaften über 1000 Einwohner wie auch im Hinterland von Ottweiler und 
St. Wendel der Bahnverbindung. Im öftlidien Bergland i(t die Zahl der Ort= 
fdiaften weit größer, Gemarkung und Einwohnerzahl kleiner. Ortfchaften über 
1000 Seelen find auf dem Plateau von Simmern, in dem Bergland der Kreife 

Die Rheinprovinz 1815 — 1915. 6 



82 II. W. Tuckermann, Landeskunde der Rheinprovinz D 

St. Goar und Zell ganz feiten, auch foldic über 500 find fpärlidi. IVleij^ liegen 
fie in den Tälern, wie in dem des Simmerbadis und feiner Zuflüffe. An das 
Maifcld und die Pcllenz erinnert in ähnlidier geographifdier Lage die Gegend 
um Kreuznadi mit vielen großen Ortfdiaften über 1000 Einwohner. Das Rhein» 
tal zwifdien Bingerbrück und Koblenz hat zwar eine Reihe größerer Siedlungen, 
dodi (tehen diefe an Bedeutung und Rang hinter den unterhalb gelegenen zurück, 
was bei den fehr befchränkten Entwidklungsmöglichkeiten in dem Engtal wohl 
crklärlidi i(t. 

Von den größeren Gebirgsländern hat der rheinifche Weftcrwald vielleicht 
die kleinftcn Siedlungen. Zwar find die angrenzenden Flußtäler und die Becken, 
wie das von Neuwied, reich an größeren Orten. Das Tal der oberen Sieg und 
ihrer kleinen Zuflüffe hat, nicht nur wirtfchaftlich an das benachbarte Siegerland 
erinnernd, volkreiche Siedlungen. Aber das eigentliche Bergland hat zwifchen 
Sieg und Rhein, foweit es zu unferer Provinz gehört, nur zwei Orte über 
1000 Einwohner, Altenkirchen und Dierdorf, wozu am Rande Rengsdorf zu 
rechnen wäre. Auch Ortfchaften über 500 Einwohner find nicht häufig. Dagegen 
herrfchen die kleinen Dörfer durchaus vor, von denen viele felbftändigc, nicht 
recht lebensfähige Zwerggemeinden bilden. Haben doch von den 159 Gemeinden 
des Kreifes Altenkirchen (es i(t die Höchjtzahl in der Provinz) nur 58 über 300 
Einwohner. Da die Gemarkungen meift klein fmd, ift die Befiedlung verhältnis= 
mäßig dicht. Nur feiten finkt die durchfchnittliche Volksdichtc einer Gemeinde 
auf unter 50 Köpfe für das qkm. Der Wefterwald ift von unferen Gcbirgs= 
ländcrn nach dem Bergifchcn das befiedelt(te. 

Die Indu(trialifierung der Provinz feit den fiebzigcr Jahren, die feit dem 
Beginn des jetzigen Jahrhunderts auch in ruhigeren Teilen einfetzt, hat eine auf 
dem Kontinent in diefen Jahrzehnten einzig daftehende Größenentwicklung 
auch der Ortfchaften gebracht. Das Rheinland zählte im Jahre 1910 elf Groß» 
[tädte, fomit ein volles Drittel fämtlicher Großftädte der Monarchie. Von der 
gefamten großftädtifchen Bevölkerung Deutfchlands kommen 17% auf die Rhein» 
provinz. In nicht ferner Zeit werden fich Bonn und Oberhaufen wohl den Groß= 
ftädten hinzugefellen. Die Großftadtbildung hat derartige Fortfchrittc gemacht, 
daß der Landkreis Mülheim a. d. Ruhr überhaupt verfchwand und bis auf einen 
kleinen Re(t unter die Großficdlungen aufgeteilt wurde. Weitere 31 Gemeinden 
hatten 1910 über 20000 Einwohner. Das Rheinland hat fomit fafl doppelt fo 
viele Groß= und Mittelftädte wie das Königreich Bayern und ebenfoviele wie die 
cisleithanifche Hälfte der Habsburger Monarchie ohne Galizien=Bukowina und 
Dalmatien. Bezeichnend i[t auch die außerordentlich große Zahl von Stadt» 
kreifcn, wiewohl in der Rheinprovinz er(l bei 40 000 Einwohnern die Aus» 
fcheidung aus dem landrätlichcn Kreife ftattfindcn kann, während fie in We(l= 
falen fchon bei 30 000, in den übrigen Teilen der Monarchie fogar bei 25 000 
Einwohnern erfolgt. Die Provinz hat jetzt 21 Stadtkreife, davon liegen 14 im 
Bezirk Düjjeldorf. Die Einwohnerzahl der Großftädte betrug zu Anfang 1914 

Elberfeld 173700 9. Mülheim a.R. 121 900 
Barmen 172200 10. Hamborn 118000 

Aachen 160500 11. Saarbrücken 110000 

Krefeld 133 000 

Seit der Eingemeindung von Mülheim a. Rh. und der weitverzweigten 
Gemeinde Mcrhcim zählt Köln etwa 635 000 Einwohner. Die vorausflchtlich 
bald folgende Eingemeindung der großen EJTcncr Vororte Borbeck, Alten- 



1. 


Köln 


554 000 


5. 


2. 


Düfleldorf 


414 000 


6. 


3. 


tffen 


324 000 


7. 


4- 


Duisburg 


252 100 


8. 



□ Siedlungsweise und Volksbewegung 83 

clfcn, Brcdcncy und Haarzopf wird E{Tcns Bevölkerung auf 460 000 erhöhen, 
fo daß Ellen die zweitgrößte Stadt der Provinz fein wird. Die Verftädtifchung 
madit ganz gewaltige Fortfdiritte. Sdion rein äußerlidi nadi dem Flädienraum 
betrachtet tritt das Gewidit der Städte (tark in die Erfdieinung. 1905 nahmen 
die Städte im Bezirk Düffcldorf — vor der Stadtwerdung Hamborns und vor 
der Vergrößerung des Düffeldorfer Städtgebiets — ein (tarkes Fünftel des 
Fiädienraums ein. Nodi viel (tärker madit fich der Einfluß oder gar das ober« 
gewidit der Städte in der Bevölkerungsftatiftik bemerkbar. Während 1828 nur 
rund 494000 Einwohner (22,5%) [tädtifdi waren, waren es 1910 "j 929 797 
(55,35%). Trotzdem fpridit allerdings die offizielle Statijtik fogar noch 
heute zuungunften der (iädtifchen Bevölkerung. Nach ihr waren im Jahre 1910 

in Städten in Landgemeinden 

Reg.^Bez. Düflcldorf 2472417 Einwohner 945971 Einwohner 

Koblenz 210775 „ 542526 „ 

Köln 756 543 „ 492 997 „ 

Trier 213885 „ 795 249 „ 

Aachen 276177 „ 414600 „ 

Mit Ausnahme des Bezirks Koblenz, der die ruhigfte Entwidtlung nimmt 
und in dem es bisher noch nicht zu einem ausgefprodienen Induftriebezirk 
gckommeni|l,i(l aber in Wirklichkeit die (tädtifciie Bevölkerung in allen Bezirken, 
namentlidi in den von Düfl"eldorf und Trier, viel größer. Die offizielle Statiflik 
erwedit den Anfchein, als ob gerade in Trier das Gewicht der Landgemeinden 
(mit 78,81% der Bevölkerung gegenüber 72,02% im Bezirk Koblenz) noch am 
[tärkl^en wäre. Da aber im Rheinland die Stadtwerdung mit Sdiwierigkeiten 
kämpft, wie die Beifpiclc Neunkirchen und Godesberg belegen, fo werden Sied- 
lungen mit vollkommen [tädtifchem Charakter wie Borbeck (71 000 Einwohner), 
AlteneJTen (41 000), Neunkirdien (35 000) unter den ländlidien Siedlungen aufgea 
führt. Ganz gering berechnet haben aber im Saarbrücker Induftriebezirk Sied» 
lungen von rund 1 60 000, im Bezirk Dü(Teldorf von etwa 300 000 Einwohnern, die 
nadi der Landgemeindeordnung verwaltet werden, ftädtifdien Charakter. Der 
Verhältnisfatz von 27,67 % ländlidier Bevölkerung im Regierungsbezirk Düffeldorf 
verringert fich alfo um rund 9%. Den umgekehrten Fall, daß Stadtgemeinden, 
wie im Oflen Preußens, namentlich in We(tpreußen, nicht lebensfähig fmd, 
kennt unfere Provinz nidit, wiewohl auch hier das Kreisftädtchen Schieiden als 
Ort nur 420 Einwohner hat. Man hat ja ohnehin einer großen Zahl von Orten, 
namcntlidi im Jülidier Land und am Niederrhein, die in der Tcrritorialzcit 
Stadtrecht hatten, die preußifchen Stadtrechte nicht übertragen. 

Sehr häufig ifl die gewaltige Volkszunahme, wie wir fie feit 1895 beobaditen, 
mit eine Folge der Eingemeindungen. So erklärt fidi zu einem wefentlidien Teil 
die Zunahme Düffeldorfs um volle 100000 Einwohner während der Jahre 
1905—1910. Die Vereinigung der Saarftädte ließ nadi 1900 auch im Süden um 
den Kern Saarbrücken eine Großftadt- entftehen. Im neuen linksrheinifchen 
Indujtriegebiet gegenüber der Ruhrmündung, feit deffen Entwicklung nur 
noch drei Kreife im Regierungsbezirk Düffcldorf ohne nennenswerte Induftric» 
gebiete geblieben fmd, erklärt die Zufammenfchweißung mehrerer Gemeinden 
die beträditlichen Einwohnerzahlen wenigjtens mit, fo die der früher fo (tillen 
Krersftadt Mors aus der Vereinigung von fedis Gemeinden, die des Rheinhafens 
Hombcrg aus der Verfdimelzung von drei. Immerhin i(t audi fo die Bevölkerungs= 
zunähme noch groß. Während die beiden Einzelgemeinden Repelen und Baerl 

6* 



84 II. W. Tuckennann, Landeskunde der Rheinprovinz a 

1905 zufammen crft 6092 Einwohner zählten, hatte die vereinigte Gemeinde 
1910: 12841. In der Zeit von fünf Jahren nahm alfo die Einwohnerzahl um mehr als 
das Doppelte zu. Die drei Induftricgemcinden des Kreifes Mors — die Kreisftadt, 
Hombergund Repelen=Baerl — hatten 1910 60895 Bewohner, während der ganze 
Kreis 1895 nur 72 100 (1910 132 000) hatte. Die junge, aus verfdiiedenen alten 
Gemeinden gebildete Großftadt Hamborn hatte 1905 erlt 67 453, 1910 101 703 
Seelen. Das cr(t feit 1845 entftandenc Oberhaufen, das 1895 30 159 Einwohner 
hatte, wudis von 52 166 im Jahre 1905 auf 89 900 im Jahre 1910, freilidi unter 
Vergrößerung feines Stadtgebiets. Der Stadt= und Landkreis Effen hatte 1895 
294000,1905476000,1910 über 570000 Einwohner. Und nunerft der zahlen» 
mäßige Zuftand der erften Jahrzehnte gegenüber dem jetzigen! Der ganze Regie» 
rungsbezirk Düffeldorf hatte 1817 noch nidit6oo 000 Einwohner! Der alte Kreis 
Duisburg, der die heutigen Kreife Effen und Dinslaken und fünf Stadtkreife 
umfaßt, hatte damals nodi nicht ganz 60 000. Heute wohnen auf dcmfelben 
Raum 1 200 000 Menfchen. Damals gab es dort nur eine einzige Gemeinde 
über 10000 Einwohner, heute deren 15, darunter allein vier Großftädte. 
Der Bezirk Düffcldorf aber hatte 1910 etwa 3420000 Bewohner (1817 
597 000), die Durchfchnittsdichte belauft fidi für das qkm auf 625 (1817 
noch nicht 92). Damit ift der Bezirk der bevölkertftc auf dem euro= 
päifchen Kontinent und übertrifft die nächftbevölkerten Provinzen, das 
belgifdic Brabant (447), die Kreishauptmannfchaft Chemnitz (444) und 
Südholland {440) ganz bedeutend. Die außerordentliche Volksdichte des Düfl"el= 
dorfer Bezirks erhellt auch daraus, daß der nächftbevölkerte Bezirk Köln trotz 
des Gewichtes feiner Hauptftadt nur halb (314) fo dicht befiedelt iß:. Die Volks= 
dichte aber auch der übrigen Bezirke Aachen (166), Trier (140) und Koblenz 
(121) bleibt mcift recht wefentlich über der Volksdichte des preußifdien Staates 
(115). Die Bevölkerung der Rheinprovinz betrug 1816: 1910000, 1828: 
2 203 000, 1864: 3 372 000, 1871 : 3 580 000, 1880: 4 074 000, 1890: 4710 000, 
1895:5106002, 1900:5760000, 1905:6436000, 1910:7121000.^) 

l(t demnach die Zunahme mei(t bedeutend gewcfen, fo i(l andererfcits 
bemerkenswert, daß doch auch manche Induftriebezirkc nicht die durch« 
fchnittliche Zunahme der Provinz aufweifen. Der bergifche Induftriebezirk, 
wenn auch fchr dicht bevölkert und feit alters, ja noch bis in die zweite Hälfte 
des 19. Jahrhunderts hinein die bevölkcrtfte Landfchaft der Provinz und der 
Monarchie, zeigt in der neuejten Zeit im Gcgenfatz zum Ruhrkohlengebict, zu dem 
Saarbecken und dem allerdings nicht großen Aachener Induftricbezirk in vielen 
Teilen eine langfamerc Entwicklung. Bewegt fleh feit den neunziger Jahren die 
Entwicklung der großen Wuppcrftädte, namentlich Elberfelds, in ruhigeren 
Bahnen, fo ift das Wachstum mancher Mittelftädtc von Stillftand nicht mehr 
weit entfernt, fo des alten Solingen, deffen Entwicklung zurückgeht gegenüber 
der der nächftcn Nachbarftädte. Auch einige kleinere Gemeinden, wie Langen= 
bcrg, Hardenberg, Lcnnep, Radevormwald und das allerdings nie fchr lebhafte 
Wipperfürth, vcriangfamen feit längerer Zeit ihre Entwicklung, andere induftriellc 
Orte wie Hückcswagcn, Burg und Burfcheid nehmen fogar ab. Daneben gibt 
CS aber auch eine große Zahl fich rafch entwickelnder Gemeinden. Nicht ganz 
fremd ifl das Sympton einer verlangfamten Zunahme auch einem Teil des links- 
rheinifchcn Induftriebezirkc. Bei M.Gladbach tritt ähnlich wie bei Stolberg 

') Die Gcramtbevölkeruriff des preußllchen Staates betrug 1815 10400000 Ein« 
wohncr, 1910 40165000 Einwohner. 



D Siedlungen und Volksbewegung 85 

ohne Zweifel die Raumbehinderung durch große benadibarte Gemeinden hinzu, 
fo daß, nachdem fich das Projekt, die Stadt mit den beiden Nachbarß;ädten 
Rheydt und Odenkirchen zu vereinigen, zerfchlagen hat, fich die Notwendigkeit 
ergeben hat, mit den großen Landgemeinden VI. Gladbach und Neuwerk in 
erneute Unterhandlungen einzutreten. Auffallender i(l: aber das langfamc Wachs» 
tum Krefelds. Die Stadt hatte einen außerordentlichen Auffchwung genommen. 
1828 kaum 18000 Einwohner zählend, war fie noch in den achtziger Jahren in 
die Reihe der Großjtädte getreten (1890 105 400 Einwohner), um von 1895 ab 
nur noch langfam zuzunehmen. Diefe zahlenmäßige Verlangfamung wurde 
auch durdi die Ausdehnung des Stadtgebiets bis an den Rhein (Linn) wenigftens 
nach außen hin nidit wefentlich beeinflußt. Einen Rückgang, und r.war einen 
beträchtlichen, hat aber die altberühmte Tucher= und Gerberjtadt Eupen zu vcr= 
zeichnen. Nachdem fie 1890 15 445 Bewohner erlangt hatte, i(t fie feitdem unauf= 
haltfam, zuletzt allerdings langfamer, gefunken, und die Einwohnerzahl erreichte 
1910 mit 13 544 den Standpunkt, der bereits in den fünfziger Jahren erreicht war. 
Mit Eupen kommen wir in die Gebiete, in denen das Wadistum auch während 
der preußifchen Zeit ganz unbedeutend blieb, wenn nicht gar ein Rüd<gang 
eintrat. Im allgemeinen wird man fagcn können, daß in der erften Hälfte des 
19. Jahrhunderts fa(t in fämtlichen Krcifen der Provinz eine Zunahme der 
Bevölkerung (tattfand. Stärker macht fich er(t feit 1870 in vielen Gebirgskreifen, 
aber auch in mandien Fladilandkreifen, die der Induftrialifierung nicht unter» 
worfen wurden, eine Verlangfamung der Zunahme, häufig ein Stillftand, hier 
und da auch eine Abnahme der Bevölkerung bemerkbar. So hatte der Kreis 
Schleidcn 1907 weniger Einwohner als 1882, ja der Kreis Montjoie, deffen 
Blütezeit freilich gerade in die letzten Jahrzehnte des 18. und in die er(ten des 
19. Jahrhunderts fällt, hatte 1905 weniger Einwohner (17 650) als 1828 (17 988), 
nachdem er in der Zwifchenzeit weit über 19000 erreicht hatte. Im Kreife 
Montjoie und dem benachbarten Limburger Land, dem Kreis Eupen, dauerte 
die Abnahme bis in die ncuefte Zeit (1905) an. In allen anderen Kreifen, mit 
Ausnahme des Kreifes Wipperfürth, des vom Bahnbau unverantwortlich vcr= 
nachläffigtcn und am meijten zurückgebliebenen Teiles des Bergifchen Landes, hat 
die Volkszählung des Jahres 1905 wieder eine Zunahme gezeigt. Die neuefte 
Zählung (1910) hat dann für alle Eifelkreife eine Zunahme gebracht, die infolge 
der Bahnbauten in den Kreifen Daun und Adenau fogar fehr bedeutend ijt. 
Die jüng(te Zählung erwies aber das füdöjtlidie Gebirgsland, die Kreife Zell, Bern= 
kajlel. Simmern, St. Goar, Meifenhcim und fogar Kreuznach, als Gebiete ganz 
geringer Volkszunahme oder fogar =abnahme. An und für fich dürfte der Still= 
(tand oder die Abnahme in der Volksbewegung in unferen rheinifchen Gebirgs= 
ländern, die der Indujtrie fa(t ganz entbehren, oft aber auch durch Bahnen nur 
ganz notdürftig erfchloffen find, nicht auffallen. Tatfächlich find unfere Berg= 
ländcr, wenn man die Agrarverhältniffe, die Zerfplitterung des Bodens bis zur 
Unwirtfchaftlichkeit und die fonftigen Erwerbsmöglichkeiten berückfichtigt, viel 
zu dicht befiedelt. IVlan bedenke, daß der durchfchnittliche Grundjteuerreinertrag 
in vielen Eifclgemeinden für das ha noch nidit drei Mark beträgt gegenüber 
70—90 in der Rheinebene und im Jülicher Flachland, und man berückfichtige ferner 
das Parzellenelend. Wenn die am wenigften dicht befiedelten Kreife der Provinz, 
die Vennbezirke Malmedy und Montjoie (1910), eine durchfchnittliche Dichte 
von 43 und über 50 Bewohnern auf das qkm aufweifen, wenn der öde, die Gipfel 
der Hohen Eifel enthaltende Kreis Adenau eine foldie von 48 und fogar der 



86 II. W. Tuckermann, Landeskunde der Rheinprovinz a 

Srmfte, von der unbcficdcltcn Schneifcl durdizogcnc und unter denkbar 
ungünftigen Bedingungen kämpfende Kreis Prüm eine Didite von fa(t 40 auf« 
wei(l, wenn ferner der Hunsrüdikreis Simmern eine Volksdidite von 63 hat, fo 
(Ind das, unter dem Gefichtspunkt der bisherigen wirtfdiaftlidien Entwicklung 
betrachtet, ganz bedeutende Dichteziffern. Aber auch mandic Flachlandkrcife 
mit hochflehender landwirtfchaftlicher Kultur haben eine fchr ftarke, vielleicht 
fchon zu (tarke Befiedlung. Wenn z. B. die Kreife Jülidi, Geilenkirdicn und 
Heinsberg eine Didite von 145,149 und 163 Köpfen haben, fo find das ebenfalls 
ganz außerordentlich hohe Zahlen in anbetradit deJTen, daß die indu(triellc 
Entwidtlung der Kreife noch ganz zurück(teht. Es iß: deshalb nidit zu verwundern, 
wenn auch hier die Zunahme nur fehr langfame Fortfdiritte madit. Von 
den 49 Gemeinden des Kreifes Jülich hatten in dem Zeitraum von 1895 bis 1905 
nur 24 eine Zunahme, dagegen 25 eine Abnahme zu verzeichnen. Elf Gemeinden 
hatten 1905 weniger Einwohner als 1864, fechs haben in diefem Zeitraum über 
ein Fünftel der Bewohner verloren. 



III. 

Organisation der staatlichen Verwaltung und der 

Selbstverwaltung 

von 

Th. llgen. 

Wie in dem erflen Abfchnitt dicfcs Werkes (S. 2 fF.) dargelegt i(l, \x'ar das 
franzöfifdic Vcrwaltungsfy(tcm, das vx/ährend der Frcmdherrfdiaft in den Rhein= 
landen geherrfcht hatte, burcaukratifdi, wobei das die gefamte Verwaltung 
umfafl'ende [taatlidie Regiment von der Zentral(telle, den Minijterien, aus in 
(tufenweifer Folge bis herab zu den Mairien (traft gegliedert war. Die lokale 
Verwaltung konzentrierte fidi in den Departements, an deren Spitzen Präfckten 
(tanden. Ihnen waren fämtlidie Behörden untergeordnet, die zur Löfung 
der (taatlidien Aufgaben innerhalb der Departements für erforderlidi erachtet 
wurden. Mit Rüdficht auf die überragende Stellung des Präfekten hat man 
daher die ganze Einriditung mit dem Stidiwort „Präfekturfy(lem" gekcnn» 
zcidinct. Indem fie die Bezirksverwaltung in eine Hand legte, trat fi« in 
fdiroffen Gegenfatz zu den dcutfdien und insbefondere audi zu den preußifdien 
Behördenorganifationen des 18. Jahrhunderts, bei denen die Hauptverwaltungs» 
(teilen in den einzelnen Landestcilen, die Regierungen und die Kriegs» und 
Domänenkammern, kollegial zufammcngefetzt gewefen waren. 

Neben den Regierungen und Kammern hatten aber in den rheinifdien 
Territorien vor der franzöfifdien Okkupation audi die ftändifdien Verbände 
nodi an der Landesverwaltung teilgenommen, und diefe, die in der Hauptfadic 
aus Rcpräfentanten des adeligen Grundbefitzes be(tanden, hatten eifrig darüber 
gewadit, daß vermöge des ihnen eingeräumten Indigenatrechtes vornehmlidi 
Vertreter aus ihren Kreifen zu den (taatlidicn Rcgicrungs(tellen herangezogen 
wurden. Diefen Zu(tänden bereitete die franzöfifche Eroberung, mit der alle 
(tändifdien Privilegien in Wegfall kamen, ein jähes Ende. So verloren die (taat» 
lidien Behörden den adeligen An(tridi, den fic vordem audi in den Rheinlanden 
befeden hatten. Nur wenige rheinifdie Adelige find als Präfekten, Unter« 
präfekten und Maires in den Departements der linken Rheinfeite und im Groß- 
herzogtum Berg tätig gewefen. 

In Preußen hatte nadi der unglüdtlichen Sdiladit bei Jena (1806) mit der 
Wiedergeburt des Staates ebenfalls eine tiefgreifende Verwaltungsreform einge« 
fetzt, die mit den Namen Stein und Hardenberg verknüpft i(t. In den Streit, von 
welcher Seite fie vornehmlidi beeinflußt worden i(t, kann hier nidit näher ein» 
getreten werden. Mit den franzöfifdien Verwaltungsprinzipien hat man fidi 
auf jeden Fall bei den Vorbereitungen für die grundlegenden Verordnungen 
der Neuorganifation im Jahre 1808 aufs eingehendftc befchäftigt. Insbefondere 



88 in. Th. Ilgen, Organisation der staatlichen Verwaltung und der Selbstverwaltung 



ift CS Ludwig von Vindie, der fpäterc Oberpräfidcnt von Wcftfalcn, gewcfcn, 
der in einem Gutachten vom 9. April 1808 über die kollegiale Form der 
Polizci= und Finanzvcrwaltung die Vorzüge des franzöfifchcn Präfckturfyftems 
gegenüber der kollegialen Zufa mmenfctzung der preuBifchen Kammern und 
Regierungen erörtert hat, ohne freilich auch deffen Schattenfeiten in Abrede zu 
[teilen. Den Anregungen Vinckes wurde jedoch damals keine weitere Folge 
gegeben, und audi die Verfuchc, die von 1810 ab das Minifterium des Innern 
madite, für das Kollegialfyltcm die PräfekturvcrfaH'ung einzutaufchen, vcr« 
liefen im Sande. 

Grundlegend für die prcußifche Behördcnorganifation des 19. Jahrhunderts 
wurden zunädift die Verordnung wegen verbeffertcr Einriditung der ProvinziaU, 
Polizci= und Finanzbehörden vom 26. Dezember 1808 und die Gefchäftsinftruktion 
für die Regierungen vom gleichen Tage, die für diefe Verwaltungs(tellen, welche 
die Gefdiäfte der früheren Regierungen und Kriegs= und Domänenkammern 
in fich vereinigten, die kollegiale Verfaffung beibehielten. Auf ihnen vorwiegend 
fußt die Verordnung vom 30. April 1815 wegen verbeffertcr Einrichtung der 
Provinzialbchörden, nach der gleichwie in den übrigen Provinzen des preußifchcn 
Staates auch die Verwaltung der Rheinprovinzen neu organifiert wurde, fobald 
fie in deffen definitiven Befitz übergegangen waren. Allerdings hatte hier vorher 
ein wefentlidi anders geartetes Verwaltungsfyftem be(tanden, und auch die 
rechtliche Grundlage, das Allgemeine preußifche Landrecht aus dem Jahre 1794, 
fehlte, da man fich genötigt fah, zunädift an der Geltung des franzöfifchen 
Rechtes in den Rheinlanden feltzuhaltcn. 

Die Poften der Oberpräfidenten als Auffichtsbehörde und Spitze für 
mehrere Regierungen eines Landesteils oder einer Provinz waren durch das Publi= 
kandum betreffend die veränderte Verfaffung der oberften Staatsbehörden vom 
16. Dezember und die ln(truktion für die Oberpräfidenten in den Provinzen 
vom 23. Dezember 1808 neu begründet worden. Um die Einrichtung lebensfähig 
zu machen, hat es in den Jahren 1815—1825 mannigfacher Verfuche zur Um» 
bildung bedurft. 

Die Organifation der Provinzialregierungcn ift aber durch die Reformen 
des 19. Jahrhunderts mehr und mehr dem franzöfifchen Verwaltungsfy(tcm 
angenähert worden. Nachdem bereits 1817 die kollegiale Zufammenfetzung der 
Präfidicn der Regierungen aufgehoben war, hat man diefes Prinzip auch bei der 
Neuordnung der allgemeinen Landesvcrwaltung für die crften Abteilungen der 
Regierungen — in der Rheinprovinz feit 1888 — vcrlaffen und ift zum Präfektura 
fyftem übergegangen. Die jetzt, 1914, zur Beratung geftellte Novelle zum Landes« 
vcrwaltungsgefetz vom 30. Juli 1883 bringt auch für die zweiten und dritten 
Abteilungen der Regierungen die rein bureaukratifche Einrichtung ftatt der bis« 
herigen kollegialen in Vorfchlag. 

Und noch auf einem anderen Gebiete hat die Verwaltungsreform in Preußen 
während des abgelaufenen Jahrhunderts auf Inftitutionen zurückgegriffen, die 
zur Zeit der Fremdherrfchaft in den Rheinlandcn bejtanden hatten, aber bei 
der preußifchen BcOtznahme abgefchafft wurden, trotzdem rhcinifchc Juriften 
für deren Beibehaltung aufs cifrig(te eingetreten waren. Durch das Allgemeine 
Landrecht war in Preußen zwar eine fcharfe Scheidung zwifchen Juftiz=und Adminia 
ftrationsfachen aufgefiellt. Demgemäß fielen aber die Entfchcidungen bei Kon» 
flikten, in denen Verwaltiingsmaßnahmen in Berührung mit Einzelpcrfönlichkciten 
(Ireitig wurden, den adiuiniftrativen Behörden anhcim. Diefe wurden alfo in 



Vorbemerkungen 89 



folchcn Fällen Riditcr in eigener Sadie. In der franzöfifci^en Gefctzgebung \x'ar die 
Notwendigkeit der Sdicidung von Ju(tiz und VerNJcaltung ebenfalls anerkannt und 
die Trennung durdigcführt. Für Streitfälle jedoch zvscifchen Staat und öffent» 
lichem Wohl einer» und den einzelnen Staatsbürgern andererfeits hatte man hier 
in den Departements die Präfekturräte (f. oben S. 40) eingerichtet, von deren 
BefdilülTen und Urteilen an den Staatsrat in Paris appelliert werden konnte. 
Qbrigens durfte fich der Präfekturrat, der fon(t aus befoldeten Beamten beftand, 
bei Verhinderung feiner Mitglieder durdi Angehörige des Departementsrats, 
alfo durch Repräfentanten des Departements, ergänzen. Als nun auf Betreiben 
Hardenbergs 1816 in Köln unter dem Vorfitz des aus Kleve gebürtigen 
Chri(toph Wilhelm Heinrich Sethc die ImmediatsJultizaKommiffion eingefetzt 
wurde (f. unten S. 152), der neben ihrer Hauptaufgabe, der Reorganifation des 
Redits» und Gcrichtswefens, auch der Auftrag erteilt war, ein Regulativ für alle 
Berührungen zwifchen Gerichts» und Verwaltungsbehörden zu entwerfen und 
die Verordnungen zu beraten und auszuarbeiten, welche neben der Gerichts» 
vcrfaffung auch die Gefetz« in den Rheinprovinzen bejtimmen follten, fchlug 
diefe unter Berückfiditigung der in den Rheinlandcn früher durchgeführten Ein» 
richtungen vor, jeder Regierung eine RegierungsaJu(tiz=Deputation anzugliedern, 
die als Kollegialbchörde unter dem Vorfitz des Präfidentcn der Regierung aus vier 
weiteren Mitgliedern, nämlidi zwei Richtern und zwei wiffcnfchaftlich gebildeten 
fach» und gefchäftskundigen Männern, errichtet werden foUtc. Den Staatsrat 
dachte man zeitweilig durch eine Revifions^Deputation für die Rhcinlande, in 
der ein Oberpräfident den Vorfitz führen follte, erfetzen zu laden. Die Vorfchläge 
fanden jedoch ebenfowenig wie der er|te Entwurf des Regulativs felbft, den 
die Immediat=Juftiz=Kommiffion eingereidit hatte, die Billigung des Staats» 
kanzlers. Das Regulativ ward verworfen, weil es fich zu (tark an die franzöfifdie 
Gefetzgebung und Verwaltungsorganifation anlehnte. Das fogenannte Reffort» 
rcglement vom 20. Juli 1818 entfchied die Streitfrage vorläufig dahin, daß es 
die Befugniffe des vormaligen Präfekturrates zwifchen den Gerichten und den 
Verwaltungsbehörden aufteilte, wobei den letzteren der Löwenanteil zufiel. 
Nach mehr als fünfzig Jahren, 1875 — 1883, find dann in Preußen doch Verwal» 
tungsgerichte gefchaffen worden. Der heutige, mit den Regierungen verbundene 
Bezirksausfchuß ähnelt auch in der Zufammenfetzung der Rcgierungs»Ju(tiz« 
Deputation, deren Einführung nach franzöfifchem Mujter 1817 Präfidcnt Sethc 
fo lebhaft befürwortet hat. 

In gleicher Weife trat die Immediat=Ju(tiz=Kommiffion für die Beibehaltung 
der franzöfifchen Einrichtung der gerichtlichen Polizei und deren völlige Trennung 
von der adminiftrativen Polizei ein. Freiheitsberaubung follte nur auf Grund 
eines richterlichen Entfdieides erfolgen können. Durch die gerichtliche Polizei 
werde bei fchleuniger und wirkfamftcr Verfolgung von Verbredien zugleich die 
Achtung vor der Perfönlidikeit und die Sicherung der individuellen Freiheit am 
be|tcn gewährleiftet. Vor allen Dingen fah man auch einen Vorzug darin, daß 
die Bej^rafung der bloßen Polizeivergehen vor das Forum der Friedensrichter 
verwiefen war, mit denen die Bürgermeifter an den Orten, die nicht Sitz eines 
Friedensrichters waren, eine konkurrierende Polizeigerichtsbarkeit ausübten. 
Dabei fungierten die Bürgermeifter oder da, wo diefe felbft Geridit hielten, 
deren Beigeordnete als Amtsanwälte, Vertreter des öffentlidien Minifteriums, 
wie es damals bezeichnet wurde. Erkannte das Urteil auf eine Gefängnisjtrafe 
oder überjiieg es die feftgefctzte gering|te Geldbuße, fo fand innerhalb kürzeficr 



90 III. Th. Ilgen, Organisation der staatlichen Verwaltung und der Selbstverwaltung a 

Frift Berufung an das korrcktionellc Tribunal (tatt. Das bei den Verhandlungen 
vorgefchriebene mündlidbc Verfahren fdinitt alle unnötigen NX^citläufigkcitcn ab. 

Nadi dem preußifchcn Vcrwaltungsfyftem hingegen war der Landrat — in 
den Städten der Polizeivogt — der Brennpunkt der örtlidien Polizeigewalt, in 
dem die Tätigkeit der unteren Polizeiorgane zufammentraf. An den Landrat 
erfolgte die Anzeige von Vcrbredien und Vergehen, von ihm und der durdi ihn 
angeordneten Unterfudiung hing es ab, ob die Sadie auf fidi beruhen oder ein 
polizeiliches Strafverfahren eingeleitet werden follte. Bevor die Angelegenheit 
zur weiteren Unterfuchung an die Gerichtsbehörden abgegeben wurde, war viel« 
fadi zunächjt nodi ein Beridit an die Regierung vorgcfchricben. Eine unmittelbare 
Kommunikation zwifdicn den Agenten der adminiftrativcn Polizei und den 
Geriditsftellen fand in der Regel nidit ftatt. 

In den Rheinlanden aber gab es keine Patrimonialgeridite — fie waren audi 
vor der franzöfifchen Zeit wenig verbreitet gewefcn — , hier kannte man keine 
Einwirkung von Gutsbefitzern als foldien auf die Ortspolizei, fei es unmittelbar, 
fei es durch von ihnen ernannte und abhängige Schulzen, auf deren Bejtehen 
das dem Often entlehnte preußifche Landratsamt feinem Wefen nach aufgebaut 
svar. Da fidi im Weften in den voraufgegangenen Jahrhunderten auch auf dem 
platten Lande eine umfangreidiere Gewerbetätigkeit ausgebreitet hatte, be(tand 
hier ferner nicht die tiefe Kluft zwifdicn Stadt und Land, wie (Ic in den ö(tlidien 
Teilen der Monardiic noch aus dem Mittelalter fortlebte. Die franzöfifche Gefetza 
gebung hatte das ihrige dazu getan, diefe Gegcnfätze nodi mehr zu verwifdien. 

Daher bildet die Organifation der rheinifdien Gemeindcverfaffung das 
fchwierig(te Problem, das fidi der preußifchen Verwaltung in den neuen Landes= 
teilen entgegenftelltc, an deflen Löfung fie fidi in den cr(ten 30 Jahren ihrer 
Tätigkeit völlig vergebens abgemüht hat. Die Regelung diefcr Aufgabe war 
um fo fchwierigcr, als die rheinifche Samtgemeinde, die IS/Iairie, als ein durchaus 
unfertiges Gebilde aus franzöfifcher Zeit übermittelt war. Trotzdem ift [Iß »n 
der Rheinprovinz beibehalten und ausgebaut worden und hat durch die 
Gemeindeordnung von 1850 auch Eingang in die allgemeine preußifche Kommu= 
nalverfaffung gefunden. Daß die fogenannte Bürgermci(tereiverfaffung, wie fie 
durch die rheinifche Städteordnung von 1856 gefetzlich fefigclegt ift, in der frans 
zöfifchen Nlairie ebenfalls ihren Urfprung hat, i(i bekannt. Bald nach der Bcfitza 
ergreifung dachte man freilich daran, die Mairie, wenn nicht ganz abzufdiafFen, 
fo doch der Ortsgemeinde gegenüber zurückzudrängen und diefe zu kräftigerer 
Entfaltung zu bringen. Aber diefe Bcftrcbungen weckten bei den maßgeben» 
den Beamtenkreifen in den Rhcinlanden nur geringen Widerhall, weil die Vcr» 
felb(tändigung der Ortsgemeinde an der Kleinheit der überlieferten kommunalen 
Verbände und an der Unmöglidikeit, bei dem zeitigen Bildungsftand der Be- 
völkerung eine weitergehende Selb(tverwaltung einzurichten, fdieiterte. >sladi» 
dem dann auch nodi der Verfuch Hardenbergs vom Jahre 1820, den gefamtcn 
preußifchcn Staat von unten herauf durch eine Reorganifation der Landge- 
meinden, Städte und Krcifc aufs neue aufzubauen und zunächft dicfcn Korpo- 
rationen ein größeres Maß von Sclbflverwaltung einzuräumen, worauf fich das 
verheißene Repräfcntativfyftcm des Gefamtftaatcs gründen follte, fehlgefchlagen 
war, brach die Reaktionszeit herein, in der die Ordnung der Kommunalvcrbände 
auch im Weften in der Weife vollzogen wurde, daß man die auf die agrarifchen 
Zuftändc des Olsens zugefchnittencn Einrichtungen einfach dorthin verpflanzte. 
Zwar ward den Rheinländern die [lädtifche Selbflvcrwaltung in der Form der 



Vorbemerkungen 91 



Stcinfchcn Städtcordnung von 1808 oder der revidierten Städteordnung von 1831 
zur Annahme mehrfach angeboten. Aber felb(t die Städte traten für die Einheit= 
hchkeit der Gemcindeverfaflung ein und lehnten die Selbltverv^altung ab, vor 
allem, weil man beforgte, daß die Sdicidung von Stadt und Land auch eine vcr» 
fchiedenc reditlidie Bewertung des Städters und Landbewohners im Gefolge 
haben könnte. Weder die Provinzialordnung von 1823/24 noch die Kreisord= 
nung von 1827 entfpradh den Anfchauungen, weldic man fich in den Rheinlanden 
von örtlidien Vertretungen gebildet hatte. Erwediten fic dodi die Vorrechte der 
Rittergüter kün(tlid» wieder zu neuem Leben, trotzdem folchein einzelnen Kreifen, 
ja in ganzen Regierungsbezirken der Rheinprovinz kaum mehr vorhanden 
waren. Und noch die einheitliche rheinifche Gemeindeordnung von 1845 zog den 
Kreis der GemeindcgenolTen recht eng, indem fie nur den fogenannten Mei|ts 
beerbten die Gemeinderechte, das Wahlredit und die Teilnahme an der Ge» 
meindeverwaltung, einräumte. Was als Kommunalangelegenheiten den Bera» 
tungen und Befchlüdcn der einzelnen Gemeindeverbände überladen wurde, 
war überaus gering, insbcfondcrc befchränkte fich die Selb(tverwaltungstätigkeit 
der Provinzial(tände zunädi(t nur auf die Teilnahme an der Leitung und Ubera 
wachung einiger Wohltätigkeitsanjtalten. 

Das dcutfchc Prinzip der Selb(tverwaltung — die Verrichtung jtaatlidier 
Funktionen durch dem Staate untergeordnete, aber innerhalb ihres Wirkungs= 
kreifes felbftändige Perfönlichkeiten, wie es allgemein formuliert wird — i(t in den 
Rheinlanden zuerft durch die Städtcordnung für die Rheinprovinz vom 15. Mai 
1856 in größerem Umfange zur Geltung gelangt. Der Provinz und den Kreifen 
hat dann die nach dem Kriege von 1866 einfetzende Reform der allgemeinen 
Landcsverwaltung weitergehende Selbftverwaltungsrechte gebracht, durch weldie 
die Provinzialverwaltung als ein felbftändiges Glied neben die Staatsverwaltung 
in der Provinz getreten i(t. In der Rheinprovinz kam diefe Neuordnung er|t 
Ende der aditziger Jahre völlig zur Ausführung, und einen befriedigenden Aus= 
gleidi zur Beteiligung der lci(tungsfähig(ten und berufenften GemeindemitgUeder 
an der Verwaltung der Ortsgemeinde hat man hier trotz der immer aufs neue 
eingeleiteten Verhandlungen über eine Änderung der Gemeindeordnung bis auf 
den heutigen Tag noch nicht gefunden. 

Durch die Gründung des Deutfchen Reiches im J. 1871 i|t eine weitergehende 
Umge(taltung der preußifdien Landesbehörden nidit erfolgt. Nur Poftund Tele» 
graphie fmd zu Rcidisverkehrsan(taltcn erklärt worden. Ferner wurde das [taat» 
lidie Bankwefen dem Reidie überwiefen, was die Gründung der Reichsbank im 
Gefolge hatte. Da diefe Behörden in den dem Wirtfchaftsleben gewidmeten Ab= 
fchnitten dicfes Werkes eine eingehendere Berüdifiditigung finden, i|t davon abge» 
fehen, deren Organifation in diefem Abfdinitt näher darzulegen. Das gleiche 
gilt von den Eifenbahnen, von der Gencralkommiffion und den als Intereflcns 
Vertretungen eingerichteten Handels», Handwerks» und landwirtfchaftlichen 
Kammern. Das Reich überläßt im übrigen die Verwaltung der ihm zugewiefcnen 
Angelegenheiten im Gefundheits=, Heimats=, Verficherungs» ufw. =Wefen mei(^ 
den Landesbehörden, foweit nicht durdi das Reichsverficherungsgefetz von 1911 
die Sdiaffung von neuen Verficherungsftellen — die Oberverficherungsämter fmd 
den Regierungen angcfchloffen — notwendig geworden ift. 



92 III. Th. Ilgen, Organisation der staatlichen Verwaltung und der Selbstverwaltung d 

Erstes Kdpitel. 
Die Einteilung und Organisation der Provinz. 

Der ficgrcichc Feldzug 1813/14, wcldier Deutfdiland vom franzöfifdicn 
Joche befreite, (teilte Preußen nicht nur in feinen alten Gebietsgrenzen wieder 
her, fondern bradite ihm audi bedeutende Neuerwerbungen, deren Zuteilung 
auf dem anfangs November 1814 eröffneten Wiener Kongreß erfolgte. Unter 
ihnen (tanden die Rheinlande, die fchon in der Übergangsperiode, in der Zeit der 
Generalgouvernements, zumei(t von preußifchen Beamten verwaltet worden waren, 
mit an erfter Stelle. Wenn anfänglich diefer weftlidie Befitz von preußifcher Seite 
nicht fo hoch eingefchätzt wurde, fo lag das vornehmlidi an feiner exponierten 
Lage auf der Grenzwehr gegen Frankreich. Und es hat der Arbeit von mehr 
als einem halben Jahrhundert bedurft, um audi die innere Verbindung der 
Rheinprovinz mit dem preußifdien Staat herbeizuführen; fie i(t recht eigentlich 
erft durch den deutfchen Einheitskampf von 1870/71 befiegelt worden. 

Der Länderzuwachs, den Preußen als Lohn für feine gewaltigen Opfer im 
Befreiungskriege davontrug, machte eine Neueinteilung des gefamten Staats« 
gebietes notwendig. Sie erfolgte durdi die Verordnung vom 30. April 1815 
wegen verbefferter Einrichtung der Provinzialbehörden, welche den preußifchen 
Staat in zehn Provinzen und fünf Militärabteilungen teilte. Die ^^Rheinländer", 
wie man fich damals ausdrückte, und Weftfalen bildeten zufammen die Militär« 
abteilung NiederrheinsWeftfalen. Für die Zivilverwaltung war die Zerlegung 
der Rheinländer in zwei Provinzen in Ausficht genommen, von denen die eine 
den Titel Kleve=Berg, die andere den des Großherzogtums Niederrhein führen 
follte. In der Provinz Kleve=Berg fah die Verordnung zwei Regierungen vor: 
die eine in Düffeldorf für das ehemalige Herzogtum Berg und einen Streifen auf 
dem linken Rheinufer, die andere in Kleve für die früher fdion preußifch 
gewefenen Herzogtümer Kleve und Geldern nebft dem Fürftentum Mors. Daß 
in dem letzteren Bezirk auch das Nieder(tift des ehemaligen Erzbistums Köln 
enthalten war, kommt in der Verordnung nicht zum Ausdruck, wie man denn 
überhaupt bei der offiziellen Nomenklatur auf die früheren geifllidien Fürften» 
tümer Köln und Trier gar nicht zurückgegriflFen hat. Denn die zweite Provinz, 
die vorwiegend aus deren ehemaligen Landesteilen beftand, erhielt die Bezeidi* 
nung Großherzogtum Niederrhein. Mit ihren beiden Regierungen zu Koblenz 
und Köln follte {ie das Gebiet des früheren Herzogtums Jülich und alles Land, 
das füdwärts davon bis über die Mofel hinaus lag, umfaffen. Sie crftreckte fich 
jedoch nur auf die linke Rheinfeite. Als Sitze der Oberpräfidenten diefer beiden 
Provinzen waren Düf^eldorf und Koblenz in Betracht gezogen. 

Nachdem am 15. Mai 1815 der Gencralgouvcrneur der vereinigten 
Gouvernements Nieder« und Mittclrhein, der Geheime Staatsrat Johann Auguft 
Sack, der 1764 in Kleve geboren war, im Namen des Königs die feierliche 
Huldigung der Rheinländer in Aachen entgegengenommen hatte, und Juj^us 
Grüner, der bisherige Gouverneur des Generalgouvernements Berg, am 18. Juni 
1815 feines Amtes entbunden und diefes Generalgouvernement aufgelöfi war, 
begann unter Sacks Leitung die Organifation der neuen Provinzen. Zu diefem 
Benufe wurden mit einer allgemeinen Inftruktlon für die Oberpräfidenten der 
Monarchie und einer befonderen Inf^ruktion für die Rheinprovinzen, die beide 



D I. Die Einteilung und Organisation der Provinz 93 

vom 3. Juli 1815 datiert find, als OrganifationskommilTarc Graf Friedrich zu 
Solms=Laubadi und der Geheime Regierungsrat Philipp von Pcjtel (aus Minden 
gebürtig) in die Rheinlande entfendet, der er(tere um die nötigen Maf^regeln 
in Köln zu treffen, von Pcftel als Organifator des Koblenzer Bezirkes. Sadt galt 
damals als der zukünftige Oberpräfident der Provinz Kleve=Berg. In der Eigen» 
fchaft eines Beauftragten der ein(tweiligen Oberverwaltung der königlidicn 
Rheinprovinzen hatte er am 10. Auguft 1815 mit dem Grafen Solms und Herrn 
von Pe(tel eine Beratung in Koblenz und madite von hier aus audi dem Publikum 
die geplante Organifation der neuerworbenen Länder bekannt. Die Konferenz 
diente vornehmlidi dem Zwed<, fidi über die Befdiaffung des nötigen Akten= und 
Kartenmaterials als Unterlage für die Abgrenzung und Einriditung der Regie» 
rungen und ihrer Unterbezirke ins Einvernehmen zu fetzen und die Grundfätzc 
zu vereinbaren, nadi denen diefe zu gefdiehen habe und die Beamten für die 
neuen Regierungen zu gewinnen und anzu(tellen feien. Da die erwähnte Inftruk» 
tion die Befetzung der Dircktorpo(ten bei den Abteilungen der Regierungen mit 
altpreußifdien Beamten und deren Beftallung durdi das Miniß:erium verfügt 
hatte, handelte es fidi für die Kommiffare um die Regierungsrätc, Landräte und 
das Kanzleiperfonal. Da|> für deren An(tellung der Indigenat den Vorzug 
abgeben follte, war in der In(truktion ausdrüddidi betont. Graf Solms hat diefer 
Frage feine ganz befondere Aufmerkfamkeit gewidmet. Er klaffifizicrt die in 
Betracht kommenden cinhcimifdien Perfönlichkeiten in folgender Weife. Als 
er(te Klajlc bezeichnet er diejenigen, weldie zur Zeit der franzöfifchen Hcrrfdiaft 
kein Amt wieder übernommen oder erhalten hätten. Bei den mei(tcn werde das 
höhere Alter ein Hinderungsgrund fein, fie für ein Amt aufs neue zu verwenden, 
das keine Sinekure werden follte. Die fogenannten Cisrhenanen, die zweite Klafle, 
welche die Selbftändigkeit der Rheinlande anftrebten, wären verbittert, da ihre 
Hoffnungen abermals getäufdit worden. Tüditige Männer aus diefem Kreife 
könne man wohl heranziehen, nur dürfe man fie nicht zu mehreren in ein Kolle» 
gium zufammenbringen. Die dritte Klaffe, die franzöfifchen Angeftellten, 
würde die größte Zahl von Anwärtern liefern, man müflc jedoch diejenigen, 
weldic fich durdi ihr Verhalten während des fremdherrlidien Regimes verhaßt 
gemacht hätten, ab(toßen. Solms wehrt fich auch dagegen, daß man von den 
höheren Beamten, die übernommen oder neu ange(tellt werden follten, gemäß 
den altprcußifchen Vorfdiriften die Ablegung eines Examens fordern wolle. 
Die vorbereitenden Arbeiten der Kommiffare wurden durch Änderungen, 
die ein Erlaß vom 9. November 1815 für den er(ten Organifationsplan befahl, 
unterbrodien. Da man die nördliche Provinz nunmehr aus vier Regierungs» 
bezirken, Aachen, Düjfeldorf, Kleve und Köln, zufammenfetzen wollte, zu deren 
Oberpräfident jedodi Sadi dcfigniert blieb, wohingegen im Großherzogtum 
Niederrhein nur zwei Bezirke, nämlich Koblenz und Trier, vorgefehen wurden 
und der Graf zu Solms=Laubach deren Verwaltung mit dem Sitz in Koblenz 
übernehmen follte, erhielt diefer, dem inzwifchen noch der Geheime Regierungs» 
rat von Reiman aus Aachen als Hilfskraft beigegeben war, die Weifung, die 
Vorbereitungen zur Organifation der Provinz Niederrhein in Koblenz fortzu» 
fetzen. In Trier war zu diefem Zwed<e der Generalgouvernementskommiffar 
Freiherr von Sdimitz=Grollenburg tätig. Dafür fiedelte der Geheimrat von Pejtel 
von Koblenz nadh Köln über, um hier die Einrichtung der Regierungen weiter» 
zuführen, wobei er durch den Geheimen Regierungsrat Delius in Aachen unter» 
(tützt wurde. Delius war bisher in Naflau und Berg kommiflarifch befchäftigt 



94 III. Th. Ugen, Organisation der staatlichen Verwaltung und der Selbstverwaltung ü 

gcwefcn. Nadi Kleve wurde der Geheime Regierungsrat von Erdmannsdorff 
als Komminar entfendet. 

An allen Stellen arbeitete man mit fieberhafter Ha(l, um die Organifations« 
vorfdiläge — audi die neue Kreiseinteilung der Regierungsbezirke follte vor» 
gelegt werden — und die Anftellungslilten für die Beamten reditzcitig dem 
Staatskanzler einreidien zu können, weil nadi deflen Befehl die Gefchäftsführung 
der Regierungen am i. Januar 1816 beginnen follte. Die verlangte Aufjtellung 
von Haushaltsetats erwies fidi jcdodi bei dem Mangel an zuverläffigen Uber= 
fiditen über Einnahmen und Ausgaben als ein Ding der Unmöglidikeit. Und 
auch der angefetzte Eröffnungstermin für die Regierungen konnte nidit ein» 
gehalten werden. Vielmehr wurde inzwifdicn auch der zweite Einteilungsplan 
für die neuen Provinzen umgeftoßen, weil der zweite Parifer Friede vom 20. No» 
vember 1815 Preußen nodi einigen Zuwachs in den Grenzgebieten gebradit 
hatte und da audi durdi die Austaufdivcrträge mit den Niederlanden und dem 
herzoglichen Haufe Naffau vom 31. Mai 1815 der Befitzftand auf dem rechten 
Ufer am Mittelrhcin vermehrt war. So erfolgte denn nunmehr die Zufammen» 
fetzung der Rheinprovinzen dahin, daß die nördlidie aus den Regierungen 
Düffeldorf, Kleve und Köln gebildet wurde. Auf Betreiben des Grafen zu 
Solms=Laubadi fchlug man zu dem Regierungsbezirke Köln audi reditsrheinifdie 
Gebiete, damit der Rhein nidit als Grenzfcheidc wirken könne. Die rheinifdie 
Nordprovinz bekam den veränderten Titel Jülich=Kleve=Berg, indem man 
wiederum die Erinnerung an das alte Erzjtift Köln beifeite fchob. Den Bezirk 
Aachen trennte man von der Nordprovinz ab und fdilug ihn zum Südteil der 
Rheinlande, fo daß die Provinz Großherzogtum Niederrhein, welche ihre Be^ 
zcidmung behielt, jetzt aus den Regierungsbezirken Koblenz, Trier und Aadien 
be(tand. In ihrer neuen Organifation griff auch [le auf das redite Rheinufer 
über, wo ihr das Lahntal bis Wetzlar aufwärts angegliedert wurde. 

Die neue Einteilung der Rheinprovinzen wurde zugleich mit den Beftallungs» 
Orders für die Obcrpräfidenten vom 10. Januar 1816 bekannt gemadit. Sie 
brachten die Uberrafdiung, daß der Graf zu Solms=Laubadi nun dodi nicht 
die Provinz Niederrhein, fondern die von Jülidi=Kleve=Berg übernahm, wie es 
fchcint, weil man fürditete, daß feine Stellung als Oberpräfident in erfierer 
Provinz durdi die Verwandtfchaftsbeziehungen zu den Inhabern [tandcsherrlidier 
Bcfitzungen in der Lahngegend, den Grafen von Solms=Braunfels u. a., beeina 
trächtigt werden könnte. Nach Solms' Vorfchlag ward Köln zur Provinzialhaupt» 
(tadt erklärt, fo daß es Düffeldorf nichts half, wenn die Stadt aus ihrer früheren 
Eigcnfchaft als Refidenz der Herzöge von Iülich=Bcrg und Kleve^Mark für fich 
ein hiftorifches Vorrecht zu begründen fuchtc. Daß aber der Rheinländer Sack 
feine engere Heimat vcrlaffen mußte und gegen feinen Wunfeh als Oberpräfident 
von Pommern nach Stettin verfetzt wurde, rief auch unter der einheimifchcn 
Bevölkerung lebhaftes Bedauern hervor. Diefe Maßregel war offenbar zum Teil 
von der Bcforgnis eingegeben. Eingeborene in leitenden Stellungen in den neu- 
erworbenen Provinzen zu verwenden. Inwieweit der Vorwurf der Vettern» 
wirtfchaft, der gegen Sack erhoben wurde, berechtigt war, bedarf noch einer 
eingehenderen Prüfung. Der bisherige Oberpräfident in Stettin, Staatsminifler 
von Ingcrslcbcn, wurde zum Obcrpräfidenten der Provinz Großherzogtum 
Niederrhein mit dem Sitz in Koblenz ernannt. 

Sack führte die Verwaltung der gcfamtcn preußifchen Rheinländer nodi 
bis zum 27. März 1816 und trat dann feine Funktionen zeitweilig an den 



D I. Die Einteilung und Organisation der Provinz 95 

inzwifchen zum Chcfpräfidcntcn der Regierung in Aadien ernannten von Rciman 
ab. Dicfc erlofdien, als am zz. April diefes Jahres die neuen preußifdien Be« 
hörden in den Rheinlanden in Wirkfamkcit kamen. Zuvor waren am 15. April 
in Köln auf einer Konferenz der beiden Oberpräfidenten und der vier Rc= 
gierungspräfidenten allgemeine Abreden über die Anordnung der Gefdiäfte 
getroffen worden. 

Da in Berlin damals nodh die Meinung vorherrfditc, daß die Oberpräfidenten 
das Hauptfeld ihrer Tätigkeit in der Beforgung der Gefdiäfte als Präfidenten 
der Regierungen an ihrem Wohnorte zu fudien hätten, waren letztere Po(ten in 
Koblenz und Köln nidit befetzt worden. Den Aadiener Regierungspräfidcnten 
haben wir fdion kennen gelernt. Die Stellen in Düffeldorf, Kleve und Trier 
wurden den Geheimen Regierungsräten von Peftel, von Erdmannsdorff und 
Delius zugewiefen. Keiner diefer hödiften Beamten der neuen Provinzen gehörte 
durdi Geburt den Rheinlanden an. Für die Regierungsratspoften und die 
Kanzleigefdiäfte zog man nadi Möglidikeit einheimifdie Kräfte heran, ein 
Bejtreben, das jedodi bei den Regierungen in Kleve, Koblenz, Köln und Trier, 
wo man nidit direkt auf den größeren Beamtenjtand einer ehemaligen franzö» 
fifdien Präfcktur oder eines Generalgouvernements zurüdtgrcifen konnte, auf 
Sdiwierigkeiten fticß. Deshalb geftaltetcn fidi die Verhältniszahlen zwifdien 
Eingeborenen und Auswärtigen, die bei der Neuorganifation angcftellt wurden, 
an diefen Orten nidit fo günftig wie in Aadien und Düffcldorf. Sie betrugen in: 

Auswärtige 



Kleve 


25 Eingeborene 21 


Koblenz 


39 „ 28 


Köln 


27 n 72 


Trier 


29 // 23 



Dagegen (landen bei der Regierung in Aadien 44 Eingeborenen nur 19 Auswärtige 
und bei der in Düfl"eldorf 39 Eingeborenen nur 18 Auswärtige gegenüber. 
Diefen Umfland zieht man bei den Klagen wegen Überflutung der Rheinlande 
mit altprcußifdien Beamten mei(l nidit in Redinung. Für die Landratspoften 
ließen fidi in den Regierungsbezirken Aadien, Kleve, Köln und im nördlidien 
Teil von Düffeldorf viele adelige oder angefehene bürgerlidie Gutsbcfitzer 
gewinnen, während diefc im füdlidien Teil von Düflcldorf und in den Regierungs« 
bezirken von Koblenz und Trier fa(t ganz fehlten, fo daß man fidi genötigt fah, 
hier zu Pcrfönlidikeitcn zu greifen, die innerhalb oder außerhalb der Provinzen 
in anderen Bcamten(tcllungen tätig gcwefcn waren. Zum Oberpräfidenten der 
Rheinprovinz i(t im abgelaufenen Jahrhundert nur ein Rheinländer befördert 
worden. Berthold Najfe (1890 — 1905), der Sohn des um die Irrenpflege in der 
Provinz hodi verdienten Pfydiiaters Fried ridi Naffe in Bonn. 

Der Tod des Oberpräfidenten von Jülidi=Kleve=Berg, des Grafen zu 
Solmss Laubach (24. Februar 1822), hatte die widitige Organifationsänderung 
zur Folge, daß diefe Provinz durch königlichen Erlaß vom 27. Juni 1822 mit 
der des Großherzogtums Niederrhein vcrfchmolzen und die Verwaltung der 
vereinigten Oberpräfidien in die Hand des Herrn von Ingersleben gelegt 
wurde. Beide Provinzen verloren Ende der zwanziger Jahre ihre bisherigen 
Sondertitcl, um als „Rheinprovinzen" und feit 1830 als „Rheinprovinz" ver= 
einigt fortzubeftehen. Zum Sitz des „rheinifdien" Oberpräfidiums wurde 
Koblenz be(timmt. Schon vorher, durch Kabinettsorder vom 26. Mai 1821, 
war die Regierung in Kleve aufgelöft und ihre Vereinigung mit der in Düffel» 
dorf am 1. Januar 1822 durdigeführt worden. 



96 in. Th. Ilgen, Organisation der staatlichen Verwaltung und der Selbstverwaltung d 

Zweites Kapitel. 
Die xtdatlichen Behörden und deren Organisation. 

Das Obcrpräfidium und die unter dem Vorfitze des Ober» 
präfidenten tätigen Behörden. Ihre Stellung haben ßdi die Oberpräjl* 
denten insbcfondere im Verhältnis zu den Regierungen ihrer Provinzen und den 
von diefcn auf Grund der Verordnung vom 30. April 1815 hergeleiteten Befug« 
nilTen erjt förmlidi erkämpfen muffen. Es wurde bereits angedeutet, daß {{z 
zunädift nur als etwas gehobene Regicrungspräfidcnten eingcfdiätzt wurden. 
Gegen diefe Auffaffung feiner Tätigkeit hatte Graf zu Solms=Laubadi fdion 
1815 in fehr entfchiedenen Vor(tellungen angekämpft. Obwohl die Ober» 
präfidenten den Regierungen vorgcfctzt waren, follten fic dodi keine Zwifdien» 
inftanz zwifdien diefcn und den Minifterien bilden, fondern nur als ftändige 
Kontrollkommiffare der letzteren gelten. Bei der Beteiligung an den land» 
(tändifdien Angelegenheiten und auf dem Gebiete des Kirdien= und Schul= 
wefens waren die Grenzen zwifdien den Kompetenzen der Obcrpräfidenten 
und der Regierungen nidit fe(t gezogen, fo daß es deswegen fdion an verfehle» 
denen Stellen zu Konflikten gekommen war. Im Frühjahr 1817 fanden gemein» 
fame Beratungen der Oberpräfidenten der Monardiie in BerUn ftatt, bei denen 
der vom Geheimen Oberfinanzrat Rother verbcffcrtc Injtruktionscntwurf die 
Riditung abgab und in den Hauptpunkten gebilligt wurde. Ihr Wunfdi, von 
den Gefdiäften der Regierungspräfidcnten entbunden zu werden, kam dabei 
wieder lebhaft zum Ausdrudi. Als Refultat diefer Beratungen erging unter dem 
zj. Oktober 1817 die In(truktion für die Oberpräfidenten. Wie wenig fie jedodi 
geeignet war, die Unfidicrheit, welche über die Feßilcgung des Gefdiäftsbereiches 
der Oberpräfidenten damals nodi herrfdite, zu befeitigen, zeigt der Umftand, 
daß fie nadi wenigen Jahren wieder aufgehoben und durdi eine neue Inßiruktion 
vom ji. Dezember 1825 erfetzt worden i(t. Darin wird es den Oberpräfidenten 
freigcftellt, die Führung des Spezialpräfidiums der Regierung ihres Wohnortes 
dem Vizepräfidenten ganz oder teilweife zu übertragen. 

Die Initruktion von 1825 umfdireibt den Wirkungskreis der Oberpräfidenten 
nadi drei Riditungen hin. Ihre eigene Verwaltung bezieht fich auf alle diejenigen 
Angelegenheiten, weldie nidit nur die Gefamtheit der Provinz betreffen, fondern 
die fldi audi über den Bereidi einer Regierung hinaus erftred<en. Dazu 
gehören vornehmlidi die landftändifdien Angelegenheiten und die heutige 
Provinzialverwaltung. Alle öffcntlidicn Inftitute, die Wohltätigkeits» und Sani» 
tätsanftalten — aud) die feit 1887 als ärztlidie Standesvertretung eingeriditete 
Ärztekammer für die Rheinprovinz — unterftehen dem Obcrpräfidium, foweit 
fie nidit bei der neueren Organifation vollftändig in die Verwaltung der Provinz 
übergegangen flncl^ desgleidicn die Strombauten. In Militärangelcgenheiten, 
weldte die ganze Provinz betreffen, verhandelt der Obcrpräfidcnt mit dem Korps» 
kommandanten. Ihm allein ficht audi die Wahrnehmung des Jus circa sacra 
catholicorum zu, wie denn auch die Satzungen der Synagogen feiner Beflätigung 
bedürfen, während fonfl die Angelegenheiten der Juden und Diffldcnten von 
den Regierungspräfidcnten erledigt werden. 

Die Obcraufflcht führt der Obcrpräfidcnt über die allgemeinen Behörden 
der Landesverwaltung, die f^aatlichen fowohl als auch die kommunalen. Daneben 



D n. Die staatlichen Behörden: Das Oberpräsidium und die ihm unterstellten Behörden 97 

untcrflehen ihm die Obcrzolldircktion, die Staatsardiivc, die Gcncralkommiffion, 
die Handelskammern und die Landwirtfdiaftskammer. Ehedem war der Ober» 
präfidcnt audi befugt, Befdiwerden in PoIt=, Salz«, Münz« und anderen Angc« 
legenheiten zu unterfudicn, foweit fie nidit die tedinifdie Seite der Betriebe 
betrafen. Da das Salzmonopol feit 1867 befeitigt i|t und die Münzämter in den 
Provinzen aufgehoben find — als letztes verfdiwand 1849 das 1816 in Düdcldorf 
eingeriditetc Münzamt — , hat fein Wirkungskreis auf diefen Gebieten einige 
Einfdiränkung erfahren; ebenfo durdi den Übergang der Poftver>x'altung an 
das Rcidi. 

Ferner liegt dem Obcrpräfidentcn die Stellvertretung der oberften Staats« 
bchörden in bcfonderem Auftrag und bei außcrordentlidier Vcranlaffung ob, 
fo bei Konflikten der Regierungen untereinander und mit anderen Behörden, 
in Fällen unvorhergefehcner Ereignilfe, bcfonders wenn Gefahr, fei es im Frieden 
oder im Kriege, im Verzug i(t. 

Endlidi waren oder find nodi heute dem Oberpräfidentcn, fofern nidit der 
Provinzialrat an feine Stelle gcrüdit i(t, aus bcfondercn Rüdkfiditen die Ent» 
fdieidungen in beftimmten Kommunalangclegcnheiten, das Sparkaffenwefen, 
Konzeffionen zur Anlage von Apotheken, die Bewilligung von Kram= und Vicha 
markten, Konzeffionen für Schaufpiclgcfellfchaften, die Genehmigung zur Grün= 
düng gemeinnütziger Anftalten, die Erlaubnis zu öffentlidien, nidit kirdilidien 
Kollekten und ähnlidie Gegenj^ände überwiefen. 

Während in früheren Zeiten bei Krankhcits= oder anderen Behinderungs* 
fällen der Oberpräfident durdi einen vom Staatsminijterium be(tcllten Sub= 
ftitutcn vertreten wurde, gehen feit dem Jahre 1888 in foldien Fällen die 
Gefdiäfte cinfadi auf den hierzu beftimmten Oberpräfidialrat über. 

Bereits durdi die Verordnung vom 30. April 1815 war am Hauptort jeder 
Provinz für Kirdicn» und Schulfachen ein Konfiltorium und für die Medizinal^ 
polizci ein Medizinalkollcgium vorgefehcn, die beide der fpezicllen Leitung der 
Oberpräfidenten unter(tellt wurden. Sic haben unter dem 23. Oktober 1817 
befondere Dienftanweifungen erhalten, die durdi die Order vom 31. Dezember 
1825 einige Änderungen erfahren haben. Das Konfijtorium für Kirchen= und 
Sdiulfachen wurde im Jahre 1825 getrennt; feitdem bcftcht das ProvinzialfchuU 
kollegium und das Konfi(torium für evangelifche geiltliche Sadien, während von 
demfelbcn Zeitpunkt ab der Oberpräfident allein als der (taatlidie Vorgefetzte 
der Vertreter der katholifchen Kirdie in der Provinz gilt. 

Entfpredicnd der verfchiedencn Verfaffung der evangelifdien und der 
römifdi=katholifchen Kirche greifen die Befugni(Tc der Staatsbehörden auch in 
fchr ungleichartiger Weife in das Kirchenlebcn der vcrfchicdcnen Konfcffioncn 
ein. Während das Konfiftorium Hüter der Synodal verfaffung der evangclifchen 
Kirchen ift, die Aufficht über den Gottcsdienß: und deffen Anordnung im allge» 
meinen führt, die Kandidaten für das gci|tliche Amt prüft und ordiniert, die 
Gciftlichen in ihrer moralifchen Haltung und Amtsführung kontrolliert, gehören 
derartige BcfugniJTe in der katholifdien Kirdie zum Amtskreis der Bifchöfe. 
Der Oberpräfident hat vornehmlich die Aufgabe, darüber zu wachen, daß von 
feiten der oberen Behörden der katholifchen Kirdie keine Bejtimmungen 
getroffen werden, die in Widerfpruch mit den gefetzlichen Vorfchriften des 
Staates (tchen. Auch übt er ein Auffichtsrecht über die Anftalten zur Ausbildung 
der katholifchen Gciftlidikeit und kann nach der neueren Gefetzgebung die über» 
tragung eines geiftlichcn Amtes an eine nicht genügend qualifizierte Perfönlidikcit 

Die Rheinprovinz 1815 — 1915. 7 



98 III. Th. Ilgen, Organisation der staatlichen Verwaltung und der Selbstverwaltung d 

bcan|tandcn. Ferner unterliegt die bifdiöflidie Vermögensverwaltung (^aatlidier 
Kontrolle. 

Nadidem die Selbftändigkeit der Kirdicn aller Konfeffionen, weldic die 
VerfafTungsurkunde von 1850 verkündet hatte, durdi die fogenannte Maigefetz« 
gebung 1873/75 für die katholifdie Kirdie wefentlidi eingefdiränkt worden war, 
haben die Gefetze der aditziger Jahre dicfe einfdbränkenden Bejtimmungen zum 
Teil wieder befeitigt. Die Verwaltung der Angelegenheiten der evangclifdien 
Kirdien i(t, fowcit fie vordem von den Regierungsjtcllen in der Provinz ausgeübt 
wurde, durdi das Gefetz betreffend die evangelifdie Kirdienverfaffung vom 
3. Juni 1876 und die Verordnung vom 5. September 1877 vollftändig an das 
Konfijlorium übergegangen. Der Oberpräfident hat audi nidit mehr den 
Vorfitz in dem kollegial zufammengefetzten Konfi|torium; dejlcn Spitze führt 
vielmehr feit 1910 den Amtstitel „Präfident". Das Konfiftorium reffortiert 
nunmehr vom Evangelifdien Oberkirdienrat in Charlottenburg. 

Die Sdieidung der Amtsbefugniffe zwifdicn dem Provinzialfdiulkollegium 
und den Regierungen hinfiditlidi der Sdiulangclegenheiten beruht auf folgender 
Grundlage. Die höheren oder, wie man fidi vordem ausdrüd<te, die gelehrten 
Sdiulen, weldie zur Univcrfität entlaffcn, find dem Provinzialfchulkollcgium, 
feit 1825 audi mit ihrer gefamten Vermögensverwaltung, unterftellt, ebenfo die 
Lchrcrfeminarien. Das Elementars, Bürgers oder Volksfdiulwefen i(l Sache der 
Regierungen und Landratsämter, denen audi die Auffidit über die Fach* und 
Gewerbefdiulen und ähnlidie Einriditungcn obliegt. Nur die allgemeinen päda» 
gogifdien ZweAen dienenden Maßregeln und Anordnungen, Sdbuljtatuten und 
•Ordnungen, die Prüfung der Sdiulbüdier ufw. gehen vom Provinzialfdiul» 
kollegium aus. Ihm (leht audi die Anftellung, Beförderung und Beauffiditigung 
der Lehrer an höheren Lehran(talten und Scminarien zu, foweit es fidi um 
f^aatlidie Inftitute handelt. Die Anftellung der Lehrer an gleidiartigen 
(tädtifdien Anftalten erfolgt unter Mitwirkung der Stadtverordnetenverfamm« 
lungen. 

Wie im Provinzialfdiulkollegium hat der Oberpräfident den Vorfitz auch 
Im Medizinalkollegium beibehalten, deffen Tätigkeit als tedinifch beratendes 
und begutachtendes Organ jedoch (tärker eingcfchränkt i(t, feitdem das KaiferHdic 
Gefundheitsamt mit dem ihm zur Seite flehenden Reichsgefundheitsrat ins 
Leben gerufen ift. 

Desgleichen liegt die Leitung der Rheinftrombauverwaltung noch in den 
Händen des Oberpräfidenten, dem hierfür feit 1858 ein befondercr Strombau- 
direktor nebft einer Anzahl tedmifcher Beamten mit dem Sitze in Koblenz 
zugeordnet find. Der Gefchäftsbereich der Rheinftrombauverwaltung erftredtt 
fleh feit 1909 auch auf die Rheingauftrecke. Der Rhcinlauf auf prcuf^ifchem 
Gebiet ift unter die Waffcrbauämter in Bingerbrück, Koblenz, Köln, Düffeldorf 
und Wefel aufgeteilt. Sladidem 1914 als Pendant zum Bezirkseifenbahnrat ein 
provinzieller Waffcrftraf^cnbeirat eingerichtet worden ift, hat die bisher beflan* 
dcnc Rheinfchiffahrtskommiffion, zu der die Staatsregicrung unter dem Vorfitz 
des Oberpräfidenten induftricile und kommunale Vertreter heranzog, um die 
Wünfche der verfchiedenen Intereffenkreife vorzubringen und an den Rhein* 
flrombefahrungen teilzunehmen, ihre Tätigkeit eingcftellt. 

Endlich erfolgt die Durchführung der Maf^rcgeln gegen die Verbreitung 
der Reblaus, wie fle das Rcichsgcfetz vom 6. Juli 1904 vorgefchrieben hat, unter 
der Aufficht des Oberpräfidenten. 



□ n. Die staatlichen Behörden: Die Regierungen und ihre Unterbehörden 99 

Vom Provinzialrat, dc(Tcn Vorfitzcnder der Obcrpräfident ebenfalls ijt, 
wird im Zufammcnhang mit der Befprcd^ung der Verwaltungsrcform der 
aditziger Jahre in den folgenden Ausführungen die Rede fein. 

Als Oberpräfidentcn find in der Rheinprovinz im vcrfloITencn Jahrhundert 
tätig gewefen : 1815 — 1816 Joh. Aug. Sad; 1816—1822 Graf zu Solms=Laubadi; 
1816-1831 Frhr.von Ingersleben; 1831 -1834 von Peftel; 1834— 1842 von Bodel* 
fdiwinghsVelmedc; 1842—1845 von Sdiaper; 1845 — 1850 Eichmann ;i 850— 1851 
R. von Auerswald; 1851 — 1858 von Klei[t=Rctzow; 1858—1871 von Pommer^ 
Efdie; 1872—1889 Dr. von Bardeleben; 1889—1890 Frhr. von Berlepfch; 
1890—1905 von Naflc; 1905—1910 Dr. Frhr. von Schorlemer; seit 1910 Dr. 
Frhr. von Rheinbaben. 

Die Regierungen und die unter ihrer Auffidit (tehendcn 
Behörden. Im Gegenfatz zu dem franzöfifdien Verwaltungsfyftem, das neben 
den Präfekturen, jedodi von dicfen abhängig, Sonderbehörden für einzelne 
Gefdiäftszweige erriditct hatte, vereinigten die preußifdien Regierungen feit 
1808 fo ziemlidi fämtlidie Verwaltungsämter in fidi. Daher gingen jetzt auch 
bei der Einrichtung der Regierungen in den Rhcinlanden die Gefchäftc der 
franzöfifchcn Domänen=, Steuer» und For(tdirektionen und Infpektionen, ferner 
die der Bau= und Unterriditskommiffioncn, die in der Praxis wenigftens während 
der Gouvernementszeit fortbeftanden hatten, an die Regierungen über. Die 
befonderen KafTen wurden aufgehoben und deren Verwaltung ebenfalls den 
Regierungen übertragen. Dagegen blieben Sonderbehörden für das Bergwcfen 
und die Poft bejtehen, wenn fie auch in ihrer Organifation neugcjtaltet wurden. 

Ihre Tätigkeit begannen die fechs Regierungen in den Rheinprovinzen, wie 
bemerkt, am 22. April 1816. Waren in der Kölner Beratung am 15. April im 
allgemeinen die Richtlinien fcftgelegt worden, nadi denen die Überleitung der Gea 
fdiäfte der früheren franzöfifchen und gouvernementalen Vcrwaltungs(tellen an 
die Regierungen auf Grund der Verordnung vom 30. April 1815 erfolgen follte, 
fo blieben doch noch genug Zweifclspunkte übrig, an deren Befeitigung die 
ImmediatsJultizaKommiffion in Köln, der die Aufgabe zufiel, den Amtsbereidi 
der Regierungen gegenüber den Gerichten durch ein Regulativ abzugrenzen, 
crfolgreidi mitgearbeitet hat. 

Der Wirkungskreis der Regierungen wurde durch die Verordnung von 1815 
in zwei Abteilungen zerlegt, von denen die er(tc die Hoheitsfadien (wozu die 
Polizei gehört), Grenz=, Verfalfungss, (tändifchc und ähnliche Angelegenheiten, 
das Kommunalwefen in den Kreifen und Gemeinden, die Militärfachen zu 
bearbeiten hatte, während der zweiten die Verwaltung des gefamten Staats« 
einkommcns aus SteuerqucUcn, der Domänen und For(ten, ferner der Gewerbe« 
polizei in Rückficht auf Handel, Fabriken, gewerbliche Korporationen und endlich 
des Bauwcfens zufiel. Für Kirdien= und Schulfachcn, cbenfo für die Medizinal« 
angelegcnheitcn waren bei den Regierungen, an deren Sitz kein Konfiftorium 
und Medizinalkollcgium vorhanden war, je eine Kirchen» und Sdiulkommiffion 
und eine Sanitätskommiffion unter der Direktion eines Regicrungsmitgliedes 
vorgefehen. Dicfe befonderen Kommiffionen gliederte die Injtruktion zur 
Gefchäftsführung der Regierungen vom 23. Oktober 1817 der crftcn Abteilung 
der Regierungen enger an, zu welchem Zweck diefer eine Anzahl von gei(tlidien 
und Sdiulräten, desgleichen von Medizinalräten zugeteilt werden follte. 

Die Inftruktion von 1817 umgrenzte überhaupt die RefTorts der beiden je 
einem Direktor untcrftellten Abteilungen und des Plenums der Regierungen 



100 III. Th. Ilgen, Organisation der staatlichen Verwaltung und der Selbstverwaltung a 

bejtimmtcr, regelte deren Verhältnis zueinander, zu den oberen und unteren 
Verwaltungsbehörden und insbefondere zu den Geriditsbehörden unter Beru» 
fung auf die Polizeiverordnung vom 26. Dezember 1808. Ferner be(timmte 
die Injtruktion näher, in weldien Angelegenheiten die Regierungen mit aus» 
wärtigen Behörden Verkehr zu pflegen hatten. Für den bei den Regierungen 
einzuhaltenden Gefdiäftsgang liefert der dritte Abfdinitt der Injtruktion ein» 
gehende Vorfchriftcn, während der vierte von den Rcditen und Pfliditen der 
Regicrungsbeamten handelt. Überall tritt darin das Beftreben hervor, nidit 
nur die Kompetenzen der einzelnen Abteilungen, fondern audi der Unter- 
gruppen in klarer und beftimmter Weife feß:zulegen, damit der Gefdiäftsgang 
nidit durdi Zuftändigkcitskonflikte Verzögerungen zu erleiden braudite. Und 
ausdrüd<lidi wird hervorgehoben, daß die kollegiale Zufammenfetzung der 
Regierungen nidit dazu dienen folle, die freie und felb(tändige Wirkfamkeit des 
einzelnen Beamten einzufdiränken und das Verantwortlidikeitsgefühl für eine 
gründlidie und vorfdiriftsmäßige Bearbeitung der zu erledigenden Gegenftände 
abzufdiwädicn. Durdi die Direktoren, denen die befondere Auffidit über das 
Pcrfonal, den Gefdiäftsgang und Betrieb ihrer Abteilungen zultand, und den 
den Mittelpunkt der Verwaltung bildenden Präfidcnten glaubte man eine fidicre 
Kontrolle über die Arbeiten der Regicrungsbeamten gefdiaflFen zu haben. Der 
Präfident und die Direktoren bildeten zufammen das Präfidium der Regierung, 
dcffcn Verfaffung zunädift alfo ebenfalls kollegialifdi angelegt war. 

Für die Rheinlande maditc aber die vormalige Exiltenz befondcrer Ver» 
waltungsgeridite, der Präfckturräte, denen die Entfdicidung in Streitigkeiten 
zwifdien Gemeinden und Eingefcdcnen wegen öffentlidier Einriditungen, in 
Differenzen über Stcucrberedinung, bei Prozeffen zwifdien Städten und ihren 
Gläubigern, zwifdien den Domänenverwaltungen und Käufern oder Päditern 
von Domänen ufw. obgelegen hatte und die audi den Kommunen gegenüber 
in Verwaltungsfadien weitergehende BefugnifTe gehabt hatten, eine andere 
Regelung notwendig. Dazu kam, daß die Polizeiordnung vom 26. Dezember 
1808, auf der die Verordnung vom 30. April 1815 aufgebaut war, den Regie» 
rungen das Redit zu exekutivifdien Maßregeln beilegte, das die franzöfifche 
Gefctzgcbung den Verwaltungsbehörden nidit zugeftand. Endlidi bedeutete die 
Unterficllung der gefamten Polizei unter die Regierungen einen voll(tändigen 
Brudi mit den Grundfätzen der franzöfifdien Polizeiverwaltung, bei der eine 
flchcre Sdieidung zwifchcn adminiftrativen und geriditlidien Fällen vollzogen 
war, fo daß die Polizeiorgane fowohl in den Verwaltungsbehörden als audi in 
den Geriditen ihre Vorgefetzten zu fehen hatten. 

Unter Beifcitcfdiicbung der von der ImmediatsJultizaKommiffion ausge» 
arbeiteten Regulative fand die vom Gcfamtminifterium erlalfenc Anwcifung für 
die Regierungen und Gerichte über die bis auf anderweite Verordnung von 
denfelben zu beobaditcnden Grenzen ihrer gcgcnfeitigen Amtsbefugniffc, das 
fogenanntc Reffortrcglemcnt vom 20. |uli 1818, die Löfung dicfcs Problems 
darin, daß {\e alle Gcfdiäftc, die als Vcrwaltungsmaßnahmcn angcfprodicn 
werden konnten, in Baufdi und Bogen den Regierungen übertrug. Ferner blieb 
den Regierungen die Verwaltung der Polizei, indem ihnen allein die Polizei» 
prüOdenten, Direktoren und anderen Polizeibcamten untergeordnet wurden, 
mit deren Hilfe {iz die Ausführung der Polizeigcfetzc zu überwadien hatten. 
Zu den Attributen der gerlditlichen Behörden redincte man die Entdediung von 
Qbertretungen der Strafgefetze, Ausmittelung des Tatbeftandcs, Verfolgung 



D II. Die staatlichen Behörden: Die Regierungen und ihre Unterbehörden 101 

und ßcfirafung der Täter. Die Polizeiorganc wurden nur verpflichtet, ihre 
Unterfuchungsermittelungen ohne Verzug den )u(tizbehörden bekannt zu geben 
und wegen Vergehen oder Verbrechen Verhaftete den Geriditen vorzuführen. 
Daj} fie aber audi, nachdem die Geridite die Unterfudiung in die Hand genommen 
hatten, fich der In{truktion gemäß weiter an der Aufdeckung der Straftaten 
beteiligen follten, war nicht im Sinne des franzöflfchen Geridits Verfahrens. 
Entgegen den Wünfdien einzelner Regierungen be(timmte das Reflbrtreglement 
nur, daß wcnigjtens ohne Verfügung des zujtändigen Gerichts oder Genehmigung 
des öffentlidien Miniftcriums Steckbriefe nicht erlaflcn werden dürften. Die 
Strafgewalt der Regierungsbeamten erkannte es jedoch ausdrücklich an. Die 
Rechte, die in § lo der franzöfifchen Kriminalprozeßordnung dem vormaligen 
Präfekten eingeräumt gewefen waren, bei wichtigen, die Sicherheit des Staates 
und die Erhaltung der öffentlichen Ordnung bedrohenden Vorfällen einzu« 
greifen, gingen an die Oberpräfidenten über. 

Im Geltungsgebiete des franzöflfchen Rechts hatten die Regierungen auch 
die obere Leitung des Gefängniswcfens. Die früher von den Kreifen unter» 
haltenen fogenannten Kantonsgefängniffe fmd durch Gefetz vom 30. Juni 1887 
ebenfalls in die Verwaltung des Staates übergegangen. 

Das kollegialifdi eingcriditete Präfidium bei den Regierungen bewährte {idtx 
nicht. Deshalb verfügte die königliche Order vom 31. Dezember 1825 betreffend 
eine Abänderung in der bisherigen Organifation der Provinzialverwaltungs» 
behörden, mit der eine Gefchäftsanweifung vom gleidien Tage erlaffcn wurde, 
daß fortan der Präfident allein an der Spitze der Regierung (tchen folle; fein 
Wirkungskreis umfaßte nunmehr den des früheren Präfidiums mit. Und an 
Stelle der bisherigen zwei Abteilungen, die in verfchiedene Sektionen gegliedert 
waren, traten jetzt bei Regierungen von größcrem Umfange deren vier. Die 
er(te, die Abteilung des Inneren, übernahm die Gefchäfte der früheren Abtei- 
lung I. Zugelegt wurden ihr aus der Abteilung II alle Gewerbe», Fabrik» und 
Handelsfachcn ufw,, die Münz», Maß» und Gewichtspolizei, die Verwaltung der 
Lands und Waffcrjtraßen und das gefamte Bauwefen, fo daß fie jetzt die innere 
Landesverwaltung vollftändig in fich begriff und danach auch bezeichnet wurde. 
Die in der Order in Ausficht genommene Einführung einer befonderen Abtei» 
lung (II) für Kirchenverwaltung und Schulwefen fand am frühe[ten bei der 
Regierung in Düffeldorf im Jahre 1877 (tatt. Für die übrigen vier Regierungen 
ijt fie er(t 1888 errichtet worden, als das Gefetz über die allgemeine Landes» 
Verwaltung vom 30. Juli 1883 auch in der Rheinprovinz Geltung erhielt. 

In Sdiulfachen bedienen fich die Regierungen der Kreisfchulinfpektoren als 
Auffichtsorgane, neben denen audi noch Ortsfchulinfpcktoren tätig find. Die 
Sdiulinfpektoren fmd 1874 in Verfolg des Schulauf fichtsgefetzes von 1872 an 
Stelle der früheren gciftlichen Schulpfleger getreten. 

Für die innere Landesverwaltung (tehen den Regierungen als lokale Organe 
die Landräte in den Kreifen und die ßürgermeijter in den Städten und in den 
Samtgemeinden zur Verfügung. In jedem landrätlichen Kreife befindet fich 
ein Kreisarzt, früher Kreisphyfikus genannt, welcher die Medizinalpolizei band» 
habt und die Aufficht über die Medizinalpcrfonen führt. In feinen perfönlidien 
Amtsverrichtungen von der Regierung abhängig, gilt er fonft als technifcher 
Berater des Landrats. Dem Kreisarzt können nach Bedarf Hilfsärzte beigegeben 
werden. Die früher in den Kreifen vorhanden gewefcncn Kreiswundärzte find 
feit 1852 allmählich vcrfchwundcn, nachdem die neuere Anfchauung von der 



102 III. Th. llgen, Organisation der staatlichen Verwaltung und der Selbstverwaltung a 

Einheit der Heilkunde durchgedrungen i(t. Das Vetcrinärwefen im Regicrungs« 
bezirk vc/ird durdi einen Departemcntsticrarzt und Kreistierärzte beforgt. 
So lange der Straßenbau noch nicht an die Provinzialverwaltung abgegeben war, 
hatten die Kreisbauämter oder die Kreisbauinfpektionen, wie fie auch genannt 
wurden, die jedoch nidit mit den landrätlidien Kreifen zufammenfielen, vor« 
nehmlidi für die Unterhaltung der in ihrem Bezirk gelegenen Straßen zu forgen; 
außerdem war ihnen die Verwaltung der (taatlidien Bauangelcgenheiten und 
die Wahrnehmung der Baupolizei übertragen. Die Kreisbauinfpektionen fmd 
in den letzten Jahren in Hochbauämter umgewandelt. Neben den zahlreidiercn 
Hodibauämtern be(tehcn vereinzelte WaHcrbauämtcr, weldie die Wa(Terbaua 
fadien des Regierungsbezirkes oder be{timmter Gebiete desfelben zu beforgen 
haben, fowcit fie nidit als Angelegenheiten der Rheinftrombau= und Ruhr« 
fchiffahrtsverwaltung anzufehen find. Der Wafferbau an der Lippe und an der 
Ruhr wurde zunächlt dem weftfälifchen Oberpräfidenten von Vindie, der fidi 
feiner fdion als Generalgouverneur des Gouvernements zwifdien Rhein und 
Wefer lebhaft angenommen hatte, überlaffen. Ihm verdankt der Ruhrorter 
Hafen, deffen Ausbau 1820 begonnen wurde, rege Förderung. Als von Vind<e 
im Jahre 1845 geftorben war, ging die Ruhrfdiiffahrt auf der fchiffbaren Stredtc 
von der Mündung der Ruhr in den Rhein bis Witten in Wep:falen an den Düffel» 
dorfer Regierungspräfidenten und von 1850—1888 an die Regierung dafelbjt 
über. Mit der Anordnung und Unterftützung der Vorarbeiten zu dauernden 
Bodenverbefferungen, deren Förderung fonft fpäter zum Teil der Provinz 
übertragen ift, befaffen fich die den Regierungspräfidenten unterftellten 
Meliorationsbauämter. Beim Eifenbahnbau werden in den entfp rechenden 
Dezernaten der Regierungen nur das Verkehrsbedürfnis und die Linien» 
führung in bezug auf die landespolizeilichen Erforderniffe geprüft, damit die 
wahrzunehmenden öffentlichen wie privaten Intercffen nach MögUdikcit Berück« 
fichtigung finden. 

Infolge des gewaltigen Auffdiwungs der Induftrie hat die Verwaltung des 
Gewerbewefens bei einzelnen Regierungen, fo insbefondere bei den Regierungen 
in Düffeldorf und Köln, einen bedeutenden Umfang angenommen. Die Auffidit 
über die gewerblidien Betriebe, für die bereits in den fünfziger Jahren bei 
einzelnen Regierungen ein Fabriken» Infpektor angejtellt war, über die Sonntags» 
arbeit, die Arbeitsordnungen und insbefondere die Befchäftigung jugendlicher 
und weiblicher Arbeitskräfte, wird unter der Kontrolle des Regierungspräfi» 
denten durch Regicrungs» und Gewerberätc ausgeübt, denen die auf örtliche 
Bezirke verteilten Gewerbeinfpektoren unterjtellt fmd. 

Nachdem die f ranzöfifche Gefetzgebung das früher kleinftaatlichc Konzefflons- 
wefen für Indujtrieanlagen zum großen Teil völlig befcitigt und den Zunftzwang 
beim Handwerk abgefchafFt hatte — Grundfätze, zu denen fich auch die 
preußifche Regicrungsinftruktion vom 23. Oktober 1817 bekannt hatte, indem 
in deren § 7 die Gewerbefreiheit in allgemeinen Ausdrücken gewährleiftet war—, 
wurde die am 17, Januar 1845 für die gcfamte Monarchie erlaffene Gewerbe» 
Ordnung, die den Verfuch machte, auf diefen Gebieten wieder (tärkere Bc» 
fchränkungen und eine fchärfcrc Kontrolle durchzuführen, in den Rheinlanden 
nicht mitBegeifterung begrüßt. Zudem erwicfcn fich die auf Grund der Gewerbe» 
Ordnung errichteten Innungen ebenfowenig lebensfähig wie die Gewerberäte, 
die, aus Mitgliedern des Handwerks, des Handels und der Induftrie gebildet, 
als Beiräte für die gewerblichen Betriebe dienen follten. 



11. Die staatlichen Behörden: Die Regierungen und ihre Unterbehörden 103 



Die wirkfamften Vertretungen von Handel und Induftric wurden die 
Handelskammern, die audi bei den feit 1900 eingeführten Handwerkskammern 
Pate ge|tanden haben. Nur übt über die letzteren der Staat ein unmittelbares 
Auffiditsredit aus, indem von der Ortsregierung zur Teilnahme an den Sitzungen 
ein befonderer Staatskommi(Tar beftcllt i(t, was bei den Handelskammern nidit 
gefdiieht. 

Die Rheinprovinz hat den Vorzug, außer über den mächtigen Rhein|lrom 
audi nodi über die Saar, die Mofcl, die Lahn, die Ruhr und die Lippe als 
natürlidie Sdiiffahrtswege zu verfügen. Der mannigfadie SdiifFs verkehr, der fich 
auf diefen Flüffen entwickelt hat, hat dazu geführt, eine Reihe von Behörden 
und Kommiffionen feit den dreißiger und vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts 
an den Hauptverkehrsorten neu zu fchaffen, über welche die Regierungspräßa 
denten die Auffidit führen. Dazu gehören die Hafenkommiffionen, die Sdiiffs» 
unterfudiungskommiffioncn, die Sdiiffscidiämter, Schiffsvermeffungsbehördcn 
und die Lotfenprüfungskommiffionen. 

Die III. (II.) Abteilung der Regierungen, auch Finanzabteilung genannt, 
umfaßt die Verwaltung der direkten Steuern und der Domänen und For(ten. 
Da unter den direkten Steuern im Anfang des Jahrhunderts die Grundfteuer 
die wichtigfte war, nadi der aud^ die Kommunalabgaben der Provinz und der 
Unterbezirke umgelegt wurden, ward diefer Abteilung auch die Katafterinfpektion 
angefchloffen, welche die unter der Frcmdhcrrfchaft begonnene Aufnahme eines 
Parzellarkata(ters in jedem Regierungsbezirk weiterzuführen hatte. Die fünf 
Katafterinfpektionen der Rheinprovinz, zu denen fpäter in den einzelnen Re» 
gicrungsbezirken mehrere Steuer«, Kontroll= und Fortfdircibungsbezirke hinzu» 
traten, unterftandcn bis 1834 und wiederum feit 1855 zugleidi der Generale 
direktion des Grundfieuerkata(ters für die rheinifch=we(tfälifchcn Provinzen, die 
in Münjter i. W. ihren Sitz hatte und der die fchwierige Aufgabe zufiel, die Löfung 
der gerade in der Rheinprovinz fo heftig um(trittenen Grundfteuerfrage vor= 
zubereiten. Sie erfolgte vorläufig durch das Grundfteuergefetz vom 31. Januar 
1839, das die in ihren Wirtfchaftsformen gleichartigen Provinzen Rheinland und 
We(ifalen zufammenfchloß. Eine allgemeine Neuregelung für den preußifchen 
Staat führten erft die Gefctze vom 21. Mai 1861 über die Grundjteuer und die 
Gebäudefteuer herbei, zu denen eine Verordnung vom 12. Dezember 1864 
befondere Vorfdiriften für die we(tlichen Provinzen erließ. Die neuen Steuern, 
die an Stelle der im Wejten bisher üblich gewefenen PerfonaU und Mobiliar« 
(teuern und der Patentfteuer durch die Gefetze vom 30. Mai 1820 eingeführt 
wurden, die Schlacht» und Mahlftcuer für die größeren Städte, die bis zum 
1. Januar 1875 als Staats(tcuer beftand, die Klafl"en(teuer für das platte Land 
und die kleineren Städte und die Gewerbefteuer fanden naturgemäß in den 
Rheinlandcn keine günftige Aufnahme. Insbefondere war die Mahl= und 
Sdilachtfteuer, gegen deren Zweckmäßigkeit fich übrigens auch die Oberpräfia 
denten der rheinifchen Provinzen energifdi ausgefprochen hatten, unbeliebt, 
weil fie von der Scheidung von Stadt und Land ausging und überdies den 
Städten eine ihrer wichtigftcn Einnahmequellen, die fie bisher in Form des 
Oktroi erhoben hatten, wegnahm. Die Klajlcn (teuer, die anfangs durdi einen 
geringen Höch(tfatz begrenzt war, hat zwar, nachdem fie durdi das Gefetz vom 
1. Mai 1851 in eine klaffifizierte Einkommenfteucr umgewandelt war, eine 
gercditere Verteilung der Steuerlaft nadi der Leiftungsfähigkeit herbeigeführt. 
In verbelJcrtcr Weife hat diefen Zwed< jedoch er(^ das Einkommenfteuergefetz 



104 III. Th. Ilgen, Organisation der staatlichen Verwaltung und der Selbstverwaltung d 

vom 24. Juni 1891 zu erreichen vermocht, nach welchem das fteuerfähigc Ein« 
kommen durch eine Selbjteinfchätzung fe|tge(tellt vjcird, die der Prüfung lokaler 
Vcranlagungskommiffionen — in den Kreifen unter dem Vorfitz des Landrats, 
in den größeren Städten unter dem von befonders ernannten Kommijjaren — 
unterliegt. Die mit der Erhebung der direkten Steuern beauftragt gewefenen 
zahlreichen jtaatlidien Steuerkaden, die mit den Regierungshauptkaflcn in 
direktem Gefchäftsverkehr (tanden, fmd durdi die Verordnung vom 22. Januar 
1894 in den Provinzen aufgelöft worden, weil nunmehr den Gemeinden die 
Hebung der Steuern übertragen wurde. 

Die Erledigung des KaJTens und Redinungswefens aus der Zeit bis zum 
Schluß des Jahres 1815, die Einforderung der Aktivrefte und das Bezahlen der 
Forderungen beforgte für das linke Rheinufer die General=Tilgungskommiffion 
in Aachen, für das redete die Kommiffion zur Liquidierung der Verwaltungs» 
rüdijtände des ehemaligen Großherzogtums Berg in Düflcldorf, deren Tätigkeit 
1822 beendigt war. In ähnlidier Weife wurden die angemeldeten Privatforde» 
rungcn der Einwohner in den prcußifchen Rheinprovinzen an Frankreich durch 
eine GeneraULiquidationskommiffion in Aadien für das linke und durdi eine 
GeneraULiquidationskommiffion zu Düffeldorf für das rechte Rheinufer ge« 
prüft und geltend gemadit. 

Bedeutete die Revolution von 1789 in Frankreidi vor allem eine Neuauf* 
teilung des Grundeigentums, indem mindeftens die Hälfte von Grund und 
Boden damals in andere Hände gelangt ijt, fo hat die franzöfifdie Herrfchaft 
am Rhein nidit in dem Umfang eine Bcfitzrevolution hervorgerufen, weil fdion 
vor diefer Zeit hier der ehemalige Großgrundbefitz (tark zerfplittert und an 
kleinbäuerliche Wirtfdiaften ausgetan war. Und die Säkularifation hat zwar den 
(taatlichen Domänenbeftand für den Augenblidt vermehrt, aber durch die Vera 
äußerungen auf Grund des Gefetzes vom 25. November 1802 auf der linken 
Rheinfeite, durch die napoleonifchen Dotationen, die Abfindungen an die Pfarr» 
kirchen und Schulen und die Zahlung der Penfionen an die ehemaligen Klofter« 
infaffen i(t er noch während der franzöfifchen Periode wieder fehr (tark zufammen» 
gefchmolzen. Was aus diefem Erbe, abgefehen von dem ehemaligen Domänen» 
befitz im Herzogtum Kleve, 1815 an den prcußifchen Fiskus gefallen i(t, beftand 
vorwiegend in kleinen, verftreut gelegenen Grundparzellen und in Renten, die 
für beftehengebliebene grundherrlidie Abgaben, Zehnten und Obercigcntums» 
redite gezahlt wurden. Auch eine größere Zahl von Domanialmühlen gab es 
noch zu Beginn der prcußifchen Hcrrfchaft am Rhein. Da jedoch die Verwaltung 
diefer fo (tark zcrfplittcrten Domänengüter und =Gcfälle unverhältnismäßig 
große Vcrwaltungsko(tcn verurfachte, fo wurde in den näch(tcn Jahrzehnten nach 
der Befitzergreifung zu deren Verkauf gcfchrittcn, der nadi den BeJ^immungen 
der Verordnung vom 9. März 1819 über die reditliche Natur der Domänen in 
den neuen und wiedererworbenen Provinzen erfolgte. Die Erträge daraus floffcn 
ausfchiießlich dem Domänenfiskus zu. 

Zunächft aber kam es für die preußifdicn Regierungen in den Rhein« 

f>rovinzen darauf an, den DomänenbeOtz überhaupt er[t auszumitteln, was 
chon dadurch erfchwert wurde, daß infolge der veränderten Verwaltungs- 
organifation die Befltztitel unter den neuen Behörden ausgctaufcht werden 
mußten, abgefehen davon, daß bei der Flucht der Franzofen auch darauf bezüg- 
liches Aktenmaterial mitgeführt worden war. Zu diefem Zweck wurden bei den 
einzelnen Regierungen Kommifflonen zur Liquidficllung der Domänengefälle 



n II. Die staatlichen Behörden: Die Regierungen und ihre Unterbehörden 105 

und zur Ermittlung verdunkelter, verweigerter oder illiquider Domänengefälle 
eingerichtet, die ihre Tätigkeit in den er(ten zwanziger Jahren ausgeübt haben. 
Ihre Gcfchäfte find dann allmählich an die örtlidien Renteien übergegangen. 
Sie hat man fukzeffive aufgclöft, je nachdem der Domänenbe|tand im Bezirk 
durch Veräußerung abgejtoßen wurde. Von ehedem 23 Rentämtern im Re= 
gierungsbezirk DülTeldorf be(tanden 1866 noch je eine in Kleve und Dinsa 
laken, weil hier noch größere Pachtgüter aus vorfranzöfifciier Zeit erhalten 
geblieben waren. Heutigen Tages find auch fie aufgelöft, da die Güter in dicfer 
Gegend ebenfalls verkauft find. In den Regierungsbezirken Koblenz und Trier 
i(t noch Domanialbefitz vorhanden, der zumei(t aus Weinbergen be(teht. Deshalb 
hat man der Regierung in Trier eine befondere (taatlidie Weinbaudirektion 
angegliedert, unter deren Aufficht auch die Domänenkellerei dafelb(t verwaltet 
wird. Bei der Regierung in Aadicn gibt es ebenfalls eine Domänenadmini|tration 
für einige größere, zumci(t in der Eifel gelegene Domänengütcr. 

Son(t haben fidi die Domänenabteilungen der Regierungen nodi vielfach 
mit den Anfprüchen zu befdiäftigen, welche katholifche Kirdien, infofcrn fi^ 
ehemalige KJofterkirchen oder Klöftern inkorporierte Kirchen gewefen find, 
gegen den Fiskus als Befitzer des fäkularifierten Kirchengutes auf Beiträge zur 
Unterhaltung der Kirchen und Pfarrhäufcr erheben. Zur Zeit macht audi die 
Feß:(tellung der Fifchereigerechtfame und des {taatlichen Anredits insbefonderc 
an den Rheinwerdern nicht feiten eingehendere hi{torifAc Unterfudiungen 
notwendig. 

Im Zufammenhang hiermit fei der großen Verdienfte der Regierungen um 
den einheitlichen Ausbau der Deiche gedacht. Die Regelung diefer Angelegenheit 
geftaltete fich um fo fchwieriger, als die namentlich am Niederrhein beftehendcn 
Deichverbände oder Deichfehauen — mit die älteften genoffenfchaftlidien Organi« 
fationen, die in den Rhcinlanden vorhanden find und fich bis heute in der alten 
Form erhalten haben — beim Beginn der preußifchen Herrfdiaft mci(t fehr (tark 
verfchuldet waren. Zahlreiche neue Verbände wurden befonders am oberen 
Rheinlauf gegründet. In diefen handhabt der Deidihauptmann die örtliche 
Deichpolizei, während die (taatliche Auffidit innerhalb der Regierungsbezirke 
durch königliche Oberdeichinfpektoren ausgeübt wird. 

In Regierungsbezirken, in denen eine entfprechende (taatliche For(ifläche 
vorhanden i(t, leitet das For(twefen ein Oberfor[tmei|ter, dem Forfträte (früher 
mit dem Titel Forftmeijter), die am Sitze der Regierung wohnen, zur Seite (tehen. 
Die Forfträte verwalten gleichzeitig eine der Forftinfpcktionen, in welche die 
einzelnen Regierungsbezirke geteilt find, und führen die Aufficht über die Ober» 
för(l:ercien ihrer Infpektion fowic die Überwachung des For(thaushalts. Da der 
fiskalifche For(tbefitz in den Regierungsbezirken Düfleldorf und Köln gering i|t, 
beftcht hier nur je ein Infpektionsbezirk mit fünf bezw. vier Oberförftereien, 
von denen bei Düffcldorf vier auf das alte klevifche Gebiet fallen. Dagegen 
zählt der Regierungsbezirk Aachen drei For(tratsbezirke mit zehn Oberförftereien, 
Koblenz vier mit elf Oberförftereien und Trier fünf mit 18 Oberförftereien. 
Den Oberförftern liegt die eigentliche Betriebsverwaltung ihrer Forftrevicre 
ob, wozu ihnen Förftcr und Forftauf feher beigegeben find. Der Waldbeftand, 
Holzfchlag und Kulturbetrieb fowohl wie die Jagden find ihrer Fürforge anver« 
traut. Die Verwaltung der Kommunalforften ift zwar durch die Verordnung vom 
24. Dezember 1816 betreffend die Verwaltung der den Gemeinden gehörigen 
Forften, die am 12. Auguft 1839 erneuert wurde, von der der königlichen Forjtcn 



106 HI. Th. Ilgen, Organisation der staatlichen Verwaltung und der Selbstverwaltung □ 

getrennt, den Regierungen (teht jedodi das Auffichtsredit darüber zu, das 
gewöhnlidi im Rahmen der Forftinfpektioncn ausgeübt wird, denen die 
in ihrem Bezirk liegenden Kommunal=Oberför(tereien zugeteilt find. 

Die Verordnung vom 31. Dezember 1825 hatte zwar auch bei den Regier 
rungen eine IV. (111.) Abteilung zur Verwaltung der indirekten Steuern vors 
gefehen, jedodi nur dort, wo nicht eine befondere Steuerdirektion für die ganze 
Provinz erriditet war. Sie i(t für die Rheinprovinz, wie wir nodi (unten S. 143) 
hören werden, 1824 in Köln etabliert worden. 

Mit der Bearbeitung der Kajlcns, Etats= und Redinungsangelegenheiten 
wurde gemäß der Gefchäftsanweifung vom 31. Dezember 1825 ein Rcgicrungs= 
KalTenrat betraut, deffen Tätigkeit naturgemäß auch in die Gefchäfte der ein» 
zelnen Abteilungen der Regierungen eingreift. Er waltet feines Amtes unter 
fpezieller Leitung des Regierungspräfidcnten. 

Obgleich die Neuordnung von 1825 die kollegiale Spitze der Regierungen, 
deren mehrköpfigcs Präfidium, befeitigt hatte, hielt man an der altüberlieferten 
Kollegialverfaffung, an der Erledigung der Gefchäfte in gemcinfamen Beratungen 
entweder durdi die Plenarverfammlungen des Regierungskollegiums unter dem 
Vorfitz des Präfidenten oder durch die Abteilungsfitzungen unter der Leitung 
der einzelnen Dirigenten fe(t. Den letzteren wurde der Direktorentitel genom» 
men und dafür der Charakter von Oberregierungsräten verliehen. Ihnen gefeilte 
man den Oberforjtmeifter als IS/Iitdirigenten zu. Von den Befchlüffen der Abtei« 
lungen fand für den Fall, daß der Dirigent bei der Abftimmung in der Minderheit 
blieb, mit Genehmigung des Präfidenten ein Rekurs an das Plenum (tatt. In 
diefem hatten nur die Ober= und Regierungsräte ein volles Votum. Die tech= 
nifdien Mitglieder, die geiftlichen, Sd»ul=, Medizinal= und Bau=Räte, ferner die 
technifchen Forftbeamten waren bloß in Angelegenheiten ihres befonderen 
Gefchäftskreifes (timmbereditigt. 

Hätten die organifdicn Gefetze des Jahres 1850, die in Verfolg der Vera 
faffungsurkundc vom 3 1 . Januar 1850 erlaffen wurden, die Gemeindeordnung vom 
11. März 1850 und die Kreis=, Bezirks» und Provinzialordnung von dem gleidien 
Tage, eine längere Lebensdauer oder überhaupt praktifche Wirkfamkeit gehabt, 
fo wären tiefergreifende Änderungen auch in der Organifation der (taatlidien 
Behörden fchon damals die notwendige Folge gewefen, weil jene Gcfetzc das 
Prinzip der Selbftverwaltung nidit nur für die Gemeinden, fondern audi für 
die Kreife, Bezirke (Regierungsbezirke) und Provinzen proklamierten. Zu den 
Bezirksangelcgenheiten follten die Bezirksftraßen und die Inflitute, welche 
Eigentum des Bezirks waren, gehören und der Verwaltung eines Bezirksrates 
unterftellt werden. Damit wäre den Regierungen diefer Teil ihrer Gefchäfte 
fchon damals abgenommen worden, der er(t fpäterauf die Provinzialverwaltungen 
übergegangen i(t. Indeffen nur die Gemeindeordnung hat ein paar Jahre 
gegolten; die Kreis», Bezirks« und Provinzialordnung hingegen i|l aus» 
fchlicßiich Gefctzgcbungsmaterial geblieben, wenn aud> die in ihr enthaltenen 
Gcflditspunkte bei der fpäteren Regelung der allgemeinen Landesvcrwaltung 
zum Teil maßgebend geworden fmd. Zuvor mußte der preußifche Staat feine 
Vormachtfteliung in Deutfchiand mit den WafFcn begründen und im Kampfe 
mit Frankreich die Weftgrenze dauernd feftlegen, um mit Erfolg an die Reform 
Im Innern herantreten zu können. Sie wurde eingeleitet durch die Kreisordnung 
vom 13. Dezember 1872 für die Provinzen Preußen, Brandenburg, Pommern, 
SchleHen und Sachfen. 



o n. Die staatlichen Behörden: Die Verwaltungsgerichte 107 

Obwohl zunädift der 1873 von der Staatsregierung dem Landtag der 
Monarchie vorgelegte Entwurf einer Provinzialordnung für den Bereidi der 
Provinzen der Kreisordnung von 1872 abgelehnt wurde, fo folgten fidi doch 
nunmehr in kurzen Abftänden die Gefetzc, durch welche die kommunale Ver» 
waltung in den Provinzen er(t eigentlich neu ausgebildet und als fclb(tändiger 
Faktor neben die (taatliche Provinzialverwaltung getreten i(t. Seit dicfer Zeit 
haben die (taatlichen Behörden in den Provinzen vielfach auf das Beiwort 
„Provinzial" in ihrem Titel verzichtet. Es war naturgemäß, daß bei den Ver» 
Handlungen über die neuen Gefetze die Stellung und Wirkfamkcit der (laatlidien 
Behörden in den Provinzen aufs eingehend(te erörtert wurde, um fo mehr, als 
jene darauf abzielten, deren Gcfchäftsbereich auf verfchiedenen Gebieten einzu» 
fchränken. Das führte 1875 auch im Abgeordnetenhaufe zu lebhaften Debatten 
über das Verhältnis der Oberpräfidien und Regierungen zueinander, die an 
den Streit aus den Jahren 1815 — 1825 anklingen. Faft fämtliche Parteientraten 
zunäch(t für Abfchaffung der Poften der Oberpräfidenten ein. In der Einrichtung 
der Regierungen neben dem Oberpräfldium herrfche der Parallelismus zweier 
den gleichen Zwecken dienenden Behörden, die vielfach die nämlichen Gefchäfte 
zu erledigen hätten, zu (tark vor. Man hielt es für möglich, die Staatsverwaltung 
oberhalb des Kreifes in der Provinzialinftanz zu vereinigen. Den Obcrpräfi^ 
denten follten, wie das fchon in der franzöfifchen Departementalverfaffung der 
Fall gewefen war, die nötigen technifchen Behörden, Direktoren ncb(t dem 
entfprechendcn Hilfsperfonal für Domänen und For(ten, Steuern, Sdiulen, 
Kirchen ufw. beigegeben werden. Die Staatsregierung aber kämpfte mit allen 
Kräften für die Beibehaltung des bisherigen Zujtandcs, und es gelang ihr denn 
auch, die Führer der Parteien des Abgeordnetenhaufes zu ihrer Anficht herüber« 
zuziehen. So kam es nicht zu einer Reform an Haupt und Gliedern der Staats^ 
behörden in den Provinzen, fondern die vorhandenen Glieder wurden nur etwas 
gelenkiger gemacht, und für die Anfätze von neuen Gelenken, die fich gebildet 
hatten, wurden die nötigen Lebensbedingungen gefchaffen. 

Das verwaltungsrechtlich bedcutfamlie Ereignis war die Errichtung von 
Verwaltungsgcrichten, die teils an kommunale Injtitutionen, teils an (taatlidie 
Behörden angefchloffen wurden und im Oberverwaltungsgericht für die gefamte 
Monarchie ihre Spitze erhielten. Darf man fdion das Gefetz über das Verfahren 
bei Kompetenzkonflikten zwifchen den Gerichten und Verwaltungsbehörden 
vom 8. April 1847, durch das eine Kommiffion des Staatsrats zur Entfcheidung 
folcher Fälle eingefetzt wurde, als eine Anpaffung an den Wirkungskreis des 
napoleonifchen Staatsrats bezeichnen, fo bedeutet das Gefetz vom 3. Juli 1875 
über die Verfaffung der Verwaltungsgerichte und das Verwaltungs(treitverfahren 
offenbar ein teilweifes Zurückgreifen auf Einrichtungen, wie fie in den Rhein« 
landen während der franzöfifchen Departementalverfaffung be(tanden hatten. 
Durch dicfes Gcfetz wurde nicht nur das Oberverwaltungsgericht neu gefchaffen, 
es ficht auch Kreis=, Bezirks« und Provinzialverwaltungsgerichte vor. Übrigens 
hatte bereits die Kreisordnung vom ij. Dezember 1872 für jeden Regierungs= 
bezirk die Errichtung eines befonderen Verwaltungsgerichtes angeordnet, deffen 
Funktionen einftweilen der betreffenden Regierung übertragen werden follten. 
Das mit dem Gcfetz vom 3. Juli 1875 ^^ engften Zufammenhang (tchende Gefetz 
vom 26. Juh 1876 über die Zuftändigkeit der Verwaltungsbehörden und der Ver= 
waltungsgerichtsbehörden kommt nidit weiter in Betradit, weil es durch das 
gleichlautende Gefetz vom 1. Augujt 1883 aufgehoben i(l:. Dejfen Vorläufer war 



108 III. Th. Ilgen, Organisation der staatlichen Verwaltung und der Selbstverwaltung a 

das Gcfctz vom jo. Juli 1883 über die allgemeine Landesvcrvcaltung, das eben« 
falls an Stelle eines Gefetzes gleidien Inhalts vom 26. Juli 1880 gerückt ijt. Da 
das Gefetz von 1883 jcdodi eine neue Krcis= und Provinzialordnung zur Voraus= 
fetzung hatte, die für die Rheinprovinz erft in Vorbereitung war, bradite es ihr 
gemäß § 156 zunädiß: nur die Bildung von Bezirksausfchüffen bei den einzelnen 
Regierungen. In den Genuß der übrigen Neuerungen der Gefetze vom 30. Juli 
und 1. Auguft 1883 ift die Rheinprovinz er|t nach Erlaß der Kreisordnung vom 
30. Mai und der Provinzialordnung vom i. Juni 1887 getreten, deren Geltungs= 
dauer mit dem 1. April 1888 begann. 

Ruhte nach der bisherigen Gefetzgebung der Schwerpunkt der {taatlichen 
Verwaltung in den nur aus berufsmäßigen Beamten zufammengefctzten Staats= 
behörden, fo [teilte man jetzt den einzelnen In(tanzen Verwaltungsorgane zur 
Seite, die nur zum kleineren Teil aus Staatsbeamten, überwiegend jedoch aus 
Eingcfeffenen der Provinz beftanden und die berufen waren, vornehmlich in 
Befchlußfachen bei Erledigung der Verwaltungsgefchäftc mitzuwirken und zum 
Teil zugleich als Verwaltungsgeridite zu dienen. So wurde dem Oberpräfidenten 
der Provinzialrat beigegeben, dem Regicrungspräfidenten trat der Bezirks= 
ausfchuß zur Seite, und einen großen Teil der Verwaltung der KreiskommunaU 
angelegenheiten übernahm der Kreis=(Stadt=)Ausfchuß, wie denn Kreis= und 
Bezirksausfchuß den Landrat und die Regierung auch in verfchiedenen Ange= 
legenheiten als Auffichtsbehörde gegenüber den unteren kommunalen Ver= 
bänden abgelöft haben. Neben Bezirksverwaltungsgerichten hatte das Gefetz 
vom 26. Juli 1876 noch Bezirksräte angeordnet, die dann aber mit den Bezirks= 
ausfdiüffen verfdimolzen find. 

Im Provinzialrat i|t die Staatsregierung durch den Oberpräfidenten oder 
deffen Stellvertreter als Vorfitzenden und einen vom Minifter des Innern 
ernannten höheren Verwaltungsbeamten vertreten, wozu fünf Mitglieder nebfi; 
Stellvertretern aus der Zahl der zum Provinziallandtage wählbaren Provinzial= 
angehörigen durch den Provinzialausfchußhinzugcwählt werden. Der ProvinziaI= 
rat wirkt bei wichtigeren, die ganze Provinz betreffenden Angelegenheiten mit 
und entfcheidet über Befchwcrden gegen Befchlüffe des Bezirksausfchufles in 
deffen Eigenfchaft als befchließendes Organ der Verwaltung. Ein Verfahren in 
[treitigen Verwaltungsfachen findet vor dem Provinzialrat nicht (tatt. 

Die mannigfachen Aufgaben, die dem Bezirksausfchuß als Befchlußbehörde 
zugcwiefen find, liegen vorwiegend auf dem Gebiete des Polizeiwefcns — 
Polizeivorfchriften bedürfen feiner Zujtimmung — und in der Regelung kommu» 
nalcr Angelegenheiten der Kreife und Gemeinden, bei Veränderung von Grenzen 
der Kreife oder Gemeinden, bei Feftfetzung der Zahl der Gemeindevertreter, 
in Armcn=, SchuU und militärifchen Vcrpflegungsfachen. In Streitfachen i|t der 
Bezirksausfchuß nicht nur höhere Inftanz über dem Kreis= oder Stadtausfchuß, er 
übt auch zugleich die Vcrwaltungsgerichtsbarkeit im Regierungsbezirk aus, foweit 
dafür nicht der Krcisausfchuß bczw. Stadtausfchuß als zuftändig gilt. Der Bezirks» 
ausfchuß bcfteht aus dem Regicrungspräfidenten als Vorfltzendcn und fcchs Mit= 
gliedern, von denen zwei vom König auf Lebenszeit ernannt werden, und zwar 
je ein Jurift und Vcrwaltungsbcamter. Einer von diefen führt den Titel Vera 
waltungsgerichtsdirektor und ift Stellvertreter des Vorfltzendcn. Für beide find 
ebenfalls Stellvertreter dcflgniert. Die vier anderen Mitglieder nebft der gleichen 
Zahl von Stellvertretern wählt der Provinzialausfchuß aus Einwohnern des 
Regierungsbezirkes, die zum Provinziallandtag wählbar [Ind. 



n II. Die staatlichen Behörden: Die Landratsämter 109 

Das Gcfctz über die allgemeine Landesverwaltung hat aber für die Bezirks= 
regierungen nodi eine weitere grundfätzlidie Änderung im Gefolge gehabt, 
indem das Prinzip der Kollegialität aufgehoben worden i|t, wenigjtens bei der 
Abteilung des Innern (1). Ihre Gcfdiäfte, alfo die der inneren Landesverwaltung, 
find auf den fortan perfönlich verantwortlidien Regierungspräfidenten über= 
gegangen. Statt wie früher in Abteilungsfitzungen werden fie nunmehr zumci|t 
in Befprechungen des Präfidenten mit den einzelnen ihm unterftclltcn Räten 
erledigt, denen fie zur Bearbeitung zugefdirieben waren. Unter Umjtänden 
zieht man Kreis= oder Lokalbeamte, Sadiverftändigc u. a. zur Beratung hinzu. 
Bei der II. und III. Abteilung der Regierungen hat man zwar das Prinzip der 
Kollegialität zunäch(t nodi aufredit erhalten, doch foll es, wie erwähnt, nach der 
geplanten neue(ten Reform ebenfalls dem rein bureaukratifchcn Syjtem Platz 
machen. 

Die Landratsämter. Wie in den übrigen Teilen der Monarchie wurden 
durch die Verordnung vom 30. April 1815 auch in den beiden Rheinprovinzen die 
Regierungsbezirke in Kreife eingeteilt, an deren Spitze zunächft landrätliche 
KommilTarien, fpäter Landrätc, traten. Alle in den Grenzen eines Kreifes 
liegenden Ortfchaften foUten zu diefem gehören, dodi konnten anfehnliche Städte 
mit den Bezirken, die in wirtfchaftlichen Intereffen mit ihnen enger verknüpft 
waren, eigene Kreife, befondere Stadtkreife, bilden. Als größter Umfang für 
die Kreife waren Gebiete vorgefehen, deren Seelenzahl in bevölkerten Gegenden 
im Durchfchnitt nicht über 36 000 Einwohner hinausging; die untere Grenze 
war mit 20 000 Einwohnern feftgelegt. 

Die einzelnen Regierungen machten die neue Einteilung in ihren Bezirken 
durch ihre Amtsblätter mei(t fchon im April oder Mai 1816 bekannt; nur die 
des Regierungsbezirkes Trier i(t in deflcn Amtsblatt nicht veröffentlicht. 

Wenngleich die neue Kreiseinteilung in den Rheinlanden auf die franzö- 
fifdien Arrondiffements zurüdtgriff, fo brachte es doch fdion die Zuweifung von 
Teilen einzelner ehemaligen Departements an verfchiedene Staaten mit fich, daß 
die Bezirke bisweilen geändert werden mußten und die neuen Kreife kleiner 
wurden als die Arrondiffements, an welche fie fich anlehnten. Und die Grenze 
zwifchen den beiden Provinzen Niederrhein und lülich=Kleve=Berg durchfdinitt 
fowohl das Gebiet des vormaligen Roerdepartements als auch das des Groß« 
herzogtums Berg in der Richtung von 0(^en nach Weften und Nordweftcn. 
Als Ziel war für die Regierungen bei der Ncucinteilung aufge(tellt, dahin zu 
jlreben, daß die Kreife mit den Grenzen der älteren Verwaltungsbezirke und 
Kirchfpiele in öbereinftimmung gebradit würden. Das war in dem konfeffionell 
gemifchten bergifchcn Land um fo fchwieriger, als hier die kirchliche Zugehörigkeit 
zum Teil noch durdi die ehemalige Zerfplitterung des Güterbefitzes bedingt 
war. Natürliche Gebirgsgrenzcn — nidit die Wafferläufe als Sdieidelinien — 
und herkömmliche Verkehrsverbindungen follten ebenfalls bei der Kreisorgania 
fation Berückfichtigung finden. Ferner fuchte man den wirtfchaftlidien Zuftänden 
infofern Redinung zu tragen, als Gegenden mit gleicher Induftrie und engeren 
Handelsbeziehungen nadi Möglidikeit in einen Kreis zufammengefaßt wurden. 
Diefem Umftand verdankte der neue Kreis Solingen, deffen Bezirk im Groß= 
herzogtum Berg zum Arrondiffement Elberfeld gehört hatte, feine Entftehung. 
Man ließ die ftahlfabrizierende und =bearbeitenHe Gegend: Solingen, Rem» 
fdieid, Burg und Kronenberg, einen Kreis bilden, von dem das Flachland 
nadi dem Rheine zu, in dem die Landwirtfdiaft vorherrfchte, als Kreis Opladen 



110 in. Tli. Ilgen, Organisation der staatlichen Verwaltung und der Selbstverwaltung d 

abgetrennt wurde. Jedoch eine Kabinettsorder vom 30. Oktober 1819 vereinigte 
die Kreife Opladen und Solingen wieder zum Kreife Solingen. Desgleidicn 
erfolgte durdi Kabinettsorder vom 24. September 1820 die Vereinigung der 
Kreife Elberfeld und Mettmann. 

Zufammenlegungen zweier Kreife haben bald nadi der er(ten Kreiscin= 
teilung ferner (tattgefunden bei den Kreifen Linz und Neuwied, Braunfels 
und Wetzlar im Regierungsbezirk Koblenz, bei Blankcnheim und Gemünd 
(Seh leiden), St. Vith und Malmedy im Regierungsbezirk Aachen, bei Leches 
nich und Rheinbadi, Siegburg und Uckerath (Siegkreis) im Regierungs= 
bezirk Köln. Im Regierungsbezirk Düffeldorf gab die Vereinigung mit dem Re= 
gierungsbezirk Kleve 1821 Anlaß, die Kreife Dinslaken und Effen mit Duis= 
bürg als Kreisftadt zu einem Kreife zu verfchmelzen, was durch Kabinetts= 
erder vom 27. September 1823 gefchah. 

Bcfondere Stadtkreife waren 1816 urfprünglich für die Städte Aachen, 
DülTeldorf, Koblenz, Köln und Trier vorgefehen, indeffen verfchwand der Stadt= 
kreis Koblenz bereits bei der verbefferten Einteilung des Regierungsbezirkes 
im Frühjahr 1817 wieder, und Düffeldorf erlitt das gleiche Schickfal. Trier 
bildete zwar einen eigenen Stadtkreis, aber es waren ihm zugleidi elf Land= 
gemeinden zugelegt, die ihrerfeits zu einer Landbürgermeißierei vereinigt waren, 
ein Zuftand, der er(t durdi die neue Kreisordnung von 1887 aufgehoben wurde. 
So blieben als Stadtkreife nur Aadien und Köln übrig, was auch dadurch zum 
Ausdrudi kam, daß in ihnen allein — in Köln feit 1816, in Aachen feit 1818 — die 
örtlidie Polizeiverwaltung einem königlidien Polizeidirektor oder sPräßdenten 
übertragen wurde, der zugleich die Funktionen eines Landrates des Stadtkreifes 
ausübte. Zeitweife, von 1831 — 1853, hat man diefe an beiden Stellen wieder 
von der Polizeidirektion getrennt. 

Die neue(te Entwidlung der Kreiseinteilung hat indeffen den umgekehrten 
Weg genommen, den wir für die er(ten Zeiten der preußifchen Herrfchaft am 
Rhein bcobadjten konnten. Riditunggebend i(t hierfür vorwiegend der indu=> 
ftriclle Auffdiwung geworden, der im Regierungsbezirk Düffeldorf am früheften 
cinfetzte. Nachdem zunädift 1856 der übergroße Kreis Geldern in die Kreife 
Geldern und Mors geteilt war, desglcidien 1857 der Kreis Duisburg in die Land» 
kreife Duisburg und Effen, begann mit den fediziger Jahren die Periode der 
NeufchafFung eigener Stadtkreife. Zuerft fchieden 1861 die Städte Elberfeld und 
Barmen aus dem Landkreis Elberfeld aus, um befondcrc Stadtkreife zu bilden. 
Ihnen folgten 1872 die Stadtkreife Düffeldorf und Krefeld, 1873 Effen, 1874 
Duisburg, 1887 Bonn, Koblenz, Remfcheid und Trier, 1888 M.=Gladbach, 1897 
Solingen, 1900 Oberhaufen, 1901 Mülheim=Rhcin, 1903 Mülheim=Ruhr, 
1907 Rheydt, 1909 Saarbrücken, 1911 Hamborn. Die übrig bleibenden Reß:e 
wurden entweder unter anderem Namen zu neuen Kreifen zufammengefaßt 
— der frühere Landkreis Elberfeld verwandelte fich z. B. in den Kreis Mctt= 
mann — oder wie bei Mülhcim=Ruhr an Nachbarkrcife aufgeteilt. 

Und nun fetzte fchr bald das Auffaugungsfyftem der größeren Städte, 
induftricilc oder Villen»Vororte aus den Landkreifen an fich zu ziehen, ein. 
Zwar 1886 (träubte fleh die Stadt Köln noch, die umliegenden Orte auf der linken 
Rheinfeite: Ehrcnfeld, Nippcs u.a., in feine Gemcinfchaft aufzunehmen; es 
bedurfte zur Eingemeindung, die 1887 (tattfand, cr(t eines (Marken Druckes der 
Staatsregierung. Köln hat dann aber auch auf das rechte Rheinufer übergegriffen, 
Deutz, Kalk,Vingft find ihm angegliedert, und die Eingemeindung von Mülheim« 



D n. Die staatlichen Behörden: Die Landratsämter 111 

Rhein und Mcrhcim in Köln fand im Jahre 1914 (tatt. Aachen und Burtfcheid, 
die {\(h im Anfang des 19. Jahrhunderts geradezu als feindliche Brüder gegen» 
übcrftanden, umfchlingt feit 1897 das gcmcinfame Städteband. Bonn hat durch 
Gefetz vom 1. Juni 1904 feinen Stadtkreis erweitert, um [id\ die Villenvororte 
Poppeisdorf, Keffenich, Endenich und Dottendorf einzuverleiben. Die in dem 
letzten Jahrzehnt von Düffcldorf, Duisburg, Mülheim=Ruhr, Saarbrüdien und 
Effen in Ausficht genommenen Einverleibungen von benachbarten Städten und 
Landgemeinden, die zum Teil nodi nicht abgefdiloffen find, muß man als die 
Folge der riefenhaften Entwicklung der lndu(trie in ihnen anfehen, durdi die ihr 
Expanfionsbedürfnis gewaltig ge(teigert i|t. Während 1818 die beiden rhcinifdien 
Provinzen 66 Landkrcife und 4 Stadtkreife, 1828 die vereinigten Provinzen 
nur 56 Landkreifc und 3 Stadtkreife aufwiefen, bcjtand die Provinz Anfang 
1914 aus 60 Landkreifcn und 21 Stadtkreifen. 

Das Beftreben cmporgewachfencr Städte, einen befonderen Stadtkreis zu 
bilden, beruht auch darauf, daß infolgedeffen die Kommunal und Polizeiaufficht 
des Landrats über fie wegfällt und fie dem Regierungspräfidenten des Bezirks 
unterjtellt werden. Wenn der Landrat in der Rheinprovinz audi nicht als die 
Verkörperung altpreußifchen Beamtentums, wie er es in den öftlichen Provinzen 
tatfäd^lich i(t, gelten kann, fo bildet das Landratsamt dodi hier ebenfalls das 
wirkfamjte Werkzeug zur Ausübung der (taatlichen Aufficht. Das i|t es natürlich 
unmittelbar nach der Befitzcrgreifung der Rheinlande in erjter Linie gewefen. 

Die Verordnung vom jo. April 1815 bezeichnet die Landräte nodi aus« 
fchließlidi als die Organe der Regierung. Es wird ihnen die Vollziehung der 
Verfügungen der Regierungen aufgetragen, und infolgedeffen bewegt fich ihr 
Gefchäftskreis in den gleichen Bahnen (nur im engeren Bezirk) wie der der Regie« 
rungen, deren Präfidenten {le in ihrer perfönlichen Amtsjtellung untergeordnet 
fmd. Für beftimmte Angelegenheiten wurde ihnen auch Sitz und Stimme bei 
den Beratungen der I. Abteilung der Regierungen eingeräumt. Erjt nadidem 
durdi die Kreisordnung für die Rheinprovinzen und Weftfalen vom 13. Juli 1827 
Kreisverfammlungen eingeführt waren, bekamen die Landräte auch in den 
Rheinlanden wie in den altpreußifdien Provinzen den Nebendiarakter als 
(tändifche Beamte, dadurch daß ihnen die Vertretung der Kreisverfammlungen 
oblag. Den Kreisverfammlungen wurde in dem crjten rheinifchen Landtags« 
abfchied, ebenfalls vom 13. Juli 1827, eine Mitwirkung bei Befetzung erledigter 
Landratsjtellen eingeräumt. 

Das Reglement wegen der Wahl der Landratsamtskandidatcn und Kreis« 
deputierten in den Provinzen Weftfalen und Niederrhein vom 17. März 1828 
(teilte als Erfordernis für die Wählbarkeit zum Landrat die Anfäffigkeit im Kreife 
auf, wobei zunächjt auf die vorhandenen Rittergutsbefitzcr abgezielt war. Da 
diefe in der Rheinprovinz nicht mehr in genügender Zahl vorhanden waren, fah 
man fidi genötigt, auf die „Notabeljten" unter den übrigen ländlidien Grund« 
befitzern zurüd<zugreifen. Die Grenze der Notabilität ward fchließlidi durch 
ein Mindcjtmaß an Gefamtjteuer bejtimmt, das indeffen für die einzelnen Kreife 
verfdiieden hoch bemeffen wurde. Hatte der zum Landrat auserfehene Kandidat 
nidit fdion in der Eigcnfchaft als höherer Beamter die Qualifikation zum Amte, 
fo mußte er {id\ einer vorgefdiriebenen Prüfung unterziehen, an welcher Beftim« 
mung hier im We(ten bisweilen die Beftätigung der Wahl gefdieitcrt i|t. Ferner 
verlangte man von dem Kandidaten vor der Präfentation die Bereitwilligkeits« 
crklärung zur Übernahme des Amtes. Durch Kabinettsorder vom 15. Januar 



112 in. Th. ligen, Organisation der staatlichen Verwaltung und der Selbstverwaltung d 

1837 wurde ausdrücklidi aufs neue verfügt, daß die Notabilität ausfchließlidi 
auf den ländlidien Grundbcfitz befdiränkt bleiben müfle und daß fie nidit in 
anderen Befitzs und Gewerbselementen, namentlich nidit in Kapitalvermögen 
und in Fabrik= oder Handelsgefdiäften, zu fuchen fei. Eine Order vom 23. Mai 
1839 verlangte mindeftens fünfjährige ununterbrochene Dauer des Befitzes. In 
dem Revolutionsjahr 1848 vereinigte fich der Elberfeldcr Kreistag zu einem leb» 
haften Protcft gegen diefe Bc(timmungen, die alle Einwohner der Stadt Elber= 
feld und der Samtgemeinde Barmen von der Wahl zum Landratsamt ausfchloffcn, 
obwohl beide Orte im Kreife Elberfeld hinfichtlich ihrer Größe und Bedeutung 
an cr(ter Stelle (tanden. Artikel 105, Abfatz 2 der Verfaffungsurkunde vom 
3 1 . Januar 1850 fdirieb vor, daß die Vo^[teher der Kreife vom Könige zu ernennen 
feien, eine Beftimmung, die im Artikel 1 der Kreis=, Bezirks= und Provinzial= 
Ordnung vom 11. März 1850 wiederholt wurde. Demgegenüber ift aber 1853 
der frühere Zu(tand wiederhergeftellt worden. 

Gemäß der Kreisordnung für die Rheinprovinz vom 30. Mai 1887 (§ 30) 
i(t der Kreistag befugt, für die Befetzung des erledigten Landratsamtes geeignete 
Perfoncn (drei, mindeftens zwei) vorzufchlagen; die Ernennung erfolgt jedoch 
durch den König. Als Erfordernis gilt, daß der Landratskandidat die Befähigung 
zum höheren Verwaltungs= oder Juftizdienfte erlangt hat oder dem Kreife 
feit mindeftens einem Jahr durch Grundbefitz oder Wohnfitz angehört. Im 
letzteren Falle kann die Befähigung zum höheren Verwaltungs= oder Juftiz= 
dienite durch vierjährige Tätigkeit als Referendar oder als Ehrenbürgermeifter, 
fowie in Selbftverwaltungsämtern des Kreifes, des Bezirkes und der Provinz 
erfctzt werden. Damit i(t alfo das Prinzip der Landfäffigkeit, an dem man bisher 
fo zähe feftgehalten hatte, aufgegeben. 

Die Kreisordnung von 1887 (§ 32) hat den Landrat auch zum Leiter der 
Kommunalverwaltung des Kreifes erhoben, indem ihm außer dem Vorfitz im 
Kreistag auch der im Kreisausfdiuß übertragen ift, was eine wcfentlichc Erweite» 
rung feiner Zuftändigkeit zur Folge hat. 

Dem Landrat i(t als Vorfteher des Bureaus ein Kreisfekretär beigegeben, 
der bei kürzerer Abwefenheit ihn vertreten kann, jedoch nicht als Vorfitzenden 
im Kreisausfdiuß. Die eigentlichen Stellvertreter des Landrats find ebenfalls 
feit 1888 die zwei Kreisdeputierten, die von dem Kreistag aus der Zahl der 
Kreisangehörigen auf je fcchs Jahre gewählt werden; fie bedürfen der Beftätigung 
des Obcrpräfidentcn und werden vom Landrat vereidigt. Infoweit der Kreis» 
ausfchuß gemäß dem Gefetz vom 30. Juli 1883 in Sachen der allgemeinen Landes» 
Verwaltung als Befchlußbehördc und Verwaltungsgericht untcrftcr Inftanz tätig 
ift, übt er zugleich neben feiner Wirkfamkeit als Kommunalverwaltungsbehördc 
ftaatliche Funktionen aus. Daher werden auch die Kreisausfchußmitglicdcr vom 
Landrat vereidigt und unterliegen den für mittelbare Staatsbeamte gültigen 
Disziplinarbcftimmungen. Wo befonderc Kreiskommunalkaffen nicht beftehen, 
werden die Fonds und Einnahmen des Kreisverbandes durch die königlichen 
Krciskaffcn mitverwaltet, über letztere, die von den Regierungen abhängig 
find, übt der Landrat nur befdiränkte Befugniffc aus. 

Waren die franzöflfchen Untcrpräfekten in ihrer Scibftändigkeit ftark 
befchränkt und nicht einmal Vorgefetzte der Maircs, die vielmehr den Präfekten 
direkt untcrflanden, fo trat der preußifche Landrat mit etwas weitergehenden 
Vollmachten an die bpitzc des Kreifes. Freilich galt auch er zunächft nur als 
[findiger Kommiffar der Regierung. Der Gefchäftsbercich der Landrätc fowie 



D II. Die staatlichen Behörden: Die Bürgermeistereien 113 

ihre dicnftlidicn VcrhältniHe wurden geregelt durdi die In(truktion vom 31. De« 
zember 1816, die zwar niemals die königliche Genehmigung erhalten hat, aber 
trotzdem in Kraft geblieben ift, foweit fiß nidit durch fpätere Gefctze — ins= 
befondcre die Gefetze von 1887 — und Entfcheidungen der Verwaltungsgeridite 
Abänderungen erfahren hat. Ihr Wirkungskreis erftredit fich auf alle Ange« 
legenheiten, auf deren Wahrnehmung es der Staatsregierung im Kreife ankommt. 
Nidit nur die verwaltende, fondern auch die exekutive Polizei liegt in den 
Händen der Landräte, fobald es fidi um ein Eingreifen in Fällen handelt, die 
über die Befugninc der Ortspolizeibehörden hinausgehen. 

Als Organ bei Ausübung der Polizeigewalt (teht den Landräten die Gcn= 
darmcrie zur Verfügung, die jedoch neben den Landräten gemäß der Verordnung 
über die Organifation der Gendarmerie und deren Dienftinß:ruktion vom 
30. Dezember 1820 noch ihre befondcren militärifchcn Vorgefetzten hat. Daß 
den Landräten eine fo weitgehende exekutive Gewalt auf dem Gebiete der 
Polizei — die Fahndung auf Vagabunden wurde ihnen durch die In(truktion be= 
fonders eingefchärft— und daß ihnen audi ein Strafrecht bis zu ijMk. Geldftrafe 
oder 48 Stunden Gefängnis eingeräumt war, hat bei den rheinifchen Juriften 
nadi der Befitzergrcifung des Landes eine lebhafte Oppofition hervorgerufen, 
weil derartige Kompetenzen im Widcrfpruch mit der franzöflfchen Gefetzgebung 
jtandcn. 

Mit Ausnahme von Aachen und Köln lag die Polizeiverwaltung, nachdem die 
durch die Generalgouvernements eingefetzten königlichen Polizeidirektionen in 
Düflcldorf und in anderen Städten von der preußifchen Regierung wieder abgc» 
fdiafft worden waren, in den rheinifchen Städten in den Händen der Bürger» 
meifter, denen die erforderlichen Polizeikommiffare und Sergeanten als (tädtifdic 
Beamte beigegeben wurden. Daran haben auch die fpäteren Gcfetze, das Gefetz 
über die Polizeiverwaltung vom 11. März 1850 und die Städteordnung vom 
15. Mai 1856, nichts Wefentlichcs geändert. Die Bürgermeijter üben diefe ihre 
Funktionen im Namen des Königs aus. Die (taatlidie Polizeiverwaltung in 
Aachen und Köln i(t beibehalten; fic [teht hier unter der Leitung eines könig= 
liehen Polizeipräfidenten. Neuerdings i[t die Staatsregierung dazu übergegangen, 
vom § 2 des Gefetzcs vom 11. März 1850 Gebrauch zu machen, indem fie in 
der Stadt Koblenz und für die indu(triellen Bezirke Effen und Saarbrücken die 
örtliche Polizeiverwaltung befonderen Staatsbeamten übertragen hat. Diefe 
neuen Polizeidirektionen er(treckcn fich bei Effen und Saarbrücken nicht nur auf 
die Gebiete der beiden Städte, fondern begreifen auch verfchiedene benachbarte 
Orte (zu Effen gehört z. B. auch der Stadtkreis Oberhaufen) in fich, die mit 
jenen in keinem Kommunalverband [tehen. Zu den Koften muffen natürlich 
die betreffenden Gemeinden die entfprechenden Beiträge zahlen. Im Regierungs= 
bezirke Düffeldorf haben fich 1901 die fechs größten Städte vereinigt, um auf 
gemeinfchaftliche Koften eine Polizeifchule in Düffeldorf zu unterhalten, in der 
die Anwärter des kommunalen Polizcidienjtes vorgebildet werden. 

Die Bürgermeiftereien. Als unterftes Organ der Staatsverwaltung muß 
— im Gcgenfatz nicht nur zu den öltlichen Provinzen, fondern audi zu Weßifalen — 
in den Rheinlanden der Landbürgermeifter gewertet werden, denn er bcforgt 
als Polizeiobrigkeit des Bürgermeiftereibezirkes die Polizeiverwaltung in clem= 
felben und erledigt alle in Landcsangelegenheiten vorkommenden örtlichen 
Gefdiäfte, foweit hierzu nidit befondere Behörden beftellt find. Im Often hin» 
gegen fmd nach der Kreisordnung von 1872 befonderen Amtsvorjtehern in 

Die Rheinprovins 1815 — 1915. 8 



114 III. Th. Ilgen, Organisation der staatlichen Verwaltung und der Selbstverwaltung a 

chrenamtlidicr Stellung, denen in Wcjtfalen die Amtmänner zum Teil ent» 
fprcdien, die ortspolizcilidien Gefchäfte übertragen. Deshalb werden die 
rheinifchen Landbürgermei(ter, obwohl fie zugleich die Träger der Kommunal» 
Verwaltung in den zu Bürgermei(tereicn vereinigten Ortsgemeinden find, durdi 
die [taatlidien Behörden ernannt. 

Die franzöfifdie Gefctzgebung hatte die Maires gleichmäßig für Stadt und 
Land als kommunale Ehrenpoftcn gefchaffen und ihnen doch zugleich durch die 
völlige Unterordnung unter die Präfekten den Beamtendiaraktcr deutlidi auf= 
gedrüdit. Durdi die preußifche Verwaltung wurde der Bürgermeifter der 
Samtgemeindc zum Organ des Landrats und der Regierung gemacht, und infolge 
der umfangreichen Verwaltungstätigkcit, die ihm zufiel, entwickelte fidi feine 
Bcamteneigenfdiaft vornehmlidi weiter, fo daß man dazu übergehen mußte, ihn 
aus Gemeindemittcln befolden zu laflcn. Nadi der Gemeindeordnung von 1845 
erfolgte die Ernennung der Bürgermeijtcr nodi auf Vorfdilag des Landrats durch 
die Regierung. Die Kreisordnung vom 30. Mai 1887 (§ 24) überträgt das Recht, 
die Landbürgermeijter zu ernennen, dem Oberpräfidenten, dem vorgefchricbcn 
i(t, dabei die Vorfdilägc des Kreisausfchuffes zu berüd<fiditigcn, die diefer 
nach Anhörung der Bürgermcifterciverfammlung gemadit hat. Wenn im neuen 
Gefetz im Gegenfatz zur früheren Gemeindeordnung ausdrüdtlidi die Be= 
dingung ausgefprodien ift, daß ein Berufsbürgermeiftcr mit Befoldung nur 
angcjtcllt werden foll, wenn ein geeigneter Ehrenbürgermeifter nidit zu gewinnen 
ift, fo hat diefe Einfchränkung keine erhebliche Bedeutung. Ift fdion der Kreis 
der Perfonen von höherer Bildung, fozialer Stellung und Vermögensftand unter 
der die Landwirtfdiaft betreibenden Bevölkerung, auf die bei der ehrenamtlidicn 
Übernahme des Poftens in erfter Linie gerechnet werden muß, in der Rhein» 
provinz kleiner als in den übrigen Provinzen, fo fchredtt die Fülle der ftaat» 
liehen und kommunalen Obliegenheiten, die der rheinifche Bürgermeijter zugleich 
als Auffichts= und Polizeibehörde mehrerer Ortsgemeinden zu beforgen hat, 
in der Regel geeignete Anwärter von diefem Ehrenamt zurück. Unter etwa 
120 Landbürgermeiftcrn des Regierungsbezirkes Düffeldorf zählt man adit 
Ehrenbürgermeifter; im Regierungsbezirk Trier fmd es bei ungefähr der gleidien 
Zahl gar nur zwei. Sic treten fafl ausfchließlich in Kreifen auf, in denen die 
reine Landwirtfchaft vorhcrrfcht, wie in den Kreifen Geldern, Mors, Rees, 
Saarlouis, und fie gehören dem Stande nach den Großgrundbefitzern an; meift 
find die Ehrenbürgermeifter adelige Rittergutsbefitzcr gleich wie die Ehrenamt« 
männcr in Weftfalen. 

Sind die rheinifchen Samtgemeinden vorwiegend Verwaltungsbezirke 
geblieben, fo ftcllt fleh auch der rheinifche Bürgermeifter als ein verkleinertes 
Abbild des Landrats dar. Daß der Staat auf diefes für ihn wichtige Amt, bei dem 
Landes« und Polizcivcrwaltung in hiftorifdier Entwicklung von der franzöfifdien 
Zeit her mit der Kommunalverwaltung aufs engfte verwachfen ift, nicht ver- 
zichten will, begreift fich leicht. Denn es crfchcint zum mindeften fraglich, ob 
man die guten Erfahrungen, die man mit der Wahl der Bürgermeifter durch 
die Stadtvcrordnetcnverfammlung in den größeren Städten gemacht hat, ohne 
weiteres auch für die Landgemeinden erhoffen darf, wenn die Bürgermeifter 
durch die Samtgemeinderäte erwählt werden follten. Die fleh fchroff gegenüber« 
fachenden Parteigruppen in vielen Bürgermeiflercien, die zumeift auf die kon« 
fefflonelle Spaltung der Bevölkerung zurückgehen, wozu dann in Induftrie« 
orten noch die fozialen und politifchcii Gcgcnfätzc hinzutreten, würden es fich 



D m. [)ie kommunalen Verbände: Die Landgemeinden, Städte 115 

in der Regel angelegen fein laj^cn, Parteimänner zu den Poftcn der Bürgernrici(ler 
zu erheben, denen es in ihren kleinen Wirkungskreifen an der nötigen Unab« 
hängigkeit und der Widerftandsfähigkeit gegen die Geltendmachung von allzu= 
[tarken SondereinflüJTen fehlen dürfte. In dieferHinfidit vermöchte audi die Fc|t= 
fetzung der Amtsdauer der Bürgermeißier auf eine Wahlperiode von nur zwölf 
Jahren kein wirkfamcs Korrektiv zu bieten. Andererfeits führt es nicht feiten zu 
unerquicklichen Zuftänden, daß eine Perfönlichkeit auf Lebenszeit ange{tellt 
bleibt, die es nicht verfteht, [ich mit den Eingefeffenen der verfchiedenen Ge= 
meinden ihrer Bürgermei{terei in ein wünfchenswertes Einvernehmen zu fetzen. 
Da die Landbürgermeiftereien zum Teil als Unterkunftsftellen für Offiziere, die in 
jüngeren Jahren aus dem Militärdien(t ausgcfchieden find, und insbefondere für 
Referendare, welche die zweite Staatsprüfung nidit abfolviert haben, angefchen 
werden, fo (tößt auch das Be(treben der Bürgermei|ter nadi der gleichmäßigen 
Vorbildung der Anwärter auf mannigfache Schwierigkeiten. Die aus den Kanz« 
Icien der Regierungen und Städte hervorgegangenen Kandidaten befitzen wohl 
von vornherein die größere Gefchäftsroutine, die in foldicn Stellungen wcjcnt» 
lieh i(l. 



Drittes Kapitel. 
Die kommunalen Verbände und deren Selbftverwaltung. 

Die Landgemeinden und Städte. An der zur Zeit der Fremdhcrr» 
fchaft in den Rheinlanden gültigen Gemeindeverfaffung, der fogenannten Muni» 
zipalvcrfalJung, i[t nadi der Begründung der preußifchen Herrfchaft, wie fchon 
angedeutet, zunächft nichts geändert worden. Die Munizipalverfaffung (oben 
S. 9) kannte im Gegenfatz zu den früheren Zuftänden und auch zu den zeitigen 
preußifchen den reditlichen Unterfchied zwifchen Stadt und Land nicht, wenn 
fie auch den Stadttitel aufrecht erhielt. Sie hatte vcrfudit, den Rahmen für 
fämtlidie Kommunen gleidimäßig zu fpanncn, indem beabfichtigt war, daß jede 
Ortsgemeinde einen eigenen Verwaltungsbezirk bilden folltc. Aber diefer Ver» 
fuch war an der Mannigfaltigkeit der hijtorifchen Gebilde und vor allem an der 
Kleinheit der Mehrzahl der Ortsgemeinden in den Rheinlanden gefcheitert. So 
hatte denn die franzöfifchc Verwaltung in dem Arrctc vom 30. Juni 1802 zu dem 
Auskunftsmittcl greifen muffen, die Vereinigung mehrerer Gemeinden zu einer 
Mairic unter der Verwaltung eines Maircs gutzuheißen. Die auf diefe Weife 
entftandenc fogenannte rheinifche Samtgemeinde ift alfo ihrem Urfprung nadi 
das reine Not= und Verlegenhcitsprodukt. Sdiloß fie fich, wie das vielfach auf 
den Antrag der Teilgemeinden gefchehen ift, an beftehendc Amts=, Geridits= 
oder Kirchfpielsgrenzen an, fo entwickelte fidi eine erträgliche kommunale Ge= 
meinfdiaft. Es gab jedoch auch Mairien, bei denen bis zu 20 und mehr Orts= 
gemeinden willkürlich zu einer Samtgemeinde zufammengefchoben waren. Da 
die Zahl der Mitglieder des Munizipalrates von der Gefamtfeelenzahl der 
Mairie abhing, kam es vor, daß manche Einzelgemeinde zu diefem überhaupt 
keinen Vertreter entfenden konnte. Der Munizipalrat hatte aber die Verteilung 
der gemeinfchaftlidien Nutzungen und Laften auch in den Einzelgemeinden 
vorzunehmen. Zwar follte jede von diefen ihren eigenen Einnehmer haben, 
in Wirklichkeit aber ging die Erhebung felbft der Gemcindegeldcr vielfach auf die 

8* 



116 III. Th. Ilgen, Organisation der staatlichen Verwaltung und der Selbstverwaltung n 

ftaatlichen Stcucrcrhcber über. Daher waren von vcrfchiedencn Gemeinden 
befondcre Ortsbürgermci(tcr und Deputierte beftellt und [ogar eigene Nebcns 
kalTen eingeriditct worden, um fleh von der Verwaltung der Mairie unabhängig 
zu madien. 

Mandier Maire hatte die ihm unter dem Titel von Bureaukoften zuge» 
fprodiene Einnahmequelle dazu benutzt, um die feiner Verwaltung untcr(tellten 
Gemeindeangehörigen in Gemeinfdiaft mit dem Steuererheber zu brands 
fdiatzen; andere waren der Verfudiung erlegen, fidi für ihre Arbeitslci(tung am 
Gemeindevermögen oder =befitz mehr als fdiadlos zu halten. Kein Wunder 
daher, daß in mandien Gegenden, z. B. im Jülidifchen, an der Mofel und an der 
Saar, das Inftitut der Maircs geradezu verhaßt war. Einfiditige Kenner der 
örtlidien Verhältniffe befürworteten deshalb fdion 1815, keine Eingeborenen 
zu Bürgermeiftern zu ernennen, fondern die Stellen mit Ortsfremden zu befetzcn, 
die fchon in der Verwaltung vorgebildet wären. 

In diefes Chaos von örtlidien Verfchiedenheiten und widerftrebenden 
Intercffen einige Ordnung zu bringen, i[t den preußifdien Regierungen erft 
allmählich gelungen. Den Unzuträglidikeiten der fdiematifdien franzöfifchcn 
Einteilung half man durdi neue Zufammenfetzung der Gemeinden an ver= 
fdiiedenen Stellen ab, wobei altüberlieferte hiftorifdie Beziehungen zwifchcn den 
einzelnen Orten, Lage und Terrainbefchaffenheit, fowie die Kommunikations= 
mittel Berüdifiditigung fanden. Da an brauchbaren Subjekten, wie es damals 
im Amtsftil hieß, für die Bürgermeifterpoften allgemein Mangel war, ließ man 
den bisherigen Zu(tand, nach dem ein Bürgermeiftcr häufig zwei und mehrere 
Bürgermeiftcreien (zu denen dann wieder fo und fo viele Einzelgemeinden 
gehörten) verwaltet hatte, weiter beftehen, fofern nidit die Unfähigkeit oder 
Untauglichkeit des bisherigen Stelleninhabers eine Änderung notwendig machte. 
Die vcrftändigc Handhabung der Ortspolizei erwies fich fchon damals als die 
fchwierigftc Aufgabe der Landbürgermei(ter. 

Sie ift denn auch im Laufe der Jahre mit die Veranlajlung geworden, daß 
das Ehrenamt der Bürgerm elfter, in den Städten fowohl als auf dem Lande, in 
ein Berufsamt umgewandelt worden ift. Die Folge davon war, daß nach und 
nach den Bürgermeiftern (tatt der Entfchädigungen, die {ie in der Form von 
Bureaukoften bezogen hatten oder die ihnen als Gratifikationen aus den Ein» 
nahmeüberfchüffcn der Bürgermeiftereien bewilligt waren, ein fcftes Gehalt 
ausgefetzt werden mußte. Die Landbürgermeifter in Blatzheim im Kreife Bergs 
heim und in Stolberg bei Aachen bezogen fchon 1815 Befoldung. In Köln 
wurde kurz vor der Huldigungsfeier vom 15. Mai 1815 eine Gehaltsordnung 
eingeführt, auf Grund deren der Oberbürgermcifter 20 fr. tägliche Diäten und 
die Beigeordneten ein jahresgchalt von 3000 fr. erhielten. Aber noch im Jahre 
1841 war in dem induftriereidien Barmen der Bürgermeifter auf die öberfchüfjc 
aus den Bureaukoften angewiefen, die er zur Remunerierung des Stadtfekre» 
türs und der notwendigen Schreiber empfing. Erft die Gemeindeordnung von 
1845 bcftimmte, daß für jede Bürgermeifterei ein Normalbefoldungsetat von 
der Bürgcrmeiftcrcivcrfammlung aufzuftcllen fei, der der Genehmigung der 
Regierung bedurfte. Die Dicnftunkoften follten die Summe von drei Silber» 
grofchcn auf den Kopf der Bevölkerung nicht überfteigcn, von der zwei Drittel 
auf Befoldung und ein Drittel auf Bureaukoften gerechnet wurden. 

Der in der franzöfifchcn Gcmcindevcrfaffung dem Maire beigegebene 
Adjunkt, der lediglich von dcffcn Anordnungen abhängig war, verwandelte fich 



D III. Die kommunalen Verbände: Die Landgemeinden, Städte 117 

unter der preuBifchen Regierung in den Beigeordneten. Zahl und Stellung der 
Beigeordneten blieben die der Adjunkten; auch ihre Tätigkeit war in der Regel 
ehrenamtlidi. Einem von ihnen fiel die Vertretung des Bürgermei(tcrs im Vcr= 
hinderungsfalle zu. Ernannt wurden fie von der Regierung auf Grund einer 
vom Landrat eingerciditen Vorfchlagslifte, in der drei geeignete Perfönlichkeiten 
namhaft gemadit waren. 

In der gleichen Weife wurden die Stadt= und Gemeinde» oder SdiöfFenrätc, 
wie die franzöfifdien Munizipalräte umgetauft waren, ergänzt und erneuert, 
fobald eine Stelle durch Todesfall erledigt war oder bei den Mitgliedern nach 
Ablauf ihrer Amtsperiode ein Wechfel ßiattzufinden hatte. Teilnahme an der 
Leitung der Gefchäfte der Gemeindeverwaltung ward den Gemeinderäten 
nicht eingeräumt. Sie tagten im allgemeinen nur, wenn es galt, die Rcchnungs= 
abläge der Bürgermeijter zu begutachten und Vorlagen der Regierung zu 
befprechen. In Köln fanden in den zwanziger Jahren jährlich etwa fünfzehn, 
in den dreißiger Jahren etwa zwanzig Sitzungen des Stadtrats (tatt. über die 
Bcdürfni(l"c der Bürgcrmei(terei und deren Aufbringung durch Zufchläge zu den 
Staats(teuern hatten die Gemeinderätc auf Berufung des Bürgermeifters 
zu beratfchlagen, ebenfo über ProzelJe, die für die Ausübung oder 
zur Erhaltung gemeinfamer Rechte zu führen waren. Die letzte Entfchei= 
düng in folchen Fragen lag indeJTen in den Händen des Landrats oder der 
Regierung. Selbft in den Städten wurde die Regulierung des Schuldenwcfens 
durch kommiOarifche Beamte des Landratsamtes oder der Regierung, natürlich 
auf Koften der betreffenden Gemeinde, durchgeführt. Nur die Be(timmung 
der Gemeinheitsnutzungen in Feld, Wald und Weide und die Verteilung der 
im Intereffe des öfFentlichen Verkehrs notwendigen Arbeiten war ihnen vors 
behalten. Auch bei der Armenverwaltung hatten fie ein Wort mitzureden. 

In faft allen Bürgcrmei(tcrcien machte die Führung der Zivil|tandsregi(ter 
— die Beurkundung des Perfoncnftandes i(t in den Rheinlandcn dank dem 
Fortbejtand des franzöfifchen Rechtes den bürgerlichen Behörden verblieben — 
die Annahme befondercr Schreibkräfte notwendig, deren Tätigkeit in diefem 
Falle auch der Kontrolle der Gerichte unterlag. Die eigentlichen Kanzlei» 
gefchäfte beforgten in größeren Orten mit über 5000 Seelen Sekretäre. Steuers 
Verteilung und =einfchätzung und das Umlegen der militärifchen La(ten, Ein» 
quartierungen, Transportfuhren, ferner der Schulkoften ufw. bildeten Haupte 
aufgaben der (tädtifchen Behörden, die ihnen fchon damals vom Staat auferlegt 
waren. Zur Ausübung der Ortspolizei waren Polizeidiener tätig, die den 
Weifungen der Bürgermei(ter zu folgen hatten, fofern nidit (wie in den Städten 
mit über 10 000 Seelen) ein eigener Polizeikommiffar oder =vogt angeftellt war. 
Düren hat jedoch, trotzdem es über 10000 Einwohner zählte, 1815 diefen 
Poften im Stadtbezirk für überflüffig erklärt und den Bürgermeifter mit der 
Verwaltung der Polizei betraut. 

An Verfuchen, die franzöfifche Gemeindeverfaffung in den Rheinlanden 
umzuformen, hat es von Beginn der preußifchen Herrfchaft an nicht gefehlt. 
Die Organifationskommiffare haben fchon 1815 diefem Gegen(tande ihre ganz 
befondere Aufmerkfamkeit gewidmet. Darüber, daß man die Bürgermeijtereicn 
zunächft beibehalten muffe, waren fie alle einig. Diefe Auffaffung teilte auch 
die Mehrzahl der rheinifchen Regierungen, die fich gegenüber dem am 5. Oktober 
1816 durch den Minifter des Inneren von Schuckmann zur Begutachtung über» 
fandten Projekt der Einführung einer revidierten befondern Städtcordnung in 



118 111. Th. Ilgen, Organisation der staatliciien Verwaltung und der Selbstverwaltung a 

den Rheinlanden ebenfalls mei(t ablehnend verhielten. Man wies mit Nadi« 
drudt darauf hin, daß der Reditsunterfdiied zwifchen Städtern und Landbewoh= 
nern hier nidit vorhanden fei. Der Minijter von Schuckmann (trebte aber auch die 
Abfdiaffung des franzöfifdien NIairiewefens an, weil es zu ko(tfpielig fei und 
die Steuerkraft der Gemeinden zum Naditeil des Staates beeinträchtige, über» 
dies befürditete er, daß die Tätigkeit der Bürgermeifter dem Wirken der Land= 
rate hindernd in den Weg treten könne. Ihm fdiwebte für die Ortfchaften, 
welche die befondcre Städteordnung nicht erhielten, eine Gemcinderepräfens 
tation vor, deren Befugniffe die Kraft und den Einfluß der verwaltenden Bes 
amten des Staates nicht über Gebühr befchränkten. In diefem Sinne erließ er 
am 30. April 1817 an die Oberpräfidenten der drei weftlidicn Provinzen von 
Rheinland und We(tfalen die Aufforderung, ihm Vorfchläge wegen Neuregelung 
der „Gemeine=Ämter" zu madien. Sie hat Ingersleben, Solms=Laubach und 
Vindte, den Oberpräfidenten von Weftfalen, während des Jahres 1817 in wieder= 
holten gemeinfamen Beratungen befchäftigt. In einer am 25. Oktober zu Godes» 
berg (tattgehabten Konferenz wurde dem we(tfälifchen Oberpräfidenten der 
Auftrag erteilt, den Entwurf einer neuen Gemeindeordnung auszuarbeiten. 
Diefer, der im Februar 1818 den einzelnen rheinifchen Regierungen zur Begut« 
achtung vorgelegt wurde, fand indeffen, obwohl er anerkannte, daß eine kommus 
nale Trennung von Stadt und Land den damaligen Verhältniffen am Rheine 
nicht entfpradi — alfo eine einhcitlidie Gemeindeordnung für Stadt und Land 
vorfah — , und obwohl er die Samtgemeinde be(tehen laffen wollte, bei der 
Mehrzahl der Regierungen keine günftige Aufnahme, weil er die Möglidikeit, 
auch die kleinen Ortsgemeinden felbjtändiger zu machen, in Ausficht nahm. 
Demgegenüber wurde betont, daß Gemeinden von geringem Umfang fchon 
infolge der großen Abhängigkeit, in weldier fie während der franzöfifchen 
Herrfchaft von den ftaatlichen Organen gehalten waren, zu einer felbftändigen 
Führung ihrer Gemeindeangelegenheiten durch von den Gemeindegenoffen 
vorgefchlagene Bürgermei(ter und eine Anzahl gewählter Ratsmänner noch 
nicht reif feien. Etatsauf (tcllung und Rechnungslegung müßten überhaupt 
vorläufig noch unter der Auffidit der Regierungen erfolgen. Der Zeitpunkt, 
wo die Einwirkung des Staates nur einzutreten brauche, wenn fie von den 
Beteiligten verlangt werde, könne erft durdi die allmählidie Umbildung der 
Verwalteten in Selb(tverwalter herbeigeführt werden. Befonders bean(tandet 
wurde auch, daß der Entwurf wie die Steinfchc Städtcordnung vom I. 1808 
eine Klaffifizierung der Ortseinwohner in (timmfähige Gemeindegenoffen und 
Schutzgenoffen vorfchlug, den Höchjtbefteuertcn größere Vorrechte einräumte 
und die luden vom Anteil an den Gemeinderechten völlig ausfchloß. Einer 
derartigen Scheidung der Ortsinfaffen, fo wurde befonders von der Regierung 
In Aachen betont, widerfprächen die Arbeiterverhältniffe in den Gemeinden mit 
größerer Induftrie, und fiß ftehe in direktem Gegenfatz zu der in den Rhein« 
landen allgemein verbreiteten Auffaffung von der Gleichberechtigung aller 
Staatsbürger vor dem Gefetz. Der Vinckefche Entwurf i(t in den Akten des 
Minifteriums begraben worden. 

Die Gemeindeorganifation wurde 1823 durch den Minifter von Sdiuckmann 
wiederum angeregt und in einer vom Oberpräfidenten von Ingersleben zum 
Januar 1824 nach Koblenz zufammenberufcnen Konferenz von Regierungs- 
und Landräten von neuem beraten. Als Grundlagen für diefc Konferenz 
waren durtli die L'inzcliien Regierungen im Dezember 1823 Entwürfe zu einer 



□ III, Die kommunalen Verbände: Die Landgemeinden, Städte 119 

Kommunalordnung für die Rheinprovinz ausgearbeitet worden, die gemäß der 
Anwcifung, weldie der Obcrpräfidcnt in feinem Rundfehreiben gegeben hatte, 
fämtlidi von einer befonderen Städteordnung Abftand nahmen und eine gcmein= 
fame Ordnung für die Städte und das platte Land aufftellten. Die Verhand= 
jungen der Konferenz führten zu dem gleichen Rcfultat. Trotzdem legte eine 
königliche Propofition dem crjten rheinifchcn Provinziallandtag im Jahre 1826 
die Frage zur Beantwortung vor, ob die Grundfätze der Städteordnung von 
1808 nach den Verhältniffen der Provinz bei Regulierung des Kommunal» 
wefens in Anwendung gebracht werden könnten. Die Stände entwarfen darauf» 
hin eine Städte» und eine Kommunalordnung, die auch bei einer fummarifchen 
Befprechung cinftimmig angenommen wurden. Zwar waren es zwei gefondertc 
Entwürfe, einer für die Städte und einer für das platte Land; ihr Inhalt ftimmte 
aber im wefentlichen überein. Für die Städte fowohl als audi für das Land 
war in den Entwürfen die Wahl der Bürgermeifter durch die Gemeinden vor» 
gefehen. Als dann aber der Landtagsabfchied vom 13. Juli 1827 der Öffentlich» 
keit verkündete, daß von der Staatsregierung Anordnungen getroffen feien, um 
mit der Ausarbeitung einer Städteordnung und einer Gemeindeordnung für 
das platte Land ungefäumt vorzugehen, erhob fich in der Provinz allgemeiner 
VX^iderfpruch, weil man die Scheidung von Stadt und Land als einen Vorftoß 
gegen die (iaatsbürgerliche Gleichheit verabfcheute. An diefem Wider(tand 
fchcitcrten audi anfangs der dreißiger Jahre die Sonderberatungen mit den ftäd» 
tifchen Abgeordneten des Landtags, um fie zur Annahme der Städteordnung von 
1808 oder der revidierten Städteordnung von 1831 zu bewegen. Wetzlar allein 
hat zunächft im Jahre 1839 die revidierte preußifdie Städteordnung angenommen. 
Diefem Beifpiel find crji 1846/7 Effen und Mülheim a. d. Ruhr gefolgt. Und 
ebenfo fchlug der Vcrfuch fehl, allgemein den Unterfchicd zwifdien Stadt und 
Land in einer neuen Ordnung für die Landgemeinden, welche dem vierten Land» 
tage ( 1 833/34) vorgelegt wurde, zur Durchführung zu bringen. Der Entwurf einer 
Landgemeindeordnung, über den die 1842 in Berlin verfammelten Vereinigten 
Ausfchüffe der Provinziallandtagc zu beraten hatten, fand deren Billigung glcidi» 
falls nidit. Die rheinifdien Forderungen gingen vor allem dahin, daß die 
Gemeinden das Redit erhielten, ihre Beamten und Gemeindevertreter felbjt 
zu wählen und freier über das Gemeindevermögen und »einkommen verfügen 
zu dürfen. Da der dem fiebten rheinifchen Landtag 1843 unterbreitete Entwurf 
deffen Wünfdien wiederum nidit entfpradi, ließ er feinerfeits ein Gutaditen aus» 
arbeiten und mit den nötigen Motiven verfehen. Der Landtagsabfchied vom 
30. Dezember 1843 verfpradi deren Berückfichtigung bei der bevorftehenden 
Schlußberatung der neuen Gemeindeordnung im Minijterium. 

Die endlidi zujtande gekommene Gemeindeordnung für die Rheinprovinz 
vom 23. Juli 1845, deren Einführung 1846 begann und in i^ Jahren voll» 
endet wurde, trug zwar infofern den Forderungen der rheinifchen Bevölkerung 
Rechnung, als fie die gefetzliche Trennung von Stadt und Land nidit aufftellte 
und die Ortsgemeinden gegenüber den Samtgemeinden mehr zur Geltung 
brachte; aber den Gemeinden ward die Wahl ihrer (tändigen Beamten nicht 
bewilligt — dicfe wurden wie bisher entweder von der Regierung oder vom 
Landrat ernannt, dem audi die Ernennung der Gemeinde» und Bezirksvorfteher 
zufiel — , und felb(t die Wahlen der Gemeindeverordneten bedurften der Be(täti= 
gung des Landrats, nachdem diefer zuvor nicht nur die Gefetzlichkeit des Ver» 
fahrens^ fondern auch die Qualifikation der Gewählten geprüft hatte. Das 



120 III. Th. Ilgen, Organisation der staatlichen Verwaltung und der Selbstverwaltung a 

Gemeinderecht, die Teilnahme an den Wahlen und an den öffentlidien Ge» 
fchäften der Gemeinde, ward nur den fogenannten Mei{tbeerbten, phyfifdien 
Perfoncn männlidien Gefchlechts, die das 24. Lebensjahr zurückgelegt hatten, 
zugebilligt. 

Diefer Bevölkerungsklade gehörten in den Gemeinden, die auf dem 
Provinziallandtage im Stande der Städte vertreten waren, diejenigen Einwohner 
an, die ein Einkommen von nidit unter 200 Rtlr. bezogen. Bei den Städten, in 
denen die Mahl» und Sdiladitfteucr nidit eingcriditct war, wurde ein ent= 
fprechender Hauptgrund(tcucr= oder Kladcnfteuerbetrag für die Zuweifung zur 
Zahl der Meiftbeerbten maßgebend. Für die Städte kam audi vorwiegend das 
Dreikla(TenwahlfyItem in Betracht, das zuer(t durch die rheinijchc Gemeindeord= 
nung von 1845 in Preußen eingeführt worden i(t. Es entfprach Wünfchen, die in 
diefer Hinfidit aus (tädtifdien Kreifen, fo aus Barmen und Krefeld, geäußert 
waren, während man in E(Ten lebhaft gegen diefes Syftem agitiert hatte. Der 
Gemeinderat ging aus der Wahl der Meijtbeerbten hervor; die Zahl der 
Gemeindeverordneten hing von der Einwohnerzahl ab. Wenigjtens die Hälfte 
der nadi dem DreiklafTenwahlfvItem gewählten Gemeindeverordneten mußte 
audi in den Städten aus Grundbefitzern beftehen. An der bisherigen Ver= 
faJTung der Städte wurde fon[t nichts Wefentlichcs geändert. Die befoldeten 
Bürgermeijter und Beigeordneten ernannte auf Vorfchlag des Landrats die 
Regierung. Für Städte von mehr als 10 000 Einwohnern blieb dem König 
das Ernennungsredit der Bürgermei(ter vorbehalten, die durch die Verleihung 
des Titels „Oberbürgermeifter" ausgezeichnet werden konnten. 

Wenn das Gemeindevermögen, wie es bei den rheinifchen Städten die Regel 
war, zur Bejtreitung der Gemeindebedürfniffe und der Koften für das Elementara 
fchulwefen, die Polizeiverwaltung und fonftige Ausgaben nidit ausreidite, durften 
auf Befchluß des Gemeinderats Geldbeiträge als Zufchlägc zu den Staatsfteuern 
ausgefchrieben werden. Ebenfo war die Aufnahme von Anleihen gejtattet. Der= 
artige Befchlüffe des Gemeinderats waren aber an die Genehmigung der Regie= 
rung gebunden. 

Das neue Gefctz fchuf auch für jeden Ort, welcher für feine Kommunal» 
bedürfniffe einen eigenen Haushalt hatte und daher als eine Gemeinde angcfehen 
wurde, zur Vertretung feiner Angelegenheiten einen Gemeinderat mit einem 
Vorfteher an der Spitze. Zählt eine foldie Gemeinde nur 18 oder weniger zur 
Ausübung des Gemeinderedits befähigte Gemeindeglieder, fo bilden diefe 
fämtlich den Gemeinderat. Außerdem gehören ohne weiteres zu jedem länd= 
liehen Gemeinderat die im Gemeindebezirke mit einem Wohnhaufe angefeffenen 
Grundeigentümer, die von ihrem ebendafelb(t gelegenen Grundbefitz mindejtens 
50 Rtlr. an Hauptgrundfteuer jährlich zahlen. Die übrigen Verordneten in 
größeren Ortsgemeinden werden nach dem Dreikla|Tenfy(tem gewählt, des- 
gleichen die Stellvertreter, deren Zahl auf die Hälfte der der Gcmcindcvcrord» 
neten beftimmt ift. Die Wahl erfolgt auf fechs Jahre derart, daß alle drei jähre 
die Hälfte der Gemeindeverordneten auszufcheiden hat. 

Die bisher durchgeführte Zufammenfaffung mehrerer Gemeinden zu einem 
ftaatlichen oder halbftaatlichen Verwaltungsbezirk unter einem Bürgermeifter 
(Bürgermeif^erei oder Samtgemeinde) hat man beibehalten. Gemeinden größern 
Umfangs vermögen auch für fleh allein eine Bürgermciftcrei auszumachen. Die 
Bürgermcil^crci bildet zugleich einer» Kommunalvcrband mit den Rechten einer 
Gemeinde für folchc Angclegcnhi-ittMi, an denen alle zu der betreffenden Bürger« 



D lU. Die kommunalen Verbände: Die Landgemeinden, Städte 121 

mcifterci gehörige Gemeinden ein gemeinfchaftlidics Interefife haben. In dicfen 
Angelegenheiten wird fie durdi die Bürgermeiltcreivcrfammlung vertreten, die 
fidi aus den mciftbegüterten Grundeigentümern, die mehr als 50 Rtlr. Haupt» 
grund|teuer entrichten, den Vorjtehern der zur Bürgermei(terei gehörigen 
Gemeinden und aus gewählten Abgeordneten, von denen nur größere Gc« 
meinden mehr als einen (teilen, zufammenfetzt. 

Den Grundfatz der rheinifchen Gemeindeordnung von 1845, keine Ver» 
fdbiedenheiten der Gemeindeverfaffungen, insbefondere der (tädtifdien und 
ländlidien, anzuerkennen und auf dicfe Weife ein alle Gemeinden des ganzen 
Staates umfafl*endes Gefetz herzu(tellen, hat die gemäß des Artikels 105 der 
Verfaffungsurkunde vom 31. Januar 1850 unter dem 11. März desfelben Jahres 
crlaffene Gemeindeordnung für den gefamten preußifdien Staat aufgenommen. 
Die Klaffifizierung der Gemeinden, je nadidem die Zahl der Einwohner bis 
zu 1500 und mehr betrug, fchuf keine wefentlidien materiellen Unterfdiiede. 
Ferner adoptierte die Gemeindeordnung vom 1 1. März 1850 von der rheini(dien 
für die Wahlen zum Gemeinderat das Dreiklafl"enfy(tem, um die Gemeinde» 
redite mehr als Korrelat der Gemeindepflichten zum Ausdruck zu bringen. 
Unter dicfem Gefichtspunkt ficherte fie jurijtifchen Perfonen und den Höchft* 
befteuertcn, welche keinen Wohnfitz in der Gemeinde hatten und {\d\ nicht 
dauernd darin aufhielten, die Ausübung des Gemeinderechts, fei es durdi quali» 
fizierte Bevollmächtigte, fei es in Perfon, ebenfalls zu und durchbrach fo zu= 
gun(ten des Kapitalismus und der Indujtrie das dem anfäffigen Grundbefitz 
bisher zugebilligte Vorredit. Endlich machte fich der Einfluß der rheinifdien 
Gemeindeordnung von 1845 in der allgemeinen von 1850 infofern geltend, als 
auch in ihr die Bildung von Samtgemeinden bei Einzelgemeinden, die für fidi 
allein d^ Zwed<en des Gemeindeverbandes nicht entfprachen, vorgefehen war. 
Son(t greift die neue Gemeindeordnung auf die Städteordnungen von 1808 
und 1831 zurüdi. Von ihnen entlehnt fie den Gemeindevorftand, den Magijtrat, 
der aus dem Bürgermei(ter, einem Beigeordneten als deffen Stellvertreter und 
einer Anzahl von Schöffen (Ratsherren) be(^eht und dem die Leitung der 
Gefchäftc in der Gemeinde zukommt. Der Bürgermei(ter und die befoldeten 
Mitglieder des Gemeindevorftandcs werden von dem Gemeinderat auf zwölf 
Jahre gewählt, bedürfen jedoch der Beftätigung der Regierung oder des Königs. 
Hingegen dauert die Wahlperiode der Mitglieder des Gemeinderats nur fedis 
Jahre, derart, daß die Erneuerung je zu einem Drittel in zweijährigem Turnus 
vor fidi geht. Dem Gemeinderat liegt die Befdilußfaffung über die Gemeinde» 
angelcgenheiten ob, wie ihm denn auch eine Kontrolle über die Verwaltungs» 
tätigkeit des Gemeindevorftandcs zultcht. Diefer feincrfeits aber bereitet die 
Befchlüffc des Gemeinderats vor, wodurch ihm eine maßgebende Einwirkung 
auf deren Richtung eingeräumt ift; zugleich hat er ein fuspenfives Veto gegen 
deren Ausführung. Der Staat hat feine Auffichtsrechte etwas gelockert 
und fie zum Teil an den Bezirksrat und an den Kreisausfchuß abgegeben. Die 
Befugniffe der Gemeinden zur Erhebung von Kommunalfteuern find erweitert, 
dagegen hat der Regierungspräfident das Recht, zwangsweife die Einfetzung von 
Ausgabepo(ten in den kommunalen Etat anzuordnen. Zeitweilige Enthebung 
eines Gemeindevorftandes oder Gemeinderates von den Amtsverrichtungen 
und deren Übertragung auf Kommiflare ift Sache des Mini(ters des Inneren. 

Die Gemeindeordnung vom 11. März 1850 war bereits in 752 von den 
765 Bürgermeiftercien, welche die Rheinprovinz damals zählte, zur Einführung 



122 III. Th. Ilgen, Organisation der staatlichen Verwaltung und der Selbstverwaltung a 

gelangt, als ein königlicher Erlaß vom 19. Juni 1852 bcß:immte, daß damit ferner 
einzuhalten fei. Die ernftlidien Widerftände, die fich einer Durdiführung des 
Gefetzes entgegen(telltcn, traten vornehmlich in den öftlidicn Provinzen hervor. 
In den Rheinlandcn fammelte man an feiner Hand aufs neue Erfahrungen 
darüber, daß das Be(treben, die Einzclgemeinden felbftändiger zu madicn und 
deren Vertretungen einen großen Teil der Funktionen der Bürgermei(ter der 
Samtgemeinden zuzuweifcn, nicht durdiführbar war, weil die Vorfteher diefer 
Gemeinden gewöhnlidi in Gefchäften völlig unerfahren waren und überdies 
ihren Ortsgenoffen gegenüber fo wenig Autorität zur Geltung zu bringen vcr= 
ß:anden, daß ihnen die regelredite Handhabung der Ortspolizei unmöglidi 
gemadit wurde. Zugleidi mit dem Artikel 105 der Verfaffungsurkunde von 1850 
zogen daher Gefetze vom 24. Mai 1853 auch die Gemeindeordnung von 1850 
wieder zurück, mit der Maßgabe jedoch, daß fiß bis zur Einführung einer neuen 
Ordnung in der Rheinprovinz Geltung behalten follte, wo fie fic zur Zeit befaß. 

Noch einmal flammte der Streit der Meinungen darüber auf, ob nidit doch 
audi für die Rheinlande die gefetzliche Feftlegung des rechtlichen Unterfchiedes 
von Stadt und Land empfehlenswert fei. Er fand fein Ende durch den am 
4. Februar 1856 vom Mini(ter des Inneren dem Haufe der Abgeordneten vors 
gelegten Entwurf einer Städteordnung für die Rheinprovinz und durdi den 
Antrag auf Wiederherftellung der Gemeindeordnung vom 23. Juli 1845 für die 
rheinifchcn Landgemeinden, worüber das Abgeordnetenhaus im April 1856 
entfdiied. Die neue Städteordnung i|t vom 15. Mai 1856 datiert. Das gleiche 
Datum trägt die Novelle zur Gemeindeordnung von 1845. Das Abgeordneten= 
haus ftimmte dem Antrag der Regierung mit großer Mehrheit zu, diefe Form 
der Regelung der Angelegenheit zu wählen, ftatt eine neue Kodifizicrung des 
Verfaffungs rechtes der rheinifdien Landgemeinden nach dem Mu(ter der Land= 
gemeindeordnung für die Provinz Weftfalen vom 19. März 1856 vorzunehmen. 
Damit hat die rheinifchc Gemeindeordnung vom 23. Juli 1845 ihren allgemeinen 
Charakter verloren und i|t lediglich zur Landgemeindeordnung geworden. 

Die Städteordnung für die Rheinprovinz vom 15. Mai 1856 erhielt Gültig» 
keit für die auf dem Provinziallandtagc im Stande der Städte vertretenen 
Gemeinden von mehr als 10 000 Einwohnern und die Städte Wetzlar, Mülheim 
a. d. Ruhr und Effcn, weldie vor der Verkündigung der Gemeindeordnung 
vom 11. März 1850 die revidierte Städteordnung vom 17. März 1831 ange» 
nommen hatten. Befonders verliehen konnte fie auf Antrag auch kleineren 
Gemeinden werden, wenn diefe bisher auf dem Provinziallandtag als Städte 
vertreten gewefen waren. In diefer Hinficht haben die rhcinifche Kreisordnung 
vom 30. Mai und die Provinzialordnung vom 1. Juni 1887, die die Stände«» 
gliederung der Abgeordneten des Provinziallandtags befeitigt haben, die Bahn 
frei gemacht. Nunmehr vermögen Landgemeinden allgemein auf ihren Antrag 
nach Anhörung des Provinziallandtags durch königliche Verordnung der Wohl» 
taten der Städtcordnung teilhaftig zu werden. Vorausfctzung dafür i(t vor 
allem neben einer cntfprechcnden Einwohnerzahl die nötige finanzielle Lci(tungsn 
fdhigkeit und daß fich Anfätze zu (tädtifchem Leben und Charakter in der länd- 
lichen Gemeinde fchon ftark vorgebildet haben. 

Während noch die Gemeindeordnung von 1845 in § 7 die Bürgermeiflerei 
In crf^cr Linie als Verwaltungsbezirk bezeichnet, dem die Bcforgung der Ange- 
legenheiten der allgemeinen ftaatlichen Verwaltung obliegt, wogegen fie als 
Kommunalverband zur Wahrung der gemeinfchaftlichen IntereJJ^en der zu ihr 



□ in. Die kommunalen Verbände: Die Landgemeinden, Städte 123 

gehörigen Gemeinden crft an zweiter Stelle (§ 8) genannt ift, werden die Stadt» 
gemeinden in der neuen Städteordnung (§ 8) als Korporationen angefprodien, 
denen die Selbstverwaltung ihrer Angelegenheiten nach näherer Vorfchrift des 
Gefetzes zuftcht. Außerdem wird den Städten das Redit verliehen, die Bürgers 
meifier und Beigeordneten durd» die Stadtverordnetenversammlung felbft zu 
wählen. Den ländlichen Gemeinden ift die Wahl der Ortsvorjteher in der Rheins 
provinz er(t 1887 überladen worden, und die Bürgermcifter der Samtgemeinden 
werden, wie fchon hervorgehoben ift, noch heutigen Tages vom Oberpräfidenten 
ernannt. 

Indem die rheinifche Städteordnung den Inhalt des Bürgerrechts dahin 
zufammcnfaßt, daß es in dem Rechte zur Teilnahme an den Wahlen, fowie in 
der Befähigung zur Übernahme unbefoldeter Amter in der Gemeindeverwaltung 
und zur Gemeindevertretung beß:eht, greift fic im Anfchluß an die Gemeinde« 
Ordnung von 1845 zugleich auch auf die revidierte Städteordnung von 1831 
zurück. Von ihr hat fie auch die Möglichkeit entlehnt, in den rheinifchen Städten 
die Verfa(Tung mit kollegialem Magiftrat einzuriditen, wovon jedoch feit 1856 
noch keine Stadt wieder Gebraudi gemacht hat, wenngleich die Anregung dazu 
in einzelnen Städten, z. B, in Köln, gegeben worden i(t. Die Stadt Eflen hat 
vielmehr die MagiftratsverfaJTung, die durdi die Gemeindeordnung vom 
11. März 1850 nicht wefentlidi geändert war, trotzdem fie zuvor um deren 
Bewilligung mit der Regierung lebhaft geftritten hatte, nach Verkündigung der 
neuen Städtcordnung vom 15. Mai 1856 einfach wieder fallen laffen, und in 
Mülheim a. d. Ruhr i(t fie 1873 ebenfalls durdi das bureaukratifche Bürger» 
mei(terregiment erfetzt worden. Bei der Feftlegung des ftaatlichen Auffidhtss 
redites, insbefondere über den (tädtifchen Befitzftand und die Finanzverwaltung, 
i(t ebenfalls die revidierte Städteordnung von 1831 zum Vorbild genommen, 
weldie die weitergehenden Konzeffionen der Städteordnung von 1808 in diefer 
Hinficht zum Wohle der Städte wieder aufgehoben hatte. Im übrigen berücks 
fiditigt die neue Städteordnung audi die rheinifchen Eigentümlichkeiten. Sie 
jtcllt die feit der franzöfifchcn Zeit übliche Bürgermei(tereiverfa|fung als den 
Normalzuftand auf, und fie hält an dem Dreiklaflcnwahlfy|tem für die Wahlen 
der Mitglieder zur Stadtverordnetenverfammlung fejt, um fo mehr, als diefcs 
inzwifchen durdi die Verordnung vom 30. Mai 1849 auch für die Wahlen zum 
Abgeordnetenhaus eingeführt worden war. Die den rheinifchen Städten in § 10 
der neuen Städtcordnung erteilte Befugnis, befondere (tatutarifche Anordnungen 
und Vorfchriften für eigentümliche ftädtifche Vcrhältnidc und Einrichtungen zu 
treffen, iß: in ähnlichem Sinne bereits in der Gemeindeordnung von 1845 enthalten 
gewcfen; (tatt der Genehmigung des Minifters des Inneren genügt nunmehr 
die des Oberpräfidenten. Danach kommt den Städten jedoch keine eigene Gcfetzs 
gebungsgewalt zu. Die zu erlaffenden Statuten dürfen den bejtehenden Gefetzen 
auch nicht widerfprechen. 

Die Sclbftverwaltung in den rheinifchen Städten vereinigt fich der Städte* 
Ordnung von 1856 zufolge in den durch die (teuerzahlenden Einwohner gewählten 
Stadtverordnetenverfammlungen und in dem von den letzteren gewählten 
Bürgermeifter und den Beigeordneten. Die Zahl der Beigeordneten hängt von 
dem Gcfdiäftsumfang der einzelnen Stadt ab. Die Stadtverordneten, deren 
Versammlungen im Gegenfatz zu den Sitzungen der Gemeindes und Bürger» 
meiftereiverordneten öffentlich find, befchÜeßen über alle Gemeindeangelegen= 
heitcn und äußern fidi gutaditlidi über Gegcn|tände, die ihnen zu diefem Zweck 



124 III. Th. Ilgen, Organisation der staatlichen Verwaltung und der Selbstverwaltung a 

durch die Auffiditsbehördcn zugcvx/icfcn werden. Ausgenommen davon fmd 
jedoch die Polizeifadien und die Gefchäfte der allgemeinen Staatsverwaltung. 
Deren Wahrnehmung liegt ausfdiließlidi dem Bürgermeip:er und den von ihm 
damit betrauten Beigeordneten ob. Der Bürgermeifter vertritt die Stadt nadt\ 
außen hin, er i(t die eigentlidie Ortsobrigkeit und Gemeindeverwaltungsbehörde, 
die die BefchlülJe der Stadtverordnetenvcrfammlung zur Ausführung bringt, 
nachdem fie fie audi vorbereitet hat, das Eigentum der Stadtgemeindc verwaltet 
und deren Redite daran wahrt, für die Erhebung der (tädtifdien Gcmeindes 
abgaben nach den gefetzlidien Be(timmungen — neuerdings feftgelegt im 
Kommunalabgabengefetz vom 14, Juli 1893! neb(t den ergänzenden Gefetzen vom 
30. Juli 1895 und vom 24. Juli 1906 — forgt und die gefamten Einkünfte ver= 
waltet, indem fie das Redmungs= und KalJenwefen dauernd überwacht oder durdi 
die Beigeordneten kontrollieren läßt, wozu Mitglieder der Stadtverordneten« 
verfammlung hinzugezogen werden. Durdi den Bürgermeifter erfolgt audi mit 
Zuftimmung der Stadtverordneten die Annahme der Kommunalbeamten, deren 
Anftellungsverhältnijyc und Verforgung durch das Gcfetz vom 30. Juli 1899 
geregelt find. Auf Grund diefes Gefetzes haben einzelne Städte, fo z. B. Köln, 
befondere Ortsftatuten über die Regelung des Beamtenwefens erlalJcn. 

Außer in der Stadtverordnetenverfammlung fieht die Städteordnung auch 
noch die anderweitige Heranziehung ftimmfähiger Bürger zur Teilnahme an 
der (tädtifchen Selbjtvcrwaltung vor. Soldie können durdi die Stadtverordneten 
in die Deputationen oder Kommiffionen mitgewählt werden, um einzelne 
Gcfdiäftszweige oder wirtfchaftliche Betriebe dauernd zu verwalten und zu 
beauffichtigen. Diefe befonderen Abordnungen find jedoch in jeder Beziehung 
dem Bürgermeifter untergeordnet, der audi in ihnen entweder felbft den Vorfitz 
führt oder fich durch einen Beigeordneten vertreten läßt. Ferner fmd |timm= 
fähige Bürger im Ehrenamt als Vorfteher der Ortsbezirke tätig, in die Stadt= 
gemeinden von größerem Umfang regelmäßig eingeteilt werden. Die fdion feit 
1827 in Altpreußen tätigen Sdiiedsmänner zu vergleidisweifer Entfdieidung von 
Rechtsftreitigkeiten find in der Rheinprovinz erft durdi die Schiedsmannsordnung 
vom 29. März 1879 eingeführt. Audi fie werden in den Städten durdi die 
Gemeindevertretung gewählt. Dann gibt es Armenbezirksvorfiände, Waifen» 
bezirksvorftände, deren ehrenamtliche Tätigkeit in den Großftädten mit zu den 
verdienftvollften und fchwierigften Aufgaben zählt. 

Auf die gewaltige Entwicklung, welche das Städtewefen in den Rheinlanden 
feit den fechziger Jahren genommen hat, ift bereits bei unferen Ausführungen 
über die Bildung felbjtändiger Stadtkreife kurz hingedeutet worden. Soweit 
die Städte nicht als Sitze der Regierungen oder fonftiger (taatlidien Behörden und 
als bedeutendere Garnifonorte einen etwas größeren dauernden Verkehr in 
ihren Bannkreis zu ziehen vermocht hatten, waren fie doch vor diefer Zeit 
auch in der Rheinprovinz mei|t Landftädtchen geblieben, deren Einwohner 
vorwiegend vom Kleinhandclsverkehr mit dem umliegenden platten Land 
lebten. Er(t als im Gefolge des Zollvereins und mit SdiafFung der modernen 
Verkehrsmittel auf Waffer» und Landwegen der Handel aufblühte und die 
mächtig (Ich entwickelnde Induftrie in den Stadtgemeinden, namentlich der 
Regierungsbezirke Düffeldorf und Köln, ihre Arbcits|tätten auffchlug, änderte 
Och das otädtebild (ehr wefentlich. Je (tärker die Einwohnerzahl (tieg, um 
fo mehr wuchs die Fülle der kommunalen Bedürfniffe, die es zu befriedigen 
galt. Neben gcfchloffenen öffentlichen Verwaltungsbezirken wurden die Städte 



D ni. Die kommunalen Verbände: Die Landgemeinden, Städte 125 

nunmehr cbcnfo fchr wirtfdiaftlidic Organifationcn zur Verforgung der Bevölkc« 
rung mit Gebrauchs« und Nahrungsmitteln. Der Anlage der ftädtifdien WalTer» 
werke, die unter Befeitigung der privaten oder genoHenfdiaftlichen Pumpeno 
anlagen in den fünfziger Jahren einfetzt, ift die Übernahme oder Errichtung 
von Gasanftaltcn zunächft behufs der Straßenbeleuchtung gefolgt. Neuerdings 
madien die (tädtifdien Elektrizitätswerke den Gasanftalten eine friedlidie Kons 
kurrenz. Sie liefern nicht nur Lidit und Kraft wie die Gasanjtalten für öffentliche 
und private Zwecke, fondern verforgcn auch die innerhalb der letzten Jahrzehnte 
meift käuflich in den Befitz der Städte gelangten früher privaten Straßenbahnen 
mit clcktrifchem Strom. Jede rheinifche Stadt von einiger Bedeutung hat heutigen 
Tages audi ihren eigenen Schlachthof, mit dem nicht feiten ein Viehhof zur 
Unterbringung des Marktviehes verbunden ift'). Und die La(ten der Fürforgc 
für das geijtige Leben, die die preußifche Regierung im Gegenfatz zu der franzö» 
fifchen fofort nach der Einverleibung der Rheinprovinz zu einer ihrer wefent« 
lidiften Aufgaben gemadit hat, find von diefer, foweit es angängig war, den 
ftädtifdien Kommunen aufgeladen worden, indem diefe fofort zur Unterhaltung 
des Elementars oder Volksfchulwcfens verpflichtet wurden. Um der (tarken 
Bevölkerungszunahme Rechnung zu tragen, haben fich die Städte dann dazu 
bequemen müden, nicht nur Gymnafien neu zu errichten und dauernd zu untcra 
halten. Auch die um die Mitte des 19. Jahrhunderts in den Städten neu ent= 
ßiandenen Schularten, die Realfchulen und Realgymnafien, die öffentlichen 
höheren Mädchenfdiulen, die Kun|tgcwerbe=, Fortbildungs=, Fach» und Gewerbe^ 
fchulen fmd zumeilt Itädtifche oder halbftädtifdie Anftalten. Gemeintätiger 
Bürgcrfmn hat dann auch Hodifchulen in den Städten angeregt; allen voran hat 
Köln zuerfl (1902) eine Handclshochfdiule begründet. Den verjtorbenen Mini« 
(lerialdirektor Althoff wird man wohl als den eigentlichen Urheber der jtädtifchen 
Akademien für praktifche Medizin anzufehen haben, wie ne(i905) in Düffeldorf 
und Köln eingcriditet find. Dazu find Akademien für kommunale Verwaltung, 
akademifche Kurfe für allgemeine Fortbildung und Wirtfchaftswiffenfchaften u. a. 
getreten. Des Volksbildungswcfens haben fich die Städte durch Schaffung von 
öffentlichen Bibliotheken und Büdier= oder Lefehallen angenommen. Den gleichen 
Zwedten dienen die verfchicdenartigßien (tädtifdien Mufeen. In den Etats der 
Großftädtc fpielen ferner die Ausgaben für das Theaterwefen und mußkalifche 
Aufführungen keine geringe Rolle. 

Auf die Kehrfeite diefer weitumfafTenden Verwaltungstätigkeit feitens der 
Städte, auf die Anhäufung einer gewaltigen Sdiuldenlaft bei der Mehrzahl 
derfelben, kann hier nicht näher eingegangen werden. 

Hat demnach die rheinifche Städteordnung von 1856 in glückhdier Weife 
die Grundlagen be(timmt, auf denen zahlreiche Städte in den Rheinlanden im 
Laufe von wenigen Jahrzehnten zu Ricfengemeinwefen haben cmporwachfen 
können, fo war mit der Novelle von 1856 zu der Gemeindeordnung von 1845 
nur halbe Arbeit getan, was fortgefetzt lähmend auf die Entwicklung und die 
Verwaltungszuftände der Landgemeinden einwirkt. Finden doch hier die 
Sitzungen des Gemeinderats noch heute unter Ausfchluß der Öffentlichkeit (tatt; 
das Publikum hat zu ihnen keinen Zutritt. Dem immer dringender vorgebrachten 
Verlangen nach Reformen ift die Regierung im Jahre 1908 nadigekommen, 
indem fiß dem rheinifdien Provinziallandtag den Entwurf eines Gefetzes über 



') Vgl. die Darlegungen im zweiten Bande diefes Werkes, Abfdinitt XVII. 



126 JII. Th. Ilgen, Organisation der staatlichen Verwaltung und der Selbstverwaltung d 

die Abänderung der Landgemeindeordnung zugehen ließ. Unter deHen Neue« 
rungcn nimmt die bcabfichtigte AbfdiafFung der Führung der im § 41 der 
Gemeindeordnung vorgefdiriebenen Gemeinderolle, in weldie die zur Ausübung 
des Gemeinderedits befähigten Meiß:beerbten eingetragen werden, den er(ten 
Platz ein. Die bevorreditete Stellung der Mei(tbeerbten bildet überhaupt einen 
der Angelpunkte, um den fidi der Streit wegen der neuen Gemeindeordnung 
dreht. Das Fundament, auf der fie beruhte, i[t durdi das Grundfteuergefetz 
vom 21. Mai 1861, das die Scheidung in Gcbäude= und Grunditcuer bradite, 
verfdioben worden. In Landgemeinden, in denen fidi Induftrie angefiedelt und 
entwid<elt hat, bedeutet ferner die Bevorzugung der Mei(tbcerbten geradezu 
die Entreditung der meift weit (teucrkräftigercn indu|i:riellen Unternehmungen. 
Dazu kommt, daß die laxe Beteiligung der Meiftbeerbten, zumal derjenigen, 
weldie nidit ihren dauernden Wohnfitz in den Gemeinden haben, an den 
Gemeinderatsverfammlungen fortgefetzt deren Befchlußunfähigkeit zur Folge 
hat. Diefen Mißftänden fudite eine im März 1910 dem Herrenhaus vorgelegte 
Novelle zur Gemeindeordnung abzuhelfen, welche die Vorrechte der Mei(ta 
beerbten etwas einfchränkte und auch für die jurijtifchen Perfonen, Aktienge» 
fellfchaften ufw., wenn fie mehr als der höchftbelteuerte Gemeindeangehörige 
an Staats= und Kommunalfteuern cntriditen, fowie unter gleichen Umftänden 
für den Bcßtz des Staatsfiskus eine entfprechende Vertretung fdiuf. Die 
Deputierten diefer Kategorien follen jedodi an Zahl ein Viertel der gewählten 
Abgeordneten nicht überfchreiten, während die meiftbcgüterten Grundbefitzer 
die Hälfte davon ausmachen können. 

Nachdem das Herrenhaus die Novelle mit mehreren einfdiränkenden Be= 
ftimmungen bela(tet hatte, ift fie vom Abgeordnetenhaufe, in dem man den 
Landgemeinden von einigen Seiten ein größeres Maß von Selbftverwaltungs= 
befugnis zugefprochen wijfen wollte, abgelehnt worden. So ift denn die Vorlage 
zunäch(t wieder in der Verfenkung verfchwundcn ; die Staatsregierung hat bislang 
keine Vcranftaltung getroffen, fie durch eine neue zu erfetzen. 

Die Schwierigkeiten, eine cinheitlidie Gemeindeordnung für die Rhein» 
provinz zuftandc zu bringen, liegen in den (tarken Gegcnfätzen, welche die wirt« 
fchaftlichc Struktur der Landgemeinden in den verfdhiedenen Regierungs- 
bezirken zeigt. Daß die im Indu(tricgebiet fdinell wachfenden Orte fchr bald 
ihren ländlichen Charakter abftreifen, i(t ein Vorgang, der fich niAt zurüd<= 
fchrauben läßt. Sdion mit Rückficht auf die (tark fluktuierende Bevölkerung 
eignen fich für folche Gemeinwefcn bcffer mehr ftädtifche Verfalfungsverhältniffc. 
Andererfeits hat fich ergeben, daß die organifierten Gemeinden mit geringer 
Seclenzahl in rein ländlichen Verhältniffcn vielfach nicht lebensfähig find, weil 
die ihnen zufallenden kommunalen La(ten ihre Leiftungsfähigkeit überfteigen. 
Ijt doch im Anfchluß an die Verhandlungen über die Reform der Gemeinde- 
ordnung 1908 ermittelt, daß im Regierungsbezirk Trier 774 Gemeinden weniger 
als 600 Einwohner haben, von denen nahezu 300 die Seelenzahl von 200 nodi 
nicht erreichen. Hier wird die Vereinigung mehrerer Gemeinden zu einem 
einzigen Kommunalverband geradezu zur Notwendigkeit, bei der man gegebenen 
Falles auch vor Oktroyierung nicht zurückzufchrecken braucht. Denn das für 
die gefamte preußifche Monarchie unter dem 19. Juli 1911 crlaffcnc Zweck« 
vcrbandgefctz vermag auf diefem Gebiete keine radikale Abhilfe zu fchaffcn, 
weil in ihm nur die Erfüllung einzelner außergewöhnlichen kommunalen 
Aufgaben, welche die Gemeinden einer Bürgermeifterei oder mehrere Bürger« 



□ ni. Die kommunalen Verbände: Die Kreise 127 

mci(tcrcicn ohne übcrfpannung ihrer Stcuerkräftc nidit durdiführcn können, 
in Ausfidit genommen i(t. 

Die Kreife. Indem die Kreisordnung für die Rheinprovinzen und We|t» 
falen vom 13. Juli 1827 den Kreisverfammlungen den Zweck zufpridit, die Krcis= 
Verwaltung des Landrats in Kommunalangelegenheiten mit ihrer Beratung und 
ihren BefdilüfTen zu begleiten und zu unterjtützen, indem fie ferner in den 
Fällen, wo diefc Verwaltung eine (tändifdie wird, den Kreis(tänden das Redit 
verleiht, die Beamten dazu zu wählen, hat fie unter den Kommunalvcrbänden 
die Kreife am frühejten zu Trägern der Selb(tverwaltung ihrer Angelegenheiten 
erhoben. Freilich der Umfang der felbftändigcn Betätigung der Krcisftände auf 
den Kreistagen war nodi fehr eng bemeffen. Sie hatten die Staatslciftungen im 
Kreife, fofcrn für deren Aufbringung nidit fchon durch das Gcfetz eine beftimmtc 
Form vorgefdiricben war, umzulegen. Zur Fe(t(tellung der Kreisbedürfnidc 
an Abgaben, Leiftungen und Naturaldienften war ihr Gutaditcn erforderlidi, 
ebenfo wie die jährlidien Redinungen ihrer Prüfung unterworfen wurden. Die 
Befugnis zur Erhebung befonderer Kreisabgaben war jedoch in der Kreis- 
ordnung nicht ausgefprochen ; das Redit, Schulden zu kontrahieren, wurde den 
Kreisverbänden in der Rheinprovinz erft durdi die Verordnung vom 9. April 
1846 zuerkannt. Durdi die Kreistage erfolgte auch die Wahl der Zivilmitglieder 
der Kreis=Erfatzkommiffionen. Der Mitwirkung der Kreisverfammlungen bei 
der Landratswahl wurde bereits gedacht. 

Im übrigen befdiäftigt fidi der größere Teil der Kreisordnung von 1827 
mit der Zufammenfetzung der Krcisftände, der Qualifikation der Mitglieder und 
den Wahlen der Abgeordneten der Städte und Landgemeinden und deren Stell» 
Vertretern, die nur aus Munizipalitätsperfonen und aus Admini(trationsbeamten 
oder Vertretern der Samtgemeinden gewählt werden follten. Außerdem fdirieb 
eine Order vom 5. April 1836 zur Wählbarkeit im Stande der Städte und Land« 
gemeinden ein beßiimmtes Maß an Grundbefitz vor, zu weldicr Befchränkung 
die Verordnung vom 26. März 1839 noch die Bedingung einer minde(tens 
fünfjährigen Dauer diefes Grundbefitzes hinzufügte. Geborene Mitglieder der 
Kreisjlände waren die Befitzer ehemals reichsunmittelbarer Landesteile, welche 
auf die Regierungsrechtc Verzicht gcleiftet hatten, und diejenigen, denen im 
Stande der Für(ten und Herren Viril(timmen verliehen waren oder verliehen 
wurden. Ferner zählten dazu ohne Wahl die Befitzer der in die Matrikel der 
Ritterfchaft aufzunehmenden Güter. Allgemeine Vorausfetzungen waren Zuge= 
hörigkcit zu einer der diriftlidien Kirchen, Vollendung des 24. Lebensjahres 
und unbefdioltener Ruf. 

Daß man auf diefe Weife die alte (tändifche Gliederung wieder aufleben 
ließ, hat viel böfes Blut in der Rheinprovinz gemacht, um fo mehr, als die 
wirtfchaftlidien Grundlagen hierfür fehlten. Da in einer ganzen Reihe von 
Kreifen noch nidit fünf (timmfähige Befitzer von immatrikulierten Rittergütern 
pich vorfanden, fah man fich genötigt, mit Hilfe der Verordnung vom 26. März 
1839 der Kreisverfammlung aus der Zahl der meiftbegüterten ländlidien Grund« 
eigentümer, der notabeln Befitzer, wie fie auch genannt wurden, denen nach 
dem Reglement vom 17. März 1828 die Wählbarkeit zum Landratsamte ver- 
liehen war, Abgeordnete zuzuweifen, damit der größere ländliche Grundbefitz 
mit Einfdiluß der ritterfchaftlidien Kreistagsmitglieder überhaupt wenigftens 
fünf Vertreter erhielt. Und im Gegenfatz zu dem in den übrigen Provinzen 
auf Grund der Kreisordnungen beobaditeten Verfahren wurde in den Rhein» 



128 III. Th. Ilgen, Organisation der staatlichen Verwaltung und der Selbstverwaltung a 

landen die Wahl der ländlidicn Kreistagsmitglieder nidit durdi die Orts» 
gemeinden, fondern durch die Bürgermeiftereiverfammlungcn vollzogen. 

An diefem Wahlmodus follte audi nadi der Kreisordnung vom 1 1 . März 
1850 feftgehalten werden, die im übrigen die Kreisverfammlungen nur aus 
Abgeordneten, die von den Gemeindevertretungen auf fedis Jahre gewählt 
waren, bc(tehen lafjen wollte. Sie fah audi das In(titut des KrcisausfdiuITes 
bereits vor, dem nidit nur die bisherigen Gefdiäfte der kreisjtändifchen Kommif» 
fionen übertragen wurden, fondern audi dicVerwaltung der Krcisangelcgenheitcn 
überhaupt, die Vorbereitung und Ausführung der Bcfchlüffe der Kreisverfamm» 
lung, die Wahl der erforderlidien Beamten, kurz die Vertretung der Kreis» 
Korporation Dritten gegenüber obliegen follte. 

Die Beratung des Gefetzes vom 11. März 1850, an dcffen Stelle jedodi 1852 
ein neuer Entwurf einer Kreisordnung dem Provinziallandtag vorgelegt wurde, 
hat im Zufammenhang mit dem Gcfctz vom 1. Mai 1851 betreffend die Ein» 
führung einer Klaffen» und klaffifizierten Einkommenftcucr, das zur Einfdiätzung 
befondere Kreiskommiffionen anordnete, die rheinifdie Provinzialvertretung 
während der Jahre 1851 und 1852 in lebhaften Verhandlungen befdiäftigt. 
Eine praktifdie Bedeutung haben fie indeffcn nidit erlangt, weil 1853 audi in 
der Rheinprovinz die alte Kreisverfafl^ung von 1827 wiederhcrgeftellt wurde. 

Während dann nadi wiederholten vergcblidicn Anläufen für die Provinzen 
jcnfcits der Elbe, einfdiließlidi der Provinz Sadifen, am 13. Dezember 1872 
eine neue Kreisordnung zujtandc kam, weldie durdb die Novelle vom 19. März 
1881 vorwiegend redaktionelle Änderungen erfuhr, waren die Bemühungen, 
die moderne Krcisverfaffung audi auf die weltlichen Provinzen auszudehnen, 
zunädift ohne Erfolg. Die Kreisordnung für die Rheinprovinz trägt er(t das 
Datum des 30. Mai 1887 ; fic i{t gleichzeitig mit dem Gefctzc über die Einführung 
der Provinzialordnung am 1. April 1888 in Kraft getreten. 

Als wefentlichjte Neuerung bradite fie den endgültigen Bruch mit dem 
(tändifdien Prinzip. Die Virilftimmen der Standesherrn und der Befitzer von 
immatrikulierten Rittergütern verfchwanden. Aus den verfchiedencn wirtfchaft« 
liehen Intercffengruppen wurden drei Wahlverbände der größeren Grunds 
befitzer, der Landbürgcrmciftcreicn und der Städte gebildet. Zu dem erß:crcn 
zählen außer den Grundbefitzcrn auch die juri(tifchen Perfoncn, Aktiengefell» 
fchaften und Kommanditgcfellfchaften auf Aktien, weldie von ihrem innerhalb 
des Kreifcs belegenen Grundeigentum einen nach den einzelnen Regierungs» 
bezirken eventuell audi für einzelne Kreife verfdiieden hoch (zwifchcn 450 und 
100 Mark) bemeffenen Betrag an Grundfteuer zu cntriditen haben, ferner die 
Gewerbetreibenden und Bergwcrksbefitzer, die in der Klaffe A I der Gewerbe» 
(teuer mit dem Mittelfatz veranlagt find. Um die Ausübung eines doppelten 
Wahlrechtes zu verhüten, hat man jedoch die Gemeinden und die auf öffentlich» 
rechtlicher Grundlage beruhenden Genoffenfchaften hinfichtlich ihres im Kreife 
belegenen Grundeigentums von der Teilnahme an dem Wahlvcrbande der 
größeren Grundbcfitzer ausgefchloffen. Im Kreife Koblenz gab es 1887 241 Ge« 
meindcn und zwei Genoffenfchaften, im Kreife Trier 193 Gemeinden und zwölf 
Gehöferfchaften, die ein Grundeigentum mit mehr als 150 Mark Grundßieucr 
befaßen. Die Neufchaffung von Amtsverbänden, zugleich als Korporationen für 
Kommunalangelegenheiten, die in den öftlidicn Provinzen durch die Kreis- 
ordnung von 1872 notwendig geworden war, kam für die Rheinprovinz in Wegfall, 
da eine analoge Einrichtung hier bereits in der Samtgemeinde vorhanden war. 



D III. Die kommunalen Verbände: Die Kreise 129 

Der Wahlvcrband der Städte umfaßt die Gemeinden, die vorher auf dem 
Kreis» oder Provinziallandtag im Städtcftande vertreten gewcfcn [ind, auch 
wenn fiß nach der Landgemeindeordnung verwaltet werden, ferner diejenigen, 
denen fpäter die Städteordnung verliehen wird. Die Zahl der Abgeordneten 
iß: bei Kreifen bis zu 25 000 Einwohnern in den Regierungsbezirken Aadien, 
Düdcldorf und Köln auf 25 und in den Regierungsbezirken Koblenz und Trier 
auf 20 fejtgefetzt. In Kreifen von über 25 000 bis zu too 000 Einwohnern tritt 
für jede Vollzahl von 5000, und in foldien mit mehr als 100000 Einwohnern 
für jede überfdiießcnde Vollzahl von 10 000 Einwohnern je ein Vertreter hinzu. 
Verteilt werden die Abgeordneten nadi dem Verhältnis der [tädtifdien und lända 
lidien Bevölkerung, jedoch darf die Zahl der (tädtifdien Vertreter die Hälfte und, 
ifl; nur eine Stadt vorhanden, ein Drittel der Gefamtzahl aller Abgeordneten 
nicht überjteigen. In die übrig bleibende Zahl teilen fich die Verbände der 
größeren Grundbefitzcr und der Landbürgermeijtereien zu gleidien Teilen, 
indelfen foll der Minimalanteil des größeren Grundbefitzes an der Gefamtver» 
tretung des Kreifes in den Regierungsbezirken Aachen, Düfleldorf und Köln 
nur ein Drittel und in den Regierungsbezirken Koblenz und Trier nur ein 
Viertel betragen. 

Während in den ö(tlidien Provinzen, fowie in Hannover und We(tfalen die 
Zugehörigkeit zu dem Wahlverbande der größeren Grundbefitzer auf den 
Grundbefitz des platten Landes befchränkt bleibt, hat man fie in der Rhein« 
provinz cbenfo wie in der Provinz HelfensNaJTau auf den Grundbefitz des ganzen 
Kreifes mit Einfchluß der Städte ausgedehnt, damit nicht Befitzer ausgefchlodcn 
bleiben, die unzweifelhaft der Klaffe des größeren ländlidien Grundbefitzes 
zuzuzählen find. Es liegen beifpielsweife von acht im Kreife Mettmann befinda 
hdien Rittergütern vier innerhalb des Gebietes der Stadt Mettmann; im Neußcr 
Stadtbezirk gab es 1887 fechs größere ländliche Befitzungen mit mehr als 
225 Mark Grund(teuer, desgleichen befinden fich im Kreife Grevenbroich drei 
derartige Befitzungen auf (tädtifchem Grund und Boden. 

Andcrerfcits bildet, wie in Weftfalcn fo audi in der Rheinprovinz, die 
Grundlage der Wahlbereditigung nur die Grundfteuer und nid^t auch die 
Gcbäudcfteucr. Man hat damit verhüten wollen, daß die Haus=, Villen» und 
fonftigen Befitzer, namentlich in den Vororten größerer Fabrikitädte, in dem 
Wahlverband des größeren Grundbefitzes eine Vertretung erlangen, trotzdem 
fie mit dicfem oder dem Großgewerbebetrieb nichts gemein haben. 

Das Wahlredit im Verbände der größeren Grundbefitzer (teht felbjtändigen 
und unbefcholtencn Angehörigen des Deutfdicn Reidies zu, fofern fie das 
21. Lebensjahr vollendet haben. Der Staat, juriftifche Perfonen ufw. üben es 
durch Stellvertreter aus. Die Abgeordneten der Städte werden durdi den Stadt» 
vorfiand und die Stadtvertretung, die der Landgemeinden durch die Bürger» 
mci(tcrciverfammlung gewählt. Bedingung der Wählbarkeit i(t das Bürger» 
bezw. Gemcinde|timmrccht und in den beiden anderen Wahlverbändcn, daß 
der zu Wählende dem Kreife feit einem Jahre durch Wohnfitz oder Grundbefitz 
angehört. 

Die Veränderung, welche die Kreisordnung von 1887 in der Zufammen» 
fetzung der Kreistagsmitglieder herbeigeführt hat, beleuchtet am heften eine 
Gcgenüberltellung der Gcfamtzahlen. Die Gefamtzahl betrug 1887 in den 
60 Landkreifcn der Provinz im Wahlverband der größeren Grundbefitzer 397, 
in dem der Städte 302 und in dem der Landgemeinden 725 Mitglieder, ins» 

Die Rheinprovini 1815— 1915. 9 



130 ni. Th. Ilgen, Organisation der staatlichen Verwaltung und der Selbstverwaltung a 

gefamt alfo 1424, während bisher nach der Kreisordnung vom 13. Juli 1827, 
bezw. der Verordnung vom 26. März 1839, unter Ausfdiluß der fedis ehemals 
reidisunmittelbaren Virilftimmcn 1248 Mitglieder vorhanden gewefen waren, 
von denen 435 dem Stande der Ritterfchaft oder notabeln Befitzer, 153 dem 
der Städte und 660 dem der Landgemeinden angehört hatten. In den einzelnen 
Regierungsbezirken verteilt fich das Verhältnis in der Weife, daß in denen von 
Dü(Teldorf und Köln der Großgrundbefitz und die Städte zufammen die Mehr» 
heit ausmachen, wohingegen in denen von Koblenz und Trier durchweg die 
Mitglieder des Wahlverbandes der Landgemeinden in der Überzahl fmd. 

Hatte vordem der Landrat allein die Verwaltung des Kreifes geführt, wobei 
ihm nur die Kreisverfammlung beratend zur Seite ftand, fo i(t ihm feit 1888 
für die Zwecke der Kommunalverwaltung und der Wahrnehmung von Ge* 
fdiäften der allgemeinen Landesverwaltung der Kreisausfdiuß zugeordnet. Er 
befteht aus dem Landrat als Vorfitzenden und fedis vom Kreistage auf fechs 
Jahre gewählten Mitgliedern aus der Zahl der wählbaren Kreisangehörigen, 
von denen alle drei Jahre die Hälfte ausfchcidct. Dem Kreisausfdiuß liegt die 
Ernennung der Beamten des Kreifes fowie die Leitung und Beauffichtigung 
ihrer Gcfchäftsführung ob. Ferner hat der Kreisausfdiuß die Bcfchlüffc des 
Kreistages vorzubereiten und auszuführen und demgemäß die Kreisangelegen" 
heiten auf Grund des vom Kreistage feftzuftellenden Kreishaushaltsetats zu 
verwalten. Er revidiert auch die vom Rendanten der Kreiskommunalkaffe vor- 
gelegte Jahresrechnung, die dann der Kreistag nodi durdi eine befondere Kom« 
miffion prüfen laffen kann. 

Vertreten wird der Kreiskommunalverband, wie fchon die Kreisordnung 
von 1827 vorfchrieb, audi fernerhin durch den Kreistag, der auf Berufung und 
unter dem Vorfitz des Landrats zufammentritt. Diejenigen Mitglieder des 
Krcisausfchuffes, weldie nicht Mitglieder des Kreistages fmd, werden zu den 
Vcrfammlungen des Kreistages eingeladen und haben in ihm beratende Stimme. 
Auch die Sitzungen des Kreistages find, wie die der Stadtverordnetenverfamm» 
lungen, öffentlicJi. Der Kreistag i|\ befugt, ftatutarifche und reglcmentarifdie 
Anordnungen zu treffen, die Staatspräftationen im Kreife zu repartieren, Aus- 
gaben zur Erfüllung einer Verpfliditung oder im Intereffe des Kreifes zu 
befchließen und zu diefcm Behufe über Grund= und Kapitalvermögen des 
Kreifes zu verfügen, fowie Anleihen aufzunehmen und die Kreisangehörigen 
nach Maßgabe der zu entrichtenden Staatsjteuer mit Kreisabgaben zu bela(ten. 
Wie der Kreistag den Kreishaushaltsetat feftftellt, fo beflimmt er auch die Grund« 
fätze, nach welchen die Verwaltung des dem Kreife gehörigen Grund- und 
Kapitalvermögens, desgleichen der Kreiseinrichtungen und =anftalten zu erfolgen 
hat. Namentlich für die letzteren Zwecke fmd auch Kommiffioncn oder Kommif- 
fare aus der Zahl der Kreisangehörigen unter der Leitung des Landrats vor- 
gcfchen. Demgemäß befchließt der Kreistag über die Einrichtung von Kreis- 
ämtern und über die Zahl und Befoldung der dazu erforderlichen Kreisbeamten. 
Ferner fteht ihm das Recht zu, Petitionen und Eingaben, die feiner Bcfchluß- 
nähme unterliegende Angelegenheiten betreffen, zu beraten und zu vollziehen, 
um n« dann höheren Ortes einzureichen. Jährlich ift wcnigftcns ein Kreistag 
durch den Landrat anzuberaumen. Außerdem finden Kreistagsvcrfammlungcn 
(^att, fo oft CS die Gefchäfte erfordern, ferner auf Verlangen von einem Viertel 
der Kreistagsabgeordneten oder des Kreisausfchuffes. Zur Befchlußfähigkeit des 
Kreistages gehört mindeftens die Anwcfenhcit der Hälfte der Mitglieder; nur 



a ni. Die kommunalen Verbände: Die Provinz 131 

bei der zweiten Verhandlung über den nämlidien Gegenjtand kann hiervon eine 
Ausnahme gcmadit werden. Bei Abftimmungen cntfcheidet die Mehrheit der 
Stimmen; ergibt fid» Stimmengleichheit, fo gilt der Antrag als abgelehnt. 
Von jedem in Ausficht genommenen Kreistage i(t dem Regierungspräfidenten 
Anzeige zu erftatten, wie ihm auch Abfdirift des Protokolls der einzelnen 
Sitzungen vorgelegt wird. 

Durdh den Regierungspräfidenten wird zunächß: überhaupt die Auffidit des 
Staates über die Verwaltung der Angelegenheiten der Landkrcife ausgeübt; an 
feine Stelle tritt in höherer und letzter Inß:anz der Oberpräfident. Die Aufficht 
kannfjdi auf GefdiäftssundKalfenrevifionen crftredten und die dafür notwendigen 
Unterlagen an Akten, Rechnungen ufw. einfordern. Der Regicrungspräfident 
hat auch das Recht, die zwangsweifc Einfetzung eines dem Kreifc gefetzlich 
obliegenden Ausgabepojtens in den Etat anzuordnen. Die Klage gegen eine 
derartige Verfügung i(t bei dem Obervcrwaltungsgericht anzubringen. Zur 
Auflöfung eines Kreistages bedarf es einer königlichen Verordnung, welche auf 
den Antrag des Staatsminifteriums ergeht. 

Aus der Jahresrente, welche durch das Dotationsgefetz vom 8. Juli 1875 
dem Provinzialverband der Rheinprovinz überwiefen i(t, erhalten die Kreis- 
verbände insgefamt jährlich die Summe von 333 41 1 Mark, die zur einen Hälfte 
nadi dem Maßftab des Flächeninhalts, zur anderen nach dem Prozentfatz der 
Zivilbevölkerung auf die einzelnen Kreife verteilt wird und die vorwiegend zur 
Beftreitung der Ko|tcn des KreisausfdiuJTes — deffen Mitglieder empfangen 
für ihre Auslagen Entfchädigung — befl:immt ijt. Ferner bezogen die Kreife 
bis zum Jahre 1893 gemäß der Lex Huenc vom 14. Mai 1885 Zufdiüffe aus 
den Einkommen an landwirtfchaftlichen Zöllen. Für die nadi dem Gcfetz vom 
30. Juni 1887 an den Staat übergegangenen, vordem von den Kreifen errichteten 
Kantonsgefängniffc in der Provinz fmd diefen Entfchädigungen gezahlt worden. 
Die Jagdfchcingelderfonds der Kreife verwendet man meift für Volksbildungs« 
zwedke, z. B. Kreisbibliotheken. Die Mobilmachungs= und Landwehrpferdea 
gelderfonds, die vor 1866 zum Teil die ganze Provinz umfaßt hatten, werden 
neuerdings von den Kreifen verwaltet, durch welche auch die Beihilfen an 
Angehörige der Referve und Landwehr aus dem 1871 ge(tifteten Darlehnsfonds 
verteilt werden. 

Der Provinzialverband. Die königliche Verordnung vom 22. Mai 1815 
be(timmte, daß der neu zu bildenden Repräfentation des Volkes für den 
gefamten preußifchcn Staat die Einführung von Provinzialltänden, wo fie 
nicht von früher her vorhanden waren, voraufgehen follte. Da fich weder die 
Provinz Niederrhein noch die von Jülidi=Klcve=Berg an frühere einheitlidie 
Territorialbildungen anfdiloß und auch nach der Zufammcnlegung diefer beiden 
Provinzen im Jahre 1822 nicht auf kommunale Verbände, die aus der Zeit der 
franzöfifchcn Herrfchaft überliefert waren — die Departementsräte waren durdi 
die Generalgouverneure abgefchaift (f. oben S. 6) — , zurüdtgegriffcn werden 
konnte, fo nötigte das allgemeine Gefetz wegen Anordnung der Provinzialjtände 
in Preußen vom 5. Juni 1823 dazu, diefe Einrichtung für die Rheinprovinz ganz 
neu zu fchaffen. Das gefchah durdi das Sondcrgefetz vom 27. März 1824. Indem 
diefe Gefetze das Grundeigentum zur Bedingung der Standfdiaft maditen, 
fdioben fie den Gewerbeftand nahezu völlig zur Seite, der in den Regicrungsa 
bezirken Aadicn, Düffeldorf und Köln durch feine indufiriellcn Anlagen auch auf 
dem platten Lande bereits damals feften Fuß gefaßt hatte. Aber felbft in den 

9* 



132 in. Th. Ilgen, Organisation der staatlichen Verwaltung und der Selbstverwaltung o 

Regierungsbezirken Koblenz und Trier fehlte die ^x'cfentlidle Grundlage für 
das angegebene Standfdiaftsprinzip, der einigermaßen gefdilofl"ene Grundbefitz. 
Der Umftand, daß für die Wählbarkeit als Abgeordneter zehnjähriger Bcfitz 
nachgcwiefen werden mußte, bildete bei der Beweglidikeit, die dem rheinifdien 
Immobiliarbefitz feit langem eigen war, ein weiteres Hindernis. 

Die Stände der Landtage in den früheren Territorien, aus denen fidi die 
Rheinprovinz zufammenfetzte, hatten zumeift nur aus denen des ritterbürtigen 
Adels und der Städte beftanden. Im Fürß:bistum Köln war dazu außer dem 
Domkapitel als befonderem geijtlidiem Stand ein eigener Grafenßiand getreten, 
wohingegen im Erzftift Trier nur Geiftlidikeit und Städte die Land(tände 
gebildet hatten, während der ritterfdiaftlidie Adel als Reidisftand gänzlich aus» 
gefdiiedcn gcwefen war. Das Gefetz vom 27. März 1824 gliederte den ftändifdien 
Verband der Rheinprovinzen in vier Stände, für deren Zufammenfetzung die Ver= 
Ordnung vom 13. Juli 1827 die näheren Bcjtimmungen traf, die auf Grund der Be= 
ratungen des vom 29. Oktober 1 826 ab erftmalig tagenden Landtags erlauben wurde. 
Gemeinfdiaft mit einer der diriftlidien Kirchen, Vollendung des, 50. Lebens» 
Jahres und unbefdioltener Ruf waren Erforderninc, die für fämtliche Abge= 
ordneten galten. 

Der Befitz eines vormals unmittelbaren Landes im früheren Deutfchen 
Reich bildete nadi Maßgabe einer Inftruktion vom 30. Mai 1820 die Voraus« 
fetzung der Zugehörigkeit zum erften Stande, dem der Für(ten und Standes« 
herren, wie er feit 1830 offiziell betitelt wurde. Demgemäß wurden den Fürftcn 
von Solms=Braunfels, von Solms=Hohcnfolms=Lidi, von Wied, von Hatzfeld 
und von Salm=Reifferfdieidt=Dyck Virilftimmen zuerkannt. Die Abgeordneten 
der drei anderen Stände gingen aus Wahlen hervor. 

Im zweiten Stande, dem der Ritterfdiaft, wurde die Wahlfähigkcit und 
Wählbarkeit begründet durch den Befitz eines früher reichsritterfdiaftlichen oder 
landtagsfähigen Gutes in der Provinz, von dem im Jahre 1824, das man als 
Normaljahr anfetzte, ein Jahresgrundfteu erbetrag von 75 Rtlr. entrichtet wurde. 
Mit königlicher Begnadigung konnte die Ritterjlandfchaft auch denjenigen ver- 
liehen werden, die einen Inbegriff von ländlichen in der Provinz gelegenen Grund» 
(tücken, weldie frei von gutsherrlidien Laften einen Reinertrag von mindejtens 
2500 Rtlr. jährlich gewährten, zu einem Familienfideikommiß ftifteten. Zugleidi 
ward der landftändifchen Ritterfdiaft in gewiffem Sinne ein Kooptationsredit 
bewilligt, indem fic zur Aufnahme in ihren Stand auch Bcfitzcr folcher Güter 
in Vorfchlag bringen durfte, die, wenn fie laftenfrei als ein Ganzes bewirtfchaftet 
wurden, wenigjtens 1000 Rtlr. Reinertrag abwarfen. Die Ritterfchaft erhielt 
25 Abgeordnete nebft der gleichen Zahl von Stellvertretern zugewicfen, deren 
Wahl in zwei Bezirken erfolgte, derart, daß die Regierungsbezirke Koblenz, 
Köln und Trier und cbenfo die von Aachen und Düffeldorf je zu einem Wahl« 
bezirk zufammengcfaßt wurden, die 12 bezw. 13 Abgeordnete zu wählen hatten. 
Vorweg folltcn jedoch aus jedem Regierungsbezirk und dem ehemaligen Regie» 
rungsbczirk Kleve ein in dicfen angefeffcncr Rittergutsbefitzer und Stellvertreter 
gewählt werden, während im übrigen die Verteilung einer beflimmtcn Zahl 
von Abgeordneten auf die einzelnen Regierungsbezirke nicht vorgcfchrieben war. 

Anträge, die auf dem erften Landtag ( 1 826 J eingebracht wurden, auch adelige 
Majoratsbcfltzer zur Aufnahme in den Stand der Fürften zuzulaffcn, fchcitertcn 
an dem Widcrfpruch der Standesherrn, und cbenfo blieb das Verlangen der 
Ritterfchaft unerfüllt, ihr zu den 25 Wahlftimmcn noch zehn Virilftimmen zu 



□ III. Die kommunalen Verbände: Die Provinz 133 

bewilligen. Den Wunfdi nach Wicderherß:ellung feiner Vorreditc hatte der rittera 
fchaftlidie Adel von Jülich, Kleve, Berg und Mark bereits in einer 1818 ausgear* 
beitctcn Denkfchrift über die Verfadungsverhältnid'e am Niederrhein dem König 
unterbreitet. Fand er auch in diefem Umfange keine Bcrüdtfiditigung, fo herrfchte 
doch in der zweiten Ständeklafle der alte rheinifche Adel dank dem korporativen 
Gei|t, der hier nodi aus alter Überlieferung fortlebte, unbedingt vor. Nur ver« 
einzcltc Abgeordnete diefer Klajlc, wie der Düffeldorfer Regierungspräfident von 
Peftel und der Landrat des Kreifes Solingen von Hauer, zählten nicht zu ihm. Wenn 
audi die Adelsprobationen in Wegfall gekommen waren, fo bedeutete dodi die 
Zufammenfetzung des erften und zweiten Standes der Abgeordneten eine Rücka 
bildung im Sinne der alten privilegierten Ständeverfaffung. Wie fehr fie den 
politifchcn Ideen widerfpradi, die fidi in den Rhcinlanden infolge der durch die 
franzöfifche Gefetzgebung aufgejtellten Gleichheit aller Staatsbürger und durch 
die Gewerbefreiheit gebildet hatten, liegt zu Tage. Hier erwartete man das 
Heil von Berufsftänden, die man fich nadi gemeinfamen wirtfchaftlidien 
oder geiftigen Intereffen gegliedert dachte. Auch der Bindung des Grundbefitzes 
durch Neufchaffung von Fideikommiffen widerltrebten die Rheinländer, weil fie 
der freien Gewerbetätigkeit und der feit alters herkömmlichen Umfatzfähigkeit 
des Immobiliarbefitzes unliebfame Schranken fetzte. 

Und felbß: zu Abgeordneten des dritten Standes, der Städte, konnten nach 
dem Gefetze vom 27. März 1824 nur Perfönlichkeiten gewählt werden, die in 
den zu vertretenden Orten wohnhafte Grundbefitzcr waren. Außerdem folltcn 
fie entweder gewählte Magijtratsperfonen fein oder ein bürgerlidies Gewerbe 
betreiben und einen Mindcftfatz von 30 refp. 15 Rtlr. an Grund» und Gewerbes 
(teuer entrichten. Das geiftige Kapital ward gar nicht berückfichtigt, denn audi 
für die Gemeindevertreter, die hinfichtlich der Wählbarkeit den Magiftrats« 
perfonen glcichgcachtct werden follten, galt als erftes Erfordernis ftädtifcher 
Grundbefitz, Die fcftgefctzte Zahl der ftädtifdien Landtagsdeputierten betrug 
ebenfalls z'), von denen die Regierungshauptftädte mit Ausnahme von Köln, 
dem zwei Abgeordnete zugewiefen wurden, je einen Abgeordneten zu ftellen 
hatten, desgleichen die Städte Barmen, Elberfeld und Krefeld. Deren Wahl 
foUte durch die künftigen Stadtverordnctenvcrfammlungen erfolgen; fie fand 
bis zum Jahre 1856 durdi die vereinigte Verfammlung des Gemeindevor(tandes 
und der Gemeindevertretung ftatt. Die übrigen 16 Abgeordneten gingen aus 
der Wahl von Verbänden hervor, zu denen benachbarte Städte untereinander 
vereinigt wurden. Die Wahlen vollzogen Bezirkswähler, von denen auf je 150 
Feuerftellen einer kam. Mit Rückficht auf die häufige Abwefenheit ftädtifcher 
Deputierter auf Gefchäftsreifen beftimmte die Wahlordnung vom 13. Juli 1827, 
daß für jeden Abgeordneten zwei Stellvertreter zu wählen feien. 

Die Verteilung der den Landgemeinden bewilligten 25 Abgeordneten und 
ihrer Stellvertreter in gleicher Zahl fand in der Weife ftatt, daß die Regicrungsa 
bezirke zu Wahlbezirken beftimmt wurden, von denen Düffeldorf und Koblenz 
je fcdis, Trier fünf und Aachen fowie Köln je vier Deputierte zu ftellen hatten. 
Als Urwähler, welche die Wahlen der Bezirkswähler für die Wahl der Abge» 
ordneten ausführen follten, waren die zukünftigen Gemeindeverordneten der 
Samtgemeinden in Ausficht genommen. Nach Erlaß der Gemeindeordnung von 
1845 entfandtcn die einzelnen Kreisverfammlungcn eine verhältnismäßige Anzahl 
von Mitgliedern ihrer ländlichen Kreistagsverordneten zur Wahlverfammlung 
des Regierungsbezirkes für die Wahl der ländlichen Landtagsabgeordneten. 



134 III. Th. Ilgen, Organisation der staatlichen Verwaltung und der Selbstverwaltung □ 

Die Folge dicfcs Wahlverfahrcns war, daß fclbft bei jeder Erfatzwahl der ganze 
Regierungsbezirk in Bewegung gefetzt wurde. Die Wahlfähigkeit zum Abge» 
ordneten begründete ein Grundfteuerfatz von 20 Rtlr. und in Gemeinden mit 
[tärkcrem Gewerbetrieb ein gleicher Betrag an Grund= und Gewerbefteuer. 
Da eine Klaufel vorfchrieb, daß der Grundbefitz eigentümlicher oder erblidi 
nutzbarer und zugleich felb(t bewirtfdiafteter fein mußte, fo wurden damit folche 
Gutsbcfitzer, weldie ihre Ländereien verpachtet hatten, von der Wahl zum 
Abgeordneten ausgefdilofTen. 

Die Wahlen der Abgeordneten gefchahen auf fedis Jahre, mit der Maßgabe 
jedoch, daß alle drei Jahre die Hälfte der Abgeordneten der drei Wahlftände 
ausfchied und dafür Neuwahlen (tattfanden. Die Leitung der Wahlen, fowohl 
der Bezirkswähler wie der Landtagsabgeordneten, lag in den Händen der Land= 
rate, welche die über die Wahl aufgenommenen Protokolle dem Oberpräfidenten 
als Landtagskommiffar zur Prüfung einzureichen hatten. Er entfchied darüber, 
ob Mängel in der Form und nach den Eigenfchaften des Abgeordneten Anlaß 
gaben, eine Wahl anzufechten und eine andere Wahl zu verlangen. 

Im Gefetz vom 27. März 1824 erklärte der König, für die erften fechs Jahre 
die Stände alle zwei Jahre zum Provinziallandtag zufammenberufen zu wollen, 
wie denn durdi ihn auch die Dauer des einzelnen Landtags feftgefetzt wurde. 
Durch Order vom 31. März 1832 ward die dreijährige Tagungsperiode ange« 
ordnet, die feit 1841 wieder in eine zweijährige umgeändert worden ift. Ferner 
behielt fich der König vor die Ernennung des Vorfitzenden auf dem Landtage 
und des Leiters der Verhandlungen, des Landtagsmarfchalls, fowie von deJTen 
Stellvertreter, die für jede Tagung neu erfolgen follte; nur Mitglieder des 
er(ten oder zweiten Standes waren dafür in Ausfidit genommen. 

Die Rolle, weldie den Oberpräfidenten als Landtagskommiffaren zukam, 
Mittelsperfon zwifdien der Spitze und den oberjten Verwaltungsjtellen des 
Staates einera und den Ständen der Provinz andererfeits zu fein, ohne an den 
Beratungen der letzteren felbft teilnehmen zu können, hat in dem Vierteljahr« 
hundert vor der Konfliktszeit zu deren fchwierig(ten Aufgaben gezählt, um fo 
mehr, als in Berlin zeitweilig einzelne der Oberpräfidenten im. Verdacht ge(tanden 
zu haben fcheinen, daß fie den Wünfchen und Forderungen, die auf dem rhei=» 
nifchen Provinziallandtag vorgebracht wurden, nicht energifdi genug entgegen» 
träten. Wiederholt hat fich der Fall ereignet, daß man ihre Tätigkeit bei widitigcn 
Verhandlungen und Maßnahmen ausfchaltete. 

Der Umfang der den Provinzialftänden übertragenen Angelegenheiten und 
die Art der Beteiligung an deren Verwaltung entfprach ganz und gar nicht den 
Anfchauungen, die fich in den Rheinlanden von der wünfchenswertcn Tätigkeit 
von Volksvertretungen fchon damals entwickelt hatten. Von Kommunalfachen 
waren der regelmäßigen Befchlußfaffung des Provinziallandtags nur überladen 
die lrrcnan(talt in Siegburg, das Arbeitshaus in Brauweiler, das Landarmenhaus 
in Trier und das Hebammenlehrinftitut in Köln. Die Kontrolle über die Ver- 
waltung diefer Anftalten lag aber keineswegs ausfchließlich in den Händen der 
Landtagsmitglieder. Aus ihnen wurden vielmehr zu den Kommiffionen für 
die betreffenden Injtitute nur zwei Deputierte genommen, während je zwei 
andere Mitglieder und den Vorfitzenden die Ortsregierung (teilte, in deren Bezirk 
die Anftalt gelegen war. Die erforderlichen Kojten wurden insgcfamt durch Zu« 
fd)Uge zu den Staatsfteuern aufgebracht und dem Landtag keine Abrechnungen, 
fondern nur tlberflchten über die Verwaltungsrefultate vorgelegt. Der rheinifche 



D III. Die kommunalen Verbände: Die Provinz 135 

Provinziallandtag befaß cbcnfo wenig wie die Landtage der übrigen Provinzen 
das Recht, zur Erfüllung von Verbindlidikeiten Anleihen aufzunehmen; auch 
konnte er die Eingefeflcnen der Provinz nidit mit Steuern oder Abgaben belaftcn. 
Anträge der Stände auf Erriditung von Finanzkomitees blieben zunächjt ebenfo 
erfolglos, wie Etatsaufftellungen und Nachweife über die jährlichen Ausgaben 
im Intercffe der Provinz vergebens gefordert wurden. Mit dem Hinweis, daß 
die Provinzialftände die Nachfolger der franzöfifdien Departementsrätc feien, 
glaubte man Anfpruch auf Auffidit und Mitwirkung bei dem Straßenbau zu 
haben ; aber audi diefes Verlangen wurde zunädi|t abfchlägig befchieden. Er(t das 
Regulativ über die Verwaltung der Bezirksitraßen im weltrheinifchen Teile der 
Provinz vom 20. Januar 1841 legte den Provinzialltänden Befugniffe in Hinficht 
auf die Beftimmung der Höhe der Zufchläge zu den verfdiicdcnen Steuerarten 
bei, die als Einnahmen dem Bezirksftraßenbaufonds zufließen follten, nachdem 
bereits 1838 ftändifche Kommiffare bei der Verwaltung der Bezirks (traßen 
zugclaffcn waren. Die Bergifche Brand=Affekuranz für die Regierungsbezirke 
Düffeldorf, (Kleve), Köln und Aachen wuchs mit der im Süden der Provinz 
beftehcnden gleichartigen Sozietät zur Rheinifchen Provinzialfeuerfozietät in 
Koblenz zufammen, für die ein umfangreiches Reglement unter dem 5. Januar 
1836 erlaffen worden ift. Der Provinziallandtag hegte den Wunfeh, bei der Ver* 
waltung diefes Inftituts durch einen dauernden Ausfchuß vertreten zu fein, der 
indeffen damals nicht erfüllt wurde. Auch die vorgefchlagene landftändifche 
Kontrollkommiffion für das rheinifche Katafter trat nicht ins Leben. 

Andererfeits verwarfen die Provinzialjtände die in einem minifteriellen 
Promemoria vom Februar 1841 gegebene Anregung, für die Verwaltung der 
Provinzialanftalten permanente Ausfchüffc einzufctzen; man zog es vor, die dafür 
beftimmten Spezialkommiffionen beizubehalten. 

Das Recht, auf die Initiative der Provinzialftändc Angelegenheiten felbfta 
ftändig zu beraten, verfagte ein Erlaß des Staatsminifteriums vom 2. Januar 
1826 dem Provinziallandtag; nur die vom König genehmigten Propofitionen 
follten zur Beratung ge|tellt werden. Mit ihren eigenen Anträgen, die vor dem 
Zufammentritt des Vereinigten Landtags {1847) fehr häufig auf das allgemein 
politifche Gebiet hinübergriffen, wurden die Stände auf den Petitionsweg 
verwiefen. Deshalb find auch die Landtagsabfchiede, die zunädift allein auf 
Grund der Verhandlungen im Namen des Königs veröffentlicht wurden, regel= 
mäßig in die beiden Gruppen der den Ständen vorgelegten Propofitionen und 
der von den Ständen vorgebrachten Petitionen, denen natürlich eine Bcfprechung 
des Gegenitandes in den Sitzungen des Landtags vorausgegangen war, 
gegliedert. Ob die letzteren dann in einer fpäteren Tagung zur offiziellen 
Beratung kamen, hing davon ab, daß die Staatsregierung ihr Einverftändnis 
dazu erklärte. Weder hatte das Publikum Zutritt zu den Sitzungen des 
Landtags — diefe find er(t 1887 öffentlich geworden — , noch durften die Proto» 
kolle der Verhandlungen oder auch nur Mitteilungen aus diefcn in den Zeitungen 
veröffentlicht werden. Nach dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms IV., feit 
dem Jahre 1841, i|t wenigftens die Veröffentlichung der Protokolle der Lands 
tagsverhandlungen zugcftandcn worden, die als Manulkript gedruckt wurden; 
die Namen der Redner zu den einzelnen Verhandlungsgegen|tänden durften 
dabei aber nidit mitgeteilt werden. 

Die fcchs erften Scffioncn des Provinziallandtags fanden regelmäßig 
in Düffeldorf jtatt. Im Landtagsabfchied vom 7. November 1841 behielt {idn 



136 III. Th. Ilgen, Organisation der staatlidien Verwaltung und der Selbstverwaltung D 

der König die Entfdieidung darüber vor, ob die Landtage nach DülJeldorf, 
Koblenz oder an einen anderen Ort der Provinz zufammenberufen werden 
follten. In Koblenz i|t der adite Landtag 1845 verfammelt gewefen. Es war 
der Wunfdi des Oberpräfidcnten von Klei(t=Retzow (1851/58), die Sitzungen 
dauernd dorthin zu verlegen. Der Wunfdi ging indeffen nicht in Erfüllung. 
DülJeldorf blieb auch in der Folgezeit Tagungsort, um fo mehr, nachdem 
hier das alte Sdiloß der Herzöge von Jülidi=Berg für diefe Zwecke ausge» 
baut worden war. 

Das Unternehmen der Staatsregierung, im Gegenfatz zu den Be(timmungen 
der Artikel 4 und 105 der Verfadungsurkunde vom 31. Januar 1850 und des 
§ 66 der Kreis=, Bezirks= und Provinzialordnung vom 11. März 1850 den 
rheinifdien Provinziallandtag in feiner bisherigen ftändifchen Gliederung für 
den September 1851 zu einer außerordentlichen Tagung zufammenzuberufen, 
hat in der Rheinprovinz einen Sturm der Entrüjtung heraufbefdiworen und zu 
zahlreidien Protejterklärungen auch von feiten angefehener Perfönlichkciten, die 
dem preußifdien Regiment fon(t durdiaus ergeben waren, geführt. Die Vcr^ 
fammlung kam trotzdem vollzählig zu(l:ande. Ein interimijtifcher Provinzial= 
landtag in der alten Zufammenfetzung tagte ferner in demfelben Monat im 
Jahre 1852, vornehmlidi um über die den Kammern demnädift vorzulegenden 
abgeänderten Entwürfe einer Kreis= und Provinzialverfaffung das verlangte 
Gutachten abzugeben. Da die Provinzialordnung in der vorgefchlagenen Drei» 
Kurieneinteilung an der Einrichtung von Virilftimmen fefthielt und die alten 
Standesprivilegien weiter be(tehen laffen wollte, fand fie für die betrefFendcn 
Paragraphen nur eine geringe Mehrheit, während die Grundftimmung unter 
den Abgeordneten, wie es im Beridit des zweiten Ausfchudes des Landtages 
über den Entwurf einer Kreisordnung ausgefprochen i(t, vielmehr darauf abzielte, 
eine Intcreffen Vertretung der einzelnen Korporationsangehörigen zu fchaffcn, 
bei der Grundbefitz und lndu(trie vornehmlich Berückfiditigung finden müßten. 
Vor allem aber ftellte der Ausfchuß als „Haupterfordernis einer guten und 
dauernden organifchen Gefetzgebung" hin: „Die größtmöglidie Freiheit der 
einzelnen Korporationsverbände im Staat in Ordnung und Verwaltung ihrer 
eigenen Angelegenheiten und in der Befchränkung der Beauffiditigung durdi 
den Staat auf die Verpfliditungcn der einzelnen Korporationen gegen die Gefamta 
heit des Staates und auf die durch die allgemeinen Gefetze und Rechtsgrundfätzc 
beftimmten Pflichten gegen den Staat und gegen Einzelne." 

Daß diefe beanfpruchte Autonomie, das Recht zur Selbftverwaltung der 
Provinz, fleh mit Erfolg nur durchführen laffe, wenn man dazu fchreiten würde, 
auch die notwendigen Organe, dauernd tätige Provinzialverwaltungsbeamte 
anzuftellen, das i[t eine Erkenntnis, die fidi bei den Verhandlungen der rheinifchen 
Provinziallandtage in dem nächften Vierteljahrhundert nach 1852 erfl ganz all» 
mählich in die Praxis hat umfetzen laffen. Es gefchah, indem der Umfang der 
Provinzialangelegenhciten und der Anteil des Provinziallandtages durch feine 
Ausfchüffc und die von ihm gewählten Beamten an deren Gcfchäftsführung ganz 
allmählich erweitert, ausgebaut und feftgclegt wurden, trotzdem die (tändifche 
Verfaffung in der alten Form vorläufig weiter beftand, da auch die Provinzial« 
Ordnung von 1852 totes Gefetzgebungsmaterial blieb und nicht zur Einführung 
gelangte. 

Gemüß dem Gcfetz vom 2. März 1850 über die Erriditung von Renten« 
Banken zur Beförderung der Ablöfung der Rcallajten und der Regulierung der 



a ni. Die kommunalen Verbände: Die Provinz 137 

gutsherrlichen und bäucrlidien Vcrhältnide (das jcdodi nur für den o|trhcinifdien 
Teil der Provinz Geltung erhielt, weil auf dem linken Rheinufer dem Bedürfniflc 
bereits durch die franzöfifche Gefetzgcbung genügt war) wurde der Provinziala 
Vertretung eine Mitwirkung und Kontrolle bei der Führung der Gcfdiäfte der 
in Mün(ter i. W. für Rheinland und Weftfalen crriditeten Rentenbank cin= 
geräumt. Die betreffende Kommiffion des Provinziallandtags wurde freilich er|t 
1856 be(timmt. In Verfolg der königlidien Botfdiaft vom 7. April 1847 und des 
Abfchiedes des Vereinigten Landtags vom 24. Juli diefes Jahres wurde, gleichwie in 
den anderen Provinzen, audi in der Rheinprovinz eine DarlehnskalJe, die 
ProvinzialhilfskalJe, durch einebefondere Kabinettsorder vom 27. September 1852 
erriditet, aus der zu gemeinnützigen Anlagen und An|talten, zu Gemeindebauten, 
zur Tilgung von Gemeindefchulden ufw. Darlehen unter günjtigen Bedingungen 
und gegen allmählidie Abzahlung gewährt wurden. Einen Direktor und Ver= 
waltungsrat diefer Hilfskassc beftellten feit 1854 die Provinzialjtände. Auch für 
das Provinzialfeuerverficherungsinftitut bejtand feit 1851 ein ftändifdicr Ver= 
waltungsausfchuß. Kommiffionen gab es jetzt (1854) ferner für das Bezirks« 
(traßenwefen im rechtsrheinifdien Teil der Provinz — das der linken Rheinfeite 
war bereits 1838 und 1841 geregelt worden — und für die an den Seminarien 
Brühl und Neuwied gegründeten Taubftummenfchulcn. Nach längerem Sträuben 
entfdiloB fich der Provinziallandtag 1858 audi dazu, die Pcnfionsberechtigung 
der an den provinziellen An(talten tätigen Beamten anzuerkennen. 

Der (taatliche Bann, der die Selb|tvcrwaltung der Provinz bisher auf allen 
Gebieten eingeengt hatte, wurde aber er(t eigentlidi gebrochen, als der Landtags» 
abfchied für die ::um 19. Provinziallandtagc vcrfammelten Stände vom 11. März 
1868 deren Petition vom 9. Dezember 1865 genehmigte, in der behufs Reor» 
ganifation der Irrenpflege die Erlaubnis zum Neubau von fünf gemifchten Heil« 
und Pflegeanjtalten für Irre beantragt war, von denen in jedem Regierungsbezirk 
eine neu gebaut werden follte. Wenn auch die Form der Aufbringung der Mittel 
zu dijfem Zweck von feiten der Regierung beanftandet wurde, fo fand doch die 
Refolution des Provinziallandtags, daß die Irrenanjtaltcn den Charakter von 
Provinzialanjtalten erhielten und durch gemifchte Kommiffionen von der Provinz 
verwaltet würden, uneingefchränkt die königliche Billigung. Im Landtags^ 
abfchied für die im Jahre 1868 verfammelt gewefenen Stände, der er(t unter 
dem 8. Juni 1871 erging, ward im Zufammenhang damit dem Provinziallandtag 
die Gewährung der Sclbflverwaltung der provinzial^iändifchen In(titute, fowcit 
eine folche noch nicht bejtand, überhaupt zugefagt und ihm das Recht bewilligt, 
die dadurdi entfliehenden Geldbedürfniffe vorwiegend durch Umlagen auf die 
Provinzialangchörigen nach dem Maß(tab der direkten Staatsfteuern, jedoch mit 
Ausfchluß der Haufiergewerbelteuer, zu erheben. Der Landtagskommiflar 
wurde beauftragt, den Ständen die Grundzüge eines Regulativs für die Organi» 
fation der Verwaltung des Vermögens und der Anjtalten des Provinzialverbandes 
vorzulegen. Mit dem darin vorgefehenen Verwaltungsausfchuß, der den Titel 
Provinzialverwaltungsrat bekam, erklärte fich der Landtag einverftanden. Er 
follte aus dem Landtagsmarfchall als Vorfitzenden oder deffen Stellvertreter, 
dem erften (tändifchen Beamten (Landesdirektor) und 15 Mitgliedern, je drei 
für jeden Regierungsbezirk, beftehen, weldie von dem Provinziallandtag aus feiner 
Mitte unter angemcffencr Beteiligung der vier Stände, aber in gemeinfamer 
Wahl gewählt werden follten. Gleichwie in Weftfalen (träubte man fich aber gegen 
die Anftellung eines Direktors, da feine Beftätigung durch die Regierung erfolgen 



138 III. Th. Ilgen, Organisation der staatlichen Verwaltung und der Selbstverwaltung n 

follte, und weil man die aufzubringenden Koftcn fdieute. Im (tändifdien Regu« 
iativ vom 3. Juli 1871, das durd» Erlaß vom 27. September die Beftätigung des 
Königs erhielt, figuriert der Landesdirektor nidit. Man glaubte, daf) defien 
Gcfdiäfte durdi den Landtagsmarfdiall mitbeforgt werden könnten, weldies Amt 
damals der feit 1845 amtierende Direktor der Provinzialfeuerfozietät, Freiherr von 
WaldbottsBadcnheimsBornheim, verwaltete. Diefcr (tarb am 25. April 1872 
plötzlidi, und feine Nadifolger in der Stellung des Landtagsmarfdialls erklärten 
fidi außerftande, die Verantwortung für die Leitung der Provinzialverwaltung 
übernehmen zu können. Nachdem man noch mit einer juriftifchen Hilfskraft, die 
man dem Landtagsmarfchall zur Verfügung (teilte, vergeblidie Verfuche gemad)t 
hatte, cntfchloß fidi endlidi auf den Antrag des Provinzialverwaltungsrats der 
1875 verfammeltc 23. Provinziallandtag, zur Beforgung der laufenden Vera 
waltungsgefdiäfte einen bcfoldetcn Landesdirektor anzu(tellen, der vom Land» 
tag auf Zeit gewählt und vom Könige beftätigt wurde. Nach Bedürfnis follten 
ihm noch andere obere Beamte zugeordnet werden, deren An(tellung durch den 
Vcrwaltungsrat ebenfalls auf Zeit zu erfolgen hatte. Der in der Sitzung des 
Provinziallandtages vom 7. April 1875 zum er(ten Landesdirektor erwählte 
Präfident der Regierung in Frankfurt a. 0., Graf von Villers, nahm die Wahl 
nicht an, weil feine Anfprüche auf eine Staatspenfion für den Fall feines Aus« 
fcheidens aus dem ftändifchen Dien(l: nicht erfüllt werden konnten. An feine 
Stelle trat durdi die am 8. September 1875 erfolgte Wahl Freiherr Hugo von 
Landsberg, der 1882 pcnfloniert wurde. Ihm folgte von 1882—1903 der Landesa 
rat und Direktor der rheinifchen Provinzialhilfskaffe Klein. Seit 1903 vcrfieht 
der frühere Regierungspräfident in Arnsberg, Dr. von Renvers, den Poflen des 
Landesdirektors, deffen Inhaber feit dem 14. April 1897 ^^n Amtstitel Landes» 
hauptmann führt. 

Bis zum Jahre 1875 waren neben dem Landarmen^ und Korrigendenwefcn 
(Verordnung vom 2. Oktober 1871) feit dem 1. Januar 1873 die Hebammenlehr=» 
anftalt in Köln, die Arbcitsan(talt in Brauweiler, die Irrenheilanftalt in Siegburg 
nebjt der Bauleitung der fünf neu zu errichtenden Irren=Heil= und Pflegca 
anftalten, am 1. Februar die Provinzialfeuerfozietät, am 1. März die Provinzial- 
hilfskaffe und der Meliorationsfonds und am 1. November 1873 die Blinden» 
anftalt in Düren in die Leitung der provinzialftändifdien Zentralvcrwaltung 
übergegangen, die am 1. Juli 1873 ihren Sitz von Koblenz, wo fiß bisher mit 
Rückficht auf die Perfönlichkeit des Landtagsmarfchalls konzentriert war, nadi 
Düffeldorf verlegt hatte. Dazu trat neben der Verwaltung der neuen Taub» 
jtummcnan(talten auf Grund des Dotationsgefetzes vom 8. Juli 1875 (betreffend 
Ausführung der §§ 5 und 6 des Gefetzes vom 30. April 1873 wegen der Dotation 
der Provinzial= und Kreisverbände) die Verpflichtung zur Verwaltung und Unter» 
haltung der Staatschauffeen innerhalb der Provinz, die dann endlich dazu führte, 
daß die Leitung des rechts» und linksrheinifchen Bezirksßiraßenwefens, deffen 
Vereinigung fich bisher allerhand Schwierigkeiten entgegengeflellt hatten, 
zufammcngefaßt wurde, indem nach dem Erlaß vom 27. Dezember 1875 auch 
die bcftehcndcn Bezirksftraßcnfonds mit den Staatsftraßcnfonds zu einem 
Provinzialftraßenfonds verfchmolzen. 

Für dicfe Zwecke und überhaupt zur Ausftattung mit Fonds zur Selbfl« 
Verwaltung wurden dem rheinifchen Provinzialvcrband vom Staate an Kapitalien 
2326635 Mark und an Jahresrenten insgcfamt 3341 605 Mark übcrwiefen. 
Außerdem gingen der Hilfskaffen» und Meliorationsfonds und ferner die Staats- 



D ni. Die kommunalen Verbände: Die Provinz 139 

ncbcnfonds, die vorwiegend in den für die einzelnen Regierungsbezirke ange- 
legten Polizciftrafgelderfonds be(tandcn, an ihn über. 

Damit übernahm der Provinzialverband aber auch die Aufgabe, die Beßires 
bungen auf dem Gebiete der Kun[t und Wiffcnfchaft innerhalb der Provinz mit 
feinen Mitteln zu untcrftützcn, Vereinen und öffcntlidien Sammlungen, wcldie 
diefen Zwed^en dienen, Zufdiüde zu leiltcn und für die Unterhaltung der Denk» 
mäler Sorge zu tragen. Auf diefem Grunde hat fldi unter der Leitung des 
Provinzialkonfervators der Kunftdenkmäler feit 1889 die rheinifd^e Denkmäler» 
(tatiftik entwidtelt, die in den „Kunftdenkmälern der Rheinprovinz" ein Monu» 
mcntalwerk in vortrcfflidier Ausführung gefchaffen hat und mit Erfolg weitcra 
führt. Wohl in keiner Provinz des preußifdien Staates find für die Denkmalpflege, 
für die Konfervierung und Wiederherltcllung von hijtorifdi bemerkenswerten 
Profan= und Kirdienbauten fo reidie Mittel zur Verfügung geftellt worden, wie 
das durdi den rheinifchen Provinziallandtag gefdiehen ilt. Die glänzende Ent» 
widtlung, welche die Provinzialmufeen in Bonn und Trier in den letzten -50 Jahren 
genommen haben, i|t ein beredtes Zeugnis für die opferwillige Fürforge, welche 
die Vertretung der Provinz den gefchichtlichen Denkmälern in ihrem Bezirk 
gewidmet hat. Auch die hiftorifche Forfchung, die in der Rheinprovinz mit am 
früheften (1881) in der Gefellfchaft für Rheinifche Gefchichtskunde eine einhcita 
liehe Organifation erfahren hat, hat bei ihrer umfallenden Tätigkeit fortgefetzt 
die tätige Förderung des Provinziallandtages und der Provinzialvcrwaltung 
erfahren. 

Nachdem dann im Jahre 1889 die Verfidierungsanjlalt für die Invaliditäts= 
und Altersverficherung der provinziellen Landesverwaltung angegliedert war, 
i|t das Wirkungsfeld der rheinifchen Provinzialgemeinde zunächft im allgemeinen 
abgefchloffen. Schon vorher, durch Kabinettsorder vom 23. April 1888, war die 
Erriditung einer provinziellen Landesbank erfolgt, der die Aufgabe obliegt, die 
dem Provinzialverband zufließenden Geldmittel finanzwirtfchaftlich und im 
IntereJTe der Provinz zu verwalten. Ihr Urfprung reidit auf den Zeitpunkt 
zurüdt, wo die vorher ftaatlich verwalteten Fonds für provinzielle Bedürfniffe 
an die Zentralverwaltung der Provinz übergegangen und zunächft unter der 
Firma der Provinzialhilfskaffc gemäß dem Reglement vom 12. Mai 1882 vcr« 
einigt worden waren. 

Daß es der Provinz gcfetzlidi zufteht, ihren Aufgabenkreis zur Förderung 
der materiellen und geiftigen Entwicklung ihrer Angehörigen auch zu erweitern, 
verdankt fie der Provinzialordnung vom 1. Juni 1887, in der die Rheinprovinz 
ebenfalls als ein mit den Rechten einer Korporation ausgcjtatteter Kommunal= 
verband zur Selbftverwaltung feiner Angelegenheiten anerkannt ift. Damit hat 
fie, gleich den anderen Kommunalverbändcn, den Gemeinden, Städten und 
Kreifen, die Befugnis erworben, (tatutarifche Anordnungen im Rahmen der ihr 
verfaffungsmäßig zuß:ehendcn Angelegenheiten zu erlaffen und Reglements für 
befondere Einrichtungen ihres Verbandes vorzufchreibcn. Wenn auf diefe Weife 
die Rheinprovinz er(t verhältnismäßig fpät in den Genuß der allgemeinen 
Provinzialordnung vom 29. Juni 1875 gelangt ift, fo hing das zunächft damit 
zufammen, daß die neue Kreisordnung nodi nicht zu(tande gekommen war. 
überdies hatte die rheinifdie Provinzialverwaltung in ihrer Organifation fchon 
feit 1875 im großen und ganzen die Ausbildung erfahren, welche die neue 
Provinzialordnung in Ausficht nahm. Die grundfätzliche Bedeutung der Eins 
führung der Provinzialordnung von 1887, die mit dem 1. April 1888 in Kraft 



140 III. Th. Ilgen, Organisation der staatlichen Verwaltung und der Selbstverwaltung d 

trat, liegt vor allem darin, daß der provinzial(tändifchc Verband vcrfdiwand. 
Aus einer nadi Ständen zufammengefetzten Verfammlung wurde der rheinifdic 
Provinziallandtag nunmehr eine Vertretung der Provinz, deren Mitglieder 
fämtlidi aus der Wahl hervorgehen. Die Stadt= und Landkreife wählen aus= 
fdilicBlich die Abgeordneten der Provinzialverfammlung. An der fechsjährigen 
Wahlperiode, die bereits früher für die Deputierten der drei aus Wahlen her» 
vorgehenden Stände gegolten hatte, i(t feltgehaltcn worden. 

Zur Feftftellung der Mitgliederzahl des Provinziallandtages legte man 1887 
das fogenannte fdilefifche Syftem zu Grunde, nach welchem in Kreifen mit 
weniger als 40 000 Einwohnern ein Abgeordneter, in Kreifen mit 40 000 bis 
80 000 Einwohnern zwei Abgeordnete, in Kreifen mit 80 000 Einwohnern drei 
Abgeordnete zu wählen fmd, und für jede fernere Vollzahl von 50 000 Ein» 
wohnern ein weiterer Abgeordneter hinzutritt. Unter Anwendung diefcs Syftems 
bezifferte fleh die Zahl der Provinziallandtagsabgeordneten 1888 auf 138, zu 
denen 23 Kreife je einen, 28 je zwei, 13 je drei und fünf je vier Abgeordnete 
(teilten. Vor jeder neuen Wahlperiode erfolgt bei veränderter Bevölkerungsa 
Ziffer im Kreife die Fe(t(tellung der Zahl der von diefem zu wählenden Abgc» 
ordneten durch den Provinzialausfchuß unter Zugrundelegung der Refultate der 
letzten Volkszählung. Dementfprechend war bis zum Jahre 1912 die Abgeordneten= 
zahl auf 176 angewachfen, und infolge der damals vorgenommenen Neuwahl im 
Turnus der fechsjährigen Periode ftieg fie auf 204. Im Verhältnis ftanden fich 
die Abgeordneten der Stadt= und Landkreife einander gegenüber im Jahre 1888 
wie 22:78 — 1912 wie 3 1 : 69 — 1913 wie 37 : 63 . Diefer Relation glaubt man 
für die nädijte Zukunft eine gewiffe Stetigkeit beilegen zu dürfen. 

Die Abgeordneten der Landkreife werden von den Kreistagen, die der 
Stadtkreife durdi die Stadtverordnetenverfammlungcn oder durch diefe und den 
Magiftrat gewählt. Wählbar ift jeder felbftändige Angehörige des Deutfchcn 
Reidis nadi vollendetem 30. Lebensjahr, infofern er fich im Befitze der bürger» 
liehen Ehrenrechte befindet; außerdem muß er feit minde(tens einem Jahre der 
Provinz durdi Grundbefitz oder Wohnfitz angehören. Die Vornahme der 
Wahlen wird durch den Oberpräfidenten angeordnet. Für die im Laufe einer 
Wahlperiode Ausgefchiedenen finden Erfatzwahlen ftatt. 

Die Sitzungen des Provinziallandtages, der feit 1903 alljährlidi zufammen« 
tritt, find öffentlich, fofern nicht für einzelne Verhandlungsgegenftände Ausfdiluß 
der Öffentlichkeit in geheimer Sitzung bc(limmt wird. Sie werden durch einen 
in jeder Sitzungsperiode neugcwähltcn Vorfitzenden geleitet nach Maßgabe der 
Gefchäftsordnung, die fich der Provinziallandtag gegeben hat. 

Befchlußfähig i(t der Provinziallandtag, fo lange mehr als die Hälfte der 
vorhandenen Mitglieder anwefend ift. Er faßt feine Befchlüffe nach Stimmen» 
mchrhcit; ergibt fich Stimmengleichheit, fo gilt der Antrag als abgelehnt. 

Gleichwie in der Kreisverfaffung nimmt an der Verwaltung der Angelegen- 
heiten des Provinzialverbandes neben den Beamten der Provinzialvcrwaltung 
ein befondcrcr Ausfchuß, der Provinzialausfchuß, teil, der feinerfeits in dem 1871 
beftellten Provinzialverwaltungsrat fchon vorgebildet war. Diefer unterfdieidct 
fich dadurch jedoch fehr wefcntlich vom Kreisausfchuß, daß er keine vcrwaltungs- 
gerichtliche Inftanz bildet. Wie wir fchon bemerkt haben, exi(tiert nur in Bc« 
fchlußfachcn ein Provinzialverwaltungsgericht, das durch den dem Oberpräfidenten 
direkt unterftclltcn Provinzialrat ausgeübt wird. Der Provinzialausfchuß befleht 
aus einem Vorntzendcn und (leben bis höch(tcns dreizehn Mitgliedern, deren 



D III. Die kommunalen Verbände: Die Provinz 141 

Zahl das Provinzialjtatut vom tj./zS. Juni 1888 auf 1 5 fc(tgcfctzt hat. Außerdem 
ijt der Landeshauptmann von amtswegen Mitghcd diefcs Ausfchufles. In der 
Zahl der Hälfte der Mitglieder find audi Stellvertreter zu beftellcn. Der Pro» 
vinzialausfdiuß fowie fein Vorfitzender und deffen Stellvertreter werden vom 
Provinziallandtag gewählt. Wählbar dazu ijt jeder Angehörige des Deutfchen 
Reidies, der auch zum Provinziallandtag gewählt werden kann, mit Ausfchluß 
jedoch des Oberpräfidenten, der Regicrungspräfidenten und der ProvinziaU 
beamten. Audn für den Provinzialausfdiuß gilt die fechsjährige Wahlperiode, 
mit der Maßgabe jedodi, daß von drei zu drei Jahren je die Hälfte der Mitglieder 
und Stellvertreter ausfdieidet und durdi Neuwahlen erfetzt wird. Der halb» 
(taatsamtlidie Charakter des Provinzialausfdiuffes fpridit fidi in der Maßnahme 
aus, daß deffen Vorfitzender vom Oberpräfidenten, die Mitglieder jedodi vom 
Vorfitzenden vereidigt und in ihre Stellen eingeführt werden; fie unterliegen 
dem Gefetz vom 21. Juli 1852 betreffend die Dien(tvergehen der nicht richtera 
lidien Beamten. Der Gcfchäftsbereich des Provinzialausfchuffes i(t in Angelegen» 
heiten der Provinz ungefähr der gleiche wie der des Kreisausfchuffes im Gebiete 
des Kreifes. Es liegen ihm Vorbereitung und Ausführung der Befchlüfle des 
Provinziallandtages ob, ferner die Verwaltung des Vermögens und der Anfialten 
der Provinz im Rahmen des vom Provinziallandtag fejtgeftellten Haushalts» 
etats und die Ernennung der Provinzialbeamten, die audi hinfichtlidi ihrer 
Gefchäftsführung feiner Leitung und Aufficht unter(tehen. Durdi die Mini(ler 
oder den Oberpräfidenten kann der Provinzialausfdiuß zu Gutachten über 
be(timmte Angelegenheiten aufgefordert werden. 

Durch die Fülle von Aufgaben, welche der Provinzialverwaltung mit der 
Ausbildung der Selb(tverwaltung zugefallen fmd, i|t die Sdiaffung eines zahl» 
reidicn neuen Beamten(tandes notwendig geworden, deffen Angehörige ins» 
gefamt den Titel Provinzialbeamte führen. Sie haben die Rechte und Pflichten 
der mittelbaren Staatsbeamten. Die oberen Beamten, einfchließlidi des Landes» 
hauptmanns, werden in der Regel auf fechs bis zwölf Jahre vom Provinziallandtag 
gewählt, während die Befetzung der Stellen der Bureau» und fonjtigen Beamten 
durch den Provinzialausfdiuß erfolgt, nachdem der Landtag darüber beftimmt 
hat, in welcher Anzahl und unter welchen Bedingungen fie angc(tellt werden 
follen. Die Einführung und Vereidigung der Provinzialbeamten gefchicht durch 
den Landeshauptmann. Diefer felb(t wird von dem Oberpräfidenten in fein 
Amt eingeführt und vereidigt. Er bedarf der Bejtätigung des Königs. Wie der 
Landeshauptmann der Dien(tvorgefetzte fämtlicher Provinzialbeamten i|t, fo 
führt er auch unter der Auffidit des Provinzialausfdiuflcs die laufenden Gefdiäftc 
und vertritt den Provinzialverband nach außen in allen Angelegenheiten der 
kommunalen Verwaltung. Die anderen oberen Beamten, die ihm mit dem Titel 
Landesräte oder einer ihrer befonderen Faditätigkeit entfpredienden Amts» 
bezeichnung zugeordnet find, haben neben dem Landeshauptmann beratende 
und je nach dem Provinzialftatut auch befdiließende Stimme. Außer am Sitz 
der Zentralverwaltung find natürlidi audi in den Provinzialin(tituten und an 
den örtlidien Verwaltungs(tellen für Chauffee» und Wegebau ufw. Provinzial« 
beamte tätig, für deren Anftellung befondere Reglements gelten. 

Die Einrichtung von Kommiffionen für die unmittelbare Verwaltung und 
Beauffiditigung einzelner Anftalten, fowie für Wahrnehmung be(timmter Ange» 
Icgenheiten des Provinzialvcrbandes hat man von früher her beibehalten. Deren 
Einfctzung und Zuftändigkeit hängt vom Bcfchluß des Provinziallandtages ab. 



142 III. Th. Ilgen, Organisation der staatlichen Verwaltung und der Selbstverwaltung a 

Die Mitglieder foldier Kommiffionen beziehen ebenfo wie die Provinzialland« 
tagsabgeodneten und AusfdiuBmitglieder Entfdiädigungsgelder für ihre baren 
Auslagen. 

Gleidiwie zur Zeit der (tändifdien Vcrfa|Tung wird der Provinziallandtag audi 
jetzt durdi den König zufammcnbcrufcn ; die Ladung der Mitglieder, die Eröff= 
nung und Schließung einer jeden Tagung erfolgt durdi den Oberpräfidentcn als 
königlidicn KommiHarius. Dicfem ijt feine frühere Eigenfdiaft als Mittelsperfon 
bei den Verhandlungen der Staatsbehörden mit dem Provinziallandtag belaffen. 
Der Kommijlarius nebß: den zu feiner Vertretung oder Unterß:ützung abgeord* 
neten Staatsbeamten i(t indeffen jetzt audi befugt, den Sitzungen fowohl des 
Provinziallandtages und der durch ihn für bejtimmte Zwedtc gewählten Kom» 
miffionen als auch des Provinzialausfdiujl'es beizuwohnen. Er übt überhaupt 
die (taatlid^e Aufficht über die Verwaltung der Angelegenheiten des Provinzial« 
Verbandes, die in höherer In(tanz dem Mini(ter des Innern obliegt. Daher (teht 
dem Oberpräfidentcn das Rcdit zu, über alle Vcrwaltungsgcgenftände Auskunft 
zu verlangen, Einfldit von Akten, Haushaltsetats und Rechnungen zu nehmen 
und Gefchäfts= fowohl als auch Kaffenrevifionen zu veranlaffen. Er hat auch die 
Befugnis, die Eintragung der dem Provinzialverband gefetzlich obUcgendcn 
Leiftungen in den Etat anzuordnen, wenn das durdi diefen unterlaffen i(t oder 
verweigert wird. Gegen die Verfügungen des Oberpräfidenten kann der Pro= 
vinziallandtag und dcdcn Vertretung innerhalb zwei Wodien Klage bei dem 
Oberverwaltungsgericht erheben. Die vom Provinziallandtag befchloffenen 
Statuten und die für die Provinzialinftitute und fon(tigen Verwaltungszweige 
vorzufchreibenden Reglements, ebenfo die Aufnahme von Anleihen und die 
Befchlüffe wegen Bela(tung des Provinzialverbandes oder einzelner Teile der 
Provinz bedürfen der Genehmigung der zu(tändigen Minijterien. Das gefamte 
Staatsminijterium i(t zuftändig, falls fich die Notwendigkeit ergibt, den Proa 
vinziallandtag durch königlidie Verordnung aufzulöfen. Die anzuordnenden 
Neuwahlen müflen binnen drei Monaten vom Tage der Auflöfung an erfolgen, 
während die Einberufung des neugewählten Landtags für die Frijt von fechs 
Monaten gefetzlich vorgefehen ift. 



Viertes Kapitel. 
Selbftdndigere Zivilbehörden. Die Militärbehörden. 

Wenngleich von den Zivilbehörden die Oberzolldirektion ebenfalls der 
Aufficht des Oberpräfldenten unterworfen i(i, fo läßt fic doch, wie das auch bei 
den Bergbehörden der Fall ift, der fpezielle Gcfchäftsbercich und ihre befondcre 
Organifation aus dem Rahmen der allgemeinen Verwaltungsbehörden in der 
Provinz heraustreten. Zudem fmd beide in keine Verbindung mit dem 
Minifterlum des Inneren gebracht, fondern unterflchen direkt dem zuftändigcn 
Fachminifterium. 

Die Oberzolldirektion ( Provinzialfteuerdlrektion) in Köln. 
Nachdem früher die Verwaltung der indirekten Steuern in Prcuf^en durch die 
Akzife» und Zolldirektioncn der einzelnen Landesteile beforgt worden war, 
hatte die Verordnung vom 26. Dezember 1808 deren Vereinigung mit den 



D IV. Selbständigere Zivilbehörden: Die Oberzolldirektion, die Bergbehörden 143 

Regierungen der Provinzen verfügt. Infolgedeflcn \)caren durch die Inftruktion 
vom 23. Oktober 1817 die auf das Staatscinkommcn und Steucrwefen bezüg» 
liehen Angelegenheiten in den Rheinprovinzen ebenfalls den II. Abteilungen 
der Regierungen übertragen Njcordcn. Bei der ifolicrten Lage und der langen 
Grenzlinie (teilte fidi aber in den Rhcinlanden am frühe(ten das Bedürfnis ein, 
das Zolls und indirekte Abgabenwcfen in einheitlicher Leitung zufammen^ 
zufallen. So wurde denn durdi die Kabinettsorder vom 5. Juli 1823 in der 
Rheinprovinz die crfte felbftändige Provinzialjteuerdirektion im preußifdien 
Staate errichtet, die in Köln ihren Sitz erhielt und am 1. März 1824 ins Leben 
trat. Durdi die Vcrwaltungsordnung vom 15. Januar 1908 iß: ihr, wie den 
Provinzial(teuerdirektioncn überhaupt, der Titel Oberzolldirektion beigelegt. 
Sie ijt die erfte Behörde, die im Gcgenfatz zum allgemeinen preußifchcn Verwal» 
tungsfy(tem der damaligen Zeit nicht kollegial fondern burcaukratifch angelegt 
wurde. Die Einrichtung bewährte fich fchon in den erften Jahren ihres 
Bejtchens, fowohl was die finanziellen Rcfultate als auch die rafchere Erledigung 
der Gcfchäftc betraf, fo glänzend, daß nacii ihrem Vorbild die Organifation der 
Steuerbehörden auch in den übrigen Provinzen durchgeführt wurde. 

Neben dem Präfidenten find auf der Oberzolldirektion Regierungsräte 
tätig, wie fie denn den Regierungen gleichgeftellt ijt. Zwar übt auch über fiß 
der Oberpräfident ein Auffichtsrecht aus, daneben i(t fie jedoch ausfchlicßlich 
dem Finanzminifterium untergeordnet, foweit nicht noc^ für den reichsrecht«» 
liehen Teil ihrer Zu(tändigkeit eine Reichskontrolle bei ihr (tattfindet. Der 
Gefchäftskreis der Oberzolldirektion wird durcii die ihr unterteilten Behörden 
gekennzeichnet. Es gehören zu ihr die Stempel» und Erbfchaftsßeucrämter, die 
über die ganze Provinz verteilt find. Von den Zoll= und Stcuerämtern befinden 
fich die Hauptämter, mit denen meijt Niederlagen für zollpfiichtige Waren ver» 
bunden find, gewöhnlich im Innern der Provinz, während die Unterzollämtcr 
in den Grenzbezirken eingerichtet find. Den Stcuerämtern liegt die Kontrolle 
über die Verbrauchsfteuern auf Spirituofen, Bier, Tabak ufw. ob. 

Die Provinzialftcuerdirektion in Köln hat bei der Anbahnung und Aus» 
dehnung des Zollvereins, zu dem Preußen die deutfchcn Nachbarjtaatcn durch 
fein Zollgefetz vom 26. IVlai 1818 hingeleitet hat, in den zwanziger und dreißiger 
jähren eine hervorragende Vermittlerrolle durch Aufhellung von Gutachten und 
Dcnkfchriften aller Art gcfpielt. Durch das Deutfche Reich ift auch dem Zoll» 
verein eine fe(tere und dauernde Geftaltung gegeben worden. Infolge diefer 
Neuorganifation fmd Reichsbeamte bei der Obcrzolldirektion in Köln und bei 
den Zollämtern in Koblenz, Köln und Krefeld tätig, welche fich teils rriit der 
Handhabung des Branntweinfteucrgefetzes, teils mit der Verwaltung der Zölle 
und indirekten Steuern überhaupt bcfchäftigen. 

Die Bergbehörden. Das Bergbaurecht als landesherrliches Regal i[t 
gefchwunden, nachdem der Staat, zuletzt durch das Berggefetz vom 24. Juni 1865, 
jedes Vorrecht auf Privaterwerb aufgegeben hat. Damit hat die Bergbaufreiheit 
Geltung erlangt, die dem Finder das Recht einräumt, Bergerzeugniffe auf Grund 
einer Verleihung zu gewinnen. In der Rheinprovinz bejtehen auch keine 
provinzialrechtlichen Ausnahmen, welche beftimmte Nlineralicn dem Verfügungs» 
recht des Grundeigentümers vorbehalten. Die eigenen Betriebe find jedoch 
vom Staate nicht völlig abgejtoßcn, vielmehr tritt in neuerer Zeit wieder das 
Be(treben hervor, insbefondcrc im Kohlenbergbau durch Erwerb vonbe[tehenden 
Zechen oder durch Neuanlage von Kohlenbergwerken vermittels ge(teigerter 



144 III. Th, Ilgen, Organisation der staatlichen Verwaltung und der Selbstverwaltung a 

fiskalifchcr Produktion auch einen maßgebenden Einfluß auf die Preisgeftaltung 
der Kohlen ausüben zu können, zumal da die (taatlidie Eifenbahnverwaltung und 
die kaifcrlidie Marine zu den bedeutendjten Kohlenverbraudicrn zählen. Über 
den Privatbergbau übt der Staat ein weitgehendes Auffiditsredit aus. Diefes 
fowohl wie die Verwaltung der fiskalifdien Betriebe werden durdi die dem 
Minifterium für Handel und Gewerbe unterftelltcn Bergbehörden wahr= 
genommen. 

Das jetzt für ganz Preußen gültige allgemeine Berggefetz vom 24. Juni 1865 
lehnt fidi fehr eng an das franzöfifdie Bergrcdit an, das für das linke Rheinufer 
nadi der preußifdien Befitzergreifung beibehalten wurde. Ent(tandcn unter den 
damals vorherrfdienden wirtfdiaftlidien Anfchauungen, hat es durdi die neuere 
Gefetzgebung mannigfadie Änderungen erfahren. Insbefondere find infolge 
der Novelle vom 24. Juni 1892 die BcfugniUc der Bergpolizei erweitert worden, 
wodurdi ein ausgiebigerer Schutz der Bergarbeiter gewährlei(tct wird. 

Die oberften örtlidien Verwaltungsftellen bilden die Oberbergämter, deren 
Stellung im Staatsorganismus der der Regierungen entfpridit. Die Abgrenzung 
ihrer Bezirke [teht jedodi nidit im Einklang mit der provinziellen Gliederung, 
vielmehr greifen die einzelnen Oberbergämter in vcrfdiicdene Provinzen über. 
So gehört der nördlidie Teil des Regierungsbezirkes Düflcldorf zum Oberberg- 
amt Dortmund, das feinen Sitz zunädift in Wetter und dann in E(Ten gehabt 
hat, während den übrigen Teil der Rheinprovinz das Oberbergamt Bonn 
umfaßt. In defTen Verwaltungsbereidi fallen aber wiederum die füdlidien Berg« 
bezirke der Provinz Wc|tfalen, ferner die des Regierungsbezirkes Wiesbaden 
und der Fürftentümer Waldedt, Hohcnzollern und Birkenfeld. 

Sehr bald nadi der preußifdien Befitzergreifung war eine königlidie rhei« 
nifdie Oberbergamtskommiffion eingefetzt worden, weldie durdi das auf Grund 
der Kabinettsorder vom 16. Juni 1816 erriditete Oberbergamt für die Nieder» 
rheinifdien Provinzen in Bonn abgelö(t wurde. Ihm wurden außer der Leitung 
des Bcrgwefens audi die Hütten= und Salinenbetriebe und ferner der Salzdebit 
überwiefen. Als Bergämter gehörten die zu Düren, Saarbrüdien und Siegen 
zum Oberbergamt Bonn. Diefe find auf Grund des Gefetzes vom 10. Juni nebfl 
Ausführungserlaß vom 29. Juni 1861 aufgehoben und die Hüttenwerke zugleidi 
mit den Aufbereitungsanjtalten, die nidit für Erz» oder Kohlengewinnung 
be(timmt fmd, den Regierungen überwiefen worden. Die bergpolizeilidie Auf« 
ficht durch den Staat, die fidi auf die Wahrung der Nachhaltigkeit des Bergbaus, 
die Sicherheit der Baue, der Bodenoberfläche und des Lebens und der Gefundheit 
der Arbeiter erftreckt, wird nunmehr innerhalb der Bergreviere und Infpektionen 
vorgenommen, in welche man die einzelnen Oberbergamtsbezirke zerlegt hat, 
und an deren Spitze Bergräte und Infpektoren (tehcn. Die Überwachung der 
Knappfchaftsvereine erfolgt durdi die Oberbergämter felb(t, denen auch die 
Knappfchaftsverfidierungsämter angegliedert fmd. 

Einen eigenen Bergwerksbetrieb auf Kohlen bcfltzt der Staat in der Rhein- 
provinz nur im Saarrevier; für ihn i[t die Bergwerksdirektion in Saarbrücken 
eingerichtet, die in verfchiedene Berginfpektionen zerfällt. Auch eine Bcrgfchule 
unterhält der Staat in Saarbrücken, in der Arbeiter als Betriebsführer, Steiger 
und Auffehcr ausgebildet werden. Ferner find Bergfdiulen in Aadien, Effcn, 
Hamborn und Wetzlar, die unter der Aufflcht der Obcrbergämtcr Bonn und 
Dortmund ftehen. Von dem Oberbergamt Bonn reffortiert auch die ftaatlidie 
Saiinenverwaltung in Münfier am Stein. 



IV. Die Militärbehörden 146 



Die höheren Beamten erwerben ihre wi(]cnfdiaftliche Ausbildung auf den 
Univerfitäten und den Bergakademien. Die rheinifdic Bergakademie i(l mit 
der Tedinifdien Hochfdiule in Aadien vereinigt. 

Die Militärbehörden. Es hat der Erfahrungen eines halben Jahr» 
hunderts bedurft, ehe man für das aus der Begeifterung der Freiheitskriege 
geborene preußifdbe Volksheer die paJTcnde Form gefunden hat, um dem Friedens» 
präfcnzfliand im Kriegsfall möglichft bald die nötigen Ergänzungen zuzuführen, 
fo daß ein fofortiger Aufmarfdi gegen den Feind ermöglidit wird und Zeit genug 
verbleibt, die Verbände der älteren Mannfdiaften allmählidi zum Nadifdiub in 
Kriegsbercitfdiaft zu fetzen. Zwar hatte das Gefetz vom 3. September 1814 
über die Verpfliditung zum Kriegsdienfte, wodurch die allgemeine Wehrpflidit 
gefetzlidi eingeführt wurde, und die Landwehrordnung vom 21. November 181 y 
die Gliederung der gefamten Truppen in das (tehende Heer, in die Referve und 
in die Landwehr im Prinzip ebenfalls fchon aufge(tellt, aber die Landwehr 
rangierte nicht hinter der ftehcndcn Armee und der Referve, wie das heutigen 
Tages der Fall ift, fondern man dachte fie zugleich mit jenen gegen den Feind 
führen zu können. Der fofortigen Verwendung der Landwehr beim Ausbrudi 
eines Krieges trat aber fdion der Um(tand hindernd in den Weg, daß zu ihr 
auch die jungen Nlannfchaften vom 16. refp. 20. bis 25. Jahr gerechnet wurden, 
weldie nidit im (lebenden Heer gedient hatten und daher ganz ungenügend 
militärifch ausgebildet waren. Vermittels der monatlichen Übungen an Sonntag» 
nad)mittagen und derfonjtigen Friedensübungen (eine zu drei Wodienund zwei 
zu acht Tagen), die man für die Landwehr erften Aufgebots eingerichtet hatte, 
ließen fidi die fo zufammengewürfelten Landwehrbataillone nidit in eine feld» 
dien(tfähige und kriegstüditige Truppe umwandeln. Vor allem madite fidi auch 
der Mangel an gefdiulten Offizieren bemerkbar. Dazu kam die Sdiwierigkeit 
der Befchaifung des nötigen Pferdematerials für Kavallerie und Artillerie, die 
in den Rheinlandcn, namcntlid» in den Induftriegegenden, auf ftarke HinderniJTe 
[tieß. Rheinland und Weftfalen, denen feit der Vergrößerung Preußens 181 y 
die Grenzwacht im Weflen zufiel, waren aber die Provinzen, in welchen nadi der 
Ncuorganifation die er^e Probe auf das Exempel gemacht wurde. Als im Hcrb(l 
1832 das ver(tärkte 7. Armeekorps zwifchen Aachen und Geldern als Obfervations- 
korps zufammengczogen war, haben fleh bei dcJTen Mobilmadiung die Schäden 
der damaligen Einrichtungen im empfindlich|tcn Maße herausgejtellt. Die Land» 
wehr verfagte ziemlich voll(tändig, weil infolge der großen Zahl von Rekla» 
mationcn feitens der Landwehrmänner die Bataillone nicht auf den etatsmäßigen 
Stand zu bringen waren. Für die Kavallerie und Artillerie fehlten die Pferde. 
In diefer Hinfidit haben die fowohl für die Provinz im ganzen als auch für die 
einzelnen Kreife angelegten Mobilmad»ungs= und Landwehrpferdegcldcrfonds 
im Laufe der Jahre fdion bald eine wefentlichc Befferung herbeigeführt. 

Die im Gefetz vom j. September 1814 ausgefprodienc allgemeine 
Wehrpflidit wurde auch durdi die Verfaffungsurkunde von 1850 als Staats» 
grundgefetz anerkannt, über die Gliederung des Heeres traf fie keine 
Be(limmungen. Nadi verfchiedenen Verfudien, bei denen fdion in den 
fünfziger Jahren auch zur zweijährigen Dienftzeit gegriffen wurde, hat 
fidi dann im Gefolge der Kriege von 1864 und 1866 die Heeresformation 
ergeben, daß die Referve und Landwehr erften Aufgebots nur aus Soldaten 
gebildet wird, welche die vorgcfdiriebenc Zeit im aktiven Heer gedient haben. 
Die Dienjtzeit — drei Jahre bei den Fahnen, vier in der Referve, fünf in der 

Die Rheinprovinz 1815 — 1915. 10 



146 III. Th. Ilgen, Organisation der staatlichen Verwaltung und der Selbstverwaltung d 

Landwehr — umfaßt insgefamt zwölf Jahre. Aus den älteren Jahrgängen der 
Landwehr wird das zweite Aufgebot formiert, zu dem die ausgebildeten Erfatz* 
refcrviften der betreffenden AltersklalJcn hinzutreten. Die Referve, die zu mehr= 
maligen längeren Friedensübungen verpflichtet ift, dient dazu, die jtehenden 
Truppenkörper fofort auf Kriegsftärke zu bringen, während die Landwehr in 
befondercn Formationen zur Verwendung kommt. Wer nicht im flehenden 
Heer gedient hat, rechnet, foweit er nicht dienß:untauglich ift, vom 17. bis 
45. Jahr zum Landfturm, der ebenfalls in zwei Aufgebote zerfällt. Das erfte 
Aufgebot umfaf^t die Wehrpflichtigen vom 17. bis 39. Jahr, die im Notfall 
zur Ergänzung der Kriegstruppe herangezogen werden. Zum Landfturm 
zweiten Aufgebots gehen audi die Landwehrmänner nach vollendeter Dienfts 
zeit über. 

Da diefc Änderungen, die auch Artikel 59 der VerfafTung des Norddeutfchen 
Bundes zum Teil gefetzlidi feftlegte, mit dem Gefetz von 1814 nicht ganz in 
Einklang (tanden, fo fanden fie im Wehrgefetz des Norddeutfchen Bundes vom 
9. November 1867 die ftaatsreditlich gültige Formulierung. Diefes ift durch das 
Reidismilitärgefctz vom 2. Mai 1874 und fpätere Reichsgefetze abgeändert 
worden, zu denen noch verfchiedcnc Ausführungsverordnungen hinzugekommen 
find. Jetzt entfallen auf die Dienftpflicht bei den Fahnen mit Ausnahme der 
Mannfdiaften der Kavallerie und reitenden Feldartillerie nur zwei Jahre. 

So wenig wie die Wejtfalen haben fich die Rheinländer, denen die militärifche 
Konfkription unter den franzöfifchen Einrichtungen wohl die verhaßtcfte gewefcn 
war, zunädift für die allgemeine preußifdie Wehrpflidit begeiftern können, zumal 
die Offizierkorps in der erften Hälfte des Jahrhunderts ganz vorwiegend ihren 
Erfatz aus altpreuf^ifchen Provinzen erhielten. Nur die Landwehr fand von 
Anfang an Sympathie. Erft der nationale Krieg von 1870/71 hat es fertig gea 
bracht, auch die rheinifche Bevölkerung in ihren verfchiedenen Schichten mit dem 
militärifchcn Dicnß:c in feiner preußifdien Eigenart auszuföhncn. 

Wie fdion erwähnt worden ift (S. 92), wurden 1815 die Rheinlande und 
Weftfalen bei der erften Organifation als Militärabteilung Niederrhein=Weftfalen 
zufammengefaßt. Im Jahre 1816 erfcheinen die beiden rheinifchcn Provinzen 
dem Generalkommando im Großherzogtum Niederrhein unterftellt, derart, daß 
jeder der damals bcftehenden fechs Regierungsbezirke den Erfatz für zwei 
Regimenter liefern follte und fie zugleich in die entfprechende Anzahl von Lands 
wchrbataillonsbezirken zerfielen. Die Generalkommandos traten an die Spitze 
der Armeekorps, deren fpcziellere Einteilung durch die Kabinettsorder vom 
3. April 1820 erfolgte. Während im allgemeinen jede Provinz als Rckrutierungs« 
bezirk für ein Armeekorps gelten follte, wurde bereits 1818 der Bezirk der 14. Divi- 
flon in Düffeldorf dem Generalkommando in Weftfalen mit dem Sitz in Münftcr 
unter(tel!t; dcmcntfprechend werden noch heutigen Tages die Rekruten des 
Regierungsbezirkes Düffeldorf — jedoch mit Ausnahme derjenigen der Krcifc 
Kempen, MünchensGladbach, Ncuß, Grevenbroich und Bergheim — beim 7., 
dem weftfälifchcn, Korps eingezogen, Düffcldorf ift der Sitz der 14,, zum 7. Korps 
gehörigen Diviflon geblieben, die auch ihre Garnifoncn innerhalb desRegierungs» 
Bezirkes und für die 27. Infanteriebrigade in Köln hat. Der zeitweife, und zwar 
noch im Jahre 1865, aus den Kreifen Effen, Elberfcld und Duisburg gebildete 
Erfatzbczirk für das zum 4. Armeekorps zählende Infanterieregiment Nr, 36 
(Landwehrbataillon Effen) ift aufgehoben. Die übrige Rheinprovinz ift der 
eigentliche Rclruticrungsbczirk für das 8. Armeekorps, deffen oberfter Militär» 



IV. Die Militärbehörden 147 



Befehlshaber, der kommandierende General, in Koblenz domiziliert i(l. Die 
beiden Divifionskommandos (15. und 16. Divifion) befinden fidi in Köln und 
Trier. Seit der Heeresvermehrung im Jahre 1898 i|t der Kreis Wetzlar dem 
18. Armcckorpsbczirk zugefchlagcn. Verfchicdene Neueinteilungen haben 
natürlidi im Laufe der Zeit audi Änderungen der Landvx/ehrbataillonsbezirke 
zur Folge gehabt. Sie find jetzt zu Infanteriebrigadebezirken zufammengefaßt^ 
deren der Armeekorpsbezirk vier bis fünf zählt. An Landwehrinfpektionen, 
denen die Bezirkskommandos unter(tellt find, vj^eift die Rheinprovinz drei, 
je eine in DüfTeldorf, Effen und Köln, auf. Der Erfatz für die SpeziaU 
Waffen wird aus dem ganzen Armeekorpsbezirk genommen. Diefer (teilt auch 
nodi eine Anzahl von Rekruten für die Gardetruppen, zu den Armeekorps in 
den Reidislanden und für beltimmte Spezialwaffengattungen des gefamten 
Reidisheeres. Um den Korpsgeiß: zu heben, war bei der er(ten Armecorganifation 
ein rheinifchcs Grcnadier=Landwehrbataillon erriditct worden, zu deflen Kom= 
mandcur 1816 der König Friedrich Wilhelm III. als Beweis der Wertfehätzung, 
die er den Rheinländern zollte, feinen Bruder, den Prinzen Wilhelm, ernannte. 

Prinz Wilhelm i(t auch als militärifdier Gencralgouverneur der we(tlidien 
Provinzen, wozu ihn eine Kabinettsorder vom 24. September 1830 mit Rücka 
ficht auf die Unruhen in den Niederlanden beftellte, der Rheinprovinz näher 
getreten. Bis in das Frühjahr 1832 hat er in diefer Eigcnfchaft in Köln refidiert. 
Des Prinzen Neffe und Namensvetter, der fpätere Kaifcr Wilhelm I., hat dann 
den Poften eines Militärgouverneurs am Rhein und in Wejtfalen in den Jahren 
1849—1858 verfehen, während weldier Zeit er von 1850 ab im Koblenzer Schloß 
fein Stabsquartier nahm. Bei der in neuerer Zeit erfolgten Zufammenfaffung 
der Armeekorps zu Armeeinfpektionen ift das 8. Armeekorps der V. Armee» 
infpektion, die ihren Sitz in Karlsruhe unter dem Kommando des Großherzogs 
von Baden hat, zugeteilt. Das 7. Armeekorps zählt zur III. Armeeinfpektion 
in Hannover. Die VII. Armeeinfpektion in Saarbrücken wird durdi das 16., 
18. und 21. Armeekorps gebildet. 

Die durch Kabinettsorder vom 1. November 1820 eingefetzten Militär» 
Intendanturen, die die Gefdiäfte der früheren Kricgskommiffariate übernahmen, 
bilden die Provinzialverwaltungsbehörden des Kriegsminifteriums für die wirt» 
fchaftlichcn Bedürfniffe der einzelnen Armeekorps. Jetzt hat jedes Armeekorps 
auch ein befonderes Sanitätsamt. Bis zur Reorganifation der Armee im Jahre 1863 
gab es nur Korpsintendanturen ; feitdem ift bei jeder Divifion noch eine Divifions« 
Intendantur erriditet, deren Vorftand dem betreffenden Korpsintendanten unter» 
geordnet bleibt. Während die Divifionsintendanturen alle die Ausrü(tung, Bc= 
klcidung, Verpflegung betreffenden Angelegenheiten, ferner die Gehalts= und 
Löhnungsverhältniffe der zu ihrer Divifion gehörigen Truppenteile, nicht 
regimentierten Offiziere und Beamten bearbeiten und bcauffichtigen, unter(teht 
der Korpsintendantur die Militärökonomie des Armeekorps, foweit fie insbe» 
fondere bei der Mobilmachung einer einheitlichen Leitung bedarf. Als unter» 
geordnete Lokalbehördcn der Militärintendanturen kommen in Betracht die 
Magazinvcrwaltungcn — Proviantämter, Magazinrendanturen und Depotmaga» 
zine — die Garnifon» und Lazarettverwaltungen, dieMontierungsdepots und end; 
lieh die Garnifonbauverwaltungen. Korps» fowohl als Divifionsintendanten find 
Chefs ihrer bureaumäßig eingerichteten Behörden, bei denen juriftifch ausgebil* 
dete Intendanturräte und Affefforen tätig fmd. Auch aktive Offiziere können 
nach Ablcgung des vorgcfchriebenen Examens zum Intcndanturdien(t übergehen. 

10« 



148 III. Th Ilgen, Organisation der staatlichen Verwaltung und der Selbstverwaltung d 

Quellen- und Literaturnachweis. 

Für die Darftellung, insbefondere der er(ten Organifation der Behörden, find Akten 
der Miniftcrien (Geheimes Staatsarchiv Berlin), des Oberpräfldiums (Staatsardiiv Koblenz) 
und der Immediat=Ju(tiz=Organifations=Kommif|ion (Staatsarchiv Düffeldorf), ferner ver« 
fchiedener Regierungen benutzt. 

Aus der herangezogenen gedruckten Literatur feien genannt die Werke von: 
Beck, O., Befchreibung des Regierungsbezirkes Trier, Bd. I u. II, 1868 — 1871. 
B renken O., Das Recht der Provinzialverbände in Preuf^en. Bonner Differtation 1911. 
Häufer H., Die rechtliche Natur der ftädtifdien Selbftverwaltung in Preußen. Würz« 

burger Differtation 1911, 
Mülmann O. von, Statiftik des Regierungsbezirkes Düffeldorf, Bd. I und II, 1864 — 1867. 
Niedncr H., Die Bedeutung der ftädtifchen Selbftverwaltung. Internationale Wochen« 

fdirift III, Nr. 26—28. 
Reinick H. A., Statiftik des Regierungsbezirkes Aachen, Abt. I — III, 1865 — 1867. 
Rolef G., Die Rheinifche Landgemeindeverfaffung feit der franzöfifchen Zeit. 1912/13. 

(Heft VIII der Sammlung von Monographien ,,Die Rechtseinheit", herausgeg. 

von J. Kohler u. A.) 
Schmidt Rieh., Die Verfaffung der rheinifchen Landgemeinden, 1907. 
Schmitz P., Die Entftehung der preufjifchen Kreisordnung vom 15. Dezember 1872. 

Berliner Differtation 1910. 
Stephan W. ]., Die Entftehung der Provinzialftände in Preußen 1823. Berliner Differ- 
tation 1914. 



IV. 

Das rheinifdie Recht und die rheinifche 
Gerichtsverfanung 

von 

Ernst Landsberg. 

Als die Hauptmaffc der Länder, die heute die Rheinprovinz bilden, durdi 
die BcPitznahmcsPatente vom 5. April 1815 endgültig Staat und Monarchie 
Preußen einverleibt wurden und durdi die Verordnung „\5cegen verbeflcrter 
Einrichtung der ProvinziaUBchörden" vom 30. April 1815 als zwei Provinzen 
(Kleve=Berg cincrfeits, Großherzogtum Niederrhein anderfeits) ihre grund» 
legende vcrwaltungsrechtliche Organifation innerhalb der neuen Zugehörigkeit 
erhielten, war ihr Rechtszu(tand ein im wefentlichen einheitlicher: fie unter= 
(tanden dem franzöfifdien Recht. Das gilt fowohl von dem ganzen linksrhei» 
nifchen Gebiete, das fchon längft in franzöfifdien Händen war, einfchließlich der 
ehemals preußifchen linksrheinifchen Bcfitzungen, wie rechtsrheinifch von dem 
Großherzogtum Berg, mit geringen dort durch die Sondergefctzgebung dicfes 
napoleonifdien Kleinftaates herbeigeführten Abweichungen. Auch in der 
Zwifchenzeit feit Vertreibung der Franzofen war daran durdi die Gouverne» 
mentsverordnungcn nur wenig verändert worden. Die Stillegung der Cours 
speciales, der napoleonifdien Ausnahmegerichtshöfe für Kriminalfälle, war 
eher eine Wiederbelebung des reinen franzöfifdien Strafproze(Tes ; tiefer griffen 
nur, aber auch nur für das Gouvernement Berg, die Stillegung der Gefchworenen» 
Gerichtsbarkeit und die Wiedereinführung der Unerläßlichkeit kirdilichen Ehe» 
abfchluffes neben dem (tandesamtlidien EheabfdilulJe. Gar aus der Vorzeit, 
vor Einführung der franzöfifdien Gefetzbüdier und Redite, war kaum etwas 
erhalten. So oft man audi fpäter, zur Zeit der romantifdi=hi(torifchen und 
fiaatlich=konfcrvativen Hinneigung zu folchen Dingen, geradezu mit der Lupe 
ältere Rechtsgebräuche und Einriditungen gefucht hat, die unter der franzö» 
fifdien Oberfchidit lebendig geblieben wären und nun zu einem rheinifdien 
Provinzialrecht den Stoff hergeben follten: man hat nur ganz Unwefentliches, 
untergeordnet Lokales gefunden. Die betreffenden Zufammenflcllungen fmd, 
praktifd) unbenutzbar und unbenutzt, nur als Ablagerungsftätten für den Staub 
der Bibliotheken gedruckt worden. Dagegen galt das franzöfifche Recht in diefen 
Ländern voll(tändig: nidit nur in Ge(talt der berühmten fünf Gefetzbücher, 
die ja allerdings feinen Hauptbeftandteil ausmachten, fondern auch vieler 
anderen Gefetze und Verordnungen der republikanifdien wie der kaiferlidien 
Zeit, und (tatt ihrer des bergifchen Sonderrechts in feinem Sondergebiete. 

Anders lagen die Dinge nur auf dem rediten Rheinufer, foweit es fich um 
früher prcußifche, er[t feit 1805 dem Staate verloren gegangene Befitzungen 
handelte: das ip: das Gebiet der Kreife Duisburg, Effen, Rees. Dort hatte man, 



150 IV. E. Landsberg, Das rheinische Recht und die rheinische Gerichtsverfassung a 

im er(tcn patriotifdicn Auffdiwungc und des prcußifdien Rcdits altgewohnt, 
wie diefc reditsrhcinifche Strecke denn audi feit der Vertreibung der Franzofen 
fofort preußifcher Verwaltung, und zwar zunächft dem Generalgouvernement 
Mün|tcr unter(tellt worden war, ohne weiteres das Patent vom 9. September 

1814 „wegen Wiedereinführung des allgemeinen Landredits und der allge» 
meinen Gerichtsordnung in die von den preußifdien Staaten getrennt gewefenen, 
mit denfelbcn wieder vereinigten Provinzen" für anwendbar angefehen und 
CS durdi Einfetzung der Oberlandcsgeridits=Kommiffion in Emmerich (fpäter, 
Kabinettsorder vom 6. Auguft 1815, in Cleve, wieder fpäter Oberlandesgericht 
Hamm) wirklich durdigeführt. Das mag damals, vor dem formalen Bcfitz» 
ergreifungspatent, etwas voreilig gewefen fein; es iß: aber jedenfalls alsbald nach 
diefcm Patente durch die überfchrift eines ergänzenden Patentes vom 22. Mai 

1815 (und durdi jene Kabinettsorder) authcntifdi und rüdtwirkfam beftätigt 
worden. Damit fmd diefe drei Kreife rechtsrheinifdi aus der Rechtsgcmeinfdiaft 
der Rheinprovinz ganz ausgefdiieden und infofern von da ab, trotz der provinziaU 
politifchen Zugehörigkeit zu dem rheinifchen Oberpräfidium, dem landredit» 
liehen Gebiete, befondcrs We(tfalens, zuzuredmen. 

Wieder anders (teht es um einen anderen Beßiandteil der heutigen Rhein» 
provinz, der erft nadi den Befitzergreifungspatenten vom 5. April 1815 hin« 
zugekommen i(t. Hier handelt es fich dauernd um ein Stüd< rhcinifdicr Redits= 
gcfchichte, aber um ein felb(tändig geartetes. Es betrifft das diejenigen Länder, 
die mit Preußen er(t durdi die Patente vom 21. Juni und 27. Juli 1815 ver» 
bunden und dabei der Provinz Niederrhein zugefügt wurden, die naffausora» 
nifchen Erbhcrrfchaften und die ehemalige freie Reidis(tadt Wetzlar mit ihrem 
Gebiete. Hier galt damals nodi unverändert das alte Lokalredit auf der fub» 
fidiären Grundlage des gemeinen römifdi=kanonifdien Redits. Dadurch tritt 
diefer Beftandteil der Rheinprovinz rechts gefchiditlidi in eine Sondcrftellung, 
die ihm bis zum 1. Januar 1900 geblieben i(^. Er ßieht formal unbeteiligt neben 
dem Kampfe zwifchcn preußifdiem Redit und rheinifch=franzö(lfdiem Recht, 
der fleh alsbald in den Rheinprovinzen fonft erheben follte. Aber tatfädilidi i(i 
doch auch für diefes Gebiet — durdiweg wohl feither bekannt als das des Juftiza 
fenates Ehrenbrcit(tein — der Verlauf jenes Kampfes maßgebend und ver» 
hängnisvoll gewefen; wäre fonjt in den Rheinprovinzen das preußifchc Redit 
[tatt des franzöfifchen Rechts eingeführt worden, fo wäre es auch hier, fbatt des 
gemeinen Rechts, zur Einführung gelangt; foweit dies dort fcheiterte, verblieb 
es auch hier gcwiffermaßen von felb(t, ohne befondere Aufregung, beim Alten 
und zweifellos Veralteten. 

Endlich fmd dann noch infolge des zweiten Parifer Friedens kleinere Par« 
tikeln linksrheinifdi zu der Rheinprovinz getreten; fle (landen längft unter 
franzöfifchem Redit und find deshalb auch reditlich und rcditsgefchichtlich feita 
dem mit der Provinz vcrfchmolzcn, von geringfügigen Intermcdiar=>Abwei«» 
chungen abgefehen. 

Damit i(l zugleich das Gebiet umfchricbcn, deffen Rechtsgefchichtc wir hier 
verfolgen wollen, foweit [Ic nicht einfach mit der allgemein preußifchen oder 
dcutfchen Rechtsgcfchichte zufammenfällt,*) Einer Scheidung zwifchen den 

I) Namentlid) Mclrd alfo, fobald einmal die Rheinprovinz In irgend welcher Beziehung 
unter Kemeinpreußifches oder unter gemeindeutfches Recht getreten ift, der gemeinrechtliche 
Verlauf hier nicht weiter verfolgt werden können: z. B. nicht, wie das Strafgefetzbuch für 
den Norddeutfchen Bund an Stelle des prcußifchen von 1851 tritt. 



a Erstes Kapitel (1815—1824), Programm der Regierung 151 

beiden urfprünglidien Rheinprovinzen bedarf es dabei nidit; fdion ehe fi^ 1822 
zu der heutigen Einheit verbunden wurden, hat man fie in allen Punkten der 
Redits» und GeriditsverfalTung einheitlidi behandelt. 



Erftes Kapitel (18 15—1824). 

Fremdländifdies, aufgezwungenes Redit — zu befeitigendes Redit; nationale 
Staatszugehörigkeit — nationale Rechtszugehörigkeit: das fmd nahehegcnde 
Vorftcllungen von überzeugender Sdilagkraft, fo daß man fie ohne weiteres zur 
Richtfdinur nehmen möchte. Doppelt und dreifadi fo in Zeiten nationalen Aufs 
fchwunges, unmittelbar nach Abftoßung des Jodies der Fremdherrfdiaft; und 
in einem zentralifiert=monardiifchcn Staate wie Preußen, wo man auf die friedcria 
zianifchen Kodifikationen, auf den Weltruf der Gerichte mit Recht (tolz war. 
So lautete daher, fa(t felb(tver(tändlidi, das Regierungsprogramm für die neuen 
Provinzen zunächjt: Abfdiaffung des franzöfifchen und Einführung des preu» 
ßifdien Redits. 

Diefes Programm i[t für Staats» und Verwaltungsrecht der Staatsorgane 
fofort mit voller Energie und Folgerichtigkeit durchgeführt worden. Bereits 
das angeführte Patent vom 30. April 1815 fdiuf die Provinzialverfaffung, die 
Einteilung in Regierungsbezirke und Kreife, die Verwaltung durdi Regierungen 
und Landräte, einheitlich für die Rheinlande wie für die alten Provinzen. Die 
Befctzung mit meijt altpreußifchen Beamten, die (tramme Zentralifation durdi 
Oberaufficht von feiten des ]Vlini|teriums des Inneren oder auch des befonderen 
Polizeiminifteriums tat das übrige. Unbezweifelt gilt feitdem die Regel, daß 
mit der preußifchen Verwaltungseinteilung und Verwaltungsbehörde auch das 
preußifche Verwaltungs» und Beamtenredit, einfdiließlich der einfchlägigcn 
Abfchnitte des preußifdien allgemeinen Landrechtes, in den Rheinprovinzen 
eingeführt worden ift. 

Aber audi für die fon(tigen Reditszweige war dasfelbe Programm aufgeß:ellt. 
Zwar für den verwaltungsrcchtlich nächftlicgcndcn Zweig, die Ge(taltung der 
kommunalen Körperfchaften, befonders der Gemeindcverfaffungen, (teilte man zu» 
näcbft (1817) nur die Anfrage an die rheinifchen Regierungen, ob die franzöfifchen 
Zuftände zu belaffen oder zu reformieren feien, und kam dadurch, im Anfdilufle 
an die von den Regierungen erftatteten Gutachten, zu einem konfervativen 
Proviforium; aber für alle fonftigcn Rcditsgebiete, Straf» und Zivilrecht eins 
fchließlich des Handelsrechts, Zivil= und Strafprozeß fowie Gcriditsverfanung 
ging man ganz anders vorwärts. Hier hatte der Ju(tizmini(ter Friedridi Leopold 
von Kirdieifen, ein altpreußifdier Richter und Beamter friederizianifdier Prägung, 
fleh vorgenommen, fofort ganze Arbeit zu madien und den Rheinprovinzen die 
Wohltat der preußifchen Gefetzgebung möglidift unmittelbar und vollftändig 
zuteil werden zu laffen. Ob es wirklich eine Wohltat gewefen wäre — diefe 
Frage konnte ihm gar nicht kommen, fo felfenfeft war feine Überzeugung von 
der abfoluten und überallhin paffenden Vorzüglichkeit jener Gefetzgebung; 
und erß; recht lag es feiner Weltanfdiauung fern, deshalb die zu Beglückenden 
zu befragen. Mag auch fein, daß damals, im er(ten Anlauf, fein Plan ohne allzu* 
ftarken rheinifchen Wider(tand durchfetzbar gewefen wäre, zu einer Zeit, wo 
man am Rhein noch von frifchcftem Widerwillen gegen alles Franzöfifdie, von 



152 IV. E. Landsberg, Das rheinische Recht und die rheinische Gerichtsverfassung d 

frohc(tcr, faft fdiwärmcrifchcr Erwartung einer prcußifch=liberalcn Acra erfüllt 
war; wo man dort audi wohl noch kaum fo rcdit wußte, was inhaltlich man mit 
dem allgemeinen preußifdicn Landredit und mit der preußifchen Gcrichtss 
Ordnung empfing. Um fo fchlimmer hätte dann freilidi wohl das Erwachen aus 
Traum und Unwiffenheit gewirkt. Die Unluft, die alsbald ohnehin fchon durdi 
die preußifdie Verwaltung und namentUdi auch durch ihre Eingriffe in das 
gcriditlidie Grenzgebiet erweckt wurde, die dann durdi das Ausbleiben einer 
parlamcntarifdien Verfadung, durch den Eintritt der Reaktion in ihren großen 
politifdien und in ihren kleinlichen polizeilichen Äußerungen bis zur peinlichen 
Abneigung ge{teigert wurde, wie weit wäre fie erß: gegangen, wenn man fich 
des öffentlichen und mündlichen Verfahrens vor Geridit beraubt gefehen hätte, 
in Straffällen preußifchen Inquiforiaten ausgeliefert, gebunden unter die preu» 
ßifchcn Vorfdiriften betreffend Standesunterfchiede, Ehe= und Familienrecht, 
riditcrliche Vormundfdiaftsführung, exemtcn Gcrichtsftand der Beamten, 
Lockerung der handelsrechtlidien Strenge und Einfchnürung der handelsrecht» 
liehen Freiheit, endlich gar Möglidikeit körpedicher Züchtigung gegen Sträflinge 
und fogar gegen bloße Inquifiten? Er(t wenn man fidi diefe Fragen (teilt, 
crmißt man die Kurzfiditigkeit des Verfahrens, das Kircheifen in bejter Abfidit 
in die Wege leitete, indem er einfadi meinte, ganz wie in den altprcußifdicn, 
wiedergewonnenen Provinzen vorgehen zu können. Er fandte zu diefem Behufe 
als Ju|tiz=Organifationskomminar an den Rhein den Müniterer Oberlandes» 
gerichtspräfidenten Chriftoph Wilhelm Heinrich Scthe, der cinerfeits preußifcha 
klevifdicr Geburt, anderfeits aus der bergifchen Magiftratur hervorgegangen, 
fich zu einem foldicn Auftrage offenbar trefflidi eignete. Er hieß ihn überall 
in der Rheinprovinz die Einfctzung prcußifdier Stadt= und Landgerichte vor» 
bereiten und die Einführungspatente für die preußifchc Gefctzgebung, nadi 
Analogie der für die Provinzen zwifdien Elbe und Rhein ergangenen, fchleunig(t 
ausarbeiten, allenfalls mit einiger befonderer Berüdifichtigung rheinifdicr 
LokalvcrhältnilTe; ja er follte fogar fdion vorher minde|tens das prcußifche Straf- 
recht einführen; indeffen gelang es wenigjtens, den Minifter von der Untun« 
lichkeit einer folchen überftürzt=vereinzelten Maßregel zu überzeugen. Dagegen 
[teilte Sethe, wcnnfchon vielleidit ohne rechte inncrlidie Überzeugung, aber doch 
in getreuem Gehorfam, den Entwurf des Patentes für Abfchaffung der franzö» 
fifchen Gefetzbücher und Einführung der preußifchen Gefetzbücher bis zum 
September 1815 fertig. Er fdilug darin eine Reihe tiefer eingreifender, aber 
doch immer nur vereinzelter Modifikationen, namentlich Abfchaffung aller patri« 
monialen und cxemten Gerichtsbarkeit vor. Allein nicht einmal hiermit drang 
er beim Miniftcr durch; ein kaum von dem Patente vom 9. September 1814 
abweichender Patententwurf wurde von diefem dem Gefamt=Minifterium vor- 
gelegt. 

Da wurde nun der Lauf der Sadie dadurdi aufgehalten, daß felb[t dicfcr 
Vorfchlag einzelnen der Minifter noch nicht weit genug ging. Sie verlangten 
befondcrs Einfügung einer Vorfchrift, wonach kirchlicher Abfchluß der Ehe mit 
rückgreifender Wirkung für die unter franzöfifchem Recht bloß ftandcsamtlidi 
gefchloffcnen Ehen notwendig geworden wäre. Da das dem gefunden juriftifchen 
Sinne und der altfricdchzianifdicn Auffaffung Kircheifens unannehmbar war, 
mußte der Entwurf, mangels Ubereinftimmung aller Minifler, zur Entfcheidung 
dicfcr Streitfrage durch den Staatskanzler Fürftcn Hardenberg dem König vor- 
gelegt werden. Hardenberg aber, fo mit ihm befaßt, hielt ihn an und bean- 



D Erstes Kapitel (1815—1824), Immediat-Justiz-Kommission 153 

tragtc nun fcincrfcits beim Könige zunäch(l: Einfetzung einer rheinifchen Imme= 
diatsjuftizkommiffion behufs Vor[tucIiums der ganzen rheinifdien Gefetz= 
gebungs=Angelegenheit. 

Nicht von rheinifcher Seite her, wo fich dafür nod» keinerlei Bewegung 
ausgebildet hatte, wo die öffentlidie Meinung nodi ungeklärt und ganz ohne 
Organ war, i(l: alfo die er{te Hemmung des Kirdieifenfchen Programms erfolgt, 
fondern von der politifchen Zentralinftanz der Regierung. Hardenberg, der 
dabei hauptfächlich von feinem Kabinettsrat Johann Albrecht Friedrich Eichhorn 
(dem fpäteren Minifter, berühmt als Gründer des Zollvereins) beraten war, 
dürfte dazu durch verfchiedene Zufammenhängc bewogen worden fein. Haupt» 
fädilich und in überwiegendem Maße durdi fachliche Erwägungen, die namentlich 
Eichhorn betonte, da fein Blick weder durch altprcußifdic nodi auch durch 
abltrakt=unifizierende Vorurteile im Sinne des 18. Jahrhunderts befangen war. 
Vielmehr ftand er der jungen romantifdien Richtung in Redits= und Staats= 
auffaffung nahe und war deshalb bereit, örtlichen Wünfchcn und Bedürfniffen 
Rechnung zu tragen, wie er folchc Wünfche und Bedürfniffe als für die Rhein= 
lande befonders naheliegend von vornherein annahm. Deshalb wünfchte er 
deren unbefangene Unterfuchung durdi die Kommiffion, damit wirklich das 
fachlich Befte gefchehe. Dazu kamen dann die politifchen Rückfiditen, die wohl 
bei Hardenberg felblt vorgewogen haben mögen und von denen ßch endlidi 
ein gcwiffer perfönlicher Gegenfatz gegen die konfervativen Elemente des 
Minifteriums, namentlich gerade gegen Kircheifen, nicht ganz trennen läßt. 
Zweifellos hegte damals Hardenberg noch den aufrichtigen Wunfdi, die Stein» 
fchen Reformen im Sinne einer parlamentarifchen Verfaffungsgefetzgebung 
fortzuführen; dafür aber konnte er Anlehnung und Unter(tützung gegenüber 
der altprcußifchen Partei, die feit Jena und Tilfit nichts vcrgeffen und nidits 
gelernt hatte, gerade in Anlehnung an die öffentliche Meinung der Rhein» 
provinz, an die dort fdion gegebenen freiheitlichen Anfätze und Einrichtungen 
finden. Namentlidi entfpradi ja Mündlichkeit und OffentHchkeit des Gerichts» 
Verfahrens und Entfcheidung der fchweren Straffachen durch Gefdiworene durch» 
aus den Tendenzen der Steinfchen Städteordnung, dem Wunfche, den Staat 
von innen heraus durch (taatsbürgerliche Erziehung und Betätigung feiner 
Bürger zu kräftigen. So waren es die heften Überlieferungen der großen Zeit, 
aus denen hervor Hardenberg fich für diefe Einrichtungen des franzöfifchen 
Prozcffes befonders intereffieren mußte; und handelte es fidi auch nur darum, 
fie einjtweilen für kommende beffere Zeiten ficherzujtellen, wie es denn auch 
gerade eben noch vor dem Siege der fchärfften Reaktion, unter deffen Drohung 
[ich all dies abfpielte, gelungen i(t. Dagegen auf dem Gebiete des materiellen 
Rechts hatte Hardenberg foldien Anlaß nicht, für franzöfifchcs Recht einzu» 
treten ; hier hat darum auch ihm wohl noch zunächft der Erfatz durch das preu» 
ßifche Recht als felb(l:ver(tändlich gegolten. 

So erging die Kabinettsorder vom 20. Juni 1816, die die Immediat=Juftiz= 
kommiffion einfetzte und ihr vorfdirieb, das Gute, überall wo es fich finde, 
zu benutzen und das Rechte anzuerkennen. Dazu kam, auf Grund befonderer 
königlicher Ermächtigung von Hardenberg erteilt, die Inftruktion für diefe 
Kommiffion vom 8. Juli 1816, die ihre Aufgabe in großzügiger Weife abfteckt. 
Ihr Sitz wird ihr in Köln angewiefen, alfo in den Rheinlanden felbft, deren 
Verhältniffe und Bedürfniffe in allen gefetzgeberifdien Richtungen fie, unter 
Heranziehung der Gerichte und fonftigen Erkundigungsquellen, erforfdien follte. 



154 IV. E. Landsberg, Das rheinische Recht und die rheinische Gerichtsverfassung a 

Zu ihrem Präfidenten wurde Scthc ernannt, als Bcifitzer wurden ihm bei« 
gegeben die beiden Rheinländer Fifdienich und Bölling, aber auch ein Altländer, 
der um dic]wi(Xenfdiaftliche Bearbeitung des Materials zum preußifdien Land» 
redit hodiverdiente Oberlandesgeriditsrat Hcinridi Simon, wozu dann fpätcr 
noch zwei weitere Mitglieder von geringerer Bedeutung gekommen find. 
Namentlich aber wurde fic angewicfen, fich für ihre Arbeiten ins Einver» 
nehmen zu fetzen mit dem eben dem preu[}ifchen Staatsdien(l;e gewonnenen 
berühmten franzöfifdircchtlichen Juriftcn Kölnifcher Geburt Heinrich Gottfried 
Wilhelm Daniels, der zuer(t Profeffor an der alten kurkölnifchen Univcrfität 
Bonn, dann franzöfifcher und darauf wieder niederländifcher General(taats= 
anwalt gewefen war und nun dem prcußifchen Staatsrate angehörte. Seine 
Mitwirkfamkeit, feine mitreißende Überzeugungskraft und feine durchfchlagende 
Autorität find im Sdioße der Kommiffion maßgebend geworden, befonders 
nadi langem Schwanken für die Entfdieidung zugunften der Gefchworenen. 
Für öffentliches und mündlidies Verfahren im Strafprozeß und für Mitwirkung 
eines öffentlichen Minifteriums dabei war freilich Simon trotz urfprünglicher 
Gegnerfdiaft fdion vorher gewonnen worden, aus eigener befferer Einficht 
hervor, was nach allen Seiten einen (tarken Eindruck madien mußte, wenn er 
audi in zivilprozeffualen Fragen mehr auf dem altländifdien Standpunkte 
bcharrte. So entftanden die fünf Hauptvoten der Kommiffion, die fich für die 
Öffentlichkeit und Mündlichkeit im Strafverfahren und im Zivilverfahren (hier 
mit Simonfchem Separatvotum), für die Beibehaltung des öffentlichen Mini(l:e= 
riums in allen feinen franzöfifch=rechtlichen Funktionen (hier für die nicht Itraf= 
reditliche Seite Simonfehes Separatvotum) und ausführlichft für die Gefchwore= 
nengerichte, außerdem, in einer kürzeren Zufammenftellung der Ergebniffe, für 
eine Reihe weiterer franzöfifdbrechtlicher Einrichtungen bei der Gerichtsverfaffung 
und dergleichen mehr entfchicdcn. Dagegen in bczug auf das materielle Recht 
meinte die Kommiffion fidi doch noch wefcntlich an das preußifche Recht halten 
zu muffen; die „ErgcbniHc" fchlagen darum da, offenbar in einer Art von Not= 
(tand, eine kaum durchführbare Verbindung von preußifchcm Landrecht und 
Code civil vor: mit dem Perfonen=, Sachen=, Obligationcn= und Handelsrecht 
des erfteren follte das Familienrecht und Erbrecht des letzteren ganz unor= 
ganifdi verbunden, aber auch das preußifche Strafrecht an Stelle des franzöfifdien 
Straf rechts gefetzt werden. Das waren die Vorfchläge, die die Kommiffion im 
Februar 1818, alfo nach etwa anderthalbjähriger Tätigkeit nach Berlin abgab. 
Sie wurden dort unter der Leitung des Großkanzlers von Beyme, eines durch= 
aus liberalen Mannes und Gegners von Kircheifen, als Gefetzgebungsminiftcrs 
durchgeprüft und in matcriellrechtlicher Beziehung noch (tark zugunßien des 
preußifchen Rechts umgejtaltet; das Ergebnis follte zur Grundlage einer könig= 
liehen Verordnung nach Hardenbergs Plan gemacht werden, während man hoffte, 
Kircheifen ausfchaltcn zu können. Als diefer dann aber doch mit einem Gcgen= 
Gutachten eingriff, gab das nur zu einem neuen Vorftoß Daniels' Anlaß, der 
über die Kommiffionsvorfchläge abermals weit hinausführte. 

Daniels ging dabei aus von der Notlage, in die die rheinifche ]u(l:iz all- 
mählich, mangels Erledigung aller fchwebenden Fragen, geraten war. Die 
Gerichtshöfe, ungenügend und mangelhaft befetzt mit Richtern, die nur ver» 
droffcn unter der hcrrfchcndcn Unfidierheit aller Dinge ihres Amtes walteten, 
drohten der völligen Auflöfung entgegenzugehen. Die materiellrechtlichen 
Vorfchläge der Kommiffion würden eine juriftifche Unmöglichkeit, eine Chimäre 



a Erstes Kapitel (1815—1824), Kompromiß von 1818 155 

von Rcchtsmifchung herbeiführen. Die weitergehenden Vorfchläge Beymes aber 
gar würden das Rheinland mit dort unerhörten Einrichtungen, z. B. der leiditcn 
Ehefcheidung nadi preußifdiem Syftem, beglücken. Das Rheinland, in den 
letzten Jahrzehnten aus einem Proviforium ins andere geworfen, würde nun 
wieder an dem proviforifchen Zu(tand audi noch des preußifchen Rcdits teil= 
nehmen muffen, wenn man diefes, das felbß; doch eben umfaffender Revifion 
unterliege, noch vor deren Abfdiluß am Rhein einführe. Alle diefe Unerträg= 
lichkeiten aber würden wegfallen, wenn man fidi zunädift mit einer gründlichen 
Reorganifation der Gerichte in großem Stil — einheitlidier Revifions= und 
Kaffationshof, einheitliches Oberlandesgcricht, fcdis große und leiftungsfähige 
Landgerichte an den Regierungsfitzen, fo viele Friedensgerichte wie landrätliche 
Kreife — begnügte, dabei ferner für das Verfahren Mündlichkeit und Öffentlichkeit, 
Gefchworcne und Staatsanwaltfchaft beibehielte, die Einführung der gefamtcn 
preußifchcn Gefetzgebung aber bis nach Abfchluß der für diefe ohnehin im 
Gange befindlichen, nunmehr unter Mitberückfichtigung der rheinifchen Vers 
hältniffe durchzuführenden Revifion auffchiebe. Allenfalls könne man ja, um den 
Stein des fchlimm(ten Anftoßes aus dem Wege zu räumen, eine überfetzung 
der fünf franzöfifchen Gefetzbücher ins deutfche, etwa unter Einfügung einiger 
Reformen in der preußifchrechtlichen Richtung, anordnen, und wenn diefe 
Arbeit, wie in einem halben Jahre möglich, gefchehen fei, diefe deutfchen Texte 
formal als Gcfctze an Stelle der franzöfifdien einführen, wozu dann etwa nodi 
fon(t das eine oder andere reformierende Sondergefetz treten könnte. Dann möge 
man getroß; die Fertig[tellung der Revifion der preußifchen Gefetzc abwarten. 

Was konnte klarer, einleuchtender, gewinnender und — bequemer aus* 
zuführen fein, als diefe Vorfchläge Daniels'? Sie finden nun in fchleunigftem 
Tempo, während bisher alles fo zögernd und ftockend verläuft, unmittelbar 
hintereinander die Zuftimmung v. Beymes, des Gefamtmini(teriums, Hardcns 
bergs mit Eichhorn und des Königs; während diefer mit Hardenberg und Bcyme 
in der Rheinprovinz weilt, ergeht ganz in dem Sinne, wie Daniels vorgefchlagen 
hatte, die königliche Kabinettsorder vom 19. November 1818, gewiffermaßen 
ein königliches Gaftgefchenk an die Rheinländer. Mit ihr war die Grundlage 
der rheinifchen Rechts= und Gerichtsverfaffung für die ganze folgende Zeit 
gelegt. 

Namentlich für die Gerichtsverfaffung, die danach alsbald tatfächlidi aus= 
geführt wurde. Nachdem bcfonders die darauf bezüglidien Punkte der Order 
(die im übrigen lediglich als Dien(tanweifung für v. Beyme behandelt und daher 
nicht ganz publiziert wurde) durch Vermittlung der darin aufgelößien Immediat* 
Ju(tizkommiffion veröffentlicht worden waren, wurde zunächft der rheinifdie 
Revifions= und Kaffationshof zu Berlin, unter Sethes Präfidium, gebildet, 
befetzt und am 15. Juli 1819 feierlich eröffnet. Daran fchloß fich die Errichtung 
des Rheinifchen Appellationshofes, für deffen Sitz Köln in lebhaftem Wett= 
kämpf den Sieg über Düffeldorf davontrug, unter dem Präfidium von Daniels, 
der damit feinem Wunfche gemäß in feine Vaterftadt zurückkehrte. Nun mußten 
auch die dreizehn kleinen Kreisgerichte zugunftcn der fechs lei(tungsfähigen, 
großen Landgerichte Aachen, Kleve, Coblcnz, Köln, Düffeldorf und Trier ihre 
Pforten fchließen; die gleichfalls beibehaltenen Sondcrverhältniffe des o(t= 
rheinifch=gcmeinrechtlichen Gebietes wurden ähnlich geregelt; und endhch 
erfolgte in den Jahren 1821 — 1823 die vollftändige Reorganifation der Friedens= 
gerichte auf dem geplanten Fuße. Damit war eine Gerichtsverfaffung gc» 



156 IV. E. Landsberg, Das rheinische Recht und die rheinische Gerichtsverfassung d 

fchaffen, die fidi auf die Dauer durdiaus, wcnigftcns in den Grundzügen, be« 
währt hat und deren Ergcbnide, in Sicherheit und Schnelligkeit der Rechts 
sprediung, denn aud» den berechtigten Erwartungen durchaus entfprochen haben. 
Von allen, felbft dem franzöfifchen Recht wenig geneigten Seiten, i(t feitdem 
immer zugegeben worden, daß die rheinifdien Gerichte in der Zuverläffigkeit 
ihrer Rechtspflege fleh durchaus würdig den altpreußifchen gefeilt haben, in 
der Fähigkeit, größere Prozeß=Zahlen rafcher und billiger zu erledigen, aber 
die Segnungen der Mündlidikeit deutlich zum Ausdruck gebracht haben. 

Mündlichkeit und Öffentlichkeit, Staatsanwaltfdiaft und Gcfchworenen= 
gcrichte waren damit denn auch gefiebert, gerade noch bevor, etwa Mitte 1819, 
die fdiarfe Wendung zum Siege der fchrofF(ten Reaktion eintrat, die fich in 
dem Rücktritte der Mini|ter v. Boycn, v. Humboldt und v. Beyme äußerte, 
während Hardenberg fich nur unter Preisgabe feiner Grundfätze im Staats« 
kanzleramt erhielt. Die Leitung der rheinifchen Juftizangelegenheiten wurde 
nun einer befonderen Ju(tiz=Organifationskommiffion übergeben, deren haupt» 
fädilich|tes Mitglied Daniels war und die die focbcn näher gefchilderte Gerichts^ 
Organifation durdiführte. Dagegen ift Daniels an eine reformierende Ubers 
fctzung der franzöfifchen Gefetzbücher, wozu das andere Kommiffionsmitglied, 
der Geheimrat Diederidis, ihn dringend mahnte, nicht einmal herangetreten. 
Diefcn Teil feines eigenen Plans und des ihm erteilten königlichen Auftrages 
hat er, obfchon bekanntlich längft eine wörtliche überfctzung aus feiner Feder, 
aber nur privaten Charakters, umlief, kaltblütig und ungeahndet einfach auf 
Seite gefchoben, offenbar wenig geneigt, um den Lorbeer des Badifchen Staats= 
mannes und Jurijten Friedrich Brauer zu wetteifern. Während deffen hat 
von Beyme, der audi nach der Niederlegung feines Minifteriums mit der Revi= 
fion der Gefamtgefetzgebung betraut blieb, diefe umgekehrt nur allzutreulich 
und fleißig im Sinne der Kabinettsorder vom 19. November 1818 fortgeführt, 
indem er nämlich preußifche und franzöfifche Gefetzbücher Paragraph für 
Paragraph miteinander verglich, fo Aktenberge zufammenfchrieb, aber die Sache 
nicht im mindcften förderte. Indem auf diefe Weife die „Revifion" der preu= 
ßifchen Gefetzgebung fich unabfehbar hinzog, wie fie denn auch nie zu Ende 
kommen follte, ward tatfächlich der „proviforifche" Fortbeftand des franzöfifchen 
bczw. des gemeinen Redits in den Rheinlanden zu einem Definitivum, wenig= 
(tcns fo lange, wie man an der Vorbedingung der Rcvifionsvollendung für feine 
Befeitigung fefthielt; cbenfo vollends der Fortbeftand der franzöfifchen Ge= 
meindevcrfaffung, fo lange man für deren Abänderung bis zur Verfaffungs= 
cinführung zu warten gewillt war. 

Infolgedeffen herrfdite auf diefem Kampfplatze während der Jahre 1819— 
1824 eine Art von WafFenftillftand: das franzöfifche Recht in feinem franzöfifchen 
Wortlaute ift gültig geblieben. Eine Reihe von Sondergefctzen, Notariats» 
Ordnung, Gebührenordnung und dcrgleldien mehr bringen ihm hier nur 
weitere Beftätigung und Durchführung. Nur auf hochpolitifchem Gebiete reißt 
die Kabinettsorder vom 20. Auguft 1819 und erft recht die vom 6. März 1821 

•) Unveröffentlicht in der Gefctz-Sammlung, aber von den Behörden gehandhabt in den 
polizeilichen Demagogen-Verfolgungen, z. B. gegen Arndt und die beiden Brüder Welcker, 
aber auch fpüter wieder gebilligt durch Refkript der Nlinifter von Kamptz und von Brenn 
vom 26, lanuar 1853 und zur Anwendung gebracht in einem Falle felbfl noch 1847, vgl. 
Hanfemannfche Denkfchrlft In den Verhandlungen des 8. rheinifchen Provinziallandtags 
(1846) S. 306. — Ahnlich wirkte auch in der Rheinprovinz der allgemeine Grundfatz des 
prcuffifchen Staatsrechts, wonach Straferkenntniffe fchwcr(ter Art crjt durch königliche Bc» 



n Zweites Kapitel (1824-1830), Angriffe auf das rlieinische Reciit 157 

eine tief und herb empfundene Lüd<e in die Geltung der franzöfifdi=rheinifdien 
Grundfätze, die alle Deliktsverfolgung den Geriditen unterftellten. Es werden 
da alle „Angriffe und Umtriebe" gegen den Herrfdier und gegen die „innere 
Ruhe des Staates'' der rein polizeilidien Unterfudiung und weiterhin für die 
Aburteilung den altpreuBifdien Regeln fowohl in bezug auf materiellreditlidie 
wie in bezug auf prozelJuale Behandlung unterworfen; das heißt, es findet 
dabei Inquifition im böfe(ten Sinne des Wortes, polizeilidi=willkürlidie Ver» 
haftung und Befdilagnahme, unglaublidi harte Strafe bei audi nur „entfernten 
Graden" der Vorbereitung und Aburteilung durdi irgend ein damit zu beauf» 
tragendes preußifdies Geridit (z. B. für Arndt in Bonn Oberlandesgeridit 
Breslau !) nadi den Regeln der Sdiriftlidikeit und Heimlidikeit (tatt. Diefe 
Bejtimmungcn haben im ganzen in der Rheinprovinz nidit eben häufig Anwen» 
düng gefunden, indem alle beteiligten rheinifdien Inflanzen fie möglidifi eng 
auszulegen, im Kampfe nidit feiten mit dem Ju|lizmini(terium, einig gewefen 
fmd, unter Vorangang eines berühmten, von Savigny abgefaßten Erkenntniffes 
des rheinifdien Revifionsgeridits zu Berlin vom 13. Juli 1821. Das hat fldi aber 
fpäter, unter dem Ju(tizmini(terium v. Kamptz, nidit mehr durdiführen la|Ten; 
da wurde die Kabinettsorder vom 6. März 1821 durdi die vom 2. Augujt 1834 
authcntifdi im möglich(t weittragenden Sinne interpretiert und durdi Mini|lerials 
Refkript vom 29. Augult dcsfelben Jahres die Folge gezogen. Und jedenfalls 
haben audi fdion die früheren fcltcnen, aber fenfationellen Anwendungsfälle ^) 
genügt, um den Rheinländern das preußifdie Redit gerade von der denkbar(t 
fdilediten Seite, als ein Werkzeug rüd<(tändiger Polizeiverwaltung, vor Augen 
zu führen, während man fidi mit den Mängeln des franzöfifchen Redits abzu= 
finden gelernt hatte. 

Zweites Kapitel (1824 — 1850). 

Durdi Kabinettsorder vom 9. Dezember 1824 befahl der König, gemäß 
einem Votum des Staatsmini(leriums, „die Einführung der prcußifdien Gefetz» 
gebung, bcfonders der Kriminal=Gerichtsordnung in den Rheinprovinzen von 
dem Refultatc der Revifion des Landrcdits und der Geriditsordnung nidit 
länger abhängig zu madien". Veranlaßt war diefe Order weniger, wie nach 
außen angegeben ward, durdi einzelne Vorkommniffe im rheinifchen Redits= 
leben, als vielmehr durdi die Sorge um die Erhaltung und DurÄführung der 
(taatlidien Zugehörigkeit der Rheinprovinz zu Preußen — eine Sorge, die 
freilich audi zu der gerade entgegengefetzten Politik, einer fdionenden Ge« 
winnung der Rheinländer, führen konnte. Daß es fich aber um diefe Sorge 
handelt, beweift eine eigenhändige Randnote des Königs vom 18. März 1827, 

ftätigung rechtskräftig wurden, indem er ein Gefühl der Kabinettsju(tiz, des monardiifdien 
Eingriffes in die Unabhängigkeit der Gerichte hervorrief; das ift namentlich bekanntlich 
der öffentlichen Meinung auffällig geworden, als in der berühmten Fonkfchen Sache der 
König das von dem Kölner Gefchworenengerichtshofe gefällte Todesurteil (aus übrigens 
fachlidi fehr ernften Gründen) mittels Order vom 18. Juli 1825 durch Verfagung der Bc= 
ftätigung aufhob. 

1) So namentlich der Fall des Uhrmadiers Brux, der, von dem Kgl. Landgericht zu 
Aachen freigefprochen, von dem Kgl, Oberlandesgericht zu Magdeburg auf Grund der 
Akten zu zehnjährigem Zuchthaus wegen Landesverräterei dritter Klaffe verurteilt wurde, 
f. die Hanfemannfche Denkfchrift und die Verhandlungen des 8. rheinifchen Provinzial» 
landtages, S. 305 ff. und andere Fälle ebendafelbft. 



158 IV, E. Landsberg, Das rheinische Recht und die rheinische Gerichtsverfassung d 

die den Ju(tizmini(tcr darauf hinwcilt: „Die rheinifdie Ju(tiz=AngcIcgcnhcit i|l 
in Rüdtfidit der gcographifdicn Lage diefer Provinz eine hodiwiditigc Staats» 
fadie und muß deshalb aus dicfem Gefiditspunkte vorzugsweife bctraditet 
Kl/erden" — fo heißt es da wörtlidi. Damit wird die eifrige Ausführung der 
Order vom 9. Dezember 1824 dem Mini(ter anempfohlen. 

An diefem Eifer mangelte es aber ohnehin nidit, feitdem Graf Dandelmann 
das Minipierium allein innehatte (25. April 1825), während v. Beyme fidi ganz 
zurüdigezogen hatte und Hardenberg ebenfo wie Kirdicifen gcfiorben waren. 
Alt und fdiwadi geworden, hatte diefer letztere fich nodi wenige Tage vor 
feinem Hinfdieiden von feinen Räten (Simon und W, F. Sad<) be(timmcn laffcn, 
in diefer Frage ein Gutaditen zu unterzeidinen, das des Minijters früheren 
Standpunkt ganz verleugnete und fidi entfdiicdcn zugun|ten des rheinifdi» 
franzöfifdien Redits ausfpradi. Dandelmann aber hatte, kaum an feine Stelle 
getreten, diefes Gutaditen fofort zurüdigezogen und den Betrieb der Sache in 
die Hand von v, Kamptz gelegt, der zu ihm aus dem Polizeiminifterium als 
Mini(terialdirektor übergetreten war. Sie konnte nicht in eifrigerer und ge= 
fdiickterer Hand liegen, als bei dem wilden Dcmagogenverfolgcr und Haffer aller 
rhcinifch=hberalen Dinge; fic konnte aber audi in keiner Hand liegen, die fie 
ärger bei allen befonnener und vornehmer Denkenden diskreditiert hätte. 

Denn das war jetzt nadi der anderen Seite hin der große Unterfdiied gegen 
die Lage um 1815/1816; wenn damals die Abwehr gegen die Einführung der 
preußifchen Gefetzgebung von der Zentrale felblt angeregt worden war, nament» 
lidi von Hardenberg und Eidihorn, fo war jetzt frcilidi in Berlin, an den oberften 
Stellen keine folche Reibung mehr zu befürchten, aber um fo entfdiiedener 
war Widerjtand von rheinifdier Seite her zu erwarten. 

Hier hatten fidi nämlidi inzwifdien die Dinge mäditig geändert: eineöffent» 
lidie Meinung hatte fidi gebildet und in dem Provinziallandtage ihr ver« 
faffungsmäßiges Organ erhalten. 

Wohl nodi bedeutfamer als durdi ihre eigcntlidien Arbeiten hatte die Im» 
mediat=Ju(tiz=Kommifnon mittelbar gewirkt, indem fie zur Bildung diefer öfFent« 
liehen Meinung die er(te Anregung und den Brennpunkt abgegeben hatte. 
Sic hatte felb(t, gewiffermaßen offiziell, die Vorzüge des franzöfifdien Redits 
anerkannt; fie hatte aber audi von überallher, von Juriften und Laien, Erkun- 
digungen und Gutaditen eingezogen; im Anfdiluß daran war eine ganze Lite- 
ratur von Flugfchriften und größeren Arbeiten entftanden, namentlich aber, 
von der Kommiffion felbft gefördert, das „Niedcrrhcinifdie Ardiiv für Gefctz" 
gebung, Rechtswiffenfchaft und Rechtspflege" (Hauptherausgeber G.v. Sandt, 
fpätcr fortgefetzt unter dem bekannter gewordenen Titel „Ardiiv für das Zivil« 
und Kriminalrecht der königlich preußifchen Rheinprovinzen"), das von überall» 
her Beiträge und Belege zugunften des rheinifdicfranzöfifchcn Rechts und 
Verfahrens zufammenzutragen nidit müde wurde, aud» cntgcgengcfetztcn An» 
fchauungcn eine lebhafte und wirkfame Anti» Kritik entgegenfetzte. Und dabei 
Pellte fleh dann doch auch, [trcng fachlich betrachtet, eine entfchiedenc Über« 
legenheit des fremden, aber nunmehr mit Liebe adoptierten Rechtes heraus; 
felbft folche Autoren, die ihm kühl und zurückhaltend entgegentraten, mußten, 
fofcrn (le nicht aus Parteieifer, fondern wiffcnfchaftlich oder zum wahren Beften 
der Provinz praktifch arbeiteten, feine viclfadic Überlegenheit anerkennen, wie 
z. B. der Bonner Profeffor HcflFtcr und der Koblenzer Ober-Prokurator Augu(l 
Lombard. VX/citcren Kreifen des Volkes aber crfchien nun diefes rheinifche 



D Zweites Kapitel (1824—1830), Stimmung in der Provinz 159 

Rcdit als ein Palladium, als ein Kleinod, gegenüber der Invafion preußifch* 
reaktionärer Polizei* und Verwaltungsmaßregcln. Es ifi hier nidit der Ort, die 
Quellen und Entwicklungs(tufen des Vorganges zu unterfudien, durdi den den 
Rheinländern das Preußentum, das man zunädip: freudig als Befreiung vom 
napoleonifchen Jodi begrüßt hatte, pcinlidi bis zur Verärgerung geworden war; 
aber die allgemein bekannte und anerkannte Tatfadic kann auÄ hier nicht über* 
gangen werden, da diefer Gegenfatz zu einer mitunter geradezu blinden Vor- 
liebe für das rheinifdi=franzöfifdie Redit geführt hat. In Stadt und Land, unter 
Induflriellen und Kaufleuten, bei Jurilten und Laien bildete fidi unter diefen 
Umß:änden eine Abneigung gegen das preußifdie Redit und eine Anhänglidikcit 
an das rheinifdiafranzöfifdie Redit heraus, weldie von fadilidien Gründen viel« 
fach ganz abfah und in jedem gefetzgcberifchcn Eingriff eine Sdiädigung erblickte. 
Wenn einzig einzelne Adelskrcife die entgegengefetzte Anfdiauung vertraten, 
nadidem dem Adel durch Kabinettsorder vom 26. Januar 1826 Titel, Prädikate 
und Wappen wiederverliehen, durch die vom 25. Februar desfelben Jahres 
aber gar, gegen den fundamentalen franzöfifchrechtlichen Grundfatz, die Mögliche 
keit zur Begründung von Familien» Fideikommiflcn wieder eingeräumt worden 
war, fo galt das der liberalsbürgerlich gcfmnten, großen und gcfdiloITenen 
MaJTe der Rheinländer eher als eine Beftätigung ihres Urteils oder Vorurteils. 
Dabei mochte viel Töridites und Gehäffiges mitunterlaufen; im großen und 
ganzen war man aber delTcn fich fehr wohl bewußt, daß man für die Sadie der 
Kultur und des Fortfehritts eintrat, im Einklang mit den gcfamtnationalen 
Strebungen Deutfdilands, zum Tro(te gegenüber den Vorwürfen der Franzöfelei, 
die man fich von der anderen Seite gefallen laffen mußte. Das war die Ge« 
finnung in den Rheinlanden, die auch in Berlin durchaus bekannt war und mit 
der man dort redinen mußte; an eine fo glatte Erledigung, wie in anderen 
Gegenden, wie namentlidi im Herzogtum We|tfalen, für das gleichzeitig die 
Sadie ganz im geplanten Sinne durch das Gcfctz vom 21. Juni 1825 geregelt 
wurde, war daher nicht zu denken. 

Umfowenigcr, als feit 1816 die Dinge verfaffungsmäßig fich geändert 
hatten; eine einfach kabinettsmäßige Oktroyierung des preußifchen Redits war 
nun doch unmöglidi geworden; denn die Rheinprovinz befaß (feit dem Gefetze 
vom 5. Juni 1823) ihre Provinzialftände, deren er(te Verfammlung nunmehr, 
für 1826, bevorftand. Sie mußten doch mindcjtens, wenn (le audi nur Wünfche 
äußern durften, zur Sadie gehört werden. Um da dem zu erwartenden jtarken 
Widcrfprudi zuvorzukommen, entfdiloß man ßch in Berlin, einerfeits für die 
Einführungsverordnung Vorbehalte noch über den Rahmen des Gefetzes vom 
21. Juni 1825 hinaus zuzulaffen, während fon{l diefes Gefetz auch für die Rhein* 
provinz als Ausgangspunkt genommen wurde; anderfeits aber die Hauptfrage 
zu umgehen, indem man den ganzen Plan dem Provinziallandtage als {z[U 
(tehend ankündigte und ihn nur aufforderte, zur näheren Erörterung jener 
Vorbehalte in eine Spezialkommiffion (fog. Revifionskommiffion) nadi Berlin 
vier Abgeordnete zu entfenden, nämlich zwei aus den beiden erften Ständen 
und je einen aus den beiden Ständen der Städte und Landgemeinden. Diefe 
Abgeordneten innerhalb diefer Kommiffion, nidit der Landtag in pleno, 
foUten dann Wünfche vorbringen; und (le follten fo weit Beaditung finden, 
wie fie, ohne gegen das „quoad materiam et formam fefiftehende Prinzip der 
Gefamteinführung des preußifdien Rechts und der Gefamtaufhebung des 
franzöfifdien Rechts" zu verftoßen, foldie Modifikationen vorlegen würden. 



160 IV. E. Landsberg, Das rheinische Recht und die rheinische Gerichtsverfassung a 

„die aus provinziellen oder LokalverhältnilTen oder aus fon(tigen individuellen 
Eigentümlidikeiten der Rheinprovinz als notwendig oder nützlidi fidi ergeben" 
würden. (So formuliert in dem grundlegenden Danckelmannfdicn Votum 
vom 2. Augu(t 1825). Dabei war als Einführungstermin bereits der 1. Januar 
1827, an deffcn Stelle einfichtiger das Gefamtminifterium den 1. Januar 1828 
fetzte, genannt und ein inhaltlidi ähnlidies, aber befonderes Einführungspatent 
für den oftrheinifdien Teil des Koblenzer Bezirks (Juftizfenat Ehrenbreitftein) 
ins Auge gefaßt; während in ganz ähnlidier Weife gleidizeitig der Minifter des 
Innern, v. Sdiuckmann, die Befeitigung der franzöfifdien Gemeindeordnung 
und ihren Erfatz durdi eine neue Städte* und eine Landgemeindeordnung vors 
bereitete. Dementfprediend erging an den Provinziallandtag, betreffend 
die Einführung der preußifdien Gefetzgebung, durdi Dekret vom 21. Oktober 
1826, die zwölfte der von ihm zu erledigenden „Propofitionen". 

Wenn man aber angenommen hatte, daß demgemäß die Sadie glatt ab« 
laufen und der Landtag fidi auf die Wahl feiner Deputierten ohne eigene Äußerung 
vorfdiriftsgemäß befdiränken würde, fo hatte man fidi gründlidi geirrt. Dazu 
war die Erregung, die das allgemeine Publikum mit der Kunde von jener ge= 
planten Verordnung der Gefetzgebung ergriffen und zu einem Petitionsfturm 
angcfadit hatte, viel zu fehr audi auf diefc Vcrfammlung, trotz Ausfdiluffcs 
der Öffentlichkeit und ftändifcher Zufammenfetzung, übergegangen. Und 
welche politifdic Verfammlung konnte es fidi überhaupt entgehen laffcn, 
Stellung zu nehmen zu derjenigen der ihr vorgelegten Propofitionen, die ihr 
felb(t als die „widitigfte und folgenreidifte" erfdiien? Dazu trat, daß der Land» 
tagsmarfchall damals, bei der erften derartigen Gelegenheit, offenbar noch nicht 
fo gründlidi auf die Gefchäftsordnungs=lVlaßregeln vorbereitet war, deren man 
fich fpäter, in der vormärzlidien Zeit, gern bedient hat, um die oppofitionelle 
Majorität des rheinifchen Provinziallandtages mundtot zu madien. Und fo kam 
es denn zu ausführlichen Debatten und Anträgen, über die der Oberpräfi» 
dent von Ingersleben forgenvoll nach Berlin beriditet, es habe fidi ein „leiden» 
fdiaftlichcr Zwicfpalt" herausgebildet, der mangels fofortiger Unterdrückung 
„die Beratungen zu wahren Parteidisputen herabwürdigte". Auf der einen 
Seite {tanden, als gefdiloffene Minorität, der ganze erfte Stand (d. h. zwei 
Standesherrn, der Landtagsmarfdiall Fürft Wied felbft und Prinz Bernhard 
von Solms=Braunfels) und etwa vier Fünftel des zweiten Standes (d. h. fieben 
Grafen, elf Freiherrn und drei einfache Adelige); auf der anderen Seite der 
dritte und vierte Stand „fa(t ein(timmig" (fo Ingerslebens eigener Bericht) und 
ein Fünftel des zweiten Standes, im ganzen 23 gegen 56 Stimmen. Mit diefem 
Stimmenvcrhältniffe wurde namentlich befchloffen, zu bitten, daß die Ein» 
führung des preußifchen Redits, behufs Vermeidung eines abermaligen Provi= 
foriums, mindcftcns bis nach dcffcn allgemeiner Revifion aufgcfchobcn werde. 
Außerdem aber wurden durch ßiarke Mehrheitsbcfchlüffc noch Einzelwünfche, 
u. a. gegen den privilegierten Gerichtsftand, zugunften des rheinifchen Nota> 
riats und Gerichtsvollftredter-Wefens, zugunjten der Öffentlichkeit und Münd- 
lichkeit in Zivil« und Strafverfahren, auch zugunften der Erhaltung der Ge» 
fchworenengerichtsbarkcit und der Fricdcnsgcrichte (cinfchlicßlich der Leitung 
des Familienrats) fowie endlich cinftimmig für Erhaltung der Handelsgerichte 
fc(^gclcgt. Auf diefe Verhandlungsergebniffc gcftützt, konnten die beiden 
Abgeordneten des dritten und vierten Standes, der Rechtsanwalt Dr. Bracht 
zu Bllk bei Düffeldorf und der Fabrikherr und Kaufmann Kamp zu Elberfeld, 



D Zweites Kapitel (1824-1830), Provinziallandtag von 1826 161 

gctrolt zu der Tagung der Rcvifionskommifflon Ende April 1827 nadi Berlin 
abreifen. Traten ihnen audi an Zahl gleidi die beiden Abgeordneten der erjtcn 
Stände, der gegen das franzöfifdie Recht von geradezu fanatifdiem Haß erfüllte 
Freiherr von Mirbadi zu Harff und der wefentlidi gemäßigtere Freiherr 
V. Bodelfdiwingh=Plettcnberg zu Geretzhaufen, gegenüber, fo ßiand es nun dodi 
fe(t, daß jene zwei bürgerlidien Männer die nadi Zahl, Befitz, Regfamkeit 
und Leiflungsfähigkeit weitaus überragende Maffe der Rheinprovinz hinter 
fich hatten. Und fie waren bereit und fähig, für ihre Aufgabe fidi mit aller 
Gewandtheit und Entfdiiedenheit, ja felb(i nicht ohne diplomatifche Feinheit 
einzufetzen. 

Es handelte {\d\ dabei im Schöße der Kommifflon um ein Doppeltes. 
Einmal darum, über die ausdrücklich durdi den königlichen Willen gezogene 
formale Grenze hinwegzukommen, wonach die Kommiffion nur untergeordnete 
Einzelheiten zu behandeln hatte, die großen prinzipiellen Fragen aber als 
bereits entfchieden im Sinne der fofortigen Einführung des preußifchen Rechts 
anfehen foUte; und ferner fachlich darum, die vieldeutigen Ausdrücke des 
Propofitionsdekretes, namentlich die Wörter „individuelle Eigentümlichkeiten 
der Rheinprovinz", fo ausdehnend auszulegen, daß fchließlidi die Geltung des 
ganzen rhcinifchsfranzöfifchen Rechts als derartige Eigcntümlidikeit in Anfprudi 
genommen werden konnte. Beides haben Kamp und Bradit mit nie erlahmendem 
Eifer, gegen die Gefchäftsführung des Präfidenten und gegen die entrüfiete 
Abwehr der beiden Freiherren, die ihrerfeits einzelne Adelswünfdic vorbraditen. 
Immer wieder unternommen ; und fie haben dabei, auffallender Weife, bei allen 
anderen Komiffionsmitgliedcrn folche Unterfliützung gefunden, daß fie damit 
die Majorität erzielten. Und zwar, obfchon diefe anderen Mitglieder aus> 
fchließlich von der Regierung berufene hohe Jujlizbeamte, auch ausfdiließlidi 
Altpreußen von Geburt waren: Der Geh. Oberrevifionsrat, Oberlandesgeridits» 
Vizepräfidcnt Mühler in Breslau, der fpätcre Minijter, der fdion damals von 
den Vorzügen der Mündlichkeit und Öffentlichkeit im Zivil= und Strafprozeß 
offenbar überzeugt war; der Chef-Präfident des Oberlandesgerichts In(terburg, 
Böttidicr; der Präfident des Landgeridits zu Köln, Oswald, und der Koblenzer 
Oberprokurator Lombard. So nutzte es nichts, daß Fifchenich und Simon, als 
zu Gunften des rheinifchen Rechts partciifdi, der Kommifflon abfichtlidi fern» 
gehalten worden waren; es nutzte nichts, daß der Minifter immer wieder Be» 
fchränkung auf Einzelwünfche vorfdirieb; ihr Majoritätsergebnis, zufammen» 
gefaßt in dem Schlußbericht vom 20. November 1827, entfpricht durdiweg 
in allen Punkten den Wünfchen des er(ten rheinifchen Provinziallandtages. 

Mag fein, daß Dankelmann und Kamptz dadurdi nicht erfdiüttcrt worden 
wären; aber Bracht und Kamp hatten außerdem auch verftanden, das Ohr des 
Königs unmittelbar zu gewinnen, namentlich mit der unmittelbar an fein landes» 
väterliches Herz appellierenden Bitte (Bittfdirift vom 25. Oktober 1827), „daß 
CS Eurer Königlidfien Maje(tät gefallen möge, die Einführung der preußifchen 
Gcfetze in die Rheinprovinz bis dahin zu verfdiieben, wo foldie revidiert fein 
werden, und die Provinz mit einem Proviforium zu verfdionen, deffen 
gewiffe Naditeile bei dem feit jo Jahren mehrmals (lattgefundenen Wedifel der 
Gefetzgebung nur allzuoft und allzutief empfunden worden fmd''. Und darauf 
antwortet der Herrfdier, der eben nodi, im Landtagsabfdiiede vom 13. Juli 1827, 
die Provinzial(tände fajt fchroff durch bloßen Hinweis auf das Propofitionsdekrct 
vom 21. Oktober 1826 bcfchieden und namentlidi die Veröffentlidiung der ein« 

Die Rheinprovinz 181 5 — 191 5. 11 



162 IV. E. Landsberg, Das rheinische Recht und die rheinische Gerichtsverfassung a 

fchlägigcn Verhandlungen und Abftimmungcn in einzelnen Blättern ungnädig 
vermerkt hatte, nunmehr aufs wohlwollendfte, wobei er fidi fogar (5. No» 
vcmber 1827) zu der Zufage bewegen läßt: „Was Ihren Antrag betrifit, die 
Einführung der preußifdien Gefetze in die Rheinprovinz bis zur vollendeten 
Revifion zu verfdiieben, fo können Sie vertrauen, daß Idi diefe Einführung 
nidit befehlen werde, folange ein für die Provinz als naditeilig zu erachtendes 
Proviforium dadurdi herbeigeführt werden würde." 

Das i[t allerdings, wenn man ganz genau zufieht, fa(t nichtsfagend ; denn 
CS behält fidi ja wohl der König danadi die Prüfung gerade der Hauptfrage 
immer nodi vor, ob nämlidi gerade dasjenige Proviforium, das dcmnächft 
vor vollendeter Revifion eingeführt werden foll, als naditeilig zu eraditen ifl. 
So war es denn wohl audi gemeint, wie fich fdion daraus ergibt, daß die ganze 
Aktion, die zu einem foldien Proviforium führen follte, nun in Berlin keines« 
wegs cingeftellt wird, fondern, wennfdion in etwas verlangfamtem Tempo, fort» 
geführt wird ; fo erklärt fidi denn audi, daß Mirbadi auf feine Gegenvorftcllung 
feinerfeits (3. Dezember 1827) dahin befchicden werden konnte, „daß der den 
beiden anderen Abgeordneten gegebene Befdieid nidit auf Verfdiiebung der 
Einführung der prcußifdien Gefetze bis zur Vollendung der Revifion gedeutet 
werden könne, fondern daß vielmehr nur die Verhütung eines der Provinz 
naditeiligen Proviforiums zugefidiert worden fei". Gewiß, fo ließ es fidi ver(tehen; 
aber konnte man den Rheinländern übelnehmen, wenn fie es fo nidit verftehcn 
wollten? Wenn fie ein Königswort eben nidit als niditsfagend fich hinwegdeuten 
laffen wollten? Und dafür, daß diefes Wort fofort in der ganzen Rheinprovinz 
bekannt wurde, die es mit lautem Jubel aufnahm, hatten natürlich Kamp und 
Bracht umgehend geforgt. Mochte nun felbft der hinkende Bote nadifolgen und 
eine formale offizielle Beftätigung ausbleiben — innerlich war die Autorität des 
Regierungsvorfchlages unwiderruflich durch diefe Vorgänge gebrochen. 

Dazu kam, daß fich auch eine Reihe fonftiger Gutachten, die von der Re- 
gierung eingefordert worden waren und die teils fchon 1825, teils bis zum Früh» 
jähr 1827 eingelaufen waren, ganz im Sinne der Kommiffionsmajorität ausa 
gefprochen hatten. Befonders die beiden Gutachten eines hervorragenden 
Juriften, des früheren Kölner Generalprokurators, jetzigen dortigen Regierungs= 
präfidenten Ruppenthal, die fidi gefondcrt auf die oftrheinifdien Teile des 
Regierungsbezirks Koblenz (Beridit vom 7. April 1825) und auf die franzöfifdi» 
rcditlichcn Lande bezogen. Sogar für jenes gemeinrechtliche Gebiet, für das 
doch anerkanntermaßen die proze(Tualen Verhältniffe fich wenig erfreulich geftaltet 
hatten, weift da Ruppenthal das preußifche Recht, fo wie es heute liege, ent» 
fchieden zurück, indem er fchonungslos deffen Mängel, Unklarheiten, Verworren« 
hciten, Selbftwiderfprüche und Rückftändigkeiten aufdeckt, aber auch im allge» 
meinen vor der formalen Rechtseinheitsidee als einem inhaltlich nur fchäd» 
liehen Einförmigkcitsftrcben, mit ganz romantifcher Begründung warnt. Danach 
kann man [Ich vollends vor(tellen, wie die Gutachten von Daniels, der diefe 
Dinge eben noch erlebte ^), und von Ruppenthal für das franzöfifchrcchtlidic 
Gebiet ausfielen. ^slamentIich aber erhoben nun auch die rheinifchcn Handelsa 
kammern, die Ruppenthal in Dandelmanns Auftrag um fchleunige Äußerung 
über den Gefetzcsanderungsplan in bezug auf das Handelsrecht crfucht hatte, 
ihre warnende Stimme. Am gründlichften und ausführlich(^en die zu Koblenz, 

*) Gc(iorben zu Köln am 28. März 1827. 



G Zweites Kapitel (1824—1830), Verhandlungen in Berlin 163 

für die ihr Präfidcnt Pfendcr („der zwei Jahre als Riditer und dreizehn Jahre 
als Präfident fungiert", fetzte er feiner Unterfchrift hinzu) das Wort führte. 
In klaffifcher Darftellung weift er darauf hin, wie die ganze Blüte des rheinifdien 
Handels und Gewerbes mit den Grundfätzen des Code de commerce ftehe und 
falle, während Handels=, Wedifel= und Konkursred^t des preußifchen Land= 
rechts fich nur daher erklären laffen, daß bei feiner Emanation der Gefetzgeber 
in Altpreußen „Handel und Manufakturftand nod» auf den Stufen der Kindheit 
fand". „Soll daher die durdi die bisherige Gefetzgcbung fo hodi begünftigte, 
während der letzten 20 Jahre in den Rheinprovinzen begründete, früher nie 
gekannte hohe Regfamkeit im Verkehr aller Volksklaffen, vorzüglidi in Handel 
und Manufakturen mit dem Auslande, und der dadurdi erzielte Wohlftand nidit 
allmählich wieder dahinwelken, dann muffen wir bitten, daß in dem künftigen 
Handelsgefctzbuche die bisher im Rheinlande geltenden Rechtsgrundfätzc fe(t= 
gehalten würden." Daran fchließt fich dann, immer wieder, mit bcfonders 
beredten Worten hier vorgetragen, die flehentliche Bitte gegen Auferlegung 
eines abermaligen, „verderblichen" Gcfctzesproviforiums im allgemeinen. 

Trotzdem kam es nun noch zur Abfaffung eines Einführungspatentes durch 
Sadi, der es mit Votum vom 27. Januar 1828 dem Minifterium vorlegte und 
dabei fleh felb(t noch für Beibehaltung des Forum exemtum und der Prügeljtrafe 
ausfprach, letzteres fdion deshalb, weil diefe Strafe bei Übertragung des preu» 
ßifdien Rechtes auf die Rheinprovinz ausnehmen, heißen würde, die Bewohner 
diefer Provinz als „in Hinficht auf Bildung und Ehrgefühl höherftehend" denn 
die übrigen Untertanen anerkennen ! Nachdem dann nodi über all dies zwifdien 
Ruppenthal und Sack Bemerkungen und Gegenbemerkungen ausgetaufcht 
worden waren, auch der Finanzminifter von IViotz ein Separatvotum zu Gun(ten 
des beftehenden Rechtszujtandes, auf dem der blühende Zuftand des dortigen 
Handels wefentlich beruhe, eingereidit hatte, fand die entfcheidende Sitzung 
des Staatsminifteriums unter Anwefenheit des Kronprinzen am 5. März 1828 
(tatt. In ihr fand man, zwifchcn allen dicfen Gegenfätzen und Bedenken, den 
Ausweg, daß man auf die baldige Vollendung, etwa binnen zwei Jahren, der 
Revifion folgender Gefetze flcher zählen könne: nämlich der Gerichtsordnung, 
der Hypothekenordnung, des Kriminalredits, der Kriminalordnung und der 
drei erß:cn Titel des zweiten Teiles des Allgemeinen Landredits. Daher könne 
die Einführung diefer Gefetzesbe(tandteile in der Rheinprovinz bis nach voll= 
endeter Revifion verfchoben werden; der Re|t des Allgemeinen Landrechts 
aber fei, unter den der Eigentümlichkeit der Rheinprovinz entfprechenden 
geringeren Modifikationen'), fofort dorthin zu übertragen; von alledem feien 
die Provinzial(tändc, bei ihrer bevorftehenden zweiten Tagung, zu verjtändigen 
und über einzelne folcher Modifikationsmöglichkeiten zu hören. Da diefes Pro» 
gramm dem Könige immer noch zu beltimmt zukünftige Entwicklungen fejts 
zulegen fchien, er es vielmehr in redit bezeichnender Weife perfönlich für 
wünfchenswert hielt, fich etwas freiere Hand vorzubehalten, fo wurde es noch 
in diefcm Sinne leicht umge^ialtet, bevor es durdi königlidics Propofitionsdekret 
vom 20. April 1828 den Ständen überwiefen wurde. 

Von diefcn wurde das Erreidite natürlich mit lebhaftem Dank anerkannt, 
zugleich aber aufs neue gebeten, doch audi jenen Re(tbc(tand des Allgemeinen 
Landrechts erlt nadi dcffcn Revifion, unter Abßiand von jedem Proviforium, in 

•) Davon fanden 12 nach dem Vorfchlage der Kommiffion Annahme und wurden im 

allgemeinen auch von dem 2. Provinziallandtage ratifiziert. 

11* 



164 IV. E. Landsberg, Das rheinische Recht und die rheinische Gerichtsverfassung a 

die Rheinprovinz überführen zu wollen, ein Befdiluß, der nun mit übcrwäl» 
tigcndcr Mehrheit (70 von 79 Stimmen) gefaßt wurde und dem dann nodi, mit 
Einftimmigkeit, auf Antrag MerkenssKöln^), die befondere Bitte gefeilt wurde, 
in die Neugefetzgebung für die Rheinlande jedenfalls den ganzen dort geltenden 
Handelskodex einfadi übernehmen zu wollen. Indem ähnliche Bitten von 
dem dritten Provinziallandtage^) wiederholt, durdi die Landtagsabfchiede aber 
(vom 15. Juli 1829 und vom 30. Oktober 1832) nur ausweichend beantwortet 
wurden, ging für diefes Mal die Angelegenheit ohne fefte Entfcheidung über 
die nidit refervierten Abfdinitte des Landredits aus, aber audi ohne daß irgend 
etwas pofitiv zur Einführung des preußifchen Rechts durdigefetzt worden wäre. 
Immerhin war der allgemeine Eindrud< der Rheinprovinz wohl der, daß der 
König, gemäß der natürlidi=unbefangencn Deutung des den bürgerlidien 
Deputierten gegebenen Wortes, fdiließlidi jedes Proviforium von der Rhein« 
provinz abzuhalten wifien werde, während man allerdings, wenn die Revifion 
zu Ende geführt fein werde, deren Ergebnide werde annehmen müflen. Bis 
dahin modite nodi viel Zeit vergehen, jedenfalls viel längere Zeit, als das Mini* 
flerium 1828 angenommen hatte; einß:weilcn arbeiteten Richter und Rechts« 
anwälte, Staatsanwälte und Notare mit Luft und Liebe an dem weiteren Aus» 
bau eines rheinifdisfranzöfifchcn Redits auf der gegebenen Grundlage, im 
nahen Anfd^lufle an die Bedürfniffc des praktischen Reditslebens und in rechts« 
fortgeftaltendcr Freiheit, die ihnen den Mangel reditsreformierender Gefetz» 
gebung wenigltens auf dem Gebiete des bürgerlidien Redits und des Prozeffes volU 
(tändig erfetzte. Namentlich erwies fich das „Rheinifdie Archiv" auch auf die Dauer 
als ein geeigneter Sammelplatz zur Aufnahme und Änderung der Ergebniffe diefer 
rheinifchen „Jurisprudenz". Alks das trug mäditig dazu bei, in diefen Jahren 
reicher friedlidier Entwid<lung das urfprünglich fremde, von feinem natürlichen 
Tieimatsboden losgelöjte Rcdit in den neuen Nährboden fe(i zu verwurzeln. 

Das zeigte fich denn auch gegenüber den gleidizeitigen Plänen der Regierung, 
das Gcmeindewefen neu zu regeln. Gewiß hätte man fachlich durdi Übernahme 
einer Städteordnung, die der Steinfchen auch nur in rückwärts=rcvidierter Form 
(vergl. die preußifdie Revifion von 1831) entfprach, gegenüber der franzöfifchen 
Maireverfaffung entfchieden gewonnen, auch im Sinne gerade des Liberalismus; 
und gewiß bemühte {id\ auch die Regierung, daneben den Wünfchen der Provinz 
bei der Gemeindeordnung für das platte Land entgegenzukommen. Aber die 
Rheinländer felbft bemerkten bei alledem bloß, daß Stadt und Land im Gegenfatze 
zu der franzöfifdien Gleichförmigkeit verfdiieden behandelt werden follten, daß 
damit eine ihnen fremdartige, an feudale Verhältnifle erinnernde Untcrfcheidung 
gefchaffen und ein Keil in die Einheitlichkeit der beiden „unteren Stände" und 
ihres Rechts getrieben werden würde. Auch hier war die Oppofition eine fo leb« 
hafte, daß die Regierung ihre Entwürfe zurüdtfdiob, ohne fic auch nur, wie der 
Landtagsabfchied vom 13. Juli 1827 es noch ins Auge gefaßt hatte, den beiden 
folgenden Landtagen vorgelegt zu haben. 

*) Eine dahin zielende Denkfchrift der Handelskammer Köln war von Merkens fchon 
am 6. Dezember 1826 den Ständen vorgetragen worden. 

•) Die beiden betreffenden Bcfchlüffc gefaßt mit 60 bczw. 61 gegen 14 bezvc. 15 Stim- 
men; die Minderheit befteht >x'ieder ausfchlienlich aus Adeligen; bef. das Separat-Votum 
von Solms'Braunfels verlangt ,,deutfches Recht in deutfchcn Landen gelten zu fchen, an 
Stelle der bis jetzt noch in Kraft beliebenden franzöfifchen Rechte, Uberbleibfel einer ver« 
hafttcn Zwangsherrfchaft und einer grauenvollen Revolution, deren Prinzipien diefe Gefetz« 
fCDung mehr oder minder huldigt". 



D Drittes Kapitel (1831 — 1839), Justizminister v. Kamptz 165 

Drittes Kapitel (1831 — 1859). 

Am 29. November 1830 (tarb Dand<elmann. Nach feinem Tode wurde 
das Ju(tizmini(terium wieder gefpaltcn. Die Verwaltung der laufenden Ana 
gclcgcnheiten erhielt Mühler, aber mit Ausnahme der rheinifdien; dicfe und 
alle Gcfetzgebungsarbeiten wurden feinem Mitminijter, dem traurigen Unglüdis« 
mann von Kamptz, unterftellt. Man durfte erwarten, daß diefer von dicfer Ver» 
bindung den entfdiiedenltcn Gebraudi behufs Vertilgung des franzöfifdien 
Redits und Einführung des altpreußifdien Redits in die Rheinprovinz madien 
werde, und daß ihm dafür jedes Mittel redit fein werde. So ilt es denn audi 
gekommen; zum dritten und letzten Male, mit größtem Eifer und bedrohlidifter 
Klugheit, i(t diefer Verfudi in diefer Periode gemadit worden, um abermals, 
zum Teil an der überfdilauheit des Miniftcrs felbft, zu fdieitern. 

Zunädift hat es audi in diefen Jahren nidit an Bcftrebungen gefehlt, das 
preußifdie Redit, und zwar mindeftens die nicht zurüd<ge[tellten Teile des Land« 
rechts, nodi vor vollendeter Revifion in die Rheinlande aufzunehmen, fdion um 
die Revifion und ihr Tempo davon unabhängig zu madien, um einerfeits für letztere 
ruhige Uberlegungszeit zu gewinnen, anderfeits dann aber doch zu vermeiden, 
daß „die doch fo fehr wünfdienswertc Verfchmelzung der Rheinprovinz mit 
den älteren Provinzen der Monarchie nodi lange nicht crrcidit und nodi viele 
Jahre hindurch eine Sdieidewand zwifchcn den Untertanen jener Provinz und 
den Untertanen der älteren Provinzen unterhalten werde". So wurde die 
preußifdie Kriminalordnung kurzerhand fchon am 11. Oktober 1831 in die 
gemeinreditlichen Gebiete von Koblenz reditsrheinifdi eingeführt, wobei der 
Juflizfenat Ehrenbreitftein zugleich unter das Hofgericht Arnsberg (tatt unter 
den Kölner Appellhof ge(tellt wurde. So wurde aber audi ferner für den Haupt= 
teil der Provinz von v. Kamptz im November 1831 ein Plan angeregt, der zu 
einem Vorfchlage des Kronprinzen in der Minifterialfitzung vom 26. März 1833 
führte. Er ging dahin, vor allem das materielle preußifdie Recht mit geringen 
Modifikationen jetzt fdion an den Rhein zu übertragen, wenn man audi der 
dortigen Bevölkerung die dort geltenden formellen Gefetze (d. h. wohl Vcr» 
fahren), worauf fie befondercn Wert lege, vorerjt nodi belaffen wolle. 

Wie man fieht, fdiwebten dabei offenbar dem Kronprinzen die Befchlüffc 
von 1828 vor, an deren Durdiführung er fefthalten wollte. Allein wenn ihm 
nun Kamptz in jener März=Sitzung antwortete, in diefem Sinne werde auch 
die Sadie gehandhabt, fo entfpradi das dodi nur teilweife den weiter angelegten 
Plänen des Minifters. Diefe gingen vielmehr, wie aus feinem Briefe an Vcr» 
traute und einem Beridit an den König vom 29. Augujt 1837 hervorgeht, und 
wie es zu allem, was wirklidi gefchah, durdiaus (timmt, auf ein ganz anderes 
Verfahren. Zunädift follte ein „Provinzialredit" der Rheinprovinz, getrennt 
für die Gebiete des franzöfifdicn und des gemeinen Rechts, zufammcngeftellt 
werden — wobei in dunkel=doppelfinniger Weife unter „Provinzialredit" bald 
von V. Kamptz bloß verftanden wird die Summe alter, aus vorfranzöfifdier Zeit 
(lammender, nodi lebendig gebliebener lokaler Reditsgewohnheiten, die für 
die linke Rheinfeite minimal war, bald vorgegeben wird, daß darunter zu 
verßiehen fei die Summe der franzöfifdirechtlidien, der Rheinprovinz teuer 
gewordenen Prinzipien, foweit fic mit der veränderten öffcntlidien VerfafTung 
vereinbar feien, unter Zufügung des Verfpredicns, daß man bei der Aufnahme 
diefer Prinzipien den Rheinländern „mit der größten Willfährigkeit, Bereit» 



166 IV. E. Landsberg, Das rheinische Recht und die rheinische Gerichtsverfassung n 

Willigkeit und Liberalität'' entgegenkommen werde. Dann follten diefe Pro» 
vinzialredite und fubfidiär hinter ihnen, wie es dc(Ten eigenen Beftimmungen 
cntfpradi, das Preußifdie Allgemeine Landrecht zuer(t oftrheinifdi, dann wcß:» 
rheinifdi eingeführt werden. Gleichzeitig aber gedadite v. Kamptz audi die 
Gefctzesrcvifion, wie es denn auch tatfächlidi von ihm in erheblichem Maße 
durchgeführt worden ift, fo entfdiieden und rüftig zu fördern, daß durch ihre 
Vollendung den Rheinländern die bisherige Zuflucht, die Berufung auf die 
Proviforiumsfchcu, genommen werden, Auffdiub „bis nach vollendeter 
Revifion" nidit mehr Auffdiub ad calendas graecas fein würde. Befondcrs ein 
neues Strafgefetzbudi und ferner neue Gefetze über Geriditsverfaffung, über 
Zivils und Strafverfahren, fowie über Wechfclrcdit und Wech fei verfahren 
hoffte er für ganz Preußen entfdiieden noch unter feinem Minifterium fertig» 
(lellen, die Rhcinlande damit beglücken und die Reditscinheit fowcit durch» 
führen zu können. Wenn man bedenkt, daß ihm das rheinifchc Verfahren und 
die Grundfätze der Offentlidikeit und Mündlidikeit, die er als nur für das 
Kindesalter der Völker und des Rechts paffend verdammte, befonders verhaßt 
waren, fo wird man verftehen, daß er gerade auf diefen Teil feines Planes ein 
befonderes Gewidit legte. Bis zu deffcn Reife aber follte das Erforderliche 
nur ganz in der Stille, unter größter Behutfamkeit und Verfchwiegenhcit vors 
bereitet werden, um nicht neue Erregung in der Rheinprovinz herbeizuführen; 
dringenden Bedürfniffen des Augenblicks follten befondere, intcrimi(tifch 
gemeinte, aber nicht fo zu bezeichnende Gefetze abhelfen; nur die Sammlung 
der Provinzialreditc, die gleidizeitig ja auch für die übrigen preußifdicn Pro» 
vinzcn durdi v. Kamptz mit regem Eifer und gewaltigem Fleiß betrieben wurde, 
follte fleh vor den Augen des Publikums und der Provinzialftände abfpiclen. 
Zur Krönung des ganzen Planes aber wurde ein „Bürgerlidies Gefetzbudi 
für die preußifchen Staaten" ins Auge gefaßt und auch fchon von v. Kamptz 
recht weit gefördert. 

Daß namentlich der Begriff der Provinzialredite und Lokalgewohnheiten, 
der ja fchon feit Eichhorn fpukte, von v. Kamptz in dem angegebenen machias 
velliftifchen Sinne benutzt wurde, ergibt fidi aus der Tatfadie, daß an die 
Bearbeitung der materiell dem rheinifchsfranzöfifdien Recht zu entnehmenden 
Partien unter v. Kamptz gar nicht herangetreten worden i(t, obfdion dodi diefe 
Aufgabe von fa[t unlösbarer Schwierigkeit, minde(tens die weitaus fchwierig(tc 
und zeitraubcndßie war. Vielmehr wurden in größter Eilfertigkeit auf Grund 
der Kabinettsorders vom 19. Oktober und 5. November 1833 gewaltige, um« 
faffcnde, fachiidi aber unglaublich inhaltsleere und bedeutungslofe Provinzial«» 
Gefetzfammlungen lediglich in bezug auf die älteren Partikulars und Gewöhne 
heitsrechte unternommen, zufammcngcitoppelt und fogar nochmals revidiert, 
je eine für Berg (allein über 1000 Paragraphen!), für Kleve oltrheinifch ncbft 
Effen, Werden, Eltcn ufw., für Koblenz oftrheinifdi und für den wc(trheinifchen 
Hauptteil der Rheinprovinz. Diefe wurden dem fünften rheinifchen Provinzial« 
iandtag (zufammengetretcn 21. Mai 1837) zur Durdiberatung vorgelegt mit 
der Vcrfidierung, die auf das rheinifchafranzöfifchc Recht bczüglidien Provinzial« 
gefetzentwürfe würden folgen. Gleichzeitig aber trug v. Kamptz (am 29. Augu(l) 
dem Könige vor, wie heute das oftrhcinifche Provinzialrecht beendigt vorliege 
und der Einführung des Allgemeinen Landrechts in diefen Landesteilen nichts 
wefentliches mehr im Wege [tehe, fo werde dem nädiftcn rheinifchen Landtage 
das mit Rückficht auf das Allgemeine Landrecht ausgearbeitete Provinzialrcdit 



G Drittes Kapitel (1831-1839), Ausgleichsversuche 167 

für jene Teile der Rheinprovinz, in weldien „noch" das franzöfifdhe Recht zur 
Anwendung komme, ebenfalls zur Begutachtung vorgelegt werden und hier= 
nädift die Promulgation des Allgemeinen Landrechts in der ganzen Provinz 
keinen gegründeten Anftand mehr finden. Audi fei wohl vorauszufehcn, daß 
nadi der Einführung des Allgemeinen Landrechts in dem oftrheinifchen Bezirke 
„das in den vormals franzöfifchen Teilen der Rheinprovinz gegen das Allgemeine 
Preußifdie Landrecht noch beftehende Vorurteil durch die fich ergebenden 
Erfahrungen bis zur Zeit des Zufammentritts des nädiß:en rheinifchcn Land» 
tags mehr und mehr verfchwunden fein werde". Wie das mit ernfthafter und 
vollinhaltlicher Erfüllung der für Aufarbeitung des rheinifdisfranzöfifchen Rcdits 
in das Provinzialgefetzbuch gegebenen Zufagen voUftändig unvereinbar i|t, 
dürfte ohne weiteres einleuchten; höchftens hätte in der angegebenen Frift ein 
unmögliches, ungenügendes und alles überquer [teilendes Opus zufammen= 
geftümpert werden können, das für die Stände abzulehnen und anzunehmen 
gleich unmöglidi gewefen wäre. 

Inzwifchen, bis es foweit war, wollte Kamptz, wogegen an fich gewiß 
nidits einzuwenden war, den dringlichen Not(tänden durch befondere Gefetze 
(tcuern. Zu der in diefer Beziehung geplanten Aufftellung eines Rcforments 
Wurfes für einzelne (traf= und zivilprozeffuale Vcrbcfferungen im Rahmen des 
geltenden Rechts i(t es freilich, foweit ich fche, überhaupt nicht gekommen, 
während die wohltätige und wohlgeglückte Verordnung vom i. Juni 1833 über 
den Mandats=, fummarifdien und Bagatellprozeß von vornherein nur auf die 
aken Provinzen zugefchnitten war. Dagegen wurde ern(thafter betrieben ein 
Abänderungsentwurf zum rheinifdien Strafgefetzbuch, wodurch namentlidi 
deffen allzufchwere Strafdrohungen, denen man bisher auf dem Gnadenwege 
abgeholfen hatte, nun gefctzlich heruntergefetzt werden follten. In erfreulichem 
Wetteifer wünfdite damit v. Kamptz eben noch dem damals erwarteten französ 
fifchen Reformentwurfe zuvorkommen, und zwar durch feinen Entwurf vom 
17. November 1831, mußte dann aber hinnehmen, daß befchloffcn wurde, lieber 
die Vollendung jener in Frankreich bevor(tehcndcn Reformen abzuwarten, um 
fie alsdann mitbenutzen zu können. Die Angelegenheit, immer wieder auf= 
gegriffen und immer wieder aufgefchoben, hat fich dann durch das ganze Mini(te= 
rium V. Kamptz hindurchgezogen, ohne erledigt worden zu fein, bis fie durch 
den Gang der allgemeinen prcußifchen Strafgefetzgebung überholt worden 
ift. — Immerhin muß fdion der Plan als verdienftlich bezeichnet werden. Auch 
muß anerkannt werden, daß v. Kamptz manches für die Gerichtsverfaffung getan 
hat. Die von der grundlegenden Order des Jahres 1819 aus fiskalifchen Rüd<= 
fiditen wohl fdion etwas überfpanntcn Landgerichtsbezirke waren durch die 
Entwicklung von Handel und Verkehr in der Rheinprovinz jetzt unverkennbar 
übcrlaftet und räumlidi für das Bedürfnis der Bevölkerung unbequem geworden; 
mit der urfprünglichen Scdiszahl war nicht länger auszukommen; das hat 
V. Kamptz eingefehen und die Begründung zweier weiterer Landgerichte — 
Elbcrfcld 1834 ur*«^ Saarbrüden 1835, wozu dann 1850 noch Bonn gekommen 
i(t — tatkräftig durchgeführt. — In denfelben Zufammenhang gehört es auch, 
daß dem Initiativantrag der Stände auf Vervollftändigung des Kölner Appell= 
hofes durdi Erriditung eines dritten Senates 1832 entfprochen wurde, und fogar 
ebcnfo dem weiteren Initiativantrage, daß den rheinifdien Reditskandidaten 
auch im Rheinlande die beiden erften Prüfungen abzulegen (was feit 1826 aus= 
gefdiloffen war) wieder ermöglicht werde. So verzichtete man darauf, die 



168 IV. E. Landsberg, Das rheinische Recht und die rheinische Gerichtsverfassung d 

rheinifchcn Juriltcn bei diefer Gelegenheit mit altpreuBifdiem Geiß: und alt» 
prcuBifchcn Einriditungen in eine cr(te perfönliche Berührung zu bringen. 

Nicht aber verziditcte darum v. Kamptz darauf, feine gefetzgeberifdicn 
Pläne auch durdi Bearbeitung des rheinifdien Juri|ten(tandes vorzubereiten. 
Sah man doch mit Redit in der Einheitlidikeit, womit diefer für das rheinifdie 
Recht eintrat, eine von deflcn \x/efentlichen Stützen, modite man das nun 
weiter auf Bequemlidikeitsliebe oder dodi wohl riditiger auf volle und chrlidie, 
wennfchon vielleidit etwas einfeitige Überzeugung, audi auf Anhänglichkeit 
an die felbß:gefchaffcne Jurisprudenz und auf Zufammengehörigkeitsgcfühl mit 
der Heimatsprovinz und mit ihrer Eigenart zurüdführen. Da hat nun v. Kamptz, 
um diefe Stütze zu zerfplittern, zu den kleinen Kunftmittcln der Verfetzung, 
der Denunziantenzüchterei und der Günftlingswirtfdiaft zurüdgcgriffcn, die 
dem alten Demagogcnverfolger aus den Zeiten feiner Polizeiinquifition fo ver» 
traut waren. Wie er damals, unter der Maske des Biedermanns und väterlichen 
Freundes, zahlreiche Jünglinge zu ihrem Verderb auszuhorciien verjtanden 
hatte, fo bemühte er fi*^ jetzt, durdi halbamtliche oder Privatkorrefpondenz, 
durch Beförderung unterwürfig gefmnter Gehilfen und durdi Bcläftigung 
felb(tändiger Charaktere oder durch ähnlidie Mittel feine Netze auszuwerfen. 
Und zu diefcn Mitteln der niedrigen Polizei kamen dann die der hohen Mettcr» 
nichfchen Schule hinzu, nidit bloß der Verheimlidiung, fondern geradezu der 
Ableugnung aller gleidizeitig eifrig verfolgten Abänderungspläne, v. Kamptz 
wird nicht müde, in Briefen und Erlaffen, mündlich und fdiriftlidi die rheinifchen 
Juriften feines Wohlwollens für fie und ihr Reciit zu verfidiern, ihnen zu erzählen, 
wie er nicht an eine Unterdrüdiung diefes ihres Redites denke, alle derartigen 
Annahmen als Unterjlcllungen oder gar Verleumdungen abzuweifen und wo» 
möglich gar damit wehmütige Klagen wegen Verkennung feines edlen Charakters 
zu verbinden. Derartige Mitteilungen übergab man dann wohl gegen feinen 
Wunfeh der Öffentlichkeit, um ihn womöglich daran zu binden, aber viel Glauben 
dürfte er damit kaum gefunden haben. Gingen dodi daneben immer Naciiriditen 
ganz anderer Art her, und von v. Kamptz felbjt getroffene polizeilidie Anord- 
nungen, die mit dem Geifte des rheinifdien Rechts ganz unvereinbar waren. 
So wurden die Verordnungen vom 21. Augujt 1819 und vom 6. März 1821 
wieder eingefchärft, (tark ausgedehnt und häufiger zur Anwendung gebradit; 
die Verordnung vom 17. Augu|t 1835, die abgekürzte Unterfuchung und 
körperliche Züchtigung androhte, wurde auch für die Rheinlande erlaffen, und 
es wurde überhaupt unter dem Gefiditspunkte des öffentlidien Wohles fo ver- 
fahren^), daß Hanfemann 1845 mit Rcdit fchrcibcn durfte: „Niemals hat meines 
Wiffcns in Preußen die Gefctzgcbung die Unfreiheit in folchem Maße zum 

*) Die ihm wohl durchweg — vgl. jedoch auch, über noch Schlimmeres, Hänfen, Mc« 
vjffcn I, 219 f. — ihrcrfcita bona fidc, von feinen Demonftrationcn warmer Frcundfchaft und 
von feinen zur Schau getragenen guten Abfichtcn überzeugt, gedient haben werden; unter 
ihnen an crfter Stelle der von ihm in feine Stellung gebrachte GeneraUProkurator W. J. 
Biergans, deffen Korrefpondenz mit v. Kamptz (Archiv der Stadt Köln) darüber reiche 
Auffchlüffe gewährt. 

») Vgl. namentlich noch die Refkripte vom 26. Januar 1853 und vom 13. Dezember 1834, 
die mehr von einem Polizei» als einem )u(^izminifter herzurühren fcheinen. — Die Kabi- 
nettsorder vom 9. April 1838, die mit ähnlichen Mitteln in den kölnifchen Kirchcnflreit 
dnyrlfT, eehört wegen ihrer ausgeprägt hochpolitifchen Sonderart nicht in den Zufammen- 
hang diefer unfcrer Darftcllung, aber doch wohl in den einfchlägigen Gedankenzufammen* 
hang. 



a Drittes Kapitel (1831-1839), Verschärfung der Lage 169 

Staatsrcdit erhoben, wie es während der Zeit der Demagogenuntcrfuchung und 
der Jußiizverwaltung des Herrn v. Kamptz gefdiehen ift; niemals hat insbe= 
fonderc in der Rheinprovinz ein folchcs Staatsrecht gegolten." Demgegenüber 
modite immerhin fpäter in feinen Redienfchaftsberiditen v. Kamptz fidi wörtlich 
wahrheitsgemäß darauf berufen, daß unter feiner Leitung in den beiden rhei» 
nifchcn Kriminal=Gefetzbüchern nur ganz wenige Punkte, in den übrigen 
der franzöfifchen Gefetzbücher kein einziger Paragraph verändert worden fei, 
und die entgegengefetzte Behauptung in fonderbarer Entrüftung als „Vera 
Icumdung" bezeichnen; er mußte doch dabei felblt zugeben, daß in der ganzen 
Rheinprovinz feine vielgefchäftige Verwaltung nur lebhaftes Mißtrauen, peinlidie 
Erregung und Mißftimmung hervorgerufen hatte. 

Und zwar felb(t in folchen Kreifen, die gewiß nicht an der Einführung des 
preußifchen Rechts Anftoß zu nehmen durdi ihre ganze foziale und [taatliche 
Stellung geneigt waren, nun aber um fo ärgeren Anjtoß an der Art und Weife 
nahmen, wie v. Kamptz vorging. So warf ihm fdion 1834, •" unmittelbarem 
Briefwechfel mit ihm, der übrigens von den Segnungen des rheinifch=franzöa 
fifchen Rechts und von der berechtigten Anhänglichkeit der Rheinlande an diefes 
Recht tief durchdrungene, gebildet, vornehm und großzügig denkende und 
handelnde Jofeph Fürft von Salm=Dyck vor, das Mißverjtändnis, das fich auf dem 
letzten Landtage erhoben habe, fei die unvermeidlidie Folge der dunklen und 
unbejtimmten Abfaffung der Allcrhöch(ten Propofition vom 5. November 1833 
gewefen. „Das Juftizmini(lerium fpielt doch nidit eine Partie Schach mit dem 
Provinziallandtage." Diefer habe die öffentlidie Meinung für fich und werde 
unerfchütterlich auf feiner Anfidit beftehen. Ahnliches, in nodi viel fchärferer 
Sprache, mußte v. Kamptz dann aber — von dem Polizeiminifier v. Rodiow 
hören, der da mit dem Juftizmini(ter geradezu die Rollen getaufdit zu haben 
fdiien, als er ihm am 19. Februar 1838 über die Wirkung fchricb, die die 
von V. Kamptz den Handelsgerichten und Handelskammern zur Bcgutaditung 
vorgelegten Entwürfe eines neuen Wechfelrechts und einer neuen Wedifel« 
Prozeßordnung hervorgerufen hatten. Der Polizeiminifter befdiwert fich aufs 
bitterfte darüber, daß die „politifche Stimmung" der Provinz, die „Zufriedenheit 
und loyale Gefinnung" ihrer Einwohner verdorben werde, nicht fowohl durch 
den Plan, das preußifchc Redit einzuführen, dem er durdiaus zuftimme, als 
vielmehr durch die zerteilte und heimlidie Ausführungsweifc. Gerade diefe 
rufe bei der Bevölkerung die Meinung hervor, als fcheue das Gouvernement 
die offene, entfchiedene Einführung des heimifchen Rechts, und ziehe es vor, 
auf indirektem Wege, durch Modifizierung und Zer(tückelung der Provinzial= 
gefetzgebung, Rechtsverwirrung und Rechtsunficherheit und dadurch den 
Wunfeh der Provinz nach Einführung des preußifchen Rechts kün{tlich hervor« 
zurufen. Das muffe aber doppelt unerwünfcht fein in einem Augenblicke, wo 
ohnehin eine große Partei in der Rheinprovinz nach Veranlaffungen fuche, 
ihren Antagonismus gegen die Maßregeln der Regierung zu redfitf ertigen . 

Während hier alfo aus politifdien Gründen, offenbar aus dem Wunfche 
hervor, die durdi den rheinifchen Kirchenftreit aufgeregten Gemüter zu be« 
fdiwichtigen, gegen v. Kamptz vorgegangen wurde, war dcffcn Stellung bei Hofe 
fdiwer gcfdiädigt worden durdi einen perfönlidien Konflikt zwifchcn ihm und 
dem Kölner Appellgerichtsrat, damaligen Trierer Oberprokurator Friedrich 
von Ammon. Zwifchen beiden Männern beftand ein alter Haß, herrührend noch 
aus der Zeit, da v. Ammon, als eifriger Turner und als Mitglied eines Bundes 



170 IV, E Landsberg, Das rheinische Recht und die rheinische Gerichtsverfassung a 

zur Herbeiführung konftitutioneller Verfa(Tung ohnehin fdion von [einen Heidel» 
berger Studentenjahren her (1817, 1818) verdäditig, dem alten Arndt wäha 
rcnd der Verfolgung als Ratcr und Helfer zur Seite geftanden hatte; „mein 
freundlidifter Fritz" heißt ihn darum der Alte in feinem „Notgedrungenen 
Beridit" von 1847 (S. XVI, in der Note). Jetzt war v. Ammon, dem Ruppen» 
thal und alle fonftigen Vorgefetzten ganz hervorragende Zeugniffc außer« 
ordentlidier Tüditigkeit ausftellcn, allgemein bekannt als der entfchiedenfte 
Gegner der altpreußifchcn, als der entfdiiedcnftc Vertreter der rheinifch=franzö= 
fifdien Redits= und Geriditsverfaffung. Nadidem er dem Kronprinzen bei 
delfen Befudi in der Rheinprovinz (Ende 18-53) perfönlidi bekannt geworden 
war, benutzte er dies, um durdi ihn dem Könige am 1. Februar 1835 eine um= 
faffende Anklagefdirift gegen die ganze Gefchäftsführung von v. Kamptz und 
gegen deren Übergriffe zugehen zu laffen, die denn audi zu eingehenden Er» 
hebungen führte und nidit ohne Erfolg blieb. Hierdurch zu wilder Wut gereizt, 
hatte V. Kamptz feinen Gegner mit einer Fülle von Denuntiationen und Intri» 
gen umfponnen, ihm vcrfdiiedene Fehler im Amt nadiweifen zu können 
geglaubt und ihn deshalb, obfchon der König inzwifchen des Minifters Dis= 
ziplinargewalt über v. Ammon unter der Hand fuspendiert hatte, aus dem 
Trierer Amt difziplinarifch, unter Rüd<vcrfetzung an den Kölner Appellhof 
als Riditer, entfernt, mit einer Begründung, die für die Ehre des fo Behan» 
delten fdiwcr kränkend war. Nun aber wandte fich diefer abermals mit perfön« 
lidien und mit wiederholten fadilidien Befdiwcrden unmittelbar an den König 
und gleichzeitig an den Kronprinzen, mit einer perfönlidien Nachfdirift an 
letzteren, die zeigt, daß er zu ihm in einem näheren Verhältniflc geftanden 
haben muß. Darauf wurde zwar feine Rückverfetzung nach Köln nicht rück- 
gängig gemacht, wohl aber erhielt er vom Kronprinzen ein erregtes Sdireiben, 
V. Kamptz dagegen vom Könige einen fcharfen Verweis darüber, daß er felbß:» 
herrlich und willkürlidi dem königlidien Willen vorgegriffen habc.^) Und beim 
Kronprinzen vollends, der fidi über die Sadie fchr gründlidi, unter anderem 
perfönlich durdi den Regierungspräfidenten Anton Grafen von Stolbcrg erkundigt 
zu haben fdieint, für dcffcn vornehme, fchwärmerifdi=romantifchc Gefmnung 
der trockene Polizeifchlcidier ohnehin ein Greuel fein mußte, fiel durch dicfcn 
Vorgang v. Kamptz offenbar ganz in Ungnade, wie aus feinem an den baldigen 
Herrfchcr geriditcten Reditfertigungsfdireiben vom 13. Juli 1836 und der darauf 
mit Bleiftift gefchriebcncn Notiz deutlich hervorgeht. '^) 

In diefem Zufammenhange gewinnt es nun eine befondcrc Trag- 
weite, daß am 9. November 1836 der Kronprinz dem Könige über die ganze 
Frage der rheinifchen Redits= und Gerichtsverfaffung von Grund aus neuen 
Bericht crftattete an der Hand der Anficht, die fich darüber der rhcinifche Ober» 
präfident Ernfl von Bodeifchwingh, übrigens ein naher Verwandter v. Ammons, 
gebildet hatte, v. Bodeifchwingh, als hoher Vcrwaltungsbcamter aus Vinckcs 
Schule von gediegener Einflcht und vorbildlichem Wahrheitsmute, als 
Minijtcr fpätcr dem Radowitzfchen Unionsplane naheftehcnd und fogar der 

*) Die betr. Order vom 71. April 1836 ift wohl als Schriftftück, das in modernen Zeiten 
ein preußifcher Minlftcr, ohne aus dem Amt zu fchciden, von feinem Könige hat hinnehmen 
mtinen, einzig In ihrer Art; v. Kamptz war aber eben auch als preufjifchcr Mini(\er einzig 
In feiner Art. 

•) Geh. Staatsarchiv zu Berlin, Rep. 90 C III 2, v. Ammonfche Sache, fol. 180 f. Die 
Notiz i(\ wohl von der Hand des Adjutanten oder Rats, der darüber dem Kronprinzen Vor- 
trag gehalten hat. 



D Drittes Kapitel (1831—1839), Oberpräsident v. Bodelschwingh 171 

„Kamarilla" gegenüber felb(l:ändig, war offenbar bereits damals zu der 
Erkenntnis gekommen, daß es in der Weife von Kamptz nidit weiter 
ging und daß man überhaupt mit dem rheinifdicn Redit nunmehr, nadi zwanzig 
Jahren feiner Geltung unter preußifdier Herrfchaft, nicht mehr fo verfahren 
könne, wie es etwa im Jahre 1816 möglid» gewefcn wäre. Die Befeitigung des 
jetzigen Zuftandes fei allerdings nadi wie vor hödift wünfchenswert; dafür böten 
fich aber nur noch zwei Wege: entweder gänzliche Umarbeitung des preußifdien 
Redits unter Aufnahme des anerkannt Guten und Nützlichen aus der franzö« 
fifchen Gefetzgebung und Einführung des fo fich ergebenden neuen Gefetz» 
budies in die ganze Monarchie, oder Übertragung der cinq codes ins Deutfdic 
und Publikation diefer modifizierenden übcrfetzung als Gefetz an Stelle der 
franzöfifchen Originale. Daß diefe Alternative auf den zweiten Weg, den 
fdion Daniels empfohlen hatte, den audi der Fürft Salm=Dyck in feinem Brief an 
V. Kamptz vom 18. Januar 1834 empfiehlt, hinauslaufen mußte, weil zurDurdi» 
meffung des er(tvorgefchlagenen Weges diefer Zeit, und zwar noch auf lange 
hinaus Kraft und Geift fehlten — das mochte wohl keiner der Beteiligten 
verkennen. So beeilte fich denn der fünfte rheinifdie Landtag, jenen ihm von 
dem Oberpräfidenten gebotenen Ausweg zu befdireiten. Statt, der von v. Kamptz 
aufge(telltcn Propofition gemäß, das leere Stroh der vier Entwürfe zu ProvinziaU 
gcfetzbüchern aus altem Statutarrccht zu drefdien, erklärte man fchonend, hierzu 
bei der fonftigen Gcfchäftsbelaftung außer Lage zu fein. — Die Entwürfe fmd 
denn nun audi durchweg in der Verfenkung verfchwunden, ohne daß von ihrer 
Erhebung zum Gefetze je wieder die Rede gewefen wäre. — Vielmehr ging 
man ohne foldien Aufenthalt dazu über, fich zur Hauptfache, dem noch aus» 
(tehenden, von v. Kamptz fogenannten zweiten Teil des Provinzialgcfctzbuches, 
der dasErhaltcnswerte aus den franzöfifchen Rechtsbüchern zufammenß:ellcn follte, 
zu äußern. Und zwar bemerkte man, erhaltenswert fei für die Rheinprovinz 
einfach der gefamte Umfang und Inhalt diefer Rechtsbücher; ja felb(t ihr 
Zufammenhang gehöre zu dem, was den Rheinländern wert und teuer 
geworden fei, fo daß ihn zerreißen und zer(tüd<eln heiße, eine fchwere Er« 
fchütterung des beftehenden Rcchtszu(tandes herbeiführen. Wohl aber wünfchten 
die Stände lebhaft ein deutfches, vaterländifches Gefetzbudi zu erhalten. So 
böte fich denn als die einfadifte, riditigjte und vollen Dankes fiebere Löfung 
dar, das, was fchon als zweiter Teil des Provinzialgefetzbuches verfprochen fei, 
zu gewähren in Form einer revidierten überfctzung der franzöfifdien Gefetz- 
bücher, denen etwa nodi ein Ruralcodex beigefügt werden möge. „Dann 
würde die Sdieidewand fallen, die einen Teil der Rheinprovinz in rechtlichen 
Beziehungen noch von dem gefamten Vaterlande trennen mag, und das allge- 
meine preußifche Gefetzbudi als fubfidiares, das rheinifdie Provinzialgefetzbudi 
aber, nach Verfchiedcnheit der einzelnen Teile der Provinz, als prinzipales Recht 
zur Anwendung kommen." 

Man fleht, daß diefer Vorfdilag der „getreuen Stände" noch äußcrlidi an 
der Form der v. Kamptzfchen Propofition fefthält. So fdionend verfuhr dagegen 
nidit mehr v. Bodelfdiwingh in feinem über jenen Ständebefchluß erltatteten 
Beridite, indem er da nunmehr einfach und direkt den früher von ihm vor« 
gefchlagcnen zweiten Weg als einzig gangbaren bezeichnete, um aus dem uner- 
träglich gewordenen Zu(tand der Ungewißheit endlich herauszukommen; 
unter Wcglaffung des ftändifchen Vorfchlages betreffend das preußifdie Land« 
recht, das, fubfidiarifch hinter dem abfolut volljtändigen und allbehebten Pro» 



172 IV. E. Landsberg, Das rheinische Recht und die rheinische Gerichtsverfassung d 

vinziairccht eingeführt, ja doch nur ein bedcutungslofcs Schattcndafcin geführt 
haben würde. Wie nun der Kronprinz fdion früher zu derartigen Ideen, etwa 
feit feinem Aufenthalt in der Provinz felbft, hinüber gewonnen worden zu fein 
idbeint, fo endlidi auch der König. Am 13. Februar 1838 regiftriert der Geheime 
Kabinettsrat Stägemann, Se. Majeftät habe zu äußern geruht, „daß es zweck» 
mäßig fein werde, die fünf Hauptgefetze, die aus der franzöfifdien Herrfdiaft 
in die preußifdic hinübergenommen worden feien, ins Deutfche zu übertragen 
und in diefcr überfetzung der landeshcrrlidicn Sanktion zu unterwerfen, mit 
welcher Maßregel eine Revifion der wefentlichften Vorfchriften zu verbinden 
fein würde". Dabei fcheint man nodi nicht ganz unbedeutende Eingriffe, z. B. 
Abfchaffung der Gcfdiworenen, bei Gelegenheit diefer Revifion geplant zu 
haben, zu der es aber bekanntlidi gar nicht, ebenfowenig wie zu der über» 
fetzung, gekommen i(t. Zunächft wenigftens fchon deshalb nicht, weil mit ihr 
für den Code civil und für die beiden prozeJTualen Codes kein anderer als 
V. Kamptz im Februar 1838 beauftragt wurde, was doch wirklidi kaum ern(t 
genommen werden konnte. 

Überhaupt waren, nadi allen diefen Vorgängen, die Tage von v. Kamptz 
offenbar vorüber. Zwar i(t er noch Gcfetzgebungsminifter bis über den Tod 
Friedrich Wilhelms III (7. Juni 1840) hinaus geblieben, nämlich bis er am 
28. Februar 1842 diefes fein Amt an von Savigny abgeben mußte. Aber des 
damit bislang verbundenen Auftrages als Leiter der rheinifchen Juftizver» 
waltung wurde er, gemäß einem weiteren Bodelfdiwinghfchen Immediatantrage^), 
durch Kabinettsorder vom 17. Dezember 1838 enthoben und mit diefer Provinz 
nunmehr auch der Juftizverwaltungsminiltcr, fein Mitminifter Mühler, betraut. 
Diefer Wechfel wurde mit einem Aufatmen der Erleichterung, mit [tillem Jubel 
im ganzen Rhcinlande begrüßt, zumal als man bald darauf erfuhr, daß der 
neue Herr zur Bearbeitung der rheinifchen Juftizangelegcnheiten den Präfi« 
denten Ruppenthal als Mini(terialdirektor und Simon, den alten Kämpen für 
Öffentlichkeit und Mündlichkeit, aus dem v. Kamptzfchen Minilterium zu fidi 
in fein Minifterium berufen habe. Danach konnte man fidi nun auch eines 
Entgegenkommens in bezug auf den von den Ständen eingereichten Antrag 
zuvcrfichtlich getröften, 

Diefes hat denn auch Platz gegriffen in dem Landtagsabfchiedc vom 26. März 
1839, deffen Faffung genau einem Staatsminifterialbefchluffe vom 7. Februar 
1839 entfpricht. Die dilatorifche Behandlung der Provinzialgefctzbücher, über 
die V. Kamptz die Stände ficher hart angelaffen hätte, wird, als durch die Um« 
[tände erklärt, ruhig hingenommen. Dann wird der Wunfeh nach überfetzung 
der franzöfifchen Gefetzbücher, als vaterländifch=dcutfchen Sinn bekundend, 
gelobt und gebilligt, unter Zufügung nur einiger Vorbehalte, nämlich wegen 
eines hoffentlich bald zu vollendenden neuen allgemeinen preußifchen Straf» 
Kefctzbuches und, weit unbcftimmter, wegen entfernter Möglichkeiten für die 
Vollendung der Revifion von Allgemeinem Landrecht und Allgemeiner Gerichts» 
Ordnung. Schließlich erhalten alle dicfe Zufagen ihre bezeichnende Note durch 



I 



*) Für dicfe ganze .Stellungnahme gegen v. Kamptz wurde dem damaligen Obcr- 
rAOtJcnten v. Bodeljchwingh, als diefer 1847/^8 Regierungskommiffar in den Vereinigten 
Undifchcn AusfchüfTen war, dort nodi am 4. März 1848 der Dank des Rhcinlandcs aus« 

Ktfprochen In einer Rede von Camphaufen, die audi (onft über die Rechtsgcfchichte des 
hrlnlandcs «Inen Intereffanten nberblick gibt, vgl. die Verhandlungen jenes Ver. Aus« 
(chuffcs, xufammengertellt von Bicldi, 4. jfo. 



D Drittes Kapitel (1831—1839), Vertagung der Entscheidung 173 

den Zufatz, daß die überfetzung und Rcviflon der franzöfifchen Gefetzbücher 
nidit weiter dem Gefetzgebungsmini(tcr v. Kamptz ^), fondern unter Beauf> 
fiditigung des Juftizmini(ters Mühler einer Kommiffion anvertraut werden foll, 
zu weldier audi^) der Direktor im Juftizminifterium, der Wirklidie Geheime 
Oberjuftizrat Ruppenthal, zugezogen werden wird. Da inzwifdien endlidi audi 
die Angelegenheit der neuen Gemcindevcrfaffung keinerlei Fortfdiritte gemadit 
hatte, namentlidi die den rheinifdien Städten freigeftelltc Übernahme der 
revidierten Städteordnung vom 17. Nlärz 1831 an dem Wider|tande diefcr 
Städte gcfdieitert war, und der Landtagsabfdiied vom 3. März 1835 den auf 
Beibehaltung des bisherigen Zuftandes geriditeten (tändifdien Wünfdicn 
Rechnung zu tragen verfprodien hatte, fo (teht damit, zu Ende der Regierung 
König Friedrich Wilhelms III., die rheinifch=franzöfifdie Riditung durdiaus 
fiegreich da. Der ganze Be(tand des rheinifdisfranzöfifdien Rechtes ift erhalten 
und feinen mei(ten Teilen Fortgeltung auf unbeftimmte Zeit gefiebert. Auch 
in den gemeinreditlichen Gebieten i(l alles beim alten geblieben. Daß diefer 
Sieg wefenthdi gerade durch die unwürdige Kampfesweife desMiniftersv. Kamptz 
ermöglicht wurde, wird man mit Befriedigung fcltßiellen dürfen. 

Man wird aber auch fachlich das Ergebnis nidit zu fehr beklagen dürfen. 
Gewiß wäre es viel erfreulicher in (taatlichem und kulturellem Sinne gewefen, 
wenn der andere der beiden Wege, die der Oberpräfident von Bodelfchwingh 
zuerft zur Auswahl (teilte, hätte mit irgendwelcher Ausficht auf Erfolg eina 
gcfdilagen werden können. Nicht aber wird man bedauern dürfen, daß die 
mehr umfang= als inhaltsreichen Gefetzgebungs=Vorarbciten von v. Kamptz 
fämtlich gefcheitert fmd. Im Gegenfatz zu einem fortfch rittlich reformierenden, 
alles Gute der Neuzeit in fich aufnehmenden Gefetzbudie, wie es von BodeU 
fchwingh vorfchwebte, blieben diefe Entwürfe hinter allen befferen Einfichten 
ihrer Zeit zurüd<, (teilten, wie es Berner für den Kamptzfchen Entwurf eines 
Strafgefetzbuches gefagt hat-^), „zurüdtrevidierte" Faffungcn der altpreußifchen, 
ohnehin von der Zeit überholten Gefetze dar. Da war es felb(l: für die alten Provin= 
zcn beffer, daß fie mit diefer Flut von revidierten Gefetzbüchern und ProvinziaU 
gcfetzbüdiern verfchont blieben, die nichts gefördert und dem Fortfehritt ihre 
fchwer beweglichen Maffen cntgegenge(taut haben würden, während nunmehr 
ein Quell der Anregung zu folchcn Fortfehritten ihnen von feiten der Rheins 
provinz her erhalten blieb. Um wie viel fdilimmer wäre gar für diefe die Über» 
fchwemmung mit v. Kamptzfdien Gefetzgebungserzeugni(Ten gewefen ! Das wird 
nidit nur bezeugt durch die einhellige Stellungnahme aller rheinifeh=bürgerlichen 
Stände, Juriften und Laien, Kaufleute und Landbewohner, wobei man ja 
immer wieder an blindes Vorurteil denken mag, fondern audi durch das fa(t 
ebenfo einhellige Zeugnis zahlreidier einfiditiger altpreußifcher Staatsmänner 
und Juri(ten, die die Verhältniffe der Rheinprovinz an Ort und Stelle kennen 
gelernt hatten, z. B. des Finanzminiftcrs v. Motz, des Oberpräfidenten v. Bodel« 
fdiwingh und des Ju(tizminiftcrs Mühler. 

1) So vom Gefamtminifterium befchloffen gegen die Stimme von v. Kamptz, der dies 
feinem Minifterium vorbehalten \x/iffen wollte. 

*) Diefes faft peinlich kapitulierende Verfprechen wurde nicht vom Minifterium vor« 
gcfchlagen, fondern erft im Kabinett zugefügt, 

*) Vgl. darüber auch Hälfchner, Gefchichte des brandenburgifch=preuf)ifchen Straf rechts 
S. 268 ffg. 



174 IV. E. Landsberg, Das rheinische Recht und die rheinische Gerichtsverfassung 



Viertes Kapitel (1840 — 1855). 

Mit dem Landtagsabfdiiedc von 1839 und der Thronbe(tcigung Friedrich 
Wilhelms IV. war die Gefahr vorüber, daß das rheinifdie Redit einem zurüdß 
gebliebenen, altpreußifdien Redit wcidicn müßte. Die Frage konnte nur nodi 
die fein, ob audi einer neuen, fortgefdi ritten en preußifdien Gefetzgebung gegen» 
über fich die Sonderftellung des rheinifdien Redits würde aufrediterhalten 
lajjen, oder ob durdi jene das rheinifche Redit allmähhdi aufgcfaugt wurde. 
Anfangs beftand man ja wohl, befonders leidenfdiaftlidi im Rheinlande, fdion 
aus dem nunmehr eingewurzelten Mißtrauen gegen Berliner überrafdiungen, 
auf der Sonderung; man hatte fidi daran gewöhnt, politifdien Fortfdiritts= und 
Freiheitsdrang vor allem durch Fcithalten an dem rheinifdisfranzöfifdien Redit 
zu betätigen, die Sadie fa(t ausfdiließlich als politifche Madit= und Ehrenfrage, 
(tatt als Nützhdikeitsfrage anzufehen. So bildete man das rheinifdie Redit 
immer nur mehr aus, fetzte fidi nur immer entfchiedener ein für feinen unver= 
fehrten Be(tand und felb|t für feine Reinigung von einzelnen Eindringlingen, 
und fand jetzt fogar damit bei der Zentralregierung, im Intereffe der politifdien 
Ruhe, Erhörung. Die Angltlidikeit, (törcnd in die rheinifdien Dinge einzu* 
greifen, ging dort fo weit, daß die Rheinlande aus dem Gefdiäftskreife des 
neuen Gefctzgebungsminifters v. Savigny durdi deffcn Einfetzungsorder vom 
28. Februar 1842, die allerdings nidit veröffentlidit wurde, im wefentlidien 
geradezu ausgefdiloffen wurden.^) Je mehr nun aber von den Grundfätzen 
des rheinifdien Redits umgekehrt in die preußifche Gefetzgebung überging, 
je entfcheidender fidi fogar dann die EinflüJTe jenes Redits auf dicfe Gefctz» 
gebung geltend machten, de(to mehr mußte die andere Möglichkeit zur Ver= 
wirklichung kommen. Sobald es fidi um eine wahrhaft großzügige, in der 
Richtung der Zeit liegende neue inländifdie Kodifikation handelte, mußte ihr 
das fremde Redit doch fdiließlidi, im nationalen und im Einheitsintereffc, 
weichen. Infofern hat fich das rheinifchsfranzöfifche Redit, indem es nunmehr 
auf die preußifche Gefetzgebung hinüberwirktc, fein eigenes Grab gegraben. 
Namentlich tritt diefe Entwicklung auf dem Gebiete des Strafrechts hervor, 
fowie überhaupt im Zufammenhange mit der politifdien Strömung, die in der 
unmittelbar nachmärzlidien Zeit rheinifche Anfchauungen und ihre rhein= 
ländifdien Vertreter an die Spitze der Regierung führt. Dagegen tritt auch 
hiergegen wieder ein Rückfchlag oder wenigftens ein Stilljtand ein, fobald die 
politifche Gegenftrömung der fünfziger Jahre, vollends feit Olmütz überwiegt. 

Wie politifch, fo auch juriftifch wird die Hochflut der revolutionären und 
der erften parlamentarifchen Zeit langfam vorbereitet durch die nicht ganz unbe» 
träditlidien, aber dem Drängen der Zeit nidit mehr genügenden Maßregeln der 
crften Regierungsjahre König Friedrich Wilhelms IV. Da gelingt es, was unfcr 
Gebiet anbetrifft, den Vorftellungen Ruppenthals {31. Juli 1840) und einer 
entfprechenden Petition des fechften rheinifdien Provinziallandtages um Auf- 
hebung des verfehlten Gefetzes vom 6. März 1821, diefes wenig(tens zum 
großen Teile, nämlich in feinen prozcffualen Vorfchriftcn und in der ausge- 
dehnteren Bedeutung feiner materiellrechtlichen Vorfchriftcn, zu befcitigen 
(Gcfctz vom 18. Februar 1842). Einen fo leichten und zweifellos empfehlens- 

') Man beachte den Gegenfatz der Gebietsfcheldung früher zwifchen v. Kamptz und 
Mühler, i«t<t zwifchcn v. Savigny und Mühlcr. 



a Viertes Kapitel (1840—1855), Fortschritte des rheinischen Rechts 175 

werten Eingriff wie die am 9. November 1843 verordnete Änderung des einzigen 
Artikels 55 im Code civil wagte man nicht mehr ohne vorgängige Vernehmung 
der rheinifdien Stände vorzunehmen. Die rhcinifchen Fabrikengeridite oder 
Gewerbevcrjtändigenrätc, die aus der franzöfifdien Zeit fich bis dahin erhalten 
haben, bekommen eine neue, fidiernde Organifation unter dem gemcinfamen 
Namen als „Gewerbegericht'' durch eine Verordnung vom 7. Augujt 1846. 
Das Gefetz vom 13. Oktober 1843 betr. das KaJTationsverfahren in Zivilfachen 
bei dem rheinifchen Kaffationss und Revifionshofc bringt eine Reihe wahrhafter 
Verbefferungen, ohne mit den Regeln des verbefferten Verfahrens zu brechen. Vor- 
fchläge des fiebenten Landtages ( 1 843 ),das öffentliche und mündlicheVerfahren auch 
in Koblenz o(trheinifdi einzuführen und die exemte Gerichtsbarkeit audi in den 
Kreifen Rees und Duisburg aufzuheben, fmd freilich abgelehnt worden, zeigen 
aber, wie ficher man fich nun in der Rheinprovinz fühlt und wie man aus der 
Defenfive in die Offenfive vorzugehen fidi anfchickt. Dem entfpricht es, wenn 
gleichzeitig der Provinziallandtag auf (tärkere Berückfichtigung des rheinifdi=fran* 
zöfifchcn Rcditcs im Studienplan der Bonner Univerfität durdi Errichtung eines 
befonderen Lchrftuhls dringt und damit durchdringt, ja felb(t feinen Kandidaten 
für diefen Poften, den berühmten bisherigen Rechtsanwalt zu Köln, Bauerband, 
der Bonner juriftifchen Fakultät aufnötigt, die lieber eine mehr wiffen» 
fchaftlich=hiftorifdi gefdiulte Kraft gewonnen hätte. Ebendaraus fieht man, daß 
es fich den rhcinifchen Ständen bei diefer Angelegenheit durchaus nur um den 
praktifdien Zwedi des Unterrichts und der Vorbildung zur Handhabung der 
rheinifchen Jurisprudenz handelte, nicht um Förderung der reinen Wiffenfdiaft, 
für die denn auch Bauerband in den 30 Jahren feines emßgen und fonft erfolg« 
reichen Lehrbetriebes fo gut wie nichts geleiftet hat. Der damals überwiegend 
gefchichtlichen Rechtswiffenfchaft war man überhaupt im Rheinlande wenig hold, 
fo daß in diefem einzigen Punkte man wohl hinter der fonftigcn deutfchen 
EntwicJdung, zum Schaden des rheinifchen Rechts und feines wiffenfdiaftlichen 
Rufes, zurückblieb; für die moderne, mehr der Befriedigung unmittelbarer 
Zweckbedürfninc zugewendete Art der Wiffenfchaft würde man bei uns wohl 
von jeher mehr Ver(tändnis aufgebratht haben. 

Weitergehende Erfolge des rheinifchen Rechts zeitigen die nächften Jahre. 
Die allgemeine Gewerbeordnung für die prcußifchcn Staaten vom 17. Januar 
1845 (tcht fchon fo weit unter dem Einfluffe rhcinifch=libcraler Ideen, daß man 
noch 1868 die Gefctzgcbung des Norddeutfchen Bundes darauf bauen konnte. 
Die Gemeindeordnung für die Rheinprovinz vom 23. JuÜ 1845 entfpricht 
den Wünfchcn diefer Provinz wcnigftcns infofern, als fie eine Trennung der 
Städte von den Landgemeinden nidit mehr aufnötigt, fondern nur (durch An« 
nähme der veränderten Städtcordnung vom 17. März 1831) ge(tattet; wennfchon 
freilich dadurch im übrigen, zum erften Male wirklich wieder feit dem 30. April 
1815, ein großes StücJc franzöfifchen Vcrwaltungsrechts befeitigt und dem 
Drängen nach freier und fclbjtändigcr, auch das mobile Kapital neben dem 
Bodcnbefitz heranziehenden Sclbltverwaltung noch kein Genüge getan worden 
i[t. Das Gcfctz vom 30. September 1836, das als ein bcfondcrs trauriges Er» 
Zeugnis der Ära v. Kamptz vcrfchriecn war, wurde auf den Wunfeh der Stände 
und auf Bericht des Appcllationsgerichts Köln wenigftcns in feinen prozeffualen 
Be(timmungen befeitigt durch das Gefetz vom 6. April 1846, während freilich 
viel weitergehende Anträge des achten rheinifchen Provinziallandtages „auf 
Sicherung der Unabhängigkeit des Richteramtes und der pcrfönlichen Freiheit", 



176 IV. E. Landsberg. Das rheinische Recht und die rheinische Gerichtsverfassung a 

angeregt durch eine beredte und umfadendc Denkfdirift des Abgeordneten 
David Hanfcmann aus Aadien, fon(t noch abgewiefen werden. Namcntlidi 
aber kamen die Prinzipien, um die zu Beginn der preußifchen Herrfdiaft am 
härteften gerungen worden war, nunmehr zu weiteftgehender Anerkennung 
nicht nur in den Kreifen deutfdier Gelehrten (hier wefentUdi die betr. Er« 
klärungen der Germanijtentage zu Frankfurt und Lübed<, 1846 und 1847), 
nicht nur in füddeutfdien Verfadungsltaaten 1) und in der Paulskirdie (Grunda 
redite und Reichsvcrfadung von 1848—1849), fondern audi bei den preußifdien 
Staatsmännern und Juj^izbeamten, wie v. Savigny, Mühler, Uhden und Borne» 
mann. Das gilt zwar nicht abfolut in bezug auf die Gefdiworenengerichte, gegen 
die z. B. V. Savigny noch fdhwere Bedenken hegte; wohl aber, feit v. Kamptz 
verfchwunden, ausnahmslos in bezug auf die Grundfätze der Mündlidikeit und 
Offentlidikeit in Zivil= und Strafprozeß, der freien Beweiswürdigung im Straf» 
prozeB und der ftrafprozeniialen Sonderung zwifdien anklagender und urtei» 
lender Staatsbehörde. Gerade für Einführung der Staatsanwaltfchaft und des 
Anklageverfahrcns intereffierte fidi fogar der König perfönlich. Als höchfter 
Triumph aber der früher als j^aatsgcf ährlich angefeindeten Mündlichkeit er» 
fcheint es, daß nun den letzten An(toß zur Übertragung diefer Prinzipien in die 
alten Provinzen, womit es feit 1840 fich hinzog, — ein Hodiverratsprozeß gab, 
nämlich der gegen hunderte angeklagte Polen, zu deren Aburteilung im alten 
Verfahren Jahre nidit ausgereicht haben würden, während ein Verfahren nadi 
Art des rheinifchen die politifch wünfdienswerte rafdie Erledigung ermöglidite. 
So kam es denn zu der Einführung eines folchen Verfahrens, jedoch ohne Gc« 
fchworene, durdi das berühmte Gcfetz „betreffend das Verfahren in den bei 
dem Kammergericht und dem Kriminalgericht zu Berlin zu führenden Unter» 
fuchungen" vom 17. Juli 1846, woran fich fofort die ähnlidie „Verordnung 
über das Verfahren in Zivilprozeffen" vom 21. Juli anfchloß. Daß dicfe Gefetze 
und die fidi ihnen alsbald anreihenden Erweiterungen nicht einmal daran daditen, 
auf die Rheinprovinz hinüberzugreifen, lag fchon in dem Verfpredien von 1839 
und in der ganzen Weife ihrer Ent(l:ehung und Technik, da fie keine wohl» 
überlegte, ausgereifte Kodifikation, fondern haftige Reformgefetze zur Kriminal» 
Ordnung und zur Allgemeinen Gerichtsordnung fmd, nur beftimmt, möglidifl: 
rafch Erfatz für diefe allgemein „diskreditierten" Ordnungen zu fchaffcn. Weder 
waren fie formal geeignet, an Stelle der rheinifchen Gefetzbücher zu treten, noch 
wollte man inhaltlich diefe durch fie umge(talten, was ja u. a. zunädift die Ver- 
nichtung des rheinifchen Gefchworcnenin(tituts bedeutet haben würde, eine 
damals fa(t unmöglidi gewordene Maßnahme. War dod» felbfl die 1844 einmal 
auftauchende Idee, bei Gelegenheit der „revidierenden überfetzung" des Code 
de proccdure criminelle foldie Abänderungen zu treffen, die die bevorftehende 
allgemeine Strafrechtsreform vorbereiten könnten, nur mit äußer(ler Behut» 
famkeit in die Form gekleidet worden, ob es wohl gelingen könne, dies durch 

f»erfönliche Bemühungen Ruppenthals den rheinifchen Gerichten als unfchädlich 
ür ihre Formen und In(%itutioncn annehmbar zu machen, worauf man denn 
doch Im Zweifel lieber ganz davon abgefchcn hatte. Das i[l zugleich fo ziemlich 
das einzige, was man aus diefer Zeit aus den Akten über jene „revidierende 
Überfetzung" erfährt, die 1838 bczw. 1839 angeordnet worden war; fl« »1^ dann 
offenbar ga nz In Stillf^and gekommen. 

*) Hier bekanntlich vorauagegangen die Badifche CPO. von 1831, wäiirend bis dahin 
in Baden nur materiell dem franzöflTchen Recht entnommenes materielles Zivilrecht galt. 



D Viertes Kapitel (1840—1855), Strafgesetzbuch 177 

Glcidizcitig, nämlich feit der königlidicn Order vom 29. Juni 1840, die 
CS als etwas dem königlidien Gefühle Wider(trebcndcs bezeichnet hatte, die 
Todesurteile zu bcftätigen und ihre Voll(lreckung, wie bis dahin üblidi, dabei 
zu befehlen, fdiwinden auch aus der preußifchen Praxis die älteren Übungen 
königlid\er oder ju(tizmini|terieller Beftätigung gegenüber Straferkenntni|ten 
fowie ju(tizmini(tericller Anweifungen an die Geridite wegen ihrer nicht urteils« 
mäßigen Entfchcidungen, womit abermals ein alter rheinifdier Befchwcrdc» 
punkt aus dem Wege geräumt i(t. So erfcheint in jeder Beziehung, innerlich 
und formal, das rheinifdisfranzöfifche Rcdit um diefe Zeit fiegreidi und wohl- 
erhalten; nur in bezug auf die Gemeindeordnung hatten wir eine erfte, etwas 
mehr als formale Einbuße feltzujtellen; fon(t ijt fein Beftand, zum er(ten Male 
feit jo Jahren, nidit einmal mehr angefochten, mit einer Ausnahme. 

Diefe bedcutfame Ausnahme bildet das Strafgefetzbuch, für das ja fchon 
der Minifterialbcfchluß vom 7. Februar 1839 fehr entfchieden und danach dann 
auch nidit undeutlich der Landtagsabfchicd von 1839 ihre Vorbehalte gemadit 
hatten. Auch da freilich fehlt es nicht an Verfudien, die Reform auf die alten 
Provinzen zu befchränken oder wenigftcns für die Rheinlande ein befonderes 
neues Strafgcfctzbudi, neben dem für die Altlande ausgearbeiteten, als wüna 
fdienswert hinzu(tcllen, wie das noch am 18. März 1847 in feiner Denkfchrift 
Ruppenthal verfochten hat, unter nachträglicher Zuftimmung des Staatsrats» 
Kommiffionsmitgliedcs C. v. Voß.^) Die überwältigende Majorität der preu= 
ßifdien Staatsmänner und die maßgebende Stelle hat aber ftets an 
der Einficht unerfdiüttcrlich fcftgehalten, daß auf dem Gebiete des Straf« 
rechts mindeftens die Einheitlichkeit unerläßlidi ift, daß alfo das neue Straf» 
gefetzbudi für die gefamte Monarchie werde ergehen muffen, ja gerade in dicfcr 
feiner vereinheithdienden Wirkung feine Hauptbedeutung liege. 

Der Entwurf dazu, von dem man unter Friedrich Wilhelm IV. ausging, 
war nidit mehr der von v. Kamptz herrührende, fondern ein wefentlich vcr» 
beffcrter, der 1843 veröffentlicht und mit dem zugehörigen Entwürfe eines 
Kompetenzgefetzes den 1843 verfammelten Provinziallandtagen, darunter auch 
dem ßcbenten rhcinifdien Landtage, zur Begutachtung vorgelegt wurde. Darin 
waren die politifdi=reaktionären Be(timmungen v. Kamptzfchen Urfprunges 
ausgefdiiedcn, jedoch leider md\t ebenfo die dorther (tammenden polizei» 
lidien Be(timmungen, auch leider nicht ganz die Möglichkeit körperlicher 
Strafen, fowie die Bedeutung des Standesunterfchiedes für die Strafart. Die 
ganze Faffung war noch vorwiegend landreditlidi=kafui|tifch, audi fon|t das 
Syftem und die Durdiführung genau vorgefchriebener Strafzumeffungsgründe, 
fowie die Strafbarkeit foldier Scxualexzeffe, die man längfl nur noch als moralifdic 
Verfehlungen anzufehen gewohnt war, den Rheinländern fremdartig. Dennoch 
hätten diefe andererfeits audi manche Vorzüge darin finden können, als feftere 
Begriffsbeftimmungen, vielfadi mildere Strafen, Befeitigung der Vermögens» 
konfiskation und der öflFentlidien Ausftellung, Aufnahme der polizeilichen 
Aufficht aus dem Code pcnal. Wenn man all dies überfah und nur gegen den 
Entwurf in ftarker Erregung Stellung nahm, fo konnte man dafür eigentlich 
nur einen fadilichcn Grund anführen, daß nämlich durch die Strafmilderung, 

^) Bezeichnender Weife fügt dicfer feinem Votum bei, er halte (ich überzeug:t, „daß es 
allen Sträubens ungeaditet doch dazu kommen wird''. Vielleicht hätte er ohne die Umge* 
f^altung der nachmärzlichen Zeit, die das StGB, den Rheinländern annehmbar madite, Red)t 
behalten, nach allen bisherigen Analogien zu fchließen. 

Die Rheinprovinz 1815 — 1915. 12 



178 IV. E. Landsberg, Das rheinische Recht und die rheinische Gerichtsverfassung □ 

die zugleidi die Kompetenzen verfdiob, die Zuftändigkeit und Tätigkeit der 
Gefdiworenengeridite wefcntlidi zugun(ten der mit Jurilten befetzten Dis» 
ziplinarkammern eingefdiränkt und fo unter der Hand ein Inftitut, das nun 
einmal als juri(tifdies und politifdics Palladium galt, wenn nidit ganz unter« 
drüdtt, fo dodi zu geringerer Bedeutung hcrabgedrüdit werden follte oder würde. 
So beredinet Ruppenthal, daß, während die Gefdiworenengeridite tatfädilidi 
von 1819 bis 1845 im ganzen 10354 Fälle beurteilt haben, ihnen davon nur 
3584 vorgelegt worden fein würden, wenn da fchon das neue Redit (nämlidi 
des umgearbeiteten Entwurfes von 1845) gegolten hätte. An dem damit 
Hand in Hand gehenden Gewinn der Strafmilderung aber hatte man 
deshalb ein geringes IntereJTe, weil man fidi diefer auf dem Gnadenweg 
ohnehin zu erfreuen gewohnt und gefidiert war. Sidierlidi waren 
jedoch derartige fadilidie Erwägungen damals überhaupt nidit mehr das 
Entfdieidendc, wie fie es früher, dem alten preußifdien Redit gegen» 
über, ebenfo zweifellos gewefen waren. Jetzt i(t entfdicidend der poli«» 
tifdie Geift der Zeit, der jede Maßregel der abfoluten Monardiie mit Miß- 
trauen und Abneigung anfleht, der in den reditlidien Einriditungen nur die 
politifdie Bedeutung würdigt, der überhaupt von preußifdien Gefetzen und 
Einriditungen nidits wiflcn will, bevor nidit eine nationale und liberale Um« 
geftaltung des Staats in feinen Grundlagen durdigeführt wäre. Wenn man 
fpäter oft alle Zeitabfdinitte durdieinander geworfen und den Rheinländern den 
Vorwurf blinder Abneigung gegen alles Preußifdie und blinder Vorliebe für 
die fremdländifdien Gefetze immer wieder unterfdiiedslos gemacht hat, fo 
mag das wohl daher rühren, daß die lauten Demon(trationen diefer letzten 
Zeit gegen das Strafgefetzbuch ein befondercs Auffehen erregt und fich dem 
allgemeinen Gedächtnifte tiefer eingeprägt haben, fo daß fidi dadurch ein 
durchaus einfeitiger und irreführender Eindruck fe|tgefetzt hat. Denn aller«» 
dings, daß diefe Demonjtrationen einen derartigen, ja fchon faft einen revo« 
lutionären Charakter an fich tragen, wird man z. B. gegenüber der berühmten 
Rhein», Fe(t« und Verbrüderungsfahrt von kölner Bürgern ^) nadi Düflcldorf 
vom 22. Juni 1843 nidit ganz leugnen können. 

Der Zweck diefer Fahrt war, dem rhcinifchen Landtage (der ja feit diefer 
Regierung feine Befdilüflc durch die Preffe veröffenthdien laflcn durfte) „zu 
danken für die herrlidien Verhandlungen, in denen er für die Erhaltung und 
Fortbildung des rheinifchen Rechts ge(tritten hat, indem der neue Strafgefetz- 
entwurf ein(timmig abgelehnt wurde''. Dabei hatte man auf dem Landtage 
fogar urfprünglidi den noch weitergehenden Vorfatz gehabt, überhaupt nidit 
in die Beratung diefes Entwurfes einzutreten. Dann aber hatte man denn doch 
diefe Beratung durch den damit befaßten Ausfdiuß, und zwar aufs gründlidifle 
durchgeführt, der Entwurf wurde dabei in Grundfätzen und Einzelheiten durch- 
aus umge(taltet und damit eine Art von Gegenentwurf gefchaffen, den der Land- 
tag dahin kennzeichnet, daß er an dem in der Provinz adoptierten Syfiem 
durchaus fefthielt, daß er aber nicht als Text, fondern nur als beiläufiger Umriß 
eines Strafgefetzes angefehen werden folle, das danach ausgearbeitet werden 
könnte. Diefen Gegenentwurf nahm der Landtag felbft in dicfem Sinne unvcr- 
Indert en bloc an und überreichte ihn, unter Beigabe von 30 PoOtlonen, die 
feine Hauptgrundfätze zufammenfaffen, durch Eingabe vom 1. Juli 1843 der 

') Die angegebene Zahl fchwankt zwifchen 1800 und 800; fef^f^eht, daß zwei Dampf- 
fdtiffc von ihnen angefüllt waren; vgl. auch Hänfen, Meviffen I, 296. 



Q Viertes Kapitel (1840-1855), Strafgesetzbuch 179 

Krone. Die Eingabe führte dabei aus, an fleh fei für die Rheinlande, gegenüber 
der voll(ländigen übcrcin(timmung des Code pcnal mit den Sitten, Gewohn- 
heiten und Reditsverhältniffen der Provinz, keinerlei Bedürfnis nadi einer neuen 
Gefetzgebung vorhanden. „Die Herbeiführung übereinflimmcnder Strafgefetzc 
für die gefamten Teile der Monardiie fdieint allerdings eine Rückfidit zu fein, 
weldic für die einzelnen Provinzen felbfi da maßgebend fein muß, wo [le nur durdi 
einige Opfer erkauft werden kann." Die hier verlangten Opfer erfdiienen aber 
offenbar dem Landtage gar zu hodi; er fchließt mit der cinftimmigen Bitte: 
„daß Ew. Majeftät in Gnaden geruhen wollen, die Einführung des mit« 
geteilten Entwurfes in der Rheinprovinz nidit zu befehlen, dagegen aber 
AUcrgnädiglt zu verordnen, daß unter Zugrundelegung der rheinifdien 
Gefetzgebung und der betreffenden Beratungsprotokolle des fiebenten 
rhcinifchen Landtags ein neuer Entwurf des Strafgefetzbuches aus- 
gearbeitet, foldier den rheinifdien Geriditen zur Begutaditung, der Preffe 
zur Veröffentlidiung und fodann einem künftigen Landtage zur Prüfung 
vorgelegt werde." 
Fa(t un verhüllt wird hier der Anfprudi aufgcjtellt, daß, wenn gleidie Straf» 
beftimmungen für den ganzen Staat aufgeßiellt werden follen, dabei das rheinifdi« 
franzöfifdie Redit das Vorbild abgeben foll. Und fo i(t es denn audi, wennfchon 
nur in allmählidier Annäherung und vollfländig cr(t nadi einer tiefen Staats« 
Umwälzung, gekommen. Der Landtagsabfd^ied vom 30. Dezember 1843 
freilidi hielt den Ständen redit energifch das Mißfallen vor, mit dem der König 
„den Mangel unbefangener und vorurteilsfreier Prüfung" bei der Beratung 
des Strafgefetzbudientwurfes wahrgenommen habe. Audi wei(l er den Plan, 
„einen neuen, auf der franzöfifdicn Gefetzgebung gegründeten Strafgefetzentwurf 

ausarbeiten zu laffen, umfoentfchiedenerzurüdi, da Wir es Uns zu einer Haupt» 

aufgäbe geftellt haben, deutfdies Wefen und deutfdien Sinn in jeder Riditung 
zu (tärken". Das ändert aber nidits daran, daß tatfädilidi infolgedeffen eine 
abermalige gründlidic Umarbeitung des Entwurfes vorgenommen wird und 
daß nun die umgearbeiteten Entwürfe von 1845 und von 1847 in wadifendem 
Maße den rheinifdicn Anfprüdien Redinung tragen. Bereits 1845 find körper» 
lidie Züditigung und Einfluß der Standesunterfdiiede auf die Strafart ganz 
befeitigt, die allgemeinen Strafzumeffungsgründe ganz aufgegeben, die Polizei» 
vergehen von den fon(tigen Delikten ausgcfdiieden und (wie heute nodi in 
unferem Strafgcfetzbudi) in einem letzten Abfdinitt unter der Bezeidinung als 
„Übertretungen" zufammengejtellt. Während da aber nodi der allgemein» 
altpreußifdie Charakter fonjt gewahrt i|t, liegt die Sadie zum Teil felb(t in 
dicfer Beziehung fdion anders bei dem Entwürfe von 1847, zu deffen Aus» 
arbeitung auf Ruppenthals Drängen vier rheinifdie Juri(ten zugezogen worden 
waren. So i(t ein Gefetzesvorfdilag gemifdbten Charakters zuftande gekommen, 
der namentlidi audi im befonderen Teile viel Franzöfifdies enthielt, ohne dodi 
allen Forderungen der rheinifdien Jurijten zu entfpredien. Außerdem hatte 
man merkwürdiger Weife die Vermögenskonflskation und die körperlidie Züdi» 
tigung dodi wieder, wennfdion letztere nidit als Strafmittel, fondern als Straf» 
fdiärfungsmittel, aufgenommen. Indeffen wurden diefe Verfchlediterungen bei 
der Beratung durdi die Vereinigten (tändifdien Ausfdiüflc wieder ausgefdiieden. 

1) Ihm !{% eine treffliche Denkfchrift beigegeben, die in überzeugender VX^eife für den 
Entwurf eintritt; die Unterfdiriften von v. Savigny und Mühler tragend, fdieint fie nadi 
dem Stil von erfterem herzurühren. 

12* 



180 IV. E. Landsberg, Das rheinische Recht und die rheinische Gerichtsverfassung a 

In diefem Vereinigten (tändifchen Ausfdiuß fchicn nun endlidi das Organ 
gefunden, durdi das man, ohne kabinettsmäßige Oktroyierung, den rheinifchen 
Provinziallandtag und feinen Widerfprudi umgehen und diefen Entwurf zur 
Gefctzeskraft befördern konnte. Von den poHtifchcn Parteien zum Teil lebhaft 
angegriffen, namentlidi von den rhcinifdien Liberalen fdiarf getadelt, aber von 
V. Savigny als Regierungsvertretcr erfolgreidi verteidigt und von vielen Depu« 
ticrten aus den alten Provinzen freudig begrüßt, fdiien hier der Entwurf zu 
zuftimmender Verabfdiiedung kommen zu muffen, befonders nachdem dem 
Drängen der Rheinländer audi nodi darin nachgegeben worden war, daß außer 
fonftigcn Abänderungen die Dreiteilung in Verbredien, Vergehen und Ubcr= 
tretungen in ihn, nach Analogie des Code, eingeführt wurde, und nachdem ferner 
den Altländcrn das Vcrfpredien gegeben worden war, es werde alsbald die 
Einführung des öffentlidien und mündlidien Strafverfahrens in allen Provinzen 
damit verbunden werden. Nun war der Entwurf durchweg zu(timmend durch« 
beraten, und es be(landen bei der altländifdien Majorität eigentlidi keine prin= 
zipiellen Bedenken mehr gegen ihn; da gelang es den Rheinländern doch nodi, 
ihm im letzten Augenblicke einen Strick zu drehen, aus dem Mißtrauen, mit 
dem man damals Regierungszufagen durchweg gegenüberftand. Es wurde 
(mit 60 gegen 38 Stimmen) am 4. März 1848 der Antrag angenommen, daß 
mit der Erhebung des Entwurfes zum Gefetz fo lange gewartet werden möge, 
bis jene verheißene neue Kriminalordnung von dem Vereinigten Landtage 
beraten fein werde. 

So kam CS, daß die Vorlage unerledigt in die Periode der Märzftürme 
hineingelangte; felbfiverftändlidi blieb fie darauf liegen, bis diefe fleh etwas ver» 
brauft hatten. Da wurde nun neben den leitenden Miniftern, den Rheinländern 
Hanfemann und Camphaufen, zuerft der Minifterialdirektor Bornemann, der als 
fortfdirittfreunlich bekannt war, mit dem Jultizminiftcrium an Stelle von Uhdcn 
und von v. Savigny betraut, wohin er eine Reihe von Rheinländern zu feiner 
Unterftützung zu fidi berief (u. a. den uns bekannten Appellationsgerichtsrat 
von Ammon) ; fodann wechfelten rafch die Mini(terien Märker, Kiskcr, Rintclen, 
bis endlidi, unter fchon etwas beruhigten Verhältniffen, der bisherige Kölner 
Generaladvokat Simons (gebürtig aus Elberfeld) am 11. April 1849 mit dem 
Ju(tizmini(terium betraut wurde. Obfchon er keineswegs als Vertrauensmann 
der Kammer, fondern eher als bcfonnener Politiker und Juri(t, von demVer» 
trauen des Königs getragen, berufen war, hatte er doch aus feiner rheinifchen 
Zeit her die öffentliche Meinung der Provinz für fich und die Zuneigung zu 
den rheinifchen Einrichtungen trotz politifch konfervativercr Überzeugungen 
in pich, ihm war es daher nun vergönnt, eine Umarbeitung des Entwurfes von 
1847 vorzunehmen, die im wefentlichen unverändert Gefetz werden folltc. 
In dem ganzen Sy(tem und in zahlreichen Einzelheiten, in der nunmehr grund« 
legend gewordenen Dreiteilung der Delikte nidit nur, fondern in den Lehren 
vom Verfuchc, von der Teilnahme, von den Strafausfchlußgründen, ferner in 
der Geftaltung der Sonderbeftimmungen über Hoch» und Landesverrat, über 
Verbrechen in bezug auf Ausübung der (taatsbürgcrlichen Rechte und zahlreichen 
Einzelheiten fonft folgt feine Ausarbeitung durchweg dem Code penal. Diefe 
Bcftimmungen wurden ja nun zwar zum Teil von dem wieder recht konfcr« 
vativ gewordenen Haufe der Abgeordneten bei der dortigen Durchberatung den 
preußifchen Clberlieferungen wieder etwas angenähert; im ganzen war es aber 
doch ein (^ark ans rhcinifch-franzöflfd^c Recht angelehntes Werk, das nach am 



n Viertes Kapitel (1840—1855), Wechselordnung, Obertribunal 181 

14. April 1851 erfolgter königlicher Sanktion am 1. Juli 1851 im ganzen Uma 
fange der Monarchie als Strafgcfctzbudi in Kraft trat, um fpäter auch zur Grund» 
läge des Strafgefetzbudies für den Norddeutfchen Bund und des Deutfchen 
Strafgefetzbuches zu werden. 

Diefes Strafgefetzbudi von 1851 (teilt alfo einerfeits, inhaltlich, die weitcft» 
gehende Eroberung dar, welche dem franzöfifchcn Recht in Gefamtprcußen 
gelungen i(t, nicht nur in bezug auf einzelne auch aus anderen Quellen herleite 
bare, allgemeine Grundfätzc, fondern bis in Einzelheiten hinein, bis auf wörtliche 
Übernahme von Definitionen und Tatbe(tänden. Es ftellt aber eben darum 
auch andererfeits die weiteftgehende Eroberung dar, die dem preußifchen Redit 
formal im Gebiete des rheinifch=franzöfifchen Rechts gelungen i|t. Mit ihm ift 
der Code pcnal als er{tcs der fünf großen franzöfifchcn Gefetzbüdier aus dem 
im Rheinlande gültigen Rcdit voll(l:ändig verfchwundcn. Daß man damit, in 
bezug auf Rechtseinheit nidit nur, fondern auch in bezug auf Güte des Redits, 
trefflich fuhr, konnte damals und kann heute nidit bezweifelt werden. 

Außerdem verloren damals ihre Gültigkeit die wedifelrcchtlidien Abfchnitte 
des Code de commerce, zugunften der Wechfelordnung, die im wefentlichen 
gleichfalls heute noch in Kraft fteht. Sie wurde in Preußen eingeführt durdi 
die Verordnung vom 6. Juni 1849 und das Gefctz vom 15. Februar 1850, i(t 
aber bekanntlich ihrem Inhalte und Urfprunge nach ein Erzeugnis nicht fowohl 
der preußifdien, fondern der gemcindeutfchen Gefetzgebung. War fie doch, 
freilich im Auftrage des Zollvereins von Preußen angeregt, in einer Konferenz 
zu Leipzig beraten worden, zu der fämtlidie deutfchc Staaten eingeladen waren, 
und als Reichsgefetz auf Befchluß der Frankfurter Nationalverfammlung durch 
den Reichsvcrwefer Erzherzog Johann am 26. November 1848 im damaligen 
Rcichsgefetzblatt verkündet worden. Daß man gegen ein fo entjtandcnes Gefetz, 
wenn es nun zu (taatsreditlich zweifelsfreier Gültigkeit in der ganzen preußifdien 
Monarchie durch deren Gefetzgebung gelangte, auch in den Rhcinlandcn nichts 
einzuwenden haben konnte, ijt cinleuditend. Man konnte nun audi hier der 
gewonnenen deutfchen Rechtseinheit wcnigftcns auf dicfem engen, aber ihrer 
offenbar befonders bedürftigen Gebiete fich erfreuen und zugleidi darin das 
einzige, zu voller Lebenskraft durdi gerettete Stüd aus dem großen Frankfurter 
Nadilaffe ehrenvoll begrüßen. 

Dagegen empfand man es im Rheinlandc hödi(t peinlidi, daß Artikel 92 
der vereinbarten Verfaflung vom 31. Januar 1850 den Grundfatz auf(telltc: 
„Es foll in Preußen nur ein oberfter Geriditshof be(tehen." Hier zeigte (Ich 
einmal, wie viel mäditiger ein Parlament, in dem die Vertretung der rheinifchen 
Sonderintereffen durch die übrigen Abgeordneten einfach majorifiert werden 
konnte, denn doch zur Überwindung diefer Intereffcn war, als die alte, fchcinbar 
fo viel machtvollere abfolute Monarchie, vor oder gar nach Einführung der 
Provinzialftände. Trotzdem die Rheinländer, allen voran die Abgeordneten 
von Ammon und Rcichenspcrger, aufs eifrig(te für Erhaltung des rheinifdien 
befonderen Revifionsa und Kaffationshofes in Berlin eintraten, obfdion fie leb* 
haft gegen die Verletzung der Stimmung in der Rheinprovinz protestierten 
und die Befürditung betonten, daß das rheinifdic Recht an einem einheitlidien, 
es nur mitumfaffcnden oberften Geriditshofe „in eine fekundäre Rolle ge- 
drängt" werden würde, ging dodi jener Artikel 92 durch und fand fogar fchon 
verhältnismäßig rafdi feine Ausführung, nämlidi durch das Gefetz vom 17. März 
1852, durch das formal jenes rhcinifchc oberfte Geridit und das alt=preußifdic 



182 IV. E. Landsberg, Das rheinische Recht und die rheinische Gerichtsverfassung n 

Obcrtribunal „vereinigt'', tatfächlidi jenes diefem angegliedert Nwurdc, wie fdion 
die Beibehaltung des letzteren Namens für die Gefamtin|titution finnfällig 
dartut. Jedodi kann davon nidit die Rede fein, als ob das neue „Obertribunal" 
dem rheinifdien Redit und feiner Pflege weniger geredit geworden wäre; in 
diefer fadilichen Beziehung haben {id\ die Befürditungen der Rheinländer als 
ungerechtfertigt crwiefen. 

1(1 hiermit die Li(tc der Verlu(te fdion abgefdiloffen, mit denen das rheinifdi= 
franzöfifdie Redit und die rheinifdie Geriditsverfaffung, und zwar audi nur 
auf ihren formal=äußerlidien Geltungsbeftand hin betraditet, aus den rcvo= 
lutionären Wirren hervorgingen, fo müflen ihr nunmehr die Gewinne gegen« 
übcrgejtcllt werden, die damals zum Teile dauernd, zum Teile frcilidi nur auf 
kurze Zeit der rheinifdien Redits= und Geriditsverfanung zugute kamen. Als 
dauernder Gewinn erfdieint da vor allem die Wiederherftellung der reinen 
Zivilehe im Bergifdicn durdi das Gefetz vom 15, April 1848 und die vollftändige 
Befeitigung des verhaßten Gcfetzcs vom 6. März 1821 nebß; allen feinen Nadi= 
trägen und feinem Zubehör i) durdi ein anderes Gcfetz vom gleidien Tage. 
Als Errungcnfdiaften höherer Ordnung fmd in demfelben Sinne zu verzeidinen 
die Garantien betreffend riditcrlidie Unabhängigkeit, Unabfetzbarkcit und 
höd^It erfdiwerte Verfetzbarkeit, die durch Artikel 86 f. der Verfaffung fe(tgclegt 
und durch das Gefetz betreffend die Dienftvergchcn der Riditcr vom 7. Mai 
1851 weiter ausgebaut wurden. Im hödijtcn Sinne aber würde man vicireicht 
das ganze Vcrfaffungswerk als aus der rheinifdien Sinnesart und Reditsauf« 
faffung hervorgegangen, befonders nodi in feinem belgifdien Vorbilde als durdi 
die Rheinlande den preußifchen Gcfamtlanden nahcgebradit und zugeführt 
bezeichnen dürfen. Das würde freilidi in viel höherem Grade von den urfprüng« 
liehen Verfaffungscntwürfen der frühmärzlichcn Zeit, als von der endgültigen 
Geftaltung gelten, wie fiß durdi das Gcfetz vom 7. Mai 1853, betreffend die 
Bildung der erften Kammer, in der Hauptfaches) ihren Abfdiluß fand. Von 
den zwifchcnliegenden konfervativ umgeftaltcnden Maßregeln wurde namentlidi 
die Aufhebung des Fideikommiß=Errichtungsverbots, das nodi in Artikel 40 
der Vcrfaffung vom 31. Januar 1850 gegen den Wunfeh des Königs (die einzig 
abgelehnte der fogenannten 15 Propofitionen vom 9. Januar 1850) erhalten 
geblieben war, in den Rheinlandcn politifch wie jurij^ifch peinlich empfunden. 

Wir gelangen damit endlidi unter den rheinifdien Einzelgewinn(ten zu 
denjenigen, die nur vorübergehend gewefcn fmd/ indem fic ganz oder teilweife 
alsbald wieder zurückgenommen wurden. Hierher wird man vor allem die 
Gemeindeordnung vom 11. März 1850 (teilen' muffen, deren kapitali(lifche und 
fclb(tverwaltungsfreundliche Tendenzen den Wünfdien der Rheinprovinz 
befonders entgegenkamen, während freilich gleichzeitig mit der franzöfifdien 
Mairievcrfaffung voIl(tändig aufgeräumt wird. In beiderlei Beziehung ift 
dann, che es audh nur zur voll(tändigcn Durchführung diefes Gcfetzcs gekommen 
war, der Rückfchlag erfolgt durdi die Si(tierung und Aufhebung diefes Gcfetzcs 
(Verordnung vom 19. Juni 1852 und Gcfetz vom 24. Mai 1853) und endlidi 
durch die feit 1854. (Ich anfdilic(3cndc Wiedereinführung der nur wenig abge- 
änderten Gcmelndeordnung von 1845, abgcfchloffcn vermittels des Gcfetzcs 

•) Immerhin fpMter wieder zum Teile herge(^ellt durch die Gefetze vom 21. Mai 1852 
und vom 25. April 1857; f. weiter unten. 

") S. weiter unten wegen des Gefet2es vom 24. Mal iSyj, das Art. 105 der Verfaffunj 
•uffchobcn hat. 



D Viertes Kapitel (1840—1855), Erfolge und Rückschläge 183 

bctreflFcnd die Gcmcindcvcrfanung in der Rheinprovinz vom 15. Mai 1856, 
fowie der rheinifdicn Städteordnung von dcmfclben Datum. Die fo lange 
erfolgreidi und auch bei diefer Gelegenheit wieder, aber vergebens, von den 
rheinifdicn Abgeordneten verfoditene Gleichftellung von Stadt* und Land» 
gemeinden war damit endgültig befeitigt und gerade das aus dem franzöfifdi» 
rhcinifdien Syjtem erhalten, was daraus mit Redit allezeit Tadel gefunden hat: 
die MairieverfafTung an Stelle der preußifdien Magi|tratsvcrfa(lung. 

Sodann gehört hierher die fogenannte Habeas=Corpus=Akte vom 24. Sep«> 
tember 1848 und ihre Revifion durdi das Gefetz zum Schutze der perfönlichen 
Freiheit vom 12. Februar 1850. Erfterc Akte hatte, in Anlehnung an das von 
den rheinifchen Ständen auf Hanfemanns Anregung hin Geforderte (vergl. oben 
Seite 175), die Durdiführung der im Intereffe des Strafprozeffes und der Polizei 
unentbehrlichen Frcihcitseinfchränkungen nicht nur in bedcnklidier Weife an 
das Vorliegen eines richterlichen Befehls gebunden, fondern namentlich audi, 
im Sinne der franzöfifdisrheinifchen Trennung zwifchen Juftiz und Verwaltung, 
lediglich dem Richter und der unter deffen Leitung flehenden gerichtlichen 
Polizei zugewiefen. Demgegenüber führte das Gefetz von 1850 unter Vor» 
fichtsmaßrcgcln, die im wefcntlichen den nodi heute auf Grund unferer Straf- 
prozeßordnung gültigen entfpredien, wieder erweiterte Möglichkeiten der Ver» 
haftung und Hausfudiung, und zwar unter Mitwirkungsmöglidikcit aller Polizei- 
beamten ein, fo daß der Abgeordnete Peter Reichcnsperger dagegen vom Stand- 
punkte des rheinifchen Redits aus lebhaften Einfpruch zu erheben für erforderlich 
hielt. Aus diefen beiden Gefctzen hat fich bis heute noch in unmittelbarer 
Geltung erhalten die von ihnen gcfchaffcnc, bis dahin den Rheinlanden als 
gefetzliche Einrichtung fremde Schutzhaft in Fällen, wo die polizeilidie Ver- 
wahrung zum Schutze des Verwahrten fclbjl erforderlich crfdjeint. 

In ähnlichem Vcrhältniffc zueinander, wie die beiden zuletzt erwähnten 
Gefetze von 1848 und 1850, ftehen auch wieder die Vorfchriften der Verord- 
nungen vom 6. und 15. April 1848, die für politifche und Preßverbrechen in 
dem Bezirke des AppellationsgeriÄtshofes Köln die Gefchworenengerichts« 
barkeit einführen, einerfeits und der Gefetze vom 25. April 1853 fowie vom 
6. März 1854 andercrfeits. Das Gefetz vom 25. April 1853 weilt die Unter* 
fuchung und Aburteilung in allen Fällen von Hoch- und Landesverrat, von 
Täthdikeitsverbredien gegen den König oder gegen Mitglieder des königlichen 
Haufes und von (trafbaren Handlungen gegen befreundete Staaten ausfchließlich 
dem Kammcrgerichtc zu, eine Maßregel, die fogar nodi 1867 auf die neuer- 
worbenen Landesteile ausgedehnt worden i(t, wie fic auch fdion ausdrüd<lidi 
in Paragraph i des Gcfetzcs von 1853 „für den ganzen Umfang der Monardiic" 
angeordnet wird. Daß darin zugleidi, wenigjtens zum Teil, eine Wiederher- 
(tellung des Gefetzes vom 6. März 1821 liegt, ift unverkennbar; indeffen bleibt 
zu bedenken, daß inzwifdien audi der kammergerichtliche Prozeß ein münd- 
lidicr und öffentlicher geworden war, fo daß es fidi nur noch um eine wohl 
begreifliche Einfdiränkung der Gcfdiworenengeriditsbarkeit, nidit mehr um 
die gehäffige Hauptwirkung jenes Märzgefctzes handelte. Das Gcfetz vom 
6. März 1854 (^ßJl* diß gewöhnlichen Zupiändigkeitsverhältniffe für Preßdeliktc 
wieder her, fo daß dadurdi die bloßen Preßvergehen den Gefdiworenen wieder 
entzogen werden. Für die Geriditsbarkeit der Gcfchworencn über Preßdeliktc 
iß: dann ja fpäter derfelbe Streit wiedergekehrt und hat zu dem Kompromiffc 
in Paragraph 6 des Einführungsgefetzes zum deutfdien Geriditsverfafl"ungs« 



184 IV. E. Landsberg, Das rheinische Recht und die rheinische Gerichtsverfassung a 

gcfetze geführt, der die Preßdelikte nodi heute den Sdiwurgeriditen dort untera 
ßiellt, wo fie ihnen bis dahin landesgefetzHdi unter(tanden, während ihnen fon(t 
das Gcriditsverfallungsgefetz ein foldies „Privilegium" nadi wie vor, alfo auch 
in der Rheinprovinz, verfagt. übrigens hatten fie ja audi nadi rhcinifch=franzÖB 
fifdiem Redit vor 1848 kein foldies Vorredit befeUcn, fo daß es fidh hier nur 
um Wiederkehr des alten Rcditszultandes handelt. 

Wenigftens, wie man ohne weiteres wahrgenommen haben wird, bei allem 
politifdi bedingten Hin= und Hcrwallen der Tendenzen, eine gefetzesfdiöpfcrifdi 
überaus tätige und wirkungslu(tige Periode, die fidi da an die Jahre, in denen 
„nidits mehr gelingen wollte", audi kein Werk der unpolitifdicn Gefetzgcbung 
mehr, anfchließt! So ift denn audi in diefer Periode ein preußifch=rheinifches Ge= 
biet zu feinem Rcdit gekommen, das bisher, eine Art Afdienbrödel der Provinz, 
feinen veralteten gemeinrcditlidien Zivilprozeß 1) deshalb hatte mitfdileppcn 
muffen, weil das Hauptgebict fein fortgcfchritteneres Verfahren unberührt 
behauptete. Die Verordnung über die Aufhebung des Privatgerichtsitandes 
und des eximierten Geriditsftandes, fowie über die anderweitige Organifation 
der Geridite vom 2. Januar 1849, die für ganz Preußen Mündlichkeit und 
Offentlidikeit einführt, und die „Verordnung über die Einführung des münd= 
lidien und öffentlidien Verfahrens mit Gefdiworenen in Unterfudiungsfachen" 
vom 3. Juni 1849 erftreden fidi mit auf das Gebiet des Jultizfenats Ehren« 
breititein. Und außerdem ift dann nodi befonders durdi eine (fpäter kon|ti= 
tutionsgemäß beftätigte) Verordnung „über das Verfahren in Zivilprozeffen 
in den Bezirken (des Appellationsgeridits zu Greifswald und) des Juftizfenats 
zu Ehrcnbreit(tein" vom 21. Juli 1849 das dortige bürgerlidi=reditlidie Vcr= 
fahren wenig(tens etwas näher, wennfdion in kurzen und knappen Zügen, unter 
Anlehnung an das neupreußifdie Mufter geregelt worden. Seitdem wird es 
gefetzgeberifdi üblidi, weitere Einzelgefetze auf diefes Gebiet mitzuerftred<en, 
auch wenn fie das franzöfifch«rcditliche Gebiet nicht berühren follcn ; es befteht 
jetzt dafür die Formel : „für den ganzen Umfang der Monarchie unter Ausfchluß 
des Bezirks des Appellationsgcrichtshofes zu Köln", oder umgekehrt für 
Gefetze, die bloß das rhcinifch=franzöfifchreditliche Gebiet betreffen, die Formel: 
„für den Bezirk des Appellationsgerichtshofcs zu Köln". So wird wenig» 
(icns die ausdrüdihche Bezugnahme auf das frcmdländifche Recht vermieden. 



Fünftes Kapitel (1855 — 1879). 

Mit der Mitte der fünfziger Jahre i(t eine Art von Bcharrungszufland ein» 
getreten. Einerfeits hat das rheinifch«franzöflfche Recht feine befonderc, politifdi 
begründete Stoßkraft verloren; nur noch auf dem Gebiete der mit dem 
neuen Strafgefetzbuche befchäftigten Wiffenfchaft und Praxis betätigt es fie in 
überwiegender Weife, während es fon(l für Altpreußen nur in fachlidier, zwedt- 
dienlicher Erörterung als Element gefetzgeberifdien Fortfdiritts neben anderen 
Elementen und in innerer Vereinigung damit fortwirkt. Andererfeits denkt 
man in Berlin nicht mehr daran, es aus den Rheinlanden zu verdrängen, man 
hat fleh dort mit dem Dualismus des prcußifchen Reditslebens, wie er in den 
gegen Ende des vorigen Kapitels angeführten Formeln zum Ausdrucke 

Wcfcn dct Straf prozeljes f. oben S. 169 ff. 



D Fünftes Kapitel (1855- 1879), Konkursordnung 185 

kommt, abgefunden und nimmt ihn von nun ab als einen unabänderlich gzge= 
bcncn, wenn nidit eben freudig, fo dodi ruhig und fclb|tver|tändlidi hin. Sclb(t 
an eine Übertragung des Gefetzeswortlautcs in einen offiziellen deutfdien Text 
fdieint man nicht mehr die Hand gelegt zu haben. 

So begnügte man fidi damit, hier und da ganz untergeordnete, mehr 
formale oder technifche kleine Abänderungen herbeizuführen, z. B. durdi das 
Gefetz betr. das Verfahren bei Teilungen und bei geriditlichen Verkäufen von 
Immobilien vom i8. April 1855 oder durdi das Gefetz betr. Abänderung einiger 
Vorfdiriften über das geriditlidie Verfahren „in dem Bezirk des Appellations» 
geriditshofes Köln" vom 11. Mai 1855. ^n diefelbe Ordnung gehören auch die 
Gcfetze vom 25. Mai 1857, betr. Abänderung des franzöfifchen Expropriations» 
gefetzes von 1810, und vom 14. Juni 1859, betr. Verfchaffung der Vorflut, auch 
im Bezirke Ehrenbreitftein gültig. Dagegen i{t z. B. die Konkursordnung 
vom 5. Mai 1855 befchränkt auf die Teile Preußens,^wo Allgemeines Landrecht 
und Allgemeine Geriditsordnung gelten. 

Gerade letzteres i(t überaus bezeichnend. Es handelt fi«^ um ein anerkannt 
vortreffliches Gefetz, das die Grundlage unferer dcutfchcn Konkursordnung 
geworden ist, das nicht nur für Altpreußen eine neue Epoche herbeigeführt 
hat, fondern audi für die Rheinprovinz einen wefentlichen Fortfehritt 
gezeitigt haben würde, ohne allzu umwälzend zu wirken. \{i dodi bei ihm das 
Gute, das gerade hier zweifellos der Code de commerce bot, fo eingehend und 
augenfällig berückfichtigt, daß eben darum eine kleine Gruppe extremer Ultras 
konfervativer, unter Führung des berühmten Romani(tcn v. Keller, im preu= 
ßifchen Abgeordnetenhaufe dagegen auftrat. Diefer berief fich darauf, daß es 
„wieder eine Nachahmung franzöfifdier Einrichtungen und Vorfdiriften" ent- 
halte, worin man doch feit fieben Jahren, „zum Teil in Zeiten der Not und aus 
Not" weit genug gegangen fei. Hinter der „Überlegenheit des Gemeinver» 
(ländigen und der Vollkommenheit der Form" widerftrebe aber das franzöfifche 
Recht innerlich dem dcutfchcn Wcfen, das dadurch fchwer gefchädigt und gekränkt 
werde. Dagegen war nicht nur Simons für feinen Gefetzentwurf eingetreten, 
fondern auch v. Kellers alter Lehrer, der wahrlidi weder liberalificrende noch 
franzöfelnde frühere Bonner Profeffor und Kurator von Bethmann=Hollweg, 
fo daß das Gefetz denn fchlicßlich audi, unter Hinnahme einer Verfchlimm= 
befferung durch das Herrenhaus, mit 239 gegen 19 Stimmen zur Annahme 
im Abgeordnetenhaufe gelangte. Und tatfädilidi verdiente es diefe, wie auch 
die Folgezeit beflätigen follte, durdi innere Vorzüge, die eben darauf beruhen, 
daß nidit nur das Gute aus dem franzöfifdien Redit, zum Teil felbjt wörtlidi, 
übernommen i(t, fondern daß dicfcs auch mit prcußifch=rechtlichen und nament- 
lieh mit gemeinreditlichen Be(tandteilen, Anfchauungcn und Regeln zu einem 
wahrhaft neuen Ganzen zufammengcfchmolzen ift. Auch ift dabei ein jüngeres, 
natürlich in der Rheinprovinz nicht gültiges franzöfifches Verbeffcrungsgefetz 
(vom 28. Mai 1838) einfiditig verwertet, dagegen die Bezugnahme auf Befonders 
hciten des Allgemeinen Landrechts und der Allgemeinen Gerichtsordnung in 
(trcngcr Folgerichtigkeit vermieden. Trotzdem erhebt fich, weder von feiten 
der Regierung noch des Parlaments, weder von altpreußifcher noch von rhei» 
nifcher Seite her audi nur eine Stimme, die die Ausdehnung auf den Bezirk 
des Kölner Appellationsgeridits gefordert hätte ! Kaum daß die Motive in einem 
Abfatze von wenigen Zeilen bemerken: „Der Entwurf i(t zunächjt für die 
Landesteile beftimmt, in welchen das Allgemeine Landrecht und die Allgemeine 



186 rV. E. Landsberg, Das rheinische Recht und die rheinische Gerichtsverfassung d 

Gerichtsordnung gelten. Indclfcn i(l: die aus mchrfadicn Gründen fehr wün= 
fdienswcrte weitere Ausdehnung des Gcfetzes, namentlidi der Bc(limmungen 
über die Rechtsverhältni|Te im Konkurfe und über das Verfahren im kauf= 
männifdien Konkurfe, überall ins Auge gefaßt worden; audi hat bereits die 
Einleitung der zu diefem Zwecke erfordcrlidien weiteren Erörterungen (tatt» 
gefunden, deren Abfchluß jedodi zurzeit nodi nidit erfolgt ijt." Von einer 
Begründung, weshalb man von fofortiger Ausdehnung auf den Kölner Bezirk 
abficht, kein Wort, weder hier nodi in dem gründlichen Kommiffionsbericht nodi 
in den eingehenden Debatten. Audi hört man nidit, daß die „zu diefem Zwede 
crforderlidien weiteren Erörterungen" jemals zum Abfchluß gekommen wären, 
außer in dem geringen Umfange des Flickgefetzes vom 9. Mai 1859, das aller» 
dings in bezug auf einige Mißjtände Abhlife und Annäherung der beiden Reditsa 
gebiete aneinander fdiafft •). Abgefehen von diefcr Einzelheit aber ift im übrigen 
der Vorgang audi deshalb für uns befonders bemerkenswert, weil er zugleich zeigt, 
wie der Sieg des rheinifch=franzöfifdien Rcdits allmählich eine Art Pyrrhusfieg zu 
werden drohte. Abgefdinitten von der gefetzlidien Fortbildung des franzöfifdicn 
Rechts in Frankreich fowohl wie von der natürlichen Gemeinfdiaft der dcutfdien 
Rechtsentwicklung, (tand unfer Recht vor dem Sdiidifal, nadidem es anfangs 
dem preußifdicn Rcdit weit vorauf gewefen war, nun von diefem ebenfoweit 
überholt zu werden und fo, bei aller prächtigen Blüte, mangels nahrungfaugender 
Wurzeln zu verkümmern. Nur die befonders rührige und hingebungsvolle, 
gewandte und fortfchrittfrcundlichc Betätigung der rheinifdien Jurisprudenz, 
im Verein mit der dafür gün(tigen, lockeren Faffung der franzöfifdien Gefetze 
und der praktifdicn, gefetzlichen Gefinnung der Rheinländer, vermöchte dem 
für eine Weile vorzubeugen. Auf die Dauer wäre es wohl kaum vermeidbar 
gewefen. 

Einer Umgeftaltung kam nun aber audi der öffentlidic Gei(t der Rhein» 
lande allmählich entgegen. Man fühlt fich nidit mehr in bereditigten, kulturell 
unfchätzbaren Eigentümlichkeiten täglidi und (tündlidi bedroht; fo findet man 
allmählich für die juriftifdien Dinge Ruhe und Zutrauen zurüdi, felbft in jenen 
politlfch reaktionären Zeiten. So i(t es ein freilich nur ganz formaler, aber für 
den Kenner des örtlichen und rheinifchen Wefens doch audi innerlidi redit bedeut» 
famer Vorgang, wenn das Kölner Oberlandesgeridit auf feinen Wunfdi am 
6. September 1860 davon dispenflert wird, nach den Ferien jedesmal die Wieder» 
aufnähme feiner Tätigkeit durdi eine fcierlidie Sitzung feiner vereinigten Senate 
mit folennen Anfprachen auf franzöfifche Weife zu begehen; in foldien und 
ähnlichen Erfcheinungen mag man geradezu das Morgenrot der heranziehenden 
„neuen Ära" erblicken. 

Als den Fortfehritten diefer neuen Zeit entfprediend mag man es anfehcn, 
daß, während 1869 der rheinifche Großjährigkeitstcrmin von 21 Jahren gemein» 
prcußifcher wurde"), 1865 das preußifche Berggefctz und 1875 die preußifchc 
Vormundfchaftsordnung für die gefamte Monarchie, alfo cinfdilicßlich der Rhein- 
provinz und des Kölner Bezirks, unangefochten Gefetzeskraft erhielten. Er(teres 
Gcfetz i|t berühmt wegen feiner großzügig bergbaufreundlichen, die Privat- 
unternehmung anregenden und fördernden Gefinnung und wegen feiner, den 

*) Dab«l wurde fo^ar ausdrücklich ausgefprochen, daß einfache Ausdehnung des Gefetzes 
von iSm auf die Kheinprovinz untunhch fei. 

*) Gcfetz vom 9. Dezember 1869; bis dahin waren die Land- und Gemeinderechtier 
4 jähre fpitcr großiMhrig geworden, als die Kheinlünder. 



D Fünftes Kapitel (1855-1879), Fortschritte der Assimilation 187 

Werken franzöfifcher Gcfctzgeber ebenbürtigen, cinfadi=durchfichtigen, bequem 
handhabbaren FaJTung. Die neue Vormundfdiaftsordnung greift ja nodi weit 
tiefer ein in ein weitejten Volkskreifen naheliegendes, für ihr Wohl und Wehe 
alltäglidi bedeutfames und ihrer Beobaditung fidi aufdrängendes Rcditsgebict ; 
fie ijt dennodi gerne in den Rheinlanden angenommen worden, da fie den 
dortigen Bedürfniflcn und Gewohnheiten weit entgegenkommt, den altpreu« 
ßifdien behördlidien Bevormundungsgci(t überwunden hat und die Einriditung 
des Familienrates wcnig(tens fakultativ zuläßt. Andererfeits bietet fie denn 
dodi viel feftcre Regeln zugunftcn des Mündels als das franzöfifdie Vormund« 
fdiaftsredit, das durdi fie bei uns klang» und klaglos befeitigt wurde. Immerhin 
ein Fortfdiritt, wenn man fidi um 30—25 Jahre zurüd<verfetzt. 

Aber dodi nur ein fehr geringer Fortfdiritt, wenn man die Länge diefcr 
Zeit, er|t redit, wenn man die inhaltsfdiwere Bedeutung diefer Jahre ins Auge 
faßt. Und dodi ift mit diefen beiden Gefetzen (Berggefetz und Vormundfdiafts« 
Ordnung) alles von irgendweldier Bedeutung aufgezählt, was innerhalb diefer 
Jahre auf ftreng juriß:ifdiem Gebiete die preußifdie Gefetzgebung für die Rhein» 
lande und für die Vercinheitlidiung des preußifchen Redits gefdiaffen hat. 
Flickgefetzc wie die von 1855 und 1859 zählen da dodi kaum mit. Faßt man 
nur die ganz großen und widitigen Gefetzgebungs» und Reditsmaffen aus 
weitefter Vogelperfpektivc ins Auge, fo bleibt's dabei. Als Ergebnis von 64 Jahren 
der Zugehörigkeit zu Preußen haben wir bis zu Ende diefer Periode unfcrer 
Gefdiidite, bis 1879, das preußifdie Strafgefetzbudi von 1851, das innerlidi 
franzöfifdi oder rheinifdircditlidi i(t — und fonft nidits. 

Vielmehr war es er(t die gemeindeutfdie Gefetzgebung, die die Rhein- 
provinz aus dem Banne ihrer Vereinzelung löfen und zu der Einheit des natio- 
nalen, deutfdien Redits zurüdtführen follte. 

Darin war fdion, wie oben erwähnt, die Wedifclordnung 1849 voran« 
gegangen, an die fidi nun, in ähnlidier Weife der fadilidi gemeindcutfdien Ent« 
(tchung und der formal preußifdien Sanktion, das allgemeine deutfdie Handels« 
gcfctzbud» anreiht. Es erhielt für ganz Preußen Gefetzeskraft vom 1. Is/Iärz 1862 
ab durdi das Einführungsgcfetz vom 24. Juni 1861, das zugleidi eine Reihe 
von übergangsbe(timmungen trifft und dabei ausdrüd<lidi die beiden erjten 
Büdier des rhcinifdien Handelsgefetzbudies fowie die fämtlichcn in dem Bezirke 
des Appellationsgerichtshofcs zu Köln publizierten franzöfifdien Gefetze und 
Verordnungen über die Börfen und die Handclsmäkler außer Kraft fetzt, d.h. 
das ganze materielle Handclsredit, während die Vorfdiriften von Budi drei und 
vier, über den Konkurs 2) und über Kaufmannsgeriditc^), in Kraft bleiben. 

Diefe beiden Büdier des Code de commerce, ferner der Code de procedurc 
civile und der Code d'instruction criminelle verfchwinden vom rheinifchen Boden 
erft 17 undeinhalb Jahre fpäter, durdi eine Gefetzgebung, die nun nidit mehr bloß 
dem Inhalte nach gemeindeutfdi i(l, fondern audi nach der formalen Bezeichnung 
und nadi dem Urheber und Träger der Gefetzeskraft. Die Gefetzgebung des 
neuen Deutfdien Reiches tritt auf den Plan und betätigt fidi durdi die Gruppe 

*) Vielleicht noch zu nennen das Gefetz betr. Enteignung von Grundeigentum vom 
11. Juni 1874. 

*) Das franzöfifche Recht kennt, darin durdi das preußifche Recht von 1855 überholt, 
bekanntlich nur einen kaufmännifchen Konkurs, deshalb (teht feine KO. hier im Code de 
commerce. — Abändernd hier indeffen z. T. vwenigftens fchon Art. 50 f. des Einf.=Gefetzes. 

•) Letztere jedoch nur in ftarker Veränderung und Kürzung, vgl. Art. 47 des Einf.« 
Gefetzes. 



188 IV. E. Landsberg, Das rheinische Recht und die rheinische Gerichtsverfassung a 

der vier zufammengchörigen fogenanntcn Reichsju(tizgcfctze: Gcrichtsvcr= 
fadungsgcfctz, Zivilprozeßordnung, Strafprozeßordnung und Konkursordnung, 
mit gcfetzlidier Wirkfamkcit feit dem i. Oktober 1879. Ergänzend für das 
Gebiet der Immobiliarexekution tritt frcilidi nodi hinzu das preußifche Gefetz 
vom 4. März 1879, das diefe Gruppe ncb(t Ein= und Ausführungsgefctzen ver» 
vollftändigt. 

Danadi ijt von dem franzöfifdien Strafredit und Strafprozeß fo gut wie 
nichts mehr, von der franzöfifchen Zivilprozeßordnung im wefcntlichen nur 
noch das übrig, was auf die nicht ftrcitigc (fogenannte freiwillige) Gerichtsbarkeit 
fich bezieht. Der Übergang aber vollzog fich unter der fieberen Leitung des 
hervorragenden und geiftvollen Appcllhofpräfidenten Dr. Heinrich Heimsoeth 
um fo Iciditer, da natürlich die großen Grundfätze des rheinifchen Verfahrens, 
die längft Gemeingut geworden waren, audi dem neuen Recht zu Grunde lagen, 
als: Offentlidikeit, Mündlichkeit und Unmittelbarkeit, freie Beweiswürdigung, 
allfeitig fichergeftellte riditerliche Unabhängigkeit, Parteibetrieb im bürgerlidien 
und Anklageprinzip im kriminellen Verfahren. Ferner aber blieb audi der ganze 
äußere Bau der GeriditsverfalTung, wie er auf das Jahr 1819 zurückgeht, durdi« 
weg aufrediterhalten, wennfdion förmlich alle beftehcnden Gerichtshöfe auf= 
gelöft werden mußten : an Stelle des Appellationsgeriditshofcs tritt mit bloßer 
Namensänderung das Oberlandesgericht zu Köln mit j zjj 703 Gerichtsein« 
gefeffenen 1); die neun Landgerichte behielten diefclben Sitze, Bezirke und 
Namen wie die neun bisherigen; nur die unter(ten Geridite mußten fich eine 
[tärkerc Umgc(taltung gefallen laffen. Hier traten an die Stelle der zuletzt 127 
Fricdcnsgcridite, die mit je einem Friedensrichter bcfetzt waren, 108 Amts» 
gerichte, die mit 171 Amtsriditcrn befetzt und mit viel ausgedehnterer Zu« 
ftändigkcit ausge(tattet find. Außerdem wurde diefe Gelegenheit benutzt, um 
die Anomalie des „Juftizfcnatcs von Ehrenbreitftein" zu befcitigen. Er wurde 
nicht nur aufgelöft, fondern fein Bezirk in den des neuen Oberlandesgerichts 
Frankfurt a. M., wo ja gleidifalls gemeines Redit galt, verfchmolzcn, in der 
Weife, daß die Hauptbeftandteile unter das Landgericht Neuwied, die Stadt 
Wetzlar und deren Gebiet aber unter das Landgcridit Limburg traten. An 
den neu geftaltcten Amtsgerichten wird die Strafjuftiz ausgeübt durch die daran 
gebildeten neuen Sdiöffcngcrichtc, die jüngfte Errungenfchaft der Laien» 
bcteiligung bei der Strafgerichtsbarkeit, die das Rheinland von Often her 
empfängt, während für die Aburteilung der Verbrechen die Gefchworenen» 
einrichtung fich jetzt auf ganz Deutfdiland ausdehnt. Die alten rheinifdien 
Handelsgeridite''^) find zwar aufgehoben, im wefentlichen aber durch die Aus« 
gcftaltung befonderer Kammern für Handelsfachen an den Landgerichten erfetzt. 
Die an Stelle des Ministcre public getretene Staatsanwaltfchaft übernimmt 
voll die rühmlidien rheinifchen Überlieferungen ihrer Vorgängerfchaft für den 
Strafprozeß, muß fich aber auf fonftigcm prozeffualcm Gebiete (tarke Ein» 
fchränkung und als Juftizauffichtsbchörde vollftändigcs Ausfeheiden gefallen 
laffen. Die alten Gewerbegerichte (von 1846, vergl. oben S. 175) bleiben neben 
alledem als Sondergerichtc durch das Geriehtsverfaffungsgefetz ausdrücklich 
aufrechterhalten ($ 14 Nr. 4), wie flß auch in ihrem alten Beftande fpäter, als 

») AuBerdem wurde Ihm noch durch Staatsvertrag unterftellt die Oldenburgifche 
Enklave Birkenfeld, die gleichfalls rheinifches Recht hatte. 

') El gab ihrer zuletzt 9, wobei die Gleichheit diefer Zahl mit der der Landgerichte 
Icdoch nur auf Zufall beruht. 



D Fünftes Kapitel (1855—1879), Neue Gerichtsverfassung 189 

das Reichsgcfetz vom 29. Juli 1890 die Einriditung auf ganz Dcutfdiland aus« 
dehnte, auf Grund eines befonderen Vorbehalts beibehalten wurden, nur den 
neuen Bedürfniflen angepaßt durdi ein befonderes preußifdics Gefetz betr. 
die Königlichen Gewerbegerichte in der Rheinprovinz vom 11. Juli 1891. So 
hat fich diefes Inftitut bei uns wohl am zähejten erhalten, und fo konnte z. B. 
das Kölner Gewerbegericht 1) 1911 das hundertjährige Jubiläum feines nie ganz 
abgeriffencn, wennfchon vielfadi umgemodelten Bc{tandes feiern. 

Im ganzen hat man die immerhin tief eingreifende und nidit immer bequeme 
Änderung altgewohnter und altbcliebtcr Verhältniffe, die der 1. Oktober 1879 
den Rheinlanden brachte, wennfchon nicht geradezu freudig, fo dodi mit ruhiger 
Gelajfenheit und nationaler Befriedigung bei uns hingenommen. Der Riditer 
mochte vorübergehend verftimmt fein über die Vermehrung des Sdireibwerkes, 
befonders über den ungefügen „Tatbeftand", den ihm die neue Ordnung 
als Beftandteil jedes Zivilurteils aufnötigte; der Staatsanwalt mochte alte Macht= 
Vollkommenheiten und Einflüffe ungern entbehren; den alten Advokatanwälten 
mochte die junge Rechtsanwaltfchaft weniger gefallen als der bisherige, durdi 
glorreiche Überlieferungen gehobene, an franzöfifdie Mu|ter in politifdier und 
rednerifcher Hinficht immer noch anklingende Zu(tand; man konnte fchließlich 
denn aber doch von keiner Seite den Gewinn verkennen, den fchon der Anfdiluß 
an das große Staats= und Reichsganze brachte, nodi die mannigfadien EinzeU 
fortfchritte, die der neuen Gefetzgebung entfprangen. Für weitere Volkskreife 
trug wohl audi wefentlidi zur Befreundung mit den neuen Verhältniffen bei, 
daß in fie das alte Injtitut der Geriditsvollziehcr auf altem Fuße übernommen 
wurde, da der ,Huissier' („Hüsgen") eine einflußreidie und durchweg, trotz 
feines peinlichen Amtes, beliebte Perfönlichkeit war, mit dem der Vollftrcckungsa 
fuchende aus dem Volke als mit dem Vertrauensmanne feiner Wahl, ja felbft 
der Exequendus lieber als mit höheren Beamten und (taatlichen Bureaus umging 
und verhandelte. In diefer Beziehung dürfte die tiefgreifende Umgejtaltung, 
die da unter der Hand neuerdings für Preußen durch die Geriditsvollzieher« 
Ordnung vom j\. März 1900 vollzogen worden ift, als Fortfehritt in weiteren 
Kreifen der rheinifchcn Bevölkerung kaum empfunden worden fein. 

Im Gegenfatz zu allen diefen Umwälzungen hatte das crfte Jahrzehnt des 
neuen Deutfchen Reiches weniger Neues gebracht auf dem Gebiete der frei» 
willigen Gerichtsbarkeit, das der rhcinifdie Notar nach wie vor unbe(tritten 
beherrfchte; und auch auf dem Gebiete des materiellen Zivilrechtes fmd nur 
einzelne Eingriffe zu verzeichnen, wennfchon in nicht ganz geringer Zahl, fo 
dodi nicht gerade erfchütternder Art. Genannt fei die Ausdehnung der Zivilehe 
in leicht ymgeftalteter Weife auf ganz Deutfchland 1875; die Zins= und Wucher« 
gefetzgebung in Stoß und Gegenftoß durch die Gefetze vom 14. November 1867 
und vom 24. Mai 1880; das Reichshaftpflichtgefetz vom 7. Juni 1871. Es handelt 
fidi hier um eine Periode der äußeren Ruhe, während das große Werk des 
Bürgerlichen Gefetzbuches bereits feit 1874 vorbereitet wird. 

1) Vgl. Kölnifche Zeitung, 1911, Nr. 462. 



190 IV. E. Landsberg, Das rheinische Recht und die rheinische Gerichtsverfassung a 

Sechstes Kapitel (1880 — 1900). 

Da bis zum Eintritte der Reditsgültigkeit des Bürgerlidicn Gcfctzbudies 
für das Deutfdie Reidi nodi nadi 1879 zwanzig Jahre vergehen füllten, fo i(t 
CS gekommen, daß von der Gcfamtheit des franzöfifdien Rechts das materielle 
bürgerlidie Redit, der Code civil, fich Njceitaus am läng(ten, eben nodi diefe 
zwanzig Jahre länger als die übrigen Codes, bei uns in Wirkfamkeit behauptet 
hat. Das heutige Gefdiledit denkt daher, wenn des rheinifch=franzöfifdien Rechts 
Erwähnung gefchieht, mehr an den Code civil, als an das Verfahren und als 
an das Handelsredit, deren Vorzüge dodi befondcrs im Vordergrunde des 
Streites um das fremde Recht während des erften Halbjahrhunderts geftanden 
haben. Meinte man doch in den crftcn Zeiten, gerade in bezug auf das bürgcr= 
lidie Recht werde für dieübernahme des Allgemeinen Landredits keine Schwierig» 
keit ent(tehen. Inzwifdien aber hatte fich die Vorliebe für das rheinifch=franzö= 
fifche Rcdit ganz allgemeinhin audi auf den Code civil ausgedehnt, deHen Gemein« 
vcritändlidikeit. Kürze und Anpaßbarkeit an jedes neue Bedürfnis des Redits* 
lebens immer wieder gepricfen wurden. Gerade infolge diefcr Gcmeinvcr» 
Itändlidikeit waren eine Reihe feiner Einriditungen Gemeingut des Rechts» 
empfmdens im Volke geworden, in dem fic nun fdiwer entwurzelbar feftfaßen. 
Als man in die Vorarbeiten für ein gemeinfdiaftlidies Deutfdies Bürgcrlidies 
Gefetzbudi eintrat, madite fidi wiederum das alte Bemühen geltend, jenen 
Einrichtungen möglidift Berüdtfichtigung und Aufnahme in die neue Gefetz» 
gebung zu verfdiafFen; nur daß jetzt dafür nidit mehr, wie früher wohl 
gelegentlich, blinde Voreingenommenheit bei uns herrfdite, die Rheinprovinz 
aber nunmehr audi mit ihren fachlich berechtigten Wünfdien Unter(tützung 
fand an den außerpreußifchen Ländern des franzöfifchen Rcdits in Deutfchland, 
an Rheinheffen, Rheinbayern und Elfaß=Lothringen fowie an Baden. 

Freilich, daß das Grundbuchfyl^em für das Immobiliarrecht und ein darauf 
aufbauendes Hypothekarrecht werde angenommen werden müflcn und einen 
gewaltigen Fortfehritt für Reditsfidicrheit und Realkredit bedeuten würde, 
darüber konnte kein Zweifel beliehen. Es handelte fidi nur darum, es den viel« 
parzellierten rheinifchen Agrarverhältniffen anzupaffen. Zu dem Behufe war 
fchon weit früher und von echt rheinifdier Seite, von Peter Reichensperger, aus 
eigener Initiative ein Gefetzcsentwurf ausgearbeitet worden (1851), zu deffen 
gefetzlidier Durchführung es aber nicht gekommen war. Nun griff, zur Vor» 
Bereitung des einheitlichen deutfdien Rechts, die preußifdie Gefetzgebunghier^) 
cntfchieden, wennfchon zunäch(i noch mit fchonender Rückficht auf den Zu» 
fammenhang des rheinifchsfranzöflfdien Privatrechts, ein durch das Gefetz über 
die Veräußerung und hypothekarifche Bela(tung von Grund{tücken im Geltungs- 
bereich des rheinifchen Rechts, vom 20. Mai 1885, dem {\d\ das preußifche Gefetz 
über das Teilungsverfahren und den gerichtlichen Verkauf von Immobilien, 
vom 22. Mal 1887, anfchließt. Es i|t eine bcdeutfamc Umgeftaltung des ganzen 
Immobiliarrechts, die Rückkehr zu dem G rundbuch fy(tem der Kölner „Schrein» 
bücher", die uns dadurch zuteil geworden ift, in einer fo glücklidien Weife 
angelegt und gehandhabt, daß wir uns heute kaum mehr in die alten Ver« 
hAltnille — den Erwerb von Grundeigentum durch Privatkaufvertrag, die 
Menge der ftilifchweigenden Hypotheken, die Notwendigkeit je zehnjähriger 

') Für das landrechtllche Gebiet war die ModerniOerung des Grundbuch-Sy(lems fchon 
erfolgt durch das Gefetz vom f. Mai 1872. 



Q Sechstes Kapitel (1880-1900), Code civil 191 

Eintragungserneuerung und die verderblidie „Refiliationsklage" — zurück« 
denken können. Und der Übergang zum Immobiliarredite des neuen Gefetz» 
buches war damit aufs trcfflich(te vorbereitet, fo daß er fidi nun ganz ohne 
Störung und ohne allzulangen Auffdiub vollziehen konnte, auf Grund der 
überall in der Entftchung begriffenen, nur in der Arbeit von Jahrzehnten anleg» 
baren Grundbüdier. 

War über diefes Feld des rheinifdien Redits alle Welt von jeher einig 
gewefen, fo hatte fidi ein merkwürdiger Umfdiwung der Volks(timmung und 
der juriftifchen Anfidit vollzogen auf einem anderen, weit engeren, aber fchr 
augenfälligen und bezeidinenden Punkte : der Frage väterlid^er Alimentations» 
verpfliditung gegenüber unehelidien Kindern. Wie war man lange (tolz im 
Rhcinlande gewefen auf den Satz des Code vom Verbote der Vaterfdiafts« 
erforfdiung, wie hatte man deflcn falomonifche Weisheit gepriefen und wie hatte 
man fich für deflcn vollftändige Durdiführung eingefetzt, fogar fo weitgehend, 
daß man bei Vaterfchaftsklagen vor altpreußifchcn Gerichten meinte, die Redits^ 
hilfe weigern zu dürfen und zu müflen ! Offenbar war es eine Folge der Ver« 
tiefung fozialer Einfidit, wenn hier ein Umfchwung erfolgt war. Für die über» 
nähme des franzöfifdien Reditsgrundfatzes in das neue Recht ift man felb(t 
von den Rheinlanden her nur lau oder garnidit eingetreten und hat dann die 
entgegengefetzte Vorfchrift, als fiß hei uns in Gültigkeit trat, fogar durchweg 
freudig begrüßt. Die Ergebniffe find bekanntlidi fo erfrculidi, daß gerade das 
rheinifche Vorbild auf romanifdie Länder (zunäch(t Belgien) in demfclben Sinn 
hinübergewirkt hat. 

Dagegen fmd eine ganze Reihe rheinifdier Prinzipien fdion auf dem Wege 
über das Handelsgcfctzbuch in das neue Bürgerliche Gefetzbuch gekommen. 
Hierher gehört vieles für die freie, praktifche und billige Gejtaltung des Ver» 
tragsfchluflcs, des Vertragsinhaltes und der Vertragslöfung, ferner aber auch 
die Durchführung des Grundfatzes „Hand wahre Hand" im Mobiliarverkehr, 
eines altdcutfchen Grundfatzes, der im Code bekanntlidi unter dem Sdilagwortc 
durchgedrungen war: „En fait de meubles, la possession vaut titre." Dagegen 
hat man freilidi am Rhein lernen muffen, zwifdien Kauf und Eigentumserwerb 
auch bei Mobilien unterfcheiden, eine etwas abftrakte und theoretifierende 
Sonderung, die feßizuhalten dem Rheinländer immer wieder fdiwer fällt; auch 
macht fidi allgcmeinhin in Deutfchland feit einigen Jahren eine gewifle Neigung 
geltend, im Rückfdilage gegen diefe Sonderung, deren hauptfädiliche praktifdie 
Wirkung — Trennung der Anfechtbarkeit von obligatorifchen und dinglichen 
Gefchäften — praktifdi durdi Ausdehnung desfelben Anfechtungsgrundes auf 
beide Gefchäfte aus dem Wege zu räumen. 

Auf dem Gebiete des Familienredits konnte man bei Abfaffung der Ent« 
würfe zu dem neuen Gefetzbuche dem rheinifchen Reditsbedürfniffc und der 
rheinifchcn Rechtsgewohnheit ohne weiteres für den Punkt des ehelidien Güter» 
ftandes entgegenkommen, nadidem man das Syftem mehrerer in das Gefetzbuch 
aufzunehmender, den Eheleuten zur Wahl freiftehender Güterjtände ange» 
nommen hatte. So i(t freilich nicht das ordentlidie gefetzliche Güterredit des 
Bürgerlichen Gefctzbudies rheinifchen Urfprungs, wohl aber die daneben ange» 
botene, durch Ehevertrag begründbare Fahrnisgemeinfchaft. Außerdem können 
die Ehegatten, wie nach dem Redit des Code civil, Gütertrennung vertraglidi 
begründen. Doch fdieint, fo viel man über foldie Dinge nach gelegentlichen 
Erfahrungen urteilen kann, auch von der Möglidikeit der Einführung allge« 



192 IV. E. Landsberg, Das rheinische Recht und die rheinische Gerichtsverfassung a 

meiner Gütergemeinfchaft mit Fortfetzung auf die Abkömmlinge in der Rhein« 
provinz nidit ganz geringer Gebraudi gemadit worden zu fein; und für die 
Menge feit 1900 neu gefdiloffener Ehen wird man wohl durdifchnittlich fich bei 
dem ordentlidien gefetzlichcn Gütcr(tande des neuen Rechts (ehemännlicher 
Verwaltung und Nutznießung) beruhigt haben, ohne (tarre Anhänglichkeit an 
das Recht der Fahrnisgemeinfdiaft durdi jedesmaligen Abfchluß darauf geriditeter 
Eheverträge zu bekunden; zur Volksfitte wenigftens ilt das, foweit mir bekannt, 
im Rheinlande nidit geworden. 

Sdiwerer war es, dem Sy(tem des neuen Redits etwas der Trennung von 
Tifch und Bett Analoges einzufügen; bekanntlich iß: es denn doch fdiiießlidi 
gelungen, in der Form der „Aufhebung der ehelichen Gemeinfchaft". 

Ebenfo hat nodi in letzter Stunde die Rechtsgewohnheit der franzöfifchcn 
Lande dem Mißtrauen gegen nicht öffentlich=rechthche Beurkundung des 
übrigen Deutfdilands die Zuladung der privaten Teftamentserrichtung, das 
fogenannte holographifche Te(tament unferes alten Rechts, abgerungen. Daß 
diefe Art, einen letzten Willen zu erklären, unendlidi bequem und viel weniger 
unzuverläffig i(t, als man oftrheinifdi glaubte, wird allmählich audi dort wohl 
allgemein empfunden werden; die Rheinländer würden jedenfalls den Vcrlu(t 
diefer Möglichkeit fchr fdiwer getragen haben. 

Natürlich kann diefe Gewinn» und Vcrlu(tli(te über die materielle Beein» 
fluITung des neuen Rechts durch das rheinifdi=franzöfifdie Recht nur einige, 
befonders bedeutfame oder in die Augen fpringende, nicht zu technifche Züge 
zufammenzuftellen verfudien; eine genaue Bilanz kann hier nicht aufgemadit 
werden. Wohl dagegen i(t das möglidi betreffend die formale Frage, wieweit 
denn nun, feit dem 1. Januar 1900, die Rechtsgültigkeit der ausländifchafranzö» 
fifchen Rechtsquellcn, die bis dahin noch in Kraft (landen, aufgehoben i(t. Die 
glatte Beantwortung diefer Frage wird namentlich dadurch gefördert, daß höchP: 
dankenswerter Weife neben den prinzipiellen Entfdicidungen, die die Reidisa 
gefetze darüber enthalten, die Folgen in den preußifdien Ausführungsgefctzen 
ausdrücklich, unter Aufzählung der einzelnen Gefetze und Paragraphen, gezogen 
fmd. Dabei kommt für uns außer dem Bürgerlidien Gefetzbuche felb(t mit 
feinen Ein» und Ausführungsgefetzen befonders noch das begleitende Gefetz 
über die freiwillige Gerichtsbarkeit (vom 17. Mai 1898) mit feinen Ergänzungs= 
gcfetzen in Betracht. Dadurch ergibt fich der Code civil fdilechtweg und ferner 
durchweg das, was noch vom Code de procedurc civile in Gültigkeit ftand, als 
aufgehoben, crfterer mit ganz wenigen, von dem betreffenden Gefetze genau 
angeführten Ausnahmen, letzterer in den meiften Abfchnitten und Beziehungen, 

Was erhalten ift, i(t einerfeits für das formale Recht hauptfädilich, audi 
hier von technifdien Einzelheiten abgcfehen, die Einrichtung des rheinifchen 
Notariats, mit ihrer befonderen Organifation und Bedeutung für den Rcdits» 
verkehr. Diefem i{l fo weit Rechnung getragen, daß felbft Aufla|Tungserklärung 
vor Notar ftatt vor Gericht ermöglicht i(l. Gerade auf diefem Gebiete hat man 
Im Rhcinlande die Möglichkeit, alten Rechtsgewohnheiten weiter nachleben zu 
können, dankbar empfunden und gern benutzt. Der Rheinländer zieht es eben 
vor, vor fclb|tgcwähltcn und felb(lbezahlten Urkundsperfonen zu verhandeln, (tatt 
Erklärungen vor Gericht abzugeben; diefer Einriditung dürfte alfo, wenn man 
zu prophezeien wagen darf, auch für die Zukunft noch Langlebigkeit beiwohnen. 

Andcrcrfclts [Ind von der Aufhebung des Code civil ausgenommen genau 
gezählt nur 29 Artikel^ und zwar von diefen einige auch wieder nur teilweife. 



D Sechstes Kapitel (1880—1900), Bürgerliches Gesetzbuch 193 

Es handelt fidi hauptfädilidi um öffcntlichrcditlidic Herrfdiaftsvcrhältninc über 
Sadien des Privateigentums, um Fluß=, WalTer» und Nadibarrechte, um niemand 
gehörige, aber dem öffentlidien Gebrauche unterhegende Sachen und um die 
berühmte allgemeine Sdiadenserfatzhaftung aus Artikel 1384, aber nur „fowcit 
er auf die Haftung des Staates, der Gemeinden und anderer Kommunalverbände 
für den von ihren Beamten in Ausübung der ihnen anvertrauten öffentlichen 
GeNwalt zugefügten Sdiaden AnNX/endung findet" — weil nämlidi diefe öffentlidi» 
reditlidicn Gebiete grundfätzlidi vom Bürgerlidien Gefetzbudic nid^t berührt 
werden. Seitdem haben freilich auch hier nod^ die neueren Beamtenhaftpflicht» 
gefetze (für Preußen 1909, für das Reich 1910) eingegriffen; und ausdrüdilich 
(Ind ferner feitdem 13 von jenen 29 Artikeln ganz, zwei weitere teil weife durdi 
das preußifdie Waffcrgefetz vom 7. April 1913 (s 399, Nr. 2) aufgehoben worden, 
fo daß ihrer heute nur noch 16, und auch davon nur noch 13 vollftändig, in 
Kraft ftehen. 

Außerdem kommt natürlid) nodi das alte rheinifdie Recht in feiner Voll« 
(ländigkeit zur Anwendung, aud) nach dem 1. Januar 1900, auf folche Redits* 
verhältniffe, die älteren Urfprungs und durch die übergangsbe(timmungen 
deshalb der Herrfchaft des alten Rechts audi fürderhin unterftcllt find. Indeffen 
ifl man dabei mit großer Entfeh iedenheit fo verfahren, daß man fo weit wie 
irgend möglich mit der fofortigen Unterftellung unter das neue Redit gegangen 
i(t. Das ift namentlidi durchgeführt für den Inhalt der meifien dingliÄen 
Redite. Aber felb(l das eheliche Güterrecht der vor dem i. Januar 1900 ver» 
tragslos abgefchloffenen Ehen i(t von der Communaut^ legale des Code civil 
in eine Art von Fahrnisgemeinfchaft neueren Redites übergeleitet worden. So 
bleiben hauptfädilich nur noch lang laufende Kontrakte, die vor dem 1 . Januar 
1900 gefdiloffen nodi heute wirken, nach dem franzöfifchen Redit zu beurteilen; 
außerdem felb(tver(tändlidi alle vor dem 1. Januar 1900 eingetretenen Fälle des 
Rechtserwerbs oder» Verlu(les auf familiena und vermögensrechtlichem Gebiete. 
Das i(t immerhin noch ein beträchtlicher Be(tand, der [Ich aber naturgemäß 
Tag für Tag verringert. 

Bedeutfamer als diefe kargen Re[te der Rechtskraft fremdländifdier Gefetzc 
in der Rheinprovinz fmd die überbleibfel ihrer Wirkfamkcit, die in den rhei» 
nifdien Verhältniffcn fortleben. Okonomifdi gehört hierher bekanntlidi vor 
allem die (tarke Parzellierung des Grund und Bodens, mit ihren auch politifdi 
und fozialpolitifdi ausgeprägten Wirkungen. Sodann wohl auch zum Teil die 
freiere Regfamkcit in Handel und Verkehr, namentlich auch in nichtkauf« 
männifchen Kreifen, zurückgehend auf die hundertjährige Gewohnheit eines 
dafür bcfonders erziehlichen Redits. Namentlidi aber gehören hierher gcwiffc 
Charakterzüge des Reditslebens, die das Ende des 19. Jahrhunderts und den 
Gefctzcswcchfcl überlebt haben : die wahrhaft innerlidie Anhänglichkeit an ein 
aufrichtig mündliches Verfahren in Juriftcnkreifen; eine gehobenere Stellung, 
ein im fidiercn Befitze der Gleichberechtigung (tolzes und beredteres Auftreten 
der Reditsanwaltfdiaft; die (bereits erwähnte) Neigung zur Gefdiäftsabwicklung 
durch Notare oder auch Gerichtsvollzieher als Vertrauensperfonen ; und am 
bezeidmendjten fchließlidi vielleicht ein lebhaftes Intereffe und geweckteres 
Verftändnis für Reditsformen und Reditsfragen in weiteren Volkskreifcn, in 
Fortwirkfamkeit der Gemeinverftändlichkeit der franzöfifchen Gefetzbüdier 
und in Erinnerung an die alten Kämpfe um das rheinifdie Redit. Durdi diefe 
Kämpfe war der Gefamtbevölkerung einer großen Provinz ihr Redit wahrhaft 

Die Rheinprovini 181 5 — 1915» 13 



194 IV. E. Landsberg, Das rheinische Recht und die rheinische Gerichtsverfassung a 

zur Herzensfache geworden; das fdiwingt nodi heute nach und bleibt eine 
erhebende Empfindung für den rheinifdicn Juri(ten. 

Außerdem fällt in dicfe Epoche die Ausbildung der Selbftverwaltung in 
Provinz und Kreifen durch Übertragung der darauf bezüglichen preußifdien 
Gefetzc auf die Rheinprovinz (vgl. oben S. 128 ff.)« 



Siebentes Kapitel (Seit 1900). 

Seit dem Beginne des 20. Jahrhunderts i(t das Rechtsleben der preußifdien 
Rheinprovinz unmittelbar an das Reditsleben Gefamtpreußcns und Deutfdi» 
lands, ohne wefentUche Verfdiiedenheit, angefdiloffen. Der mächtige Strom 
der gemeinfamen neueren Gefetzgebung 1) durchbrauft audi die Rheinlandc, 
und von einer befonderen rheinifchen Rcchtsgefdiidite kann nicht mehr die 
Rede fein. 

VX/ohl aber hat feitdem noch die Gefchichte der rheinifchen Geriditsver» 
faffung von einer wefentlidien neuen Tatfache zu berichten; von der Spaltung 
der alten Einheit in zwei Oberlandesgerichtsbezirke. 

Allzu gewaltig war die Maffe der Gefchäfte am Oberlandesgericht Köln, 
bei nunmehr (1905) 4719735 Gerichtseingefedcnen geworden, Selb[t ein fo 
beliebter und eifriger Chefpräfident wie Exzellenz Hamm, der letzte und 
würdige Nachfolger der Daniels und Heimfocth als Oberriditer der ganzen 
Rheinprovinz, vcrmodite diefer Gefchäftslaß: und der dadurch eingetretenen 
Gcfchäfts(tauung, felbft unter Aufgebot durchgreifender Maßregeln, nidit mehr 
Herr zu werden. So mußte man fich zur Zweiteilung, aus Gründen lediglidi 
technifcher Art, entfchließen, ohne daß fidi damit, wie früher nahegelegen hätte, 
irgendwelche politifche Bedeutung oder Deutung verband, fo fchmerzlich man 
auch die Notwendigkeit zu empfinden nidit umhin konnte. Daß dann aber der 
Sitz des neu zu fchafFenden Oberlandcsgeridits Düflcldorf werden mußte, war 
fclb(tver[tändlidi. 

Die Gefetze, die diefe Neuordnung anbahnten und ausführten,'^) fchufen 
gleichzeitig zwei neue Landgerichtsbezirke: Krefeld und lVlünchen=Gladbadi. 
Zugleich wurde aber auch die Gelegenheit benutzt, wenig(tens einen Teil des 
alfcolandrechtlichen Stücks der Rheinprovinz, das bis dahin unter dem Ober» 
landesgericht Hamm (tand, mit den rheinifdien Juftizbczirken zu verbinden, 
nachdem dasHindernis der Rechtsverfchiedcnheit weggefallen war : die Kreifc Duis» 
burg,Nlülheim, Rees bilden das Landgericht Duisburg, das nun dem Oberlandes» 
gcrichtsbczirk Düffeldorf eingegliedert wird, während allerdings Effen (Stadt= 
und Landkreis) bei Hamm bleibt. Indem dann das Oberlandesgericht DülTel- 
dorf von den alten neun Landgerichten des ehemaligen Appellhofbezirks noch 
die drei: Düffcldorf, Elberfeld und Kleve erhielt, bekam es feine im ganzen 
fechs Landgerichte (Krefeld, Duisburg, Düffcldorf, Elberfeld, München-Glad- 
bach und Kleve), während das Oberlandesgericht Köln die anderen fechs alten 
Landgerichte (Aachen, Koblenz, Köln, Saarbrücken, Trier, Bonn) mit zum Teil 
etwas gcfchmälertem Beftande behielt. Die Zahl der Gcrichtscingefcffcnen 

•) Vfl. meine Fef^redc zum RcglcrunM-)ubll«um Sr. Maj. des Kaifers, gehalten am 

16, Februar 1913: Der Gelf^ der Gefetzgebung in Dcutfchland und Prcuf)cn, Bonn 1915. 

•) Gcfetze vom 2. Januar 1905, vom 3. Januar 1906 und (zwei) vom 23. April 1906. 



Siebentes Kapitel (Seit 1900) 195 

betrug dort im Jahre 1912 2 891187 Perfonen, hier deren 3 398 314, die der 
Amtsgerichte dort (Dülteldorf) 42 mit 224 Amtsrichtern, hier (Köln) 79 mit 
322 Amtsrichtern. Ins Leben getreten i(t die neue Einriditung mit dem 16. Sep» 
tember (dem Ende der Geriditsferien) 1906. 

Unter diefen beiden Oberlandesgeriditen ijt feitdem wenig(tens annähernd 
das ganze Verwaltungsgebiet der Rheinprovinz vereinigt. Ausnahmen bilden 
nur Effen (Stadt und Land), das von der alt=landrechtlidien Zeit her nodi zu 
Hamm gehört, und die Kreife Koblenz Land (rechtsrheinifdi), Altenkirdicn, 
Neuwied und Wetzlar, die, von den altsgemeinrechtlichen Zeiten her abgefondert, 
unter dem Oberlandesgerichte Frankfurt geblieben find. 



Quellen- und Literaturnachwels. 

Die Gcfchichte der Jahre 1815 — 1848 i(t durchweg unmittelbar aus den Archiven 
gcfchöpft, und zwar befonders aus den Akten der Königlichen Staatsarchive zu Düffeldorf 
und Koblenz, des Königl. Geheimen Staatsarchivs zu Berlin und (für das erfte Kapitel) 
aus den Akten des Königl. Prcußifchen juflizminifteriums. Außerdem erhielt ich durch 
das Entgegenkommen der Provinzialverwaltung zu Düffcldorf und des Herrn Archivar 
Dr. Croon von dort Auszüge aus den unveröffentlichten Protokollen der erften ProvinziaU 
landtage und ihrer Ausfchüffe. Diefes Material ift für die erften Jahre auch fchon verwandt 
in meinen beiden vorangehenden Veröffentlichungen: „Die Inftruktion der Preußifchen 
ImmediataJu(%iz»Kommifpion für die Rheinlande von 1816", in der Zeitfchrift für Politik, 
1913, Band 6, Heft 1, S. 171 ff.; und in dem Buche: ,,Die Gutachten der Rheinifchen 
Immcdiat=Juftiz=KommifPion und der Kampf um die rheinifche Rechts« und Gerichts» 
verfaffung 1814 — 1819", herausgegeben durch die Gefellfchaft für Rheinifche Gefchichts» 
künde, 1914. — Außerdem fmd hauptfächlich folgende Werke benutzt: 
A. Stölzel, Brandenburg-Preußens Rechtsverwaltung und Rechtsverfaffung, Zweiter 

Band, 1888. 
G. Rolef, Die rheinifche Landgemeindeverfaffung feit der franzöfifchen Zeit, Bonner 

Doktor-Differtation, 1912. 
C. Cretfchmar, Das Rheinifche Civilrecht in feiner heutigen Gefbltung, 4. Aufl., 1896. 
C. W. Kockerols, Das rheinifche Recht, feine zeitliche und räumliche Begrenzung, 1902. 
M. Simon, überficht der in den Rheinprovinzen geltenden Gefetze, 1824. 
J. Hänfen, Guftav von Meviffen, ein rheinifches Lebensbild, 2 Bände, 1906. 



Die hiftorifche Objektivität diefer, fchon längere Zeit vor Ausbrudi des großen Krieges 
fertiggeftellten und gedruckten Ausführungen kann und foll auch unter dem Einfluffe der 
Gegenwart keiner Umgeftaltung mehr unterzogen werden. Ergänzend muß ich aber nun« 
mehr bitten, hinzunehmen zu wollen meine Rektorats«Antrittsrede vom 18. Oktober 1914: 
„Die Verdrängung des rheinifchen Fremdrechts" (Bonn 1914). 



13* 



V. 
Grundlagen und Organifation des Wirtifchaftslebens 

von 

M. Schwann. 

Erftes Kapitel (1815— 1840). 

Gerellfchaft und Staat. Land und Leute. Gefe^gebung und 
Handelspolitik Zollverein. 

Die cinjlmalige Ausdehnungskraft des deutfdien Bürgertums wurde durd» 
die großen Kriege im 16., 17. und 18. Jahrhundert niedergerungen. Bis an die 
Mauern der Städte und felbjt in fie hinein dehnte fidi die Territorialhoheit der 
Für{ten aus. Was den einzelnen Städten unter dem unmittelbaren Sdiutze des 
Reidtes nod» von alten Freiheiten und Redeten verblieben war, die Zunft«, Stapel- 
und Zollredite vor allem, verfiel einer kleinlidien Praxis und wurde fo nidit 
minder zu einer Hemmung des Verkehrs, als es die Zollredite der vielen Herren 
waren. Auf fidi felbjt zurüdtgeworfen, begann der Geift des Städtewcfcns feine 
Sehnfudit hinauszubauen in das Reidi der Ideen. Und hier kam der waltenden 
Phantafie der immer nodi tatfrohe und tatfe(te Wille des Bürgertums zu Hilfe. 
Die Naturfehnfudit gedieh zur Wi(Tenfdiaft von der Natur und ihren Gefetzen. 

Sdiaut man hinein in die Wcrkftätten unfercr großen Entdedter, fo dürfen 
wir an die reidie Ausftattung moderner Laboratorien nidit denken. Ja, felbfl 
die Nledizinküdien unferer Landapotheker fmd in mandier Beziehung nodi zu 
„fdiön", um mit jenen alten Laboratorien verglidien zu werden. Hier waltete 
nodi im Gegenfatz zur heutigen Helligkeit und Zwcd<mäßigkeit das myftifdie 
Halbdunkel einer von GeheimnifTen und Rätfein umflellten Zeit. Das ift der 
Boden, woraus dicNaturwilTenfdiaft hervorwuchs. Sehnfudit, Rätfei, Notwendig» 
keit umftanden ihre Wiege. Man taflete, man verfudite und probierte, aber 
fdion bald unter regiftrierender Kontrolle. Nodi kein Experiment, aber fdion 
nahe daran. Ein erftes Wiffen wudis aus foldiem Tun; fdion hatte das 18. Jahr- 
hundert die Dampfmafdilnc gefdiaflFen, es hatte die Spinnmafdiine für Wolle 
und Baumwolle aufgeftellt; es hatte begonnen, in der Steinkohle einen Erfatz 
für die Holzkohle zu fudien, und da und dort fammelte die Mafdiine fdion die 
Menfd)en um fleh/ der Produktionsbetrieb ward zentraliflert und die Fabrik 
red<te Ihren „Turmbau" mit wehender Raudifahne als Wahrzeidicn einer neuen 
Zeit In die Luft. Einmal auf dicfcm Wege, fdiritt man bald fdmcller vor. Das 
Wiffen wudis, und das erweiterte Wiffen von der Natur drängte zur vermehrten 
Hcrrfdiaft über ihre Kräfte. In rafdier Folge entwidtelten fldi die Medianik und 
Tedinik, die Phyflk und Chemie, die Lehre von der Elektrizität und dem 
Magnetismus und nidit zum mindeflen die Lehre vom Lidit. Kaum ein Jahr- 



D Erstes Kapitel (1815—1840).: Gesellschaft und Staat 197 

hundert war nötig, dicfc Kräfte der Natur zu erkennen und {[d\ ihrer immer 
mehr zu bemäditigen, fie immer mehr in den Dicnfl des Volkslebens zu (teilen. 
Ein ungeheures Arbeitsgebiet ward erfdiloJTen, und ungeheure Reichtümer lockten 
zur Entfaltung aller Kräfte. 

Aber ein Typifches i|l in all diefer neuen Arbeitsart enthalten, ein Neues. 
Nidit mehr das halb auf den Zufall, halb auf glücklidie Divinationsgabe geflelltc 
Erfinden herrfcht auf allen Gebieten wilfenfchaftlichcr Tätigkeit, fondern der 
methodifche Denkprozeß, wie ihn Rcdtcnbachcr für den theoretifchen Mafchinen* 
bau einführte, will {\(h allenthalben bis in die Staats= und Wirtfdiaftslehre hinein 
der Führung bemäditigen. 

Ein wunderbarer Wandel, der fich da vollzog. Doch wir fahen nur er(l die 
eine Seite. Denn diefem Aufgang eines neuen Wiflens fdireitet parallel und 
gleichzeitig der Niedergang der alten gefellfchaftlichcn und politifchen Infli« 
tutionen. Im tief|tenVcrfalle begriffen waren die alten (tändifchen undbcruflidicn 
Gebilde, als das 18. Jahrhundert fich feinem Ende nahte. In Frankreich wurde 
der unerhörte Verfudi gemacht, zwei bisheran herrfchcnde Stände, Adel und 
Klerus, aus der ferneren Entwicklung eines Volkes gänzlich auszufchalten. Rechts 
vom Rhein aber bedurfte es nur des Anpralls der franzöflfchen Revolution, die 
alten politifdien Organifationen des heiligen römifchen Reiches deutfdier Nation 
in Grund und Boden zu jtampfen. Keine wirtfdiaftliche, keine foziale und 
politifdie Hemmung — fo fchien es — (tand da dem einzelnen mehr im Wege. 
Wer kühn fidi ermannte, durfte fa(t fidier fein, feinen befreiten Willen, fein 
entbundenes Können bis zum höchjtcn Erfolge hinauf zu führen, fleh und feinen 
Nachkommen damit die wirtfchaftliche Exiltenzficherung zu erringen, wonach 
in der löfenden, tofendenFIut alles Denken (trebte. Ein nur durch den Nieder« 
gang der alten fozialen Organifationen ermögliditer Wettbewerb durchdrang den 
Willen und das Leben der aufwadienden Geifter und bereicherte Technik und 
Wirtfchaft mit einer Unfumme täglidi neu gebotener großer und kleiner Möglich- 
keiten, praktifcher Handgriffe und Errungenfchaften, die dazu beitrugen, den 
Erfolg zu verbürgen. 

Zwei Gruppen der Bevölkerung vor allem (landen dem Anbruche diefer 
neuen Tatzeit vorbereitet und erwartend gegenüber: die einen, die im Laufe 
der Generationen mit Arbeit, Sparfamkeit, Zudit einen feiten Untergrund ihres 
Dafeins und ihrer wirtfdiaftlidicn Exi(tcnz gefunden hatten, die Befitzer; und 
die anderen, denen im Niedergang der fozialen Organifationen der Vergangenheit 
der fe(le Boden unter den Füßen bereits gewichen, oder deren Lage fich fo 
ge(taltct hatte, daß der Boden unter ihnen fie nicht mehr zu tragen vermochte: 
die Befitzlofen und die in ihrem kargen Bcfitzc Bedrohten. So flieg dort der 
neue Stand der von zünftifcher Einfdiränkung befreiten Unternehmer empor, 
hier der nidit minder neue Stand der Lohnarbeiter, die nach den fich bietenden 
Arbeitsgelegenheiten griffen. Und erftarkend drängten fidi diefe beiden fozialen 
Neubildungen dann mit der Wucht eines jungen Willens zwifdien die Refte der 
alten ftändifchen und beruflidien Gliederungen hinein. — Diefer Bewegung, 
der Auflöfung alter Gebundenheiten und der Entbindung junger Willensmädite, 
war Preußen mit feiner großen Reformgefetzgebung in den Jahren 1806 bis 1811 
entgegengekommen. Der Staat Friedridis des Großen war vor dem An(lurm 
der neuen Zeit zufammcngebrodien. Aber eben diefer gleidie Staat mit dem 
Mittelpunkte eines aufgeklärten Königs hatte eine ftarke Anziehungskraft auf 
die mobileren wirtfchaftlidien und gcifiigcn Kräfte in Deutfchland ausgeübt. Es 



198 V. M. Schwann, Grundlagen und Organisation des Wirtschaftslebens d 

hatte da in der Stille eine Einwanderung [tattgefunden, die nun zum Rückhalte 
in derZeit derNot wurde. Die neuereForfdbung hat feß:ge(tellt, daß die wirtfchaft« 
liehen Ideen Adam Smiths und die fozialpolitifchen der Franzofen fogar in den 
Gedankengängen und Maßnahmen des jungen Freiherrn vom Stein wirkfam 
waren. Aber nidit hier allein. Im prcußifchen Beamtentum, im Heere felb(t 
gingen die Ideen der Reformer um, und als keine Rettung mehr möglich fdiien, 
da wuchs der Gedanke von der Einheit des Heeres und Volkes empor, da fprach 
Gneifenau das größteWort der preußifchen Zudit: „Begeiflere du das menfdilichc 
Gefchledit für feine Pflidit zucrft, dann für fein Recht!" Und Scharnhorft, in 
fchärffter Abkehr vom Militarismus, zeigte „das Edle eines allgemeinen Prinzips" 
der allgemeinen Wehrpflicht, und fudite es „in feiner Reinheit bei der Aus^ 
führung zu erhalten". Als ob man die tiefiten Lehren Kants hier kühn in die 
Wirklichkeit hätte einführen wollen, fo berührt es uns, wenn man dem gemeinen 
Soldaten gegenüber nicht nur Abfdiaffung aller körperlidien Strafen, fondern 
audi volle Aditung verlangt, wenn man im Hinblick auf ihn argumentiert, jeder 
Menfdi fei mehr als ein bloßes Werkzeug, er fei dodi das Edeljte, was es gebe, 
er faffe die fittliche Perfönlidikeit in fidi. 

Und wenden wir nun den Blick zurück auf das 18. Jahrhundert, wo „die 
individuellen Kräfte in unerträglichjtem Gcgenfatze zu ihren fozialen und 
hi(torifchen Bindungen empfunden wurden"; wo die Vorrechte der oberen Stände 
die politifdie Bevormundung im Staatsleben, die Einengungen der Stadtver= 
faffungen, die Fronpfliditen der bäucrlidien Bevölkerung, die Erbärmlichkeiten 
der Zunftvcrfaffungen und der unduldfame Zwang des Kirchentums gerade alles 
das crftickten, was an fich Wertvolles am Menfdien war, die Freiheit der fittlichen 
Perfönlidikeit, fo empfinden wir klar: in der Heeresreform, in der Staatsreform, 
in der Wirtfdiaftsrcform waltet ein Geilt, der edelftc Geift des Zeitalters der 
Humanität, der Mcnfchenwürdc, und diefcr Gei{t kennt nur ein Gefctz, fein 
eigenes: das der Freiheit. Davon kann er nicht laffen; er muß daran fefihalten, 
will er fleh nicht felber aufgeben, und trotz aller bitterjten und böfeften Er= 
fahrungen, die dicfer Geift der Freiheit bei feiner Entartung zu Anarchie und 
Willkür in dem Niedergange der Revolution erzeugt hatte, hielten die edelften 
Geiftcr, auch innerhalb der preußifchen Staatsverwaltung, an diefem Gefctze 
fe|t. Bei allen Wirtfchaftsrcformcrn jener frühen Zeit, bei den Kraus, Hufeland, 
Jakob, bei den Lotz, Rau und Hermann bis zu von Thünen herauf fpüren wir, 
wie dies jüngjt er(t Arno Friedridis nachgewiefcn hat, fein veredelndes Wirken. 
Wie auf feinen Flügeln erhebt es uns, wenn wir bei Lotz vernehmen, daß der 
menfchliche Geijt erfl die naturgefchaflfenen und durch Fleiß erzeugten Dinge 
zu wirtfchaftlichen Gütern erhebe. Der Befitz nur materieller Güter von Wert 
bilde cr(t den Reichtum des Menfdien, als Tier betraditct. Die immateriellen 
Güter find nicht nur die edelften Güter der Mcnfchheit, fondern in den meiftcn 
Fällen die Hauptgrundlage alles Nationalwohlftandes". Noch näher der Einheit 
von geiftigcn und materiellen Intcreffcn kam Thünen, der zwifchen ihnen eine 
Vereinigung fah, „wie zwifchen Körper und Gci(t; (Ic trennen, heißt den Tod 
bringen". 

Wohin aber geriet der Staat bei foldier Betonung der Rechte und der Frei» 
hell der Individuen? — Der Staat? Nun, gerade den fuchtc man. Denn gegen 
den fozialen Einbau der alten Zeit ging das Ringen der erwachenden Geifter. 
Gerade er fchnitt das Individuum vom Staatslebcn ab; er fchwachtc den Staat, 
wl« er das Individuum verkümmern ließ. In allererfter Linie hatte die Revo« 



D Erstes Kapitel (1815—1840): Gesellschaft und Staat 199 

lution fich gegen diefen fozialen Ein= und Zwifdienbau gewandt, und es war nicht 
nur das egoiß:ifche Drängen eines neuen Standes gegen die bisher herrfchcndcn 
Stände, was fie diarakterifierte, fondern es war ein Zufammenfadcnwollen aller 
Individuen in einen Stand fozufagen, den Stand der gleichberechtigten Staats« 
bürger. Darum wandte fich die Revolution keineswegs nur gegen die Standesa 
bcfonderungen, fondern fie wandte fidi nid^t minder gegen die wirtfchaftlich 
privilegierenden Einbauten, gegen die Gilden und Zünfte, die Börfenvcreinia 
gungen und kommerziellen lnterenenvertretungen,gegen dieKirchenfeparationen, 
Orden, Schulen ufw. Der Staat foll und will der Herr aller ihn bildenden Indi« 
viducn fein, der weltliche Staat, und diefes Prinzip ift von der ferneren Enta 
Wicklung nicht befeitigt, fondern aufgenommen worden. Wie ehedem in Deutfch= 
land das Volk über alle Für{ten= und Territorialgewalten hinüber den Kaifer 
fudite, wie es „unmittelbar" werden wollte, fo fudit nun das Individuum den 
Staat. I(t der Menfch, der einzelne, nur wertvoll als Verwirklidier des Sitten» 
gcfetzes, fo fällt fein Ziel mit dem Ziele des Staates zufammen, der ja „kein Verein 
zur Hervorbringung und Verarbeitung roher Produkte, keine landwirtfchaftliche 
und fabrikmäßige Verbindung i(t", fondern dem die Aufgabe zufiel, Hort und 
Schutz und Förderer der mcnfdilichen, der Entwidilung zum Menfchen zu fein. 

Aber noch eine andere prinzipielle Frage taudit hier auf, zu der wir Stellung 
nehmen muffen. Mit der Verkündigung der allgemeinen Wehrpflidit, mit der 
ihr folgenden Reformgefetzgebung hatte Preußen den Weg betreten, den die 
Revolution vor ihm gegangen war. Daß hier die Reform von oben, in Frankreidi 
von unten kam und durdigeführt wurde, ändert am Prinzip nidits, erklärt 
höchß:ens den Urfprung des Mißtrauens, das man in Preußen gegen die „demo= 
kratifchen" Tendenzen in feinen neuen weftlidien Provinzen empfand, und das 
durch die konfeffionellc Verfchiedenheit der Bevölkerung in den alten und neuen 
Landesteilen gemehrt wurde. Im Prinzip aber war man einer Meinung. In 
Preußen follte der Bauer frei werden, wie er es in den We(tprovinzen war; frei 
follte der Arbeiter fein hier wie dort, frei der Handwcrksgefelle, und frei auch 
der Meilter, frei der Fabrikbefitzer, frei der große Landwirt. Alle folltcn frei 
werden von einander und frei zu allem, was jedem zur Sicherung feiner Exi(tenz 
am heften fdiien. Was aber jedem am be(ten fchien, das war dodi in allercr(ter 
Linie immer das Seine, und nur bei ganz auserlefenen Naturen taucbtc da wohl 
die Frage nach dem Beften der anderen und der Allgemeinheit auf. Was 
bedeutete das? 

Im alten, nun dem Untergang geweihten Gefellfchaftsorganismus war es 
einmal fo gewefen, daß der Familienvater für die Familie forgte und dadite und 
arbeitete. Und die Familie umfaßte den letzten Knecht und die jüng(tc Magd. 
Nicht viel anders war es auf den großen Landgütern, den Guts» und Grunda 
herrfchaften, wo dem erbuntertänigen Bauer Anfprüche auf Armenverforgung, 
auf Unterftützung in Notfällen, auf Aushilfe mit Samen und Bauholz, auf 
Erhaltung der Gebäude und Steuerleiftung, auf Hütungs= und Waldgereditfame 
u. a. zuftanden. Ähnlidie foziale Fürforgebe(timmungen gab es im Handwerkera 
fiandc und Gewerbe, und felbft die Fabriken haben ihre Vorläufer in den 
Spinnhäufcrn, einer Art Fürforgeanftalt, die mit dem harten Zwang der damaligen 
Zeit den Bettler und Heimatlofen zum Arbeiten und zu einer neuen Ordnung 
zu führen fudite. 

In diefem alten Wirtfchaftsleben hatte fidi nun eine Arbeitsteilung in der 
Weife vollzogen, daß der jeweilige Wirtfchaftsvor|tand dachte, forgte und Ana 



200 V. M. Schwann, Grundlagen und Organisation des Wirtschaftslebens d 

weifungen gab, während die anderen die Ausführung der Arbeiten im einzelnen 
übernahmen. Daß es dabei — idi zeichne hier felb(tver(tändlidi nur die Idee 
und Abfidit, nicht aber die Wirklichkeit nadi, die ja von jener vielfadi fchr vcr» 
fchiedcn war — ganz von felbß: im Interefle aller Beteiligten lag, gut und tüchtig 
die ihnen obliegenden Arbeiten zu verriditen, um zum möglichft heften Ziele 
zu kommen, war derThcorie nadi klar. Aber die Härte der Zeit, die Unfreudig= 
keit, die durch Ausfdialtcn des unmittelbaren Eigennutzes erzeugt wird, verlangte 
vom einzelnen das Einfetzen feiner letzten Kraft, denn die Landwirtfdiaft z. B. 
war vielfach ganz unergiebig geworden. Zugleidi aber war die Art der Arbeits= 
teilung, wie fic oben angedeutet wurde, eine Verführung für alle oberen und 
mittleren In(tanzen, fich fclbft zu fdionen und den Untergebenen um fo mehr 
aufzuladen. Es fehlte da an einer Korrektur, an der Möglichkeit für die Unter= 
gebencn, das Allzuviel von fidi fernzuhalten. Da kam nun die Freiheit. Alle 
Perfonenvcrhältniffc, wie fie bisher beftanden hatten, follten aufgelö(t werden. 
Kein anderes Verhältnis, als das des freien Arbeitsvertrages follte mehr Geltung 
haben. 

Aber war denn der bisher Untergebene daran gewöhnt, für fidi zu denken, 
die Dinge zu überfdiauen und nadi eigenem Urteil feine Maßnahmen zu treffen? 
Mußte es da nidit dahin kommen, daß viele das Wenige, das fie noch hatten, 
auch noch verloren, daß die Not fie zwang, dem crjten heften oder fdileditep:en 
Arbeitsangebot bedingungslos nachzugeben? 

Und der ehemalige Wirtfdiaftsvorftand, nun zum Arbeitgeber geworden, 
frei, wie jener, war von ihm wohl zu erwarten, daß er trotz der Schwere der 
Zeit, die ihn umdrohte, zuerß: an etwas anderes gedacht hätte, als an fich? 
Konnte man hoffen, daß er andere Arbeitsbedingungen (teilen würde, als foldic, 
bei denen nur eine kärglidie Exiftenz zu erreichen war? Wie der Arbeitnehmer 
feiner ehemaligen perfönlidien Dicnftlei(lungen entledigt worden war, fo war 
der Arbeitgeber frei geworden von feinen ehemaligen patriardialifdien Fürforge« 
pflichten. Die Perfönlidikeit des Arbeiters ging ihn nun nichts mehr an, nur 
feine Lei(tung, und dicfe bezahlte er mit dem Marktwerte, den fie hatte, und 
der fich willkürlidi nicht crheblid^ ändern ließ, da die allerorts losbrechende 
freie Konkurrenz ihn zwang, zu berechnen, wie er feine Waren möglid^jt billig 
anbieten könne. 

War da nun nicht bei diefem doktrinär demokratifierenden Individualifie» 
rungsprozeffe einiges überfehcn worden? I|t denn der Ungebildete, der Unreife 
in einer Demokratie überhaupt imftandc, an etwas anderes, als an fich fclbP: zu 
denken? Noch mehr, ifi er imjtande, von fich aus ein freies Solidaritätsempfinden 
zu entwickeln? Und wenn nicht, wird ihm dann nidit bald der Zwang abermals 
über den Hals kommen und diesmal in der Form der furditbarften Not um das 
täglicheLeben? DicferZwang wird ihn vielleicht dahin führen, zunächft wenigjtens 
die Not der mit ihm Leidenden als die feinige zu erkennen. Auf diefcr Grund- 
lage einer weiter um fich greifenden, wachfenden Unterbilanz wird die Not viel- 
leicht ein bcfchränktes Solidaritätsempfinden der „Enterbten" allmählich 
erzeugen. Aber wird damit der Kerngedanke jener Befreiung, jeden zur vollen 
Entfaltung feiner Anlagen und Kräfte zu führen, damit das allgemeine Leben 
um fo reicher an echtem Kulturgut werde, ergriffen? Und kann es da viel helfen, 
daß diefer Gedanke nun von anderen, von Idealif^en und Ideologen an diefe 
Armften herangebracht wird? Oder wird es vielmehr tatfächlidi und wirklich dahin 
kommen, daß das an [Idi felber Denken des Lohnarbeiters auf Grund jenes 



D Erstes Kapitel (1815—1840): Land und Leute 201 

inhaltlidi negativen Solidaritätsempfindens zu einem KlafTencgoismus der 
Arbeiter zufammenwädift, daß damit der urfprüngliche Kcrngcdankc, der 
Kulturgedanke felb(t zu Boden fällt? Wenn aber, fo muß es fidi dann audi 
deutlidi zeigen, wer da in Wahrheit zu kurz kam und vjcas überfehen wurde: 
eben die Allgemeinheit, das Volk als Ganzes, der Träger einer cigcntümlidien 
Kultur, der nationale Staat. 

Und wurde da auf der anderen Seite nicht auch etwas überfehen? War denn 
die Befreiung des Arbeitgebers von feinen fozialen Fürforgepflichtcn im Kern 
etwas anderes, als eine Entbindung von den Pflichten, die ihm als Menfch 
oblagen? Konnten denn diefe Pflichten durch Dekrete und Gefetze von ihm 
genommen werden? Wurde da nicht das Kind mit dem Bade ausgefchüttet? 
Und würde denn die Mehrzahl der Arbeitgeber, die man [idt\ doch als brave 
Philiftcr zu denken hat, von altershcr mit dem nötigen Dünkel begabt und 
außerdem in der Rechenkunft wohl ausgebildet, würde diefe Mehrzahl denn 
die menfdiliche Degradierung fofort empfinden, die ihnen da die Befreiung 
gebracht hatte? Ja, feinere, edlere Naturen würden fic empfinden, würden bald 
erwachen, ihr Gewiffen würde fidi regen bei dem Anblicke des wachfenden 
Elendes um [le her, des drohenden, wenn die Entwicklung unweigerlich die 
gleidien Bahnen einhielt, die (le »n anderen, wirtfchaftlidi mehr vorgefchrittenen 
Ländern fdion eingefchlagen hatte. 

Wir fehen : von dorther muß einmal der Staat fich melden mit feinen gefetz= 
liehen Forderungen; von hier aus wird der Menfdi fich melden mit feinen 
Forderungen der Humanität, der Kultur, des menfchlichen Gefamtbcwußtfeins. 
Aus dem Drange zum wirtfdiaftlidien Anardiismus hier, zum Kommunismus 
dort muß der ausfchweifcnde Individualifierungsprozcß wieder Ziel und Richtung 
auf die Allgemeinheit erhalten, die im hochgehenden Eifer des Befreiungs- 
willens zu fehr überfehen und aus den Augen verloren worden i|t. 

Das heißt: ein allgemeines überfehen liegt weder in der Theorie noch in 
der Praxis wirklich vor, und wie wir fchon feflflellen konnten, daß die volks» 
wirtfdiaftliche Theorie {\d\ mit den höch(ien fittlichen und menfchlichen Zielen 
erfüllte, fo madite fidi auch in der Praxis die Notwendigkeit einer Kooperation 
fchon von Anfang an vielfach geltend und zeitigte auf wirtfchaftlichem und 
fozialem Gebiete die verfdiiedenften Formen und Verfuche. 

Diefer fo mannigfadi zugefpitzten Entwicklung hier mit Berückfiditigung 
unferer rheinifchen Verhältniffe in großen Zügen nachzugehen, i[t die Aufgabe, 
deren Löfung nun verfudit werden foll. 

Land und Leute. Als Preußen die Herrfchaft über die Rheinprovinz 
antrat, fiel ihm ein Flächeninhalt von 26 283 qkm zu. Die auf diefer Boden« 
fläche anfäfpige Bevölkerung wird für das Jahr 1816 zu 1 849 711 Seelen ange« 
geben, während [ie bei der erjten Zählung im Jahre 1828 zu 2 172 545 Seelen 
fejtgeftellt wurde 1). Demnach hätte die Bevölkerung in den er(ten zwölf Jahren 
preußifcher Herrfchaft einen Zuwachs von 17^ Prozent erfahren. 

Auf Grund der Zählung von 1828 ergab fich eine Bevölkerungsverteilung 
zwifchen Stadt und Land in der Weife, daß die beiden größten Städte Köln und 
Aachen zufammen 94 000 Einwohner zählten, die 38 über 3000 Einwohner 

•) Zum Vergleiche feien hier folgende Zahlen genannt: im Gebiete des alten Kreifes 
Duisburg betrug die Einwohnerzahl 1816: 59 765 = 92 pro qkm; 1871 : 272 551 = 408 
pro qkm; 1010: 1 182 795 = 1765 pro qkm. — Vcrgl. zum Folgenden die Ausführungen 
von Tuckermann, oben S. 82 ff. und von Stubben, Band II, Abfchnitt XXVII. 



202 V. M. Schwann, Grundlagen und Organisation des Wirtschaftslebens d 

bergenden Städte zufammen 270 000 und die übrigen Städte 130 000. Im ganzen 
(tand mithin eine Stadtbevölkerung — wenn man die kleinen und klcinften 
Städte dazu redinen vjcill — von 494 000 Seelen einer Landbevölkerung von 
1 678 545 Seelen gegenüber. Nicht 23 Prozent der Bevölkerung war ftädtifch, 
77 Prozent waren Landbewohner. Dem äußeren Anfdieine nadi waren damals 
die Rhcinlande nodi ein überwiegend bäuerliches Gebiet. 

Sieht man indes auf zwei andere Tatfachen, die Dichtigkeit der Bevölkerung 
auf den qkm — fie betrug für die Provinz 84, für den Regierungsbezirk Köln 
97,17 und für denRegierungsbczirk Düffeldorf gar fchon 129,44 Menfchen — und 
den Preis der Körnerfrucht im Rheinland, verglichen mit demjenigen in der 
Provinz Preußen, fo wird jenes Urteil Icifc verändert. Diefc am geringjten 
bevölkerte und am mciften öftlich gelegene Provinz blieb nämhch um 18 34% 
gegen den Hauptdurdifchnittspreis zurück, während die Rheinprovinz foldien 
um 16% übcrftieg. In der Periode von 1816 bis 1828 klaffte der Getreidepreis 
zwifchen den beiden Provinzen beim Weizen um 37, beim Roggen um 58, bei 
der Ger|te um 54 und beim Hafer um jj%, im Durdifdinitt für alle vier Fruchte 
arten alfo um 41 %, wogegen die Bevölkerungsdichte der Provinz Preußen 
gegen die der Rheinlandc fich wie 1 zu 3 verhielt. Das heißt: die Rheinlande 
mußten durdi erhöhte Betriebfamkeit die Möglichkeit zu fchaffen fudien, die 
höheren Brotpreife zu bezahlen. 

Ergab fich fo fdion an fidi für die Rheinlande die natürlidie Notwendigkeit, 
ihre rafdi (teigende Bevölkerung durdi erhöhte Betriebfamkeit zu ernähren, fo 
wurde dicfe Tendenz nodi gefteigert durch die unglücklichen Teuerungsjahre, 
die gleich in die er(te Zeit der neuen Herrfdiaft fielen. War es doch fo, daß 
gegen den aus Mangel an Abfatz erzeugten Tiefitand der Fruditpreife in den 
Jahren 1823/24 gehalten, im Notjahr 1816 der höchfie Marktpreis den tief(ten 
vielfach beim Weizen um mehr als das Fünffadie, bei Roggen und Ger(te um 
das Sechsfadie, bei Hafer um das Vierfadie überfliegen hatte. 

Das aber war nicht die einzige Not, die Regierung und Volk in jenen erften 
Jahren überfiel. Zu neu waren noch alle Einrichtungen, als daß die Verwaltung 
bei diefer Teuerung rafch hätte helfend einfpringen können. Dazu litten Gewerbe 
und Handel fdiwer an den geänderten Verhältniffen, die eine Neuorientierung 
von Grund auf erforderten. Die weftlichcn Provinzen, denen ehedem links 
vom Rheine der große Markt des Kaiferreidies geöffnet worden war, die fich 
mit ihrer Induftrie auf diefen Markt eingerichtet hatten, fahen fich nun durch 
die wieder errichteten franzöfifchen Zollfchrankcn von dicfem Markte abge» 
fchnittcn. Dazu die Zölle gegen Belgien, gegen Holland, gegen die nidit«« 
preußifchcn deutfchen Nachbargebiete, und obendrein die Maffeneinfuhr der 
durch die Kontincntalfpcrre bisher ferngehaltenen englifchen Waren. 

Was wollten die Rheinlande da mit ihren beiden einzigen Fabriken für 
Dampfmafchinen und Apparate zur Gasbeleuchtung, die der „Mechanikus" 
Franz Dinnendahl in Effen und Mülheim an der Ruhr eingerichtet hatte? Die 
Induftrien, die unter dem franzöfifchen Schutzzoll erwachfcn und erftarkt waren, 
namentlich die Baumwolleinduftrie, litten furditbar, und Falliffements und 
Abwanderungen wurden von allen Enden gemeldet. Nur mühfam hielten (Ich 
die alten, auf natürlicher Grundlage erwachfenen Indujlrien aufrecht fo lange, 
bis neue Wege gefunden, neue Wege vor allem gebaut waren. Denn je mehr 
ein neues Zufammcngchörigkcitsgefühl geweckt worden war und crjtarkte, um 
fo mehr wollte man nun auch zujammenkommcn. Das war ja keine Frage: im 



D Erstes Kapitel (1815-1840): Land und Leute 203 

Befreiungskriege hatten die Deutfdien die Kraft des Zufammenhaltes erprobt. 
Die Bewegung Deutfchlands zur Einigung über alle inneren Grenzen hatte fdion 
früher eingefetzt. Aber fie mißlang. Nun trug das Volk den Gedanken der 
wirtfchaftlichen Einheit zunädift aus dem Befreiungskriege empor. IVlan fah 
dabei auf Preußen. Warum? Weil fi«^ bier vor allem die aufftrebende Kraft 
zeigte. Betrug dodi gerade in den alten Provinzen die jährlidie Bevölkerungs= 
zunähme über z%, während fie im übrigen Deutfdiland nicht i% erreichte, 
und auch in den preußifchen Provinzen im Weften blieb im gleichen Zeitraum 
(1816/55) die Bevölkerungszunahme um ein volles Prozent in We|tfalen (1,11% 
Zunahme) und um mehr als ein halbes Prozent in den Rheinlanden (1,47%) 
hinter den alten preußifdien Provinzen zurück. 

Zum Zufammenkommen aber bedurfte es des Ausbaues der Verkehrswege. 
Hier hatte die franzöfifche Zeit nicht nur Vorbildliches gefchaffcn, fondern audi 
anregend gewirkt. Man begann die Unzulänglichkeit der alten Straßen zu 
empfinden; bald fah man außerdem mit Spannung den neuen Experimenten 
entgegen, die mit und ohne Dampfkraft auf den Flüffen und Straßen anderer 
Länder, namentlich in England, gemadit wurden. Hatte doch fdhon in den 
letzten Zeiten des alten Reiches die [teigende Güterbewegung dazu bewogen, 
immer größere Schiffsräume auf dem Rheine anzubieten. Aber noch fehlte 
damals die Motorkraft, die der Maffenbeförderung auch die größere Schnellig» 
keit und Regelmäßigkeit der Transporte hinzugefügt hätte. Nun wollte auch hier 
der Umfchwung kommen, und fo ift es wohl kein Zufall, wenn von den vierzehn 
Aktiengcfellfchaften, die man im Jahre 1828 in den Rheinlanden zählte, volle 
fechs auf Wege errichtet worden waren. Davon entfielen vier auf den Regicrungs« 
bezirk Aachen für die Wege von Aachen über Eupcn zur niederländifchen Grenze, 
von Jülich bis Stolberg, von Düren bis Efdiweiler, von Efdiweiler bis Weiden, 
und zwei auf den Regierungsbezirk Düffeldorf für die Wege zwifdien Nymwegen 
und Cranenburg und von Remfcheid nach Wermelskirchen. Zwei Aktiengefell» 
fchaften widmeten fich der Fcuerverfidierung (Aachen und Elbcrfeld), eine 
weitere der Verficherung der auf dem Rhein verfchifften Güter (Kölnifche Affe« 
kuranz); zwei andere fuchten allzuvoreilig im Welthandel Fuß zu faffen: die 
Rheinifch=Weftindifche Compagnic und der Rheinifch=Mexikanifdje Minen» 
verein zu Elberfeld; eine weitere, der Bauverein zu Elberfeld, wollte Wohnungen 
für Fabrikarbeiter fchaffen, während nur zwei, die Weißbledifabrik zu Dillingen 
und die Eifendrahtfabrik zu Efchweiler fidi unmittelbar der Produktion zu» 
wandten. 

Merkwürdigerweife enthalten die „aus amtlidien Nachrichten" zufammen« 
geftcllten „Beiträge zur Statiftik" vom Jahre 1829 keinen Hinweis auf die im 
Jahre 1825/26 ins Leben getretene Preußifch=Rheinifche Dampffchiffgefellfchaft 
zu Köln. Und doch war es gerade diefe Gründung und der in ihr allen Augen 
fichtbar hervortretende Geijt der Vcrkchrsverbefferung, der die Blicke der 
intelligenten Perfönlichkeiten des rheinifchen Wirtfcbaftslebcns auf Köln riditete. 
Da kamen die Zucker», die Häute» und Getreidehändler nadi Köln, wo man 
mit dem alten Stapelrechte den politifchen Kampf gegen das holländifdie Handels- 
monopol kämpfte, wo man auf Grund der Freihafenredite den Kampf um die 
Erhaltung des Verkehrs auf dem preußifchen Rhein und um die Schöpfung eines 
Zentralmarktes aufgenommen hatte, und je höher der Gewerbefleiß ftieg, um 
fo mehr bedurfte man zur Einfuhr der Rohjtoffe, zur Abfuhr der Fabrikate der 
Verkehrswege, der freien Verkehrswege. 



204 V. M. Schwann. Grundlagen und Organisation des Wirtschaftslebens n 

Denn auch darin trat es hervor, daß das Rheinland eben kein reines, nicht 
einmal mehr ein in feiner Produktion überwiegendes Bauernland >x'ar; audi in 
vielen kleinen Städten lebte fchon im Jahre 1820 ein hodientwickelter induftrieller 
Geift, und in manchen von ihnen gab es alte Induftrien von größter Be* 
deutung. Denken wir nur im Regierungsbezirk Aadien z. B. einmal an die 
vielen und bedeutenden Tudifabriken in Burtfchcid, Cornclimünltcr, Stolberg, 
Eupen, Malmedy, Montjoie, Imgenbroidi, Roetgen, Düren; an die Papicr= 
fabriken in Düren, Birkesdorf, Birgel, Merken, Stodiheim, Lammersdorf, 
Brachein, Heinsberg, Hambach, Malmedy; an die Glashütten in Stolberg, an die 
Bleihüttenwerke in Cornclimünfter, GrelJenidi, Bleibuir, Keldenich, Sdilciden, 
Anjtoß, Schcvcn ; an die Eifcnhüttenwerke in Walheim, Birgel, Lammersdorf, 
Marmagen, Hellenthal, Cronenburg, Call, Gemünd, Keldenich, Sdileiden, 
VulTen, Wollfeiffen, Montjoie, Düren und Gemünd; und ergänzen wir fo für 
jeden der anderen Regierungsbezirke, teils in geringerer, teils in größerer Zahl 
die Indu(trieorte; ergänzen wir ferner die Arten der Betricbfamkeit und des 
Gewerbcfleißes nach allen Richtungen damals bekannter Indu(triczweige, fo 
erhalten wir ein in aller Buntheit und Mannigfaltigkeit wimmelndes Bild 
induftrieller Regfamkeit fdion damals. 

Wie aber Städte, wie Köln, Aaciien, Elberfeld=Barmen und andere, als 
größere Zentren wirkten, von denen aus fich eine Organifation der menfchliciien 
Arbeitskräfte weit ins Land hinaus er(tred<te, fo wirkte auch jeder kleinere 
Induflrieort in kleinerem Kreife zentralifierend und hob namentlid» die ohnehin 
fchon auf gcringfter Bodenfläche kümmerlicii häufenden Kleinbauern ganz von 
ihrem Boden weg, oder trieb fie an, mit Obß:bau, Gemüfezucht, Mildi= und 
Eierproduktion für den naheliegenden (tädtifcJien Markt zu arbeiten. Je größer 
aber wieder die Bevölkerung der Indu(lricorte und Städte wurde, um fo weiter 
hinaus wuchs diefer Kreis; und diefes WacJistum verlangte nun feinerfeits wieder 
die Ermöglichung eines rafchen und ungehemmten Verkehrs. 

Was nützte diefer tatfächliciien Entwicklung gegenüber alles Hangen und 
Langen nach der „guten alten Zeit" der Zünfte und wirtfchaftlichen Bcfchrän» 
kungen, wie es felb(t in den Kreifen der Gewerbetreibenden in Köln noch lange 
gehegt wurde. Nicht weil fie eine liberale Idee war, fetzte {ich die Gewerbe- 
freiheit in Stadt und Land durch, fondern weil fic eine wirtfchaftlidie Notwendig- 
keit geworden war. Auf dem platten Lande durfte niemand, der bäuerliciier Her» 
kunft war, ehedem ein Handwerk erlernen. So fdiützte fich die Landwirtfchaft 
gegen den Mangel an billigen Arbeitskräften; fo fchützte fich das (lädtifche 
Handwerk gegen die Konkurrenz auf dem Lande. Und Landwirtfchaft und 
Handwerk gerieten bei diefem „Schutz" in tiefen Verfall. Gefeilen mußten 
einf^mals wandern, aber nicht außer Landes. So fchützte man die Handwerks- 
gcheimniffe und verkam dabei. — In einer Pcrfon follten nicht mehrere Gewerbe 
vereinigt werden. So bcfchränkte man die Ausbildung natürlicher Fähigkeiten. 
Wo aber fchon im 18. Jahrhundert die Tendenz fidi zeigte, mehrere Innungen 
zu einer einzigen zufammenzufchließen, da „trug die Vereinigung cntfchicden 
dazu bei, die Induf^rie zu fördern". Denn ihr Ziel war es, ihre Notwendigkeit 
und ihr Zwang, die wirtfchaftlichen Funktionen zu kombinleren. Daß daneben 
der Drang nadi Spczlallflerung und weiteftgehender Arbeitstellung nicht ver- 
loren ging, zeigte die Entwicklung bald deutlich genug. 

Überall alfo, wohin wir blicken, zeigt (Ich das Streben zur vollen Gewerbe- 
freiheit als Erfüllung einer wirtfchaftlichen Notwendigkeit, oder beffer noch : zur 



D Erstes Kapitel (1815—1840) : Zollgesetzgebung und Handelspolitik 205 

vollen Bewegungsfreiheit. Nur der Handwerker, nur der kleinbäuerlidie Bclltzcr 
gerieten ins Gedränge. Denn jener hatte nidits gelernt, als fein kümmerliches 
Handwerk, das fdion in der Zunftzeit kaum mehr feine Exijtenz fich^rte. Nun 
kam die freie Konkurrenz der Stümper und Pfufdier, mehr aber nodi derjenigen, 
die BelTercs boten, als er zu bieten vermodite, und das war meijt der zum 
Fabrikbetrieb (trebendc Großhandwerker. Für den kleinen Landbauer aber 
lag die Zeit, die Thaer vorfchwebte, und die nadimals durdi Liebig und feine 
Sdiule heraufgeführt wurde, noch unerreidibar fern. Und fo entwickelte fich hier 
ein Zu[tand latenten Elendes, das nur feiten einmal in jener frühen Zeit mit 
einem Klagcfchrei die Aufmerkfamkeit der Offcntlidikeit erregte, und das man 
fich hinzunehmen gewöhnte, wie eine unabwendbare Schidiung. 

Wohl fahcn einzelne und fürchteten die Folgen, und die Frage tauchte fchon 
früh auf: „Kann es dem Staate gleich fein, ob einige wenige wohlhabend, ja 
durch das ihnen nunmehr eingeräumte Monopol reich werden, dagegen taufende 
der derzeitigen Bürger in Armut vcrOnken?" Wohl (Greifte folchc Frage das 
Rätfcl des fozialcn Aufbaues, aber fic lö(tc es nicht. Das Rätfei, das in der anderen 
Frage liegt: Bedingt die Erhaltung eines Mittel(tandes durch irgendwelchen 
Schutz immer und unwiderruflich eine nachweisbare Mittelmäßigkeit des 
gewerblidien Könnens, des technifdien und fozialen Gei(tes? Die Antwort lag 
nicht bei der Frage, wenn auch der fichere Injtinkt des Lebens fic fchon bald 
darzubieten fchien : noch in den zwanziger Jahren entjtandcn in den Rheinlandcn 
die er(tcn landwirtfchaftlidicn und gewerblichen Vereine, und ihr Ziel war 
Erhöhung der Tüchtigkeit durch beffere Ausbildung und Erleichterung des 
Kredits. Aber bis dicfer Gedanke fo weit Wirklidikcit wurde, daß fie auch die 
unter(ten Reihen der Bevölkerung erfaffen konnte, bedurfte es einer Organifation 
durch Generationen hindurch, bedurfte es der Berechnungen und der Experi- 
mente auf der einen, der Vorbereitung des Volksgei(tes auf der anderen Seite. 
Ein(twcilen (teht das Bild vor uns, daß es in den Rheinlanden eine Bevölkerung 
gibt, die weit über die Prozentfätze anderer Gegenden Deutfdilands, felb(l des 
induflriercidien Sachfens, hinaus den Blick von der Bebauung des Erdbodens 
abgewendet hatte, und ihre Lcbensficherung durch gewerbliche und indu(trielle 
Arbeit zu erringen fuchtc. Diefcr Grundcharakter der wirtfchaftlidien Art forderte 
freie Bewegung nach innen und außen; er trat mit diefer Forderung der wefent- 
lidi agrarifch geftimmten Wirtfdiaftsart der alten preußifchen Provinzen entgegen, 
und ihreForderung wurde nod^ bcfonders betont durch die politifdi=geographifche 
Einklemmung des Landes zwifdicn lauter „fremde", aber wirtfdiaftlich ver- 
wandte Gebiete. War es da wohl zu erwarten, daß diefc Bewegung an der 
politifchen Grenze einfach tot auslief, oder ftand nicht vielmehr in Ausficht, daß, 
je härter und höher die Zollmauern an der Grenze errichtet wurden, um fo höher 
auch die Schaumwcllcn fpritzten, die jene Bewegung an fie herantrieb? Auf diefe 
Frage wird die Betraditung der Handelspolitik die Antwort bringen, während 
die Agrar« und Gewerbepolitik nicht nur fozial mitbeftimmt wurde durch die 
bald offenbar werdende Notwendigkeit, die kleinen und fchwadien Exifienzcn 
zu fdiützen, fondern audi wirtfchaftlich durch den Zwang, der jung und kühn 
auffircbenden Induftrie den Sdiutz zu verfchaffen oder zu verfagen, deffen fie 
gegen die Konkurrenz des Auslandes bedurfte. 

Zollgefetzgebung und Handelspolitik. Die Handels« und Zoll« 
Politik (leht in der erltcn preußifchen Periode für die Rheinlande an er(ter Stelle. 
Da i(t die große Verkehrs« und Handelsftraße, der Rhein, nodi gefperrt durdi 



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206 V. M. Schwann, Grundlagen und Organisation des Wirtschaftslebens d 

die Handelsprivilegicn der Niederlande. Seine Nutzbarkeit beftimmt das wirt« 
fchaftlidic Leben feiner Bewohner im hödiften Grade. Da find die großen Kohlen= 
felder des rheinifdi=we|tfälifchen Grenzgebietes, des Stolberg=Efchwciler und des 
Saargebietes, da die großen Eifen= und Metallgebiete des Siegener Landes, der 
Eifel und des Hunsrück — ihr Reichtum drängt auf den Markt, und bald fdion 
treffen fidi die Kohlen von der Ruhr und diejenigen der Saar auf dem Strome. 
Da will der Holzreiditum des Oberlandes zu Tal, der Getreidereiditum nidit 
minder, und nidit zuletzt fudit das edelfte Gewädis an Rhein und Mofel, Ahr 
und Main, der Wein, den Weg zum lohnenden Markte. An der Nordfee lodien 
die Häfen von Rotterdam und Dortredit, von Amfterdam und Antwerpen, und 
von Preußen erwartet man, daß es dem großen rheinifchen Handel die Tore 
zum Weltmarkte öffnet. Frei ins Meer, fo will man's, fo muß man es wünfdien, 
follcn die Sdiiffe gehen, von deutfdien, nidit von fremden Schiffern geleitet. 

Aber nodi find das alles mehr die natürhdien Güter, die das Land felber 
fpendet. Noch winkt hier er(t leife der Export herein, den die Indu(trie erfehnt. 
Mit ihrem Wadistum wird der Wille fleh fpalten, denn auch fie bedarf des 
Marktes, und wie foll flc ihn gewinnen, wenn andere. Fremde, Stärkcrc ihr 
zuvorkamen? 

Einen Export gab es jedodi fchon damals neben dem Export von Natur» 
'Produkten (Getreide, Holz, Kohlen), der im Jahre 1827 nahezu 6^ Millionen 
Taler betrug. Es war der Export von Textilwaren (Leinen=, Wollen», Baum» 
wollen» und Seidenwaren), von denen in dem gleichen Jahre rund das Doppelte 
im Werte ausgeführt wurde (für 12864000 Taler), wie von Naturprodukten. 
Diefcr Ausfuhr (tand an ,,Hilfs=Fabrikmaterialien" nur ein Wert von etwas 
mehr als 1 Yz Milhon Talern gegenüber. Die Zahlen zeigen, daß die Textil» 
induftrie damals noch weitaus be(timmend im Vordergrunde ftand, ein Ver» 
hältnis, das fich erjt feit dem Ende der dreißiger Jahre langfam zu verfdiieben 
begann. 

Und werfen wir von hier aus gleich einen prüfenden Blid< über die pfy» 
chifchen Wandlungen im 19. Jahrhundert, fo werden die er(l:en Jahrzehnte von 
der innerpolitifchen und mit ihr von der Verkehrsfrage beherrfcht. Seit Mitte 
der vierziger Jahre tritt neben jener die technifch=induftrielle Frage in den Vorder» 
grund; von den fiebziger Jahren zieht fic die foziale Frage hinter fich her, während 
gegen Ende des Jahrhunderts die Frage des Weltverkehrs und mit ihr die 
nationale Frage in ganz neuer Betonung in den Vordergrund tritt und wirt- 
fchaftlich be|timmend auf die Löfung der früheren Fragen zurückwirkt. 

in der Tcxtilinduftrie aber (ticßen die Rheinlande auf die harte Konkurrenz 
mit der cnglifchen Induftrie. Während Cockerill im Jahre 1815 die erJteWollfpinn« 
mafchinc in Berlin aufftelltc, befaß England im Jahre 1813 fchon 4000 mechanifche 
Wcbftühle. 1820 liefen in England und Schottland 14 150, 1833 '" England 
allein 85 000 mechanifche Wcbftühle; im rheinifdicn Gebiete dagegen fetzte die 
mechanifche Spinnerei eigentlidi crft in den vierziger Jahren ein. England hatte 
fein Mafchinenmonopol bis dahin eiferfüchtig gewahrt, erkannte nun aber den 
Vorteil, der ihm ftatt aus der Ausfuhr von Garnen und Webfloffen allein, aus 
einer folchen von Mafchinen aller Art erwachfen konnte und mußte. Da und 
dort hatten ja auch fchon im Rheinlande einzelne Fabrikanten mechanlfdie 
Betriebe eingerichtet, fo der Elberfeldcr Brögelmann in Cromford bei Ratingen 
(178^), die Firma Lenssen & Beckenbach in Rheydt und andere. Ja, die Tuch- 
fabrik von B. Scheibler in Montjoie war infofern fchon im Jahre 1808 ein bewun- 



D Erstes Kapitel (1815—1840): Zollgeselzgebung und Handelspolitik 207 

dertcs Unikum, als fie [amtliche Verrichtungen zur Tuchfabrikation in fich vcr» 
einigte, alfo fdion in ganz moderner Unternehmerart die weite|tgchende Ver« 
einigung wirtfchaftlichcr und technifchcr Funktionen in einem organifiertcn 
Betriebe verfudit hatte. 

Da War es nun keineswegs eine leichte Aufgabe, für diefe mannigfaltige 
Produktion, die nirgendwo noch eine durchfdilagende Eigenart und Kraft verriet, 
— die Textihndultrie i(t ja überall eine Begleiterfcheinung der Betriebfamkeit 
auch in rein agrarifdien und abfolutiftifdi regierten Staaten gewefen, und fie allein 
hat feiten die Kraft zu einer Änderung des urfprünglichen Wefens einer natio« 
nalen Wirtfchaftsweife in induftriellem Sinne — den richtigen gefetzgebcrifchen 
und wirtfchaftspolitifdien Weg zu finden. Die Aufgabe war infolge der äußeren 
Gejtaltung des preußifdien Staates, die den fchon (tark urbanifierten Weflen 
mit dem noch fa|t gänzlich agrarifchen Ojten zu einer Einheit vcrfdimolz, nodi 
befonders fchwierig. 

Dazu kam, daß trotz dem Auffdmellen des feudaUabfolutiltifchen Gei(lcs 
nadi 1815 die das Wirtfdiaftsleben beratenden Perfönlidikeiten der oberen Ver» 
waltung der wirtfchaftlidi freien Schule angehörten und anhingen, fo fehr, daß 
in der vereinigten Staatsratskommiffion von 1817 eine Bekämpfung der illiberalen 
englifchcn und ruffifchen Handelspolitik durch Prohibitivgefetze und Verbot» 
fyfteme glatt abgelehnt wurde. 

Auf folchem Grunde wudis nun das neue preußifche Zollgefetz vom 26. Mai 
1818, das zur Grundlage der fpäteren deutfchen ZoUgefetzgebung werden follte. 
Seine Hauptvorzüge find bekannt. Die wichtigjte Errungenfchaft des Gefetzes 
war die Befcitigung fa(t aller Ein= und Ausfuhr»Verbote, fowie die gefetzlidie 
Feftlegung des Zolltarifs vor der Öffentlichkeit. Gerade das ver(tand man 
damals unter Handelsfreiheit, fo daß fich damit Zölle felb(t fehr gut vertrugen. 
Das Gefetz räumte alle Binnenzölle im preußifdien Gebiete beifeite; es bradite 
die Erhebung der Zölle an den Grenzen des Staates und nach dem Gewicht 
und beftimmte außerdem — fein offizieller Name lautet ja: Gefetz über den 
Zoll und die Verbrauchs=Steucr von ausländifchen Waren — hinfichtlich der 
Verbrauchsfteuer bei Fabrik» und Nlanufakturwaren des Auslandes, daß fic 
zehn vom Hundert des Wertes nadi Durchfchnittspreifen in der Regel nidit über« 
(teigen follte. Diefe Verbrauchsfteuer war demnach als mäßiger Schutzzoll gedacht, 
aber der Grundgedanke des Gefetzes war „ausgefprodiene Handelsfreiheit'', 
die „den Verhandlungen mit anderen Staaten in der Regel zur Grundlage 
dienen follte''. 

Preußen aber (tand nidit allein in der Welt. Seine Umgrenzung mit einer 
einzigen gefchloffenen Zollinie, die außerdem andere Staaten oder Teile der« 
fclben mit einfchloß, die ferner gerade die weftlichen Provinzen von dem ganzen 
übrigen Deutfchland abfchloß, mußte daher die öffentliche Meinung flark in 
Bewegung bringen, und dies um fo mehr, als das gleiche Preußen in dem gleichen 
Jahre den Weg zum Kongreß in Aadicn einfchlug, und als es im folgenden Jahre, 
wo Friedrich Li(t in Frankfurt den „deutfdien Handels» und Gewerbeverein" 
in noch ausgefprochen freihändlerifdiem Sinne begründete, an der Beratung der 
fdimach vollen Karlsbader Befchlüffe teilnahm. Damals konnte hinfichtlidi des 
Zollgefetzes der Leipziger Profeflbr Krug das Urteil dahin abgeben, daß er 
„außer Preußen nodi nidit eine ernftlidie und gewichtige Stimme für Preußen, 
wohl aber felbft in Preußen mandie Stimme der Art gegen Preußen" vcr«» 
nommen habe. Die Kritik beftände zu Redit, wenn Preußen, dem Drängen 



208 V. M. Schwann, Grundlagen und Organisation des Wirtschaftslebens a 

der feudalen Elemente folgend, fidi nur hätte abfdiließcn wollen. Aber das ließ 
weder fein eigenes Finanzfy(lem zu, das auf den Ausbau des Verkehrs angewiefen 
war — der preußifche Straßenbau fpricht hier allein fdion eine deutliche Spradie^), 
— ' noch war dies der Grundgedanke der Väter des Zollgefetzes, an deffen 
Beratung und Zu(tandekommen Wilhelm von Humboldt neben Tvlaa(Tcn und 
Kunth fich ein großes Verdicn(t erwarben. Und während nun fdion auf den 
er(ten rheinifchen Provinziallandtagen (1826, 1828 und 1830) die Textilfabri» 
kanten für erhöhten ZoUfdiutz arbeiteten, fdilug die preußifdic Politik den 
anderen Weg ein, durdi Handelss und Zollvcrträge zunädift einmal den inneren, 
deutfchen Markt dem deutfdicn Gewerbefleiße zu erfchließen. Der Zollverein 
kam, und faft gleichzeitig mit ihm kam die Rhcinfchiffahrtskonvention, im 
befondcren ein Vertrag mit den Niederlanden, der den Rheinverkehr, wenn 
auch nicht vollkommen, fo doch freier gc(taltete, als er bisher gewefcn war. 

„Die Gewalt der Sachen", fo hat Kühne fpäter geurteilt, habe den Zoll» 
verein gefchaflFen. Aber die Gewalt der Sadicn be(tand fchon lange, und fic hatte 
bisher nichts gefdiaffen. Jene Männer aber, die im preußifdien Zollgcfetz den 
Grundgedanken der Sclbjtverwaltung — Aufhebung der Trennung von Stadt 
und Land, Grundlegung eines einhcitlidien Staatsbürgertums — auch wirt« 
fchaftlich zum Siege geführt hatten, die mit diefem Gcfetzc aus den verfchiedenen 
Landesteilen Preußens im Often und Wejten, die bisher nach dem Ausdrudte 
Ägidis nur eine „Herrfchaft" bildeten, eine „Lebensgemeinfchaft" maditen, 
hatten auch den Gedanken des Zollvereins aufgegriffen. Nadi dem Inkrafttreten 
feines Zollgefetzes hatte Preußen mit feinen kleineren norddcutfchen Nachbar« 
(taaten fofort die Verhandlungen wegen ZollanfäiluHcs begonnen. Preußen 
erreichte es, daß fo im Norden ein einheitliches Zollfy(tem und Zollgebiet zu(tande 
kam, aber den Rheinlanden brad^te er|t der am 14. Februar 1828 abgefchloffcne 
Vertrag mit Heflen=»Darm(tadt eine freudigere Ausficht. Nun fah man das Ziel : 
die innerhalb Preußens durch das Gefetz von 1818 wirklich gewordene völlige 
Handels» und Gewerbefreiheit will über Preußens Grenzen hinauswachfen und 
Deutfchland umfaffen, foweit Deutfchland dies felber will. Mit dem Anfchluflc 
HeITcn»Darm(tadts gewann Motz — denn er war nun die politifch fdiaffende 
Macht — die Brücke zu dem mittlerweile von Bayern und Württemberg gefchlof- 
fenen füddeutfchen Zollverein, mit dem am 27. Mai 1829 ein Handelsvertrag 
zuf^ande kam, der Zollfreiheit für alle inländifchen Erzeugniffe der Natur, des 
Gewerbfleißes und der Kun(t gewährte. 

Während alfo Preußen nach Deutfchland hinein erfolgreich den Weg der 
Unterhandlung eingefchlagen hatte, vcrfuchte es den gleichen Weg aus Deutfch- 
land hinaus, über Holland zum Weltmeere, zum Welthandel und Weltverkehr 
vorzudringen. Und auch hier wurde mit der Rheinfchiffahrtsaktc vom 31. März 
1831 ein erftes Ziel erreicht: die zur Rhcinfchiffahrt gehörigen Schiffe der Unter- 
tanen der Rheinuferl^aaten gewannen, frei von jeder Umladung, die Einfahrt 
und Ausfahrt ins Meer. Noch verzichtete Preußen dabei auf die Seeverbindung 
feiner eigenen 0(tprovinzen mit dem Rhein. An die Stelle der Tranfitabgabcn 
trat in Holland das nach dem Gewichte bcftimmte Droit fixe, eine forgfältigc 
Scheidung zwifchen Oktroi und Zollerhebung wurde jetzt auch in Holland durch- 
geführt, und die Oktroierhebung in den freien Willen der Rhcinufer(^aaten 
gcftcllt. Die Konzefflonspflicht für das Schiffergewerbe wurde zwar beibehalten, 

I) Binnen elf jähren (1817 — 1828) baute der preußifche Staat 1065 Meilen ChauJTeen, 
«Ifo mehr alt das Doppelte, als im )ahre 1817 vornanden waren. 



Erstes Kapitel (1815—1840): Zollgesetzgebung und Handelspolitik 209 



aber die Sdiiffcrgilden wurden abgefchafft, wie die Umfchlagsredite und der 
Zwang der bisherigen Rangfahrten und Fraditbe(timmungen. „Die Epodie 
der ßiaatlichen Regulierung, die mit dem Oktroivertrag (1804) begonnen hatte, 
war beendet; das Zeitalter des freien Wettbewerbs, des Intere(Tenkampfes der 
Individuen, der Städte, der Berufsftände und ein(tweilen auch der Einzel(taaten 
begann. Die völlige Umwandlung des Verkehrs und feiner Betriebsart — fdion 
vorbereitet durdi das Vordringen der Kleinfdiiffahrt, die Erfdiließung des neuen 
Hafens Antwerpen, die Ausbreitung des Kohlenabfatzcs und die er(ten Erfolge 
der Dampf fdhiffahrt — mußte die nädijtc Folge fein." 

Motz verfuchte die Grundlage einer „Einigung zu einem und demfelben 
politifchen Syftem" in Deutfchland durdi eine Einigung feiner Staaten zu einem 
Zoll« und Handelsverbande zu fchaffen, und fein ausgefprodienes Ziel war „ein 
in Wahrheit verbündetes, von innen und außen feftcs und freies Deutfchland 
unter dem Sdiutz und Schirm von Preußen". Und als er hier feine erften erfolg» 
reidben Schritte tat, fdiien Preußen die Gun(t des Schickfals audi von anderer 
Seite zu nahen. Infolge der belgifchen Revolution (1830) brach das Machwerk 
der Wiener Diplomaten, das vereinigte Königreich der Niederlande, auseinander. 
Belgien wurde felbjtändigcs Königreid^. Ein Indu(trie[taat durch und durdi, 
auf die Ausfuhr feiner Produkte angewiefen, von Frankreich abgefchloffen durdi 
eine hohe Zollmauer, von Holland durdi die neue Feindfdiaft, bedurfte Belgien 
des Anfchluffes. Wo hätte es ihn finden follcn, wenn nidit bei Preußen? Die 
belgifchen Staatsmänner nahmen den Gedanken auf; am Rheine fanden fic 
willigen Eingang, und „Handelsvertrag mit Belgien" wurde hier auf ein Jahr= 
zehnt hinaus das Schlagwort der Politiker. Die Hanfemann, Camphaufen, 
Merkens arbeiteten in diefem Sinne, aber in Berlin blieb man taub. Zu einem 
intimeren Verkehr mit einem folchen Demokratengebilde, wie es das junge König« 
reich war, war man hier nodi nicht reif. Man ließ die Gunft der Umjtände, 
gegen Hollands harte Intereffenpolitik die Anerbietungen Belgiens ausfpielen 
zu können, ungenützt verjtreichen. Allerdings nidit nur politifche Gegenfätze 
beftanden zwifdicn Berlin und Brüffel, auch konfeffionelle mifchten fich herein 
und mehr vielleicht noch wirtfdiaftspolitifche. Denn in Belgien wollte man von 
Freihandel nichts wiffen. Schon gleich zu Anfang ihrer (taatlichcn Selbjtändigkeit 
betonten bclgifdie Wirtfchaftspolitiker, daß die nützlichen Unternehmungen 
einzuräumenden Ermunterungen von der Schule mit dem Banne belegt feien; 
man bedauerte den Tod L. Says, des franzöfifchen Interpreten der Smithfdien 
Lehre, bevor er ihre Änderungen fanktioniert hatte; denn ohne Zweifel würde 
er es für nötig gehalten haben, folche bei der Anwendung des Syjlems der 
unbegrenzten Handelsfreiheit, die mit der Trennung der Intereffen der Allge« 
meinheit nicht zu vereinbaren fei, zuzulaffen. Hier wollte man ein Handelsa 
fyßiem auf der Grundlage der Handelsfreiheit mit den Befchränkungcn, welche 
der augenblickliche Stand der belgifchen Indu(trien erforderte, und mit den 
Unterftützungen, die die privaten Intereffen mit Mut und Energie zu Unter» 
nehmungen im allgemeinen Intereffe erfüllten, wo dazu ohne fiß das Vertrauen 
fehlte. Die Frage der Prämien und SdiutzzöUe (tand mithin hier fdion in leb= 
hafter öffentlicher Diskuffion zu einer Zeit, wo die preußifdie Wirtfdiaftspolitik 
durdi Verträge einen immer mehr erweiterten Markt für die Produkte ihres 
Landes in Deutfchland zu erreichen fuchte. Audi das war ein Weg, worauf 
manches Ziel zu erreichen gewefen wäre, aber er mußte mit Konfequenz und 
Kraft vorwärts gegangen werden. Da aber erlofdi mit dem Tode von Motz und 

Die Rheinproyin« 1815 — 1915. l^ 



210 V. M. Schwann, Grundlagen und Organisation des Wirtschaftslebens a 

einer ganzen Reihe feiner Mitarbeiter bald die fo herzhaft aufgenommene 
preußifche Initiative, und kaum neigte fidi das vierte Jahrzehnt feinem Ende 
zu, fo (tand in Preußen und im Zollverein der Kampf der Freihändler und 
SÄutzzöllncr in hellen Flammen. 

Vor einem Handelsverträge mit Belgien kam es zu einem Handelsverträge 
mit den Holländern. Die am j. Juni 1837 und 31. Januar 1839 gefchloffenen 
Übereinkommen aber fielen infolge der ungewandten Politik fo unglüdilidi für 
Preußen aus, daß fie dem allgemeinen Unwillen bald wieder weidien mußten. 
Namentlidi ein junger Induftriezweig in Köln, der feit der Mitte der zwanziger 
Jahre rafch emporgefdioffen war und nun eine der ftärkjten Säulen des Kölner 
Wirtfdiaftslebens bildete, wurde von diefer verfehlten Politik fdiwcr bedroht: 
die Zuckerindultric. Als Handelsartikel war Zucker, wie alle Kolonialwaren, 
in Verfall geraten. Aber feit 1824 hören wir von Zuckerraffinerien in Köln. 
Als Produkt eigener Fabrikation, wozu man den Rohzucker aus Holland bezog, 
(trebte diefer Artikel wieder empor und erreidite bald eine erftaunlidie Höhe. 
Da kamen die Weber aus Minden, die Schimmelbufdi und Joe(t aus Solingen, 
die Carjtanjen aus Mülheim, die Bredt aus Barmen, die vom Rath aus Duisburg, 
die Langen aus Solingen und erriditeten Zuckerraffinerien in Köln, teils kurz 
vor, teils gleich nach der Begründung des Zollvereins. Und diefe wirtfdiaftlich 
und fozial noch in feften Fugen (tchenden, mei(t proteftantifdien Familien gingen 
mit folcher Arbeitskraft und Umficht ins Zeug, daß die alte Handelsftadt Köln 
an ihnen einen neuen und (tarken Rückhalt für ihre zukünftige Entwicklung 
gewann. Daneben erfreuten fidi audi ältere Kaufmannsfamilien einer neuen 
Blut= und Kraftzufuhr. Die Sdinitzler wurden die Genoffen des von Mannheim 
aus gegründeten Bankhaufes Stein. Audi fie flammten aus der Solinger Gegend, 
wie der junge Guilleaume, der das alte Seilergewerbe der Feiten zu neuer Blüte 
führte. Die Dcidimann belebten das A. Schaaffhaufcnfche Bankhaus und 
Gefchlecht, und wie fie aus Hannover (tammten, fo die Camphaufen aus der 
Mitte zwifchcn dem jungen Indu(triegebiete um München=Gladbach und Rheydt 
und dem alten um Aadien und Efchweiler. Neben der Zuckerindußirie hatte 
der Getreidehandel, der Olhandel und die Ölraffinerie, und vor allem der Handel 
mit Wildhäuten in Köln einen neuen Standort errungen. Und wie der neu 
aufblühende Verkehr bald die alten und jungen Bankhäufer, die Herftatt und 
Oppenheim, neben den fdion genannten zu lebhafter Tätigkeit rief, fo zog der 
Häutehandel zu den aus der altkölnifchen Gerberei empor(trebenden Familien 
der Richartz, Firmcnidi und anderer, die Hölterhoff aus der Solinger Gegend, 
die Mallinckrodt aus dem Siegencr Lande, die Rautenftraudi aus dem Trierifchen 
nach der Metropole des rheinifchen Wirtfdiaftslebens. Als letzter der Zuwanderer 
in den dreißiger Jahren kam der junge Guftav Meviffen nach Köln, der jüngjien, 
aber bald auch der erften einer, der an dem Niedergang der Leinenindu(lrie 
feiner Dülkener Heimat fdion früh den kritifchen Blick für die Wandlungen 
des Wirtfchaftslebcns und für die Einflüffe der Politik auf dasfelbe gewonnen 
und geübt hatte. 

Zugleich aber mit den neuen Ausfichten, die der Zollverein und die Rhein» 
fchiffahrtsakte dem rheinifchen Leben eröffnet hatte, trat ein anderes Ereignis 
In den Geflchtskreis des rührigen G efchl echtes : die Dampfkraft war von den 
Strömen auf die Straßen vorgedrungen. In England und Amerika baute man 
Schienenwege, auf denen die Laft» und Perfonenwagcn von einer Lokomotive 
gezogen wurden. Belgien folgte fofort, und in Köln ergriff Ludolf Camphaufen 



D Erstes Kapitel (1815—1840): Zollgesetzgebung und Handelspolitik 211 

die Initiative. Den „cifcrnen Rhein" galt es zu erbauen, eine Sch'ienenftraßc 
von Köln nadi Antwerpen; was die zögernde Politik Preußens nicht zuwege 
brachte, eine innigere wirtfdiaftliche Verbindung mit Belgien, das follte nun 
durdi eine frifdi zugreifende Verkehrspolitik der Rheinländer gewonnen werden : 
eine „neue Mündung" des Rheines in Antwerpen. Hier follte dem rheinifchcn 
Handel ein wirklidi freier Zugang zum Meere erobert werden. Und nicht nur 
dem rheinifchen Handel. Denn nur die 0(tfee befpülte eine der Grenzen des 
Zollvereins, „alle anderen fahen Vermittler zwifdien fich und dem Meere". 
Nun follte, wie Camphaufen meinte, die Straße nach Antwerpen, der fowohl 
Preußen als Belgien die gegenfeitig freie Durchfuhr zufichern werde, der erjte 
Fühlfadcn werden, „den der deutfche Handelsftaat nach der Nordfee aus(tred<t". 
Nun hoffte man, daß das dringendfte Bedürfnis des Rheinlands, das der preu« 
ßifche Staatsrat Kunth fdion im Jahre 1816 als ein die preußifdie Regierung 
verpfliditendes feinem Mini(ter gemeldet hatte, endlich zum Teil ge(tillt werde: 
mit Frankreich und Belgien in beffere Handelsverhältniffe zu kommen. Und 
nicht ifoliert (tanden diefe Pläne, kein abgeriffener Arm follte diefe Bahn Köln» 
Antwerpen bleiben, fondern ein lebendiges Glied am großen Organismus des 
prcußifchen Staates. Denn wie gleichzeitig der Plan einer Eifenbahn von Köln 
nadi Amfterdam erwogen wurde, fo trat der Plan einer Bahn nach Minden an der 
Wefer in Sicht, fo fchon mit der Anfangsftredte Köln=Bonn die Bahnverbindung 
mit Süddeutfdiland. Aber auch hier fehlte es der preußifchen Bureaukratic an 
Entfdiloffenheit und Kühnheit, feitdem Motz geftorben war. 

Eifenbahnbau — das wurde feit 1833 für mehr als ein Jahrzehnt das Sdilag» 
wort der Zeit. Ganz unzulänghch aber war für ein rapides Steigen der wirtfchaft» 
lidien Unternehmungslu(t die bisherige Organifation des Geld» und Bankwefens. 
Alfo — auch hier Reform — fo dachte man. Dodi wo wäre je derBlitzesfchnelliga 
keit der Gedanken die Ausführung in gleidiem Tempo gefolgt? Und gar in 
diefem Staate, der dodi in feiner HauptmafTe, in feiner Gewohnheit und — wer 
wollte es ihm verdenken — in feiner von fo großen Erinnerungen genährten 
Vorliebe noch agrarifch durdi und durch war? Agrarifch nach dem Gei(te und 
der genügfam (tarken Art der Väter? 

Trotz alledem, die Eifenbahnbauten wirkten; fteigenden Wohlftand hatte 
Kunth fchon vorher (1829) mit Freuden überall in den Rheinlanden bemerkt; 
er hatte zwei Dinge genannt, wonach man fidi vor allem fchntc: Sdiulen und 
Straßen. Gute, höhere Schulen, Schulen für fpätere Kaufleute und Unternehmer 
und gute Straßen. Und ein fidicres Zeichen, daß das Verkehrsleben im Auf« 
(teigen begriffen war : die alte Spedition fank und fank. Die Spediteure klagten 
und jammerten, aber es war ihnen nicht mehr zu helfen. Je weiter, je leichter 
der Verkehr fidi geftaltete, um fo mehr wurden fie überflüffig. Die Zeiten, wo 
im Bergifdien Lande die Sdiluditen fo eng waren, daß die in ihnen liegenden 
Fabriken feiten für Fuhrwerk, fondern nur Pferden zugänglidi waren, fo daß 
die Materialien, Kohlen, Roheifen, Erze von diefen herbeigetragen werden 
mußten, nahten fich ihrem Ende, als der Ruf erfdioll: Eifenbahnen. Aber — 
das Geld — woher es nehmen? Alle hohen Pläne drohten hier zu fcheitern.. 
Und doch — wohin die Entwicklung wies, das konnte man fchon Ende der 
zwanziger Jahre fehen. Die Dampfmafchinen, bisher nodi ein fehr fpärliches 
Wunderwerk, und nicht feiten ein Wunderwerk, das mehr |till(tand, als daß es 
ging, bürgerten fidi mehr und mehr ein. Cod<erills Mafdiinen hatten die Tuch= 
manufaktur im Aadiener Bezirke fdion von Grund aus verändert; die ganze 

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212 V. M. Schwann, Grundlagen und Organisation des Wirtschaftslebens a 

Tcxtilindu(trie, namentlidi die Baumwolleninduftric, harrte auf den Augenblick, 
wo fie radikal umgc(taltct werden follte. Die alte Leincninduftric ging rüd<wärts; 
der Bauer wandte fidi vom Fladisbau ab oder trieb ihn nur nadiläffig und nadi 
alter Art, und daneben: „Soldie Mafdiinenfabriken cntftehen in den Rhein» 
Provinzen nadi und nadi immer mehrere" — heißt es im Jahre 1829. Wer baute 
fie? DieDampfmafdiinen? Nun, da und dort gab es fdion einheimifdie „Media» 
niker'', die auf dem Felde der Konftruktion ihr Heil verfuditen, wie es der alte 
Dinncndahl in Elfen getan, wie es Heidel in Bonn, Uhlhorn in Grevenbroidi, 
der alte Oedielhäufer in Siegen verfuditen. Aber das allein hätte nidit ausgereidit, 
wären die Engländer nidit lange vorher, ehe fie ihre Mafdiinen hinausheben, 
felbcr gekommen, um die Leitung rhcinifdier Mafdiinenbauanftalten zu über» 
nehmen. Wir finden fie in Efdiweiler Pumpe, in Aadien bei Cockerill, wie fpäter 
bei Fritz Harkort in Wetter. Alles erft kleine Anfänge, aber die cnglifdien 
Lehrmeilter waren fdion da. Wann werden die englifdien Geldmei(ter kommen, 
die franzöfifdien, holländifchen, belgifdien? In Deutfchland will man Eifen» 
bahnen bauen. Die Spekulation bcmäditigt fidi der Pläne. Dodi aus dem Fieber 
verfällt man in die Starre. Statt vorwärts zu denken und zu hoffen, hemmt und 
bremft die preußifdie Bureaukratic, und faft übermenfdilidicr Anftrengungen 
bedarf es, um an den großen Plänen zu neuen Verkehrswegen fcftzuhalten und 
fie zur Verwirklidiung durdizufetzen, um an den Hemmniffen und Wider(tänden 
die eigene Kraft nidit nutzlos zu zerreiben. Die Camphaufen, Hanfemann, 
Stinnes erfuhren es eben, die Meviffen, Haniel, Krupp folltcn es noch erfahren. 
Vorwärts — das i(t die Riditung, wohin es den Unternehmer zieht, ziehen 
muß. Trotz aller Hemmungen baute man Eifenbahnen. Wer aber lieferte die 
Schienen, die Lokomotiven, die Wagen? England, Belgien, fclb(t Frankreich. 
Deutfchland felbft? Der Zollverein? Seine Grenzen ftanden weit offen. Denn 
was befagte eine „Verbrauchsfteuer" bei foldicn Riefenobjekten und Riefen» 
lieferungen, die da gefordert wurden? Bei den Gewinnen, die da noch zu erzielen 
waren? Gegen Ende der dreißiger Jahre ift man fo weit, dicfe Drohung, die da 
aus der Zukunft, der nahen Zukunft unmittelbar hercingraut, zu verftehen. So 
wird der Gefchichtsfchreiber veranlaßt, bei dem Thronwedifel in Preußen, dem 
Tode Friedrich Wilhelms HI. eine entfchcidendc Wendung der Dinge bcfonders 
in den Rheinlanden darin zu erblicken, daß nun mehr und mehr Wirklidikeit 
wurde, was Kunth fchon 1816 von der Haltung der Rheinländer nach Berlin 
gemeldet hatte: Die Bewohner der Rheinprovinzen feien durch die Erfahrung 
zjjähriger Revolution, welche fie durdigehen, durch die Gefetzgebung, woran 
fie, wenn auch oft nur fcheinbar, teilnehmen, durch die Gefetze, die fie vcr(lehen 
und anwenden lernen mußten, auf eine Stufe politifcher Aufmerkfamkeit gerückt, 
welche die öftlichen deutfchen Länder nodi nidit kennen. — Die Aufmerkfamkeit 
war wach geblieben und allgemeiner geworden. Und da hatte man erkannt, 
daß die wirtfchaftlichen Dinge nicht zu heben feien, ohne daß man felber Hand 
anlegte bei der Wandlung der politifchen Dinge. Man hatte erfahren, daß 
„Aufmerkfamkeit" allein nicht genügte. So drang feit dem Ende der dreißiger 
Jahre der politifche Wille in das wirtfchaftlidie Leben. Die großen Fragen der 
Politik: Vcrfaffung der Gemeinde, der Provinz, des Staates drangen vor. Die 
Zeit war gekommen, wo man intuitiv zu verftchcn begann, was Lift als den 
Mlßerlff Colberts bezeichnete, daß er unter einer defpotifchcn Regierung aus- 
zuführen fuchte, was erß nach einer Grundreform der politifchen Zuftände 
BefUnd haben konnte; die Zeit, wo man zu begreifen anfing, daß die Privat» 



D Erstes Kapitel (1815-1840): Zollgesetzgebung und Handelspolitik 213 

induftric kein Land zu retten vermag, da „die Individuen den größten Teil 
ihrer produktiven Kräfte von der politifdien Organifation der Regierung und 
dcrMadit derNation empfangen". Aber auch : „er(t dann, wenn die intellektuelle, 
politifdic und ökonomifchc Erziehung der Nation infolge des freien Handels 
fo >x'eit gediehen i(t, daß fie durdi die Einfuhr fremder Manufakturen und durc^ 
den Mangel an hinlänglichem Abfatz für ihre Produktion in ihren weiteren 
Fortfehritten aufgehalten und behindert wird, find Schutzmaßregeln zu redita 
fertigen". — War die Nation fchon fo weit? 



Zweites Kapitel (1840 — 1870). 

Induftrie, Bergbau, Geldwefen, Handel, Organifation des inneren Marktes, 
Intereffenvereinigungen, Gefe^gebung, Wirtfchaftspolitik. 

Bei der Thronbe(tcigung Friedrich Wilhelms IV. betrug die Gefamt= 
bevölkerung des preußifchen Staates annähernd 15 Millionen. Sie war gegen 
1817 um 4V2 Millionen gcwachfen (1817: 10319993 Einwohner). Mit den 
im Jahre 1866 neugewonnenen Provinzen ftieg fie dann auf 24 Millionen, eine 
Einwohnerzahl, die ungefähr der ganzen Bevölkerung von Deutfchland im Jahre 
1816— 50 Jahre früher — gleichkam, um bis 1900 zu 34 1/2 Millionen anzuwadifen. 
Von jenen 15 Millionen im Jahre 1840 entfielen auf die beiden Weftprovinzcn 
Rheinland und Weftfalcn 2 591 650 und 1 383 197, zufammen 3 975 847 Ein= 
wohner, alfo mehr als ein Viertel der Gefamtbevölkerung, ein Verhältnis, das 
dann bis zum Ende des Jahrhunderts ziemlich konftant blieb: 31490315: 
7714270. Aber während in We(tfalen 1816 fchon 52 Einwohner auf dem 
Quadratkilometer faßen, im Rheinland 1820: 77, entfiel auf ganz Preußen er(t 
die Durdifchnittszahl von 35 Einwohnern auf den Quadratkilometer, und erft 
zu Ende der fiebziger Jahre erreidite die Bevölkerung in ganz Preußen eine 
Dichtigkeit, wie fie die Rhcinlande fchon 60 Jahre früher hatten. 

Aber nicht nur die Einwohnerzahl wudis in den erftcn dreißig Jahren 
preußifcher Herrfchaft um jährlidi rund 1 %, fondern es war in Preußen auch 
die Viehzucht vorangefch ritten. Die Zahl des Rindviehs war gewachfen, und die 
der Schafe gar erreichte mit dem Jahre 1867 ihren Höhepunkt, von dem fie er|t 
gegen Ende des Jahrhunderts auf den ehemaligen Beltand von 1816 zurückfank, 
während dieRindviehvermehrung bis zumSchluffe des Jahrhunderts und darüber 
hinaus fleigend blieb. 

Dicfe Parallele, fo merkwürdig fie auf den erften Blick erfdieincn mag, zeigt 
dodi zweierlei: kam auch in den Rheinlanden der weitaus größte Teil der 
Bevölkerungsmehrung den Städten zugute, fo fchr, daß neue Städte von Hundert= 
taufenden von Einwohnern entftanden, wo ehedem ein Dorf, eine kleine Stadt= 
gemeinde oder gar öde Heide fich befand; bezogen diefe Städte felb(t einen nidit 
geringen Teil der ihnen zuwandernden Einwohner aus dem deutfdien Often, fo 
lief der deutfdien Landwirtfdiaft doch durdiaus nidit alles davon ; fie hielt fidi 
nicht nur auf früherem Stande, fondern wudis in ihrer Produktion und Produktiv» 
kraft weit über die ehemaligen Zahlen hinaus. Wie fie das vermochte, werden 
wir gelegentlich fehen. 



214 V. M. Schwann, Grundlagen und Organisation des Wirtschaftslebens d 

Wie aber (tand es allgemein im Jahre 1840? Preußen i(l unfertig, man fühlt 
und fieht es an allen Enden; der Zollverein i(t unfertig; Deutfdbland nidit 
minder — denn der Deutfdie Bund — für das wirklidie Leben kommt er gar 
nidit in Betradit. Man erwartet nichts von ihm, fpürt nur gclcgentlidi feine 
Hemmungen. Die Nation bildet kein politifdies Gefamtwefen. Der Zollverein 
hatte einen Anfang gemadit, aber feine Entwidtlung ftodit nun. 

Freien Handel braudit man für die Einfuhr der Rohftoife; die Spinner 
bedürfen der Baumvx'olle und Seide und der Wolle, die Zuckerinduftrie bedarf 
des Rohzuckers — er|t in den vierziger Jahren vollzieht fich der Umfdiwung zur 
Rübenzudicrinduftrie — die Lederfabrikation der Häute, die Mafdiinen= und 
Werkzeugefabrikation des Eifens, und teilhaben will das Leben des Zoll= 
Vereins an den allenthalben neu aufkommenden Handelsartikeln. Verdrängte 
doch er(t von 1830 ab die Öllampe allmählich das Talglidit und den Kienfpan 
gar in den Bauernhäufern. Da kam das Palmöl auf neben dem hcimifdicn Rüböl 
(1826), dann das Kokosöl und beide drangen als Erfatz des Talges in die Scifcn= 
fabrikation. 1822 (teilte Pelletier das Chinin her, 1825 kam es zuerft in den 
Handel, bald darauf das Chinoidin. 1827 entdeckte Lampadius den SchwefcU 
kohlen(tofF, der fchnell eine tedinifchc Verwendung zum Ausziehen von Fetten 
gewann. Dann wurde Brom gewonnen aus der Mutterlauge der Salinen, und 
1831 gelang die Hcr(tcllung von Naphthalin. Es war der erfte Verfuch der fpäter 
fo intereffant gewordenen Reihe von Produkten der trockenen Kohlendeftillation. 
1833 folgte das Kreofot (Reidienbadi), 1834 das Veratrin, die Einführung des 
Isländifchen Moofes, 1835 die derCapsules gelatineuses, 1836 die Dar(tellung des 
ätherifchen SenfsOls im großen; 1840 dann begann die Maffenherftellung von 
Cyankali infolge der Erfindung der Galvanopla(tik ufw. ufw. 

Aber nidit nur freien Handel braudite man, audi Schutz der Indu|trie wurde 
begehrt. Ganz Preußen befaß im Jahre 1837 erft 421 Dampfmafdiincn ; neun 
Jahre fpäter find's ihrer fchon 1139. Das neue Organ des Handels und Verkehrs, 
die Eifenbahn, (teht noch in den Anfängen mit ihren umwälzenden Wir= 
kungen. Man braucht Sdiicnen, Lokomotiven, Waggons. Da gibt England die 
Mafchinenausfuhr frei. Aber fdion find unfere eigenen Eifenfchmiede an der 
Arbeit. 1824 hatten die Remys auf Raffelftein bei Neuwied das er(te Puddcl= 
werk errichtet. Im folgenden Jahre erbaute Höfch in Lendcrsdorf Puddelöfen 
und ein Stabeifenwalzwerk. Das Werk zu Efchweiler Pumpe und die Quinthütte 
an der Mofel folgten 1830; die Familie Stumm crriditete 1831 das erfte Puddela 
und Walzwerk und 1840 den erften Kokshochofen; ihnen fchloß {id\ 1836 das 
große PuddeU und Walzwerk Gutehoffnungshütte von Jacobi, Haniel und 
Huylfen an. Raffelftein lieferte die er(ten deutfchen Sdiienen für die erfte deutfche 
Eifenbahn zwifchen Nürnberg und Fürth; Höfdis Werk bei Düren begann 1838 
mit der Schienenlicfcrung für die Rhcinifchc Bahn, die Gutehoffnungshütte 
1844 für die Köln=Mindener und die Hermannshütte des Hörder Eifenwcrks 
1848 für die Prinz Wilhelmbahn. 

Aber gerade zu Anfang der vierziger Jahre fanden in der Eifenproduktion 
rafche Wandlungen (tatt. Die Einfuhr überftieg die Produktion jäh, bis von der 
Mitte der vierziger Jahre an die Produktion langfam die Einfuhr zurückdämmte. 
Der crftc Kokshochofen — das war die neue Ausflcht. Erft wenn Eifcn und 
Kohle zufammenkommen, ift die deutfche Eifenproduktion imftandc, den Bedarf 
zu decken. Mittlerweile aber hören wir: im Siegcriandc wird um 1840 noch 
ganz handwerksmäßig gcwirtfchaftct, und während anderswo die Eifeninduftrie 



a Zweites Kapitel (1840—1870): Schwerindustrie, Kohle, Eisen, Eisenbahnen 215 

zur kapitaliftifdien Organifation vorgcfdiritten war, war „die wirtfdiaftlidic 
Organifation der Siegerländer Gewerken völlig veraltet". Um die gleidie Zeit 
„ging die alte Eifenindultrie der Eifel rettungslos zu Grunde''. Weiter: Koks= 
induftric und Koksproduktion im Ruhrrevier waren unbedeutend, bis Ende 
der vierziger Jahre Eifenbahncn und Hodiöfen als Großkonfumenten hervor= 
traten. 1840 betrug die gefamtc Produktion des Reviers erft 16000 t (320000 
Zentner). — 1837 hatte der Regierungsbezirk Düjleldorf erft zwei kleine Holz= 
kohlenhochöfen, 1850 er[t einen Kokshodiofen, 1851 aber fdion ihrer drei. 
Immerhin find die Zahlen ganz gering. Von 1850 ab aber (tiegen fie. 1852 befitzt 
der Oberbergamtsbezirk Dortmund 12 Hodiöfen mit einer Gefamtproduktion 
von 446 342 Zentnern, von denen 271 273 Zentner mit Koks, 89 691 mit Holz« 
kohle, 85 378 mit gemifditer Feuerung hergcftellt wurden. Im Jahre 1861 
waren der Hodiöfen 44 vorhanden, mit einer Gefamtproduktion von 3 018 272 
Zentnern, von denen nahezu drei Millionen nur mit Koks gewonnen wurden. 
In den glcidien Jahren (1851) zählte man für den Oberbergamtsbezirk Bonn 
dagegen fchon 87 Hodiöfen mit einer Gefamtproduktion von nahezu 1 ^ Million 
Zentnern . 1858 erreidite hier die Zahl der Hodiöfen (111) mit fa(t 3 Yz Millionen 
Zentnern den Höhepunkt, fank dann bis 1861 auf 83 Hodiöfen mit einer Pro« 
duktion von 3,7 Millionen Zentnern, von denen allerdings nur nodi 469 503 
Zentner mit Holzkohlen hcrgeftellt waren. Immerhin wurden im Jahre 1850 
von der Gefamterzeugung der Hodiöfen im Zollverein er(t 17,7% bei Koks 
oder gemifditem Brennmaterial erblafen. Sieht man nun, daß die Kohlen» 
Produktion des Jahres 1834 in ?3nz Preußen erft 1,2 Millionen Tonnen = 
24 Millionen Zentner und des Jahres 1843 in ganz Preußen 3,1 Millionen 
Tonnen = 62 Millionen Zentner, dagegen die des Jahres 1900 in den Rhein» 
landen allein 73 Millionen Tonnen = 1460 Millionen Zentner und 1910 die 
Produktion der drei Rheinlandbezirke (Ruhr, Saar, Aadien) 105,7 Millionen 
Tonnen = 2114 Millionen Zentner betrug, alfo nahezu fidi verhundertfaditc, 
fo erkennt man audi hier deutlidi : Deutfdiland war nidit fertig, und ein unge« 
heurer Weg, eine ungeheure Arbcitsleiftung war erforderlidi, um das Ziel der 
Produktion zu erreidien, das heute erreidit wurde. 

1840 gab es in Deutfdiland er(t 469 km Sdiienenftränge, 1900 gegen 
50000 km, in Europa 1898: 265000 km. Dazu befitzt Preußen allein um 
1900: 95 945 km Kun(t(traßen. 

Die geringe Zahl der Eifenbahn(treden von 1840 vermehrte fidi natürlidi 
nicht in einem oder zwei Jahren fo, daß eine gleidimäßigere Verteilung des 
Verkehrs und der Verkehrsmöglidikeit über das Land zuftande gekommen wäre, 
fondern dazu bedurfte es der Jahrzehnte. Diefe Ungleidiheit der Verkehrs» 
möglidikeiten fdiuf alfo zunäch(t eine wachfende Ungleidiheit der Lebens« 
möglidikeiten. Die Verbilligung des Lebens hier, die Verteuerung dort wirkte 
hier vermehrte, dort reduzierte Erwerbsmöglidikeiten. Thünen hat das Bild 
von einem im ifolierten Staate gelegenen Marktzentrum gezeidinet und feine 
wirtfdiaftlidien Folgen entwidclt. Diefes Bild aber ift nidit nur Theorie und 
Hypothefe, fondern es (tedt ein Stüd< Wirklidikeit darin. Nur muffen wir uns 
das Marktzentrum nidit etwa als Punkt in der Mitte denken, fondern als Stridi 
als eine Linie quer durdi ein Gebiet. Und fo ein Zentralß:ridi war damals eine 
Eifenbahnlinie in einem Landgebiet. Sie bildet das Marktzentrum, wonadi 
alles nahe und fernere Leben hin(trcbt. Haben Güter und Perfonen erft die 
Eifenbahn erreidit, fo fmd fic auch fchon im Lebens= und Marktverkehr. Je 



216 V. M. Schwann, Grundlagen und Organisation des Wirtschaftslebens n 

höher aber hier die Welle des Lebens trägt, um fo tiefer finkt fie in tler Ferne 
von diefer Zentrallinie. Und das bedeutet eine wadifende Ungleidiheit der 
Lebenshaltung und Lebensführung, die nur der Ausbau des Verkehrsnetzes 
beheben kann. 

Zunäd»(t aber wirkten die Eifenbahnen audi nodi in anderer Weife kon= 
zentrierend. Ihr Bau und Ausbau kojtete enormes Geld und enorme Arbeit. 
Alfo Geld und Arbeit drängten zu ihnen hin. 

Geld bedurfte aber audi die wadifende Induftrie, und das um fo mehr, als 
fic mehr und mehr Anlagen erforderte, die der einzelne aus eigenen Mitteln 
allein nidit mehr lei(ten konnte. Da mußten andere helfen. Die Gefellfdiafts» 
Unternehmung wurde zur Notwendigkeit. Das Wefen der Erwerbsgefcllfchaften 
zu regeln, wurde in Preuf^en mit dem Eifenbahngefetz von 1838 zuerft vcrfudit; 
ihm folgte das Gefetz vom 9. November 1843 für die Aktiengefellfdiaften. Die 
Gefetze gaben die Gründung keineswegs frei, fondern banden fie an die ftaatliche 
Genehmigung und an die (taatlidic Auffidit. Aber beides hinderte eine rafdiere 
Zunahme der Gefellfdiaftsunternehmungen nidit. Denn bei induftriellcn Unters 
nehmungen wirkt ein anderes Element entfcheidend mit herein, das intellektuelle, 
die geijtige Reizung, die eine neue Erfindung nidit ungenützt laffen will und kann. 
Diefes geiltige Heizelement aber fteigt zu immer größerer Höhe und Kraft. 

Nicht nur, daß eine Erfindung der anderen folgt, daß in der Werkjtatt der 
Tcdiniker und IVledianiker, in den Laboratorien der Chemiker und Phyfiker 
der Faden fchon bald gar nidit mehr abreißt, fondern durch die Entwicklung 
des Nachriditen= und Zeitungswefens erfahren die Menfdien auch fofort davon. 
Und da vollzieht fich nun ein folgcnfdiwerer, merkwürdiger Wandel : man wird 
neugierig, man wird es immer mehr trotz dem Grundfatze der alten Pädagogik, 
die den Mcnfdicn die Neugierde als ein La(ter verbot. Und diefe Neu= und 
Wißbegier findet eine weitere Pflege in den Vereinen. Die Zeit ift da, wo die 
fogenannten „polytechnifchen Vereine" gegründet werden, verbunden mit einer 
— Sparkaffe. Die Notwendigkeit der Zeit findet da einen er(ten kindlichen 
Ausdruck: Mehrung des fadilichen und fadilidien Wiffens und Sparen, um zur 
rechten Zeit zu „können'' und zu „vermögen". 

Die Zeitung aber fpricht von allen Dingen zu allen Menfchen : fie rückt 
ihnen das noch Ferne greifbar nahe, und fo gewöhnt fich die Maffenpfyche lang» 
fam an die Betraditung von Zukunftsausflditen und Zukunftsmöglichkeiten. 
Zukunftsphantapcn fteigcn auf; die Ungeduld zieht bei den Massen ein, und 
Forderungen beginnen laut zu werden, als wäre das er(t zu Schaffende fdion 
da und fiebere Wirklichkeit. Das i(t eine Wirkung nadi der fozialen Seite hin. 

Aber wirtfchaftlich trat eine andere Wirkung längft in Funktion. Die Kauf« 
leute bedürfen der Nachrichten von den fernen Handelszentren. Schon i(t es 
fo, daß ihr Gewinn und Verluft von der Stunde früher oder fpäter abhängig 
wird, wo eine Nachricht [ie erreicht. Das drängt zur Organifation des Nachrichten- 
dienftes, zur Entwicklung des Zeitungswefens im großen Stile. Köln fah in den 
dreißiger Jahren fchon neben der [tctig wachfendcn Kölnifchen Zeitung mit ihrer 
Schncllpreffe die Entfiehung eines „Allgemeinen Organs für Handel und 
Gewerbe"; es fah in den vierziger Jahren zweimal die Entftehung einer Rhei« 
nifchen Zeitung, wo die radikaleren Elemente zum Worte firebten, jene, die den 
Samen der Ungeduld in ihre jungen Fcucrfeelcn aufgenommen hatten; und 
nicht zu Ende ging das vierte Jahrzehnt, ohne daß auch auf „liberaler" Grundlage 
die ultramontane Preffe hier erftand. 



Zweites Kapitel (1840—1870): Zeitungswesen, Nachrichtendienst, Sozialwirtschaftliche Lage 217 

Aber die Entwicklung fdircitct fort, fie dringt tiefer in das Volksleben ein ; 
fic padit den Bauer auf dem Lande an und bedroht ihn in feiner Exiftcnz oder 
rüttelt ihn auf aus feinem Traumdafcin. Und audi hier ift die Wirkung eine 
durdiaus ungleidie. Während z. B. um Efdiweiler der Hektar Land im Jahre 
1853 mit 3000 bis 3600 Mark bezahlt wurde und 1904 nur 4000 Mark von den 
Hüttenwerken vergütet wurden, die Bodenprcife alfo fa(t gar nicht geftiegen 
waren, erzählt Banfield im Jahre 1846 aus Oberhaufen: „Es ift nodi nidit lange 
her, da war alles Haide, und Land war billig zu haben." Jedes neue Walzen» 
gerüft verteuere nunmehr fchon jeden Morgen Land, und fünf Jahre fpäter war 
der Preis des Bodens in der näch(ten Umgebung der Hermannshütte fdion fo 
hoch, daß man von der Erwerbung eines größeren Gebietes zur Neuanlage von 
Hochöfen abfchen mußte. „Die ftädtifdien Terrains Krupps in Effen wären 
heute für die Indu(trieunternehmen abfolut unbezahlbar." 

Ging nun Land aus dem Befitze des Bauern in Hände über, die mehr aus 
ihm hcrauszuwirtfchaften wußten, fo war dies nidit fchlimm. Aber der Bauer, 
der nebenan lag und fein Land behielt, oder gar der zweite Bauer, der es von 
ihm zu dem hodige(tiegenen Preife übernahm, wie follte er auf feine Rechnung 
kommen? Alfo die Bodenpreife (tiegen, das Leben wurde teurer, und das [tuftc 
[ich nun von foldien Zentren aus ab bis in weite Umkreife, bis dahin, wo fidi 
die Preiswelle im „platten Lande" verlief. Im fich immer dichter befiedelnden 
Rheinlandc aber gab es folchc fich verlaufende Krcife kaum mehr. Da über» 
fchnitten fich die Umkreife der didit gepflanzten wirtfdiaftlichen Zentren bald 
von vielen Seiten. Der Bauer aber, der da mitten drin faß, war der Gefahr aus» 
gefetzt, in Schulden zu verkommen, und der Bauer, der draußen faß, wohin die 
Induftrie nodi nicht kam, war nidit minder bedroht. Wer follte da helfen? 
Wer den bedrängten billigen Kredit verfdiaffen? 

Wie der Bauer, fo der Handwerker. Aber wie dem Bauer nodi die 
Methode fehlte, die fein Stüdi Land in voller Ertragsfähigkeit zu erhalten vcr» 
mocht hätte, fo dem Handwerker der kleine, „individuelle" Motor, der es ihm 
ermöglicht hätte, der großen Mafdiine der Fabrik zu begegnen. Und nun fehe 
man die lange Reihe rückwärts: der Eifenbahnbau braucht Geld, enormes Geld; 
man kann nicht davon laffen, will man die Rheinlande, Preußen, Deutfdiland 
nicht wirtfchaftlich aus der Konkurrenz mit den anderen Ländern und Völkern 
ausfchaltcn. Die Induftrie braucht Geld, enormes Geld, um die Aufgaben 
zu Iciften, die ihr gcftellt werden. Der Handel braucht Geld, um Deutfdiland 
in Mitgenuß der täglich neu auftretenden ko(tbaren Güter des Weltverkehrs 
zu bringen. Die Landwirtfchaft braudit Geld, um die wachfende Bevölkerung 
ernähren zu können. Und das Handwerk bedarf nicht minder des Geldes. Es 
ift eine ungeheuere Notlage, worin man fidi (tetig befindet, denn das Geld fließt 
zu allcrerft den großen Unternehmungen des Verkehrs zu; ohne ihr rafchcs 
Fortfchrcitcn wäre ja alle Mühe umfonft. Die Induftrie — ßieht da erft an zweiter 
Stelle. Und die anderen Betätigungen folgen je nach dem Grade ihrer größeren 
oder geringeren Ausficht oder Ausfichtslofigkeit. Diefe Lage ift da. Man braucht 
fie den Leuten nicht klar zu machen durch lange theoretifche Erörterungen, denn 
jeder fühlt fic am eigenen Leibe, und jeder fudit nadi einem Wege oder Auswege, 
der die Befreiung bringen könnte. 

Was Wunder, daß fich da die Blid^e rüdiwärts riditeten? Daß man nadi 
Wiedereinführung von Zünften und Gilden zu rufen begann auf der Seite des 
Handwerks, daß ganze Fluten von Bitten und Anträgen, die Mafchinen abzu» 



218 V. M. Schwann, Grundlagen und Organisation des Wirtschaftslebens a 

fdiaflFcn, ihren Bau zu verbieten, die Verfammlung der Handwerker in Frankfurt 
am Main im Jahre 1848 überfdiwemmten. — Und die Induftrie — konnte man 
fich wundern, daß fic feit dem Ende der dreißiger Jahre immer dringlicher nadi 
dem Sdiutz der nationalen Arbeit begehrte? Aber durfte, konnte man ihr will= 
fahren? War nidit vielmehr gerade das Gegenteil notwendig: dem Zollverein 
den Ruf der Handels* und Gewerbe* und Verkehrsfreiheit zu erhalten, um fo 
fremden Untcrnehmerkräften, fremdem Gcldc die Tore offen zu halten? Sie 
zu lod<cn, auf deutfdiem Boden ihre Wirkfamkeit zu fuchcn und zu entfalten? 

Und wenn der Handel an feiner Erkenntnis fefthielt, daß die Befdileunigung 
der Zirkulation das nädifte Hilfsmittel fei, daß dreimal fchnellercr Geldumfatz 
fo wirken muffe, als wenn dreimal foviel Geld ins Land gekommen wäre, daß 
er deshalb von keiner Befchränkung etwas wiffcn wollte, fondern an der Befeiti» 
gung alfer Hemmniffe und Hemmungen fefthielt: konnte man mit Fug ent* 
gegnen, daß diefe Anfdiauung falfch fei? 

Gewiß war die Not da, und gegen die Mitte der vierziger Jahre, als nodi 
Hungersnot und Teuerung dazu kamen und fic verfchärften, verfchärfte fich in 
gleicher Weife der Kampf um die Mittel zur Befeitigung der Not, Schutzzoll 
und Freihandel, Zunftwefen und Gewerbefreiheit, Induftrie und Handwerk 
ftanden in getrennten Lagern einander gegenüber, und noch eine weitere 
Scheidung kam dazu: man begann vom Liberalismus, von der liberalen Bour= 
gcoifie zu reden, als von einem neuen Raubritterftande, und dicfem „Ausbeuter* 
tum" (teilten fich die „Lohnfklaven" gegenüber. In der Krefelder Gegend 
wollten die Weber keine Arbeiter fein, fondern Mei(ter, Fabrikanten, und der 
Kaufmann in der Stadt folltc nur dafür forgen, daß fie den Rohftoff billig und 
gut erhielten und ihre fertige Ware zu ordentlichem Preife abfetzen konnten. 
Und vielfach ift es das Zeidien der fozialen Kämpfe jener Frühzeit, daß keines* 
wegs in proletarifch=foziali(tifcher Richtung gekämpft wird, fondern daß ein klein* 
bürgerlicher Geift die Bewegung beherrfcht. Aber — das war fichtbar und 
natürlich zugleidi : die allgemeine Not padte zuerfl die fchwächften fozialen und 
wirtfchaftlidien Schiditen der Bevölkerung an, und das waren neben den Klein* 
meißiern und Arbeitern jene Elemente des Wirtfchaftslcbens, die, von einer 
günftigcn Konjunktur gerufen, plötzlich auftauchten und mit ungenügendem 
Kapital, ungenügender Kenntnis der Branche, ungenügendem Urteil über die 
allgemeine Marktlage zu fchaffen begannen, die nidits kannten, als ihren eigenen 
rafdien Vorteil. Mit ihnen tauchte das wirkliche Ausbeuterclcment auf und 
durchfetzte die rheinifche Induftrie mit dem fchlechtcften fozialen Rufe. Da war 
das fcheußlichfteTruckfyftem, die rüdfichtslofcfte Lohnminderung und Mehrung 
der Arbeitszeit an der Tagesordnung; da wurden die Arbeiter cntlaffen, fobald 
die Konjunktur niederging, da riß — denn nur wenigen gelang es, fich in fchwerer 
Zeit zu halten und zu behaupten — ihr Sturz unzählige Exiftcnzcn mit fidi, 
und das Schlimmfle von allem: ihre mit allen Mitteln kämpfende Konkurrenz 
machte es auch den leiftungsfähigen, tüchtigen alten Häufern fchwcr, in fchwerer 
Zeit (treng den Pfad des wirtfchaftlichen und fozialen Anftandes einzuhalten. 
Da fcheiden denn, wie uns dies A. Thun von Krefeld beriditet, die alten ange* 
fchencn Firmen ganz aus dem Wirtfchaftsleben aus; fie tun nicht mehr mit, denn 
dicfcs neue Gebaren widerftrebt nicht nur ihrer alten Art, fondern die alte 
Organlfation Ift auch nicht mehr anpaffungsfähig genug, neue Wege zu finden 
una zu wandeln. Andcrerfcits fchlägt gerade wieder jener härtefte Kampf um 
di« Sicherung der Exif^enz die Intelligenzen aus der Maffe heraus, auf deren 



n Zweites Kapitel (1840—1870): Schutzzoll, Freihandel, Unternehmer, Erste Verbände 219 

Wirken alsdann der Fortbeftand einer alten Indu(tric und die Entwidtlung einer 
neuen beruht. 

Immer mehr vollzog fleh der Wandel in der Richtung, die der alte Matthias 
Stinnes mit den Titeln angezeigt hatte, die er fidi felber gab. Anfangs, als 
er ßdi dem Transportgefdiäft auf der Ruhr und dem Rheine zuwandte, hatte 
er fidi (tolz „Entreprencur" genannt; als aber die vierziger Jahre kamen und 
den „Unternehmer" zur Kombination der Nx/irtfdiaftlidien Funktionen drängten, 
da nannte er fidi „Kohlenkaufmann". Gefticgen vx'aren die Anforderungen an 
Kauflcute und Meiftcr. Sie [tiegen fort infolge der Konkurrenz in allen Ländern. 
Diefc erforderte die größte Beweglidikeit. So fiel die Leitung zur Erzielung 
der Beweglichkeit in Fabrikation und Handel in die Hände derer, die jene 
Beweglichkeit am meijtcn befaßen : der Kaufleute. Das Kontor des Kaufmannes 
wird zum Zentrum der Produktion. Aber der Prozeß fdireitet fort. Unter allen 
Kaufleuten i(t der Bankier der Beweglich(te. So muß es einmal dahin kommen, 
daß die Banken auf die Leitung der Produktion be(timmenden Einfluß gewinnen. 

Damit fließt ein zweites Streben, das fdion von Hanfemann, Camp= 
häufen, dann mit nadidrücklidi(tem Eifer von Nleviffen gehegt wurde, hier kon= 
zentrifch zufammen : die Organifation des Geld» und Kreditwefcns. Das war 
die andere Notwendigkeit, die alle Gebiete des Wirtfdiaftslebens betraf. 

Gleichzeitig, fo hörten wir oben, wurde aud» nodi anderes verlangt, vor 
allem von den Vertretern der Textil= und Eifenindufirie: Schutz der nationalen 
Arbeit, Schutzzölle. Und fic bedeuteten in allerer|ter Linie: Sicherung des 
hcimifchen Marktes für die heimifche Indu|trie. Was diefcm Begehren von 
allgemein wirtfchaftspolitifcher Seite, ganz abgefehen von den freihändlerifdi= 
doktrinären Anfchauungen des preußifdicn Finanzminilteriums, im Wege (tand, 
wurde ebenfo kurz erwähnt. Dodi während in den vierziger Jahren die Agitation 
für ein mäßiges Schutzzollfyjtem zugunften der Textlindu(irie namentlich von 
Diergardt, Meviflcn, Hanfemann und v. Beckerath betrieben wurde, während 
hier trotz den mehrmaligen Beratungen in Berlin (1843 und 1846) nur eine 
fehr mäßige Erhöhung des Zolles auf baumwollene Garne zuge(tanden wurde, 
fchlugen die Gedanken anderer einen anderen Weg ein. Sdion im Jahre 1836 
hatte im Wurmrevier eine Vereinigungsgefellfchaft die Kohlengruben fy(tematifdi 
zu vertruften begonnen, mit dem ausgcfprochcnen Zweck, die „allen Gruben fo 
fchädliche, innere Konkurrenz zu befeitigen, um hierdurch zunäch(t höhere 
Kohlenpreife zu erzielen, dann aber auch, um durdi Einführung eines rationellen 
Betriebes die Selbftko(ten zu verringern". 

Auch der von Meviffcn 1846 ins Leben gerufene Verband preußifdier 
Eifenbahndirektionen lag in diefer Richtung, wie feine und Diergardts Ver= 
handlungen mit dem Elberfelder Komitee für induftrielle Angelegenheiten 
{1847) wohl zunächft die Gründung eines rheinifdi=weftfälifchen Gewerbe» 
Vereins zur Agitation für Schutzzölle und zur Abwehr des Berliner Freihandels* 
Vereins bezweckten. Aber — das darf man bei Meviffens pofitiv gerichteter 
Natur ohne weiteres fchließen — bei diefer reinen Abwehrmaßregcl wäre er 
ohne den ftörenden Einfall der Revolution nicht (tehen geblieben, da er zu 
gleicher Zeit, wo er an die Schaffung von Banken ging, den Gedanken an Kar= 
tellicrung der Banken erwog und propagierte, und zwar im größten Stile erwog, 
indem er nicht nur an „die Bildung eines Umlaufsgebietes für die eigenen", 
fondern auch „an Beftimmungen für die Nicht=Vereins*Banknotcn und Wert» 
papierc" dachte. 



220 V. M. Schwann, Grundlagen und Organisation des Wirtschaftslebens d 

Hatte der Gedanke an Kartellicrung — oder fagcn wir es jetzt offen heraus 
— an die Organifation des inneren Marktes mit etwaiger Rüdtwirkung auf die 
Organifation der Produktion doch feinen typifchen Vorläufer in dem fchon 1836 
gcfchaflFenen Alaunfyndikat, das der Königlidien Seehandlung in Berlin den 
alleinigen Verkauf übertrug. Und noch einige Jahre weiter zurück lagen die 
Verfuche Leopold Bleibtrcus, des Begründers der Alauninduftrie im Rheinland, 
die rheinifdien Alaunhütten zu gleidiem Zwecke zu vereinigen. Der Gedanke 
fchlief alfo nidit, fondern arbeitete fich in den verfdiieden(tcn Formen durdi in 
die Wirklichkeit, bis in der hödi(ten Blütezeit des Freihandels, im Jahre 1863, 
das fogenannte erfte Syndikat, das Weißblechs Verkaufs» Kontor, im engftcn 
Anfchluß an das Bankhaus J. H. Stein in Köln begründet wurde. 

Und nun fehen wir wieder rüd<wärtsl Worum handelte es fidi in Wirklidis 
keit? Um die Organifation des Verkehrswefens, um die Organifation des Kredits 
wefcns, um die Organifation des inneren Marktes, vielleicht gar um die Organi« 
fation der Produktion, und alle diefe Beßirebungen fließen zufammen in der 
Organifation des Geldwefens, ja nodi einmal kulminierend in der Organifation 
des Bankwefens — kurz um die Einriditung einer lebensfähigen Volks wirtfchaft. 
Unter diefem ungeheueren Zwange, unter diefcr Werdenot fteht das ganze 
Leben. Daran leiden alle, die Schwädiften am meiften und härte(tcn. Wo aber 
i(t der Tediniker, der den Plan des zu fdiaflfenden Riefenwerkes entworfen hätte? 
Wo der Zauberer, der ihn von heute auf morgen hätte verwirklidien können? 
1833 konnte wohl Lift den Plan eines europäifchcn Eifenbahnfy(tems entwerfen, 
aber mehr als eine Generation mußte dahinflnken, ehe es in feinen Hauptlinien 
fertig ward. Das wollte doch wachfen und werden, und es konnte nur wachfen 
in natürlicher und (tarker Pflege. Und nur eine große Gefahr drohte — 1848 
zeigte fleh das — : daß die Not fo groß, die Ungeduld fo unbezähmbar wurde, 
daß fie auf einmal alles, was mit guten Anfängen bc(tand, wieder über den 
Haufen warf. 

Den inneren Markt galt es zu erringen. Wie hätte Preußen — der Zoll« 
verein da die Grenzen mit hohen Schutzzöllen fchließen können, fo lange das 
Ziel nicht crreidit war, folange noch eine Möglichkeit bc(tand, neue Gebiete dem 
Zollverein anzugliedern? Und war hier nicht die erfte Notwendigkeit — die 
Erweiterung des inneren Marktes — identifch mit der Notwendigkeit, dem 
dcutfchen Volke die Möglichkeit eines Zufammenwachfens zurEinheitzu erhalten? 
Und weiter: würden denn je die fremden Techniker, die fremden Kapitaliflcn 
fleh gefunden haben, auf fo vorzeitig gefchloffenem Marktgebiete die Werke zu 
fchaffen, an deren vorgefdirittener Technik und Organifation alsdann unfere 
Rheinländer und Weftfalen lernten, wie man es machen muffe? Nicht von der 
Weisheit und dem hohen Verdien(te irgend einer Regierung ifl hier die Rede, 
fondern von dem (tarkcn und gefunden Wachstum eines Volksganzcn oder Volks» 
teiles, das feine jeweiligen Bedürfniffe auch ohne unbedingt richtige theoretifche 
Begründung kennt und mit aller Kraft der Bcfchränkung feiner kaum errungenen 
Handels- und Verkehrsfreiheit entgegen (trebt, weil es auf dem anderen Wege 
des zu frühen Schutzes, der zu frühen Befchränkung die größere Gefahr wittert. 

Und gar 1848! In Europa, in Deutfchland Revolutionen, und in Kalifornien 
die Aufdeckung ungeheuerer Goldfchätze. Dann in Au(tralicn, dann in Mexiko 
„die Entdeckung der ergicbigjten Queckfllberminen, was einer entfprcchcnden 
Hebung der Silberproduktion gleichkam". Da war ja das Gold, das alle fchon 
fo lange haben wollten, aber — fern von uns! Doch auch unfere „Schatzgräber" 



Zweites Kapitel (1840—1870): Organisation des inneren Marktes, Montanindustrie, Banken 221 

waren an der Arbeit, und immer nodi war es fo, daß, wenn irgendwo ein Über« 
fluß entlieht und anderswo eine Leere befleht, das „über" in die Leere ftrömt: 
„Die Metallvorräte der preußifchen Bank betrugen am i. Januar 1851 10,8 Milli» 
onen Taler, am 31. Oktober desfelben Jahres jedodi 23,7 Millionen Taler". 
Die Trefors der Banken fluteten förmlich über. 

Und während nun auf dem politifchen Gebiete die berüditigte Zeit der 
Reaktion über Deutfdiland hereinbradi, und Preußen eine Demütigung nach 
der anderen fidi vom Auslande gefallen laffen mußte, begann auf dem wirtfchafta 
lidien Gebiete eine Zeit des mutigen Schaffens, wie man fie vor 1848 kaum zu 
hoffen gewagt hatte. 

Eine erjle Epoche großen wirtfchaftlichen Auffchwunges brach 
an, umfchrieben von den Jahren 1850 bis 1857. Es i|l die Zeit, wo unferc rhei» 
nifchen Führer, vor allem jetzt Gu(lav MeviUen, die Verwirklichung ihrer lange 
gehegten und nunmehr reifen Pläne auf den Gebieten des Bankwefens, des 
Bergbaus, des Eifenbahnwefens und der Großindu(trie in Angriff nahmen. 

Hören wir nur einen Augenblidt, wie es da jetzt — um 1850 — zu klingen 
begann. „Die Agitation der Hochofenbefitzer madite eine baldige Befeitigung 
der niedrigeren Zollfätze gegen Belgien wahrfcheinlich (eingetreten 1852 und 
1854). Die neuen Eifcnbahnlinien erleichterten jeglichen Verkehr, und den Neu« 
gründungcn boten fidi leicht erhältlidie Eifenerze gar von zwei Seiten. Die 
Ausfuhr der Lahnerze fticg von Jahr zu Jahr, und dann entdeckte man 1850 bis 
1852 reidie Kohleneifenjtcinflöze mitten im Kohlenrevier felbft eingebettet 
zwifchen den Steinkohlen, die den Hochöfen künftighin als Schmclzmaterial 
dienen würden. Ein Teil der Hochöfen entftand in der Nähe der Ruhrmündung 
bei Duisburg, Hochfeld, Laar, Oberhaufen zur Verhüttung der Lahnerze, ein 
anderer mehr im Inneren an der Fundftelle der Kohleneifenftcine, hauptfädilich 
in der Dortmunder Gegend." 

Da entltanden neben den reinen Hodiöfen noch mehr reine PuddeU und 
Walzwerke, aber nicht minder gewaltig fchritten die gemifchten Werke fort. Im 
Ruhrrevier überwog die Eifenverarbeitung immer nodi die Eifenerzeugung. 
„So haben die Jahre 1850 bis 1857 den Grund(tock zu der heutigen rheinifch» 
weftfälifchcn Montaninduftrie gelegt." 

Um 1850 beginnt englifches, belgifchcs, franzöfifchcs, hoUändifdies Kapital 
in das Ruhrrevier einzufließen, mit ihm die vorgefciirittene Tedinik der Eng« 
länder. W. Th. Mulvany, der ehemalige irifdie Wafferbautedmiker des engUfdien 
Minifteriums, begründete die Zedien Hibernia und Shamrodi und fand dann 
im Rheinland eine zweite Heimat und unter den Unternehmern und Wirtfdiafts« 
Politikern des Kohlenreviers eine hodigeaditete Stellung. 

Die Montanindu(trie, ihrerfeits beruhend auf dem Wachstum der Eifen» 
bahnen und der Dampffdiiffahrt, ruft nicht nur neue und weitere Verkehrs» 
anlagen hervor, fondern treibt zugleich mit der Zunahme der Bevölkerung auch 
zur Entwicklung der Großbetriebe und der Exportindu(l:ric. Und wie die Eifen» 
bahnen die Mafchineninduftrie fördern, fo wird nun durdi diefe gewaltige Steige« 
rung aller gewerblichen Tätigkeit die Organifation des Bankwefens zur Not« 
wendigkeit. In dem kurzen Zeitraum von 1848 bis 1856 cntftehen in Deutfdi« 
land 13 große Kreditbanken, darunter der A. Schaaffhaufcnfche Bankverein in 
Köln an erfter Stelle mit einem Kapital von 5 Millionen Talern. 1851 folgt 
in Berlin die Gründung der Diskontogefellfchaft durch Hanfemann, 1853 in 
Darmftadt die Bank für Handel und Induftrie, eine der hervorragendftcn 



222 V. M. Schwann, Grundlagen und Organisation des Wirtschaftsiebens a 

Gründungen Mcvi(Tcns. Im Jahre 1856 werden allein acht neue Bankgründungen 
vollendet, fo daß das Gefamtkapital dicfer Banken 183 140000 Mark betrug. 

In dem gleidien Zeitraum (1853 bis 1857) werden neue Eifenbahngefell= 
fdiaften mit 140 Millionen Taler Kapital gegründet, und rafdi verdoppelt fich 
nun die Kilometerzahl der jährlidi gebauten Eifcnbahnltred<en, um fich bis zum 
Jahre 1875 faft zu vervierfadien ; 1835—1842: ca. 650 km, bis 1855: 7800km, 
1855 — 1865: 13900km, 1875: 27981 km = 1408 km jährlidi gegen kaum 
400 km in den beiden er(ten Jahrzehnten. 

1851 bis 1870 — in 19 Jahren — werden in Deutfdiland 295 Aktiengefell- 
fdiaften mit nahezu 2 14 Milliarden Grundkapital gebildet; davon entfiel in 
Preußen allein auf die im Jahre 1856 neu konzeffionierten Gefellfchaften die 
Summe von 450 Millionen Mark, in dem gleidien Jahre, wo uns gemeldet wird: 
die herrfchende Kamarilla wolle von der Konß:ituierung eines Credit mobilier 
in Preußen nichts wiJTen, fic fürchte die Geldmadit, fie fürchte, „der Mittelftand 
könnte der mittelalterlidien Weltordnung über den Kopf wadifen", die fie 
vertrat. 

So mäditig auch foldie Vertreter des Rückfdiritts im Laufe einiger Jahre 
an bcfchränkter Stelle erfdieinen mögen, fo ohnmäditig erwei(t fidi ihr Wirken 
dem allgemeinen Werden gegenüber. England und Nordamerika waren daran, 
durch den Ausbau der Eifenbahnnetze die Urproduktion in die Wcltwirtfchaft 
immer allgemeiner einzubeziehen. Die Binnenländer verloren damit ihren alten 
jtarren Binnenlandcharakter, fie rüd<ten den Strömen, dem Meere näher. Die 
Zeit nahte, wo die Eifenbahnen die Getreidepreife zu nivellieren begannen, wo 
eine Weltmarktspreisbildung lokaler Marktpreisbildung beß:immend gegenüber« 
trat. Noch vcrmoditen die großen Getreideländer mit billiglter Produktionskraft 
zu wirtfchaften, in Deutfchland aber nötigte die Hebung des Bodenwertes, auf 
Verbefferung der landwirtfchaftlidien Betriebsweife bedacht zu fein. Denn fchon 
drohte die Ausdehnung der Eifenbahnnetze mit der Ermöglichung eines unbe= 
fchränkten Terminhandels in Rohprodukten; die Weltausftellungen fetzten ein, 
und der Meßhandel fank und fank. 

Dem großzügig organifierten Grundkreditfy(tcm der Landfdiaften im 
preußifchen Often, das unzweifelhaft der dortigen Landwirtfchaft in fchweren 
Zeiten feine rettenden Dienfte geleijtet hatte, konnte die Rheinprovinz bis zur 
zweiten Hälfte des Jahrhunderts nidits Ahnlidies gegcnübcrftellen. 1849 gab 
es hier erjt 32 Sparkaffen mit einer Gefamteinlage von noch nicht drei Millionen 
Talern. Gegen Ende der vierziger Jahre trug man fich in Köln mit dem Plane 
einer „Rheinifdien Hypothekenbank". In Weftfalen hatte man fchon 1832 
fleh mit einem öffentlidien Kreditin(titute zu helfen verfudit, der „ProvinziaU 
hilfskaffe", und 1853 kam auch in der Rheinprovinz die rheinifche Provinzial=» 
hilfskaffe mit dem Sitz in Köln zu(tande. Die Kaflc mit ihrem Stammkapital 
von 400 000 Talern genügte weitaus nicht den ländlichen Bedürfniffen. Alle 
im näch(ten Jahrzehnt von privater Seite entworfenen Pläne und angeftellten 
Vcrfuchc dagegen fdieitertcn an inneren banktechnifdien Schwierigkeiten und 
an dem Widerjtande der preußifchen Regierung. 

Und während fo nach der Seite der Entwicklung des landwirtfchaftlichcn 
Krcditwefcns eine Hemmung [Ich hinter der anderen auftürmte bis tief in die 
fechziger Jahre hinein, wurde das von Liebig fchon im Jahre 1840 gegebene 
Verfprcchen einer wijffeiifchaftlichen und wirklich rationellen Durchdringung des 
landwirtfchaftiichen Betriebes auch er[^ im Jahre 1862 durch den Ausbau der 



Zweites Kapitel (1840— 1870) : Gesellschaftsgründungen, Kreditinstitute, Liebig, Gesetzgebung 223 

Forfchung cingclöft. 1840 crfchien „Die organifdic Chemie in ihrer Anwendung 
auf Kultur und Phyfiologic", ein Werk, das in fcdis Jahren fedis Auflagen erlebte. 
Wohl ein Zeidien, wie hodi das Bedürfnis, wie hodi fdion die Erwartung geß:iegen 
war. Und 1862 folgte ihm: „Der chemifdie Prozeß der Ernährung der Vegeta= 
bilien und die Naturgesetze des Feldbaues". Zweiundzwanzig Jahre hatte der 
große Forfdicr gebraucht, feine er(te fruditbare Konzeption bis zur praktifchen 
Anwendbarkeit durdizuführen, und bis heute nodi hat kein Dampf« und kein 
clektrifdier Betrieb es vermodit, das Reifen edel(ter Geijtesfrüdite in fein Tempo 
hineinzuzwingen. Wohl aber hat foldier Betrieb und die drohende Not gar 
mandimal dazu gedrängt, die unreifen Früdite vom Stamme zu reißen und fie 
der Menge als Nahrung darzubieten. Was Wunder, daß da tiefe Erfdiütterungen 
des Volksorganismus und traurige Erkrankungen nidit ausblieben. Da hätte nun 
dieGcfetzgebung, als der hödi(l:e rechtliche Ausdruck einer Kulturperiode, helfend 
eingreifen follen. Wie aber verhielt fie fidi? Wer und wo waren ihre Ratgeber? 

An dem Anfange der neuejten Zeit (tehen zwei Gei(ter, deren tiefes Denken 
auch die Wirtfchaftslehre, wie diejenige von der Einflußnahme der Staatsgewalt 
auf die Wirtfchaftsordnung bis tief in das neunzehnte Jahrhundert hinein 
behcrrfchte: Kant und Adam Smith. Dem Grundgedanken des Engländers: 
höchftcr Zweck — die Glüd<feligkeit, und das Mittel zu ihrer Verwirklichung 
die egoi(tifchcn Triebe des Menfchen, die man ungeftört walten laflen könne, 
fetzte Kant feinen höchjten Zweck an die Seite: die Sitthchkeit und zu ihrer 
Verwirklichung die kategorifchen Gebote der praktifchen Vernunft. Die nationaU 
ökonomifche Lehre jteht unter dem Einfluffe diefcr beiden Gegenfätze. Sie 
arbeitet bewußt und unbewußt an ihrer Kombination, an „der Hineinfetzung 
des Egoismus und des fittlichen Gemeinfinnes in das lebendige, handelnde und 
wirtfchaftcnde Individuum, an der moniftifdicn Auffaffung des Wirtfchafts» 
prozeffcs", eine Arbeit, die erft von der modernen Sozialpolitik und ihren 
Lehrern mit vollem Bewußtfein aufgenommen wurde. 

Die prcußifdie Wirtfdiaftspolitik aber ß:eht theoretifch fa(t ausfchließlich 
auf dem Boden der liberalen Sdiule der Engländer, praktifch allerdings vermag 
fie ihr altgewohntes Reglementieren und Bevormunden, ihr bureaukratifches 
Hineinreden in alle Dinge nicht fo fdincll aufzugeben. Als Ausfluß jener liberalen 
Theorie ift ihre große agrarifdie Befreiungsgefetzgebung in der franzöfifchen 
Zeit zu betrachten. Die freie Erbteilung und Verfügung über den Boden ließ 
theoretifch feine äußerfte Zerfplitterung zu. Aber die Sitte trat dem in Wirklich» 
keit auch noch in den Rheinlanden entgegen, die Sitte, das Gut einem Sohne 
gefchloffen zu hinterlaffen. Gewährte das Gefetz die freie Veräußerung, fo 
machte es eben dadurch audi die zweckmäßige Arrondierung zu geringen Befitzes 
möglich ; er(t die Freiteilbarkeit ge(tattete die von Schäffle fogenannte Bewegung 
des Landes zum heften Wirt; und felb(t die Zerfplitterung wirkte in dem 
rhcinifchen Städtegebiete weniger verderblich, weil fie den Kleinbauer zur 
Spatenkultur zwang und der ohnedies zur Fabrik abfließenden Landbevölkerung 
eben in kleinem Landbefitze Gelegenheit zu ergänzendem Nebenerwerbe ver= 
fchafi^te. Ganz der Anfdiauung von der Hemmung der freien Entwicklung durch 
die Teilung des Eigentums zwifchen Grundherrn und Erbpäditer folgte noch 
das preußifche Gefetz vom 2. März 1850, das das Obereigentum aufhob und 
dem Erbpächter das volle Eigentum ohne Entfdiädigung des Obercigentümers 
verlieh und die auf dem Grundftück ruhenden Rcallaften für ablösbar erklärte. 
Dabei blieb es bis in die aditziger Jahre. 



224 V. M. Schwann, Grundlagen und Organisation des Wirtschaftslebens a 

Weit länger dauerte es, bis das Prinzip der Befreiung auch in die Berggefctz» 
gebung eindrang. Erft das Gefetz vom 12. Mai 1851 geftand den Privatberga 
werksbefitzern die freie Verfügung über ihr Eigentum zu; das Gefetz vom 
21 .Mai i86obefeitigte dann die Auffichtsredite des Staates bis auf die Sidierheits= 
polizci und die Verhütung des Raubbaues, und das Gefetz vom 24. Juni 1865 
braditc die faft unbcfdiränkte Berg» und Schürffreiheit. Die Gefetzgebung, 
obfchon fpät einfetzend, folgte hier wcnigltens der Notwendigkeit der Zeit, 
wenn fie audi den Sdiaden, den die plötzlidi einfetzende Haft erzeugte, nicht 
zu vermeiden vcrmodite. 

Auf Grund des neuen Bcrggefetzes von 1851 wurde das ganze Gelände 
von dem Höhenzuge zwifdien Bodium und Effen bis zur Emfcher mit Bergs 
gercchtfamen überftreckt. Damals ent{tanden eine ganze Reihe von Bergwerks« 
Unternehmungen, darunter der Kölner Bergwerksverein, Profper, Wilhelmine 
Viktoria, Helene Amalia, Hibernia, Shamrock, Holland, Zentrum u. a. Die 
neuen Sdiächte lagen faft ausfdiließlich in ländlichen Bezirken. Kunftftraßcn 
gab es da nicht, nur Feldwege. Ringsum faßen Bauern, und unter den Bauern 
herrfchte mit dem Alkohol die Gegnerfdiaft gegen jeglidien Fortfdiritt. Da 
wurde der Engländer Mulvany zum Pionier des neuen Bergbaues, und neben 
ihm wirkte der Chef der Bergbehörde, Krug von Nidda. Schon im Jahre 1858 
kam es zur Gründung des Vereins für die bergbaulichen Intereffcn des Ober» 
bergamtsbezirks Dortmund, der feinen Sitz in Eflen hatte,und an feiner Spitze 
ftanden Dr. Hamacher, Mulvany, Hugo Haniel, Sdiönftedt und Natorp. Ebcnfo 
erhielt die Berggcwerkfchaftskaffe in jener Zeit eine neue Verfaffung. Weldies 
Leben da einfetzte, erkennt man an einigen vergleichenden Zahlen. Der Wert 
der gefamten Bergwerksprodukte im preußifchen Staate betrug im Jahre 1824 
kaum drei Millionen Taler an den Förderpunkten, und im Jahre 1834 noch nicht 
vier Millionen. Er(t jetzt fetzen Stein= und Braunkohlen energifchcr ein und 
halfen die Bergbauproduktion auf 8^2 Millionen Taler bis zum Jahre 1844 
(teigcrn. 1854 dagegen find es fchon reichlich 21 Millionen, und davon fallen 
auf Steinkohlen 66,25%, auf Braunkohlen 7,93%, auf beide zufammen alfo 
74,18%. Weitere 7,24% fielen auf Eifenerze aller Art, fo daß für die ganze 
übrige Bergwerksproduktion nur 18,58% verblieben. Der rheinifche und wefta 
fälifche Bergbau förderten in dem gleichen Jahre fa|t genau zwei Drittel der 
ganzen Steinkohlenproduktion Preußens mit 22,7 Millionen Tonnen gegen 
11,33 Millionen in den Bergamtsbezirken Tarnowitz, Waidenburg und Eisleben. 

Wie hier eine kräftige Vorwärtsbewegung und Aufwärtsbewegung 
privater bergbaulicher Unternehmung feit dem Jahre 1850 nachzuweifen war; 
wie der endlich freier geftellte Wille zur Tat vordrang, feitdem das Bergamt 
von der Leitung der Betriebe, der Prüfung der Rechnungen, der Anftellung der 
Arbeiter ufw. zurücktrat, fo fetzten auch mit dem liberalen Agrargefetze von 1850 
die Verfuche der Selbjthilfe auf diefem Gebiete fa(t gleichzeitig ein. In den 
um 1850 zugleich ins Leben tretenden SchulzeaDelitzfchen Vorfchußvercinen 
und den mehr lokal begrenzten Darlehnskaffen Raiffeifens gewann fleh der 
mittlere und kleinere Bauernftand auf genoffcnfchaftlicher Grundlage eine Hilfs- 
einrichtung, die namentlich den Bedürfniffen nach Pcrfonal- und Betriebskredit 
entgegenkam, während der ländliche Hypothekarkredit noch die vcrfchicdcn(ten 
theoretifchen Verfuche durchlaufen mußte, ehe man fidi darüber klar wurde, ob 
der Grundbcfitz nur Rcntcnfchulden (Rodbcrtus) oder auch Kapitalfchulden 
eingehen dürfe? Ob er demgemäß eine jährliche gleichmäßige Verzinfung der 



Zweites Kapitel (1840—1870): Bergbau, LandwirtschaftlicheOrganisationen, Gewerbeordnung 225 

aufgenommenen Sdiuld oder nur eine Verzinfung nadi dem Jahrcsertrage übers 
nehmen könne? Je intenfiver die Bewirtfchaftung wurde, um fo mehr nahm 
natürlidi der Boden Kapitalcharakter an; und in der langfriftigen Tilgungs= 
hypothck wurde dann erft die Vereinigung beider Gegcnfätze gefunden. Ein 
weiter Weg, feitdem fidi Ludolf Camphaufen in den dreißiger Jahren mit 
Deidimann über die Einrichtung einer Hypothekenbank in Köln nadi der Art 
der preußifchen Landfdiaften unterhielt. Noch weiter fa|t, als die crß:en Kon= 
zeptionen Liebigs von der Naturgefetzlichkeit im Ackerbau bis zu Fertig(tellung 
feiner Lehre für die Praxis; noch weiter, als die cr(te Gasbeleuchtung der Dinnen» 
dahlfdien Fabrik in Effen im zweiten Jahrzehnt des Jahrhunderts bis zur allge^ 
meinen Einführung des Gaslidites in den Städten. Und nicht minder weit war 
der Weg, der die Intereffenvcrtretungen der Landwirtfdiaft von den er(ten, 
fpärlidien landwirtfchaftlichen Vereinen bis zu den Landwirtfchaftskammern 
und den großen politifchen Vereinigungen der Landwirte führen folltc. — 

Die gleichen Wege, wie die Landwirtfchaft zu ihren Organifationen auf den 
Gebieten der technifchcn Vervollkommnung, der Entwicklung des Krcditwefens 
und der wirtfdiaftspolitifchen Intereffenvertretung gingen die Gewerbe und das 
Handwerk. Und auch hier wirkte die Gefetzgebung mit. In der Hauptfache 
hielt die allgemeine Gewerbeordnung für das Königreich Preußen vom 17. Januar 
1845 an den Grundfätzen der SteinaHardenbergifchcn Reform von 1808 bis 
1811 fe[t. Schon die erjten rheinifchen Landtage (1826, 1833) hatten den König 
um Erlaß einer Gewerbeordnung gebeten, um den fchädigenden Wirkungen 
der Gewerbefreiheit zu begegnen. Unter diefe neue Ordnung traten nun 
auch die ehemals franzöfifchen Teile der Rhcinlande, nachdem im einzelnen 
durch vielfache Verordnungen und Regulative bereits eine Annäherung zwifchen 
den alten und neuen Landesteilen ftattgefunden hatte. So waren nicht nur die 
alten Räte der Gewcrbevcrftändigen (Fabrikengeridite) einheitlicher geregelt, 
fondern folche audi mehrfach dort eingeführt worden, wo fie bisher nicht 
be(tanden (lVlünchen=Gladbach, Krefeld, Burfdieid, Düffcldorf u. a.). Dann 
waren Gefetze ergangen über die Nachahmung der Fabrikzeichen (28. Mai 1842), 
über die Erfindungspatente und Privilegien (21. September 1842) und — ein 
Zeichen der Zeit und der auch mit der lndu(trialifierung nidit ausbleibenden 
häßlichen Wirkung — ein Verbot des Betriebes der SÄenk= oder Ga(lwirtfdiaftcn, 
im gleichen des Kleinhandels mit Getränken am Fabrikorte feitens der Fabria 
kanten (16. November 1846). Solches Verbot nutzte indeffen den Betroffenen 
nicht viel, denn wo die Fabrikanten diefen häßlidien und haßerzeugenden 
Nebenverdicnft aufgaben, traten vielfach die Meißier und Faktoren an ihre Stelle. 
— Mit dem Gefetze vom 7. Auguft 1846 wurden ferner die Räte der Gewerbe» 
ver(tändigen in Königliche Gewerbegerichte verwandelt und ihre Zufammen= 
fetzung neu geregelt.^) 

Aus der rheinifchen Entwicklung des Gewerbewefens fmd einige Daten 
befonders bemerkenswert. Sdion 1815 erwog die Handelskammer in Köln die 
Errichtung befonderer Schulen für die in den Fabriken befdiäftigten Kinder 
unter 15 Jahren. 1828 errichteten die Mei(tcr der Baugewerbe in Köln und 
Dcutz eine Untcr(tützungskaflc, und der 1829 in Köln gegründete Polytechnifdie 

Das Rcichsgcfctz vom 29, Juli 1890 mit Novelle vom 50. Juni 1901 (bellte die Gewerbe» 
gerichte auf eine neue Grundlage. Danach muffen alle Gemeinden mit mehr als 20 000 Eins 
wohnern ein Gewerbegericht beftellen. Die Beifitzer werden von Arbeitgebern und 
Arbeitern gewählt. 

Die Rheinprovins 181 5 — 19 15. 15 



226 V. M. Schwann, Grundlagen und Organisation des Wirtschaftslebens d 

Verein unternahm 1830 eine Gewcrbeausß:ellung. In dem gleichen Jahre wurde 
feftgeftcllt, daß der Tagelohn der Kinder in den Kölner Fabriken drei bis vier 
Pfennige betrug; ein Fabrikant aber verweigerte beftimmtc Erklärungen über 
den ortsüblidicn Tagelohn der Kinder. Auf Grund der Gewerbeordnung 
wurden dann von 1815 bis 1856 in Köln adit Unter(tützungska(Ten für Gefellen 
und Arbeiter gegründet, und im Jahre 1848 erließen das Handelsgeridht, das 
Gewerbcgeridit und die Handelskammer zu lVl.=Gladbach ein Statut über das 
Verhältnis zwifdicn den Baumwollfabrikinhabern und ihren Arbeitern, wonach 
das Ablöhnen durdi Waren und Wechfel unterfagt, Entfchädigung bei Entladung 
ohne Kündigung zugeftanden und eine einfeitige Herabfetzung des Lohnes durch 
den Fabrikanten verboten wurde. Ein Jahr fpäter aber lehnten es die Depu= 
tierten der Gewerbegerichte in DüITeldorf ab, die Aktiv= und Paffivwahl der 
Mitglieder der Gewerbegerichte auf die Arbeiter auszudehnen. Die Bildungs= 
jtufe des Arbeiters fei nidit fo hodi, daß er frei und unabhängig urteilen könne, 
und eine Rundverfügung der königlichen Regierung in Köln empfahl Vorfidit 
in der Förderung der Intere(Ten der Gewerbegehilfen und Fabrikarbeiter. 

Die Bewegung ward fichtbar, aber eine Richtung noch nicht. Nur daß die 
Gewerbegeridite jetzt fclber aus dem Schwanken herausgehoben wurden, ob fie 
fich zu einer Intereffenvertretung der Gewerbe mit Beratungsbefugnis der 
Behörden entwidteln würden, oder ob fie lediglich der rechtlichen Ordnung der 
Gewerbebetriebe felber ihre Aufmerkfamkeit und Arbeitskraft zuwenden follten. 
Steckte doch in den Gewerberäten anfänglich noch viel von dem alten Zünfte 
geijtc, und die Handelskammer in Köln hatte noch 1818 einen Plan zurückweifen 
muffen, der eine Befchränkung durch Meijterfchaftcn, Aufnahme von Gefellen 
und Lehrlingen und im übrigen eine Art Zunftordnung über die wechfelfcitigen 
Verbindlichkeiten der Meifter, Gefellen und Lehrlinge, die Wahl der Notabein 
aus den Fabriken und von Vor(tehern aus den Gewerben erjtrebte; das alles 
unter der Leitung, Aufficht und Genehmigung eines aus 21 Räten und ebenfoviel 
Stellvertretern be(tehenden Amtsrates, wozu dann der Rat der Gewerbe» 
ver(tändigen erhöht werden follte. Die Handelskammer verwarf den Plan; 
eine Gewerbeordnung fei zwar wünfchenswert, aber die durch das Dekret vom 
3. November 1809 für das Großherzogtum Berg eingeführte verdiene in jeder 
Weife den Vorzug. Hinter diefen altzünftifchen Afpirationen wirkten vielfach 
nicht nur wirtfchaftliche und foziale Motive, fondern ebenfo die Einflüffe der 
katholifchen Hierarchie. Einen großen Schritt rückwärts in diefe Richtung hinein 
tat fodann die Notverordnung vom 9. Februar 1849, die für 42 Gewerbe den 
felbftändigen Betrieb von der Mitgliedfchaft einer Zunft abhängig machte. 
Befähigungsnachweis, feftc Lehrzeit, Gefellenprüfung und Mcifterwerk und 
anderweitige Bcfchränkungen der Gcwcrbcfreiheit follten wieder eine Rolle 
ipielen, aber tatfädilich blieben diefe Be(timmungen auf dem Papier, wie die 
fchon erwähnten kurzfichtigen Vorfchlägc, die dem „Handwcrkerparlament" in 
Frankfurt gemacht worden waren. 

Das Fortfchrciten war zur Lebensnotwendigkeit geworden. Und wie überall 
wirkte der crftc Fortfehritt Ungleichheiten da und dort, überall. Unmöglidi, 
zurückzugehen. Jeder Fortfehritt aber erzeugte neue Ungleichheiten, neue 
Bcdürfniffe des Ausgleichs, der Harmoniflerung. Nicht daß die theorctifch dekre^ 
tierte Gewerbefreiheit nun alle alten Formen über den Haufen geworfen hätte. 
Sondern das Handwerk beftand fort in feiner alten Form, die Hausinduftrie 
be(\«nd fort und belebte fich vielfach neu, das Fabrikwefen wuchs heran zur 



D Zweites Kapitel (1840 — 1870): Gewerbewesen, Gesetzgebung, Handel 227 

Großinduftrie und zum Großbetriebe. Wie hätte da eine Gefetzgebung, die 
nur cinfeitigen, wenn auch dringcndftcn Bedürfnilifen Redinung trug, für alle 
die täglich neu auftauchenden neuen Differenzierungen innerhalb jener drei 
großen Kategorien des Gewerbebetriebes ausreichen können. Preußen fah fich 
i868 genötigt, dem Prinzip der Gewerbefreiheit wieder freie Bahn zu geben. 
Ihm folgte die Reidisgewerbeordnung vom 21. Juni 1869. Es war dicfe Hin» 
gebung an eine eigene Regelung und Organifation des Gewcrbewefens ein 
\/a=banque=SpicI der Gewerbepolitik; aber es blieb nichts anderes übrig. Denn, 
um nur einen Punkt zu erwähnen, wie hätte mit der von der Bundesverfammlung 
zugeltandenen Freizügigkeit eine Prüfungspflicht als lokale Vorbedingung 
gewerblicher Niederla(Tung in übereinjtimmung gebracht werden follen? Sind 
Gefetze nur Normierungen tatfächlich läng(t eingetretener Zuftände, und blicken 
wir heute auf die fechziger und ficbziger Jahre als auf die große Zeit deutfdier 
Entwicklung zurück, fo dürfen wir eben auch fchließen, daß die wirklichen 
Beftrebungen jener Epoche zu diefer Größe hinaufführten und ihre Gefetze, wie 
die erwähnten über Gewerbefreiheit, Freizügigkeit, über die Aufhebung der 
Wuchergefctze (1867), die Aufhebung der ftaatlichen Genehmigung der Aktien» 
gefcllfchaften (1870), über die Erwerbs» und Wirtfchaftsgenoffenfchaften (1868), 
die Aufhebung der polizeilichen Befdiränkung der Ehefchlicßung (1868), zugleidi 
mit der Höhe der Freihandelsbcwegung in der auswärtigen Handelspolitik und 
der Schaffung des neuen Deutfchcn Reiches als ein Ausdruck und ein Maß jener 
gewaltigen Anftrengungen einer Generation zu betrachten fmd. Getragen von 
einem unvergleichlidien Elan erfchcint uns heute jene Epoche von der Mitte der 
fünfziger bis in die fiebzigcr Jahre, einem Elan, der nidit nur von einem materia» 
liftifdien Gei(tc des Gewinnftrebens, fondern weit mehr von einem hohen Kultur» 
(treben und einem Gci(te des Idealismus durchweht wurde, der noch tief hinab» 
drang in die unteren fozialen Schichten und hier jene Bejtrebungen weckte und 
befruchtete, die dann zugleich mit den Vorbereitungen der Reichsgründung in 
die Aktivität hinaustraten und hier ihren politifchen Charakter empfingen. 

Die Entwicklung des Gewerbewefens lag zunächft nidit auf dem Gebiete 
der ftaatlichen Beeinfluffung und Reglementierung, fondern fie ruhte auf dem 
Ausbau der technifchen Vervollkommnung, auch, und befonders für das Hand» 
werk, der allgemeinen Sdiulung, der Kreditorganifation und auf der Erweckung 
und Pflege eines fortfchrittlidien und mit allem Fortfehreiten folidarifdien 
Bewußtfeins. In Preußen beftand die allgemeine Volksfchulpflicht feit 1717, 
und hier waren noch bis tief in die achtziger Jahre hinein die führenden Männer 
der Anfchauung von Lotz, daß die moralifche, politifche und wirtfchaftlichc Stärke 
eines Volkes „nur auf der intellektuellen Homogenität aller Volksklaffen, in der 
Bildung des fogenannten Mittelftandes, und in der allgemeinen Aufklärung und 
Verbreitung jener Kenntniffe und praktifchen Inftitutionen beruhe, von weldien 
die Leitung und Ausbildung der gcfelligen, wirtfchaftlichen und öffentlichen 
Angelegenheiten abhängig i(t". 

Auf dem Gebiete des Handels lagen die Grundbedingungen der Enta 
Wicklung anders, als auf allen anderen Gebieten wirtfdiaftlicher Tätigkeit. Hier 
war man, um einen vulgär»plaftifchen Ausdruck zu gebraudien, allen anderen 
Beftrebungen um eine oder einige Pferdelängen voraus. Und zwar hatte dazu 
in wirtfchaftlicher Motivierung gerade der Umftand geführt, daß die Oft» und 
Wc(tprovinzen Preußens hier folidarifche Intereffen hatten. Nicht nur, daß die 
Ojtprovinzen infolge ihres vorwiegend agrarifchen Charakters auf die Ausfuhr 

15* 



228 V. M. Schwann, Grundlagen und Organisation des Wirtschaftslebens a 

ihres Gctrcideüberflu(Tes angcwicfcn waren, fondern audi die Rhcinlande fclbP; 
erzeugten anfangs nodi ein Mehr an Brotfrüditen, an 01= und Kleefamen; dazu 
trat hier die lebhafte Handelstätigkeit auf dem Rhein(trom, die den rheinifchen 
Zuckerficdern den Kolonialzucker, den rheinifchen Lederfabrikanten (Köln, 
Eifcl, Siegerland vor allem) die amerikanifchen Häute, den Tabakfabriken den 
ausländifdien Tabak, der Textilindu(trie den fremden Roh(toff zuführte. Und 
wie im 0(ten das Getreide den freien Verkehr fudien mußte, fo war der Weften 
die Heimftätte der großen Kohlenlager. Die vermehrte Produktion von lVlaffen= 
gutem drängte dort den Landbau, hier bald und fchon früh den Bergbau zum 
Export. Zudem brachte die Änderung der Zwedibeftimmung, des Öles z. B. 
an(tatt zu Belcuditungszwecken zur Verwendung in der IVlafdiincninduftrie, in 
diefen Grundbeziehungen wohl Schwankungen, aber keine umftürzenden Ände= 
rungen hervor. Hier wie dort alfo blieb lange Zeit die Richtung des Handels 
auf freien und ungehemmten Verkehr gcmeinfam, eine Tatfachc, die denn auch 
in der politifdien Gliederung der liberalen Parteigruppen zum Ausdrucke kam 
und bis heute in das Verhältnis der rheinifdi=weftfälifdicn Bcrgbauinduftrien 
zu dem öftlidien Agrarierturn vielfadi noch nadiklingend hineinwirkt. 

In gefctzlich=formaler Beziehung war man ebenfo den anderen Gebieten 
voraus. Hier hatte die franzöfifdic Zeit in den Rheinlanden das Inftitut der 
Handelskammern gefchaffen, neben den von ihnen getrennten Handelsgerichten. 
Entfprach den letzteren einigermaßen wenigßiens auf dem Gebiete der indu(tri= 
eilen Gewerbe der Rat der Gewerbeverftändigen, fo beruhte auf beiden Inftituten, 
die es lange nicht zu einer ermunternden Anerkennung von feiten der neuen 
Regierung bringen konnten, doch weit weniger die glücklidie Fortentwidilung, 
als dies beim Handel durdi die Tätigkeit der Handelskammern der Fall war. 
Hier war eine wirklidie Intereffenvertrctung gefchaffen; der Handel trat mit ihr 
in die neue Zeit herein. Ein Solidaritätsempfinden war geweckt und gepflegt 
worden, und die Kaufleute verlangten nicht nur möglich(te Selb(tordnung ihrer 
Angelegenheiten, fondern als Berater des Nlinifteriums drängten fie ebenfo 
energifch zur Mitberatung der zu erlaffenden Gefetze und Verordnungen. Sie 
übten Kritik und arbeiteten mit an der allgemeinen Urteilsbildung, und fie 
taten das nadi kaufmännifdier Art, der auch die allgemein politifchen und felbft 
die Erziehungsfragen keineswegs fremd fmd. 

Die infolge der induftriellcn Entwicklung zutage tretende Spaltung der 
Intereffen hatte dann bald dazu geführt, dem überwiegenden Einfluß der Kölner 
Handelskammer — neben ihr beftanden aus der franzöfifdien Zeit die auf dem 
Grunde der Chambrcs consultatives de manufactures, fabriques, arts et mctiers 
erwachfenen Handelskammern zu Aadien, Stolberg, Eupen, Malmedy, Trier und 
Krefeld, von denen jedoch nur Aachen und Krefeld damals zu einer größeren 
Bedeutung gelangten — eine Reihe von anderen Handelskammern, namentlich 
in den Induftrieftädten gegenüberzuftcllen. So waren in dem Jahrzehnt von 
1830 bis 1840 im Rheinland zehn weitere Handelskammern ins Leben getreten: 
Elbcrfeld-Barmen (1830), Düffeldorf und Duisburg (1831), Koblenz (1833) 
Münchcn-Gladbach (1837), Wefel (1838), Lcnnep, Solingen, Mülheim am Rhein 
und Eflen (1840). Vor 1840 bcgünftigte man außerhalb der Rheinlandc die 
Bildung kaufmännifcher Korporationen in Preußen, die ohne behördlichen 
Charakter und ohne den Charakter der Zwangsorganlfation reine Intereffenten« 
Verbindungen blieben. Seit dem Regierungsantritte Friedrich Wilhelms IV. 
aber übernahm man das Inj^itut der Handelskammern auch auf die anderen 



D Zweites Kapitel (1840—1870): Export, Handelskammern, Handelstag, Handelspolitik 229 

Provinzen Preußens. Eine königliche Verordnung vom ii. Februar 1848 regelte 
die Beftimmungen über die Errichtung von Handelskammern und fetzte fe(t, 
daß folche überall eingerichtet werden folltcn, \x/o ein Bedürfnis dazu obwalte. 
Auf Grund diefer Bcjtimmungcn wurden bis zum Jahre 1865 33 Handels* 
kammern in den alten und neuen Provinzen ins Leben gerufen. Aber die 
allgemeine Einführung diefer Inftitute nahm ihnen allmählidi den Charakter 
der Befonderheit; fic wirkte ganz naturgemäß dczentralifierend, und über die 
Eigenfchaft einer energifchen Intereffcn Vertretung drang die andere einer (taata 
liehen Behörde, einer mehr objektiv ausgleichenden Beratungs(telle empor. Da 
faßte fich der Handelsftand noch einmal zufammen und trieb über das In(titut 
der Handelskammern den Handelstag herauf (1860), feine Vertretung damit 
in einer Spitze vereinigend, wie fie damals in folcher Gefdiloffenheit keine andere 
Intereffentengruppe des deutfchen Wirtfchaftslebens befaß. Motiviert fich fo 
fchon genügend die vornehmliche Be(limmung der Wirtfdiaftspolitik nadi der 
Seite des freien Handels, fo fahen wir andererfcits, daß diefe Richtung auch 
durch die wirtfchaftlidic und politifche Werdenot Preußens und Deutfdilands 
bcitimmt wurde. 

Auf dem Wege zum deutfchen Zollverein hatte man Handels» und Zoll= 
vertrage mit den Nachbarn Preußens kennen gelernt, wobei es fidi nicht nur 
darum handelte, einzelne Beftimmungen zugun(tcn der wirtfdiaftlichen Be= 
tätigung der Angehörigen der vertragfchließenden Staaten zu treffen, fondern 
darum, der Handelsfreiheit innerhalb der vertragfchließenden Staaten alle Wege 
zu öffnen, kurz die beiderfeitigen Staatsbürger nicht nur fidier=, fondern gleich» 
zu(tellen. Jeder der zollvereinten Staaten errang fich fo über das eigene Staats» 
territorium hinaus den ganzen Markt des Zollvereinsgcbietes als inneren Markt. 
Schritt man von diefer Grundlage weiter über die Zollvereinsgrenzen hinüber, 
fo fchien wenigftens theorctifch die Möglichkeit nidit ausgefdiloffen, durch 
Handelsverträge auch einen großen Teil des auswärtigen Marktes zum inneren 
Markte umzugeftalten. Auf diefem Wege wandelte die preußifche und mit ihr 
dann die Vertragspolitik des Zollvereins. Sieben Jahre nach der Rheinfdiiffahrts» 
konvention gelangte man mit Holland zu einem Schiffahrtsvertrag (3. Juni 1837), 
der 1839 zu einem Handelsvertrage erweitert wurde. Aber da nicht fowohl 
wirtfchaftliche, als politifche und fiskalifche Intereffen dabei im Vordergrunde 
ftandcn, wurde der Vertrag nicht erneuert. Weitere Schiffahrts» und Handels» 
vertrage folgten mit Griechenland (12. Augu(t 1839), der Türkei (22. Oktober 
1840), mit England (2. März 1841), mit Luxemburg (8. Februar 1843), das dem 
Zollverein beitrat und damit den Abfdiluß eines Handelsvertrags mit Belgien 
(1. September 1844) einleitete. Und als dann gar der widerfpcnftigfte Gegner 
des Zollvereins, Hannover, diefem beigetreten war (7. September 1851), fah auch 
Ofterreich die Nutzlofigkeit feiner preußenfeindlichen Intrigen ein und fchloß 
mit dem Rivalen einen Handelsvertrag (19. Februar 1853), <^ßrn neun Jahre 
fpäter (29. März 1862) gar ein Handelsvertrag auf dem Standpunkte der Mcift» 
begünftigung mit Frankreich folgte. Hatte fo der Zollverein audi feine nach außen 
werbende Kraft bewiefen, und war die preußifche Handelspolitik mit dem letzten 
Vertrage der wejteuropäifdien Freihandelsbcwcgung prinzipiell beigetreten, fo 
war doch andererfcits mit der Annahme der Mei(tbegün(tigung ein Element in 
die preußifche Zollpolitik hineingekommen, das ihre Autonomie band. Hier 
mußte CS nicht nur wirtfchaftlich, fondern auch politifch zum Rückfchlage kommen, 
wenn endlich politifche Rüd<fichten, namentlich auf Ofterreich, nicht mehr die 



230 V. M. Schwann, Grundlagen und Organisation des Wirtschaftslebens d 

handcls= und wirtfdiaftspolitifdicn Entfdiließungen der Regierung beeinflußten, 
wenn es einmal galt, der deutfdien Arbeit im ganzen den ihr nötigen Sdiutz 
zu verfchaffen. Denn der zollunioni(tifchc Gedanke (trebte in Preußen nicht 
über Dcutfdiland hinaus. War diefe deutfdie Zollunion im ganzen erreidit, fo 
lief feine Wirkung von felber ab. Dicfer Augenblidi kam mit der Schöpfung 
des Deutfdicn Reiches und mit dem ungeheuren Aufftrcben der nationalen 
Produktion nadi den fiegreidien Kriegen. 



Drittes Kapitel (1870 — 191 5). 

Soziale Entwicklung und Politik, InterefTenvertretungen, Orgdnifation des 

äußeren Marktes. 

Das Deutfdie Reidi war gcfdiafTen. Der Krieg hatte die ungeheuren 
Bedürfniffe offenbart, die zur Verteidigung und Erhaltung eines geordneten 
Volkswefens zu befriedigen waren. So groß z. B. audi die Leiltungen der meift 
nodi unter privater Leitung ftchcnden Eifcnbahnen waren, vielfach haperte es 
doch, und nodi größere Lei(tungen wurden erforderlich. Dazu hatte der Krieg 
die Vorräte an Rültungsgegenß:änden dezimiert. Ergänzungen und große Neu= 
anlagen waren geboten. Aber nun war man ja audi im Befitze der franzöfifdien 
Milliarden, und nach kurzer Orientierung fetzte auf allen Gebieten des Wirt= 
fchaftslebens ein Schaffenseifer ein, der bald wie ein Fieber des reinen und 
rüdifichtslofen Gcwinnjtrcbens unfer Volk befiel und dem Rückblidicnden heute 
das wehe Bild einer wilden Beuteteilung crwedit. 

Mit großer Hingebung hatten alle Schichten der Bevölkerung die fdiweren 
Opfer an Gut und Blut in der harten Zeit der Kriege gebradit, deren Sinn, 
vom Standpunkte des Volkes kein dyna(tifdier, fondern der war, die eigene 
Exiftenz und Fortentwicklung zu fiebern. Und nun bradi auf wirtfchaftlichem 
Gebiete plötzlidi ein anarchifchcr Taumel über uns herein, der fcincsgleichcn 
bisher nidit hatte, und der zeigte, wie gerade wieder die unterjten Volksfchichten 
am wenigften bcdadit und ihre Intcreffen am fchlimm(ten vernachläffigt wurden. 

„Er(t der wirtfdiaftliche Auffdiwung der fünfziger Jahre," meint Hcrkncr, 
„fchuf die der Arbeiterbewegung notwendigen Entwicklungsbedingungen.'' 
Wir gewannen eine allgemeine Kenntnis von diefcm Auffchwung. Nun aber 
muffen wir auch der Entftehung der Arbeiterbewegung in kurzen Zügen folgen. 
So patriardialifch das alte Verhältnis zwifchen Arbeitgeber und Arbeiter war, es 
lag ihm doch ein ausgcfprochcnes Hcrrfchafts Verhältnis zugrunde. Die Dekre» 
tierung der perfönlidien Freiheit und gefetzlichen Gleichheit löjtc dicfes Herr« 
fchaftsverhältnis dann wohl formal, aber faktifch blieb es meiftens beftehcn. 
Ein halbes Jahrhundert und mehr war fo vergangen, und auf dem Grunde eines 
wirtfchaftlich bcftchendcn Herrfchaftsverhältniffes drohte das Recht des Arbeiters 
zu verkümmern, da keine Macht fich fand, die dicfem Rechte zur lebendigen 
Auswirkung vcrholfen hätte. Die Arbeiter erfdiiencn vielfach als die von der 
neuen fozialcn, rechtlichen und wirtfchaftlichen Entwicklung Vergebenen, und 
felbft in den fechs Predigten, die der damalige Pfarrer in Hopflen, Wilhelm 
von Kcttclcr, im Jahre 1848 im Dom zu Mainz gehalten hatte, war mehr von 
dem Materialismus der Ungläubigen die Rede, als von einer wirklichen Erfaffung 



D Drittes Kapitel (1870—1915): Soziale Entwicklung und Politik. Der Lohnarbeiter 231 

„der großen fozialcn Fragen der Gegenwart", Ja, in geradezu demagogifchcm 
Eifer wurde dem Unglauben das Recht zugeftanden, alle Lehrautoritäten zu 
verwerfen, „mit alleiniger Ausnahme der Lehrautorität der katholifdien Kirche". 
So blieben die Arbeiter im großen auf fidi felber angewiefen. Nicht nur, daß 
fie fich ihrer Lage bewußt werden mußten, fondern es galt auch, fich das Spracha 
röhr zu vcrfchafFen, das den anderen ihre Lage in Erinnerung rief. Denn in 
den Krcifen der Arbeitgeber war das Bewußtfein von jenem alten Herrfchafts= 
Verhältnis in naiver und gedankcnlofer Art meift einfach erhalten geblieben. 
„Mehr und mehr mußten die Arbeiter fich Bedingungen gefallen laffen, die 
heute als Mißbräudie allgemein gelten." Sdimoller erinnert dabei an das Truck» 
fyftem, an die übermäßig lange Arbeitszeit, an die ungefundcn Räume, an die 
mancherlei Bedingungen, denen der kleine lVlei(tcr der Hausinduftrie fich auf 
Verlangen des Faktors fügen mußte. 

Mag man dies alles audi durdi die fchwerc Lage der nationalen Arbeit in 
Deutfchland gegenüber der vorgefchrittenen des konkurrierenden Auslandes 
als bedingt und für gewiffe Zeiten als eine bittere Notwendigkeit verftchen; 
mag man fagen, daß ein Aufkommen der deutfchen Indu|trie nicht möglidi 
gewcfen wäre ohne eine weitgehende Befchränkung der „Selb|tko(ten", alfo auA 
der Arbeitslöhne, der hygicnifdien Anlagen der Fabriken ufw., fo konnte das 
doch nicht verhindern, daß die elende Lage von denen empfunden wurde, die 
fie in crfter Linie zu tragen hatten. Und geftaltete fich diefe Lage gar zur Ausa 
fiditslofigkeit, die nicht nur Leben und Kräfte der Eltern verfchlang, fondern 
auch die der Kinder zu verfchlingen drohte, fo war naturgemäß auch ein immer 
lauter werdender Proteft der Gedrückten zu erwarten. Darum i(t es kein Zufall, 
daß mit der nahenden Löfung der nationalen Frage die nodi ungelö(te foziale 
Frage fich vorzufchiebcn begann. Seit dem Regierungsantritt König Wilhelms L 
tritt die Löfung der nationalen Frage immer deutlidier in Sicht, und parallel 
mit diefer Entwicklung drang die foziale Frage laut und energifch in die brcitejtc 
Öffentlichkeit, als die Sdiaffung des Reiches endlich ein mehr als fünfzigjähriges 
Ringen zum fiegreichen Ende führte. 

Nun hörten wir fchon davon, weldie Bedürfniffe der unteren Volksfdiichtcn 
da der Befriedigung harrten; wir hörten von ihrer Not und Erwartung; wie 
von den verfchiedenen Verfuchen, die Männer wie Sdiulze=Delitzfdi, Raiffeifen 
u. a. machten, der Not einzelner Volksklaffen zu begegnen. Audi die Wohlfahrts= 
einrichtungen mancher rcchtfchaffener und weitblickender Unternehmer wären 
hier zu erwähnen; aber nicht nur, daß es ganz unmöglich war, von privater. Seite 
allein mit den von einer rapiden Entwicklung geforderten Notwendigkeiten 
Sdiritt zu halten, fondern auch prinzipiell war das ebenfo rapide fortfchreitendc 
Maffenübel auf diefe Weife nicht zu heben. Laflalle gab diefer Unmöglichkeit 
einmal in feiner Weife Ausdruck in feiner Unterfcheidung zwifchen Liberal und 
Sozial. Liberal fei es, die Lage der einzelnen Arbeiter erträglich zu madien. 
Dazu könnten Kranken=, Invaliden^, Spar= und Hilfskaffen ufw. helfen. Sozial 
aber fei es, das „eherne Lohngefetz" aufzuheben, das den Arbeiter dazu ver= 
dämme, nach dem kurz ausfchlagenden Pendel von Angebot und Nachfrage 
ewig um den kärglichen und notwendigfien Lebensunterhalt zu ringen. Aufs 
gehoben aber könne diefes Gcietz nur werden durch Arbeiteraffoziationen zum 
Zweck der Produktion. Die Arbeiter felber müßten Unternehmer werden. 
Dann flöffe mit dem Unternehmergewinn ihnen der volle Arbeitslohn zu. Der 
Staat aber — und hier ging Laffalle über Schulzc=Delitzfch hinaus — hätte den 



232 V. M. Schwann, Grundlagen und Organisation des Wirtschaftslebens d 

Arbeitern das dazu nötige Kapital zu leihen. Um nun den Staat zu folchen 
Bewilligungen zu bringen, müde man das allgemeine gleiche Wahlrecht erftreben. 
So wies Laffalle, der große Nlaffenagitator, von aller wirklichen gefchichtlichen 
Entwidilung und jeglidiem fozialen Generationenaufbau abfehend, der Arbeiter^ 
bcwegung den Weg auf das Gebiet der Politik mit den Stidiwortcn : Wahlrecht 
und Vereinigungsfreiheit. So einfadi und verftändlidi diefe Logik auch fdiien, 
fo verfchob fich mit ihr doch die zentrale Motivierung der Arbeiterbewegung. 
An ihre Stelle trat die einfeitige Uniformierung der fozialdemokratifchen Theorie, 
ein Produkt doktrinärer Dialektik und preußifch=militärifchcr Zucht. 

Wir fahen, wie bei dem Zerfall der alten Gefellfchaftsformen, die wir alle 
ohne Ausnahme bis ins religiöfe Leben hinein als Verfuche einer Exi(l:enz= 
ficherung, als Schutzformen anfpradien, die organbildende Kraft der Gefellfdiaft 
fofort wieder einfctztc, um „für die zerfallenen oder untauglich gewordenen 
alten Sdiutzeinriditungcn Erfatz zu fchaffen''. Das begann mit den „Fürforgc= 
einrichtungen'' nach Art der Vereine zur Förderung des Gewerbefleißes und 
der dann in den fpäteren Jahrzehnten maflcnhaft einfetzenden Vereinsbildungen 
wirtfdiaftlicher und bcruflidier Art^). Bis zum Auftreten LaHalles war dabei 
von einer Trennung der Arbeiter von ihren bürgerlichen Beruf sgenoffen kaum 
anders, als in den Köpfen einiger Theoretiker die Rede, wie von diefer Seite 
derTheoretikcr und der fozialdemokratifchen und klerikalen Parteipolitiker dann 
auch fpäter das Bild diefer Zeit als einer unfozialen und antifozialen gefärbt 
und verzerrt wurde. Das alles i(t falfdi. Ladallc gab wohl einen Anftoß, aber 
er(t in Eifenach kam es 1869 zur Bildung einer fozialdemokratifdicn Arbeiter» 
partei. Der wirtfdiaftliche Taumel der Gründerjahre mit ihrer ungeftümcn 
Nadifragc und den fprungweifen Lohnerhöhungen, mit „ihrem Geldzufluß, 
welcher das Maß ihrer bisher anerzogenen moralifchen Kraft überfchritt", und 
Spekulanten wie Arbeiter zu Mißbräudien und Exzeffen verleitete, und die 
nun ebenfo rafdi und pünktlich einfetzende Krifis von 1873 trieb diefer neuen 
Partei die Maffen der Arbeiter zu. Der Bruch zwifchen Bürgertum und Arbeiter« 
fchaft, durch Laffalle vorbereitet, wurde jetzt zur Tatfadie. „Die fchmetternde 
Fanfare Laffalles gab den Drang und die Wucht einer werdenden, zum Sclb(t3 
bewußtfein erwadienden Klaffe wieder. An diefem Gegenfatz zwifdien Gegena 
wart und Zukunft, zwifchen Gewordenem und Werdendem, nicht an der Schuld 
einzelner Perfonen oder fozialer Verftändnislofigkeit liberaler bürgerlicher Führer 
zerbrach die Verbindung zwifchen Bürgertum und Arbeiterfchaft." Das Jahr 
der Gewerbeordnung des Norddeutfchcn Bundes, 1869, die die Koalitions^ 
freihcit proklamierte, ift zugleich das Geburtsjahr der fozialdemokratifchen 
Partei. Jenes Gcfetz bildet aber nicht minder eine der wichtigften Etappen in 
der deutfchen Gewerkvereinsbewegung. 

Neben der politifchen Organifation hatten fich in den fechziger Jahren auch 
fchon einzelne Berufsvereine gebildet, fo der Verein der Tabakarbeiter (1865) 
und der der Buchdrucker (1866). Fa(t gleichzeitig fchritt der Liberale Dr. Max 
Hirfch im Einvcrftändniffe mit Franz Duncker zur Gründung von Fadivereinen 
(Gewerkvereine), während von Schweitzer die fozialdemokratifchen Fachvcrcine 
ins Leben rief, die dann die Grundlage der fpäteren Gewcrkfchaften abgeben 
follten. Dem Laffalleaner gegenüber blieben die Marxiflen (Eifenacher) nicht 

*) Hier fei auch an den Zentralverein zum VX^ohl der arbeitenden Klaffen mit zahlreichen 
Ortsvereinen erinnert, der dem liberalen Bürgertum feine Entftehung im Jahre 1844 
verdankt. 



Drittes Kapitel (1870- 1915): Lassalle, Gewerkvereine, Klassenorganisation, Konsumvereine 233 

zurück mit der Begründung von Erwcrbsgcnoffcnfchaftcn. Die beiden letzteren 
waren zugleidi ausgefprochcne Kampfs und Kladcnorganifationcn. Stellte man 
fich auch dem Namen nach auf den Boden politifcher Neutralität, fo erkannte 
man doch die Sozialdemokratie als die Partei an, die fidi der Arbeiterintere|Ten 
ausfchließlich annahm. 

Das 1878 erlaffene Soziali(tengcfetz hemmte diefe Entwidilung nur wenig. 
Zwar löften fich die freien Gewerkfchaften zunäch(t wieder vollends auf. Aber 
bald [prangen die Fachvcrcinc für fie ein, die fich jeder Politik enthielten und 
in kurzer Zeit bis zur Zahl 50 anwuchfen (1882). Unter dem Druck des Gefetzes 
lernten fo die Vertreter der Arbeiter die wirtfchaftlichcn Fragen rein fachlich und 
losgelöft von politifchen Theorien zu behandeln, ein Erfolg, der in der fpätercn 
Entwicklung der Gewerkfchaften fehr zum Ausdrucke kam. Als dann im Jahre 
1890 das Gefctz wegen feiner Unwirkfamkeit nicht mehr erneuert wurde, fetzte 
fofort die Neubildung der Gewerkfchaften ein, und auf dem erften Gewerkfchafts« 
kongreß zu Halbcrftadt (1892) crfchienen 208 Vertreter von 67 Gewerkfchaften 
mit 305 519 Mitgliedern. Neben die Gewerkfchaften traten fodann die 
Konfumgenoffcnfchaften, die Arbeiterfekretariate und andere Injtitutionen, die 
die Arbeiterfchaft mit dem Organifationsgedanken auf allen Gebieten durchs 
drangen, und wie fchon zu Anfang bei der Gründung der Fachvereinc politifche 
Nebengedanken mitgewirkt hatten, fo traten folchc in der Folge noch mehr hervor 
und halfen mit, die großen Organifationen felbft zu differenzieren. Kurz vor 
feinem Tode gründete Windthorft (1890) den Volksverein für das katholifchc 
Deutfchland, der dann „unter dem Präfidium Franz Brandts der foziale Generals 
(tab des katholifchenDeutfchlands" geworden i(t, Diecvangelifchsfoziale Bewegung 
knüpfte an die erfte Agitation Stöckers an. Aber hier trennten fich die Scharen 
bald. Während Lic. Weber die in Weftfalen entftandenen cvangelifchen Arbeiters 
vereine — der erfte 1882 in Gelfenkirchcn — in befonderer Organifation zufams 
menzuhaltcn fuchte, war die Gruppe der NationalsSozialen unter der Führung 
Fr. Naumanns der IS/leinung, ihre Arbeiter den Gewerkfchaften mit der Vers 
pflichtung zuzuführen, ihre politifche Neutralificrung zu erwirken. Die kons 
fcffionellen Arbeitervereine aber fahen in der Sozialdemokratie ihren Gegner. 
Gleichzeitig waren fle felbft als folche untauglich, den wirtfchaftlichcn Kampf 
zu führen. So mußte man zur Gründung felbftändigcr Berufsvereine vors 
fchreiten und fomit die Möglichkeit eines Zufammengehens mit den evangelifchen 
Berufsvereinen zu fchaffen fuchcn. Im Jahre 1894 kam fo der chriftlidie Bergs 
arbcitcrvercin zu(tandc, womit die Bildung der interkonfeffioncllen dirip:lidicn 
Gewerkfchaften ihren Anfang nahm. 

Nach Art diefer Gewerkfchaften wandelten fich im Jahre 1907 auch die alten 
HirfchsDunckerfchen, und weiter traten an ihre Seite die national und friedlidi 
gerichteten gelben Gewerkfchaften. Im Jahre 1910 fchloffcn diefe fich mit den 
nationalen Arbeitervereinen zu einem Verbände zufammen. 

So fchritt die Organifation der Arbeiter bis heute fort. Aber zugleich mit 
der Organifation trat auch die Differenzierung ein. Und noch ein zweiter Wandel 
fetzte ein, auf den in neuerer Zeit nadidrücklidi hingewiefen wird : die Entwick= 
lung der Arbeitervereinigungen zu Großbetrieben mit Millionenvermögen. 
Waren dodi z. B. in den freien Gewerkfdiaften (1912) 51 Berufsgruppen mit 
nahezu 2^ Millionen Mitgliedern in mehr als 12^ Taufend Zwcigvercinen 
organifiert, deren Jahreseinnahme über 72 Millionen, deren Jahresausgabe über 
60 Millionen und deren Vermögen über 62 Millionen betrug. Ein Blick auf die 



234 V. M. Schwann, Grundlagen und Organisation des Wirtschaftslebens n 

Haupttitel, die über die Verwendung diefer Riefcnfummen Auskunft geben, läßt 
erkennen, welche Aufgaben an Verwaltung, wcldie Forderungen von Umfidit 
und Vorfielt da mit Entftehung diefer Großbetriebe an die Gewerkfchaften 
herantraten')- Daß ein derartiges Verwaltungsinjtitut mit folchem Bcfitz und 
Reiditum nicht radikal demokratifch verfahren kann, fondern, je größer es wird, 
um fo bureaukratifcher in feinen Maßnahmen werden muß, i(t klar. Ebenfo= 
wenig kann die Verwaltung folcher Vermögen heute „antikapitaliftifch" gehand» 
habt werden, fondern fie iß; mit Haut und Haaren auf die kapitali(tifche Methode 
angcwiefcn, und fie vermag audi der zentraliftifchen Tendenz nicht zu entgehen, 
der jede andere Entwiciilung zum Großbetriebe unterworfen i(t. Mit Recht 
wei(t darum Stein darauf hin, daß die Gewerkfchaften in ihren Zcntralvcrbändcn 
Herren in ihrem eigenen Haufe geworden find gegenüber der Partei, daß fie 
audi ihren Mitgliedern gegenüber mehr und mehr Herren im Haufe werden. 
Und will man optimi(tifch urteilen, fo könnte man mit Hcrkner gar die Gewcrk» 
fchaftsbewegung als Vor(tufe für die Einordnung der Arbeiterklaffe in das Leben 
der Staatsgcmeinfdiaft betrachten, als eine Schule der wirtfchaftlichen Selbft» 
Verwaltung und Vorbereitung für die Teilnahme an der Leitung des Staates. 
Die Exiftenzficherung in jedem Falle — das war die große Aufgabe, die an die 
Gewerkfchaften nach und nach herangetreten war. 

Freilich, als Mitte der fiebzigcr Jahre die tumultuöfe Bewegung der Sozial= 
demokratie einfetzte und ihre Führer den nahenden Umfturz vorhcrfagten, war 
noch nicht zu erfehen, zu welch fozial=wirtfchaftlicher Madit ihre Organifationen 
heranwachfen würden. So übernahm auf die Initiative Kaifer Wilhelms hin das 
Reich die Aufgabe, die Lücke auszufüllen, die hier gelaffen worden war, indem 
eine eigene Verficherung durch freie Hilfskaffen in ihrer Entwicklung zuTü6i= 
geblieben war. Damit wurde die Zeit des Sozialiftengefetzes zugleich die Zeit 
der fozialen Gefetzgebung im Reich. Aber noch in viel mehr umfaffcnder Weife 
charakterifiert fich diefe Periode, die man als reaktionär und rückläufig bezeichnet 
hat, als eine Periode des „Herbftes'', der Reife, der Sammlung und der Ernte. 
Bismarck fchob die Gewaltbeftrebungen der Sozialdemokratie zurück, aber fchon 
1881 gab er die „Fachvereine" der Arbeiter wieder frei. Den Forderungen der 
Liberalen fetzte er die Grenze: mit dem Gefetze vom 15. Juli 1879 kehrte 
Deutfchland zum „Schutze der nationalen Arbeit", zum autonomen Zolltarif 
zuTüdi. Es war eine Rückkehr auch zu jener Höhe des Zollfchutzcs, „wie er zu 
Beginn der fechziger Jahre vor den freihändlerifchen Verträgen bcftandcn hatte". 
Von 1878 bis 1883 wurde die Gewerbeordnung umgcftaltct. Gewaltige Pläne 
zur Finanzreform, zur finanziellen Selb(tändigkeit und Konfolidierung des 
Reiches wurden erwogen, und mit der Zoll= und Finanzreform ging die Eifen« 
bahnverftaatlichung in Preußen, als ein er(tes Stück der von Bismarck geplanten 

') So wurden (1911) für Arbcitslofcnuntcrftützung in runder Summe verwendet: 
6 340 000 Mark, für Reifcuntcrftützung 1 028 000 Mark, für Umzugsunterflützunj 
366 000 Mark; für Notfailuntcr(^ützung 470 000, für Untcrftützung; von Arbeitsunfähigen 
1 1 850 000 Mark, für Strcikuntcrftützung 17,2 Millionen, für Gemaßregeltenunterftützung 
89« 000 Mark, für Rechtsfchutz 421 000 Mark, für Stellenvermittelung 100 000 Mark, für 
Rloliotheken und Untcrrichtskurfe 738 000 Mark, für Statiftiken 104 000 Mark, für Druck- 
fchriften, Brofchüren ufw. 809 000 Mark, für das Verbandsorgan 2 446 000 Mark, für 
Agitation 2 448 000 Mark, für Konferenzen und Gencralverfammlungen 408 000 Mark, für 
fonfti« Ausgaben 2 578 000 Mark, für Beitrag an die GcneralkommifHon 308 000 Mark, 
für Kartelle, Sekretariate und internationale Verbindungen 1 242 000 Mark, für Vcr« 
w«hunfnko(\en der Haiiptkaffc 1 800 000 Mark imd für Verwaltungskaffen der Lokal- und 
Gauluiftcn 8 791 000 Mark. 



Drittes Kapitel (1870—1915): Sozialpolitik und -gesetzgebung 235 



Schöpfung eines Rcichseifcnbahnwefens, Hand in Hand. Schon 1876 war das 
große Gefetzwerk einer gemcinfamen Gcridits= und Prozeßordnung zu(tande 
gekommen. Darüber hinaus war der Gedanke an ein gcmeinfames bürgerliches 
Gefetzbuch aufgenommen worden. Und blicken wir nur ganz oberflächlidi nach 
außen: 1879 Bündnis zwifchen Ofterreidi und Deutfchland, 1881 Eintritt 
Hamburgs, 1883 Eintritt Bremens in den Zollverein, 1883 Schöpfung des Drei* 
bundes, 1884 Beginn der deutfchen Kolonialpolitik, 1886 der Bau des Nordoftfce« 
kanals befchloffen ; fo erhalten wir ein Bild fo gewaltiger Konfolidierungsarbeit, 
wie es kaum ein Dezennium deutfdier Gcfchichtc nachmals aufwei(t. Der große 
Staatsmann an der Spitze des Reiches, diefes urmächtige Empfangsorgan für 
das Zeitnotwendige, vcrfuchtc die reidie Ernte einer Idecnfaat von 50 Jahren 
in die Scheuer zu bringen, und dazu bedurfte er der — „Reaktion", d. h. einer 
(tillercn, nicht von Stürmen und Gewittern und Glutwellen durchwogten Zeit, 
der Zurückfchicbung neuer Fragen und Appellationen, und mit diefer größeren 
Ruhe gewann er Raum audi zur Aktion auf fozialpolitifchem Gebiete. 

Am 15. Juni 1883 wurde die Krankenverfidierung Gefetz. Im Jahre 1910 
waren in fämtlichen Krankenkaffen über 13 Millionen Mitglieder verfichert. 
Am 6. Juni 1884 trat zur Krankenverficherung die Unfallverfidierung, die fa(i: 
alle Lohnarbeiter umfaßte; 1910 waren über 18 Millionen Pcrfonen verfichert. 
Zur Tragung der Lajten wurden die Unternehmer in Bcrufsgenoffcnfchaften 
vereinigt, da Entfchädigungen zu den Produktionskoften zu redincn feien. Den 
beiden Verficherungen fchloß fich am 22. Juni 1889 das Gcfetz betreffend die 
Invaliditäts= und Altersverficherung an. Das Reich teilte fich mit den Arbeit* 
gcbern und Arbeitern in die Kojten. Von weiteren Verfichcrungspläncn wurde 
namentlich die Witwen» und Waifenverfidierung, fodann die Arbeitslofen=» 
verficherung ins Auge gefaßt. Er(l:crc fticß auf finanzielle, letztere auf tcdmifdic 
Schwierigkeiten. So befteht heute die Neigung, die Arbeitslofenverficherung 
anftatt vom Reiche, von den großen Gemeinden übernehmen zu laffen, und in 
Köln wurde fchon 1896 eine fakultative Arbeitslofenkaffe unter Anlehnung an 
die Gemeinde ins Leben gerufen. Wieder muffen wir uns hier mit dem allge» 
meinen Hinweis darauf begnügen, wie die Sozialpolitik der Gemeinden der* 
jenigen des Reiches in weiteftem Rahmen folgte. Da wurde nach beftimmter 
Dienjtzeit definitive Anftellung eingeführt; ebenfo Erhöhung der Löhne bei 
längerer Dien(tzeit. Es wurden Zulagen zu den Renten der Reichsverfichcrung 
gewährt, und vor allem wurde auf den Gebieten der Hygiene, der Bildung und 
des Verkehrs für die unteren Volksklaffen mit (teigender Belaftung der ftädtifchen 
Budgets und in großem Umfange geforgt. Denken wir nur an die Abwehr der 
Kinderfterblichkeit, an die Milchverforgung, die Helligkeit und Luftverforgung 
der neuen Schulbauten, die Einführung der Schulärzte, die Ausbreitung der 
Jugendfpiele, die Volksbädcr, Wafferleitungen, Spielplätze und Anlagen, die 
Vervielfältigung der Verkehrslinien nach auswärts; erwähnen wir weiter die 
Marktpolizei zur Kontrolle der Nahrungsmittel, die Volksküchen, Fleifchhallcn 
in eigener Regie, die Fifchverkäufe, die Gelegenheiten für den Unterricht in 
der Hauswirtfchaft, die Kinderhorte, Kinderheime und den Schulunters 
rieht felbft; gedenken wir der Volkslefezimmer, Bibliotheken, Vortrags= 
kurfe, der Bemühungen und Vorkehrungen auf dem Gebiete des Wohnungs* 
wefens, ufw., fo darf man ohne Übertreibung behaupten, daß keine Zeit in der 
Gefchidite dem menfchlichen Elend fo fyftematifch, fo von allen Seiten und mit 
fo ausgreifender Energie entgegenzutreten fuchte, als dies in jüngfter Vergangen» 



236 V. M, Schwann, Grundlagen und Organisation des Wirtsciiaftslebens □ 

hcit gcfchah und heute noch gefchicht. Dazu in den letzten Jahren die Ange(tellten= 
verfidierung und die Krankcnverfidicrung der Dienitboten — alles das find 
vjcirklidie Ruhmestitel unfcrer Zeit, weil diefe Werke vielfach fchöpferifch wirkten 
bis weit über die Grenzen Deutfchlands hinaus und tief hinein in die Kreife der 
zivilificrten Völker. 

Zugleich mit der fozialen Frage war eine andere Frage emporgetaucht, die 
man naiv und voreilig die Bewegung zur Frauenemanzipation getauft hat. 
Aber damit ging man am Ziel vorbei, und längerer Zeit bedurfte es, der Bc= 
wcgung die riditige Bahn zu finden. Was lag vor? Uberfchuß weiblicher Indi= 
viduen über die Zahl der männlichen. Dazu p:cigende Erfchwerung des Arbeits» 
verdienftes des Mannes, damit (teigende Unfähigkeit, eine Familie zu unter= 
halten. Weiter das innere Motiv der Nichtbefriedigung des Individuums durdi 
die fortfchreitende Arbeitsteilung, damit die Unmöglichkeit, dem einzelnen 
eine dem erwachten Bewuf^tfein entfprechendc Ausbildung feiner Fähigkeiten 
zu einem harmonifdien Ganzen zu verfchaffen. Teillei(tungen wurden allent= 
halben und immer mehr verlangt, und nur fie wurden bezahlt. Am fchlimmften 
wurde von diefer Arbeitsteilung die ehemalige Hausherrin, die Hausfrau, 
betroffen. Nichts Ganzes, nichts Halbes war fie mehr. Nicht Genoffin des 
Mannes, weil fie von feinen Arbeiten nichts vcrftand, nicht Hausfrau, denn ein 
Haus war nidit mehr da, eine Wohnung nur, mcilt nur eine kümmerliche 
Wohnung. Und hier folltc nidits mehr gemacht, fondern nur Gekauftes erhalten 
werden. Alfo: Kodien, Putzen, Flicken, die Kinder warten ufw. Meift auch 
mußte die Frau nodi mitverdienen. Und dazu ftand fie trotz alles Arbeitens 
unter der gefetzlidien Vormundfchaft des Mannes. Ihre zerriffene Lage empfand 
die Frau wohl. Denn um Mutter zu fein, hätte fie mehr lernen, mehr innere 
Bildung erwerben muffen. Das war ihr verfagt. Um ihre Arbeitsmöglichkeiten 
und «Gelegenheiten erkennen und mitordnen zu können, hätte fie Kenntnis 
haben muffen von dem Aufbau, den Möglichkeiten und Ausfichten des wirtfchaft= 
liehen, des fozialen, des innerpolitifdienLebens. Aber davon war fie ausgefchloffen. 

Am meiften empfand man das Elend in den Arbeiterkreifen. Hier fetzte 
die Agitation ein. Im Jahre 1885 erfchicn Bebcls Buch: Die Frau und der 
Sozialismus. Das Buch erlebte bis zum Schluffe des Jahrhunderts über dreißig 
Auflagen. Da war es höchfte Zeit, follte die Sozialdemokratie hier nicht den 
ungehcuerften Vorfprung vor allen anderen Gefellfchaftsklaffen gewinnen. Man 
fah nach dem Auslände. In der Schweiz, in Amerika gab es ftudierende Frauen, 
Frauen, die dann verfuchten, in die bisher rein männlichen Berufe einzudringen. 
Sie fanden zum Teil die Türen gefetzlich verfchloffen. Alfo traten nähere Ziele 
in Sicht: Hinwegräumung der erftcn formalen Hinderniffe. Dazu waren Bildungs» 
an|talten nötig. Wiederum ein nahes Ziel. Zuerft galt es die Einordnung der 
neuen Fraucnbildungsanftalten in den nationalen Bildungsorganismus zu 
crjtreben, dann diefen neuen Anftalten und ihren Zöglingen die Glcichberechti» 
gung mit den älteren Anftalten für die männliche Jugend zu erringen und weiter 
dann die letzte Folgerung: Gleichberechtigung der alfo vorgebildeten Frauen 
im öffentlichen Leben mit den Männern. 

So teilte fleh auch hier die Arbeit. Ein Teil der Führcrinncn wirkte agi- 
tierend und (timmungmachcnd vor den Maffen; ein zweiter nahm fich der 
Schöpfung jener Anftalten an, und ein dritter fuchte in die neuere Gefctzgebung, 
namentlich in das neue Bürgerliche Gefetzbuch, das in Ausflcht ftand, gleich 
eine formale Fortbildung zugunften des Frauenrechtes hineinzubringen. Auf 



D Drittes Kapitel (1870—1915): Frauenbewegung, Arbeiterschutz 237 

allen Linien wurden Fortfchrittc erzielt, große zum Teil, denn unferc Frauen 
waren deutfche Frauen, und das hieß immer noch : fie fcheuten weder große 
perfönliche Opfer noch perfönliche Mühe. Gegen die Mitte der neunziger Jahre, 
fdion bald nach den cntfdieidenden Vorgängen in Baden, drang die Frauen» 
Bewegung auch in den Rheinlanden ein und führte hier rafdi zu Vereinsbildungcn 
und Organifationsbeftrebungen auf den vcrfchiedcnjten Gebieten, vor allem auf 
dem Gebiete des höheren Mädchenfchulwefcns, der Vorbildung der Frau zum 
vatcrländifdien und kommunalen Dienjte und des Fraucnredits= und Arbeiter» 
innenfchutzes. 

Das Hauptergebnis bis heute aber war nicht die Emanzipation der Frau, 
wie man es einmal träumte, fondern die „Partizipation", die Teilnahme der 
Frau am (taatlichen und öffentlichen Leben. Der Sinn für die fozialen Auf» 
gaben, für die fozialen Pflichten wurde geweckt, und damit (teilte fich vor das 
Erkennen und Bewußtfein der Frau eine Aufgabe von unendlicher Tragweite, 
eine Aufgabe, die es ihr möglich machte, wieder ein ganzer Menfch zu fein und 
fich als folchen zu fühlen, ganz einerlei, welchen Beruf fie ergriff oder an welche 
Stelle (le das Schickfal ftellte. 

Als der junge Kaifer im Jahre 1890 die internationale Arbeiterfdiutz» 
Konferenz nach Berlin einlud, gefchah es mit dem gleichen Grundgedanken, den 
wir in allen jenen Maßregeln erkannten : für die unteren Klaffen des Volkes und 
der Völker Gutes zu fchaffen. Doch als diefer Gedanke zum crften Male auf« 
tauchte, hieß feine Formel nicht nur für das Volk, fondern auch durch das Volk. 
Demgemäß waren in der Nationalverfammlung vom Jahre 1848 zum er|ten 
Male auch zur Schaffung und Erhaltung der Ordnung in den Fabriken Arbeiter» 
ausfchüffe verlangt worden. Diefe Seite der Frage ruhte feitdem auch nicht, und 
fchon 1861 hatten die Fabrikanten Peters in Neviges bei Elberfeld als die erften 
in Deutfchland einen folchen Arbeiterausfchuß errichtet. Dem Beifpicl folgten 
andere. Aber erft in der Novelle zum preußifchen Berggefetz von 1909 wurden 
für Bergwerke mit über 100 Arbeitern Arbeiterausfchüffe vorgefch rieben. „In 
den Staatsbetrieben fmd Arbeiterausfchüffe faft allgemein, in den ftädtifchcn 
Betrieben vielfach eingerichtet." Ihr Wirkungskreis aber i[t noch fehr verfdiicden. 
Immerhin aber beltehen heute Verfuchsmöglichkeiten aller Art, und aus den 
Ergcbniffen diefer Verfuche wird einmal die Erfahrung, als die be(te Lehr» 
meifterin, ihre Schlüffc allgemeiner zu ziehen vermögen. Handelt es fich dodi 
bei all diefen Verfuchen und Einrichtungen nicht nur um eine neue Exiftenz» 
ficherung ganzer Gefellfchaftsklaffen in materiellem Sinne, fondern nicht minder 
um eine folche auf dem Gebiete des Rechtes, und die Findung diefes neuen 
Rechtes i(t allerdings angewiefen auf die Mitarbeit des ganzen Volkes, ohne die 
aus dem Grau und dem Grauen der Theorie kein Weg ins Leben führt. 

Die Rechtsbildung aber, die wir heute unter dem Sammelbegriffe des 
Arbeiterfchutzes etwas einfeitig zufammenfaffen — denn nicht nur der Schutz 
der Arbeiter kann auf die Dauer ihr einziges Ziel fein, obwohl es das er|te allen 
fichtbar werdende Ziel war — hat einen ganz merkwürdigen Anfang. Wir 
hörten, wie da die neue Theorie das Recht des Arbeiters vorerft lediglich auf 
den freien Arbeitsvertrag (teilen wollte. Wohin gerieten damit die Unmündigen, 
die Kinder vor allem? Einen freien Arbeitsvertrag mit voller urteilsfähiger und 
freier Entfchließung einzugehen, waren doch fie nicht imftande. über fie wurde 
einfach verfügt, von den Arbeitgebern fowohl, als auch von den Eltern und Vor» 
mündern. Da reichte alfo, von allem anderen abgefehen, die Theorie vom freien 



238 V. M. Schwann, Grundlagen und Organisation des Wirtschaftslebens d 

Arbeitsvertrage nidit aus. In die Lüd<c aber, die fie ließ, drängte felbftverftändlich 
die alte Praxis hinein : die Praxis der Hörigkeit, die Praxis einer Zeit, die man 
überwunden und über(tanden glaubte. Und wo diefe Praxis nun ins Leben 
bradi, gefdiah es mit der ganzen Ungebundenheit der neueren Zeit da, wo 
eine Bindung nidit mehr reditlidi und gefctzlich, und felb(t kaum nodi menfchlich 
als eine Notwendigkeit empfunden wurde. 

So i(t in der Tat die Kinderarbeit und die unter dem Namen Truckfyftem 
bekannte Entlöhnung der Arbeiter in Waren anftatt in barem Gelde die erfte 
VcranlalJung zu einem gefetzgeberifdien Eingreifen der Regierung in fozialem 
Sinne geworden. Sdion im Jahre 1824 veranß:altete die preußifche Regierung 
eine Umfrage über die Kinderarbeit. Sie wurde dazu veranlaßt durdi geradezu 
empörende Meldungen, die ihr aus Indu(triegebieten, befonders aus den 
rheinifdien, zugegangen waren. Namentlidi in den Bezirken der Textilindu(trie 
herrfchten vielfadi fdilimme Zuftände. Im Unterrichtsmini(terium fchloß man 
aus den Beriditen der betreffenden Regierungen, daß der Eigennutz der Fabri= 
kanten „fidi grober Attentate auf das Menfdienglück fdiuldig machte, indem er 
die zarte Jugend zu anß:rengenden Arbeiten mißbraudite". In den anderen 
Minipierien war man diefer Meinung nidit beigetreten. Und fo verfuditc 
Altcn|tein mit einer Einfdiärfung der über die Sdiulpflicht der Kinder be(tehendcn 
Anordnungen vorzugehen. Natürlidi ohne Erfolg. Audi als im Jahre 1837 der 
rheinifdie Provinziallandtag den Befdiluß faßte, zugunp:en der Kinder ein 
Gcfetz zu beantragen, deffen Hauptparagraphen er vorlegte, entftanden im 
Sdioße der Regierung neue Zögerungen. Um der ausländifchen Konkurrenz 
willen glaubte die Induftrie audi in Preußen die Kinderarbeit nidit entbehren 
zu können. Er{t am 9. März 1839 erließ der König ein allgemeines Regu= 
lativ zum Schutze der Fabrik=Kinder. Freiheit der Kinder bis zum neunten 
Lebensjahre fowie der Nadiweis eines vorangegangenen erfolgreichen SchuU 
befuches waren feine Hauptpunkte. Auf eine Rundfrage des Unterrichts= 
mini(ters vom 5. Januar 1845 bei allen Regierungen über die Ausführung 
des Regulativs liefen merkwürdigerweife die zufrieden(ten Antworten ein. Nur 
von Aachen her lautete der Befcheid : ganz unzulängliche Schulverhältniffe, in 
Eupen keine Räume für die Sdiulkinder, in Aachen vielfach auch nicht. Und 
in Koblenz gar prote(tierten die Arbeiter felber gegen die Verminderung des 
Vcrdienftes ihrer Kinder. Es geht wohl nicht an, diefe auffallend gün(tigen 
Befcheide der Regierungen lediglich auf eine optimi(tifdie Unterfchätzung der 
wirklichen VerhältmUc zurückzuführen, fondern {le mögen auch zeigen, daß 
ehedem nicht nur der blöde Egoismus der Fabrikanten Urfadie der Mißftändc 
war, fondern vielfach auch die Gedankenlofigkeit. „Man dachte fich eben nichts 
dabei", wie fleh bekanntlich die wenigften Menfchen etwas „dabei" denken, was 
ihnen Vorteil bringt. Einmal energifch zur Ordnung gerufen, mögen fich viel» 
fach die Verhältniffe wirklich gebeffert und fo den Untergrund jener guten Bcriditc 
gebildet haben. Die Revolution er(t deckte von den obwaltenden Verhältniffen 
den Schleier weniger nachflchtig und unerbittlicher auf. Und fchon hatte ja auch 
die Gewerbeordnung vom 17. Januar 1845 die Pflicht auferlegt, darauf zu achten, 
daß bei Bcfchäftigung von Gcfcllcn, Gehilfen und Lehrlingen die gebührende 
Rückficht auf Gefundheit, Sittlichkeit, Schul- und Religionsunterricht genommen 
werde. Dazu wurde durch die Verordnung vom 9. Februar 1849 die Einrichtung 
von Gewerberäten verallgemeinert, um in ihnen ein Organ zur Überwachung 
des Arbcltsbetrlebcs und der Arbeitcrverhältniffc zu erhalten. Einige Hand« 



D Drittes Kapitel (1870—1916): Kinderarbeit, Trucksystem, Arbeiterschutz 239 

haben zu gcfctzlichcm Vorgehen waren alfo neben den Beftimmungcn des 
allgemeinen Landrechts gefchaffen, und von der Heydt ergriff fie. Er vcranjtaltete 
am 22. Mai 1851 eine neue Rundfrage. Die Regierung zu DülTeldorf, die 
Handelskammer zu München=Gladbadi forderten eigene Auf fichtsorgane ; andere 
Regierungen wünfchten eine Herauffetzung des Minimalalters von neun auf 
elf, zwölf und felbft vierzehn Jahre. Viele Anträge aus Fabrikantenkreifen 
waren ähnlidien Inhaltes; ebenfo die Forderungen der mei(ten Handelskammern. 
Die Regierung cntfchloß fich, das Minimalalter auf zwölf Jahre heraufzurüdten; 
fie bemühte fich ferner um Sicher(tellung eines gründlidieren Elemcntarunter» 
ridits und fuchte der Gewinnfucht der Eltern entgegenzuwirken. Sie forderte 
eine Herabfetzung der Arbeitszeit auf ficben Stunden für die Kinder vom 
zwölften bis vierzehnten Lebensjahre, damit ein drei(tündiger Schulunterricht 
daneben Platz finden könne. Ferner wurde polizeiliche Anmeldung aller minder« 
jährigen Befchäftigten vorgcfdiriebcn und zur Feftftellung der Identität die 
Führung eines von der Ortsbehörde unter Angabc des Vaters oder Vormundes 
ausgcftcllten Arbeitsbuches für jeden jugendlidien Arbeiter unter 16 Jahren. 
Unverändert ging der Entwurf der Regierung durch beide Kammern, wurde 
durch Unterfchrift des Königs am 16. Mai 1853 Gefetz und blieb fodann — auf 
dem Papiere ftehen. Namentlich im Aachener Bezirk (teilte fich die große Mehr« 
zahl der Fabrikanten mit den Gemeindebehörden und der katholifchen Geiftlich» 
keit gegen die Ausführung des Gefctzes, und nodi 1865 erhielt der Bcridit des 
Aachener Fabrikinfpektors Piper im Miniftcrium die Randbemerkung: „Die 
Dummheit konveniert den in Aadicn herrfchenden Tendenzen allerdings mehr 
als die Bildung." Im Regierungsbezirk Düffeldorf war die Regierung felbcr 
den Anordnungen des Gefetzcs gegenüber anderer Meinung; kurz, auf Grund 
genauer Studien gelangte der Gefdiichtsfchreiber der preußifchen Fabrikgefetz= 
gebung zu dem Urteil, daß infolge der allgemeinen reaktionären Zeitftimmung 
„das Gefetz vom 16. Mai 1853 im allgemeinen nidit zur Durchführung gelangte". 
Ein fo völliges Verfagen, wie es fidi im Aadiener Bezirke trotz der aufopferungs» 
vollften Mühe des Fabrikinfpektors zeigte, ilt allerdings nur zu erklären, wenn 
man annimmt, daß auch die Arbeiter felbft in indolentem Unverjtande der Aus= 
führung des Gcfetzes widerftrebten. 

Einen ganz anderen Weg nahm dagegen die Gcfetzgebung gegen das Truck» 
fyftem. Nicht vom Minifterium kam da die Anregung, fondern von den Bezirks» 
regierungen von Aachen, Düffeldorf und Köln, die mit den Handelskammern 
von Aachen, Krefeld und Elberfeld darüber verhandelt hatten, wie den will» 
kürlichen Verkürzungen der Arbeiter in ihrem Lohne vorgebeugt werden könnte. 
Man verlangte ein Verbot aller nicht in barem Gelde erfolgenden Lohnzahlungen. 
Aber im Minifterium hielt man feft an der Doktrin von der Gewerbefreiheit. 
Da fetzte im Jahre 1833 der Fabrikant Peter Knecht aus Solingen mit feiner 
Agitation gegen das Truckfy(tcm ein. Im Jahre 1837 nahmen der weltfälifdie, 

1843 der rhcinifche Provinziallandtag die Frage auf. Umfonft. Die Präfidentcn 
der Fabrikengerichte von Elberfeld, Solingen, Lennep und Gladbach drangen 

1844 erneut bei Flottwcll darauf, dem Übel zu begegnen. Befonders der Solinger 
Kaufmann Jellinghaus hielt nun durch. Unter Bodelfchwingh kam die Angea 
legenhcit an das Handelsamt. Von Rönne forderte ein Gutachten der rheinifchcn 
Handelskammern ein (1845); in Lennep fchloffen fich die bedeutendften Kauf« 
leutc zu einem Vereine zufammen, der mit einem fehr einfachen, aber wirkungs* 
vollen Verfahren gegen die Lohndrücker vorging. Aber erft die königlidie Ver= 



24ü V. M. Schwann, Grundlagen und Organisation des Wirtschaftslebens a 

Ordnung vom 9. Februar 1849 über die Errichtung von Gewerberäten enthielt 
das gewünfdite Verbot, das dann nachträglich von den Kammern ohne Debatte 
genehmigt wurde. 

Die Gewerbeordnung vom Jahre 1869 nahm diefe älteren Bcftimmungen 
in fich auf. Aber die wachfende Inten fität der Arbeit machte weitere Ord= 
nungen wünfchenswert, und fdion feit dem Jahre 1873 drängte der Reichstag 
auf erhöhten Arbeiterfchutz. Die in den beiden folgenden Jahren angeftellte 
Unterfudiung führte fodann zu der Novelle von 1878, wodurdi namentlich eine 
größere Sicherheit der Beteiligten gegen die Verletzung der durch den Arbeits= 
vertrag übernommenen Pfliditen, eine (trengere Ordnung des Lchrverhältniffes 
und eine Regelung der Befdiäftigung jugendlicher Arbeiter angeftrebt wurde. 
Auch wurde das Inftitut der Fabrikinfpektoren jetzt obligatorifch gemacht. Noch 
immer aber waren die Arbeiterinnen nidit genügend berückfichtigt worden, und 
die (teigende Anteilnahme der Frauen und Mädchen an der gewerblichen Arbeit 
drängte zu weiteren gefetzlidien Schritten. So kam es nad» den kaifcrhchen 
Erla(Tcn vom Februar 1890, worin namentlich auch der Mitbeteiligung der 
Arbeiter an der Vorbereitung und Vorberatung neuer Maßregeln gedacht wurde, 
zur Novelle von 1891. Sonntagsruhe, Befchränkung der Frauen= und Kinder^ 
arbeit (tanden bei der Beratung im Vordergrund; ferner Anordnungen für die 
Sicherheit der Arbeiter gegen Betriebsgefahren und der Erlaß von Arbeits» 
Ordnungen. Ebenfo wurde eine beffere Regelung der gewerblidien Schieds= 
gerichte, die auch als Einigungsämter follten angerufen werden können, vor= 
bereitet. Auf diefen reditlidien Grundlagen wurde die Gefctzgebung im 
einzelnen und für einzelne Indu(trien bcfondcrs ausgebaut. Sie mündete 
mit den Bejtimmungen über die Sicherung gegen die Berufsgefahren in den 
detaillierten Be|timmungen der Unfallverfidierungsgefetze und in den fpeziellen 
Anordnungen der Berufsgenoffcnfchaften. 

Gelegentlich nur taudite in unfercr bisherigen Dar|tellung eine Art des 
Gewerbetriebes auf, der ein|t ein ganzes Zeitalter mit feinem Ruhme erfüllte: 
das Handwerk. Wir hörten von feinem vollen Niedergang in der letzten Zeit 
der Zünfte. Die neu einfetzende Entwicklung aber fchien ihm dann vollends 
den Untergang bringen zu wollen. In anderem Zufammenhange fpricht W. Lotz 
einmal davon, wie es die NX^irkung der Verkehrsfortfdirittc von 1500 bis 1800 
war, „den Geift der Konkurrenz in einem Teil der Volkswirtfchaft, und zwar 
der gewerblichen Produktion zu wecken". Diefe Wirkungen befchränkten fidi 
aber bis 1800 vornchmlidi auf großgewerblich hergeftellte Maffenverbrauchs= 
artikel : Gewebe aus Baumwolle, Wolle und Leinen, Eifcnwaren ufw. Die Land= 
wirtfchaft und For(twirtfchaft, wie auch der Bergbau in Kohlen feien dagegen 
noch nicht von der Weltkonkurrenz erfaßt worden. Ebenfo — fügen wir nun 
hinzu — blieb auch das Handwerk mei[t nodi von ihr verfchont, wenn auch die 
Unflcherheit allmählich in einzelnen Zweigen fchon aufzuzittern begann. Die 
neue Zeit aber warf die alten Organifationen des Handwerks mit der werdenden 
Gewerbefreiheit über den Haufen. Die Zeit des alten Handwerks war vorbei, und 
mag man es bedauern oder nicht, fo i(t doch ficher „daß die Gewerbefreiheit die un» 
erläßliche Vorbedingung für die gewerbliche Entwicklung in der neueren Zeit war". 

Aber — nicht nur, daß der Handwerker allenthalben mit feinesgleichen 
nun in volle Konkurrenz trat, nicht nur, daß Stümper und Schwindler hier gar 
oftmals den Erfolg der ehrlichen Arbeit zunichte machten, auch mit der Indu(lrie 
trat das Handwerk nun in Wettbewerb, und hier vermochte es cr(t recht nicht 



Drittes Kapitel (1870-1915): Frauen- und Kinderarbeit, Soziale Gesetzgebung, Handwerk 241 

mehr Schritt zu halten. „Der ohnehin inteUigcntere Großindultricile'' konnte 
billiger arbeiten. Für Gebäude, Heizung, Beleuditung waren feine Auslagen 
verhältnismäßig geringer; die Rohftoffc bezog er in MaHe zu geringerem Preife 
und er verwendete fic haushältcrifcher. Mafchinen, bcUere Werkzeuge und 
Geräte (tanden ihm zur Verfügung, und er vcrftand fic auszunutzen. Dazu zog 
er die beffercn Arbeiter an und erhöhte durdi überlegte Arbeitsteilung ihre 
Leiftung. Kapital und Abfatz waren ihm leichter crrcidibar, und noch einmal 
half das Kapital von der anderen Seite bei der Bedrängung des Handwerks, 
indem es [idi als Zwifdicnhandel zwifdien Handwerk und Konfumenten ein« 
fdiob und erfteres von feiner Kundfchaft trennte. Um nur einigermaßen beftehcn 
zu können, mußte das Handwerk zu billiger IVlaffcnarbcit greifen. Und damit 
büßte CS vollends ein, was einmal feine Haupt(tärke war: die eigenartige, 
gefchmadivolle und oftmals kün|tlerifche Ausftattung feiner Erzeugniffe. Hieraus 
allein läßt fich fchon erkennen, daß dem Handwerk crft dann eine beffere Zeit 
wiederzukommen vermochte, als die Periode des Maffengefdimacks überwunden 
und Qualitätsarbeit wieder das Ziel wurde. 

Aber auch in anderer Weife trieb die infolge der fteigenden Entwicklung 
der Induftric drohende Not zur Findigkeit. Wirft man nur einen Blick auf die 
Zahl der einzelnen Handwerksberufe von heute, und vcrglcidit man fie mit 
derjenigen der Zunftzeit, fo erkennt man deutlich, welche Unmaffc neuer Lebensa 
möglichkeiten die Zeit der Spezialifierung und der Neukombination von Berufen 
und Erwerbsbetätigungen fchuf. Gerade die Spezialifierung half den Hands 
werker dahin zurüd<führen, von wo ihn das Aufkommen der Maffenbctriebe 
zuer(l: gänzlich verdrängen zu wollen fchien : zu einer beffercn Entwicklung feiner 
Tüchtigkeit, zu einer Erweiterung feiner beruflidien Bildung. Auch an diefer 
Ecke trieb die Not zur Selbfthilfe an. In Vereinen, Fortbildungs= und Fach= 
fchulen, in Lchrwerkftättcn und phyfikalifdien und polytechnifchcn Vereinigungen 
in Kunftgewerbcfchulen und lVlafchinenbau=, Wcrkmcifter= und ähnlichen 
Bildungsan(talten fuchten fidi Arbeiter und Handwerker mit den Errungen» 
fdiaften der Wiffenfchaft, Technik und Kunft bekannt zu machen. Es galt, ihnen 
auch von diefer Seite diejenige Bildung zuzuführen, deren fie zur erfolgreichen 
Leiftung ihrer Arbeit bedurften. Der Verfchlediterung der fozialcn, bürgerlichen 
und politifchen Position des Handwerkers aber vcrfudite man auch durdi andere 
Bildungen entgegenzutreten. Man hat dabei als Motiv auf das Aufkommen der 
fogcnannten „Gefchäftsmoral" hingewiefen, die auch den Handwerker dahin 
führte, nur noch feinen Gewinn zu fuchen, und wie es ihn nidit mehr bekümmere, 
ob mit feinem Produkt auch dem Kunden gedient fei. So fei die Pc[t eines rein 
materialiftifchen Strebcns auch in diefen Beruf eingedrungen und lange Zeit 
werde der foziale Körper bedürfen, um diefer Krankheitskeime wieder Herr zu 
werden. Da glaubte man nun, mit rcligiöfcr und moralifchcr Erziehung zum 
Ziele dringen zu können. Hier aber i(t wohl der Zweifel berechtigt, ob auf den 
Ablauf von wirtfchaftlichen Urfachen und Folgen fich in diefer Art ein zwingender 
Einfluß gewinnen laffen kann? Jedenfalls müßte dann, wie dies auch fchon bei 
den Konflikten zwifchen den chriftHchen Gewerkfchaften und der gci(tlichen 
Führung zutage trat, der wirtfchaftlichen und fozialcn Einficht auch ein weiterer 
Spielraum und eine tiefere Einflußnahme auf die Neubildung moralifchcr und 
rcligiöfcr Lehren eingeräumt werden. 

Die wachfende Tendenz in aller gewerblidicn Arbeit war, die Handarbeit 
immer mehr durch Mafchinenarbeit zu erfetzen. Die Anwendung der Mafchinc 

Die RheinproTinz 1815 — 1915. 16 



242 V. M. Schwann, Grundlagen und Organisation des Wirtschaftslebens a 

aber bedingte weitgehende Arbeitsteilung. Dicfe war wiederum abhängig von 
der Ausdehnung und Vervollkommnung der Verkehrs» und Transportmittel. 
So wird crfiditlich, an wie vielen Punkten die technifdie und wirtfdiaftlidie Arbeit 
einzufetzen hatte, um zu einer neuen und vollkommeneren Organifation zu 
gelangen. In diefem Neubildungsprozeffe (tehen wir heute nodi. Nebenher 
aber hatte die eigentlidic Organifation der Arbeit felbft zu gehen und mit ihr 
„die Neufdiöpfung einer fozialcn Struktur", und hier begegnete man fa|t den 
größten Sdiwierigkeiten, denn hier wudifcn die Verfuche einer neuen Exi(tenz= 
fidierung unmittelbar an den einzelnen Arbeiter und Handwerker heran. Seinen 
alten Gewohnheiten follte er entfagen und neue annehmen, deren Erfolg 
ihm unfidier erfdiien, deren Zwedimäßigkeit, Billigkeit und Gerechtigkeit 
er vermißte. Ohne feine intenfive Mitarbeit war hier überhaupt nicht durch= 
zudringen. 

Wir hörten von der Sclbfthilfe, die da namentlich feit 1848 durdi erhöhte 
Vereinsbildungen aller Art er^rcbt wurde. Wir hörten ebcnfo von den gefctz= 
hdien Maßnahmen, worin diefe Bewegung nicht minder zum Ausdrucke kam, 
und ihrer Gliederung foll nun noch ein kurzes Wort gewidmet werden. 

Wohl waren in den dreißiger und befondcrs in den vierziger Jahren eine 
ganze Anzahl von Räten der Gewerbeverftändigen ins Leben gerufen worden. 
Aber die königlidie Verordnung vom 7. Auguft 1846 gab ihnen mit dem Titel 
„Königliche Gewcrbcgerichtc" audi eine faft ausfchließliche Richtung. Die 
Gewerbegcridite wurden dann feit 1849 in der ganzen Monardiie gefetzlidi 
eingeführt. Eine Neuorganifation erfuhren [ie fpäter mehrfach, fo feit 1869 und 
durch die Gefetze vom 29. Juni 1890 und 30. Juni 1901. 

Neben den Gewerbegerichten traten alsdann feit dem Gefctze vom 1 . Juli 
1904 die Kaufmannsgerichte ins Leben, denen namentlidi die Ordnung der 
Verhältniffe zwifdien Prinzipal und kaufmännifchen Angeftellten als Aufgabe 
zugewiefen wurde. 

Seit der Auflöfung der alten Gewerbeverjtändigenräte wurde aber die von 
ihnen zugleich wahrgenommene Intcreffen Vertretung frei, fo daß hier nun eine 
Lücke blieb. Es zeigte fich dies, als bei Erlaß der Gewerbeordnung im Jahre 1869 
das Verlangen nach Einrichtung von Gewerbekammern laut wurde. „Durdi 
das Volk" — fo hieß es auch in den hier beteiligten Kreifen wieder, und die 
Agitation ruhte fcitdem nicht mehr, fondern erhob ihre Forderungen immer 
lauter. Seit dem Jahre 1884 kam es infolgcdcffen zur Einriditung von Gewerbe» 
kammern, aber es zeigte fich, daß man den Anfdiluß an die Bewegung der Zeit 
verpaßt hatte. Die Gewerbekammern gelangten zu keiner rechten Wirkfamkeit 
und fo gingen fie alle wieder ein. Handel und Induftrie fahen in den Handels» 
kammern nach kurzem Schwanken nach wie vor ihre Intcreffenvcrtretungen. 
Hinter und vielfach fogar neben fie (teilten fich die ßiarken Vereinigungen der 
Induftriellen und Fabrikanten, wodurch Gcwcrbekammern als Vertretungen 
diefer Art von Gewcrbfamkeit überflüffig wurden. 

Dagegen trieb nun aus der Differenzierung der intcreffen auch eine differcn» 
zierte Zielfetzung hervor. Die Landwirtfchaft hatte, wie die induftrie, in ftarken 
Sondervereinigungen — Gründung des Bauernvereins für die Provinz Wefta 
falen (31. November 1871), Gründung des Rhcinifchen Bauern»Vereins (8. No= 
vember 1882) u. a. — ilire Intereffcn felbftändig wahrzunehmen verfucht. Nun 
traten feit 1894 die Landwirtfchaftskammern ins Leben, die der Land« und 
Forflwirtfdiaft in ihren Bezirken gleichzeitig zu dienen berufen waren. 



Drittes Kapitel (1870—1915) : Interessenvertretungen, Landwirtschafts- u. Handwerkskammern 243 

Und drei Jahre fpäter erreichte audi das Handwerk fein befonderes Ziel 
mit der Einriditung von Handwerkskammern. Wie dort die landwirtfdiaftlidicn 
Vereine, fo hatten hier die Gewerbevercine, dann aber bcfonders der allgemeine 
deutfchc Handwerkertag feit 1860 dem Ziele vorgearbeitet. Trotz der in ihm 
vertretenen verfchiedenen Gruppen, die namentlich durch den Allgemeinen 
deutfchen Handwerkerbund, den Zentralausfdiuß der vereinigten Innungss 
verbände und den Verband deutfdier Gewerbevercine darge(tellt wurden, hatte 
der Handwerkertag eine (tarke Intereflenvertretung des Handwerks gebildet. 
Sie blieb auch jetzt erhalten und übernahm gewiffcrmaßen die Vorarbeiten der 
Handwerkskammern, während diefe felbcr wieder zur Durdiführung der 
gewünfchten Reformen im preußifdien Landesgewerbeamt eine fammelnde und 
einigende Spitze erhielten. Dem Landesgewerbeamt fiel vor allem die große 
Aufgabe zu, den gewerblidien Unterricht zu organifieren und zu individualifieren. 

So fchichten und verteilen fich im großen gefehcn die Formen, worin unfer 
wirtfdiaftlidics und foziales Leben zu feiner Entwicklung ftrebte und firebt. 
Unmöglich ift es, hier auf die Einzelheiten und Befonderhciten, fo namentlich 
auf den Einzelgcbicten des Verkehrs», Geld=, Bank=, Sparkaftenwefens ufw. 
einzugehen. Nur einer Erfcheinung muffen wir noch ein Wort widmen: den 
großen Vereinigungen und Intereffenvertretungen der letzten Jahrzehnte. Auch 
fie wurden von zwei Grundgedanken bcherrfcht: einmal demjenigen der Organi« 
fation der inneren Arbeit, und dem anderen der Vertretung nach außen. Jener 
Grundgedanke erhielt feinen Ausdruck mehr in den großen wirtfchaftlichen 
Vereinen und Verbänden, diefer in den Vereinigungen mit mehr politifdiem 
Charakter. 

Wenn wir der langen Zögerung gedenken, die die Regierung felbft vom 
Erlaß von Sdiutzmaßregeln zum Nutzen der Arbeiter zurückhielt, und wie da 
von Anfang an folcher Anregung gegenüber als IS/lotiv der Ablehnung erklang: 
ein zwingendes Bedürfnis liege nidit vor, wohl aber fei eine Benaditeiligung 
der gewerblichen Arbeit und des gewcrblidien Lebens zu befürditen, fo erfcheint 
es als eine nichtsnutzige Art der Gefchiditfchreibung, für die Hintanhaltung 
folcher Maßregeln ausfchließlich den Egoismus der Fabrikanten verantwortlich 
machen zu wollen. Lag dodi im Wefen der Gewerbefreiheit die Abneigung 
und Zaghaftigkeit der Regierung fchon ausreichend und allein begründet, und 
wer an ihren Prinzipien fejthielt und fie nidit nur für die wirtfchaftlidi heften, 
fondern auch für die menfchenwürdigjten hielt, der konnte unmöglidi einem 
zwangsweife gefetzlichen Eingreifen in die Freiheit des Arbeitsvertrages das 
Wort reden. Aber auch hier verlief die Entwidmung, wie wir fehen, nidit nach 
dem rein idealen oder ideologifdien Schema, fondern die Notwendigkeiten des 
Augenblicks maditen fidi fühlbar und zwangen aus der Freiheit heraus zur 
Bindung und planmäßigen Zufammenarbeit. 

Gerade weil der Handel unter allen Gewerbebetrieben zuerft feine neuen 
Formen fand und die Vertretung feiner Intereffen in den In(titutionen der 
Handelskammern und des Handelstages zu imponierender Gefchloffenheit 
emportrieb, weil er ferner vermöge feiner großen Geldinftitute nachhaltigften 
Einfluß auf die Indu(trie und ihre Entwicklung gewann und fic fa(t einfeitig 
nach den Intereffen des Handels zu becinfluffen fudite, und weil er nidit zuletzt 
auch die Landwirtfdiaft unter fein Gefetz derBeweglidikcit zu zwingen unternahm, 
wurde mit der Zeit — und zwar in dem Krcife der Indu(triellen fdion fehr bald — 
die Empfindung wadi, daß ihre befonderen Intereffen keine genügende Ver» 

16* 



244 V. M. Schwann. Grundlagen und Organisation des Wirtschaftslebens a 

tretung in den Inßiitutionen des Handels fänden. Unumwunden wurde dies 
ausgefprodien, als im Februar des Jahres 1871 und dann im März der er|te und 
zweite Kohlentag in Düllfeldorf zufammentrat. Die durdi den Krieg veranlagten 
Betriebs|törungen auf den Eifenbahnen hatten böfe Kohlennot im Gefolge, 
und fo wurde zur Hebung des gefamten Verkehrs in Rheinland und Weftfalen 
damals der „Verein zur Wahrnehmung der gemeinfamen wirtfdiaftlichen 
Interedcn " gefchaffen. Die Kohlennot hatte ihn erzeugt und mit ihr das Gefühl, 
in den Handelskammern keine genügende Vertretung der VerkehrsintcrciTen und 
der lntere(Ten der Indu(trie zu befitzen. Das gleiche Motiv wirkte in fpätcrer 
Zeit (1876) noch bei der Schaffung des Zentralvcrbandes deutfdier Induftrieller, 
nicht minder bei dem von Eugen Langen ins Leben gerufenen Verein der 
Indu(triellen des Regierungsbezirks Köln (t88i). Auf den Gebieten der Ver= 
kehrs=, Zoll= und Sozialpolitik faßten diefe Vereine, der große Düffeldorfer vor 
allem Fuß, und es befteht kein Zweifel, daß feit diefer Schöpfung und zugleich 
mit ihrem Wachstum unter der lebendigen Führung Mulvanys die niedcrrhci= 
nifche Induftrie ihren Vorort mehr und mehr in Düffcldorf zu erblicken begann, 
während die große Generation der Kölner Führer auf wirtfdiaftlichem Gebiete 
zu altern anfing, ohne ebenbürtige Nadifolger in Köln gefunden zu haben. 

Jene Intereffentenvereinigungen der Induftrie, die bald mit einem wohl= 
geordneten Netz von weiteren Vereinen und Ortsgruppen das Land über= 
fpannten, blieben indeffen nicht die einzigen. Dem wilden laisser faire laisscr 
aller der Gründerjahre fuchte eine Reihe wiflenfchaftlidh hodi (tehender Männer 
im Jahre 1872 von fozial=moralifdier Seite her mit dem Verein für Sozialpolitik 
entgegenzutreten. Die öffentliche Meinung gewann in ihm gewiffermaßen ein 
Auffichtsorgan, das ihr zugleich mit einer großen Reihe wiffenfdiaftHcher Arbeiten 
und Unterfuchungen Aufklärungsdienßie leiftete. Aber aus der Gegnerfchaft 
gegen eine einfeitige Uberfpannung der Gewerbefreiheit hervorgegangen, blieb 
dem Verein felbft die Einfeitigkeit nidit fern. 

Was fleh aber da vorbereitete zum Kampfe gegen den wirtfdiaftlichen 
Subjektivismus, davon erhielt man in dem gleichen Jahre 1872 eine erfte Ahnung 
mit dem Arbeiter(treik, der mitten in den Auffchwung hineinplatzte und bis 
zum Jahre 1873 die Kohlenpreife zu fchwindelhafter Höhe trieb. Schon damals 
drang der Kartellierungsgedanke, vor allem als Kartcllierung der Rohprodukt 
tion, empor. Aber noch war die Zeit nicht reif. Vorcrft fuchte man den 
„Schutz der Arbeit" noch auf dem Gebiete der Zollpolitik. Der 1874 
Ins Leben gerufene Verein deutfcher Eifen= und Stahlinduftrieller fand 
die Bundesgenoffenfchaft der füddeutfchcn BaumwollinduP:riellcn. Der 
Zentralverband vereinigte 1876 zehn Induß:riegruppen in feinem Vereine, und 
der gemeinfamen Agitation gelang es, das Sdiutzzollprinzip über das bisher 
hcrrfchende Prinzip des Freihandels zum Siege zu führen. 

Der encrgifche übertritt des Fürften Bismarck zur Politik eines gemäßigten 
Schutzzolles bahnte mit der feit 1878 einfetzenden neuen Wirtfchaftsgefetz» 
eebung die lebendige Anknüpfung an die Ideen an, die man in den Rheinlanden 
Idion feit 1844 X^hcgt und mit folgerechtem Eifer verbreitet hatte. Jetzt endlich 
füllten die fo lange geäußerten Wünfche ihrer Erfüllung näher geführt werden. 
Was ehedem anderer Rückflchten halber zurückgeftellt werden mußte, wurde 
nun von der (Zeigenden Not unfcrcr in großem Auffchwunge plötzlich gehemmten 
Voikswirtfchaft Ins Dafein gezwungen. Das neue Zolltarifgcfctz von 1879 ifl 
fo wirklich „die BaOs eines neuen wirtfchaftlichcn Auffdiwungs in größtem 



□ Drittes Kapitel (1870—1915): Interessentenvereine, Schutzzoll, Unternehmerverbände 245 

Maßftab" geworden. Freilich zeigt die zweite Epoche diefes Auffchwungs 
kein cinheitHches Bild. Seine Anfänge fallen, fchon in die Zeit während und 
unmittelbar nach dem fiegreichen Kriege gegen Frankreich. Aber [iz wurden 
infolge des zu wirtfchaftlichem Anarchismus ausartenden Freihandels durdi die 
einfetzende fchwere Krifis jäh unterbrochen, und erft mit dem Ende der aditzigcr 
Jahre hob fich auf tragfähigem Unterbau das Wirtfchaftsleben zu der Höhe 
empor, die man nach der Reichsgründung erhofft, er|trebt und erwartet hatte. 

Die achtziger Jahre brachten zunädijt, wie wir wiffen, die erften großen 
Gcfetzesarbeiten auf fozialpolitifdiem Gebiete, und er(t nach demTodc der beiden 
Kaifer (1888), als es fidi zeigte, daß der junge Für(i auf dem Kaiferthrone kriege» 
rifchen Lorbeer zu erringen kein Begehren trug, kehrte nach langer Stagnation 
das Vertrauen zurück und fachte den Mut der Unternehmer gewaltig an. In dem 
Jahrzehnt 1887/97 vermehrten fidi — um nur eine Zahl zu nennen —die Spindeln 
Rheinlands und We(tfalens von 718 366 auf 1 636 839. Und gleich hier knüpfen 
wir die Frage an: Wohin nun mit den fo maffenhaft gefteigcrten Produkten? 
Und wir erinnern ebenfo an die Tatfache: wie enorme Kapitalfummen allein 
diefem einzigen Induftriezwei^ zu folchem Aufbau zugeführt werden mußten. 
Auf allen anderen Gebieten jteht's ebenfo. Es i(t die Zeit, wo die chemifche 
Induftrie fich anfchickt, den Weltmarkt zu erobern. Es i(t die gleiche Zeit, wo 
die ungemein kapitalbedürftige elektrifche Induftrie fich neu einführt und in 
rafendem Tempo zu einer koloffalen Entwicklungshöhe hinauf(trebt. Es ift die 
gleiche Zeit, wo unfere Kolonialpolitik in großem Umfange lebendig wird, wo 
mit ihr die Bevölkerungszunahme zu einer Exportinduftrie drängt, wo alle diefe 
Momente zufammen das Ziel fetzen: Weltpolitik, Welthandel. 

Und von diefer Seite kündigt fich nun der Rückfchlag an. Alle diefe Maffen= 
betriebe hätten fidi in der Konkurrenz um den inneren Markt ja fchließlich zu 
nidits zerreiben können. Aber die Gcgncrfdiaft der Arbeiter gegen ihre „Aus= 
beuter" erweckte den konkurrierenden Unternehmern ein folidarifches Bewußt= 
fein. Man wollte diefer in Gewerkfdiaften, Vereinen, Verbänden gefammelten 
Maffenmacht nicht ungerüftct und vereinzelt gegenüberftehen. Alfo trat man 
zu Unternehmerverbänden zufammen, die dem Streik die Ausfperrung als 
Waffe entgegenhielten. Denn wieder fiel die Arbeiterfchaft mit dem Streik an 
der Ruhr vom Jahre 1889 der nationalen Produktion zur Zeit ihrer hödiften 
Blüte gleichfam in den Rücken. Und wieder mit dem gleichen Erfolge: die 
Kohlenpreife fliegen in kurzer Zeit um 100 Prozent und mehr. 

Hier lag ein Zwang zum Zufammengehcn und zum Zufammen(tchen; es 
war die Gefahr, die von der Seite der Arbeiterfchaft drohte. Aber in die Frage 
der Rivalität und Konkurrenz der Großbetriebe fpielte nodi ein anderer Faktor 
mitbeftimmend herein. Aus der Rivalität würde kaum je ein Zufammengehen 
entftanden fein, wäre der Weltmarkt offen und bliebe er offen. Die Handels» 
vertrage der neunziger Jahre, vor allem der mit dem Vertrage vom 20. März 1894 
beendigte dcutfch=ruffifche Zollkrieg, ferner die im gleichen Jahre erfolgende 
Aufhebung des Mc. Kinley=Tarifs wirkten nach diefer Seite günftig. Aber die 
Konkurrenz auf dem Weltmarkte fchaffte audi alle diefe Verträge nicht beifeite. 
Diefe weit größere Konkurrenz mit den Mächten draußen treibt die Konkurrenten 
eines Landes, das den Export haben muß, zum Zufammen(tehen. Und in diefer 
Lage befanden wir uns. 

Aber auch das allein genügt nidit. Maffenartikel fabrizieren, das kann man 
heute fa(t überall in der Welt, und auch vor 20 Jahren konnte man das fchon. 



246 y. M. Schwann, Grundlagen und Organisation des Wirtschaftslebens a 

NlalTenartikcl aber finden je weniger Abfatz, je höher der Wohlftand eines 
Landes (teigt. Bei der Riefenarbeit, die in Deutfdiland und nidit nur hier 
gelciftet wurde, (ticg der Wohlftand, und er forderte bcffere Qualität der Waren. 
Sdion feit dem Ende der neunziger Jahre wurde immer mehr zur Tatfadie, was 
die Handelskammer Barmen damals für die Textilinduß:rie vorausfagtc: „Die 
Indultrie hat in allen ihren Erzeugniflen unbcftreitbar einer fortfchreitenden 
Verfeinerung des Gcfdimadis entfprechend dem erhöhten Kulturzuftand, in 
dem wir uns befinden, Rechnung zu tragen." Gehen wir aus Barmen heraus 
nach Remfdieid, Solingen, Siegen, wohin wir wollen, die „Verfeinerung des 
Gefdimad<s" forderte von jeder Induftrie das Gleiche und erft recht, wo, wie 
im Siegerlande, die Kohlennot und die Not der Verkehrsmittel mit dazu zwang, 
die Erzeugung von Qualitätsware in Roheifen und in der Darftellung hod»» 
wertiger Fertigfabrikate in Angriff zu nehmen. 

Erkennen wir fo das Zufammenwirkcn all diefcr — es find nur die haupt= 
fädilichften, aber keineswegs die einzigen — Faktoren, fo wird es uns begreiflich, 
daß fchon nadi den früheren Erfahrungen die Periode der Hochkonjunktur 
von 1894 bis 1900 unter dem Zeidien der Kartelle (tand, das heißt jener Vers 
einigungen, die den einzelnen Unternehmer oder Fabrikanten an beftimmtc 
Lieferungsbedingungen banden, oder die weiter den Minimalpreis einheitlich 
fe(tfctzten, unter dem nicht verkauft werden durfte (Preiskonventionen), oder 
die, noch weiter gehend, den Verkauf dem einzelnen abnahmen und einheitlich 
regelten oder in nodi ftrafferer Bindung der gemeinfamen Verkaufsftelle auch 
die Macht übertrugen, nach dem zu erwartenden Bedarf felbft die Erzeugung 
der einzelnen Teilnehmer zu regeln. Diefe letzte, einzigartige Organifations» 
form ift diejenige des im Jahre 1893 Qus einer Anzahl von Kohlenverkaufs» 
Vereinigungen hervorgegangenen RheinifdisWe(tfälifdien Kohlenfyndikats. 

Diefe Kartelle fchließen die Konkurrenz nidit aus, fondern fchieben fie an 
einen anderen Ort, und fie fchaffen zugleidi neue Subjekte der Konkurrenz. 
Nicht mehr Individuum ringt mit allen Mitteln gegen Individuum um die 
Behauptung des inneren Marktes, fondern die Induftrie eines Landes tritt in 
Konkurrenz mit den Produktionen des Auslandes, indem fie gegen diefe nicht 
nur den inneren Markt zu behaupten, fondern audi den Weltmarkt zu erobern 
fucht. Damit rückt die induftrielle Betätigung aus dem engen privaten Intereffe 
in das nationale Intereffe hinein, und da fie ihr Ziel nur zu erreichen vermag, 
wenn fie zugleich, der Forderung „des verfeinerten Gefchmad<es" Rechnung 
trägt, alfo ihre Produktion nicht nur wohlfeiler, fondern auch ftetig vollkommener 
zu gcftalten fucht, fo (teigt hier die Frage herauf, ob nicht, fo lange fic nach diefcr 
letzten Seite keine Mühe fcheut und keine Notwendigkeit überfieht, eine gewiffe 
Stcucrvcrteilung in der Form des Schutzzolles auf alle Konfumenten des Inlandes 
eben durch diefcs nationale Intereffe gerechtfertigt erfcheint? Mit dicfer Frage 
treten wir aus der Gefdiichte hinaus mitten hinein in das heutige Gefchehen, 
In die Diskuffionen um die Kernfrage der heutigen Wirtfdiaftspolitik. Und 
damit fchließt hier unfcre Aufgabe. 

Um die Wende des Jahrhunderts flutete es auf dem Gebiete des Kartcll- 
wcfens noch unruhig hin und her. Das Wirtfchaftsindividuum drängte noch gar 
manchmal mit feinen fubjcktiven Forderungen in die Politik der Sammlung 
hinein und zcrfprengtc fo den noch vielfach unflchcren Willen des neu ßch 
bildenden Wirlfchaftsfubjektes, des Induftrieverbandes. Allmählich aber gewann 
der nationale Wille doch an größerer Kraft, und fchon 1905 nennt die Denkfdirift 



Drittes Kapitel (1870—1915): Kartelle, Kohlensyndikat, Bankkartelle, Stahlwerksverband 247 

über das Kartellwcfcn 385 inländifdie Verbände, an denen rund 1200 einzelne 
Betriebe beteiligt waren. Seither fchritt di